Nachdem der Zweck unseres Anlegens auf Muntok erfüllt, nämli

Rückreise von Java nach Europa

mit der

sogenannten englischen Überlandpost

im September und October 1848

von

Franz Junghuhn

Aus dem Holländischen übertragen

von

J. K. Haßkarl.

Mit 4 Ansichten und 2 Karten.

* * * * *

Leipzig,

Arnoldische Buchhandlung.

1852.

Vorwort.

Anfangs war es nicht meine Absicht, diese Reise zu veröffentlichen,

besonders weil andere Arbeiten mich sehr beschäftigten. Ich hatte jedoch

das Meiste ~auf der Reise~ (von Java bis Holland) ~selbst~ schon

niedergeschrieben, und Freunde, welche dieses Manuscript lasen oder

denen ich einzelne Erlebnisse von der Reise erzählte, munterten mich

kräftig auf, mich doch der kleinen Mühe zu unterziehen, meine

Aufzeichnungen zu einem Ganzen zu vereinigen, wo es nöthig war, weiter

auszuarbeiten und bekannt zu machen, -- welchem Rathe ich endlich

folgte.

Dies möge zur Erklärung des ~späten~ Erscheinens dieser Beschreibung

dienen.

~Leyden~ im Januar 1851.

#Der Verfasser.#

Inhalt.

Seite

_I._ Von Java bis in die Nähe der Insel Socotora 1

_II._ Von Arabien bis Alexandrien 71

_III._ Von Egypten bis nach Holland 167

_I._

Von Java bis in die Nähe der Insel Socotora.

Meine Gesundheit war zerrüttet und die Kräfte meines Körpers waren nach

einem 13jährigen Aufenthalte auf Java und Sumatra geschwächt. -- Ich

litt an den Folgen der so viele Jahre lang nicht mehr unterbrochenen

Einwirkung einer größern Hitze, der nur wenige nordische Naturen auf die

Dauer widerstehen können. -- Wohl reiste ich noch in Krawang, mit

geologischen Untersuchungen beschäftigt, mußte aber oft (erschöpft) die

höhern, kühlern Gebirgsgegenden aufsuchen, um dem glühenden Klima nicht

zu unterliegen.

Der letzte Berggipfel, den ich, durch solche Gründe veranlaßt, den 17.

Juni 1848 erstieg, war der Gunung-Tangkuban Pra. Meine Hütte stand auf

dem höchsten Punkte seiner südlichen Kratermauer, der sich 6030 par. Fuß

über das Meer erhebt und eine mittlere Temperatur genießt von ohngefähr

56° F., während in den Tiefländern am nördlichen Fuße des Gebirges die

mittlere Wärme 81,5° beträgt. In der kühlen Luft dieser Region kehrte

wieder etwas Willenskraft in die Seele zurück, die mit dem Körper

ebenfalls erschlafft und in Gleichgültigkeit versunken war. Die

Ermahnungen von Freunden, die mich in meiner Einsiedelei besuchten,

trugen dazu bei, mich in meinem Vorhaben zu bestärken, und so gedieh

endlich mein Entschluß zur Reise, das Land des ewigen Sommers ein Paar

Jahre lang zu verlassen und in das Vaterland zurückzukehren, das den

eisigen Polen so viele Grade näher liegt.

Hier auf dem Kraterrande des Vulkans war es auch, wo ich die Zeitungen

aus Europa empfing, die in der Mitte des Juni mit der Landmail nach

Batavia gebracht waren. -- Revolution in Paris, kaum geahnt und schon

beendigt, -- Republik ausgerufen, -- ~Louis Philipp~ entflohn! -- dieser

vorsichtige König, den alle Welt so fest auf seinem Throne

glaubte. -- Dies waren die Nachrichten, die auf das Unerwartetste, ganz

mährchenhaft, vermeldet wurden und die alle Gemüther auch auf Java in

die ängstlichste Spannung versetzten. Es glich die Aufregung der Völker,

dadurch veranlaßt, der electromagnetischen Kraft, die sich mit

unsichtbarer Schnelle durch die halbe Welt fortpflanzt. -- Dazu kamen

später noch die Nachrichten aus Bali, -- Reformbewegungen, politische

Demonstrationen zu Batavia, -- ungewöhnliche Witterungserscheinungen,

-- Höhenrauch, -- Regen, -- Überströmungen, -- Erdbeben! -- vulkanische

Ausbrüche, -- ein erwarteter Komet allhier -- und dort in Europa Aufruhr

und Krieg; -- -- so waren die Nachrichten, die zu dieser Zeit auf uns

einstürmten und die, wenn auch nicht alle erfreulicher Art, denn doch

geeignet waren, auch das erschlaffteste Gemüth aus seiner Lethargie zu

erwecken.

Die Auspicien einer Reise also zu dieser Zeit nach Europa waren nicht

günstig. Ich war aber krank und bedurfte als Heilmittel der Kälte. Meine

Abreise ward daher beschlossen und mein Gesuch um Erlaubniß abgesandt an

die hohe Regierung zu Batavia, in deren Auftrag ich reiste.

Ehe ich den Berggipfel und die schönen Wäldchen, die ihn umgrünen,

verließ, sah ich noch einmal nieder in das weite Kesselthal des

Kraters, dessen Grund 800 Fuß tief zu meinen Füßen lag und ließ dann

meinen Blick über den jenseitigen (weniger hohen) Kraterrand hinweg- und

hinabgleiten in das ferne Land von Krawang, das 6000 Fuß tiefer lag und

das sich mit dem ewigen Grün seiner Felder und Wälder bis an's Meer

hinzog. So glatt und blinkend, wie ein silberner Spiegel lag dies stille

javanische Meer vor uns da, während die Morgensonne mit ihren ersten

Strahlen hinter den fernen Kegeln Tj[)e]rimai und Tampomas hervorblickte

und mit dem Lichtglanze, der sie umgab, einen goldenen Hintergrund

bildete, auf welchem sich die dunkeln Gestalten dieser hohen Berge

deutlich abzeichneten; -- sie vergoldete dann noch manche andre

Bergspitzen und goß ihren Schein aus über das weite grüne Land, in

welchem Tausende von Menschen und Thieren zu neuem Leben erwachten.

