gelernt, welche dem Strande am nächsten liegen und welche ich bis zu 5
engl. Meilen Abstand von der Küste nach West- und Nord-West durchkreuzt
habe. In diesen flachhügligen Gegenden der Insel habe ich nur
sedimentäre, unter verschiedenen Winkeln, oft steil, einfallende
Schichten gefunden, nämlich von Mergeln, von Thon, von Sandsteinen und
auch von gröbern Conglomeraten. Vorherrschend ist hier ein fester,
meistens feiner, quarziger, weißer, zuweilen auch rother, nämlich durch
Eisenoxyd gefärbter und verkitteter ~Sandstein~, aus dem auch
hauptsächlich der _Government-hill_ hinter der Stadt besteht. Zwischen
solchen Schichten kommen häufig sehr mächtige Lagen von ~Thoneisenstein~
vor, der unter andern auf der Nordseite des genannten Berges in Tagebau
gebrochen und in Stückchen zerschlagen zur Belegung und Ausbesserung der
Wege benutzt wird. Nachdem er auf diesen Wegen allmählig fein gestampft
und gefahren ist, wird er zu einer ziemlich festen, harten Masse. -- Der
Boden in der kleinen Bucht, die sich südwärts vom genannten Berge in's
Land hineinzieht, und die zwischen sumpfigen Ufern der Fluß durchströmt,
ist Alluvialgrund. -- Nach Colebrooke sollen diese Schichten einer
~Secundär~formation angehören. Er theilt keine Versteinerungen daraus
mit. Ich habe zwar auch keine darin finden können, da aber die
sedimentären Bildungen, die ich auf Sumatra (in den Batta-Landen, also
ziemlich in derselben Breite mit Singapur) kenne, eben so wie die
kohlenhaltenden auf Borneo ~tertiäre~ sind und da die große neptunische
Formation auf Java, aus der ich viele ~Hunderte~ versteinerte Conchylien
und andere Thiere gesammelt habe,[7] ebenfalls eine ~tertiäre~ ist, so
habe ich Ursache zu vermuthen, daß auch die Gesteinschichten von
Singapur und dessen nachbarlichen Inseln keinem ältern, als dem
~Tertiär~gebirge angehören, zumal da sie in petrographischer Hinsicht
der java'schen Formation in manchen Gegenden vollkommen gleichen. -- Es
scheint, daß ältere als tertiäre Gebirgsformationen erst weiter in
Norden (in der malaischen Halbinsel und in Britisch Indien) vorkommen,
wo auch größere Massen von Granit- und Syenitgebirgen auftreten, welche
auf Java nur in vereinzelten und sehr beschränkten Punkten (der obersten
Spitze von Gängen) bis zur jetzigen Oberfläche des Landes gelangt sind.
Wer etwas mehr über Singapur zu wissen wünscht, der lese außer vielen
Aufsätzen verschiedener Art im _Singapore Chronicle_ und der _Hist. of
the Indian Archip._ von J. Crawfurd, dessen _Descr. and History of
Singapore_, in seinem _Journal of an Embassy to the Courts of Siam and
Cochinchina, 1828, Ch. XIV, p. 529 etc._ --, dann (über die
Naturbeschaffenheit überhaupt) _G. ~Finlayson~, Journal of the Mission
to Siam and Hué, London 1826, 8, p. 78 etc._ --, und (über die
geologische Beschaffenheit in's Besondre) _H. T. ~Colebrooke~, Notice
respecting the Rocks of the Island of Penang and Singapore_, in den
_Transact. of the Geol. Soc. Sec. Ser. 1822, 4. vol. I, p. 165
etc._ -- Auch kommen in den _Transact. of the Royal Asiatic Society_,
z. B. im Anhang zu _vol. I_, Nachrichten über das Klima vor. -- Ferner
_~Newbold~, Political and statistical account of the British settlements
in the straits of Malacca 1839_. -- Nach dem _Singapore Chronicle_
betrug die Population in 1841: 35,400 Seelen, wovon die Hälfte Chinesen
waren.
