Am folgenden Morgen, 11ten October, früh befanden wir uns schon ~in~ der

schmalen Bucht von Suez und erblickten Land zu beiden Seiten, nämlich links

in der Morgensonne, bräunlich-gelb und hell, die Bergketten Egypten's und

rechts, noch in tiefem Schatten liegend und bräunlich-dunkel, den Berg

~Sinai~ -- ~Horeb's Höhen~! Dieses Sinai-Gebirge, oder besser, diese

Bergketten, wovon nur ein kleiner Theil, Sinai und Horeb, oder Dschebel

Musa, d. i. Mose-Berg, genannt wird, zogen sich in mehren alternirenden

Reihen unabsehbar weit hinter einander hin und hatten einen eben solchen

gezähnten, zackig-zerfressenen Saum, wie alle früher von uns gesehenen.

Obgleich wir keinen Küstensaum an ihrem Fuße zu erkennen vermochten, also

weiter von ihnen entfernt waren, so erschienen sie doch doppelt so hoch,

als die egyptischen Bergketten zu unsrer Linken in Westen, die uns

näher lagen und vor denen sich ein flaches, sandiges Vorland, eine

Küstenterrasse, hinzog. -- Fig. 15 stellt einen Theil der Bergketten auf

der Halbinsel Sinai, in der ausgezackten Form ihres Saumes ~getreu~

nachgeahmt, dar. -- Schon seit gestern Abend war es merkbar kühler geworden

und jetzt wehte aus einer Richtung, die unserm Cours direkt entgegengesetzt

war, nämlich aus Nord-Nord-West, also vom mittelländischen Meere her, ein

ziemlich starker Wind, der wenigstens in Vergleich mit der Backofengluth,

die wir an den vorhergehenden Tagen und erst gestern noch ausgestanden

hatten, ~kalt~ zu nennen war. Freudig begrüßten wir diesen kühlen, ich

möchte sagen, europäischen Wind, als das Zeichen unsrer baldigen Erlösung

aus dem glühenden Tropenklima und unsrer Annäherung an das Vaterland.

Um 7-1/2 Uhr befanden wir uns einem Theil der Küste, auf der Halbinsel

Sinai, gegenüber, der wandartig steil emporstieg und ein sonderbares,

zackig-geschupptes Ansehn hatte, so wie ich es in Fig. 12 dargestellt

habe. Alle Schuppen liefen nach oben spitz zu und vereinigten sich in

eine Anzahl ähnlich gestalteter, nur größerer Hauptabtheilungen oder

Hauptschuppen, zwischen denen kluftförmige, tiefe Zwischenräume,

zurückspringende Theile der Wand lagen, und diese Hauptabtheilungen

liefen auf dem gezähnten Kamme der Wand in die höchsten Spitzen aus. Die

Küstenberge der Sinai-Halbinsel aber, die später, nord-westwärts, auf

diese folgten, wurden niedriger; sie gestalteten sich um 9 und 10 Uhr,

wie in Fig. 13 abgebildet ist und stellten uns die eigenthümliche

Configuration ~neptunischer~ Gebirge, im Gegensatz zu jenen

plutonisch-vulkanischen, die man in Fig. 12 erblickt, recht anschaulich

vor. Denn sie bildeten nun (Fig. 13) einen ebenen, nicht ausgezackten,

nur sanft gehobenen oder gesenkten Saum; sie waren oben dunkel gefärbt,

unten aber, und mehr als zur Hälfte hinan, mit Sand überschüttet, der

eine helle, gelblich-bräunliche Farbe hatte, glatt von Oberfläche war

und sich auch noch an den Wänden selbst, in nach oben zu schmäler

werdenden Rippen, hinanzog. Offenbar bestanden diese so geformten

Gebirge (Fig. 13, 14) aus ~geschichtetem~ Gestein, sie waren entweder

horizontal-liegende oder nur sanft einfallende Flötzbildungen, die

seewärts steil abgebrochene, jedoch nicht so hohe, bis zur halben Höhe

herauf mit Sand überschüttete und von diesem Sand geglättete, Wände

bildeten.

Und ~nur~ solche neptunische Berg~platten~, die sich auf den ersten

Blick von jenen plutonischen Fels~kämmen~ unterschieden, sahen wir nun

noch, besonders an den Küsten der östlichen Seite, der Sinai-Halbinsel,

im Verlaufe des heutigen Tages, während wir nord-nord-westwärts immer

tiefer hinein in den Golf von Suez dampften und während uns ein immer

stärkerer Wind entgegenblies, nämlich die kühlere Luft, welche vom

mittelländischen Meere zuströmte, um die luftverdünnteren Räume entlang

den arabischen Küsten auszufüllen.

