ihren krausköpfigen Buben mit derber Inbrunst heran, und während sie
mit den Fingern durch seine Haare fuhr und ihn schüttelte, daß der
Bursche „Gesichter schnitt“ vor Schmerz, sagte sie zärtlich zu einer
Anderen:
„So kann es einmal da mit meinem Jakoberl werden, und auch mit Deinem
und mit einem jeden von unseren Buben.“
„Ja!... ja!...“ seufzte die Angeredete und schaute wieder auf die
Kinderschaar hinüber, die neugierig vor den Stubenfenstern der Frau
Weiß stand.
Drinnen in der großen Stube, wo der Heimgekehrte saß, war kein Platz
mehr, so Viele waren gekommen, um dem Leopold die Hand zu schütteln.
Die alte kleine Waschfrau, „die Weißin“, konnte sich kaum bewegen in
ihrem eigenen Hause, darum trippelte das verwitterte ruhelose Weiblein
jetzt wie eine Henne, die ihr verlaufenes Küchlein wiedergefunden hat,
durch alle die Menschen hin und her. Sie schob das verblichene rothe
Kopftuch, das fortwährend zurückrutschte, in die Stirne, sodaß ein
langes graues Haarbüschel immer weiter hervorkroch und ihrem schmalen
Vogelgesichte ein lächerliches Ansehen gegeben hätte, wenn es nicht
gar so geängstigt verkümmert und demüthig gewesen wäre. Nun stand die
alte Frau wieder rathlos neben ihrem großen Sohne, fuhr beunruhigt mit
beiden Händen flach an ihrem geflickten feuchten Rock von der Hüfte ab
nieder und murmelte stotternd vor sich:
„Jesus... Jesus!... was wird der Vater zu dem Unglück sagen!“
Plötzlich stemmte sie mit einem Anflug von Muth den einen Arm in
die Seite und hörte ihrem blonden bildhübschen Leopold aufmerksam
zu. Der Heimgekehrte erzählte seine Erlebnisse. Er sah recht krank
und geschwächt aus, aber kleinlaut war er doch nicht, und seine
ausdrucksvollen Augen schauten sogar lustig darein, während er sprach.
„Und der Italiener?“ fragte eifrig der lange Laternanzünder, der eine
Schramme über das ganze Gesicht hatte.
„Ah! -- he? -- rührt sich der alte Dragoner in Dir endlich?“ lachte
der Leopold und schüttelte den langen ölbefleckten Zwillichkittel des
hastigen Fragers, als wollte er die Neugierde aus dem Manne noch mehr
herausschütteln, dann strich er sich selbstgefällig, den kleinen Finger
hochhaltend, seinen schmalen Schnurrbart und sagte nach einer Pause mit
fieberhafter Lustigkeit:
„Ja, siehst Du, Laternanzünder, den Italiener, den hab’ ich nur so
angeschaut,“ er maß den Mann mit einem spöttisch-mitleidigen Blick
von oben bis unten, „dann hab’ ich ihn so um die Mitt’ genommen,“
er nahm dabei einen halbwüchsigen Burschen, der in der Nähe stand,
wie ein Bündel unter seinen Arm und hob ihn auf, „und dann hab’ ich
gesagt: Wällischer! halt’ Dich zusamm’, jetzt geht’s los!... Der
kleinbeinige Italiener hat gezappelt und die Zähn’ zusammengebissen,
daß sie gekracht haben, und wie ich ihn so hinüberwerfen will -- na ja,
so was fangt ja kein ordentlicher Deutscher -- zu seinem Vorposten, so
ein Stücken durch die Luft... da ist die Kugel geflogen kommen und hat
mir den Italiener weggenommen... zufällig war halt mein rechter Arm
dabei...“
„O Du mein armer Bub! mein Poldl! Jesus, was wird Dein Vater sagen?“
schluchzte Frau Weiß jetzt laut und gab damit das Zeichen, daß die
anderen Weiber ihre Schürzen nicht mehr verstohlen an die Augen zu
drücken brauchten.
