II.

Den 15. November 1918.

Es war so großes Heimweh in mir in diesen vergangenen fünf Tagen, Heimweh

nach Einsamkeit, die so oft ihr Lied in meinem Zimmer gesungen hatte, und

deren Weise meinem Ohr seit jener Nacht zerfallen war. Wie konnte es anders

sein? Einst gab der Ton einer traurigen Kirchenglocke diesem ländlichen

Vorort Hintergrund für Sinnen und Dichten. Nun sind die Lüfte vom Gepfeif

und Gesurr unzähliger Flugzeuge zerschnitten. Und ein Blätterfall aller

Farben und Größen schreit den Fußgängern unaufhörlich Verordnungen,

Verbote, Aufhebung von Satzungen und Bräuchen, Gesetze zur Sicherung der

Bürger ins Gesicht.

Der dicke Regen rinnt seit Tagen nicht mehr. Die Winde sind gelinder

geworden. Aber ihr Todeskampf geht in langwährenden Schluchzern durch

bange Stunden. Und an den Straßenbeugen hebt sich der Staub in klirrendem

Gekreisel.

Tagsüber schwillt ein Durcheinander von lärmenden, hastenden,

bekümmerten und neugierigen Menschen in Straßen und Gassen der Innenstadt

an. Der Abend aber schleicht in schwarzen Schauern durch die Stollen der

menschenbaren Großstadtzeilen, als habe eine außerirdische Stimme alle

Lebewesen fortgehetzt aus diesem lichtlos-gespenstischen Häuserhaufen.

Denn alle Verfügungen und Gewaltregeln haben die durch langen Krieg

verrohten Instinkte nicht niederzuhalten vermocht. Es hockt Gefahr in den

tagtoten Gassen.

Bekannte und Unbekannte drängen sich in Ruhelosigkeit aneinander, ungewiß

vor der nächsten Stunde. Erhofft ein jeder in seinem Unterbewußtsein

Erlösung durch ein Wort, das über allen Irrwahn hinausträgt?

Auch zu unserem winzigen Häuschen in der herbstkahlen Vorstadt kamen

sie gepilgert: lange Vernachlässigte, zufällige Gefährten irgendeiner

bedachtsamen Stunde, Fernstehende und Freunde. Ihnen wie allen wurden

diese aufrüttelnden Tage Brücke zu Bekenntnissen, lange verdrängten

Äußerungen von Furcht oder Freudigkeit.

Am Tage, der jener durchschwärmten Nacht folgte, war Kurt-Georg mit einem

Packen Bücher und einem Köfferchen Wäsche aus der Stadt

herausgekommen. Die Gemeinsamkeiten ihrer Ekstasen hatten die Knaben

so aneinandergeschweißt, daß sie sich nicht einmal abends zu trennen

gedachten. Der weite Weg durch die im Finster erstarrende Stadt, das

Versagen der Straßenbahn, die Unsicherheit der Abendstrecken, all dieses

hätte ihnen sonst das Glück des Beieinanderseins verriegelt.

Sie hatten ein paar Karten ausgeschickt mit der Meldung, daß ihre

Nachmittage an einzelnen Tagen frei wären und daß sie zu einer privaten

Vorlesung des jungen Revolutionsdramas mit verteilten Rollen einlüden.

Und schon der kommende Nachmittag sah sie um die Lampe ihres Arbeitszimmers

geeint: den =stud. phil.= Ludwig und den Kunstakademiker Henno Bergmann,

den Primaner Kurt-Georg Regensburg, seine Cousine, die Studentin Annemarie

Grünhagen, deren Freundin Lilli von Groddeck und die Schülerin Ellinor

Babinski, das Kind meiner einzigen Jugendfreundin Sabine.

Fast jeden Tag hatten sie seither da gesessen, unter dem grünen,

bleichenden Licht der Studienlampe. Zuweilen war ich hinübergegangen, um

sie zu uns ins Besuchszimmer zu bitten, wenn einer der Gäste das Dunkle

dieser Novemberabende durch die Helle ihrer Jugend zu erlichten hoffte.

Aber da war selten einer von ihnen, der solcher Bitte Gewährung gab.

Und wenn es geschah, so war es für eine knappe Viertelstunde, daß sein

Körper sich von der Schar löste, während Gedanke und Herz im Kreise der

anderen weiterblühten.

Denn der Rausch der drei Knaben hatte sich auch ins Blut der drei Mädchen

gegossen, seit sie dort Tag um Tag die Verzückungen des überreizten

Aufbegehrers nachfühlen und mitleben mußten. Die Besetzung war als

feststehend beibehalten. Den Sohn las: Ludwig. Den Freund: Henno. Das

Fräulein: Ellinor Babinski. Die Dirne: Lilli von Groddeck. Kurt-Georg und

seine Cousine Annemarie teilten sich, verträglicher als beim Theater, in

die übrigen Rollen.

