Vorn am Bugspriet flogen Wolken von Lichtschaum halb kreisend, zur

Seite -- und am Ruderkasten war das schäumende Wasser so hell, daß ein

Lichtschein aus dem Meere heraufgeworfen wurde und die eine Seite des

Bootes, das zur Seite des Schiffes hing, erhellte, gleichsam als wenn der

Mondschein aus den Wellen heraufschiene, -- aber außer dem Schaume

leuchtete ~Nichts~ und nirgends konnte man helle Körper, nirgends Funken

entdecken, die man in andern Nächten oftmals durch das Wasser blitzen

sieht; -- hinter den Räderkasten, zur Seite des Schiffes glühte ein

~schnee~weißes Feuer, ein Feuer, das nur wenig in's Grünlich-Blaue

überging, etwa so, wenn man ein helles Licht durch eine Eisscholle scheinen

läßt, -- von da kräuselte das bewegte Wasser in Ringen und Streifen weiter,

vereinigte sich hinter dem Schiff mit dem der andern Seite und bildete dann

noch weit, weit hinaus hinter unserm Dampfer, der schnell vorwärts eilte,

einen langen, so hell wie Schnee glänzenden, aber von vielen pechschwarzen

Flecken unterbrochenen Schweif -- gleichsam eine Milchstraße, deren

Sternenschimmer von schwarzen, leeren Räumen, durch welche man in die

unendliche Tiefe hinaus oder hinab blickt, unterbrochen ist, -- und rund um

diesen Schweif hinter dem Schiffe und dem Lichtsaum zur Seite desselben,

umgaukelten und umflimmerten uns noch, bis an den fernsten Horizont jene

Millionen von schwimmenden Laternen! -- Es war unbeschreiblich schön und

eigenthümlich.

So fuhren wir die ganze Nacht lang dahin durch ein Meer von Licht, das

seinen anfänglichen schneeweißen, nur wenig in's Eisgrüne übergehenden

Schein gegen Mitternacht in einen weiß-gelblichen veränderte.

Diese Erscheinung des weißleuchtenden Schaumes wiederholte sich nur noch

Einmal in der folgenden Nacht (von dem 24sten zum 25sten) nach 12 Uhr,

aber nicht so lebhaft, wie den 23sten und wurde nachher von uns nicht

mehr gesehn.

Wir schifften nun vom 25sten Sept. an noch neun Tage lang durch das

indische Meer und kamen erst in der Nacht vom 3ten October, also nach

einer Fahrt von elf vollen Tagen und sechs Stunden seit unserer Abfahrt

von Point de Galle auf der Rhede von Aden an. Unser Cours war während

dieser Zeit bis nach Aden fast anhaltend West zu Nord, -- der Wind war

Anfangs West und West-Nord-West und erst seit dem 29sten, als wir uns

dem Zwischenraume zwischen Arabien und der Insel Socotora näherten,

vorherrschend Süd-Süd-West oder Süd-West, er wurde aber immer schwächer,

je näher wir dem Lande kamen, -- das Meer immer stiller,

spiegelglatter, -- das Wetter heitrer, ich möchte sagen

~egyptischer~, -- die Wärme aber auch immer drückender. Im rothen Meere

war unser Cours bis Suez fast anhaltend Nord-Nord-West, auch herrschten

dort nord-westliche, sehr schwache, Winde vor. -- Je näher wir der Küste

von Arabien kamen, um so mehr verschwanden auch die kleinsten Wölkchen

aus der Luft, und der feine Regenschauer am 23sten war die letzte

atmosphärische Feuchtigkeit, die wir auf dieser Reise sahen. Von diesem

Tage an sah ich in der indischen See, zu Aden, auf dem rothen Meere und

in Egypten dreißig Tage lang keinen Regentropfen mehr, kein Wölkchen

mehr am stets heitern Himmel und erst am 24sten October, als ich im

mittelländischen Meere war, sah ich wieder Wolken, die sich in einer

langen Reihe an den Gebirgszügen der Insel Candia, dem alten Kreta, bei

übrigens heitrer Luft, gelagert hatten.

Unser Schiff glitt auf dem indischen und rothen Meere so gleichmäßig,

so gestadig dahin, daß man, auf der Mitte des Verdeckes sitzend oder

stehend, nicht mehr glaubte, sich auf einem schwimmenden Körper zu

befinden; das Schiff schien fest zu liegen. -- Aber noch nirgends, und

am allerwenigsten unter dem Äquator (auf Sumatra, Java), hatte ich eine

so drückende Hitze ausgestanden, so ohne alle Erfrischung und Abkühlung,

als unter diesen nördlichen Breiten vom 15ten bis zum 30sten Grade auf

dem ~rothen Meere~.

