Die zu Cairo ansässigen, europäischen Herren, die ich kennen lernte,

hatten fast alle mehr oder weniger inländische Gewohnheiten angenommen,

sie saßen nicht auf Stühlen, sondern auf niedrigen, breiten Ottomanen,

manche auf türkische Art mit untergeschlagenen Beinen, -- und rauchten

aus langen türkischen Pfeifen, die, von einem Diener schon angesteckt

und dampfend, auch uns Gästen angeboten wurden. Manche hielten auch

ihren Harem und blieben Christen, wie zuvor. Bei solchen Besuchen hatte

ich Gelegenheit, in Erfahrung zu bringen, daß die Wohnungen im Innern

doch gewöhnlich viel besser eingerichtet, -- reinlicher, wohnlicher,

zierlicher und schöner meublirt waren, als man nach ihrem äußern, kahlen

und schmutzigen Ansehn hätte erwarten sollen. Die meisten und fast alle

von den größern Gebäuden waren vierflügelig und umschlossen einen innern

Hofraum, in dessen Mitte sich, oft von einem Paar Bäumen beschattet, ein

Brunnen (Cisterne) befand. Um diesen, allen neugierigen Blicken von

außen völlig unzugänglichen, Hofraum liefen, wenigstens auf der obern

Etage, zierliche offene Galerien herum, in denen sich die Fenster der

Zimmer öffneten, während die Außenseite der Häuser nach den Straßen zu

nur aus kahlen Wänden bestand. Hier und da sah man auch Luxus, -- Fluren

und Galeriesäulen waren oft von Marmor und der Boden vieler Zimmer war

getäfelt.

Eine dankbare Erinnerung für zuvorkommende Gefälligkeiten, die ich

genoß, knüpft sich an die Namen: ~de Champion~ (östr. Consul), ~Annibal

Petracchi~, ~Leop. de Rossetti~ (Spanier), _Dr._ ~Bruner-Bey~, ein

Bayer, _Dr._ ~Gaëtani-Bey~, ein Spanier, war Leibarzt von ~Mehmed Ali~

und _Dr._ ~Klot-Bey~, ein Franzose, von ~Ibrahim Pascha~.

Die hauptsächlichsten Sehenswürdigkeiten Cairo's und seiner Umgegend

sind: verschiedene schöne Moskee'n, die ein jeder gute Christ besuchen

darf, wenn er nur seine Schuhe im Vorportale ausziehn will, -- die

sogenannten Gräber der Khalifen, -- die Gräber der Mammeluken, -- einige

Wasserleitungen auf hohen Bögen, -- der Nilmesser auf der Insel

(Geziret) el Rudah, Alt-Cairo gegenüber, -- die weitläufigen

Gartenanlagen und der Palast von Chabra (Schubra), wo ~Ibrahim Pascha~

wohnt, am Ufer des Nil zwischen Bulak und Alt-Cairo, -- der Obelisk von

Mataria (oder Matarieh), nord-ost-wärts ein Paar Stunden von der Stadt,

an der Karavanenstraße nach Suez, wo die Ruinen von Heliopolis

liegen, -- der sogenannte versteinerte Wald, nämlich verkieselte

(dicotyledonische) Baumstämme, der Tertiärformation angehörig, in einer

drei Stunden von der Stadt entfernten Gegend der Wüste. -- Ich will

jedoch nur zwei Gegenstände einigermaßen näher hervorheben, die

Citadelle und die Pyramiden.

Die Citadelle liegt am süd-östlichen Ende der Stadt auf einem mehre

hundert Fuß hohen Felsberge, der sich auf drei Seiten isolirt aus der

Fläche erhebt. Nur in Süd-Ost hängt er durch einen etwas tiefern

Einschnitt mit dem letzten ziemlich schroff gesenkten Nord- oder

Nord-West-Ende des Gebirges zusammen, das den Nil in seinem Laufe auf

der Ostseite begleitet und das wegen der steilen, mauerartigen Senkung,

die es auf der rechten Seite, nach dem Nilthale zu, bildet, von Cairo

an, Tagereisen weit den Namen Dschebel Mokattam (steile Felswand)