Es war ein Bild schöner und majestätischer Ruhe, vergleichbar mit dem

menschlichen Gemüthe, das in ~Frieden~ lebt. Dicht zu unsern Füßen aber

lag der weite, wüste Schlund des Kraters und dieser erinnerte an die

Leidenschaften der Menschen, wenn diese in Wuth ausbrechen, sich selbst

und ihre Werke zerstörend. Zwar lag auch dieser Mund des Vulkans jetzt

in tiefer Stille da, -- auf der Kraterwand zu unsrer Linken lächelte

lieblich der erste Sonnenschein und ließ grell den Schatten erkennen von

einigen Falken, die langsam und friedlich über den weiten Raum

hinüberschwebten. -- Nichts als das Echo hallte wieder, wenn man

hinabrief oder einen Stein in die Tiefe warf, -- sonst war Alles

still; -- aber die Kahlheit der Felsen, die Hunderte von Fußen hoch

emporstarren, -- die hingestreckten Wälder und schwarzgebrannten

Baumstämme des äußern Gehänges, -- die bleiche Farbe der Asche, wovon

Alles überschüttet war, -- die Abwesenheit von aller Vegetation im

Innern, -- der völlig nackte Grund, aus dem man bei genauerer

Betrachtung doch noch Dämpfe emporsteigen sah, -- dies Alles rief dem

Reisenden warnend zu: »Traue dieser Ruhe des Kraters nicht, denn sie

gleicht mit der schönen belebten Natur umher ganz dem menschlichen

Gemüthe und dem Leben der Völker, das leicht durch Leidenschaften

getrieben wird, sein eignes Glück zu vernichten, -- aber so wie die

Waldung rund um den Krater nur so lange blüht und grünt, bis ein neuer

Ausbruch aus dem Schlunde kommt, der Alles wieder verwüstet und, was in

langen Jahren allmählig wuchs, oft in einer Nacht zerstört.«

Dennoch konnte ich diesen Berggipfel nicht verlassen ohne ein

wehmüthiges Gefühl. Sind doch diese Kraterthäler die schönsten auf Java

und von allen Landschaften der Insel am reichsten an malerischer

Abwechselung, -- tritt doch das Starre, Nackte der Felsen, das Kolossale

der Dimensionen daselbst in den anziehendsten Contrast mit dem

umgebenden Grün, -- sind doch die niedrigen Alpenbäumchen, die dort

wachsen, die lieblichsten der Insel, die fast immer mit den schönsten

farbigen Blüthen geschmückt sind, -- ist doch die Luft auf diesen Höhen

so rein, so kühl, genießt man doch von dort die herrlichste Aussicht

rundum über das weite, tiefe Land, -- ist das Innere der Krater doch so

einsam, so ungestört, so beschützt vor allen Winden, -- lächeln die

Seen, die in vielen derselben liegen, den Reisenden doch so freundlich,

so friedsam an, -- und giebt ihnen der Gedanke an die gewaltsamen,

vernichtenden Kräfte, die ~unter~ ihnen in der Tiefe schlummern, doch

einen so eigenthümlich bangen Reiz, daß man unwillkührlich gemahnt wird

an den Wechsel des Schicksals im Leben der Menschen und an die

Vergänglichkeit alles irdischen Glücks, -- und hatte mich doch eine

lange Reihe von Jahren mit allen diesen Kratern auf Java so vertraut

gemacht, daß sie mir lieb geworden waren, wie eine zweite Heimath! --

Erinnerungen und Gefühle dieser Art fesselten mich an den Ort und ich

saß (von Thibaudiabäumchen überwölbt) ~noch~ am Kraterrande, als meine

javanischen Begleiter den Gipfel schon verlassen hatten und am Gehänge

hinabeilten. Ich warf noch einen Blick hinab und rundum -- und folgte

ihnen. Doch war es mir unmöglich von diesem Berge (dem letzten, den ich

vor meiner Rückkehr nach Europa ersteigen sollte,) Abschied zu nehmen

und ihm das »Lebt wohl, ihr Berge!« -- zuzurufen, ohne den heimlichen,

aber innigen Wunsch zu empfinden: »~auf Wiedersehn~.«

Diese Hoffnung auf Wiedersehn tröstete mich auch, als ich, kaum erquickt

von der größeren Kühle dieser Region, wieder herab in das tiefere Land

stieg und dem heißen Batavia zueilte.

* * * * *

Ich kann nicht unterlassen, der wohlwollenden Rücksicht hier zu

gedenken, welche die Regierung auf meine geschwächte Gesundheit nahm,

nicht nur, um mir den erbetenen Urlaub nach Europa zu bewilligen,

sondern auch um meine Abreise in ein kälteres Klima zu beschleunigen.

Besonders verpflichtet bin ich Sr. Excellenz dem Hrn. Generalgouverneur

J. J. ~Rochussen~, der mich sehr liebreich behandelte und mich beim

Abschied mit den herzlichsten Wünschen entließ.

Dennoch verzögerte sich meine Abreise bis gegen Ende August und dieser

fast zweimonatliche Aufenthalt in dem heißen Klima von Batavia wirkte

noch mehr erschlaffend auf meine geschwächte Gesundheit. -- Erst mit dem

Kriegsdampfer ~Etna~, den der erste Lieutenant ~Eschauzier~ commandirte,

war es mir vergönnt, nach Singapure zu gehn, von wo die mit der Landmail

aus Europa angekommenen Briefe abzuholen und andere dahin gerichteten zu

überbringen waren.[1]

Endlich, in dem Nachmittag des 27. August konnte ich Batavia verlassen

und begab mich an Bord des ~Etna~ in Begleitung meines Freundes und

Collegen _Dr._ ~Schwaner~, der erst vor Kurzem von seinen weiten Reisen

auf Borneo zurückgekehrt war und zur Ausarbeitung seiner Karten noch

einige Zeit auf Java zu bleiben gedachte.[2] -- Den folgenden Morgen

sollte das Dampfschiff die Rhede verlassen. Dieser Gedanke stärkte mich

verbunden mit der Einwirkung der kühlen Seeluft, die ich des Abends auf

dem Verdecke genoß und nun erst fing ich an, mich zu freuen, denn erst

nun konnte ich die Schwierigkeiten, die sich meiner Abreise

entgegengestellt hatten, für überwunden achten und die Hoffnung hegen,

dem Vaterlande ~sicher~ zuzueilen.

Wir verließen am 28. August 1848 früh die Rhede von Batavia. Die

Wasserfläche war todtstill, -- sie glich einem glänzenden Spiegel und

die Schiffe, die unbeweglich darauf lagen, glichen den Häusern einer

Stadt; auf dem einen Schiffe wurde gesungen, auf dem andern getrommelt

und gepfiffen, -- und auf noch andern ertönte, den Rhythmus der

täglichen Verrichtungen der Seeleute abmessend, die Schiffsglocke, deren

Klang weit über die glatte Fläche hinscholl. _Falco pondicerianus_

umkreiste die Masten noch eben so, wie vor 13 Jahren, als ich den Busen

voll geschwellter Erwartungen, erhoben durch unbegrenzte Hoffnung hier

ankam, -- die Physiognomie der Küste mit ihren weißen und rothen

Häusern, die durch das Grün hindurchschimmerten, war noch ganz

dieselbe, -- auch der Zuckerhut des Gunung-Panggerango blickte aus

blauer Ferne noch eben so, wie damals, über die untern dunstreichen

Luftschichten herab, -- die ganze Natur war die alte, unveränderlich

getreu in allen ihren Nüancen, -- -- nur ~ich~ war nicht mehr derselbe,

ich in meiner Denkweise, in meiner Empfänglichkeit für die Eindrücke der

Außenwelt war ein Andrer geworden und sah nun kalt, erregungslos und

gleichgültig auf dieselbe Welt herab, die mich vor 13 Jahren, als ihr

Antlitz für mich noch ein ganz fremdes war, so lebhaft erregte, so

unwiderstehlich anzog und zur Erforschung ihrer Eigenthümlichkeiten

entflammte.