Die beiderseitigen Küsten traten immer näher zusammen, der Golf wurde

schmäler, die Gebirge niedriger und der Sand fing immer mehr an

vorzuherrschen. Die Bergplatten, die wir um 2 Uhr auf der egyptischen

Seite erblickten, waren deutlich terrassirt, bestanden also aus

geschichteten Massen, die sich nach dem Ufer des Meerbusens zu in mehren

Absätzen herabsenkten. Auch auf der Halbinsel rechts waren die

Bergmassen deutlich geschichtet und viel heller gefärbt, selbst

~weißlich~, -- jedoch wahrscheinlich nur deßhalb, weil die dunklern

Abhänge der Berge auf der linken Seite schon im Schatten lagen. -- Um 4

Uhr bemerkten wir auf der linken Seite einen weiten, flachen

Zwischenraum zwischen den Gebirgen, dann aber nordwärts von diesem erhob

sich wieder ein höherer sargartiger Rücken. Auf der rechten (Sinai-)

Seite trat nur hier und da noch eine geschichtete Gebirgsscholle, wie

Fig. 14, bis zum Meere hervor und senkte sich dann schroff, mauergleich,

zum Gestade herab, in allen übrigen Gegenden sah das Auge nun nichts

mehr, wie Sandflächen oder niedrige, weit ausgebreitete Sandrücken, die

in ihrer licht-falben Schminke, von aller Vegetation entblößt, glatt,

kahl, einförmig und öde dalagen. -- Einige von den gestreiften,

geschichteten Wänden der Bergplatten waren bis oben hinauf mit Sand

überschüttet, andere nur bis zu drei Viertel oder, wie Fig. 14, nur bis

zur Hälfte und dann waren sie durch ihre dunklere Farbe und gestreifte

Beschaffenheit schon aus der Ferne von der geglätteten Oberfläche der

Sandmassen zu unterscheiden.

So sahen wir fast Nichts mehr wie Sand, -- dürren Sand, der durch seine

helle Farbe, da, wo ihn die Sonne beschien, die Augen blendete und die

Frage hervorrief: ist ~das~ der gefeierte Anblick Arabien's? -- sieht so

Egypten aus?

Um 7-1/2 Uhr des Abends (den 11ten October) wurde die Küste auf der

rechten, östlichen Seite noch niedriger, flacher, -- auf der linken,

egyptischen Seite aber sahen wir vor uns noch eine, nämlich die letzte,

nördlichste von jenen Landplatten, die von West, oder Süd-West, her

schief ansteigen, in's Meer vorspringen und sich dann, nach Osten zu

steil, terrassenförmig hinabsenken.

Eine halbe Stunde später ließen wir im nördlichsten Theile der Bucht

unsern Anker fallen, direkt in Süden der Landenge von Suez; wir waren

aber noch drei englische Meilen vom Ufer, das die gleichnamige Stadt

trägt, entfernt, weil der untiefe Korallengrund des Meeres allen größern

Schiffen die weitere Annäherung verbietet.

Ich habe bis jetzt bei den verschiedenen Ländern und Gegenden, die ich

auf dieser Reise Gelegenheit hatte, zu besuchen, die ~Literatur~

angegeben, so weit mir diese bekannt geworden war. -- Ich that dies zur

Bequemlichkeit derjenigen Leser, welche sich über diese Länder, an denen

ich gewissermaßen nur vorübergestreift bin, gründlicher zu unterrichten

wünschen möchten, und brachte ihnen deßhalb die durch den Druck bekannt

gemachten ~hauptsächlichsten~ Werke, die von diesen Ländern handeln,

kürzlich in Erinnerung. -- Wollte ich aber eben so in Beziehung auf

Arabien und Egypten handeln, so könnte ich einen halben Bogen voll

schreiben, allein mit den Titeln der Werke, welche über diese viel

bereisten, besser als Indien bekannten, Europa nahe liegenden Gegenden

des Erdballs in englischer, französischer und deutscher Sprache

erschienen sind.