trägt. Außer den sehr alterthümlichen Festungswerken selbst, den

Kasernen und einigen tiefern Brunnen, ist die neue prachtvolle, sehr

hoch gewölbte Moskee sehenswerth, welche ~Mehmed Ali~ auf dem höchsten

Scheitel des Bergs, im Innern der Festung, hat erbauen lassen, und

außerdem die Wohnung von ~Mehmed Ali~ selbst, die sehr bescheiden ist

und in keinem Verhältniß steht zu dem, wenn auch von außen nicht

schönen, Palaste seines Harem's, der sich ebenfalls, nebst noch andern

Wohnungen oder Palästen, in der Festung befindet. ~Ibrahim Pascha~

regierte damals schon, ~Mehmed Ali~ hatte abgedankt und galt für

~blödsinnig~. Man sah ihn in einem Zweispänner oft in der Stadt

spazieren fahren und die Umstehenden höflich grüßen. Seine Diener

machten keine Schwierigkeiten, mich während einer solchen Abwesenheit

ihres Herrn in seinem Palaste herumzuführen, der nur ein einstöckiges,

ziemlich niedriges Haus war. Selbst in sein Schlafgemach wurde ich

gebracht. Die Zimmer sehen ziemlich gut aus, doch war die Pracht, die

man erblickte, für einen König von Egypten -- den Nachfolger einer

~Kleopatra~ -- nicht groß. Sie waren übrigens bequem eingerichtet und

auf türkische Art mit niedrigen, breiten Bänken versehen, die an den

Wänden rund um das ganze Zimmer liefen. Ein Überfluß von seidenen Kissen

bedeckte diese Bänke. Auch ein Billard war in einem der Zimmer

vorhanden. Mehr, als die Besichtigung dieser Gebäude aber, belohnt den

Reisenden die Aussicht, die er von der Citadelle, diesem höchsten Punkte

der Gegend, aus gewahrt, für die Mühe der Besteigung. Wenn ich nicht

irre, so ist das Telegraphenthürmchen der höchste Punkt des

Festungsberges. Man sieht von dort weit über die Stadt hin, in die Wüste

hinein, nach Ost und Nord-Ost, wo man mit dem Fernrohr, in der Nähe von

Heliopolis, den zweiten Telegraphenthurm erblickt; im Westen liegt das

Nilthal, von dem ich aber nur einen bräunlichen Wasserspiegel sah, der

sich weit nach Norden in das Delta hineinzog. Es war die Zeit der

Überströmung und schon in einer Entfernung von 3/4--1 engl. Meile vom

westlichen Theile der Stadt fing der Wasserspiegel an, der den ganzen

Raum erfüllte bis an den gegenüberliegenden Wüstenrand, worauf sich in

West-Süd-West von der Citadelle, zwei schräg hinter einander stehende,

spitze Hügel erhoben, die, wenn man sie einmal gesehen hat, nie wieder

aus der Erinnerung verschwinden. Es waren die beiden Pyramiden von

Gizeh, die ich erblickte. Bis zum Fuße des erhöhten Wüstenrandes, auf

dem sie stehn, war das ganze Nilthal nur ~eine~ Wasserfläche, ein

bräunlich-gelber Spiegel, auf dem eine Anzahl langer, streifenförmiger

Inseln zu schwimmen schienen. Dies waren die Dörfer, -- und die

vereinzelten Dattelpalmen, die sich auf diesen Landstreifen, neben oder

in den Dörfern, erhoben, waren das einzige Grün, das man in der

Landschaft sah, so weit das Auge reichte. Nackter, falber Sand und ein

an Farbe diesem fast gleicher, gelblich-trüber Wasserspiegel war fast

Alles, was ich von dem so gefeierten Egypten sah. Die ganze Landschaft

war kahl und so weit das Auge reichte, jene Dattelpalmen ausgenommen,

die in streifenförmigen Reihen aus dem Wasser hervorragten, ohne Grün.