Außer der Schwächung des Körpers durch die anhaltende Hitze und den

verlornen Reiz der Neuheit nach allmählig genauer gewordener

Bekanntschaft mit der tropischen Natur, ist es, glaube ich, vor Allem

der ~Mangel an Abwechselung~ in den Jahreszeiten und in den

Erscheinungen des Luftkreises, -- es ist die zwischen den Tropen

ununterbrochene Dauer des Sommers, es ist das ewige Grün, das den Geist

der Europäer auf Java zuletzt erschlafft und in Gleichgültigkeit gegen

die Schönheiten javanischer Natur versinken läßt. -- Man verlangt

endlich nach Veränderungen, von welcher Art auch, man hat Bedürfniß nach

etwas Neuem. Eben so sehnsüchtig, wie ich vor 13 Jahren nach dem üppigen

Grün der tropischen Wälder verlangte, so sehnte ich mich jetzt nach

einer kahlen Winterlandschaft, -- ich verlangte nach ~Eis~, nach

~Schnee~.

Unser Schiff setzte sich um 6-3/4 Uhr des Morgens in Bewegung, -- das

eiserne Dampfboot ~Onrust~[3] fuhr vor uns hin und die befreundete

Küste trat immer mehr zurück. -- Ich hatte gestern von meinen

Bekannten ziemlich gleichgültig Abschied genommen, -- jetzt erst, nun

ich unwiderruflich von ihnen getrennt war, nun ich mich mit jeder

Minute weiter von ihnen entfernte, bemächtigte sich meiner ein

Gefühl, das mich zu ihnen zurückzog, -- eine lebhaftere Theilnahme

erwachte, -- meine Gedanken kehrten zu ihnen zurück, zu den Bewohnern

dieses Landes, die mir durch einen vieljährigen Umgang lieb geworden

waren und ich bedauerte nun mit einem reuigen Gefühl, gestern in

meiner Gemüthserschlaffung, in dem Scheintode aller herzlichen

Gefühle, ihnen nicht wärmer die Hand gedrückt zu haben!

Den 28sten hatten wir bei stets heiterem Wetter eine stille,

kleinwellige See und wenig Wind. -- Außer den vielen kleinen Inseln der

Rhede von Batavia und denen, die von der Rhede an nach Norden zu

regellos zerstreut vorkommen, sahen wir die sogenannten

~Tausend-Inseln~, die zwei-, drei-, ja vierfach hinter einander

gruppirt, einen von Süd nach Nord ausgedehnten kleinen Archipel bilden,

an dessen Ostseite wir vorüberfuhren. Sie blieben also links liegen, die

nächsten etwa drei bis vier englische Meilen entfernt. (Ihre Lage: der

Lampongspitze gegenüber, doch dem Meridian von Batavia näher, als dem

von Bantam.) Der sogenannte »Süd- und Nordwächter« bezeichnen ihre

Grenzen der Längenausdehnung nach. Sie gleichen vollkommen den Inseln

der Rhede und allen übrigen, die wir in diesem Meere sahen, -- die

größten haben drei bis fünf englische Meilen, die kleinste eine

Viertelmeile im Durchmesser; sie sind ~flach~, mit Wald bedeckt. Jede

Insel ist nur ~ein~ Wald. -- ~Kein~ kahles Fleckchen. Die nähern lassen

zwischen ihrer grünen Waldung und dem glänzendblauen Meere noch einen

weißen Küstenstreifen erkennen.

Ihre Zahl ist etwa 40-45. Sie sind eine rechte _terra incognita_, noch

nicht aufgenommen, denn die Schiffe fahren in weiter Entfernung nur um

sie herum, weil die Untiefen, Klippen, -- Korallenbänke, womit die

Inseln untermeerisch verbunden sind, alle Annäherung verbieten. Nur

Räuberfahrzeuge besuchten sie früher. Sie liegen regellos zerstreut und

sind wahrscheinlich nur einzelne Punkte ~einer einzigen~ großen

Korallenbank, -- nämlich ~die~ Punkte derselben, die (einige Fuß) ~über~

den Meeresspiegel hervorragen. -- Ob die Korallen auf Tertiärschichten

ruhen? -- auf einer submarinen Erhebungslinie, die der Ostküste von

Sumatra (den Lampong's) parallel läuft?

Vom »Nordwächter,« der im Nachmittag des 28sten noch sichtbar war, sahen

wir keine Inseln mehr; wir durchschnitten nun vom 28sten Abends an die

Nacht durch, nord-nord-westwärts den langen Raum zwischen diesen

nördlichsten der Tausend-Inseln und der Insel Lucipara, die am südlichen

Eingang der Straße Bangka liegt; -- als der Abend fiel, wurden zwei

verschiedenfarbige Laternen an den Masten aufgehängt, die eine mit

rothem Glas und rothem Lichtschein hinten am Fockmaste und die andere

mit grünlich-gelbem Lichte vorn am großen Maste (das Zeichen der

Dampfschiffe bei Nacht).

Die Nacht war hell und windstill, -- die See kleinwellig.

Den 29sten des Morgens um 7-1/2 Uhr bei ganz heiterem Wetter kam uns die

Lucipara-Insel zu Gesicht und etwas später erschien als ein langer

dunkler Streifen auch die flache, niedrige Küste von Sumatra. Wir

dampften zwischen beiden hindurch. Lucipara, die rechts liegen blieb,

war eben so flach und waldig, wie die vorigen Inseln und hatte in ihrer

Mitte einen kleinen kegelförmigen Höcker. Ihr Durchmesser beträgt nach

den Seekarten 1-1/2--2 engl. Meilen. --

Schon um 7 Uhr fing das Wasser an sich immer grünlich-heller zu färben.

Um 8 Uhr waren wir noch 7 engl. Meilen von der Küste entfernt und

erblickten vorn, im Eingang der Straße Bangka, sieben (größere und

kleinere) Schiffe, die dem Meere ein recht belebtes Ansehen gaben. Als

wir uns der Richtung: West von Lucipara-Insel und Ost von

Lucipara-Spitze (Sumatra's) näherten, fingen wir an zu peilen und

unsern Cours Nord-West bei 4-1/2--5 Faden Wasser in Nord-Nord-West zu

verwandeln. Wir näherten uns also mehr der Küste von Sumatra, die

deutlicher wurde und sich als niedriges, flaches, sumpfiges Land

darstellte, mit Waldung bedeckt.

Wie eine Mauer stieg der Waldsaum dieser Küste von Sumatra empor und

erhob sich gewöhnlich in einer doppelten Terrasse, zweimal hinter

einander. 1º Man unterschied einen vordern niedrigen Waldstreifen, der

wahrscheinlich aus Rhizophoren bestand und sich wandartig aus dem Meere

erhob, -- 2º einen hintern höheren Wald, der eben so mauerartig und

scharf begrenzt war und der hier und da, wo der erstere fehlte, bis an's

Meer vorgerückt erschien und dann unmittelbar aus dem Wasser

aufstieg. -- In diesen Waldmassen bildeten die Bachmündungen schmale

Klüfte und erschienen wie schroff hindurchgehauene Straßen oder

scharfbegrenzte Kanäle. Ein röthlich-schmutziger Strand war vor diesem

Waldsaume kaum zu erkennen. -- Wir kamen mehren Schiffen nahe vorbei und

waren nur 2--3 engl. Meilen von der Küste Sumatra's entfernt.