Befinden wir uns doch hier auf dem klassischen Boden, den, außer noch

frühern Reisenden, von 1763--1845, so viele tüchtige Forscher

durchkreuzt haben, -- in einem Lande, das der Schauplatz der

Untersuchungen war eines ~Niebuhr~, ~Seetzen~, ~Burckhardt~, ~Rüppell~,

~Ehrenberg und Hemprich~, ~Laborde~, ~Wellstedt~, ~Schubert~,

~Robinson~, ~Russegger~, ~Lepsius~! -- und das noch jährlich viele

Reisende durchkreuzen, die zum Theil nur zu ihrem Vergnügen den Sinai

ersteigen oder aus Egypten bis nach Nubien vordringen.

Ich will mich daher von Suez an auf die kurze Erzählung meiner Reise

beschränken und nur die Erscheinungen, die ich selbst beobachtete, so

wie sie flüchtig an mir vorüber flogen, mittheilen.

Ich setzte mich bald nach unsrer Ankunft in einen kleinen Kahn, den zwei

Araber fortruderten. Das Meer war bis auf meilenweite Entfernungen vom

Ufer so seicht, daß ich im Mondschein überall den weißen Korallengrund

sehn und nachher selbst mit meinem Spazierstocke auf den Meeresboden

aufstoßen konnte.

Wir kamen dann auch erst eine gute Stunde später an's Land, -- der

Anblick aber, der sich mir daselbst, in der Nacht vom 11ten zum 12ten

October, darbot, war so höchst eigenthümlich, so bizarr, die ganze Scene

war so spukhaft und so voll romantischer Contraste, -- daß sie nimmer

wieder aus meiner Erinnerung verschwinden wird.