Nachdem ich meine Bagage schon am Morgen früh auf die Braganza befördert
hatte, begab ich mich am 9ten Sept. um die Mittagsstunde selbst an Bord
dieses Dampfers und verließ Singapur mit der Überzeugung, daß es sowohl
in Schönheit der Natur, als in Größe und Pracht der Menschenwerke eben
so weit hinter Batavia zurücksteht, als es von letztgenannter Stadt an
Regsamkeit menschlichen Verkehrs und Treibens übertroffen wird. Nur die
häufige Ankunft von Dampfschiffen, seitdem die Landpost besteht und die
Druckpresse mögen hiervon eine Ausnahme machen. Doch war der Eindruck,
den das freundliche Städtchen in mir hinterließ, ein recht
angenehmer, -- auch hatte ich von verschiedenen Kaufleuten, besonders
von Herrn ~Rautenberg~ daselbst, eine sehr hülfreiche, gefällige
Behandlung genossen und es war mit einem Gefühle aufrichtiger
Erkenntlichkeit, als ich meinen neuen Freunden Lebewohl! sagte.
An Bord des Schiffes bekümmerte sich um mich eben so wenig Jemand, als
dies in der Stadt Singapur ~oder~ im Hotel bei meiner Ankunft daselbst
der Fall gewesen war, -- keinem Menschen fiel es ein, nach meinem Paß
oder nach meinem Namen zu fragen, -- ~diese~ Waare galt hier
nicht, -- ein Jeder war ~scheinbar~ vollkommen frei; -- die Matrosen
packten meine Kisten auf, ohne erst zu fragen: von wem -- von wo -- oder
wohin? -- sie warfen dieselben ohne Weiteres in den Schiffsraum und erst
als das Schiff schon in Bewegung und auf der Abreise begriffen war,
wurden den Passagieren ihre Hütten (_Cabin's_[8]) angewiesen und ihnen
die Quittungen für die zu Singapur (im _Landmail-office_) bezahlten
Passagegelder abgefordert. Also -- Geld ~allein~ war hier ein gültiger
Paß. -- Ein andres Dampfschiff, dessen Verdeck vollgepfropft von
Menschen war, kam eben an, fast in demselben Augenblicke, als wir die
Rhede (es war um 2-1/4 Uhr) verließen. Die Kühle der See und der
Luftzug, dem wir durch das schnelle Dahingleiten unseres Kieles durch
die Wogen bloßgestellt waren, that uns wohl, denn die Sonne brannte warm
und es war heiteres Wetter, eben solches, als an allen vorigen Tagen
meines Aufenthaltes zu Singapur geherrscht hatte. Nur den 6ten Sept. von
4 Uhr des Morgens an hatte ein stürmischer West-Süd-Westwind geweht,
welcher Regengestöber vor sich hertrieb, sich aber schon um die
Mittagsstunde wieder legte.
Ich warf noch einen letzten Blick auf die freundliche Stadt, die
perspectivisch kleiner wurde, -- ich dachte an die Veränderungen in der
Schifffahrt seit der Zeit, als im Jahre 1160 unter Turi Buwana die Insel
Singapur zuerst bevölkert wurde, und -- ließ mich dahin führen durch
den, nur von unsern Schiffsrädern bewegten Spiegel der See, dessen weite
Flächen mit ihren Inseln für mich (und vielleicht auch noch für Andre)
eine _terra incognita_ waren.
Einschaltung.
Ehe ich weiter erzähle, will ich hier eine Übersicht der Passagekosten
für die Reise mit der englischen Landmail in 1848 folgen lassen, die
vielleicht manchem Leser erwünscht ist. -- Von Batavia bis Singapur kann
man nur gelegentlich mit einem Segelschiff gelangen oder durch
Begünstigung des Kommandanten der Indischen Seemacht mit einem
Kriegsdampfer der Kolonialen (_Nêêrlandsch-Indischen_) Marine, der
zwischen dem 26sten und 28sten eines jeden Monats zur Überbringung und
Abholung der Packete für die Landmail die Reise nach Singapur und zurück
macht. Natürlich wird auf Kriegsschiffen keine Passage bezahlt. Auch
kann man nur durch Begünstigung der Offiziere Platz nehmen an deren
Tafel, wofür der Begünstigte 5 Fl. per Tag in die Menagekasse einzahlt.
Die Reise nach Singapur dauert gewöhnlich 4 Tage.
Wenn man von Singapur direkt nach England (Southampton) Passage nimmt,
so werden 71 Pfund, nämlich die Hälfte der ganzen Fracht vorausbezahlt.