Um 11 Uhr befanden wir uns der ersten vorspringenden Ecke Sumatra's

(_het eerste punt_ der holl. Seekarten) gegenüber, deren Waldung aus

mäßig hohen Bäumen zusammengesetzt war und mit einer scharfen Grenze wie

eine Mauer endete; -- wir konnten die weißlichen, schlanken und geraden

Stämme deutlich unterscheiden; -- der Strand machte sich durch eine

trübe schlammig-braune Färbung des Wassers kenntlich, die bis weit vom

Lande ab in die See hinaus reichte. Auch Bangka wurde in größerer

Ausdehnung sichtbar und stellte sich als ein flaches oder doch sehr

niedrig-hügeliges Land dar.

Von 1 Uhr an kam uns der höchste Berg Parmasan auf Bangka zu Gesicht und

bildete einen langgedehnten, convex-buckligen Wulst, der in der

Richtung von Süd-West nach Süd-Ost seine größte Längenerstreckung zu

haben schien. Weil sich sein Gehänge Absatzweise erhebt, so glaubt man,

daß er aus mehren, in der angegebenen Richtung hintereinander liegenden

Bergen bestehe, von denen der mittelste der höchste ist. Wir schätzten

diesen auf 2--2-1/2 tausend Fuß. -- Seitwärts, sowohl zur Linken als zur

Rechten, dieses Bergzuges war Alles, was wir sahen, nur niedriges Land,

das eine eben solche flache Waldküste bildete, wie das gegenüber

liegende Sumatra. Während der Himmel über der letzteren Insel, die, so

weit man hier sehen konnte, flach ist, heiter war, so lag über dem

gebirgigen Bangka eine düstere Wolkendecke ausgestreckt und die Berge

erschienen in einem dunkeln Blau, das Meerwasser war aber grünlich-hell

(s. Fig. 1, Gunung-Parmasan). -- Indem wir durch die Straße von Bangka

weiter dampften, die an ihrer schmalsten Stelle, gegenüber _het eerste

punt_ nur 5, übrigens aber 7--10 engl. Meilen breit ist, kamen uns

Erscheinungen entgegen, die schon Columbus als Beweise nahe liegender

großer Flußmündungen betrachtet hatte, nämlich eine Menge treibendes

Holz und Bambus; -- zugleich rückte uns mit dem gedrehten Winde, der nun

aus Norden blies, die schwarze Luft immer näher und bald fing ein

Gewitterregen an herabzuströmen, der mit starkem Nordwind bis 3 Uhr

anhielt.

Auf unserer Weiterfahrt durch die Straße blieb der Anblick der flachen

Küste von Sumatra und der ebenfalls flachen, nur hier und da mit

niedrigen Bergzügen oder Hügeln bedeckten Küste von Bangka bis gegen

Abend derselbe, und es fing schon an zu dämmern, als uns zuerst der Berg

Manumbing sichtbar wurde, an dessen Fuße Muntok, die Hauptstadt

Bangka's, liegt. -- Es war schon völlig Nacht, als wir uns der Küste

näherten, und es mußten drei Kanonenschüsse hintereinander gelöst

werden, um den Bewohnern Muntok's zum Signal zu dienen. Alsbald,

nachdem die Schüsse gefallen waren, wurden drei helle Lichter an der

Küste sichtbar, die unserm Schiffe die Richtung des zu befolgenden

Courses vorschrieben und die uns auch bald darauf auf der Rhede von

Muntok willkommen hießen, wo wir um 9 Uhr ankerten.

Als am 30. August auf eine helle Nacht, in welcher ein starker Landwind

geweht hatte, ein gleich heitrer Morgen folgte, lagen wir südwärts von

Muntok und erblickten den langen, waldigen Berg Manumbing nun in voller

Klarheit im Norden (s. Fig. 2). -- Dann dampften wir noch näher und

legten der Stadt gerade gegenüber in Süd-Süd-West an (s. Fig. 2). --

Außer dem Manumbing und den Vorbergen und Hügeln, die sich ihm auf

beiden Seiten anreihen und die in einer Linie von Nord-Ost nach Süd-West

zu liegen scheinen, ist alles Andere, was man von Bangka sieht,

niedriges Land; -- es ist aber keine Ebene, viel weniger eine

Alluvialfläche, sondern es erhebt sich in den mehrsten Gegenden schon

von der Küste an oder in geringer Entfernung von dieser und steigt

50--100 Fuß steil empor, um sich dann in kleine Platten auszubreiten.

Auf einer solchen Platte liegt die _Benteng_ (Schanze, s. Fig.

3), -- von welcher herab ein weißes Haus mit seinem rothen

Dache, -- wahrscheinlich die Commandantenwohnung -- weit in die Ferne

schimmert. -- Am Fuße dieses Festungsberges, zur Linken desselben, liegt

die Stadt, die dermaßen im Gebüsch von Fruchtbäumen verborgen ist, daß

man nur einige dem Strande näher liegende Häuser und Hütten derselben

gewahr wird; und auch diese sind noch mit Gebüsch umgeben und von

Kokospalmen überragt. Nur zwei größere (** auf Fig. 3) von ihnen sind

weiß mit rothen Dächern (wahrscheinlich Packhäuser), die übrigen sind

graue, oder schmutzig-bräunliche Bambushütten der Eingebornen, die

auf dem gelblich-falben Sande zerstreut stehen. Alles Andere ist

waldig-grün.

[Illustration: _¡Fig. 1.¡_

_¡Insel Bangka, Gunung Parmasan, W.S.W Seite (um 2 Uhr)¡_]

[Illustration: _¡Fig. 2.¡_

_¡Insel Bangka, Gunung Manumbing (S. Seite)¡_]

[Illustration: _¡Fig. 3.¡_

_¡Insel Bangka, Muntok¡_]

[Illustration: _¡Fig. 4.¡_

_¡Berg auf der Insel Bintang (S. Seite)¡_]

[Illustration: _¡Fig. 5.¡_

_¡Berg auf der Insel Bintang (S.W. Seite)¡_]

[Illustration: _¡Fig. 6.¡_

_¡Goldberg auf der N. Küste Sumatras¡_]

Nur in manchen Gegenden, wie im Süden des Berges auf Fig. 2, ist dem

Hügellande ein flacher Strand von etwas größerer Breite vorgelagert;

dieser ist dann gewöhnlich mit Rhizophoren bedeckt, die sich

zungenförmig in's Meer hinausziehn und deren dunkele Stämme, da sie sich

grell auf dem weißlichen Sandboden abzeichnen, man schon aus großer

Weite in See unterscheiden kann.

