Den 22. November 1918.
Ich grüble in den sinkenden Nachmittag und finde kein Asyl für meine
wirrenden Gedanken. Schon die ganze verflossene Woche lang. Kein Buch, kein
Weg in die Stadt, keine Unterhaltung vermochte sie zu einem anderen Ziel zu
bringen. Durch die dunklen Gassen meiner Ratlosigkeit stürzen sich Ängste
und böse Gesichte mir entgegen. Immer finsterer umfließen mich meine
Bängnisse. Wie soll ich es beginnen, meinen Söhnen von meiner Entdeckung
zu sprechen? Woher die Beweise holen, daß ihre stürmende Jugend, unfertig
genug, den Kern des Buches, das überhitzt Symbolische allzu wörtlich
genommen hat?
Und wenn ich's täte ... hätte ich etwas anderes zu erwarten als das
spöttische oder hochfahrende Schweigen wie auf meine ersten Versuche?
Kommt dieser Anfang des Umsturzes ihnen doch ohnehin allzusehr zu Hilfe! In
einer der städtischen Schulen hat ein Fünfzehnjähriger vom Katheder in
brennenden Worten zum Krieg gegen alle Lehrer gerufen, die die »Genossen«
von Tertia und Sekunda bisher zu Unrecht gepeinigt haben. Aufsätze und
Artikel schreien nach Lösung der Kinder von elterlicher Gewalt. Und das
in einer Epoche, die man mit vollster Berechtigung das Zeitalter des Kindes
hieß! Ich mühe mich, mit Ausschalten jeder Sentimentalität dem Leben
und Heranwachsen des durchschnittlichen Kindes bei Durchschnittseltern
nachzugehen, und finde fast überall das Gebot des Kommissars erfüllt:
seinem Kinde zu dienen. Ich dringe endlich in das Familienleben der jungen
Verblendeten ein, die jenen verhängnisschwangeren Schwur geschrieben
haben. Was konnte, was durfte sie dahin führen?
Fern der Stadt, in einem hellen Hause, das alter Garten umbirgt, geschah
das Lebenwerden und Erwachsen der wunderzarten Ellinor. Als einziges
Kind des namhaften Schriftstellers Ludolf Babinski und seiner Gattin, der
einstigen Liedersängerin Sabine, deren Freundschaft mich aus Kindesreich
bis in diese Tage nicht verlassen, nicht getäuscht hat. Wie eine nie
verlöschende Kirchenleuchte war die heilige Flamme dieser Elternliebe
um das weiße Wunder des jungen Kindes. Der Garten, Gedichte und Lieder
blieben lange sein stärkstes Bewußtsein. Im zwölften Jahre geschah ihm
der erste Schmerz: der Vater mußte fort, in den Krieg. Nur einmal noch
durften die drei vorübergehend geeint sein: nach einer Verwundung. Dann,
im letzten Jahre, geriet er in französische Gefangenschaft, die ihn bis
heute in Verbannung schloß. Sabines Gang und Augen waren alt geworden von
Trennung. Dem sechzehnjährigen Mädchen aber war väterliches Dasein nur
mehr ein Federstrich auf Papier.
Welches Gegenspiel im Hause, darin Lilli von Groddeck herangewachsen war.
Vater und Mutter, Abkömmlinge von preußisch strengen Beamten, nun selbst
in verantwortlich hoher Beamtenstellung. Sechs Kinder machten trotz
knapper Haushaltungsmittel Tage und Stuben heiter. Und doch trug Lilli,
die Älteste, in hellen Augen seltsame Neugier nach einem Dasein, das
sich farbensatt vom Profil dieses grauen Pflichtweges abheben mochte. Ihr
wundroter Mund lachte breit über aufdringend leuchtenden Zähnen. Ihre
Büste stemmte sich in Keckheit gegen jede Bekleidung. Sie ging, nach
Beendigung der Schule, ein Jahr schon, geregelter Beschäftigung bar, dem
lange vertretenen Geleise der einstigen höheren Tochter nach.