Die Schramme auf dem Gesicht des Laternanzünders war dunkelroth
geworden; er räusperte sich, als ob ihm etwas in der Kehle steckte, und
fragte dann gepreßt:
„Lang’ im Spital gelegen?“
„Grad’ lang’ genug für ein frisches Blut... sechs Monat!“ „Und was
jetzt anfangen?“
„Essen!“ rief der Leopold lachend, und schaute seiner kleinen Mutter
gutmüthig-verweisend von unten hinauf in die Augen.
„Freilich -- richtig! -- jetzt bist schon fast zwei Stunden in Dein’
Vaterhaus und hast nicht einmal einen Bissen Brod kriegt. Wart’,
gleich wird der Kaffee fertig sein, hast gewiß schon lang’ keinen mehr
getrunken, mein armer Bub’!“
Mit ängstlicher Behendigkeit lief die alte Frau hinaus in die Küche,
und wie sie die Thüre öffnete, schoben sich die zwei Kinder von der
Trockenwiese herein und drängten sich zu dem Heimgekehrten.
„Da schau her! Die Lenerl, mein unmündiger Schatz! Na komm her,
Goldfuchs! aber Du bist gewachsen!“
So redete Leopold das größere Mädchen an. Die Lene ließ sich
widerstandslos zwischen seine Kniee ziehen, schaute erst forschend in
sein bleiches Gesicht, dann nahm sie den leeren Aermel in beide Hände,
schüttelte ihn neugierig und sagte nach einer Weile befriedigt:
„Es ist wirklich nichts drin.“
Leopold hob das Kind auf seinen Schoß, fragte, wie es ihm die ganze
Zeit ergangen, und plauderte halblaut mit der wortkargen Kleinen. Die
Leute gingen allmählich wieder an ihre Arbeit, aber keiner verließ die
Stube, ohne daß er dem Heimgekehrten einen guten Rath zu geben suchte.
Was half da alles rathen, der Arm war fort.
„Ein Krüppel bleibt halt ein Krüppel!“
„Ja, ja!“ flüsterte die Frau Weiß dem zu, der ihr das in’s Ohr raunte,
als er durch die Küche ging.
„Was wird der Vater sagen?“ murmelte sie dann, lehnte sich weiter in
den offenen Herd hinein und blies in die Flamme. Das Holz wollte nicht
recht anbrennen, der Rauch wirbelte auf und erfüllte die ganze Küche,
der alten Frau lief das Wasser immer stärker aus den Augen, je emsiger
sie anblies...
Drinnen in der Stube saß die Lene noch immer auf den Knieen des
Invaliden, sie drückte ihr ausdrucksloses ebenmäßiges Gesichtchen an
seine Schulter und schaute gedankenlos auf ihre Gespielin herab. Die
Hanne hatte einen niederen Holzschemel herbeigeholt und sich leise
neben dem Heimgekehrten niedergesetzt... durch den Thürspalt zog
der Rauch aus der Küche herein und schwamm wie ein durchsichtiger
Streifen dem Fenster zu; an die weitoffenen Scheiben schlugen einzelne
große Regentropfen, und nur manchmal fiel ein bleicher wässeriger
Sonnenstrahl in die Stube. Immer seltener wurden die Lichtblicke
und immer hastiger und geräuschvoller strömte der Regen nieder; die
Menschenstimmen, die erst so lebhaft durcheinander geschrieen hatten,
erstarben draußen auf dem Hofe, denn die Waschfrauen, die bei klarem
Wetter vor ihren Thüren hantierten, hatten ihr Arbeitszeug rasch in die
dunsterfüllten Küchen geschafft. Nur ein paar Kinder spielten noch mit
der knarrenden Stange des Brunnens, als aber ein tüchtiger Regenguß
kam, liefen auch die lärmend davon und auf dem Hofe der „blauen Gans“
war es so still, als ob ein Feiertag wäre...