Aber je einförmiger der ganze Umkreis war, desto deutlicher fielen die

Pyramiden in's Auge und blickten als Denkmäler, die der Vergänglichkeit

trotzen, von ihrem Wüstenrande so stolz über den neun englische Meilen

weiten Raum[42] herüber, daß, mit ihnen verglichen, die Inseln im Wasser

und die Gebäude der Stadt in ein kleinliches Nichts versanken und man

sich leicht in der Schätzung der Entfernung irrte. -- Sie sind der

Gegenstand, auf dem das Auge des Fremden zuerst haftet, da man sie

nicht nur überall vom Nilufer aus, sondern auch vom Dache eines jeden

höhern Gebäudes in Cairo erblickt. Man hält sie anfangs für kleiner, als

sie sind, weil man die Entfernung zu gering anschlägt und weil alle

andern hohen Gegenstände, die zur Vergleichung dienen könnten, in der

Landschaft fehlen.

Um die Kolosse in der Nähe zu betrachten, begab ich mich am 15ten

October des Nachts um 3-1/2 Uhr in Begleitung eines Dragoman auf die

Reise. Wir setzten uns auf unsre Esel und ritten durch die engen Straßen

der Stadt, von denen nur ~eine~ belebt und mit einer Art von

Kronleuchtern beleuchtet war, die von quer über die Straße ausgespannten

Tauen herabhingen. Es wurde hier eine Hochzeit gefeiert, es wurde

geschmaust und gespielt. Alle andern Straßen waren einsam und

todtenstill. Der Mond aber schien so hell gegen die kahlen Mauern der

oft klosterartigen Gebäude an, daß es auch in den schmalsten Gassen hell

genug war, um ohne Straucheln fortkommen zu können.

Wir erreichten nach einem halbstündigen Ritt durch die Stadt, die in

einem tiefen Schlummer lag, das Thor Bab el Seydeh, wo uns

augenblicklich eine Wache entgegentrat.

Wie sich in dem Mährchen von Tausend und eine Nacht die Thore

bezauberter Burgen öffnen, sobald der Glückliche, der das Geheimniß

kennt, das rechte Wort ausgesprochen hat, so geschah es auch hier. Ich

sprach nur leise das Wort ~Derbiel Gamiez~ (dessen Bedeutung ich gar

nicht kannte), -- und die Pforte Bab el Seydeh flog knarrend in ihren

Angeln vor mir auf. Die Wache trat respectvoll zur Seite und wir

schritten zum Thore der Stadt hinaus. Es war nämlich das Wachtwort, das

ich vom Befehlshaber der Citadelle erhalten hatte, und das ich dem

commandirenden Offizier der Thorwache ganz leise in's Ohr flüstern

mußte.

Wir verfolgten nun unsren Weg auf sandigem Grunde zwischen Gartenmauern

und anderm Gemäuer, ritten durch den Thordurchbruch unter einer sehr

hohen und schmalen Wasserleitung hin, die nur von sehr schmalen, nicht

bis zum Grunde reichenden Öffnungen, wie von hohen Bogenfenstern

durchbrochen war und setzten unsre Reise dann von Neuem in Winkeln hin

und her, zwischen den kahlen Mauern von Gärten fort, über welche, im

Mondlichte glänzend, hier und da der Wipfel einer vereinzelten

Dattelpalme herüberblickte. Die Wasserleitung ist die Ruine eines sehr

alten Werkes, das aber auch jetzt noch dient, um die Citadelle mit

Nilwasser zu versehn und sich fast 3000 Meter weit von West nach Ost

hinzieht.