Mein Kahnführer setzte mich an einem großen, zweistöckigen Gebäude ab,

das noch zwei Flügel hatte und dessen Hauptfront an's Meer gränzte; hier

stieg ich auf breiten Treppen hinan zu einer überdeckten Galerie und

gelangte aus dieser durch einen Thoreingang in den innern, viereckigen

Hofraum des ~Hotel's von Suez~, das seiner Form nach eher einem Kloster,

als einem Gasthause glich. Hier war Alles voll Leben und

Menschengewimmel. -- Wir waren fast anderthalbhundert Passagiere, die

wir uns ~aus~schifften und aus Indien im Hotel ankamen, -- 160 andere

aber, aus Europa angekommene, warteten schon im Hotel und standen

reisefertig da, oder waren mit dem Einpacken ihrer Güter und dem Ordnen

ihrer Koffer beschäftigt, um sich auf dem ~Bentinck~ ~ein~zuschiffen und

~nach~ Indien zu gehen. Also, außer den Dienern des Hotels, den

Officianten, Gepäckbesorgern, Lastträgern, Kahnführern, wimmelten und

flutheten hier mehr als 300 Reisende, deren Interessen sich regelrecht

durchkreuzten, weil die eine Hälfte derselben gerade dahin wollte, wo

die andere herkam, durch einander. Dazu kam noch, daß die Cholera, die

in Cairo aufgehört hatte zu wüthen, hier noch täglich ihre Opfer fraß

und daß ein Jeder verlangte, ~so schnell wie möglich~ von hier

wegzukommen, nämlich anderthalbhundert vom Hotel auf's Schiff und

anderthalbhundert, so schnell wie möglich, vom Schiffe in's Hotel und

aus dem Hotel nach Cairo. Hier hatte Keiner Lust, zu bleiben, ein Jeder

hatte Eile, das Wachtwort aller war nur »für sich selbst zu sorgen,« und

so sah man in dem engen Raume des Hotels das Schauspiel von

anderthalbhundert Doppel-Interessen, die mit einander in Conflict

geriethen. So zahlreich die Zimmer des Hotels auch waren, so hatte die

erste Hälfte der Reisenden, die nach Indien verlangten, doch bereits

alle vorhandenen Räume in Beschlag genommen; ja, wenn noch leere Zimmer

vorhanden gewesen wären, so würde es an Dienern gefehlt haben, um sie

dem Reisenden anzuweisen, da das Personal dieser letztern der

Dienerschaft weit überlegen war. Man mußte ~selbst~ suchen und nehmen,

was man haben wollte. Wenn die Passagiere eine Räuberbande gewesen

wären, so hätten sie das Hotel nebst der ganzen Stadt Suez bequem

ausplündern können. Als ich in den weiten Corridoren des Gebäudes

herumschritt, dessen weiße Gemäuer von dem Mondschein hell beleuchtet

waren, traf ich wirklich leere Zimmer an, die von den Reisenden, die

sich auf's Schiff begeben hatten, schon verlassen waren. In einigen

brannten auf Waschtafeln, oft mitten zwischen Bettvorhängen, noch

Kerzen, welche der vorige Bewohner in der Eile vergessen hatte,

auszulöschen, und in andern lagen zwischen nur halb erloschenen, noch

glimmenden Kerzen die Betten auf der Flur. -- Malerische

Unordnung! -- In dem allgemeinen Gelag- oder Speisezimmer, das in der

untern Etage war, konnte man Wein, Bier, Milch, Kaffee, Thee, Bouillon,

Brot u. dergl. erhalten, aber hier war das Gedränge derjenigen, die

anderwärts keinen Platz hatten finden können, so groß, daß sich ein

Jeder selbst nehmen mußte, was er haben wollte, und daß die Kränklichen

oder Müden der Passagiere froh waren, in irgend einer Ecke noch eine

unbesetzte Bank oder einen Stuhl anzutreffen, um daselbst ausruhn zu

können. Draußen, im Freien, war es empfindlich kalt und man hörte viele

von denen mit den Zähnen klappern, die aus Indien gekommen waren.

In demselben Gebäude befand sich das Bureau der Landmail-Beamten, wo

diejenigen Reisenden, die, wie ich, nicht bis England Passage genommen

hatten und deßhalb nur bis Suez hatten bezahlen können, sich für 12 Pf.

Sterling mit einem Passagescheine bis nach Alexandrien versehen mußten.

Auch hier war das Gedränge groß und die Bänke im Vorzimmer waren mit

Reisenden besetzt, die sich sitzend oder liegend einige Ruhe zu

verschaffen suchten. -- In dem kahlen Sandgrunde des Hofraumes lagen

Kisten und Waarenballen in wilder Unordnung umher und außerhalb des

Gebäudes lagen sie nach dem Strande zu in ganzen Bergen auf einander

gestapelt.

Der Transport der Reisenden durch die Wüste geschieht von hier in

zweirädrigen Wagen, in deren jedem sechs Mann Platz haben. Damit sich

die Zahl der Reisenden in den kleinen Stationen, die in der Wüste

liegen, nicht zu sehr anhäufe, so werden jedes Mal nur vier Wagen

zugleich befördert und die verschiedenen Züge oder Transporte, deren

Zahl sich nach der Zahl der Reisenden regelt, folgen einander in

Zwischenzeiten von 1-1/2--2 Stunden. Die, welche Passage bis England

genommen haben, haben den Vorrang und von den übrigen werden Diejenigen

zuerst befördert, die sich am Bureau von Suez zuerst gemeldet haben und

sich zuerst in die Liste haben einschreiben lassen. Da ich zu keinen von

beiden gehörte, so wurde mir mitgetheilt, daß ich unter die Zahl

derjenigen Reisenden eingeschrieben sei, die mit dem Transporte um 4 Uhr

von Suez abreisen würden.

Ich hätte also Zeit genug gehabt, einiger Nachtruhe zu pflegen. Da aber

vor der Abreise der früher angekommenen Gäste auf's Schiff keine Zimmer

mit frischen Betten zu bekommen waren, und das Ausruhn auf Bänken oder

aneinander gesetzten Stühlen, dem sich manche überließen, mir nicht

behagte, so zog ich es vor, dem Gewühle des Hotels zu entfliehen und

ungeachtet der Kälte und der Cholera, meine Zeit auf Spaziergänge durch

die Stadt zu verwenden.