Der Leopold hielt die kleine Lene noch fest in seinem Arm, er legte
seine Schläfe an ihren rothen Kopf und lächelte, als er sah, wie die
großen kalten Augen sich erst ein wenig verschleierten und dann mit
einmal die Lider herabsanken, das eintönige Regenplätschern hatte
sie in den Schlaf gesungen... Der Leopold schlief aber nicht ein,
obwohl er bewegungslos wie das schlummernde Kind dasaß, seine Gedanken
flogen zurück in die eigene Kindheit, zurück in alle die verrauschten
Jahre, die er da in dieser Stube verlebt hatte. Das Holz zischte und
schnalzte in der Küche draußen genau so wie damals, wenn es nicht
anbrennen wollte, und ebenso ausdauernd blies die Mutter immer noch
in die Flamme. Die alte Schwarzwälderuhr tickte genau so schwerfällig
und einförmig, nur manchmal überhaspelte sie sich, wie eine alte Frau
mitten in ihrer gleichmäßigen Rede. Die hochaufgerichteten Betten
von Vater und Mutter hatten noch genau dieselbe Höhe, und sein Bett
stand dort, als ob es Tag für Tag seiner gewartet hätte... Hinter dem
Spiegel, der selbst aus dem vergnügtesten runden Menschengesicht ein
grämliches Viereck zog, steckten heute wie immer einige Palmzweige, die
paar kleinen Heiligenbilder mit den leeren oder süßlichen Köpfen hingen
an derselben Stelle, Tisch, Stühle, Schränke, der ganze Hausrath, den
er kannte, seit er zu denken angefangen, stand genau so sauber da wie
immer. Alles war wie angenietet, nicht um eine Linie verschoben, nichts
fehlte...
Und doch... das kleine Bett, das rechts im Winkel hinter dem Bettschirm
-- der mit unzähligen Bildern beklebt war -- stand, das Bett fehlte,
und am Fenster saß auch das junge Mädchen nicht, das ehemals in dem
Bette schlief... Das feingewachsene Ding mit dem lieben Gesicht und
der sanften Stimme saß seit Langem nimmer dort; die fleißigen Hände,
die von früh bis Abend fort und fort mit Draht, Seide und Flor
herumgewirthschaftet und aus all dem Zeug Blumen geschaffen hatten,
welche so schön waren als jene, die aus der Erde wachsen, diese zarten,
geschickten Hände waren längst zu Staub zerfallen.... Alles war da, nur
die gute kleine Marie und ihr Bett fehlten.
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
„Mein gutes Schwesterl! Du hast mich so gern gehabt!“ sagte der Leopold
vor sich hin, und er preßte in überwallender Sehnsucht das Kind in
seinem Arme fester an sich. Die Lene hob die Lider ein wenig, zog die
Glieder an sich wie eine Katze, schmiegte sich enger an die Brust des
Heimgekehrten, schluckte zwei-, dreimal, als ob sie trinken würde, und
schlief wieder weiter...
Da regte es sich auf der Diele, in der Ecke der Fensternische; es war
ein leichtes, kaum hörbares Geräusch, der Leopold wandte den Kopf und
lächelte mit einmal freudig, denn ein alter Freund wandelte dort unter
dem Sessel der Verstorbenen hin und her. Der alte Kreuzschnabel, der
öfter als alle andern Vögel die Federn ablegte, steckte jetzt seinen
kahlen Kopf hervor und rief zum Willkomm:
„Zock!... Zock!...“ „Hansel! komm her, Hansel!“ flüsterte der Soldat,
„na so komm, ich bin’s ja!“
Der Vogel kam näher, er blinzelte mit schiefgehaltenem Köpfchen hinauf,
ließ das durchsichtige Lid über das perlenrunde Aeuglein fallen, hob
es wieder und ging dann würdevoll heran bis zu dem Heimgekehrten.
Er wetzte sich den Schnabel an der Stiefelspitze, die ihm Leopold
entgegenschob, hüpfte dann auf den Fuß und sang ein kurzes Stücklein,
dann flog er auf den Stuhl in der Fensternische und endlich auf das
Fensterbrett, dort sträubte er seine zerzausten Federn, blinzelte gegen
den Himmel, sang wieder seine Weise und schloß mit dem abgehackten
Zock-Zock! --
Gedankenvoll schaute der Leopold dem zahmen Thier nach, als sich aber
der Vogel aufschwang und durch die Luft flatterte, hinaus in’s Freie,
da lief ein Zittern durch den verstümmelten Menschenleib, der Armstumpf
zuckte... erhob sich einen Augenblick... und eine unaussprechliche
Hoffnungslosigkeit legte sich über das abgemagerte Gesicht, umhüllte
schier mit einmal die müde junge Gestalt, und ein anklagender Wehlaut
riß sich gleichsam von dem traurigen Herzen los...