Wir kamen ein Viertel vor 5 Uhr am rechten Nilufer an, im Flecken Masr

el Antikah, gewöhnlich Alt-Cairo genannt, und suchten uns eine von den

vielen Barken aus, die am Ufer lagen. Wir befanden uns oberhalb,

südwärts, von der sogenannten Herodes-Insel, Geziret el Rudah, die mit

den Gärten und Gebäuden des ~Ibrahim Pascha~ bedeckt ist und auf ihrer

Südspitze den Nilmesser trägt. Hier schifften wir uns mit unsern zwei

Eseln ein und kamen nach viertelstündigem Rudern über den daselbst etwa

drei Viertel engl. Meilen breiten Nil im Dorf el Gizeh an, am linken

Ufer, das wegen seiner höhern Lage eben so wenig, wie das rechte, in

dieser Gegend überschwemmt war. Wir vertauschten die Barke nun wieder

mit unsern Eseln, kamen durch ein Campement von Cavalleristen, die in

niedrigen Zelten wohnten oder ganz im Freien auf dem Sande umherlagen,

neben ihren Pferden, welche mit Sätteln und Allem angethan, ebenfalls in

freier Luft campirten, nämlich auf türkische Art mit den Füßen

angebunden waren an kurzen Pfählen, die im Sande staken. Wir ritten

dann auf schmalen, oft sehr schlammigen Dämmen hin zwischen Feldern, die

unter Wasser standen, bis nach 5-1/2 Uhr die mehr und mehr vom Wasser

eingeengten Dämme zwangen, wieder eine Barke zu besteigen und unsre

Reise bald in tiefen, schlangenförmigen Kanälen zwischen fruchtbaren

Feldern von Reis und Mais, die nur zum Theil überschwemmt waren, -- bald

in dem untiefen Wasser über die inundirten Felder selbst fortzusetzen.

Um 6-1/2 Uhr kamen wir rudernd zwischen zwei Dörfern mit viereckigen

Steinhäusern hindurch, Thormes und Saft, von deren Straßen viele ganz

unter Wasser standen, eben so wie die Dattelpalmen, wovon hier ganze

Wälder zu sehen waren. Ihre Stämme, die man in Beziehung zur Kleinheit

des Baumes dick nennen konnte, ragten wie graue Säulen empor und waren

ganz vom Wasser umfluthet. Ihre Wipfel aber, die mit goldgelben

Fruchttrauben überladen waren, blickten freundlich auf den Spiegel des

Wassers herab, gleichsam dankbar für den fruchtbaren Schlamm, den dieses

Wasser auf dem Boden absetzt. -- An andern Stellen, wo das Wasser schon

wieder abgezogen war, sah man die Stämme auf dem Schlamme selbst sich

erheben, der eine ganz ebne, gelblich-braune Oberfläche bildete. Indem

wir so bei nächtlicher Weile unsre Wasserfahrt fortsetzten und uns den

westlichen Gegenden des Nilthales mehr und mehr näherten, wurden die

überschwemmten Gegenden immer größer, flossen mehr und mehr zusammen, so

daß wir bald nur einen meilenweiten ~See~ vor uns erblickten, in dem die

Dörfer und die Landstreifen, auf welchen Dattelpalmen standen, nur noch

isolirte Inselchen bildeten. An allen diesen über das Wasser

hervorragenden Stellen war grünes Gras und das Grün der Dattelpalmen

sichtbar, außerdem aber sah man ringsherum nichts, wie den Spiegel des

bräunlich-gelben Wassers, das bis an den Fuß der Wüstenterrasse, weit

von hier in West und Süd-West, reichte. -- Zwischen den inselförmigen

Dörfern, die durch Erdwälle vor der Überströmung geschützt waren und den

schmalen Landstreifen und Dämmen, die hier und da ein bis zwei Fuß hoch

aus dem Wasser hervorragten, war die Strömung so stark, daß wir oft

vergebens ankämpften und unsre Barke mehr als einmal Gefahr lief,

umgeworfen zu werden oder zu scheitern.

[Illustration: _Fig. 19._ _Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig._]

In der Ferne sahen wir den breiten Bergrücken, der die Wasserfläche auf

der Westseite begränzt; er erhob sich wie eine Stufe, die oben flach und

ausgebreitet ist und von seinem Rande in Süd-West blickten die Pyramiden

herab. Sie erschienen in ihrem nächtlichen Kleide schwärzlich-grau von

Farbe, mit Ausnahme der einen Seite, die, vom Monde beschienen, hellgrau

war und weit in die Ferne schimmerte.