Will man sich nicht bis England verbinden, so ist der Frachtpreis höher
und kann nur bis Suez und von dort wieder bis Alexandrien bezahlt
werden. -- Nach dem Tarif sind 300 Pf. Bagage frei, von welcher kein
Stück schwerer als 80 Pf. sein darf, jede 100 Pf. mehr sollen mit 3 Pf.
St. bezahlt werden; ich habe jedoch nicht gesehen, daß Kisten der
Passagiere jemals gewogen wurden und ich hatte mehr als 500 Pf. bei mir,
ohne daß sich Jemand darum bekümmerte.
Was das coursive Geld betrifft, so waren damals auf Batavia silberne
Gulden nicht zu bekommen und die Recepisse waren außerhalb Java nicht
gewillt. Guineen (_Sovereing's_) waren auch nicht oder nur sehr wenige
zu haben. Deßhalb hatte ich zu Batavia Willem's d'or eingekauft, das
Stück für 12-1/2 Gulden Recepis und Dukaten, das Stück für 7 Guld.
Recepis. -- Dieses holländische Goldgeld (sonst auf der ganzen Reise für
den vollen europäischen Werth beliebt,) wurde aber am _Landmail-office_
zu Singapur nicht angenommen und mußte bei Chinesen umgewechselt werden,
der Dukaten für 2,25 und der Willem's d'or für 3,80 Dollar.
=========================================================================
~Reise.~ | ~Passagekosten~
(Unter Passage wird auch jederzeit | für Passagiere erster Klasse.
die Beköstigung mit verstanden, sowohl |--------------------------------
an Bord der Seeschiffe als durch die | _Pound_ | | In holl.
Wüste und an Bord der Flußdampfschiffe |_Sterling._| Dollars.| silb. Fl.
auf dem Nil.) | | | nach
| | | europ.
| | | Cours
=========================================================================
Von Singapur bis England (Southampton) | | |
die Reise durch Egypten | | |
mitgerechnet | 142 | 681,60 | 1704
| | |
Von Singapur bis Suez | 105 | 506,00 | 1260
| | |
Von Suez bis Alexandrien. (Man |_en 8 Sh._ | |
kann nach Belieben in Cairo bleiben | | |
und die Ankunft einer folgenden oder | | |
nachfolgenden Mail abwarten; das | | |
bezahlte Passagebillet bis Alexandrien | | |
bleibt so lange gültig.) | 12 | 57,60 | 144
| | |
Von Alexandrien bis Triest (wo 1848 | | |
keine Quarantaine gehalten wurde. | | |
Mit österreich. Lloyd'sdampfern) | 18 | 86,40 | 216
| | |
Von Alexandrien bis Marseille (wo | | |
zehn Tage Quarantaine gehalten | | |
wurde) 580 Francs | 23 | 111,00 | 249
| | |
Von Alexandrien bis Southampton, |_en 4 Sh._ | |
(wo keine Quarant. gehalten wurde) | 40 | 192,00 | 480
| | |
Also von Singapur bis Triest | | | 1620
Was den Aufenthalt in den Zwischenstationen betrifft, so bezahlt man in
den ersten Hotels für Logis und Kost per Tag zu
~Batavia~ 5 Gulden, -- für einen Miethwagen halbtäglich 3 Gulden.
~Singapur~ 3 Dollar, -- für einen Miethwagen täglich einen Dollar.
Wenn man von Batavia kommt, so muß man wenigstens 3, oft 8 Tage auf
das Dampfschiff aus China warten.
~Pulu Penang~, der Aufenthalt dauert selten länger als 12 Stunden.
~Point de Galle~, gewöhnlich nur 6--12 Stunden.
~Aden~, gewöhnlich nur 12 Stunden, wie auf den vorigen Stationen,
nicht länger als nöthig ist, um Kohlen einzunehmen.
~Suez~, 4--12 Stunden.
~Cairo~, in Hotel d'Orient 10 Francs, ein Wagen für nur eine Fahrt
15, ein Bad 3 Francs, ein gesattelter Esel einige Sous. Wenn man,
ohne in Egypten zu bleiben, nach Alexandrien durchreisen will, so
dauert der Aufenthalt 1--1-1/2 Tage.
~Alexandrien~, Aufenthalt 1/2--1 Tag.
~Malta~, 2 Tage.
~Gibraltar~, 3--4 Stunden. (Auf den Schiffen und in den Poststationen
der Landmail ist unter Kost auch Wein und Bier begriffen, -- in
den Hotels nicht.)