Unbeachtet saß die kleine Hanne immer noch neben dem Manne, sie hatte
jeden Blick und jede Bewegung des Heimgekehrten verfolgt, jetzt
bewegte sie sich zum erstenmal, zupfte schüchtern an seinem leeren
Rockärmel und wisperte mit einem fürsorglichen Blick auf die schlafende
Lene:
„Mußt nicht so traurig sein, Herr Lepold, der Kreuzschnabelvogel sitzt
nur da drüben, oben, dort neben dem Rauchfang, ich hol’ ihn schon
gleich wieder herunter. Mußt nicht traurig sein, ich bitt’ Dich!“
Das schwache Geschöpflein hockte so klein neben ihm und lispelte die
kindischen liebevollen Worte so leise, daß er es eigentlich erst recht
beachtete, als es durch die Thüre hinausschlüpfte und noch einmal wie
zum Abschied zurückblickte nach ihm... Es überkam ihn da eine unklare
Erinnerung an einen ähnlichen Menschenblick... ein verschwommenes Bild
tauchte auf... Er hatte einen solchen Blick gesehen, aber: Wo?...
wann?... fragte er sich.
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
„Na ja, das haben wir jetzt davon!“ grollte draußen in der Küche
eine rauhe verbissene Stimme, „der Kerl, der baumstark fortgegangen
ist, kommt jetzt so heim -- jetzt können wir wieder anfangen beim
Auffüttern!“
Frau Weiß weinte laut und blies dazwischen in die Flamme. „Der
Laternanzünder hat mir die Neuigkeit bei dem Werkstattfenster
hineingeschrieen -- da hab’ ich den Hammer hingeschmissen und --“
„Aber Mann! Mann! ich bitt’ Dich um Gotteswillen!“ wimmerte das Weib,
hob die gerungenen Hände zu dem Schlosser auf und zeigte mit dem Kopfe
nach der Stubenthüre.
„Der Erste als Soldat im Krieg liegen geblieben -- und verreckt wie
ein armes Stück Vieh in einem Straßengraben; das Mädel, die Zweite,
ausgelöscht wie eine Groschenkerzen -- jetzt der Dritte, der Letzte! --
Himmelherrgott! --“
Zitternd und weinend hob die Alte wieder die Hände auf bis zu dem
wetterleuchtenden Gesicht ihres Eheherrn. Er hatte die großen Fäuste
in den Brustlatz seines rußigen Schurzfelles gesteckt und drückte sie
nun gegen die breite Brust, daß es krachte und knackte; er suchte
nach milderen Worten, um sein Weib zu beruhigen, stieß aber nur voll
schmerzlichem Ingrimm heraus:
„Jetzt fünf Kreuzer -- alle Tag -- he? -- für unsern Buben -- der
ein ehrliches Handwerk gelernt hat! -- oder einen Leierkasten? --
Was gefällt Dir besser, Alte?! --“ „Ja... ja...“ flüsterte die Frau
überzeugt, trocknete sich die Augen und fachte dann wieder mit der
Schürze das Feuer an, das immer noch nicht brennen wollte.
Bei dem ersten Laut der rauhen Männerstimme steckte der Leopold den
Kopf vor und horchte mit einem Ausdruck der Freude, allmählig jedoch
wurde sein bleiches Gesicht röther und röther, die Adern auf der Stirne
wurden sichtbar stärker und sein Oberkörper bewegte sich unruhig hin
und her. Als aber nun sein Vater von der Zukunft sprach, krampfte sich
die Hand des Soldaten zusammen und er ließ das Kind aus seinem Arme auf
den Boden gleiten.
Die Lene stand mit verschlafenen Augen und verdrießlich-verzogenem
Munde da, blinzelte den Leopold von der Seite an, rieb sich die Arme
vom Ellenbogen ab mit beiden Händen und gähnte. Der Heimgekehrte schob
sie trotz des schlafsüchtigen Gehabens beiseite, stand jählings auf und
wollte hinaus... da flog die Thüre weit auf, bis zurück an die Wand,
und die breite ungeschlachte Gestalt des Alten stand auf der Schwelle.
