schmalen Bucht von Suez und erblickten Land zu beiden Seiten, nämlich links
in der Morgensonne, bräunlich-gelb und hell, die Bergketten Egypten's und
rechts, noch in tiefem Schatten liegend und bräunlich-dunkel, den Berg
~Sinai~ -- ~Horeb's Höhen~! Dieses Sinai-Gebirge, oder besser, diese
Bergketten, wovon nur ein kleiner Theil, Sinai und Horeb, oder Dschebel
Musa, d. i. Mose-Berg, genannt wird, zogen sich in mehren alternirenden
Reihen unabsehbar weit hinter einander hin und hatten einen eben solchen
gezähnten, zackig-zerfressenen Saum, wie alle früher von uns gesehenen.
Obgleich wir keinen Küstensaum an ihrem Fuße zu erkennen vermochten, also
weiter von ihnen entfernt waren, so erschienen sie doch doppelt so hoch,
als die egyptischen Bergketten zu unsrer Linken in Westen, die uns
näher lagen und vor denen sich ein flaches, sandiges Vorland, eine
Küstenterrasse, hinzog. -- Fig. 15 stellt einen Theil der Bergketten auf
der Halbinsel Sinai, in der ausgezackten Form ihres Saumes ~getreu~
nachgeahmt, dar. -- Schon seit gestern Abend war es merkbar kühler geworden
und jetzt wehte aus einer Richtung, die unserm Cours direkt entgegengesetzt
war, nämlich aus Nord-Nord-West, also vom mittelländischen Meere her, ein
ziemlich starker Wind, der wenigstens in Vergleich mit der Backofengluth,
die wir an den vorhergehenden Tagen und erst gestern noch ausgestanden
hatten, ~kalt~ zu nennen war. Freudig begrüßten wir diesen kühlen, ich
möchte sagen, europäischen Wind, als das Zeichen unsrer baldigen Erlösung
aus dem glühenden Tropenklima und unsrer Annäherung an das Vaterland.
Um 7-1/2 Uhr befanden wir uns einem Theil der Küste, auf der Halbinsel
Sinai, gegenüber, der wandartig steil emporstieg und ein sonderbares,
zackig-geschupptes Ansehn hatte, so wie ich es in Fig. 12 dargestellt
habe. Alle Schuppen liefen nach oben spitz zu und vereinigten sich in
eine Anzahl ähnlich gestalteter, nur größerer Hauptabtheilungen oder
Hauptschuppen, zwischen denen kluftförmige, tiefe Zwischenräume,
zurückspringende Theile der Wand lagen, und diese Hauptabtheilungen
liefen auf dem gezähnten Kamme der Wand in die höchsten Spitzen aus. Die
Küstenberge der Sinai-Halbinsel aber, die später, nord-westwärts, auf
diese folgten, wurden niedriger; sie gestalteten sich um 9 und 10 Uhr,
wie in Fig. 13 abgebildet ist und stellten uns die eigenthümliche
Configuration ~neptunischer~ Gebirge, im Gegensatz zu jenen
plutonisch-vulkanischen, die man in Fig. 12 erblickt, recht anschaulich
vor. Denn sie bildeten nun (Fig. 13) einen ebenen, nicht ausgezackten,
nur sanft gehobenen oder gesenkten Saum; sie waren oben dunkel gefärbt,
unten aber, und mehr als zur Hälfte hinan, mit Sand überschüttet, der
eine helle, gelblich-bräunliche Farbe hatte, glatt von Oberfläche war
und sich auch noch an den Wänden selbst, in nach oben zu schmäler
werdenden Rippen, hinanzog. Offenbar bestanden diese so geformten
Gebirge (Fig. 13, 14) aus ~geschichtetem~ Gestein, sie waren entweder
horizontal-liegende oder nur sanft einfallende Flötzbildungen, die
seewärts steil abgebrochene, jedoch nicht so hohe, bis zur halben Höhe
herauf mit Sand überschüttete und von diesem Sand geglättete, Wände
bildeten.
Und ~nur~ solche neptunische Berg~platten~, die sich auf den ersten
Blick von jenen plutonischen Fels~kämmen~ unterschieden, sahen wir nun
noch, besonders an den Küsten der östlichen Seite, der Sinai-Halbinsel,
im Verlaufe des heutigen Tages, während wir nord-nord-westwärts immer
tiefer hinein in den Golf von Suez dampften und während uns ein immer
stärkerer Wind entgegenblies, nämlich die kühlere Luft, welche vom
mittelländischen Meere zuströmte, um die luftverdünnteren Räume entlang
den arabischen Küsten auszufüllen.