* * * * *
Unser Cours ging von der Rhede von Singapur aus zuerst nach
Süd-Süd-West. -- Wir fuhren ganz nahe an den kleinen (und oft sehr
kleinen) Inseln vorbei, die in Süden von Singapur liegen und kamen ihnen
zuweilen so nahe, daß man sie mit einem Büchsenschuß hätte erreichen
können; sie alle hatten eine hüglige Beschaffenheit und waren mit vielen
Bergschlipfen an den steilen Ufergehängen und hier und da mit einem
hellern (gelblich-falben) sandigen Küstensaume versehen, auch waren
alle, wenn auch nur dürftig bewaldet. -- Die Stadt in Norden und die
Küste von Malaka hinter ihr (in Nord-Ost), trat immer weiter zurück und
verschwand vor unsern Augen hinter den vordern Inseln, sobald wir
west-süd-westlich steuerten; nun lagen auch links von uns ferne Ufer,
auf der rechten Seite aber traten in frappanter Nähe immer neue Inseln
zum Vorschein, die alle aus niedrigen Hügeln, kleinen Bergzügen oder aus
flach gewordenem Hügelland bestanden, während manche nur ~ein~ einziger
Hügel waren.
Die kahlen Erdschlipfe an den steilern Ufergehängen zogen meine
Aufmerksamkeit auf sich, sie schimmerten bräunlich hell durch die
dürftige Vegetation, durch die Sträucher und struppigen Bäume, die auf
dem Grasgrunde zerstreut standen und erinnerten mich an die helle Farbe
der Gesteine unsrer java'schen Tertiärformation.
Abends dampften wir west-nord-westwärts und näherten uns immer mehr der
Insel Kerman, die links vor uns lag und die viel gebirgig-höher, als
andere, war, die wir seit unsrer Abreise von Java gesehen hatten; zur
Rechten zog sich eine niedrige, flache Waldküste in unabsehbarer Länge
hin, es war der Küstensaum der malai'schen Halbinsel, die unserm in die
Ferne schweifenden Auge hier nur ~ein~, zwar langgezogenes, aber doch
isolirtes Gebirge vorzuzeigen hatte.
Also -- ~unaufhörlich~ waren uns seit unsrer Abreise von Batavia
~Inseln~ erschienen, größere, kleinere und kleinste, -- alle waren nur
~ein~ Wald, unbewohnt und ihrer Natur nach unbekannt; -- doch sind alle
nur ein kleiner Theil des Indischen Archipels, und der Indische Archipel
selbst ist nur ein kleiner Theil der Erde; -- wie groß ist nicht auf
derselben das Feld der Entdeckungen! -- wie viel Jahrtausende werden
wohl vergehen, bis diese den Forschungen der Naturkundigen und
Geographen ~nichts~ Unbekanntes mehr zu bieten hat?
Wir befanden uns am 10ten Sept. des Morgens früh der Küste von Malaka
gegenüber, welcher auch wieder eine Menge kleiner und kleinste Inseln
vorlagen, von denen keine flach, sondern die meisten mäßig hoch und
einige selbst sehr hoch und steil waren, -- auf dem Festlande selbst
erschienen zwei, zwar isolirte, aber nicht kegelförmige Gebirge, von
denen das eine südliche um 6-1/2 Uhr nord-nord-ostwärts, nämlich zur
Rechten vor uns lag, während wir west-nord-westwärts dampften, -- das
andere, weiter vorn gelegene aber in Nord-West. -- Ich schätzte ihre
Höhe auf 6000 Fuß. -- Sie schienen durch ein flaches niedriges Land von
einander getrennt zu sein, dem kleine isolirte Hügel sowohl als ganze
Hügelzüge ein unebenes, gebirgig-höckeriges Vorkommen gaben, nicht
unähnlich vielen Maulwurfshügeln, die man auf einer niedrigen Fläche
umher zerstreut. -- Links, auf der Seite von Sumatra war kein Land
sichtbar.