Lautlos schauten sich Vater und Sohn in die Augen, und es hätte sich
Keiner so schnell gerührt, wenn nicht hinter dem Schlosser das
vergrämte Gesicht der alten Frau aufgetaucht wäre, durch seinen Arm
hindurch nickte und winkte sie bittend ihrem Sohne zu. Als der Leopold
die verweinten Augen seiner Mutter sah, wich das heiße Blut langsam aus
seinen Wangen zurück und mit gepreßter Stimme sagte er:
„Grüß’ Gott, Herr Vater!“
„Grüß’ auch Gott!“
„Da bin ich halt wieder.“
„Ich -- seh’s!“
„Ich mein’, Herr Vater, ich hätt’ einen guten Willkomm’ verdient,“
murmelte der Leopold und behielt seinen Vater fest im Auge.
„Meinst’?“
Der Arbeiter ging hin und reichte seinem Sohne die Hand, doch als er
sie schüttelte schaute er zum ersten Male scheu und mit gewaltsamer
Anstrengung auf den leer herunterbaumelnden Aermel... Er schwieg, aber
sein grauer Bart, der das Gesicht frei ließ, beinahe aus dem Hals wuchs
und von einem Ohrläppchen bis zum andern ging, bewegte sich heftig. Der
Bart rührte sich, weil der ganze Unterkiefer nicht zu halten war, weil
er so selbstständig wackelte, als ob der trotzige Mann keine Gewalt
mehr hätte über diesen widerspenstigen Theil seines Körpers... Der
Bart zitterte noch immer verrätherisch, als der Alte in einem fort nach
dem Aermel sah und voll bärbeißigen Mitleidens sagte:
„Schaust elend genug darein --“ Er langte nach der Medaille, die an
der Brust seines Sohnes hing, und fragte: „Haben sie Dir das Blech
da gegeben für Deinen verlorenen Arm? -- Wirst +damit+ die Alte
erhalten, wenn ich nimmer weiter kann? --“
„Aber Vater!“ wehrte der Leopold erschüttert ab, „was bleibt denn, wenn
auch das nichts gelten soll?“
„Was bleibt? --“ er schlug auffahrend mit der Faust auf den Tisch und
schaute ingrimmig in das verstörte, erbleichte Gesicht des Andern: „Was
bleibt?! Lüg’ Dir nicht selbst was vor, so wie die Euch was vorlügen,
die den Firlefanz erfunden haben -- Dein Armstumpf bleibt, gar nichts
sonst! --“
„Zock-Zock!“ rief der Kreuzschnabel drüben auf dem Hausdach, dann
steckte er sein Köpfchen unter die nassen Flügel und machte keinen
Versuch mehr heimzukehren.
„Jetzt werd’ ich übermorgen zweiundsiebzig Jahre alt; seit meinem
zwölften Jahr hab’ ich alleweil meinen Hammer auf einen fremden Ambos
fallen lassen, war alleweil Gesell’, hab’ alleweil redlich gearbeitet
für mich und meine Leut’ -- für Dich auch mit! -- Und jetzt? -- Wenn
ich fragen thät: „Was bleibt?“ -- He?! -- Du! -- Du -- der mir so
heimkommt.“
Durch die Thürspalte zog sich der Rauch wieder viel stärker in die
Stube und schwamm dem Fenster zu, draußen blies und pustete das
Weib noch immer in das glühende Holz, daß ihr die Augen übergingen.
Ein- über das anderemal schlich sie zu der Stubenthüre und horchte
ängstlich, denn sie kannte den zornigen ungleichen Schritt
ihres Mannes, der drinnen auf- und niederging, sie kannte die
fieberisch-bewegte Stimme ihres Kindes und wußte, daß der Alte noch
weit weg von seiner guten Stunde war.
