die schwere Hand auf den Kopf des kleinen Weibleins, dann ging er in
die Küche und kam bald ohne Schurzfell und mit reinen Händen zurück.
Er winkte seinem Sohne, deutete auf den Stuhl, und als der Leopold
sich niedergesetzt hatte, setzte er sich breitspurig ihm gegenüber,
stemmte beide Hände auf die Kniee und schaute dem Invaliden gerade und
fest in die Augen. Die Frau wischte und putzte noch an ihren Tassen
herum, und endlich rückte sie ihrem Kinde diejenige hin, auf welcher in
verwaschenen Goldbuchstaben „+Aus Achtung+“ zu lesen war... Dann
beobachtete sie verstohlen und zaghaft, wie ihr Sohn mit der linken
Hand die Schale an den Mund führte, und athmete erleichtert auf, als
sie sah, daß er sich ganz so gut anließ, wie ehemals mit der rechten.
„So, jetzt erzähl’ mir, wie alles so gekommen ist, besser wär’s
freilich gewesen, wenn Du uns vorbereitet, wenn Du was von der ganzen
Geschicht’ geschrieben hättest.“
Der Alte sagte das mit freundlich-lauter Stimme und schob dem Jungen
eine Pfeife und seinen Tabakbeutel über den Tisch zu, die Mutter
trank geräuschlos ihren Kaffee und saß recht unterwürfig da, sie las
jedes Krümchen Brod mit der feuchten Fingerspitze vom Tischtuch auf,
schaute mit den rothgeweinten Augen von Einem zum Andern, drückte
das vordringliche Haarbüschel immer wieder hinter ihr Kopftuch und
kicherte endlich so sonderbar, als ob sie innerlich weinte und nur zur
Entschuldigung für ihre Thränen dieses schüchterne Lachen gefunden
hätte...
„Herr Vater,“ sagte der Leopold, nachdem er die Pfeife umständlich
gestopft und angebrannt hatte, „Herr Vater! das Schreiben geht bei so
einer Geschicht’ Unsereinem viel schwerer als das Reden, weil...“ die
Pfeife hatte keine Luft, Leopold mußte tüchtig anziehen, darum schwieg
er wieder.
Die alte Frau wartete noch eine Weile, ob keiner von den Männern
sprechen werde, dann nickte sie ihrem Sohne dankbar zu, gleichsam als
ob sie ihm sagen wollte, daß sie wüßte, was es ihm gekostet habe, dem
zähen Blut und dem ungerechten Wort des Vaters ruhig Stand zu halten,
dabei streifte sie mit den flachen Händen das Tischtuch glatt und
endlich sagte sie stockend und nachsinnend:
„Ja, ja... Du hast alleweil Recht, Johann, denn Du bist ein gescheidter
Mann, Johann, das sagen alle Leut’, freilich!... Es ist ein Unglück,
das mit dem Buben da... aber weißt, Johann, ich denk’ mir halt, die
Hauptsache ist doch dabei, daß unser einziges Kind jetzt da lebendig
bei uns sitzt... gelt Johann...?“
Das war recht sonderbar, die zwei Männer rückten mit einmal ihre Stühle
ganz nahe zusammen, so daß sie Schulter an Schulter saßen und Beide
schauten in das glückselige Antlitz des alten hilflosen Weibleins,
denn die unendliche Liebe, die durch dieses arme gequälte Mutterherz
fluthete, sie verschönte das alte vergrämte Gesicht mit dem grauen
Haarbüschel, der jetzt sehr stark zitterte...