Um 7-1/2 Uhr, (unser Cours war Nord-West zu West) befanden wir uns
gerade gegenüber jener Weltberühmten Stadt, die in 1511 der
portugiesische Seeheld ~Albuquerque~ eroberte, die 1-1/2 Jahrhunderte
später (in 1660) den siegreichen holländischen Waffen anheimfiel und die
in 1825 von den Niederländern an die Briten abgetreten wurde,[9] ich
meine die einst prächtige, üppige, große, nun aber Glanzverblichene und
halbverlassene ~Malaka~,[10] die uns freilich unsichtbar war, die aber
in der Richtung zwischen den genannten zwei Gebirgen und dem südlichen
viel näher nord-ost- zu nordwärts von uns, an der flachen Küste liegen
mußte; -- später wurden zwischen 8 und 10 Uhr, mehre eigentliche
Berg~ketten~ tief im Innern des Landes in wegschmelzender Bläue
sichtbar. Um 9 Uhr kamen wir bei einer Landecke vorbei, die aus einem
mäßig hohen Gebirgsrücken gebildet, weit zu uns in's Meer
hinausragte, -- und dann, während wir immer weiter nach Nord-West
dampften, wurde die Küste, die stets mit Waldung bedeckt blieb, wieder
niedrig und flach.
Um 3 Uhr Nachmittags war uns diese Waldküste ganz nahe und deutlich
sichtbar, sie zeigte nur ~einen~ isolirten, kegelförmigen Hügel, dem wir
um 4 Uhr (mit nord-west- zu westlichem Cours) quer gegenüber lagen,
links und rechts aber von diesem Hügel war Alles flach. -- Gegen Abend
waren wir einem vorspringenden Theile von ganz flachem niedrigem Lande
nahe gekommen, das von Zwischenräumen und eindringenden Meeresarmen
durchbrochen war und das wir deßhalb zunächst aus ~Inseln~
zusammengesetzt wähnten, welche der eben so flachen Küste der
malai'schen Halbinsel hier vorgelagert waren.
Am 11ten Sept. des Morgens früh erblickten wir links vor uns eine kleine
Hochinsel mit steilen Ufern, rechts mehre hohe Inseln und vorn nach der
rechten Hand noch mehre Gebirge und Gebirgszüge der Halbinsel selbst,
die sich in duftiger Bläue verloren.
Seit unsrer Abreise aus dem Freihafen von _Rafflesia_ (ich meine die
Stadt, gegründet vom Entdecker jener Riesenblüthe, welche der Botaniker
~Robert Brown~ ihm zu Ehren _Rafflesia_ nannte,) war keine Stunde
vergangen, in welcher wir nicht wenigstens ~ein~ Schiff gesehen hätten,
ja Einmal waren uns ein halbes Dutzend davon zugleich erschienen, alle
mit schwellenden Segeln, die durch die Straße von Malaka fuhren, »durch
diesen uralten Durchgang maritimer Civilisation«.[11] Ich glaube, daß
verhältnißmäßig manche Landstraßen in Europa weniger belebt sind von
Fuhrwerken, als dieses häufig besuchte Fahrwasser von Britisch Indien
nach China von Schiffen.
So begegneten wir um 10 Uhr wieder einer Fregatte, die in gerade
entgegengesetzter, in Beziehung auf uns querer Richtung steuerte, die
nämlich nach West zu Süd segelte, während wir nach Nord zu West
dampften; sie kreuzte also unsere Fahrt und brachte uns die große
Geschwindigkeit, womit ein Dampfschiff sich bewegt, recht handgreiflich
vor die Augen, so daß wir das Schiff nach einer Viertelstunde eben so
weit fast noch auf demselben Flecke hinter uns sahen, als wir es zuerst
vor uns erblickt hatten.
Auf der malai'schen Halbinsel nahmen wir rechts und vorn in blauer Ferne
abgebrochene Gebirgsketten wahr, die einen ungleichen, gezackten Saum
hatten und zwischen ihnen sahen wir Räume, in denen keine Berge lagen.
Wir hatten den ganzen heutigen Tag mehr oder weniger einen nördlichen
Cours beigehalten und erblickten um 3 Uhr, vor uns in Norden, den
ungleichen, mit Wolken bedeckten Saum einer hochgebirgigen Insel, die
unsere Schiffsleute als Insel (Pulu) Penang begrüßten und zu deren Seite
sich auch die (ebenfalls gebirgige) Küste der malai'schen Halbinsel
darstellte.