Die beiderseitigen Küsten traten immer näher zusammen, der Golf wurde
schmäler, die Gebirge niedriger und der Sand fing immer mehr an
vorzuherrschen. Die Bergplatten, die wir um 2 Uhr auf der egyptischen
Seite erblickten, waren deutlich terrassirt, bestanden also aus
geschichteten Massen, die sich nach dem Ufer des Meerbusens zu in mehren
Absätzen herabsenkten. Auch auf der Halbinsel rechts waren die
Bergmassen deutlich geschichtet und viel heller gefärbt, selbst
~weißlich~, -- jedoch wahrscheinlich nur deßhalb, weil die dunklern
Abhänge der Berge auf der linken Seite schon im Schatten lagen. -- Um 4
Uhr bemerkten wir auf der linken Seite einen weiten, flachen
Zwischenraum zwischen den Gebirgen, dann aber nordwärts von diesem erhob
sich wieder ein höherer sargartiger Rücken. Auf der rechten (Sinai-)
Seite trat nur hier und da noch eine geschichtete Gebirgsscholle, wie
Fig. 14, bis zum Meere hervor und senkte sich dann schroff, mauergleich,
zum Gestade herab, in allen übrigen Gegenden sah das Auge nun nichts
mehr, wie Sandflächen oder niedrige, weit ausgebreitete Sandrücken, die
in ihrer licht-falben Schminke, von aller Vegetation entblößt, glatt,
kahl, einförmig und öde dalagen. -- Einige von den gestreiften,
geschichteten Wänden der Bergplatten waren bis oben hinauf mit Sand
überschüttet, andere nur bis zu drei Viertel oder, wie Fig. 14, nur bis
zur Hälfte und dann waren sie durch ihre dunklere Farbe und gestreifte
Beschaffenheit schon aus der Ferne von der geglätteten Oberfläche der
Sandmassen zu unterscheiden.
So sahen wir fast Nichts mehr wie Sand, -- dürren Sand, der durch seine
helle Farbe, da, wo ihn die Sonne beschien, die Augen blendete und die
Frage hervorrief: ist ~das~ der gefeierte Anblick Arabien's? -- sieht so
Egypten aus?
Um 7-1/2 Uhr des Abends (den 11ten October) wurde die Küste auf der
rechten, östlichen Seite noch niedriger, flacher, -- auf der linken,
egyptischen Seite aber sahen wir vor uns noch eine, nämlich die letzte,
nördlichste von jenen Landplatten, die von West, oder Süd-West, her
schief ansteigen, in's Meer vorspringen und sich dann, nach Osten zu
steil, terrassenförmig hinabsenken.
Eine halbe Stunde später ließen wir im nördlichsten Theile der Bucht
unsern Anker fallen, direkt in Süden der Landenge von Suez; wir waren
aber noch drei englische Meilen vom Ufer, das die gleichnamige Stadt
trägt, entfernt, weil der untiefe Korallengrund des Meeres allen größern
Schiffen die weitere Annäherung verbietet.
Ich habe bis jetzt bei den verschiedenen Ländern und Gegenden, die ich
auf dieser Reise Gelegenheit hatte, zu besuchen, die ~Literatur~
angegeben, so weit mir diese bekannt geworden war. -- Ich that dies zur
Bequemlichkeit derjenigen Leser, welche sich über diese Länder, an denen
ich gewissermaßen nur vorübergestreift bin, gründlicher zu unterrichten
wünschen möchten, und brachte ihnen deßhalb die durch den Druck bekannt
gemachten ~hauptsächlichsten~ Werke, die von diesen Ländern handeln,
kürzlich in Erinnerung. -- Wollte ich aber eben so in Beziehung auf
Arabien und Egypten handeln, so könnte ich einen halben Bogen voll
schreiben, allein mit den Titeln der Werke, welche über diese viel
bereisten, besser als Indien bekannten, Europa nahe liegenden Gegenden
des Erdballs in englischer, französischer und deutscher Sprache
erschienen sind.