Nach diesen, meist klimatographischen Bemerkungen, die ich

vorausgeschickt habe, weil sie für die weite Landstrecke von Socotora

bis Alexandria von ~allgemeiner~ Gültigkeit sind, verfolgen wir unsre

Reise und kehren auf unser Schiff zurück.

Wir hatten auf dieser Fahrt seit dem 22sten Sept., an welchem Tage wir

Ceylon verließen, um nach Arabien zu schiffen, kein Land mehr erblickt,

und bekamen zuerst wieder etwas Festes, Trocknes zu sehen, als am 3ten

October, des Mittags um 1 Uhr die Insel Socotora vor uns aus dem Meere

auftauchte.

Fußnoten:

[1] Diese Überfahrt wird Beamten und andern Personen, die dazu empfohlen

sind, vom Commandanten der Seemacht natürlich gratis zugestanden, so daß

die Passagiere, denen die Offiziere erlauben, an ihrer Tafel Theil zu

nehmen, nur 5 Fl. täglich in die Kasse der Menage zu zahlen

haben. -- Ich fand an Bord eine trefflich bestellte Tafel und von den

Herren Offizieren die liebreichste und zuvorkommendste Behandlung.

[2] Leider ist derselbe -- ein Deutscher, der seine Ausbildung auf der

Universität Bonn genossen -- im Laufe des vorigen Jahres gestorben.

~Anm. des Übers.~

[3] Nach der kleinen Insel auf der Rhede von Batavia so benannt, auf

welcher ein Marineetablissement eingerichtet ist. Onrust bedeutet

Unruhe.

[4] Man vergl. Fig. 20, die Abbildung der Insel Pontjang kitjil in der

Bai von Tapanuli.

[5] Gewöhnlich, doch fälschlich Romania genannt.

[6] Zufolge malaischer Chroniken giebt Crawfurd an, daß malaische

Auswandrer aus Menangk[)e]bo auf Sumatra unter Turi Buwana in 1160 den

neuen Staat Udjung Tana und dessen Hauptstadt Singapur (von den

Sanskritwörtern _Singa_ ~Löwe~ und _Pura_ ~Stadt~) gründeten. Der letzte

König, der sich nicht zum Islam bekehren wollte, war Sri Iskander Shah.

Er wurde von dem Kaiser von Modjopaït auf Java bekriegt, in 1253 von

Singapur vertrieben und soll darauf Malaka gestiftet haben. Seit 1253

war Singapur eine Wildniß oder nur der Aufenthalt von Seeräubern (_orang

laut_) bis es sich in 1819 durch Raffles zu seiner jetzigen Größe erhob.

[7] Man sehe diese Sammlungen im Reichs-Museum für Naturgeschichte zu

Leyden.

[8] In manchen _Cabin's_ war nur eine, in manchen waren 4, in den

meisten aber waren zwei Schlafstellen und wo mehre waren, befanden sich

stets zwei übereinander. Es war ein Schiff von 800 Tonnen Last und 80

Pferdekraft.

[9] Nachdem sie schon vor dieser Zeit zweimal, wenn auch nur für kurze

Zeit, im Besitz der Briten gewesen war, nämlich das erste mal in 1795

bis zum Frieden von Amiens, und das zweite mal während des

Continentalkrieges bis 1814.

[10] _Malaka_ (sunda'sch) und _Kamlaka_ (java'sch) ist auf Java der Name

des Bäumchens _Emblica officinalis ¡Gärtn¡_.

[11] Wie C. Ritter sie nennt (Asien _IV_, 1, _p._ 42).

[12] Wenn ~Ward~ u. A. von drei Bergketten sprechen, welche von Süd nach

Nord durch die Insel streichen sollen, so können mit zweien davon nur

Vorgebirge oder Vorgebirgszüge gemeint sein, die eigentlich nur schief

ausgebreitete Rippen der (einzigen) Hauptkette sind. Eine solche,

weniger hohe Vorkette ist unter andern die, worauf wir jene Villa

erblickten.

[13] Einrichtung und Preis der Palankin's ist eben so wie zu Singapur.