Nachdem der Zweck unseres Anlegens auf Muntok erfüllt, nämlich die

Postpackete abgegeben und ein für Palembang bestimmter Offizier an's

Land gesetzt war, -- setzten wir um 8-1/2 Uhr die Cylinder unsrer

Dampfmaschine wieder in Bewegung, schifften um die scharfbegrenzte,

spitze Landecke herum, welche in West-Nord-West von Bangka in's Meer

ragt und fuhren dann nach Norden weiter. Wir kamen so nahe an der Küste

vorbei, daß wir Baumstämme, Felsen, Alles mit bloßen Augen deutlich

unterscheiden konnten. Es zieht sich von jener Spitze ein verflachter,

~weißlich~-falber Strand nach Norden und eine Menge rauher, wie

angefressener Klippen von ~schwärzlicher~ Farbe ragen, bald einzeln,

bald zu ganzen Kämmen, aus diesem Sande hervor, mit dessen Farbe sie

einen grellen Contrast bilden; sie vereinigen sich hier und da zu

kleinen Wänden und Felspartien und verschwinden dann unter dem Grün von

struppigen, nicht hohen Wäldern, die Alles, was vom Lande sichtbar ist,

bedecken und in denen man, an ihrem pyramidalen, tannenartigen Wuchse

viele Casuarinen (_Cas. equisetifolia L. = Tj[)e]mara laut_) bald

einzeln, bald zu ganzen Gruppen gewahr wird. -- Ähnliche schwarze

Klippen tauchen auch noch links aus dem Spiegel des Meeres auf.

Auch noch weiter nord- und nord-ost-wärts von Muntok behielt die Küste

von Bangka, so lange wir sie sehen konnten, diese Beschaffenheit und

ging einwärts in Landschaften über, die weder ebene Flächen, -- noch mit

eigentlichen Bergen besetzt waren, sondern die ein 30, 40--100 Fuß

hohes, verflachtes Hügelland von felsiger, wenig fruchtbarer Oberfläche

zu bilden schienen.

Von Sumatra war nichts zu sehen; der Manumbingberg, convex von Form wie

ein gekrümmter Katzenrücken, trat, je mehr wir nach Norden avancirten,

immer weiter unter den Horizont zurück -- und kaum war die letzte

Nordspitze Bangka's aus dem Gesicht verschwunden, als das anfangende

stärkere Schwanken unseres Schiffes uns verkündete, daß wir uns auf

freierem Meere, weiter von Landtheilen entfernt, befanden.

So heiter der Morgen gewesen war, so düster war die Wolkendecke, die den

ganzen Tag lang alles Blau des Himmels vor unsern Blicken verbarg und

die oft einen feinen Regen herabströmen ließ. Auch folgte eine eben so

trübe Nacht auf den trüben Tag, während wir unter stetem, sehr starkem

Schwanken des Schiffes unsern Cours nach Norden verfolgten. Das starke

Schwanken des Schiffes bei gleichzeitiger Windstille scheint sich aus

der Lage der See zu erklären, die wir durchschifften. Diese steht

nämlich nach Nord-West hin offen bis weit in die chinesische See hinein

und die Wogen aus dieser See, in der es vielleicht stürmte oder gestürmt

hatte, rollten, in Beziehung auf den Cours unseres Schiffes, in fast

querer Richtung zu uns heran.

Was die Form der höheren Berge auf Bangka betrifft, so würde man schon

aus dieser Form, auch ohne eine nähere Kunde vom geologischen Bau der

Insel zu besitzen, mit Wahrscheinlichkeit ableiten können, daß es weder

trachytische Berge, die sich fast immer kegelförmig vorthun, viel

weniger Vulkane sind, -- noch auch erhobene Theile einer sedimentären

Formation, weil die letztern sich immer als langgezogene Ränder

darstellen oder als Ketten, die auf der einen Seite breit sind, sanft

ansteigen und dann auf der andern Seite, vom höchsten Rande an,

plötzlich fallen. Die Berge Bangka's sind aber breite, stumpfe Wülste

und bestehen wahrscheinlich aus granitischen Gesteinen oder

Porphyrarten, während das tiefe Land zwischen ihnen von granitischen und

quarzigen Schuttmassen, Felsentrümmern (mit dem Zinnerz) erfüllt ist.

Wahrscheinlich hat Bangka seinen Zinnreichthum (im Diluvialboden, aus

dem das Erz ausgewaschen wird) mit dem nahen Biliton, so wie mit vielen

Gegenden der Halbinsel Malaka (den Staaten Kalantan, Pahang, Perak,

Salangore) und einigen östlichen Landschaften von Sumatra (Tana Hualu,

nord-westwärts von Bila, Asahan, vielleicht auch Delhi) gemein.

Literatur über Bangka:

_J. ~Crawfurd~, History of the Indian Archipelago. Edinburg, 1820._

_~Court~, Exposition of the relations of the British Gouvernment

with the Sultan and State Palembang._

_v. ~Siebold~, Voyage au Japon. t. 1, p. 17--60_ (mitgetheilter

Berichte über Bangka und seine Zinnminen).

_Dr._ ~Epp~, Schilderungen aus Ostindien's Archipel. Heidelberg,

1841.

_Dr. P. ~Bleeker~, Bijdragen tot de kennis von de statistiek der

bevolking von Banka en Biliton. In Tijdschr. voor Nêêrl. Indië

Jaarg. 1850. afl. 11. p. 348 etc._

Verschiedene andere zerstreute Berichte über Bangka in derselben

Zeitschrift (_voor Nêêrl. Indië_) Jahrgang _V_, 2, 392, -- _VI_, 2,

49, -- _VIII_, 4, 125 (wo auch eine Karte der Insel mitgetheilt

wird, welches die beste und ausführlichste der bis jetzt

erschienenen ist), -- _IX_, 1, 117. -- Das ~Hauptwerk~ aber ist:

_~Thomas Horsfield~, Verslag aangaande het eiland Banka. In

Tijdschr. voor Nêêrl. Indië. Jaarg. 1850. p. 192 etc._ --

(Übersetzt aus: _The Journal of the Indian Archipelago and Eastern

Asia._ 1848.) -- Ein vortreffliches Werk, obgleich mehr in

politischer und administrativer Beziehung, ist auch: _H. M.

~Lange~, Het eiland Banka en sijne aangelegenheden. d'

Hertogenbosch_ 1850. Mit einer vom Verfasser zusammengestellten

Karte der Insel, welche ~dieselbe~ ist, die bereits (wie so eben

bemerkt) in der Zeitschr. für Niederländisch Indien. _VIII, afler._

4 mitgetheilt wurde.

* * * * *

Nach _Dr._ ~Bleeker~ betrug die Gesammtbevölkerung zufolge einer

Zählung, die gegen Ende von 1848 bewerkstelligt worden war, 41,246 Köpfe

über die ganze Ausdehnung (223 geogr. Quadratmeilen) von Bangka, oder

185 auf eine Quadratmeile, während diese Zahl auf Java 4000 auf einer

Quadratmeile beträgt.

Ein eben so trüber, regniger Himmel wie gestern begleitete den 31.

August unsre Fahrt auf der Ostseite der Insel Linga vorbei nach Bintang.