Wenn ich mich dem Zimmer ihrer Versammlung nahte, wenn ich zu ihnen

trat, immer blieb mir Furcht vor dem Ineinanderschmelzen von Dichtung und

Wirklichkeit, zu dem dieses Stück die sechs jungen Menschen emporgerissen

hatte. Einmal, beim Eintreten, enttropften dem verbleichten Munde

Kurt-Georgs die blutenden Worte: »Er nimmt die Marter unser aller Kindheit

auf sich ...« Düster und langsam fiel Hennos Antwort: »Ach, er redet

wahr! ...« Und verhängnisgleich sank Kurt-Georgs Geklage: »Er sagt,

daß wir alle gelitten haben unter unseren Vätern -- in Kellern und in

Speichern -- vom Selbstmord und von der Verzweiflung ...«

Und wie sie meiner ansichtig wurden, flohen, wie am ersten Revolutionstage,

ihre Mienen und ihre Haltung hinter eine Schanze zurück. Und deutlich

lesbar feindeten mich die Augen meiner Söhne an: »Was kommst du so

taktlos unsere Entzückung töten, du, eine des einstigen, des gewesenen

Menschenalters?«

Ich stammelte eine Entschuldigung, die der Störung galt und nahm, halb in

Gedanken, einen überzähligen Dramenband -- Annemarie war heute am Kommen

verhindert -- mit in mein Zimmer.

Wenn der Dichter alle zu zwingen gewußt hat, die Mengen in den Theatern

der Großstädte, die Kritik, wenn er die sechs so verschieden gearteten

Jugendlichen unter meinem Dache zu _einer_ Anbetung gebeugt hatte, warum

nur empfand ich das Werk als einen mißfälligen Ton? War es die kleinliche

Regung der Mutter, der sich an jenem Tage zum ersten Male die Kluft

zwischen den Lebensaltern öffnete, die sie von ihren Kindern trennte? Die

Beschämung: Vergangenheit, Unverständnis, Gewesenes zu bedeuten?

Ich schlug den letzten Auftritt nach. Mir blieb wie im Theater Verwirrung

und Abkehr vor so kreischendem Aufruhr. Wie will derselbe Dichter, der

gebietet: »Klammre dich hinauf an den Gedanken -- zu der Frage höchster

Menschlichkeit,« seine Forderung erhalten sehen, wenn er das Geschöpf

seines Geistes den Revolver auf den Vater richten heißt?

Ich wandte das Buch und las es bedächtig vom Anfang bis zum letzten

Wort und fand so die Überraschung, daß der Verfasser -- wie jeder

wahre Dichter -- vielerlei darin gesagt hatte, daß er mich mit manchem

schmelzenden Wort gekost, mich mit leuchtenden Bildern gefangengehalten

hatte. Verblüffend blühen an seinem Baum des Hasses und der Empörung so

zarte Blüten auf: »Später werden Sie erfahren, wie schwer es ist, einen

anderen zu lieben. Heute kennen Sie keinen als sich.« Und solche Weisheit

kündet der neunzehnjährige Dichtersohn: »Wie kannst du ein Wort auf der

Zunge bewegen und sagen: So ist es! Siehst du nicht stündlich den Tod in

den Baracken und weißt nicht, daß alles anders ist in der Welt!« Und

dann sagt einmal, auch ein Vater, der Kommissar: »Und wenn mein Sohn mir

tausendfach unrecht tut -- ich bin doch sein Vater! Soll er andere mehr

lieben als mich? Wir Väter müssen erst unsere Söhne erringen, ehe wir

wissen, was sie sind.«

Das Buch glitt vom Tische. Ich hielt es im Hinfallen bei einer Seite. Es

war das Deckblatt und fühlte sich dicker an als die anderen. Und wie

meine Finger es abtasteten, klaffte ein Spalt. Mein Messer trennte die

zwei aneinandergeklebten Seiten. Da sah ich, daß kein Zufall sie verbunden

hatte, denn die Steilschrift Annemarie Grünhagens kündete:

»Wir sechs Unterzeichnete geloben, gegen alle Tyrannen, so hoch sie

anderen und so nahe sie uns stehen mögen, unerbittlichen Kampf zu

führen, getreu dem Geiste dieses herrlichen Aufrufs!«

Den 12. November 1918.

Alle sechs Teilnehmer der Lesenachmittage hatten ihre Unterschrift

hingesetzt.

Ich holte meinen Wettermantel und durchquerte lange den schwärzlichen

Garten, der immer leiser und immer verlassener in den Winter wuchs.

Die Mutter: Blätter aus dunklen Tagen · 第 5 / 23 题