[14] _Pulu_: ~Insel~; _Penang_ (_Poön-Penang_ d. i. Baum-Penang) ist der

malai'sche Name der überall in den Dörfern Indien's gepflanzten Palme:

_Areca communis_, welche die beim Betel-(Siri-)kauen gebräuchlichen

Nüsse liefert, also _Pulu-Penang_ eigentlich Betelnußbaum-Insel, von den

Engländern auch Prinz Wales-Insel genannt.

[15] Oder nach dem Siedepunkt des Wassers bestimmte Höhe. -- Wir sahen

am 12ten Abends den Saum der Kette nur in der Entfernung von 47 bis

höchstens 49 geographischen Minuten noch deutlich; hiernach kann er

nicht höher als ~höchstens~ 2000 par. Fuß sein (2121 engl.), weil

bekanntlich (wegen der Rundung der Erde) 2000 Fuß hohe Gegenstände nur

49-1/5 Minuten (12,30 Meilen) weit sichtbar sind.

[16] 1000 Siccaropijen = 1333 holl. Gulden.

[17] Verirrte Landvögel, die einen Ruhepunkt suchen auf dem Schiff und

ermüdet vom Fliegen, sich leicht mit den Händen fangen lassen, sind eine

den Seefahrern gewiß sehr gewöhnliche Erscheinung.

[18] Der Zeitgenossen Alexander's des Großen, Ptolemäus, nach ihm Strabo

etc.

[19] _Hirudo ceylanica ¡Blainv.¡_ (s. unt.)

[20] Auf Java wird Salpeter aus der Erde bereitet, welche den Boden der

Höhlen in tertiären Kalksteinbänken bedeckt. Diese Erde ist aber mit dem

Miste der Fledermäuse vermengt, die schaarenweis in den Höhlen wohnen.

_II._

Von Arabien bis Alexandrien.

Wir befanden uns der östlichsten Spitze von Socotora um 1-1/2 Uhr am

3ten October gegenüber. Wir fuhren bei west- zu nördlichem Cours an der

Nordseite der Insel vorbei, die also zur Linken liegen blieb. Ihre

Spitze stieg zackig-ausgesägt aus dem Meere empor, ging dann aber bald

in den geraden Saum eines langhingezogenen Bergrückens über, der sich in

der Richtung nach Norden wandartig steil herabsenkte. Die obern drei

Viertheile dieser steilen nördlichen Böschung waren dunkel- und das

untere Viertheil weißlich-, hellgefärbt, doch so, daß sich sowohl von

dem obern Theile dunkle Streifen, die das Meeresufer nicht erreichten,

herab-, als auch von dem untern Theile weißliche Streifen hinaufzogen,

die sich bis zum Saume ausstreckten.

Indem wir zwischen 2 und 3 Uhr näher kamen, entfaltete sich diese

verschiedene Beschaffenheit der Insel, die wir anfangs nur der Farbe

nach hatten unterscheiden können, immer deutlicher vor unsern Blicken

und wir erkannten allmählig, daß der dunkle obere Theil aus nackten

Felsmassen und der helle untere nur aus losem Sand bestand. Der erste,

der gewiß drei Viertel des Raumes einnahm, war umbragrau, mit einer

schwachen rostbräunlichen Nüance und der letzte, der nur ein Viertel

des uns sichtbaren Raumes betrug, war weißgrau von Farbe, in's Gelbliche

spielend. ~Alles~, was wir sahen, war vollkommen kahl, von aller

Vegetation entblößt und hatte in seiner dunkel- und weißgestreiften

Färbung, seiner eingerissenen Beschaffenheit, ein sonderbares, ödes,

trauriges Ansehn, -- mir um so fremder, da ich 13 Jahre lang

ununterbrochen in der allerüppigsten Natur geweilt hatte, in einem

Lande, wo alle Felsen, wo die Kraterschlünde selbst bewaldet

sind! -- Hier aber, auf dieser Insel, schien alles organische Leben

erstorben zu sein, -- todt und starr lag sie da -- das Gesicht der

~Wüste~ blickte uns an.

Der obere Saum der Bergmasse schien ohngefähr 1000 Fuß hoch zu liegen.