Und nun wurde es anders, der Vater erzählte von seinem Handwerk,
der Sohn von seinem Soldatenleben, das wurde Alles mit kurzen,
bezeichnenden Worten abgethan. Dazwischen pafften sie um die Wette, und
die alte Frau wurde nicht müde, ihr einziges Kind zu betrachten. Wenn
die Beiden ein Wort lauter aussprachen, fiel sie vor Schreck so in sich
zusammen, daß sie beinahe sichtlich kleiner wurde auf ihrem Sessel, sie
fürchtete stets, die Zweie könnten doch noch aneinander gerathen. Scheu
blickte sie dann von dem Einen auf den Andern, und wenn sie ein paar
gutmüthige Gesichter anlachten, so schmunzelte sie pfiffig, als ob sie
sich nur einen Spaß gemacht hätte mit ihnen.
Da plötzlich krachte und kollerte es draußen im Hofe; ein gellender
angstvoller Schrei jagte die drei Menschen von ihren Stühlen auf, und
schon, zugleich fast, hörten sie etwas Schweres niederklatschen...
Jetzt begann ein Rennen der Leute, lautes Wehklagen und Hilferufen...
Der Leopold stand zuerst da, als ob er sich besinnen müsse, wo er
sei, dann sprang er mit einem Satz aus dem Fenster und lief dorthin,
wo schon die meisten Leute standen; er drängte sie rechts und links
beiseite, ohne zu wissen, warum ihm der Athem verging vor Angst... es
flirrte rund um ihn. Alles war undeutlich und verwischt, als ob er halb
blind geworden wäre, und jählings stand ihm das hämmernde Herz still...
er sah plötzlich nichts mehr, als zwei große Kinderaugen, mit einem
sonderbaren, von ihm vergessenen Blick, ihm zugewendet. Und jetzt sah
er das Kind selbst deutlich und klar, die kleine Hanne war es, die zu
ihm aufschaute, denn sie lag mit kreideweißem Gesicht und mit schlaffen
Gliedern da am Boden zwischen den Leuten...
„Vom Dach herunter, da vom Rauchfang ist’s gestürzt, ich hab’s fallen
gesehen!“ sagte schluchzend eine Frau.
„Vom Dach?“ fragte der Leopold, und seine Zähne schlugen aneinander,
als er sich bückte und den Kopf des Kindes in seinen Arm nahm.
„Hannerl, um Alles in der Welt, was hast Du denn auf dem Dach zu thun
gehabt?“
Da schaute die Kleine zu ihm auf, in den verschwimmenden Augen blitzte
etwas wie ein befriedigtes stolzes Bewußtsein, und abgebrochen wisperte
sie:
„Ich... hab’... Dein’... Kreuz... schnabel... vogel... doch...
erwischt... beim... Rauchfang... mußt’... nicht... traurig... sein...
Herr... Lep...“
Die Stimme brach, der kleine Leib zuckte schmerzlich zusammen und
streckte sich, die schwache Hand deutete auf die Brust. „Da... drin’...
ist... er...“
„Der „einsame Spatz“ kommt gerade heim, der versteht’s gewiß, ob dem
Kind was geschehen ist,“ schrie eine Frau, und ein paar Kinder liefen
dem Sonderling entgegen. Sein glattes rosiges Gesicht wurde ganz weiß,
als die Kinder ihm zuraunten: „Die Hannerl ist vom Dach gefallen!“
Rasch trat er hinzu, kniete neben der Verunglückten nieder, legte sein
Ohr an ihr Herz und an ihren Mund, schaute forschend in das schmale
Gesichtchen und bewegte dann vorsichtig alle ihre Glieder in den
Gelenken. Als durch den halbstarren Körper zweimal ein leichtes Zittern
rann, sagte er mit zagender leiser Stimme:
„Ich glaube, der rechte Arm und das rechte Bein ist gebrochen. Bitte,
holen Sie doch gleich einen Arzt und öffnen Sie dem Kinde das Kleid. Es
ist ohnmächtig.“
Als die Weiber der Hanne ihr Jäckchen aufknöpften, schlüpfte der
Kreuzschnabel, den sie an ihrer Brust geborgen hielt, heraus,
schüttelte sein feuchtes Gefieder, drehte das Köpfchen und schrie
lauter als sonst sein abgehacktes „Zock-Zock!... Zock!...“
Da zuckten auch die Wimpern der kleinen Hanne, sie athmete leise und
hob endlich mühselig die Lider, etwa eine Minute lang schaute sie groß
und freundlich dem Leopold in die Augen, dann war alle Kraft zu Ende.