Wir sahen kein Land vor 8-1/2 Uhr, zu welcher Zeit uns zuerst die

kleinen Inseln zu Gesicht kamen, welche dem Südende der größern Insel

Bintang Rio vorgelagert sind. Die äußerste kleinere davon (Burean) und

dieser zur Linken eine noch kleinere sind bloße Bergscheitel, die aus

dem Meere auftauchen. Sie sind wie alle andern dieser Gruppe, mäßig

hoch, ohne eigentliche Kegel zu bilden. -- Indem wir unsern Cours nach

West zu Nord nahmen, nämlich zwischen der Insel Batang (deren Küste wir

nicht sehen konnten) und Bintang, der letztern viel näher, hindurch, so

blieben die bintang'schen Vorinseln uns zur Rechten liegen.

Der Hauptinsel näher kommend, fuhren wir nach 1 Uhr zwischen der Insel

Alligator und 5 kleinen Inselgipfeln hindurch, -- sahen uns bald darauf

fast auf allen Seiten, rundumher von convexen, flachhügligen Inseln

umgeben, die nur mit einer struppigen, häufig unterbrochenen Waldung

bedeckt waren und durch deren Pflanzendecke überall eine röthliche

Bodenart hindurchschimmerte, und warfen um 2 Uhr auf der Rhede von

Bintang Rio nämlich süd-westwärts vom Fort und süd- zu westwärts von dem

Berge von Bintang Anker. Dieser einzige hohe Berg der Insel blickte aus

Nord zu Ost über die Mitte der Insel Pulu Patingit (Marsinsel der

Seekarten) zu uns herüber, deren östlicher Strand mit den kahlen Hütten

eines Dorfes bedeckt war (s. Fig. 4.). --

Einige englische Meilen von uns in Nord-Ost, auf einem verflachten,

niedrigen Bergwulste lag das Fort von Rio, das wir an seinem

Flaggenstock und der weißen Farbe seiner Ringmauer erkannten.[4] Der

flache Berg, worauf es lag, war mehr bräunlich als grün und eben so kahl

wie dieser, kaum hier und da mit etwas struppiger Waldung bedeckt

erschienen auch die andern Theile der Insel Rio links und rechts vom

Fort, die sich als ein niedriges (nach Schätzung nur 2--300 Fuß hohes),

nicht flaches, sondern in weiten Abständen ~welliges~ (sanft erhobenes

und gesenktes) mageres Land darstellten. -- So weit man sehen konnte,

war die Insel aus solchen langhingezogenen, flach-convexen Landwülsten

zusammengesetzt, aus deren magerer Erddecke der nackte Grund an vielen

Orten röthlich, selbst bolusroth, hindurchschien, und wo man an der

Küste Waldung sah, war diese mit Casuarinen vermengt, struppig. Am

kahlsten, magersten sah die Patingit-Insel aus.

Wir dachten an die luxuriösen, feuchten, schattigen, kein Fleckchen

unbedeckt lassenden Waldungen Java's, -- an den ~vulkanischen~ Boden,

der diese trägt und glaubten schon hieraus, so wie aus der äußern

Landform von Bintang auf eine ganz andere geologische Zusammensetzung

dieser ~kahlen~ Inseln, wenigstens auf die Abwesenheit von Trachyt und

von Lava, also auf den Mangel an leicht verwitterndem, den Boden mit

Kali speisendem Feldspath schließen zu können. Auch auf Java in den

wenigen Gegenden, wo vulkanische Producte fehlen z. B. in manchen

Districten Sukapura's, herrscht eine ähnliche Baumleerheit des Bodens

und Alang-Gras vertritt die Stelle der Wälder.

Nachdem ein angekommenes Boot das Postpacket für Rio von uns in Empfang

genommen hatte, setzten wir um 2-1/2 Uhr unsere Reise nach West zu Nord

fort, ließen das Westende der Patingit-Insel zur Rechten liegen und

erblickten neue flache (oder nur niedrighüglige) Inselküsten, die uns

bald wieder auf ~allen~ Seiten umgaben. Manche waren so niedrig und

flach, daß sie kaum aus dem Wasser hervorragten, z. B. Pulu Sori,

Terkoli, -- sie waren wenig mehr als Sandbänke, auf deren ~weißlichem~

Grunde sich sparsames Gebüsch mit einzelnen Casuarinen erhob. Das linke

Ende der letztgenannten Insel lag uns um 3-1/4 Uhr gegenüber in Nord-Ost

und in derselben Richtung erschien im Hintergrunde der Bintang-Bai die

linke Ecke × des Gipfels vom gleichnamigen Berge (s. Fig. 5. -- × ist

der sogenannte kleine Bintang-Berg).

Der Waldreichthum der Küsten von Inseln, die wir nun sahen, nahm

allmählig zu, je weiter wir nach Nord-West steuerten. Wir befanden uns

um 4 Uhr dem Süd-Ostende von Loboan besar gegenüber, aus deren

Pflanzendecke zunächst über dem Meere hier und da auch noch ein rother

Boden hindurchschimmerte, -- und sahen ringsherum fast überall nur

Küsten mit ~hohem~ Wald.

Wir näherten uns nämlich dem Ausgange der Straße, welche von Süd nach

Nord zwischen der westlichen oder links liegenden Insel Batang und der

östlichen oder rechts liegenden Insel Bintang hindurch führt, und welche

kaum 3 geographische Minuten breit ist. Kleine Inseln liegen hier vor

den Küsten der größern und vor den kleinen liegen noch kleinere und alle

zusammen mit ihren schmalen, oft nur flußähnlichen, geschlängelten und

einander durchkreuzenden Durchgängen bilden ein so geheimnißvolles, kaum

zu entwirrendes Labyrinth von Kanälen zwischen düstern und einander so

sehr gleichenden, menschenleeren Waldküsten, daß die Eingebornen von

andern benachbarten Inseln selbst, wenn sie durch diese Straßen schiffen

oder rudern, Signale an den Ufern setzen oder an hohen Bäumen befestigen

müssen, um sich nicht zu verirren und eine Insel wieder zu erkennen!

So fuhren wir zwischen den Waldinseln auf stiller See wie zwischen den

beiderseitigen Ufern eines breiten Flusses dahin und kamen besonders der

Küste von Bintang (auf unsrer Ostseite) oft bis auf einen Gewehrschuß

nahe, so daß wir alle Bäume zählen konnten, die sich einwärts von dem

bräunlich-falben Strande erhoben. Casuarinen waren auch unter diesen

nicht selten.

Erst gegen halb sechs Uhr wurde die Straße breiter, die seitlichen

Küsten traten mehr und mehr zurück, und bald hatten wir in der

Abenddämmerung weiter nach West-Nord-West dampfend, den Genuß, die

Süd-Ostecke der malaischen Halbinsel als ein mäßig hohes Land vor uns

auftauchen zu sehen. Wir hatten also die südlichste Spitze des großen

asiatischen Continents vor uns und begrüßten den Anblick von Kap

Remunia.[5]

Es war ein schöner stiller Abend. Die See war so ruhig wie der Spiegel

eines Binnensees und die Luft war warm, doch eher angenehm als drückend.