Er zog sich in einer geraden, ungekerbten Linie hin und senkte sich nach

Norden bis auf die halbe Höhe der ganzen Insel oder noch tiefer, steil

wie eine Mauer herab. Diese Mauer bildet mehr oder weniger deutliche

Vorsprünge und ist offenbar der Bruchrand eines einseitig erhobenen

neptunischen Gebirges, dessen parallele, oft horizontale oder nur

schwach geneigte, zuweilen auch etwas gebogene Schichtung wir deutlich

zu erkennen vermochten. Die Schichten, die von Ost nach West streichen,

fallen also wahrscheinlich nach Süden ein, so daß das Gebirge von seinem

höchsten Saume an eine nach Süden geneigte Platte bilden wird, ähnlich,

wie das Gebirge und eine Küstengegend am rothen Meere, das wir in Fig.

14 abgebildet haben. Obgleich die am meisten vorherrschende Farbe der

Felswände graubraun (umbrabraun) ist, so kommen doch auch sowohl große

weißliche Flecke, als auch deutlich begränzte parallele weiße Streifen

dazwischen vor, die wahrscheinlich Bänke von Kalk oder hellgefärbten

Mergeln oder Thonen sind und zwischen den übrigen dunkleren Schichten

liegen. Das Eigenthümlichste dieses Landes aber sind die hellgefärbten

Sandmassen, welche, durch ihre Bedeckung die Schichten oft ganz

unsichtbar machend, an den Felswänden anliegen. Sie entspringen oftmals

schon ganz oben am Saume als schmale, hervorstehende Leisten, laufen

Stützen gleich herab, werden nach unten zu immer breiter und vereinigen

sich zuletzt zu einem großen Ganzen, das als ein weißliches, sanft

gesenktes Vorland -- dünenartig -- und abwechselnd bald nur den fünften,

bald den vierten, bald den dritten Theil der gesammten Inselhöhe

einnehmend, zwischen dem Meeresufer und dem Fuße der Felswand liegt.

Sehr ähnlich sind viele Küstentheile der Halbinsel Sinai gestaltet, wie

in Fig. 13 abgebildet ist.

Der einspringende, weiter einwärtsliegende Raum der Felswände läuft

demgemäß zwischen den breiter werdenden Sandrippen schmal nach unten zu

und davon kommt es, daß man aus der Ferne dunkle Streifen sieht, die

nach unten, -- und helle, die nach oben schmäler werden. -- Beim Anblick

dieser ungeheuren Sandmassen, die den Fuß der Mauer bedecken und sich

noch, als Leisten, hoch bis zu ihrem Saume hinanziehen, entstand bei mir

die Frage: ist dieser Sand angeschwemmt oder ~angeweht~? -- wie können

durch Ausspülung von Wasser solche Rippen gebildet werden in einem

Lande, wo es fast niemals regnet? -- gehört ihre Entstehung einer

vorhistorischen -- der Diluvialperiode -- an? oder kann ihre Bildung der

Wirkung des Windes allein zugeschrieben werden?

Da die Nordküste von Socotora im Allgemeinen nach West-Nord-West

gerichtet ist und unser Cours West zu Nord war, so kamen wir allmählig

näher und vermochten den geschichteten Bau der Insel immer deutlicher zu

erkennen. Zuweilen war der obere Theil der Mauer fast ganz aus weißen

Felsmassen zusammengesetzt, die deutlich untergeschichtet und hier und

da abgebrochen, von vertikalen Spalten durchzogen waren, -- die Farbe

der Hauptmassen blieb aber bräunlich-grau. Manche Theile der Wände waren

in ihrer Kahlheit, in ihrer queren Schichtung, mit Vorsprüngen, worauf

Schutt und Sand liegt und in ihren Stützen von Sand, die sich an ihrem

Fuße ausbreiten, gewissen ~Kratermauern~ Java's so täuschend ähnlich,

daß, wären jene kreis- oder halbkreisförmig gewesen, man beide hätte

verwechseln können. Und doch ist die Bildung beider gewiß auf eine sehr

verschiedene Art vor sich gegangen, jener durch Wasser, dieser durch

Feuer, -- bei jenen wurde der Sand den Wänden angeschwemmt oder

angeweht, bei diesen regnete er herab aus der Luft, nachdem ihn

Kraterschlünde ausgespien hatten.