Befinden wir uns doch hier auf dem klassischen Boden, den, außer noch
frühern Reisenden, von 1763--1845, so viele tüchtige Forscher
durchkreuzt haben, -- in einem Lande, das der Schauplatz der
Untersuchungen war eines ~Niebuhr~, ~Seetzen~, ~Burckhardt~, ~Rüppell~,
~Ehrenberg und Hemprich~, ~Laborde~, ~Wellstedt~, ~Schubert~,
~Robinson~, ~Russegger~, ~Lepsius~! -- und das noch jährlich viele
Reisende durchkreuzen, die zum Theil nur zu ihrem Vergnügen den Sinai
ersteigen oder aus Egypten bis nach Nubien vordringen.
Ich will mich daher von Suez an auf die kurze Erzählung meiner Reise
beschränken und nur die Erscheinungen, die ich selbst beobachtete, so
wie sie flüchtig an mir vorüber flogen, mittheilen.
Ich setzte mich bald nach unsrer Ankunft in einen kleinen Kahn, den zwei
Araber fortruderten. Das Meer war bis auf meilenweite Entfernungen vom
Ufer so seicht, daß ich im Mondschein überall den weißen Korallengrund
sehn und nachher selbst mit meinem Spazierstocke auf den Meeresboden
aufstoßen konnte.
Wir kamen dann auch erst eine gute Stunde später an's Land, -- der
Anblick aber, der sich mir daselbst, in der Nacht vom 11ten zum 12ten
October, darbot, war so höchst eigenthümlich, so bizarr, die ganze Scene
war so spukhaft und so voll romantischer Contraste, -- daß sie nimmer
wieder aus meiner Erinnerung verschwinden wird.
Mein Kahnführer setzte mich an einem großen, zweistöckigen Gebäude ab,
das noch zwei Flügel hatte und dessen Hauptfront an's Meer gränzte; hier
stieg ich auf breiten Treppen hinan zu einer überdeckten Galerie und
gelangte aus dieser durch einen Thoreingang in den innern, viereckigen
Hofraum des ~Hotel's von Suez~, das seiner Form nach eher einem Kloster,
als einem Gasthause glich. Hier war Alles voll Leben und
Menschengewimmel. -- Wir waren fast anderthalbhundert Passagiere, die
wir uns ~aus~schifften und aus Indien im Hotel ankamen, -- 160 andere
aber, aus Europa angekommene, warteten schon im Hotel und standen
reisefertig da, oder waren mit dem Einpacken ihrer Güter und dem Ordnen
ihrer Koffer beschäftigt, um sich auf dem ~Bentinck~ ~ein~zuschiffen und
~nach~ Indien zu gehen. Also, außer den Dienern des Hotels, den
Officianten, Gepäckbesorgern, Lastträgern, Kahnführern, wimmelten und
flutheten hier mehr als 300 Reisende, deren Interessen sich regelrecht
durchkreuzten, weil die eine Hälfte derselben gerade dahin wollte, wo
die andere herkam, durch einander. Dazu kam noch, daß die Cholera, die
in Cairo aufgehört hatte zu wüthen, hier noch täglich ihre Opfer fraß
und daß ein Jeder verlangte, ~so schnell wie möglich~ von hier
wegzukommen, nämlich anderthalbhundert vom Hotel auf's Schiff und
anderthalbhundert, so schnell wie möglich, vom Schiffe in's Hotel und
aus dem Hotel nach Cairo. Hier hatte Keiner Lust, zu bleiben, ein Jeder
hatte Eile, das Wachtwort aller war nur »für sich selbst zu sorgen,« und
so sah man in dem engen Raume des Hotels das Schauspiel von
anderthalbhundert Doppel-Interessen, die mit einander in Conflict
geriethen. So zahlreich die Zimmer des Hotels auch waren, so hatte die
erste Hälfte der Reisenden, die nach Indien verlangten, doch bereits
alle vorhandenen Räume in Beschlag genommen; ja, wenn noch leere Zimmer
vorhanden gewesen wären, so würde es an Dienern gefehlt haben, um sie
dem Reisenden anzuweisen, da das Personal dieser letztern der
Dienerschaft weit überlegen war. Man mußte ~selbst~ suchen und nehmen,
was man haben wollte. Wenn die Passagiere eine Räuberbande gewesen
wären, so hätten sie das Hotel nebst der ganzen Stadt Suez bequem
ausplündern können. Als ich in den weiten Corridoren des Gebäudes
herumschritt, dessen weiße Gemäuer von dem Mondschein hell beleuchtet
waren, traf ich wirklich leere Zimmer an, die von den Reisenden, die
sich auf's Schiff begeben hatten, schon verlassen waren. In einigen
brannten auf Waschtafeln, oft mitten zwischen Bettvorhängen, noch
Kerzen, welche der vorige Bewohner in der Eile vergessen hatte,
auszulöschen, und in andern lagen zwischen nur halb erloschenen, noch
glimmenden Kerzen die Betten auf der Flur. -- Malerische
Unordnung! -- In dem allgemeinen Gelag- oder Speisezimmer, das in der
untern Etage war, konnte man Wein, Bier, Milch, Kaffee, Thee, Bouillon,
Brot u. dergl. erhalten, aber hier war das Gedränge derjenigen, die
anderwärts keinen Platz hatten finden können, so groß, daß sich ein
Jeder selbst nehmen mußte, was er haben wollte, und daß die Kränklichen
oder Müden der Passagiere froh waren, in irgend einer Ecke noch eine
unbesetzte Bank oder einen Stuhl anzutreffen, um daselbst ausruhn zu
können. Draußen, im Freien, war es empfindlich kalt und man hörte viele
von denen mit den Zähnen klappern, die aus Indien gekommen waren.