Wir kamen näher, sie wurden größer. Als endlich die Sonne über der Wüste

aufgegangen war und ihre ersten Strahlen auf die Steinkolosse warf, da

fing die eine Seite derselben an, in einem gelblich-falben Lichte zu

erglühen, während die andere Seite noch in tiefem schwärzlich-braunen

Schatten lag, -- und diese Licht- und Schattenseiten standen so grell

einander gegenüber, sie waren durch so scharfe Gränzlinien von einander

getrennt und eben so grell, mit eben so scharf gezogenen Linien, von dem

hellen Blau des heitren Himmels hinter ihnen abgeschnitten, daß wir

anfingen, außer von der Heiterkeit des egyptischen Himmels, allmählig

auch von der Größe der Pyramiden eine richtigere Vermuthung zu

bekommen. -- Sie warfen zwei unabsehbar lange schwarze Schlagschatten

hinter sich hinaus, zwischen denen der Sonnenschein, indem er zwischen

den beiden Pyramiden hindurch auf die Wüstenplatte fiel, einen schmalen

Streif bildete.

Man werfe einen Blick auf die kleine Ansicht Fig. 19, welche die

Pyramiden so darstellt, wie ich sie zwischen 7 und 7-1/4 Uhr in Süd-West

erblickte, ehe wir das Dorf Kafrah erreichten. Sie lagen etwa noch drei

englische Meilen von uns entfernt. Ich habe mich bemüht, die scheinbaren

Größenverhältnisse, das Grelle der Beleuchtung und das eigenthümliche

Kolorit sowohl der Pyramiden und des Wüstenrandes, als auch des

Nilwassers so getreu wie möglich nachzuahmen. Man sieht, daß mit nur

geringen Nüancen fast alles falb, bräunlich-gelb ist und daß nur

Dattelgrün und Himmelsbläue einige Verschiedenheit von Farbe in die

Scene bringen.[43]

Der Mangel aller Verzierungen, die einfache Form der Denkmäler, so wie

auch der einförmig-flache Charakter des umringenden Landes, wo man

vergebens nach Gegenständen zur Vergleichung sucht, bringen in der

Beurtheilung der Größenverhältnisse der Pyramiden eine ungemeine

Täuschung hervor. Man hält sie für viel kleiner, als sie wirklich sind,

glaubt, daß sie viel näher liegen und kann sich nur mit Mühe überreden,

daß diese plumpen Körper höher, als der Dom von Antwerpen sein sollen.

Sie scheinen dem Reisenden anfangs nur 70--100 Fuß hoch zu sein und es

ist einige Zeit dazu nöthig, bis der Eindruck ihrer Größe seine volle

Höhe erreicht hat.

[Illustration: _Fig. 20._ _Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig._]

Erst als wir näher kamen, als unten am Strande, am Fuße der Terrasse,

worauf oben die Pyramiden standen, Menschen sichtbar wurden, -- als wir

diese Menschen nebst den Kühen, die sie vor sich her trieben, nur wie

kleine schwarze Punkte zu erblicken vermochten, die sich dem Strande

entlang bewegten, und als auch die Dattelpalmen, obgleich sie uns doch

so viel näher lagen, noch so winzig klein blieben, während man schon am

Saume der Pyramiden den Treppenbau und die einzelnen Steine zu erkennen

vermochte, -- da fingen sie an, uns durch ihre einfache Größe zu

imponiren! -- Wie kolossal, dachten wir, müssen diese Steinwürfel sein!

Und hätten wir den Dom von Antwerpen neben die Pyramiden setzen können,

wie würden wir erst über die ungeheuren Massen gestaunt haben! (Höhe der

Pyramiden 450 Fuß, des Doms in Antwerpen 443-1/2 und des Münsters in

Straßburg 437-1/2 par. Maaß.)

Wir landeten um 7-1/2 Uhr nord-nord-ostwärts von den Pyramiden im

kleinen Dorfe Kafrah, das nur aus ganz niedrigen, viereckigen Erdhäusern

bestand und durch einen ebenfalls aus Erde, Nil-Schlamm, aufgeworfenen

Ringwall vor der Überströmung gesichert war. Es lag also als Insel, ohne

alles Grün, ohne eine einzige Palme, mitten im Wasser. Wir bewunderten

die schönen blendendweißen Zähne der Männer, die sämmtlich in lange

weiße Mäntel gekleidet waren und in Menge aus ihren Hütten kamen, um uns

zu sehn. Sie waren höflich und brachten ihre sehr friedsame

Beschäftigung mit heraus, nämlich drehende Spindeln, die von der Hand

eines Jeden an langen Fäden herabhingen. Sie spannen Baumwolle und

fuhren damit so fleißig fort, als wenn sie keinen Augenblick von ihrer

Zeit zu verlieren hätten. Womit sich ihre Damen beschäftigten, ist mir

nicht bekannt, denn diese blieben unsichtbar.