„Die Glieder gebrochen,“ sagte der Arzt, nachdem er sie untersucht
hatte, und er ließ das Kind in die Stube ihrer Mutter tragen. Alle
Leute, welche die kleine Hanne umstanden hatten, folgten jetzt den
Trägern, sodaß es sich ansah wie ein Leichenzug... So ein Gedanke
mochte wohl auch durch das langsame Hirn der rothen Lene gegangen sein,
denn sie hielt sich an dem leeren Aermel des Leopold, lief neben ihm
her und flüsterte:
„Du Lepold!“
„Was willst, Lenerl?“
„Muß die Hanni sterben?“
„Aber Kind!“ sagte der Heimgekehrte.
„Muß sie?“
„Warum frag’st?!“
„Weil’s meine beste Freundin ist.“ „Ach ja!“ seufzte der Leopold und
schaute traurig auf das Kind herab, „ihr seid ja beisammen gewesen kurz
vor dem Unglück.“
„Ja freilich. Und weil ich ihre beste Freundin bin, muß ich ein
neues schwarzes Kleid kriegen... ein langes!... und einen langen
schwarzen Flor... weißt, der hängt über die angeflochtenen Haar’ und
über’s Gesicht... weißt? und dann krieg’ ich eine abgebrochene weiße
Wachskerzen in die Hand -- und geh’ gleich hinter der Todtentruhen als
Allererste!“
„So,“ sagte der Leopold gedankenlos, denn vor seinem Geiste schwebten
immer die großen Augen, der seltsame Blick... Wer hat mich so
angeschaut?
„Da werd’ ich schön sein, gelt?... Da werden die Leut’ Augen machen.
Wann wird sie denn sterben?“
Sterben! -- ja, das war es! gewiß... mit einmal wußte der Soldat,
daß die Hanne ihn so angeschaut hatte wie der Italiener, den die
Kanonenkugel davonriß mitsammt dem eigenen rechten Arm.
„So sag’ mir, wenn sie sterben wird,“ flüsterte das Kind beharrlich zu
ihm hinauf.
„Sie wird gar nicht sterben,“ erwiderte der Leopold ungeduldig, so als
ob er nicht davon reden hören wollte. Die Lene schaute betroffen zu
ihm empor, ließ den Aermel los und faßte seine Hand. Sie ging recht
langsam. Schritt um Schritt, so daß sie ihn eigentlich zurückhielt...
und als sie vor der Thüre standen, durch die man die Hanne in die Stube
ihrer Mutter getragen hatte, lehnte das Kind sein Köpfchen an den Arm
des Leopold, zeigte nach der Thüre und sagte klagend:
„Mir thut der Kopf weh... Hör’ nur wie der Hanne ihre Mutter heult und
die Andern auch. Sie stirbt ja nicht. Weißt, gehn wir lieber gar nicht
hinein.“
Ueberrascht schaute der Invalide in die kalten, grünschillernden
Augen der Lene, das Kind hatte theilweise seine eigenen Gedanken
ausgesprochen... Er drückte die Thüre auf, fragte den Nächsten der in
der Stube stand: „Wie geht es jetzt?“
„Sie ist schon zu sich gekommen und kriegt kalte Umschläg’, gleich
kann der Doktor die Glieder nicht einrichten. Herrgott, was die Weiber
zusammenplärren!“
Die Lene zog und zerrte an der Hand des Heimgekehrten, er blickte
theilnahmsvoll hinüber zu der kleinen Hanne und schloß dann wieder
die Thüre. Er war ja selbst so zerschlagen und gebrochen von all
der Jammerei und Weinerei, von dem Gerede und Gefrage, von all’ dem
hinabgewürgten Aerger und der unterdrückten Herzensbewegtheit. Seit
er Vormittag heimgekehrt war, bis nun, wo die Sonne schon niedrig
stand, kam er nicht aus diesem zorn- und schmerzreichen Getriebe.