So glühend die Hitze ist, welche die Sonnenstrahlen über Tag auf der

Oberfläche von Sand und Fels hervorrufen, so groß ist die Abkühlung der

starren Wüste des Nachts. Die Kälte war daher empfindlich und ich

bedauerte, meine leichte, indische Kleidung nicht sogleich mit wärmerer,

europäischer Bedeckung verwechseln zu können. Der Mond schien so hell

durch die heitre Wüstenluft herab, daß auch im Schatten der Mauern alle

Gegenstände deutlich sichtbar waren. Die Todtenstille, in welcher die

Stadt dalag, machte einen tiefen Eindruck auf mich, der ich so eben erst

das lärmerische, von Leben wimmelnde Gasthaus verlassen hatte. Ich sah

auf dem Kai und in den benachbarten Straßen Hunderte von plumpen Massen

liegen, die mit den Mauern der Gebäude und dem Sande, woraus der Boden

bestand, so vollkommen ein und dieselbe fahlgraue Farbe hatten, daß ich

sie für Felsblöcke oder große Waarensäcke hielt. Zwischen ihnen waren

hier und da pyramidenförmige oder längliche Gestalten von völlig weißer

Farbe sichtbar, die wie Gespenster und schweigsam wie diese, hin- und

herschlichen. -- Alles war still. -- Man konnte kein Athmen, kein

Geräusch hören, und erst als ich mich mitten unter jenen plumpen

»Felsblöcken« oder »Säcken« befand und als lange, gebogene Körper, wie

krumme Baumstämme, mir zur Seite und höher, als ich selber war,

emporragten, da erkannte ich erst, daß jene schleichenden Gestalten

Beduinen mit ihren weißen Mänteln waren, aus deren Kappe oben ein

schwarzer Bart und zwei funkelnde Augen hervorguckten, -- und ich

erschrak fast, als einer von jenen lang emporgereckten Körpern an seiner

Spitze anfing, sich langsam zu bewegen und mir -- einen ~Kopf~ zudrehte,

mit Augen darin und einem käuenden Gebiß -- -- --; ich schritt zwischen

~Kameelen~, dem Bilde der Geduld, dahin. Diese Thiere, Dromedare oder

einbucklige Kameele,[36] lagen in der That eben so unbeweglich wie

Felsblöcke im Sande hingestreckt, und der einzige Theil ihres Körpers,

an dem man zuweilen eine leise Bewegung spüren konnte, war der Kopf, den

sie langsam zur Seite drehten, wenn ein Araber oder ein fremder

Reisender vorüberschlich. Man hätte dann diesen so unverhältnißmäßig

kleinen Kopf, wenn er sich auf dem ungeheuer langen Halse nach einer

Seite zu bewegte und sich ~allein~ bewegte, während kein andres Glied

des Körpers Zeichen von Bewegung gab, leicht für einen ganz andern

Gegenstand, für ein Thier an und für sich selbst, oder auch für eine

Windfahne halten können.

Ich wandelte durch die engen Straßen zwischen den Häusern dahin, die

schmutzig-grau oder bräunlich, wie der Sand des Bodens, sind, platt von

oben, kahl und einförmig an ihren Wänden, die aber durch ihre kleinen,

sehr vereinzelten, regellos angebrachten und dann noch gewöhnlich mit

Gitterwerk geschlossenen Fensteröffnungen ein fremdes, geheimnißvolles

Vorkommen erhalten. Manche Gassen sind so eng, daß nicht zwei Menschen

neben einander gehen können. Die Häuser sahen aus, wie aus der Wüste

herausgewachsene Erd- oder Felsstücke, von kubisch-plattgedrückter Form

und ihre Vereinigung zu einem Ganzen glich einer platten Bergmasse,

durch welche man schmale, sich regellos durchkreuzende Gassen

hindurchgehauen hat. Alles war kahl und staubig. Nur hier und da blickte

aus dem innern Hofraume, deren ein jedes größere Haus einen hat, eine

Dattelpalme hervor und in dem Hintergrunde einer schmalen Gasse machte

sich zuweilen die weiße, unheimliche Gestalt eines Beduinen kenntlich,

die schnell hinter der Ecke verschwand. Sonst war Alles einförmig und

bewegungslos. -- Nackte äußere Wände der Häuser, mit kleinen

vergitterten Gucklöchern, -- viereckige innere Hofräume, nach welchen

die Fensteröffnungen hingerichtet sind, -- Cisternen in diesen

Höfen, -- hier und da die Minaret's einer Moskee, ähnlich den

cylindrischen Schornsteinen europäischer Fabriken, -- platte

Dächer -- Alkoran und -- Harem! -- das sind hier unzertrennliche Sachen.

Auf meinem Spaziergange durch dieses Chaos, diesen regellosen und

schmutzigen Schutthaufen von Mauern, (als solcher erscheint die Stadt dem

Reisenden auf den ersten Blick) -- empfanden auch meine Geruchsnerven den

bündigen und anhaltenden Beweis, daß das Wort ~schmutzig~ kein unverdientes

Prädikat von Suez sei. Denn Kothhaufen und todte Ratten waren aller Ecken

zu sehen, halb verfaulte Kadaver von Eseln lagen hier und da umher, sogar

ein todtes Kameel zwang mich zur Rückkehr aus einer von den engen Gassen,

die es ganz versperrte, -- vielleicht lagen auch menschliche Leichen, die

an der Cholera gestorben waren, noch unbegraben in den Häusern, oder nur

lose verscharrt unter dem Sande, -- und ein gräulicher, allerwidrigster,

~süß-fauler~ Gestank erfüllte, als ein nicht unpassender Duft für das

Heimathland der ~Pest~, -- weit und breit alle Räume der Stadt.