Indem wir von Kafrah weiter durch die Wasserfläche fuhren, sahen wir

noch viele Dörfer, die alle eine und dieselbe Physiognomie hatten,

nämlich viereckige, platte, bald nur aus Erde gebaute, bald steinerne

und dann gewöhnlich weiß angestrichene Häuser mit dunkeln

Fensterlöchern, -- nebst Dattelpalmen, die um sie herum standen und die

sich auch zuweilen mit ihren geraden Stämmchen waldähnlich am Ufer

zusammendrängten. -- Alle waren Inseln in einem See und zogen sich immer

kleiner, streifenförmiger werdend, bis fern an den Fuß der

Wüstenterrasse hinter einander hin.

Wir erreichten diese ein Viertel nach 8 Uhr und stiegen -- nach einer

bald zu Wasser, bald zu Esel, bald zu Fuß fortgesetzten Fahrt von 4-3/4

Stunden -- am Ufer unterhalb der Pyramiden an's Land.

Das Felsgehänge, das hier vor uns lag, ist von der Wüste her

größtentheils mit Sand überschüttet und in Rippen von Sand verwandelt,

die, nach unten breiter werdend, sich vom Rande der Terrasse herabziehn.

In den obern Gegenden des Gehänges aber sind zwischen den Rippen hier

und da die Felswände entblößt und hier öffnen sich an mehren Stellen

eine Menge kleiner, viereckiger in den Fels gehauener Kammern, die

~Katakomben~, die aber ihres Inhaltes -- der Mumien -- gewiß schon seit

langer Zeit beraubt waren. Das Gestein, das in horizontalen Bänken

liegt, ist ein bleicher, gelblich-weißgrauer, mürber, grober, sehr

ungleichförmiger, leicht zerbröckelnder, tertiärer Kalkstein, der fast

ganz aus zusammengebackenen fossilen Seethieren, Balanen, Korallen,

Muscheln, besonders Nummuliten zusammengesetzt ist (Nummulitenkalk).

Siehe Pyramiden Nr. 1 im Leyd. Reichs-Museum. Aus demselben Stein

gehauen liegen hier ungeheure, würfelförmige Blöcke, die fast die Höhe

eines Menschen haben, auf einander gethürmt; sie bilden einen Damm, der

von Ost nach West aus dem Nilthal hinauf zu dem Theile der Wand führt,

wo sich die Katakomben befinden. Weiter aufwärts ist auch er mit Sand

überschüttet.

Wir kamen nach viertelstündigem Klimmen um 8-1/2 Uhr oben am Rande der

Wüstenplatte an und sahen nun die östlichste der Pyramiden von Gizeh,

die ~Pyramide von Cheops~, in geringer Entfernung von uns. Eine Menge

Araber waren uns aus den benachbarten Dörfern des Nilthales gefolgt,

Alte und Junge, deren Jeder etwas verdienen wollte. Einige boten sich

an, mich beim Ersteigen der Pyramiden zu unterstützen, -- andere trugen

Fackeln, um diese beim Besuche des Innern der Pyramiden anzuzünden,

andere hatten Trinkwasser in Flaschen und Krügen mitgenommen; -- alle

aber wollten sie für die Hülfe, die sie dem Reisenden aufdrangen, so

theuer, wie möglich, bezahlt sein.