Die kleine Lene stand hinter dem Stuhl, auf welchem früher der Leopold
gesessen hatte, sie stützte das runde Kinn auf die Sessellehne und
schaute mit neugierlosem Gleichmuth in das Gesicht des zürnenden
Hausherrn. Als er plötzlich den rothen Kopf erblickte, schwieg er
überrascht, in der nächsten Minute aber wendete er sich zu dem Kinde,
die Lene war ihm ja ein willkommener Anlaß, tüchtig weiter zu wettern,
denn schreien mußte er nun einmal, wenn er zornig war, oder wenn ihm
etwas weh that, was er nicht zugestehen wollte. Daß er sich bei einem
Herzeleid doppelt grimmig anstellte, das wußten alle Leute in der
„blauen Gans“, darum kam ihm zu solchen Zeiten keiner in die Nähe als
sein Weib. Auch jetzt fuhr er grollend auf das Kind los:
„Was willst Du da? -- Bei Zeiten tagdieben lernen?“ -- er nahm die
Kleine bei einem Arm und drehte sie wie einen Kreisel zur Thüre hinaus.
„Marsch! zu Deiner Mutter hinüber!“ --
Dem Leopold ging die harte Behandlung des Kindes nahe, er rückte den
Sessel geräuschvoll fort, trat an das Fenster und schaute der Lene
nach. Die Kleine patschte gleichgiltig, ohne sich umzusehen, durch die
Regenpfützen über den langen Hof. Als er so hinausstarrte, blendete ihn
etwas in der Luft, und wie er aufblickte, guckte das weiße Gesichtchen
der Hanne drüben aus der Dachluke und ihre kleinen Hände winkten ihm
tröstend und beruhigend zu...
„Was hat das Kind nur? Es stellt sich an, als wollte es heraus auf das
Dach kriechen,“ dachte der Leopold und erwischte sich dabei, daß er es
vor sich hin gesprochen hatte, denn der Alte hielt in seinem Hin- und
Wiederwandeln inne und schaute auch hinaus in die Luft.
Der Heimgekehrte lehnte sich mit einer Schulter an das Fensterkreuz
und blickte empor zu den hastig treibenden Wolken. Er war wie
zerschlagen, so müde, so traurig, wie sollte es in Zukunft werden, wenn
schon der Tag, an dem er heimkam, so anhub... Immer wieder glitten
Schatten über sein junges Gesicht, es wurde dunkel und hell, starr und
bewegt, je nachdem droben die verschwommenen geisterhaften Gebilde über
den bleifarbenen Himmel eilten. Die Wolken ballten sich zusammen zu
menschenähnlichen Gestalten, sie schleppten dunkle und helle Gewänder
hinter sich her... und jetzt jagten gar gespenstige Rosse da oben, und
der Leopold dachte:
„Vielleicht ist wirklich was dahinter und es geht droben so wild zu wie
drunten, nirgend giebt’s eine rechte Ruh!“...
Der Schlosser ging noch immer in der Stube auf und nieder und schielte
über die Achsel nach seinem Sohn, plötzlich fragte er:
„Aber stumm bist Du doch nicht worden? -- He?!“
„Glaub’ nicht.“
„Warum redest Du also nicht?“
Wie leiser Spott klang es zurück: „Bis jetzt hat der Herr Vater hübsch
viel zu reden gehabt.“
„Jetzt bin ich fertig.“ --
„Schon?...“ „Ja!“
„So!“ Der Soldat schaute ziellos in’s Leere und über sein hageres
Gesicht flog ein Lächeln, das nur ein klein wenig in den Mundwinkeln
weilte und dann erstarb, um jenem traurigen Ausdruck Platz zu machen,
der öfter und öfter wiederkehrte.
„Sie haben mich jetzt die ganze Zeit angeschaut und mich behandelt und
zu mir geredet, als ob ich recht was Niederträchtiges gethan hätt’...
ich mein’ aber, wenn Einer von uns Zwei schimpfen oder klagen dürft’,
so wär ich der... oder etwa nicht?“
Der Alte hustete sehr laut, räusperte sich, öffnete die Küchenthüre und
spuckte hinaus, er schaute nicht auf und gab keine Antwort.