Zwischen 3 und 4 Uhr kamen wir einer Gegend vorbei, wo sich

Zwischenräume zwischen den Bergmassen oder Ketten befanden, die also aus

verschiedenen Abtheilungen oder Gruppen bestehen. Hier lagen kleine

Buchten und wir blickten in das Innere der Insel, nämlich in Thäler und

Thalgründe hinein, die sich tief und flach zwischen den Gebirgen

hinzogen und die in ihrem gekrümmten Laufe in geheimnißvoller Ferne vor

unsern Blicken verschwanden. Wir glaubten auf dem flachen Boden des

einen einige Dattelpalmen zu erkennen, übrigens aber waren sie eben so

kahl, wie die Bergwände, die sie umgaben. -- Nur Einmal (um 3-3/4 Uhr)

meinten wir einige krüppelige Sträucher zu sehen, die sich wie

vereinzelte schwärzliche Punkte auf dem hellern Sandgrunde vorthaten.

Wir befanden uns nämlich einer flach-convexen Strandgegend gegenüber,

die aus Sand aufgebaut war und sich als niedrige Vorterrasse bis zum

Fuße einer Bergkette hinzog. Diese Kette war viel höher, als alle

zeither gesehenen und hatte auch eine ganz andere äußere Beschaffenheit,

sie war kahl wie jene, erhob sich aber viel klüftig-durchfurchter,

zackiger, wilder und endete in einem gezähnt-zerrissenen

Kamm, -- bestand also wahrscheinlich nicht aus geschichteten

(neptunischen) Gesteinen, sondern aus plutonischen oder vulkanischen

Massen. Von der Sandterrasse, die ihrem Fuße vorgelagert ist, zogen sich

an mehren Stellen streifenförmige Partien an der schroffen Bergwand bis

zu einer großen Höhe hinan; diese oft sehr breiten Sandstreifen waren

~ganz glatt~, ~kahl~, sie waren, wie der übrige Sand hellgefärbt und

riefen, -- so wie sie da, scharfbegränzt, zwischen dunklern Umgebungen

der Felsen lagen, -- das Bild von ~Gletschern~, die sich von den Jöchen

der Alpen herabziehn, lebhaft in unsre Erinnerung zurück.

Um 4 Uhr waren wir einer vorspringenden Landecke bis auf ein Paar

englische Meilen nahe gekommen, von hier an aber trat die Küste zurück

und bildete eine große weite Bucht, deren jenseitigen (westlichen) Ecken

wir uns erst um 7 Uhr gegenüber befanden, als die Dunkelheit der

fallenden Nacht schon nicht mehr erlaubte, das Gestade deutlich zu

erkennen. Nirgends konnten wir Feuer am Ufer entdecken, so wie wir

überhaupt nirgends einige Spuren von Bewohntsein auf dieser nördlichen

Seite der Insel, der wir entlang gefahren waren, hatten bemerken können.

Doch sollen die innern, des Wassers nicht ganz ermangelnden und nicht

ganz von Pflanzenwuchs entblößten Thäler der Insel von einer geringen

Anzahl arabischer Familien bewohnt sein.

Was die ~Literatur~ betrifft, so habe ich über Socotora Nichts finden

können, außer ein Paar dürftigen Stellen in C. ~Ritter's~ Erdkunde, nach

Nachrichten in _J. ~de Barros~ Asia_. -- ~Ritter~ beklagt sich (a. a. O.

_I_, _p._ 123) über die so dürftigen Mittheilungen, was diese Gegenden

betrifft, obgleich (wie er hinzufügt) »Socotora, wegen des Schutzes vor

den Nordwinden, oft das Winterquartier portugiesischer Flotten in

diesen Gewässern war.« -- Die gegenüberliegende Küste von Afrika, von

Magadoro an nordwärts bis zum Kap Guardafu, mehr als 100 geographische

Meilen weit, wird als »wüst, ohne Menschen und unbekannt« bezeichnet. An

einer andern Stelle (Asien _IV_, 1, _p._ 443) heißt es: »Schon nach

~Arrian's~ _Periplus_« (330 vor Chr.) »ließen sich Fremdlinge aus

Indien, nebst Arabern und Griechen, um den Gewürzhandel nach Egypten und

Äthiopien zu betreiben, auch Reis, Musselin und Schildkrötenschaalen zu

bringen, auf der Insel Dioscorides, d. i. Socotora nieder, die dem

_promontorium aromatum_ vorliegt.« -- »~Vasco da Gama~ fand diese Indier

bei seiner ersten Umschiffung Südafrika's zu Melinde, was nicht fern von

Socotora liegt, wo er sie Bancani nennt.« -- »~Edrisi~ (1150) nennt

Socotora berühmt durch seine Aloë.« (Asien _VIII_, _p._ 262, 264.)