Doch hatte die Landschaft und Stadt mit der eigenthümlichen Bauart ihrer

Häuser, mit ihren Kameel- und Beduinengestalten, ihren regellos

aufgehäuften Transportwaaren und Kisten und eben so regellos

umhergestellten zweirädrigen Karren, und mit ihrem klosterartig

abgesonderten Hotel, worin mehr als 300 Fremdlinge durch einander

wogten, -- so wie sie da lag bei nächtlicher Weile, hell vom Mond

beschienen, -- einen, wo nicht schönen, doch desto eigenthümlichern

Reiz.

Für unsere Bagage brauchten wir nicht zu sorgen; diese wurde ohne unser

Zuthun an's Land geschafft und auf Kameelen durch die Wüste

transportirt. In den Wagen aber, während der Reise durch die Wüste, war

es den Passagieren nicht erlaubt, mehr als ein ganz ~kleines~ Päckchen,

so viel nämlich ein Jeder unter der Bank zwischen seinen Füßen verbergen

konnte, bei sich zu behalten, und ich war froh, daß mir meine

Wagengefährten zugestanden, mein Barometer mitzunehmen. Die Wagen, die

sich auf zwei Rädern bewegen, sind auf allen Seiten mit Fenstern

versehen, die man nach Belieben aufschieben oder schließen kann und

haben in ihrem Innern für sechs Reisende Platz, enthalten nämlich zwei

seitliche Bänke, auf deren jeder drei Personen, also einander gegenüber,

Gesicht gegen Gesicht, zu sitzen kommen, -- die Räume sind aber so eng,

daß man des Gepäcks wegen, wovon ein Jeder gern so viel wie möglich

mitnimmt, sehr gedrängt sitzt. Die Thüröffnung befindet sich also auf

der hintern Seite, zu welcher man auf einer Art von Treppe hinansteigt.

Endlich war der größte Theil der Nacht verflossen und die Zeit unsrer

Erlösung aus Suez rückte heran. Ich glaube, es war der dritte Transport,

mit dem ich befördert wurde und der aus vier Wagen bestand. Es war 4 Uhr

in dem Morgen des 12ten October, als wir das öde Suez verließen und von

Staubwolken umhüllt, hinein in die noch ödere Wüste rollten. Einem jeden

Wagen wurden vier tüchtige arabische Pferde vorgespannt, und diese

flogen mit uns in vollem Galopp dahin.

»Todt und starr liegt die Wüste hingestreckt, wie die nackte Felsrinde

eines verödeten Planeten«.[37] --

Dies würde eine passende Inschrift sein für die Pfeiler des offenen

Thores von Suez, durch welches man in die Wüste hineinfährt. Denn je

mehr der Tag graute, desto deutlicher und abschreckender zeigte sich die

Wüste in ihrer ganzen, traurigen Öde. Sie bestand bald nur aus feinem,

beweglichen Sande, in welchen die Räder tief einschnitten, dann keuchten

die Pferde, -- bald aus gröberm oder mit Steingereibsel vermengtem

Sand, -- bald herrschte das Steingereibsel (kleine Felstrümmer, meistens

abgerundet, in der Form von Geschieben, die hier und da bis zu einem Fuß

Dicke anwuchsen,) vor, dann rollten die Wagen leichter darüber hin und

flogen nur zuweilen, wenn die Räder auf einen der größern Steine

stießen, einen kleinen Fuß hoch oder anderthalb in die Höhe, um uns

durch einen zeitig angebrachten sanften Stoß vor zu großer Schläfrigkeit

zu bewahren; -- bald war die Wüste vollkommen horizontal, -- bald

wellenförmig gehoben und gesenkt, ja hier und da hüglig,

dünenartig, -- aber überall war sie gleich dürr.

Kahl, nackt, öde, todt, starr, aller Dammerde entblößt, allen

Pflanzenwuchses beraubt, ohne Wasser, ohne Bewegung, ohne Leben, voll

Sand, voll Staub, glühend heiß, verschmachtend, einförmig, unendlich,

ermüdend für's Auge, trostlos für's Herz! -- ~das~ ist die Wüste.

Rückreise von Java nach Europa mit der sogenannten englischen Überlandpost im September und October 1848 · 第 9 / 14 段