„Aber was hilft da alles schimpfiren und lamentiren,“ fuhr der Leopold
fort; er zeigte nachlässig mit einer gewissen Vornehmheit nach dem
alten Schubladenkasten, auf welchem die bescheidenen Schaustücke und
Prunktassen rund um den vergoldeten Christus standen. Mit übertriebenem
Ernst sagte er:
„Dort stehen noch die alten Kaffeeschalen von der Großmutter-Zeit
her, sind alleweil dort gestanden, ist ihnen kein Henkel abgeschlagen
worden... Warum lobt denn der Herr Vater die alten Schalen nicht
dafür, daß ihnen nichts geschehen ist, weil halt die Frau Mutter
allezeit fein Obacht gegeben hat auf das gebrechliche Zeug?“
Der Schlosser schaute seinen Sohn verdutzt an, dann nahm er im
Vorbeigehen eine der Kaffeetassen in die Hand, blickte wieder diese
genau an und stellte sie nach einer Weile ungewöhnlich behutsam auf
ihren Platz.
„Ja, schau der Herr Vater die Dinger nur an... Die Frau Mutter hätt’
halt mitgehen sollen mit mir und fein Obacht geben auf mich, nicht
wahr?... Vielleicht hätt’ sie auch die Kugeln in der Luft auffangen
können, daß mich keine erwischt hätt’, gescheidter aber wär’s
gewesen, sie hätt’ mich alleweil z’haus auf den alten Schubladkasten
gestellt und selber abg’staubt, da wären an mir wie an den alten
Kaffeeschalen... gewiß alle zwei Henkeln ganz geblieben!...“
Die Bitterkeit und der bewegte ernste Ton schwanden immer mehr aus den
Worten des Invaliden und langsam schlich sich der frische lustige Laut
ein, in welchem er früher zu den Nachbarn gesprochen hatte. Der Alte
horchte hin, kraute sich hinter den Ohren, zuckte die Achseln eine nach
der andern und fragte dann halblaut mit der Stützigkeit, die innerlich
an demselben Gedanken überzeugungslos festhält: „Ja! -- Aber -- was
bleibt? -- Was bleibt?“
Da richtete sich der Leopold in ganzer Länge auf und sagte mit tiefer
Stimme: „Der ehrliche Name, die Gewißheit, daß man rechtschaffen
seine Pflicht gethan hat... und der zweite Arm, der doch auch noch
mitzählt?... das bleibt halt, Herr Vater!“
Kein Athemzug war nach den Worten mehr zu hören in der Stube; der
Alte nickte nur, als ob er sich doch selbst Recht geben wollte,
und glotzte unbeweglich seine schwarzen Hände an, als wäre es eine
Ueberraschung, daß sie breit und rauh seien, daß er stumpfe Finger und
beinahe nur messerrückenschmale Nägel habe. Sein Sohn lehnte jetzt
mit dem Rücken am Fensterkreuz und starrte an die Zimmerdecke. Das
schweigsame Ausweichen mit Wort und Blick dauerte eine geraume Weile,
da knarrte die Thüre und die beiden Männer schauten wie erlöst von dem
unbehaglichen Drucke hin. Der Thürspalt wurde breiter, unten an der
Schwelle kam ein Fuß mit einem großen durchlöcherten Schuh, mitten, in
gleicher Höhe mit der Thürklinke, die Hälfte eines dampfenden Topfes
und ein gut Stück höher zitterte ein grauer Haarbüschel...
Der Schlosser riß die Thüre weit auf, so daß sein Weib jählings in
ihrer ganzen Verzagtheit in die Stube torkelte.
„So, da ist der Kaffee schon!“ stotterte sie verlegen, stolperte
zum Tische, stellte ihren Topf in die Mitte und blinzelte mit
einem unsicheren Ausdruck noch immer nach den Beiden. Sie rückte
die Stühle an den Tisch und schob sich hinter dem Alten vorbei zu
dem Schubladenkasten. Fürsorglich wählend überschaute sie ihre
Tassenherrlichkeiten und nahm eine der größten mit beiden Händen auf.
Der Schlosser stand jetzt neben ihr, und sein kantiges Gesicht wurde
beinahe weich, als er mit dem Zeigefinger die Tasse berührte: „Die ist
noch älter als wir, Alte, gelt?“
„Freilich, freilich... ja, ja!“ sagte sie zitternd und versuchte zu
lächeln.