Bald war die wüste Insel mit ihren Bergen nur noch ein Schattenriß und

verschwand endlich ganz in der Nacht, während wir in der Finsterniß

dahin dampften. Die See war unbewegt und das Meerwasser war dunkel, mit

Ausnahme einzelner runder Stellen, die einen schwachen Lichtschein von

sich gaben und mit Ausnahme von kleinen Körpern, die hier und da mit

großer Schnelle, gleichsam zuckend, durch das Wasser fuhren und in

schlangenförmigen oder gezackten Linien ein ~hell~ leuchtendes Licht

verbreiteten. So oft diese Körper, wahrscheinlich Fische, sich bewegten,

so oft glaubte man ~Blitze~ in der Tiefe des Meeres aufzucken zu sehen

und wenn diese Blitze, wie oft geschah, in Millionenzahl auf Einmal

aufflammten, so gewährten sie in der That, da Alles umher so dunkel war,

ein prachtvolles Schauspiel.

Erst um 11 Uhr wurden zu ~unsrer Rechten~ wieder Gestalten sichtbar, die

dunkler waren, als der nächtliche Himmel; wir hatten uns der gebirgigen

Küste Arabien's genähert, der wir nun entlang fuhren, -- einzelne

Lichter wurden am Abhange dieses gebirgigen Landes sichtbar, -- nachher

sahen wir auch Schiffe mit Lichtern und um 12 Uhr des Nachts ließen wir

unsre Anker fallen.

Als wir den folgenden Morgen (4ten October) erwachten und uns auf das

Verdeck begaben, bemerkten wir, daß wir auf allen Seiten von Land

umgeben waren und uns in einer rundum geschlossenen Bucht befanden. Wir

lagen in der westlichen Bai[21] der kleinen Halbinsel Aden, der

sogenannten Back-Bai vor Anker.

Ich verweise den Leser in Beziehung auf die folgende Beschreibung von Aden

auf die kleine Kartenskizze Fig. 16, die, was die Größenverhältnisse

betrifft, freilich nur figurativ ist, die außerdem aber dem Leser über die

Positionsverhältnisse von Aden im Allgemeinen und über die Configuration

seiner Berge in's Besondere ein getreues, richtiges Bild verschaffen wird.

Die Umgebung dieser geräumigen Meeresbucht war die folgende. Den Eingang

in die Bucht sahen wir von unserm Schiff in West zu Nord. -- Rechts von

diesem Eingange erhob sich eine gebirgige Halbinsel Dschebel Hasan, die

wir in West-Nord-West erblickten und die sehr steil zu einem scharfen,

rauhen, spitzigausgezackten Kamme emporstieg. Sie soll aus Granit

bestehen und zwei Stunden lang sein. Ihre obere felsige Region erschien

dunkelgefärbt, umbragrau und ihre unteren Gegenden, die ohne Zweifel aus

Sand bestehen, gelblich-hell. Manche ihrer Berggruppen und zackigen

Felspartien waren durch geneigte Sandflächen (geglättete Sandgehänge)

von einander getrennt. Sie gingen einwärts (rechts) in ein flaches,

niedriges Land über, das die Bucht, in der wir lagen, in einem weiten

Halbkreise auf der Nord- und Ostseite unsers Schiffes umgab, und stellte

sich wie ein in's Meer hinaus- und der Westecke von Aden

entgegengeschobenes Vorgebirge dieses flachen Landes dar, das eine

Sandwüste zu sein schien, auf der wir nirgends eine Spur von Bergen oder

Hügeln bemerken konnten. Die Halbinsel Dschebel Hasan ist demgemäß nur

ein isolirt aus dem Sande hervorragender Felskamm. Ihre Lage scheint

nord-westwärts in Beziehung zur äußersten Westecke Aden's zu sein.

Je einförmiger, flacher dieses nördliche Ufer der Bai war, desto

gebirgiger stellt sich das ~Süd~ufer derselben, nämlich die ~Nordseite

der Halbinsel Aden~ dar, der wir, in einer kleinen Einbiegung der Bai,

so nahe lagen, daß wir den Menschen, die auf dem Lande waren, zurufen

konnten. -- Hier erhoben sich in frappanter Nähe die Gebirgsketten und

stiegen kühn und steil zu den schwindlichsten Höhen empor. Sie schlossen

unsere Aussicht von Ost bis West-Nord-West und endigten sich dort jener

zuerst genannten Halbinsel gegenüber in die westlichste Felsecke von

Aden: Ras Marbut, doch so, daß zwischen beiden ein geräumiger Kanal

übrig bleibt, der Eingang in diese für sehr sicher gehaltene Bucht.