Die Natur um uns her zwischen diesen Wäldern war friedlich; sie dämmerte

in ~menschenleerer~ Stille. Das Meer erweiterte sich allmählig wieder

und wir fuhren im Halblichte dahin, das die Sterne und die Mondessichel

aus dem klaren Azur des tropischen Himmels auf uns herabgossen und das

zwischen ~diesen~ Umgebungen doppelt zauberisch war.

Indem wir durch den narcotischen Reiz der Abendlandschaft

unwiderstehlich hingerissen nach den Sternen dort ~oben~ blickten und

unser Schiff Etna nach West-Nord-West zu immer weiter dampfte, -- da

erschienen auch eine Menge Sterne tief am Horizont, -- mehr und mehr

solcher leuchtender Punkte tauchten vor uns auf, -- bald bildeten sie

eine lange Reihe von Lichtern neben einander, -- dunkele Körper, wie der

Rumpf großer Schiffe zeichneten sich in Umriß von ihnen ab, -- die Scene

belebte sich, -- Menschenfleiß mit seinen Werken fing an die waldigen

und wässerigen Öden zu ersetzen -- und auf unserm Schiff erscholl das

Commando: -- «_halve kracht_,» -- «_stop_,» -- «_laat vallen het

anker!_» -- -- Es war 9 Uhr und wir hatten die Anker auf der Rhede vor

der Stadt Singapur geworfen, deren Lage in einem Halbmond entlang des

Strandes nur jene lange Reihe von Lichtern bezeichnete.

Wir waren am 1sten September schon früh munter an Bord und standen auf

dem Verdeck, um den Anbruch des Tages zu erwarten. Es war Neugierde,

endlich selbst einmal die berühmte Stadt zu sehen, die sich seit 1819 in

so kurzer Zeit zum Hauptstapelplatz des Handels zwischen Britisch Indien

und China erhoben hatte, welche uns so frühzeitig weckte.

Es dauerte nicht lange, -- die Schöpfung von Sir St. Raffles lag vor

uns in Nord-West, und die aufgehende Sonne warf ihre ersten Strahlen

auf das zierlich-schöne Bild der Stadt, die, in ihrer ganzen

halbmondförmigen Ausdehnung nach uns ihre Front zukehrte. Wir sahen

fast lauter zweistöckige Häuser, von denen einige weiß, andere

gelblich angestrichen waren; -- hübsche Wohngebäude mit Balconen oder

Estraden, die auf Säulen ruhn, -- kleine zierliche Paläste, -- zwei

Kirchen mit kleinen Thürmchen, -- Packhäuser mit Bogengängen

dichtgedrängt, -- reihten sich an einander und bildeten eine lang

hingedehnte Gruppe, die sich unmittelbar auf dem halbmondförmigen

Strande zu erheben schien. Dazwischen blickte einiges, doch sparsames

Grün von Frucht- und Zierbäumen hervor und sanft gerundete Hügel

erhoben sich im Hintergrunde, von denen viele ebenfalls mit Gebäuden

bedeckt waren; dazu gehört namentlich der nächste gerundete Hügel

nord-westwärts hinter der Stadt, die er beherrscht, -- _Government-hill_

genannt, weil er die Wohnung des Gouverneurs mit dem Telegraphen trägt.

Von den schattig-kühlen Fruchtbäumen java'scher Dörfer und den Tausenden

von Kokospalmen, deren Wipfel dort aus den Gewölben der Laubbäume

hervorragt, war Nichts zu sehen, die Pflanzennatur in und um Singapur

war kahler, baumleerer; aber eben darum hatte der Ort ein viel mehr

städtisches, europäisches Ansehen, als das fast überall in

Fruchtbaumwaldungen versteckte Batavia.

Bald kamen eine Menge Kähne (_tambangan's_) zu uns herangerudert und

umschwärmten unser Schiff mit wiederholten, laut ausgeschrienen

Anerbietungen, um die Passagiere und unsere Bagage an's Land zu bringen.

Einige wurden von Malaien gerudert, andere, die kein Steuer hatten, von

Chinesen und in diesen saß jederzeit nur ~ein~ Ruderer, -- die mehrsten

aber wurden von Kalinganesen und Bengalesen regiert und diese waren es

auch, die es an Zudringlichkeit allen Andern zuvorthaten. -- Sie kamen

an Bord, warfen, ohne viel zu fragen, Stücke Bagage, deren sie habhaft

werden konnten, in ihre Böte und waren dann, wenn sie glaubten, den

Passagier in ihrer Gewalt zu haben, unverschämt genug, einen Dollar

(spanische Matte) für die kurze Überfahrt zu fordern, die nur einige

Minuten dauert und nicht mehr als einen halben, höchstens einen Gulden

kostet.

An's Land gestiegen und auf der schmalen, etwa 10 Fuß über dem Meere

liegenden Küstenfläche angekommen, befindet man sich unmittelbar

gegenüber dem «_London Hôtel_,» das aus zwei hübschen Gebäuden

nebeneinander (zu zwei Vertiefungen) besteht und etwa 2--300 Fuß von der

Küste entfernt liegt. -- Da hier fast alle Reisende, die mit

Landmailschiffen ankommen, einzukehren pflegen, so ist es besonders

während der Zeit, zu welcher diese Schiffe auf der Rhede liegen, als

auch in der Zwischenzeit der Ankunft zweier einander ablösender,

correspondirender Schiffe, von Passagieren überfüllt. (Diese Bemerkung

gilt auch von allen andern Hotels zwischen hier und Alexandrien.) Das

Logis, worin begriffen ist ein Zimmer mit einem guten Bett und sehr

schlechter Bedienung, Kost an _table d'hôte_, nämlich Frühstück um 9,

_Tiffet_ um 12, _Diner_ um 4-1/2 Uhr, -- kostete hier täglich 3 Dollar.

Ich blieb acht Tage (vom 1sten bis mit 8ten September) zu Singapur,

nämlich in Erwartung des Dampfschiffes, das die Reise von China über

Singapur bis Ceylon zu vollbringen bestimmt war. Es war der _Landmail

Steamer Braganza_ und wurde täglich erwartet. -- Den 5ten kam ein

Dampfschiff der Landmail von Ceylon an und brachte auch die für

Niederländisch Indien bestimmten, etwa in ein Dutzend Kisten gepackten

Zeitungen und Briefe mit. Nachdem diese vom Etna in Empfang genommen

waren, fuhr dieser den 7ten Sept. des Morgens früh wieder ab, um nach

Batavia zurückzukehren und ich sagte den Offizieren (den Herren de Jong

und de Graaf) für die freundliche Bewirthung an Bord, ein dankbares

Lebewohl. -- Erst den 8ten Sept. Vormittags kam die Braganza von Kanton

an.