Wir rückten weiter nach Norden vor, die Inseln schwammen uns näher und
näher, sie wurden deutlicher und tauchten immer höher aus dem Meere
auf, -- wir zweifelten aber ihren Hafen heute noch zu erreichen; denn
wir befanden uns erst einer süd-westlichen Vorinsel von Pulu Penang
gegenüber, als schon die Sonne gesunken war und der volle Mond nun an
ihrer Statt den stillen Spiegel des Meeres beleuchtete, dessen Farbe
schon seit 5 Uhr immer grünlicher, heller geworden war. Wir fuhren in
der Richtung nach Norden so nahe an den Inseln, die zur Linken liegen
blieben, vorbei, daß man ihre felsig-steil aus dem Ocean emporstrebenden
Ufer mit einem Steinwurfe hätte erreichen können. -- Unser Blick haftete
auf diesen sonderbar gestalteten Land- und Bergkörpern, die zwischen dem
hellern Hintergrunde des Himmels und dem spiegelnden Vordergrunde des
Meeres, wie düstre Gespenster dalagen. Obgleich der Mond sein
Zauberlicht in wunderbarer Klarheit auf sie herabgoß, so konnten wir
doch nicht viel mehr, als die schroffen Umrisse dieser Inseln erkennen,
über deren wandartigen Felsgestaden, die etwas heller vom Mond
beleuchtet waren, sich oben die ganz schwarze Kappe düstrer Waldungen
hinzog.
So dampften wir langsam dahin, -- wir fuhren einem weiten Zwischenraume
zwischen zwei Inseln und darauf einem langhingezogenen Gebirgslande, die
beide zur Linken liegen blieben, vorbei, ließen aber, weil unsere
Offiziere die natürlichen Signale der Ufer nicht mehr zu erkennen
vermochten, um 7 Uhr die Anker fallen. -- Ein Paar Kanonenschüsse, die
wir thaten, verhallten unbeantwortet auf der Wasserfläche.
Da lagen wir nun einsam, ohne die geringste Bewegung, in einer,
wenigstens uns Passagieren unbekannten Bucht des Oceans. -- Der
Mondschein war so hell wie der Tag, -- die See war spiegelglatt, -- und
eben so wenig, wie sich ein Lüftchen regte in der Atmosphäre, eben so
wenig rührte sich ein Wassertropfen in dem wie erstarrten Meere. Wir
glaubten ringsum oder doch auf mehren Seiten von Bergesufern umgeben zu
sein; wir setzten daher eine Schaluppe aus, die in weiten Kreislinien
um das Schiff herumfuhr, um die Tiefe zu sondiren, und das sanfte
Dahingleiten dieser Schaluppe war die einzige Bewegung, -- die einzige
Spur von Leben, die weit umher im Wasser- und Luftraume zu entdecken
war.
Obgleich das Meer wegen seiner geringern Tiefe an sich selbst schon
grünlich und hell gefärbt war und außerdem noch der hellste Mondschein
von seinem Spiegel zurückgestrahlt wurde, so leuchtete das Wasser doch
bei jedem Ruderschlage und verbreitete ein höchst eigenthümliches,
grünliches Licht. -- Aber Alles war todtstill um uns her, -- wie
ausgestorben, und wir hätten glauben können, uns auf einem unbewohnten,
fernen Planeten zu befinden; -- weder an nahen, noch an fernen Küsten
war ein Lichtchen sichtbar, -- kein Vogel schrie, -- kein Laut eines
andern Thieres war vernehmbar; -- dort vor uns lag das dunkle starre
Land: ein lang hingezogener Rücken, -- hier der Silberspiegel des
Meeres, und oben stand der goldne Mond am tiefen, schweigsamen Himmel.
Die ganze Natur schlief und war bedeckt mit einem Schleier von so
friedsamer, so schöner und so erhabner Ruhe, -- daß ich mit Worten eben
so wenig im Stande bin, den Zauber, den sie athmete, auszudrücken, als
Einer, welcher der Noten unkundig ist, den harmonischen Klang einer
schönen Musik zu beschreiben vermag.
Nach einigen Stunden angestellter Untersuchungen war es dem Führer
unsres Schiffes gelungen, sich zu orientiren; -- wir lagen noch 12 oder
13 englische Meilen südwärts von dem Orte unserer nächsten Bestimmung
entfernt, setzten uns zwischen 9 und 10 Uhr wieder in Bewegung und
warfen noch vor Mitternacht unsre Anker auf der Rhede der Hauptstadt von
Pulu Penang.