In demselben Gebäude befand sich das Bureau der Landmail-Beamten, wo
diejenigen Reisenden, die, wie ich, nicht bis England Passage genommen
hatten und deßhalb nur bis Suez hatten bezahlen können, sich für 12 Pf.
Sterling mit einem Passagescheine bis nach Alexandrien versehen mußten.
Auch hier war das Gedränge groß und die Bänke im Vorzimmer waren mit
Reisenden besetzt, die sich sitzend oder liegend einige Ruhe zu
verschaffen suchten. -- In dem kahlen Sandgrunde des Hofraumes lagen
Kisten und Waarenballen in wilder Unordnung umher und außerhalb des
Gebäudes lagen sie nach dem Strande zu in ganzen Bergen auf einander
gestapelt.
Der Transport der Reisenden durch die Wüste geschieht von hier in
zweirädrigen Wagen, in deren jedem sechs Mann Platz haben. Damit sich
die Zahl der Reisenden in den kleinen Stationen, die in der Wüste
liegen, nicht zu sehr anhäufe, so werden jedes Mal nur vier Wagen
zugleich befördert und die verschiedenen Züge oder Transporte, deren
Zahl sich nach der Zahl der Reisenden regelt, folgen einander in
Zwischenzeiten von 1-1/2--2 Stunden. Die, welche Passage bis England
genommen haben, haben den Vorrang und von den übrigen werden Diejenigen
zuerst befördert, die sich am Bureau von Suez zuerst gemeldet haben und
sich zuerst in die Liste haben einschreiben lassen. Da ich zu keinen von
beiden gehörte, so wurde mir mitgetheilt, daß ich unter die Zahl
derjenigen Reisenden eingeschrieben sei, die mit dem Transporte um 4 Uhr
von Suez abreisen würden.
Ich hätte also Zeit genug gehabt, einiger Nachtruhe zu pflegen. Da aber
vor der Abreise der früher angekommenen Gäste auf's Schiff keine Zimmer
mit frischen Betten zu bekommen waren, und das Ausruhn auf Bänken oder
aneinander gesetzten Stühlen, dem sich manche überließen, mir nicht
behagte, so zog ich es vor, dem Gewühle des Hotels zu entfliehen und
ungeachtet der Kälte und der Cholera, meine Zeit auf Spaziergänge durch
die Stadt zu verwenden.