Wenn man als Fremder durch die Straßen von Singapur wandelt, so ist man

verwundert, fast keine andern Farben zu erblicken, als das bleiche

~Gelb~ der Häuser (die zweistöckig und meistens eng an einander gebaut

sind) und das ~Bolusroth~ der Straßen, deren Staub auch an den

gelblichen Wänden der Gebäude sichtbar wird. Nur hier und da wird das

Auge erquickt von dem Grün lebender Hecken von Schlingpflanzen, die oft

bis zur zweiten Etage der Häuser hinanreichen. -- Übrigens hat Alles ein

mehr europäisches, städtisches Ansehen, als in den Küstenplätzen von

Java.

Am rechten Ufer des schlammigen Flusses von Singapur (süd- und

süd-westwärts von der übrigen Stadt) liegen außer den Packhäusern und

den Bureaux der europäischen Kaufleute, hauptsächlich die eng

aneinandergedrängten Wohnungen der ~Chinesen~ (chinesischer _Kampong_),

die vielleicht den größten Theil der eigentlichen Stadt einnehmen, von

denen aber viele ein sehr verfallenes Ansehn haben.

Eines Besuches werth sind außerdem: der prächtig verzierte chinesische

Tempel, -- der Tempel der Hindu's und der _Government-hill_, von dessen

flachgerundetem Scheitel man eine belehrende und schöne Aussicht über

Rhede und Stadt und über die angrenzenden Gegenden des Innern der Insel

genießt. -- Von den Ruinen auf der Nord-Westseite dieses Berges, die

nach Crawfurd aus den Zeiten abstammen sollen, in welchen der König Sri

Iskander Shah (in der ersten Hälfte des 13ten Jahrhunderts[6]) über

Singapur regierte, sind wenig mehr als noch einige Terrassen und

Sandsteinblöcke zu sehen, ohne Inschriften und ohne Sculptur.

So weit man vom Scheitel des _Government-hill_ sehen kann, besteht das

Innere der Insel aus bald mehr gerundeten, bald flacher ausgebreiteten

1-1/2--3 Hundert Fuß hohen Hügeln, die sich einer an den andern reihen

und dadurch ein wellenförmiges, labyrinthisch-unebenes Ganzes bilden,

das einwärts, in größerer Entfernung von der Stadt auch waldiger wird,

auf dessen näher gelegenen Anhöhen aber man noch eine Menge kleiner, oft

zierlicher, europäischer Wohnungen, hier und da zerstreut, erblickt.

Diese nähern Theile der Insel sind ziemlich kahl, weder mit

Anpflanzungen, noch mit eigentlichen Wäldern bedeckt, sondern nur mit

Graswuchs und vereinzeltem Gebüsch bekleidet. Wie bekannt, wird auf

Singapur, so wie auf den benachbarten Inseln (Bintang, Rio u. a.)

besonders der ~Gambir~-strauch (_Nauclea Gambir_, _Unkara_ der Malaier)

cultivirt, wovon das mit dem _Siri_- (_Betel_-) Blatt gekaute, bittere

Gummiharz _Gambir_ kommt (in Europa mehr noch unter dem Namen _Terra

japonica_, _Catechu_ bekannt); aber auch von diesem Culturgewächs habe

ich in der Nähe der Stadt nichts gesehen.

Die Wege in und in der Nähe der Stadt sind gut und bestehen aus klein

geschlagenem, fein und festgestampftem Thoneisenstein, der

bräunlich-roth und gepulvert fast roth aussieht; das allgemein

gebräuchliche Transportmittel sind Palankin's, die auf vier Rädern

ruhn, von einem Pferd gezogen werden und einen Dollar täglich kosten.

Der stets bengalische Fuhrmann «_Zeis_» sitzt auf keinem Wolkenthrone,

wie Zeus, nicht einmal auf einem Bocke (denn einen solchen hat das

Fuhrwerk nicht) sondern läuft ~neben~ her und hört nicht, wenn ihm der

eingeschlossene Reisende zuruft, still zu halten. -- Er bringt seine

Pflegebefohlenen daher, _nolens volens_, ohne Anhalten an die einmal

angegebene ~letzte~ (endliche) Bestimmung der Fahrt. Diese ringsum

geschlossenen, viereckigen Kasten stehn weit hinter den eleganten, mit

ledernen Niederschlägen versehenen und von zwei Pferden gezogenen

Miethwagen Batavia's zurück, in denen man schneller und bequemer reist.

Von öffentlichen Vergnügungs- und Versammlungsorten Singapur's weiß ich

nichts zu sagen, ich glaube auch nicht, daß es deren giebt, oder man

müßte die Spielhäuser der Chinesen dahin rechnen, -- die Kegelbahn der

deutschen Kaufleute (deren Zahl hier 13 beträgt) -- und die

Regimentsmusik der Sipoy's, die sich jeden Freitag, des Abends von 5-1/2

bis 7-1/2 Uhr, auf dem offenen Platze zwischen dem Strande und dem

_London Hôtel_ hören läßt. Da sowohl der erste als der letzte Tag meines

Aufenthaltes auf Singapur ein Freitag war (der 1ste und 8te Sept.) so

hatte ich zweimal Gelegenheit diese Musik zu hören. -- Die Sipoy's mit

ihren schwarzbraunen Gesichtern, ihrer weißen Kleidung und rothen Kragen

kommen um die bestimmte Zeit, schaaren sich im Kreis und spielen von

einem deutschen Kapellmeister in Civilkleidung dirigirt, meistens alte

beliebte Stücke, Märsche, Symphonien, die sie gut ausführen, wenigstens

ungleich besser, als die Chöre java'scher Musikanten, denen man hier und

da auf Java das Spielen europäischer Instrumente gelehrt hat.

Dieses ist auf Singapur der Ort und die Zeit, wo die gebildete (schöne

und nichtschöne) Welt zusammenkommt, -- zu Fuß, zu Pferd oder in

Palankin's, deren Pferd dann, so lange die Musik dauert, ausgespannt

wird, -- wo Kaufleute und Freunde einander treffen, wo Bekanntschaften

mit Fremden angeknüpft und wo auch wohl noch zartere _Rendez-vous_

gehalten werden. Wenn nach Untergang der Sonne die Dunkelheit zu sehr

zugenommen hat (um die ~Noten~ sehn zu können) -- dann wird bei

Laternenlicht gespielt, und es ist ein eigenthümlich angenehmes

Schauspiel zu sehen, wie in der erfrischenden Abendkühle, bei

Sternenlicht oben, und Laternenschein unten, -- Menschen der

verschiedensten Art durch einander wimmeln, wie Privatpersonen, Beamte,

Offiziere, elegante Damen, Kaufmänner und Seeleute in buntem Gewühl den

engen Kreis der Musici umfluthen oder sich in Gruppen rund um den

schönen Inhalt (in seidnen Gewändern) mancher Palankin's schaaren -- und

wie um diese europäische elegante Welt weiter außen noch Hunderte von

Chinesen, Bengalesen, Arabern, Javanen und Malaien herumziehn, alle

vergnügt und still genießend, -- während die harmonischen Klänge der

Musik im weiten Concertsaale verhallen, den keine andren Wände als

Himmel und Meer verengen.

Rückreise von Java nach Europa mit der sogenannten englischen Überlandpost im September und October 1848 · 第 1 / 14 段