Traurig stand Annemaries Erscheinung zu der kostbaren Feinheit Ellinors
und Lillis greller Jugend, die jedermann zulachte. Ihr konnte ich Bitternis
gegen Zufall oder Geschick zugestehen, keineswegs aber Zorn und Aufstand
gegen die, welche ihr Sein so hutsam schirmten und es mit so kostbarem
Rahmen umschmückten: den Großindustriellen Grünhagen und seine aus jeder
Gesellschaft strahlende Frau. Wie ein Protest gegen die Vererbungstheorie
schritt die kleine Tochter mit den unjungen, garstigen Zügen und dem
spärlichen Haar neben der Schmalheit der hochgegliederten Mutter, die
in Gesicht und Gebärden die volle Lieblichkeit der Jugend trug. Das
befremdende Vergleichen bei jeder neuen Bekanntschaft konnte dem jungen
Mädchen wohl schamvolle Pein sein. Die Eltern aber, Vater und Mutter,
beteten zu diesem Kinde. Was liebende Voraussicht, durchläuterter
Geschmack und Wohlstand zusammenzutragen wußten, häuften sie um diese
Tochter in der plumpen Hülle. Ein Guthaben bei der Bank ermöglichte ihr
Erfüllung aller Wünsche, die dem Wissen der Eltern fern und leise bleiben
sollten. Und während das Mädchen, in Verbitterung und Auflehnung, kein
Wort für so große Liebe fand, war der Mutter ganzes Denken: ihr Ausgleich
zu geben für das Mißgeschick ihres Körpers.
Auch Annemaries Vetter, Kurt-Georg Regensburg, litt an seiner zu schönen
Mutter. Sein Leid aber blieb kleinlichen Gefühlen fremd. Es glich dem
haßnahen Schmerz des unglücklich Liebenden, den die Liebste aus
hellem Festschein einer starken Vereinung in das dunkle Grausen des
Immer-allein-Seins gestoßen hatte. In die Zeit seines Jünglingwerdens, in
sein fünfzehntes Lebensjahr, da übererregte Wallungen seiner Liebe zu der
schönen Mutter Krankhaftes liehen, fiel ihre Flucht aus dem väterlichen
Heim. Immer hatte er es gefühlt, daß die vielen jungen Herren in seinem
Elternhause nur die Mutter suchen kamen. Das plötzliche Wissen seines
Verlassenseins schlug ihn in Finsternis und Krankheit. Im Nebenzimmer
klagte der Vater in wehen Lauten. Und Kurt-Georg tat sich den feierlichen
Eid, ihn und sich zu rächen. Es war noch kein halbes Jahr später, daß
der Vater der so Verlorenen eine Nachfolgerin gab. Der Knabe entband sich
selbst seines Schwurs und siedelte, mannhaft seinen unerschütterbaren
Entschluß vertretend, zu einer Schwester seines Vaters über. Er
verachtete das Weib, die Ehe, die Menschheit mit knappen Ausnahmen. Und
sein junges Knabengesicht mit der hellen Stirn wurde von zwei messerspitzen
Linien zu seiten der Mundecken gefurcht.
Sicherlich, er war der einzige der sechs Verschwörer, dem Verständnis
für Mißachtung und Rachegefühl gegen Eltern werden konnte, äußerlich
gesehen und solange man seine jungen Jahre und das alte Mal seiner Wunden
ansah. Würde der welterfahrene Kurt-Georg nach zehn, nach zwanzig
Jahren nicht in anderm Gefühl richten? Der Vater ein alternder, immer
nörgelnder, immer siecher Mann. Die Mutter schön, jung, gewissensschwach
und denkarm, dafür übervoll an Blut und Genußfähigkeit. Nicht alle
Frauen sind Märtyrerin genug, ihr eigenes junges Dasein dem Ableger ihres
Körpers als Opfer zu geben.
Was wird der junge Knabe an Leben erraffen und durchdulden müssen, um
dieser Erkenntnis nahezukommen?