So glühend die Hitze ist, welche die Sonnenstrahlen über Tag auf der
Oberfläche von Sand und Fels hervorrufen, so groß ist die Abkühlung der
starren Wüste des Nachts. Die Kälte war daher empfindlich und ich
bedauerte, meine leichte, indische Kleidung nicht sogleich mit wärmerer,
europäischer Bedeckung verwechseln zu können. Der Mond schien so hell
durch die heitre Wüstenluft herab, daß auch im Schatten der Mauern alle
Gegenstände deutlich sichtbar waren. Die Todtenstille, in welcher die
Stadt dalag, machte einen tiefen Eindruck auf mich, der ich so eben erst
das lärmerische, von Leben wimmelnde Gasthaus verlassen hatte. Ich sah
auf dem Kai und in den benachbarten Straßen Hunderte von plumpen Massen
liegen, die mit den Mauern der Gebäude und dem Sande, woraus der Boden
bestand, so vollkommen ein und dieselbe fahlgraue Farbe hatten, daß ich
sie für Felsblöcke oder große Waarensäcke hielt. Zwischen ihnen waren
hier und da pyramidenförmige oder längliche Gestalten von völlig weißer
Farbe sichtbar, die wie Gespenster und schweigsam wie diese, hin- und
herschlichen. -- Alles war still. -- Man konnte kein Athmen, kein
Geräusch hören, und erst als ich mich mitten unter jenen plumpen
»Felsblöcken« oder »Säcken« befand und als lange, gebogene Körper, wie
krumme Baumstämme, mir zur Seite und höher, als ich selber war,
emporragten, da erkannte ich erst, daß jene schleichenden Gestalten
Beduinen mit ihren weißen Mänteln waren, aus deren Kappe oben ein
schwarzer Bart und zwei funkelnde Augen hervorguckten, -- und ich
erschrak fast, als einer von jenen lang emporgereckten Körpern an seiner
Spitze anfing, sich langsam zu bewegen und mir -- einen ~Kopf~ zudrehte,
mit Augen darin und einem käuenden Gebiß -- -- --; ich schritt zwischen
~Kameelen~, dem Bilde der Geduld, dahin. Diese Thiere, Dromedare oder
einbucklige Kameele,[36] lagen in der That eben so unbeweglich wie
Felsblöcke im Sande hingestreckt, und der einzige Theil ihres Körpers,
an dem man zuweilen eine leise Bewegung spüren konnte, war der Kopf, den
sie langsam zur Seite drehten, wenn ein Araber oder ein fremder
Reisender vorüberschlich. Man hätte dann diesen so unverhältnißmäßig
kleinen Kopf, wenn er sich auf dem ungeheuer langen Halse nach einer
Seite zu bewegte und sich ~allein~ bewegte, während kein andres Glied
des Körpers Zeichen von Bewegung gab, leicht für einen ganz andern
Gegenstand, für ein Thier an und für sich selbst, oder auch für eine
Windfahne halten können.
Ich wandelte durch die engen Straßen zwischen den Häusern dahin, die
schmutzig-grau oder bräunlich, wie der Sand des Bodens, sind, platt von
oben, kahl und einförmig an ihren Wänden, die aber durch ihre kleinen,
sehr vereinzelten, regellos angebrachten und dann noch gewöhnlich mit
Gitterwerk geschlossenen Fensteröffnungen ein fremdes, geheimnißvolles
Vorkommen erhalten. Manche Gassen sind so eng, daß nicht zwei Menschen
neben einander gehen können. Die Häuser sahen aus, wie aus der Wüste
herausgewachsene Erd- oder Felsstücke, von kubisch-plattgedrückter Form
und ihre Vereinigung zu einem Ganzen glich einer platten Bergmasse,
durch welche man schmale, sich regellos durchkreuzende Gassen
hindurchgehauen hat. Alles war kahl und staubig. Nur hier und da blickte
aus dem innern Hofraume, deren ein jedes größere Haus einen hat, eine
Dattelpalme hervor und in dem Hintergrunde einer schmalen Gasse machte
sich zuweilen die weiße, unheimliche Gestalt eines Beduinen kenntlich,
die schnell hinter der Ecke verschwand. Sonst war Alles einförmig und
bewegungslos. -- Nackte äußere Wände der Häuser, mit kleinen
vergitterten Gucklöchern, -- viereckige innere Hofräume, nach welchen
die Fensteröffnungen hingerichtet sind, -- Cisternen in diesen
Höfen, -- hier und da die Minaret's einer Moskee, ähnlich den
cylindrischen Schornsteinen europäischer Fabriken, -- platte
Dächer -- Alkoran und -- Harem! -- das sind hier unzertrennliche Sachen.
Auf meinem Spaziergange durch dieses Chaos, diesen regellosen und
schmutzigen Schutthaufen von Mauern, (als solcher erscheint die Stadt dem
Reisenden auf den ersten Blick) -- empfanden auch meine Geruchsnerven den
bündigen und anhaltenden Beweis, daß das Wort ~schmutzig~ kein unverdientes
Prädikat von Suez sei. Denn Kothhaufen und todte Ratten waren aller Ecken
zu sehen, halb verfaulte Kadaver von Eseln lagen hier und da umher, sogar
ein todtes Kameel zwang mich zur Rückkehr aus einer von den engen Gassen,
die es ganz versperrte, -- vielleicht lagen auch menschliche Leichen, die
an der Cholera gestorben waren, noch unbegraben in den Häusern, oder nur
lose verscharrt unter dem Sande, -- und ein gräulicher, allerwidrigster,
~süß-fauler~ Gestank erfüllte, als ein nicht unpassender Duft für das
Heimathland der ~Pest~, -- weit und breit alle Räume der Stadt.
