IV.

Den 2. Dezember 1918.

Die Tragik des jungen Lebens Kurt-Georg hatte mich mit so harten Griffen

gepackt, daß ein Weiterschreiben mir lange Tage Unmöglichkeit blieb.

Gedanken, Fragen, Antworten und Widerreden überstürzten sich wie

Katarakte in meinem Hirn. Begegnete ich in der Zwischenfrist den

tiefliegenden Augen des Jünglings, in denen immer ein Weinen stand, so

spürte ich es als Vorwurf, daß so dunkles, unstillbares Bluten in

seinem Herzen war. Das Abbild seiner Mutter blitzte vor mir auf, eine

überlebensgroße Erscheinung, in lüsterner Körperlichkeit, durch

zähen Erdenschmutz watend. Doch sobald die müde Trauer seiner Augen mir

entwichen war, wurde ich in Gedanken zum redefertigen Anwalt der soeben

Geschmähten. Und die rasenden Anklagen der Richter trafen auf

meine spitzfindigsten Erwiderungen. Ich lieferte wilde, verzweifelte

Verteidigungsschlachten vor einem Parterre von beifallklatschenden Frauen

aller Stände und aller Lebensalter. Wie, das schreiend geforderte Recht

auf Ausleben der Persönlichkeit, die Freiheit des einzelnen -- und wie die

abgegriffenen Schlagworte sonst alle heißen mochten -- es erstreckte sich

nur auf Männer und Kinder? Die Frau aber, die in einem Augenblick junger

Unwissenheit, in Unlust, in törichter Unverantwortlichkeit, oder einfach

ihrem Geschlecht folgend, ein Kind empfangen hatte, sollte ihr ganzes

Nachleben diesem einen Tage unterordnen? Sollte ein späteres Erstarken

oder Erwachen ihres Menschentums, ihres Weibseins, sollte die Gewißheit,

in einem anderen Manne die Ergänzung ihres Wesens, die Hut ihres Lebens

gefunden zu haben, sollte eine martervolle Leidenschaft jenem Augenblicke

opfern?

»Sophismen,« hörte ich den Richter dazwischenzetern, »trügerische

Vernünfteleien! Und das Kind, das uns anvertraute neue Wesen, das kommende

Geschlecht -- was wird aus ihm, he ...?«

»In unserem Falle hatte die Mutter es vierzehn Jahre geschirmt. Ein Mann

werdender Sohn bedarf mehr des Vaters als der Mutter ...,« sagte meine

Stimme. Aber sie schwang dünn und kleinlaut, denn Kurt-Georgs Augen sahen

mich hinter dem Rücken des Anwalts hervor an ...

Da legte ich schamhaft mein Gesicht in meine Hände und wußte, daß ich

nicht um die Sache der geflohenen Mutter gefochten hatte, daß ich mich

vor meinem Innern hatte entsühnen wollen für eine nicht geschehene, aber

ernst bedachte Tat. Doch nicht lange ließ mein Stolz diesen Vergleich

bestehen. War ich zu jener Zeit nicht frei gewesen, Herrin meiner selbst,

und hätte ich die vaterlosen Waisen nicht früher oder später, vielleicht

sogleich mitgeführt in das neuerrichtete Haus?

»Wo, bitte, ist da der Unterschied?« plusterte sich plötzlich wieder

das feiste Gesicht des anklagenden Richters auf, »wo? Hatte nicht auch

Kurt-Georg seinen Vater behalten, und ein frischgegründetes Heim stand ihm

freundlichst geöffnet? Woher kommt Ihnen die Gewißheit, daß Ludwig und

Henno die liebe Gabe eines fremden Herrn Vaters und eines fremdgezimmerten

Zuhause aus Ihren schönen Händen entgegengenommen hätten?«

»Warum diese Verärgerung, werter Herr?« höhnte ich dawider. »Sie sehen

mich als bravstes Musterstück einer deutschen Hausfrau und Mutter meine

Söhne betreuen. Der ausgepichteste Sherlock-Holmes-Nacheiferer würde

in meinem entlegenen Häuschen ein beklagenswertes Fiasko machen. Ihre

Bedenken, mein wohlwürdiger Herr, waren ganz die meinen. Wollen Sie

mir nun Ihrerseits Klarheit geben für die Gründe, die meine Söhne zum

Aufbegehren trieben? Sahen Sie, Herr Allesbesserweiß, nicht meine Liebe

und Sorglichkeit auf jedem ihrer Gänge, von Kindheit an? Ich ließ sie

allzuoft allein, meinen Sie. Doch nur zeitweise. Und tat ich's nicht, um

ihnen mit meiner Kunst zu dienen, da sie, noch nicht schulpflichtig,

den Vater durch bösen Unfall verloren? War ihnen nicht das wärmste

Großelternhaus Ausgleich für der Mutter Abwesendsein? »Die Kunst selbst,

verehrte Dame, gibt sie Ihren Kindern nicht Eifersucht?« ...

Lange überdachte ich auf diesen Einwurf die Ablehnung. Doch nein,

Ludwigs Verlangen an das Leben war so machtvoll, so unbekämpfbar, daß

gelegentliche Uneinigkeiten zwischen uns ihren Urgrund nie in Aufwallungen

unsachlicher Art hatten. Henno hingegen lebte von einer Ehrfucht besessen,

und zudem war jede Kunst ihm, dem hingerissenen Kunstjünger so ganz

Heiligtum, daß mein Beruf -- meine Zeichnungen und die Anerkennung, die

ich fand -- mich ihm vielleicht wertvoller machten als mein Muttertum ...

Weshalb nur fehdeten ihre Blicke mich an? Und schwieg ihre Rede vor mir?

Weshalb denn legten sie einen Racheeid gegen mein Tyrannentum ab?

Hinter diesen gequälten Fragen stand plumpe, dichte Finsterkeit. Nur

zuweilen blitzte es lauernd darin auf. Aber sobald ich fest zusehen wollte,

sank schwarz und schwer das Dunkel umeinander.

Die Mutter: Blätter aus dunklen Tagen · 第 7 / 23 题