Ich besuchte zuerst das Innere und erkletterte nachher den Gipfel der

östlichsten Pyramide, welche für die höchste in Egypten gilt und 450

par. Fuß hoch ist. Ich enthalte mich jedoch einer Beschreibung dieses

durch den Besuch großer Alterthumsforscher so bekannt gewordenen

Monuments. Mein Zweck konnte nur sein, den Leser mit der ~äußern

Physiognomie des Landes~ überhaupt und dieser Denkmäler in's Besondere

bekannt zu machen. Man klettert über Haufen von Sand und zerbrochenen

Steintrümmern etwa bis ein Fünftel der Höhe hinan, wo sich in der

nord-östlichen Wand der Pyramide der Eingang zum Innern befindet. Über

diesem Eingange war in bunten Farben die Hieroglyphenschrift zu lesen,

die R. ~Lepsius~ nach seiner Ersteigung der Pyramide (am 15ten October

1842) hier hat einhauen lassen, zum Beweise, daß dem Scharfsinn

wissenschaftlicher Forschung auch die Entzifferung der räthselhaftesten

Zeichen möglich ist, deren mystische Unauflösbarkeit zum Sprüchwort

geworden war.

Beim Besuche des Innern muß man in sehr gebückter Stellung in einem

langen, engen und kanalartigen Gange, dessen vier Wände aus geglätteten,

polirten Steinplatten bestehen, hinabsteigen oder besser, hinabrutschen,

denn der Kanal führt sehr steil und schnurgerade abwärts, und muß

nachher auf einem ähnlichen glatten Grunde, auf dem es schwer ist,

festen Fuß zu fassen, fast eben so hoch wieder hinaufklimmen und über

mehre gefährliche Stellen auf schmalen Vorsprüngen hinwegklettern, um

beim trüben Scheine der Fackeln den innern viereckigen Raum zu

erreichen, der die Größe eines mäßigen Zimmers hat. Hier steht ein

länglich-viereckiger Sarkophag, ohne Deckstück, einer Badewanne ähnlich,

der aus ~einem~ Stücke desselben Gesteins gearbeitet ist, womit die

vormals polirten Wände umher belegt sind, -- nämlich aus einem schönen,

großkrystallinischen Granit, der, außer röthlichem Feldspath und weißem

Quarz, viel schwarze Hornblende und keinen Glimmer enthält, also

syenitartig ist (s. Museum in Leyden, Pyramiden Nr. 4[44]). -- Überall

sieht man die deutlichsten Spuren, daß sich frühere Reisende Stücke von

diesem Gestein abgehämmert haben, das schon vor drei- bis viertausend

Jahren einmal von der Hand des Menschen bearbeitet wurde, -- und ich

nahm mir dieselbe Freiheit.

Ich bin zweifelhaft, ob ich das Besuchen des Innern der Pyramiden oder

das Ersteigen ihrer Spitze für schwieriger halten soll; letzteres

verlangt mehr Kraftentwickelung, das erstere aber ist beschwerlicher, da

es zum Theil in gebückter Stellung geschehen muß, im Rauche der Fackeln

und zwischen Beduinen. Diese bemühen sich allerdings, es dem Reisenden

so ~leicht~ wie möglich zu machen und ihn deswegen von aller unnöthigen

~Last~ zu befreien, z. B. von seinen Taschentüchern, die sie ihm mit

dem, was sie sonst noch kriegen können, hinten aus seiner Tasche

ziehn, -- aber als Fremder, -- gänzlich Unbekannter, in so einsamen

abgelegenen Räumen unter einigen Dutzend Banditen zu athmen, kam mir

unsichrer vor, als 200 Fuß hoch in der Luft an der schroffen Wand der

Pyramiden zu kleben.

Als ich in dieser Höhe angekommen war und mich ermüdet auf einem der

schmalen Vorsprünge niederkauerte, als ich von da an der steilen Wand

200 Fuß tief hinabschaute und das weite Nilthal mit seinen Inseln nebst

der Wüste so ~tief unter~ mir erblickte und -- ~über~ mir noch 250 Fuß

hoch zur obern Hälfte der Pyramide, die ich noch zu ersteigen hatte,

hinansah, -- da erst steigerte sich das Bewußtsein der Größe von diesen

Denkmälern menschlicher Kunst zur ~Empfindung~ und es war ganz

unwillkührlich, daß sich ein Gefühl der Bewunderung, des ~Staunens~

meiner bemächtigte.

Rückreise von Java nach Europa mit der sogenannten englischen Überlandpost im September und October 1848 · 第 11 / 14 段