Besser als eine Beschreibung wird vielleicht die von mir entworfene

Ansicht (obgleich sie nur eine flüchtige Skizze ist,) im Stande sein,

den Leser mit der Physiognomie dieser Berge bekannt zu machen. Er wird

dadurch zugleich ein Bild erhalten von dem landschaftlichen Charakter

des westlichen Theils vom Südgestade Arabien's überhaupt, wovon diese

Berge nur ein kleiner, den übrigen vollkommen ähnlicher Theil sind. Man

werfe daher einen Blick auf Fig. 17.

[Illustration: _Fig. 17._ _Lith. Anst. v. J. G. Bach, Leipzig._]

Hier wird das Auge zuerst getroffen durch den Anblick eines Gebäudes,

das die Aufmerksamkeit um so mehr auf sich zieht, weil es fast das

einzige ist, das man in dieser wüsten Gegend gewahr wird. Wir sahen es

von Bord unsres Schiffes in Süd-Süd-Ost. -- Einsam liegt das Häuschen da

am Gestade, in der stillen Bucht, die muldenförmig nach innen

ansteigt, -- halbversteckt zwischen den Bergen, die sich schroff und

kühn auf allen Seiten emporthürmen. Ihre Wände steigen glatt, nur von

oben nach unten von kleinen parallelen Furchen durchzogen, steil wie

eine Mauer empor und endigen sich hoch oben in einen Kamm, der den

Thalbewohnern den Anblick des Himmelslichtes noch lange nach dessen

Aufgange verbirgt und lange, finstere Schatten in die Klüfte wirft. Der

Saum hat eine eingerissene, höckrige, gekerbte Beschaffenheit, hebt und

senkt sich in den wildesten, regellosesten Formen und malt sich in

schroffen Umrissen, zackig-durchklüftet, wie eine Säge am Blau des

Himmels ab. Hinter den vordern Bergzügen, die lauter schmale, an ihren

Seiten wandartig steile Jöche sind, thürmen sich in der Ferne noch

höhere Jöche, noch wüster und rauher als die vorigen empor, -- aber, so

unbesteigbar sie dem Auge erscheinen, so verkündet doch ein hoch in die

Lüfte hingepflanztes Signal, -- ein für die christliche Menschheit so

bedeutungsvolles Zeichen, -- ein ~Kreuz~, das von der höchsten Zacke des

höchsten Joches »Schamshan« herab auf die Rhede blickt, daß menschliche

Wißbegierde sich auch zu diesen unwirthbaren Höhen einen Zugang

verschaffte. -- Die Meereshöhe dieses Punktes soll 1660 par. Fuß

betragen.

Nur auf dem unmittelbar an's Meer gränzenden Saume des schmalen Gestades

bemerkt man sandige Stellen, die wie jene sandigen Theile der zuerst

genannten kleinen Halbinsel gelblich hellgefärbt sind. Alles andere bis

hoch hinauf auf die Firsten der Berge liegt in einer einförmigen,

düstern Schminke da, nämlich in einer ~schwärzlichen~, ~grau-braunen~

(umbrabraunen) Farbe, die nirgends von einer verschiedenen Nüance

abgewechselt wird und die den unwirthbaren, gleichsam bangen,

furchteinflößenden Anblick der Gegend noch düstrer macht. -- Vergebens

sucht das Auge nach einem Baume, vergebens nach einem Strauche; kein

Grashalm, kein einziges grünes Fleckchen ist weit und breit zu

entdecken. Dunkel, umbragrau düstert Alles umher. Nur nackte, kahle

Felswände, wohin er sich wendet, blicken den Reisenden an und die

furchtbar zerrissene Zackenform der Bergkämme blickt drohend auf ihn

nieder. Sähe man das Häuschen nicht, das dort aus seiner stillen Bucht

im Kesselthale freundlich hervorblickt, -- wäre der blaue, heimathliche

Himmel nicht, der über diesem Gebirgschaos herablächelt, so könnte man

glauben, sich auf einem fremden, verwüsteten Planeten zu befinden.

Rückreise von Java nach Europa mit der sogenannten englischen Überlandpost im September und October 1848 · 第 5 / 14 段