Weil die Matrosen gleich vom Augenblick unsrer Ankunft an auf der Rhede
beschäftigt waren, einen neuen Vorrath von Steinkohlen einzunehmen, die
in schon bereit liegenden Prauen von Penang angebracht wurden, so war
das Schiff die ganze Nacht hindurch so voll Lärm und voll Thätigkeit,
daß die Erscheinung jenes einschläfernden Magnetiseurs, der kein
Geräusch liebt, bis spät in den Morgen von unserm Lager abgehalten
wurde.
Die Sonne war daher schon längst aufgegangen, als ich am 12ten Sept.
erwachte und -- neugierig auf das Verdeck eilte. Aber die Überraschung
war desto größer.
Da lachte mir unerwartet der allerfreundlichste Anblick eines schönen
Städtchens entgegen, das westwärts vom Schiff in frappanter Nähe vor mir
lag. Buschiges Grün um- und überschattete seine Gebäude und der bunte
Farbenschmelz der Häuser, hellerleuchtet von der Sonne, malte sich in
schroffem Contraste ab auf dem dunklen Hintergrunde des Waldgebirges,
das zu einer imposanten Höhe emporstieg. -- Es war seit meiner Abreise
von Java das Erstemal wieder, daß ich eine gebirgig-großartige und
zugleich schöne Natur in der Nähe erblickte.
Der unterste Streifen des Landes war ein kahler Sandstrand von heller,
bräunlich-grauer Farbe, -- dieser erhob sich zu einer etwa 10 Fuß hohen
Fläche, auf welcher man rechts das Fort und links die hellfarbigen
Gebäude der Stadt erblickte, die sich ungleich bebuschter, grüner, von
viel zahlreichern Fruchtbäumen und Gruppen von Kokospalmen beschattet,
als die von Singapur, darthaten.
Und jenseits der Stadt sah man gegen das steile Gehänge der Gebirgskette
an, die Penang von Süd nach Nord durchzieht und die fast den ganzen
Körper der Insel bildet. Da wir die schmale Zwischenfläche nicht sehen
konnten, so schien es, als erhöbe sie sich unmittelbar hinter der Stadt.
Ihre waldig-düstre Front stellte sich den Blicken in ihrer ganzen
Ausdehnung dar und man konnte deutlich die Schlangenlinien von zwei
Wegen unterscheiden, die an ihr hinanführten. Der nördlicher liegende
dieser Wege endete etwa in der halben Höhe der Wand an einem kleinen
Gebäude, das den Gipfel eines Vorberges oder einer vorspringenden Rippe
bedeckte, und das, an seiner weißen Farbe auf dem dunklen Waldesteppich
deutlich erkennbar, wie ein kleines Schloß von seiner Höh'
herabschaute; -- der zweite Weg schlängelte sich in der Richtung hinter
der Stadt hinan und konnte mit den Augen verfolgt werden bis dicht unter
den höchsten Saum des Gebirges, wo man auf einem Vorsprunge ein Häuschen
erblickte. Über diesem Häuschen sah man auf dem höchsten Saume (der
Firste der Kette) selbst zwischen noch mehren Gebäuden den Telegraph und
die Stange mit der britischen Flagge, welche hier 2000 Fuß hoch, und
weit hinaus in's Meer nach Ost und West sichtbar, in den Lüften
flatterte.
Von dieser Höhe herab, die von allen Seiten frei und nirgends von einer
andern dominirt ist, muß die Aussicht über das Gebirge, die Stadt und
die ganze Insel hinweg, bis weit in die malai'sche Halbinsel hinein,
oder in die Malakastraße hinaus, großartig sein.
Aber auch von unten erblickt, mit Augen, die hinauf sehen, gewähren
diese luftig-hohen Menschensitze einen romantischen, schönen
Anblick. -- Wenn ich die Physiognomie eines Flachlandes oder niedrigen
Hügellandes mit: -- »unbefriedigend, endlos, nirgends fesselnd,
wegschmelzend, -- Gemüthabstumpfend«, -- bezeichnen möchte, so sind
dagegen: -- »erhaben, anziehend, aufmunternd, Hoffnungerweckend und doch
auch wieder Sehnsuchtstillend, beruhigend, -- heimisch« -- die Worte,
die einigermaßen den Eindruck schildern, den jede große Gebirgsnatur
(wenigstens in mir) hervorruft. Dies war auch hier der Fall, mein Auge
wandte sich ungern vom Panorama ab und ich fühlte gewissermaßen: »nur im
Hochgebirge kann ich glücklich sein.«