Das Eisenbahngetöne zitterte noch in seinem geschwächten Leibe,
die monatelange Stille und Rast im Spitale hatte ihn verwöhnt und
empfindlicher gemacht. Und heute... es war doch ein halb unbewußter,
anstrengender Zwang für ihn, sich so zu geben, als sei keine Lücke
in seinem Leben, als wäre es genau so wie es ehemals gewesen. Seit
er heimgekehrt war, hatte kein Menschenmund ohne Erregtheit zu ihm
gesprochen, darum wirkte die Lene jetzt so beruhigend auf ihn. Keiner
war so gleichmäßig geblieben wie das kleine Mädchen. Er ließ sich von
dem Kinde weiterziehen durch den langen Hof, über die Trockenwiese,
hinaus auf das freie Feld. „Ausrasten... ausrasten... ausrasten!...“
Mit dieser Rastesehnsucht in der Brust und mit schwerem Kopf schritt
er hin durch die wehenden Halme. Die Feldwege waren so schmal, daß
die Lene vor ihm gehen mußte, und da blendete ihn plötzlich etwas,
die Sonne trat wieder aus den Wolken, und es flimmerte und glänzte
der kleine rothe Kopf vor ihm, als ob die Haare aus purem Gold wären.
Endlich kamen die Beiden auf einen Hügel, und da oben war auch ein
Feldrain ganz mit hohem Gras und Blumen überwachsen, nur dazwischen,
wohl verstreut oder vom Wind verweht, schossen lange Kornähren auf.
Dort setzte sich der Heimgekehrte nieder und athmete die frische reine
Luft in vollen Zügen ein, die Lene aber streckte sich der Länge nach
neben ihn hin, legte ihren Kopf in seinen Schoß, zog einen Apfel aus
der Tasche und biß hinein, daß es knirschte; sie aß langsam, drehte
nach jedem Biß den Apfel um und knusperte weiter, bis sie nur mehr den
Stengel zwischen den Fingern hatte, und den ließ sie nachlässig fallen.
Der Leopold schaute nachdenklich in die grünschillernden Augen, die
ruhig zu ihm aufblickten. Jetzt schüttelte sich die Lene leicht vor
Behagen, dehnte die Glieder, legte die kleinen Füße übereinander und
sagte in einem Ton, aus dem das Vorgefühl des Gruselns klang:
„So... jetzt erzähl’ mir eine Geistergeschicht’.“
Der Leopold aber schwieg. Es war recht still und einsam da mitten
in den Kornfeldern, Leib und Seele konnte da oben ausrasten... Die
regenfeuchte Erde dunstete, als die Sonne heiß niederschien, dann sank
die Sonne tiefer, und in der Weite schwebte der Dunst über dem Boden
wie ein leichter Nebelflor. Ein hastiges Regen und Zirpen hub zuweilen
in den hohen Halmen an und erstarb dann wieder allmälig, bis auf
ein einziges schrilles Grillenstimmchen, das gleich einem Vorsänger
so lange allein zirpte und lockte, bis die andern allgemach wieder
mitsangen. In der Nähe begann eine Wachtel zu schlagen; der Leopold
ließ den Kopf in die Hand sinken und lauschte... und dachte an Alles,
was geschehen war, als er heimkehrte.
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Lene schlief.
[Illustration]
Rammingsche Buchdruckerei in Dresden, gr. Kirchgasse 6.
Dresden.
Rammingsche Buchdruckerei
(gr. Kirchgasse 6).