Doch hatte die Landschaft und Stadt mit der eigenthümlichen Bauart ihrer
Häuser, mit ihren Kameel- und Beduinengestalten, ihren regellos
aufgehäuften Transportwaaren und Kisten und eben so regellos
umhergestellten zweirädrigen Karren, und mit ihrem klosterartig
abgesonderten Hotel, worin mehr als 300 Fremdlinge durch einander
wogten, -- so wie sie da lag bei nächtlicher Weile, hell vom Mond
beschienen, -- einen, wo nicht schönen, doch desto eigenthümlichern
Reiz.
Für unsere Bagage brauchten wir nicht zu sorgen; diese wurde ohne unser
Zuthun an's Land geschafft und auf Kameelen durch die Wüste
transportirt. In den Wagen aber, während der Reise durch die Wüste, war
es den Passagieren nicht erlaubt, mehr als ein ganz ~kleines~ Päckchen,
so viel nämlich ein Jeder unter der Bank zwischen seinen Füßen verbergen
konnte, bei sich zu behalten, und ich war froh, daß mir meine
Wagengefährten zugestanden, mein Barometer mitzunehmen. Die Wagen, die
sich auf zwei Rädern bewegen, sind auf allen Seiten mit Fenstern
versehen, die man nach Belieben aufschieben oder schließen kann und
haben in ihrem Innern für sechs Reisende Platz, enthalten nämlich zwei
seitliche Bänke, auf deren jeder drei Personen, also einander gegenüber,
Gesicht gegen Gesicht, zu sitzen kommen, -- die Räume sind aber so eng,
daß man des Gepäcks wegen, wovon ein Jeder gern so viel wie möglich
mitnimmt, sehr gedrängt sitzt. Die Thüröffnung befindet sich also auf
der hintern Seite, zu welcher man auf einer Art von Treppe hinansteigt.
Endlich war der größte Theil der Nacht verflossen und die Zeit unsrer
Erlösung aus Suez rückte heran. Ich glaube, es war der dritte Transport,
mit dem ich befördert wurde und der aus vier Wagen bestand. Es war 4 Uhr
in dem Morgen des 12ten October, als wir das öde Suez verließen und von
Staubwolken umhüllt, hinein in die noch ödere Wüste rollten. Einem jeden
Wagen wurden vier tüchtige arabische Pferde vorgespannt, und diese
flogen mit uns in vollem Galopp dahin.
»Todt und starr liegt die Wüste hingestreckt, wie die nackte Felsrinde
eines verödeten Planeten«.[37] --
Dies würde eine passende Inschrift sein für die Pfeiler des offenen
Thores von Suez, durch welches man in die Wüste hineinfährt. Denn je
mehr der Tag graute, desto deutlicher und abschreckender zeigte sich die
Wüste in ihrer ganzen, traurigen Öde. Sie bestand bald nur aus feinem,
beweglichen Sande, in welchen die Räder tief einschnitten, dann keuchten
die Pferde, -- bald aus gröberm oder mit Steingereibsel vermengtem
Sand, -- bald herrschte das Steingereibsel (kleine Felstrümmer, meistens
abgerundet, in der Form von Geschieben, die hier und da bis zu einem Fuß
Dicke anwuchsen,) vor, dann rollten die Wagen leichter darüber hin und
flogen nur zuweilen, wenn die Räder auf einen der größern Steine
stießen, einen kleinen Fuß hoch oder anderthalb in die Höhe, um uns
durch einen zeitig angebrachten sanften Stoß vor zu großer Schläfrigkeit
zu bewahren; -- bald war die Wüste vollkommen horizontal, -- bald
wellenförmig gehoben und gesenkt, ja hier und da hüglig,
dünenartig, -- aber überall war sie gleich dürr.
Kahl, nackt, öde, todt, starr, aller Dammerde entblößt, allen
Pflanzenwuchses beraubt, ohne Wasser, ohne Bewegung, ohne Leben, voll
Sand, voll Staub, glühend heiß, verschmachtend, einförmig, unendlich,
ermüdend für's Auge, trostlos für's Herz! -- ~das~ ist die Wüste.