Jetzt deckt der Schnee mitleidsvoll die aufgewühlte Erde zu und fremd

gehen fremde Menschen vorbei und ahnen nicht, wie viel Lust und Leid

auf dem eingeplankten Stück Boden gefühlt wurde, wie viel Lachen und

Schluchzen in die Lüfte scholl, als noch das einsame Haus da oben

stand neben dem niederen Hügel. Damals gab es keine breiten Straßen

und Gassen, keine kühlen vornehmen Leute in dem stillen Winkel;

unsere Nachbarn, welche da lebten, schlossen sich lustig aneinander,

halfen einander, zankten miteinander, vertrauten einander. Es war ein

fröhliches Leben da in der Arbeiterecke, und besonders für uns Kinder,

wenn die Weihnachtsfeiertage heranrückten.

Vorne am Ende des Flures wohnte der dicke „Nachbar Krippelmacher“

und Thüre an Thüre sein Nachbar, der Weber. Bei dem Krippenmacher

war es immer lustig, denn er und sein Sohn, ein flinker lachender

Bursche von etwa vierzehn Jahren, waren Musikanten, und wenn die

Monate heranrückten, wo die Krippenmacherei ruhte, da nahmen sie ihre

Geigen und spielten an Sonntagen in den kleinen Schenken der Vorstadt

zum Tanze auf. Je näher aber der Winter kam, desto voller wurde ihre

Werkstätte von kleinen Arbeitern, und in den letzten vierzehn Tagen vor

dem Christfeste hantierte schon Alles, was im ganzen Hause und in der

Nachbarschaft geschickte und gesunde Finger hatte. Es war aber auch für

uns Kinder eine lustige Arbeit, denn das, was wir da machten, war ja

halb Spiel für uns und halb Erwerb.

Gar wenige Menschen mögen jemals gesehen haben wie so ein Kripplein

entsteht, welches zur Weihnachtszeit auf dem Markte eine große Rolle

spielt, die Schaufenster aller Spielwaarenhandlungen schmückt, und das

Entzücken aller Kinder ist. Selbst die, die es machten, freuten sich,

wenn es so glitzernd und flimmernd fertig vor ihnen stand. Wie sie es

machten?...

Auf ein schuhlanges, flaches Bretchen, das zur Hälfte grün bemalt ist,

werden an allen vier Ecken Holzstäbchen festgeleimt, die vorderen zwei

sind handhoch, die hinteren doppelt solang. Sind die „Gestelle“ also

hergerichtet, dann kommen große Kübel voll Leimwasser, in dieses werden

breite Bogen von dickem grauem Papier getaucht, wieder herausgezogen

und dann zu unförmlichen Knäueln zusammengedrückt; alle die großen und

kleinen Hände formen aus diesem feuchten zerknüllten Papier über die

vier Stäbchen gespannte Felsen, welche sich kühn nach hinten aufbauen

und ganz unten in der Mitte eine kleine Höhle bilden. Das läßt sich

nicht gut so hübsch erzählen wie es flinke Finger zurechtmachen, wenn

jedoch über diese grauen, leimfeuchten Felsen zerstoßener Glimmer

gesiebt wird und blaugrauer Streusand, dann bedarf es keiner großen

Einbildungskraft, sich glitzerndes Felsgestein vorzustellen. Kleine

steife Bäumlein aus grobem Draht und grünem Papier, aufgefärbtes zartes

Moos, Strohblumen-Knösplein, werden dann auf die Felsen geklebt, in der

Höhle wird ein winziges Futterkripplein festgemacht, in dieses kommen

zierliche Strohhalme und darauf wird das splitternackte Christkindlein

gebettet. Ochs und Esel sind alsdann die nächsten, welche ihren Einzug

halten, diese kleinen Thonthierlein werden zu Häupten des Sohnes Gottes

gestellt, im Vordergrunde aber werden Maria und Josef festgeleimt, die

Beiden sammt dem Jesuskinde haben große Heiligenscheine aus Rauschgold,

und da die ganze Rauschgoldarbeit in einem Handgriffe gehen muß,

wird auch gleich der Morgenstern, welcher über der Krippe schwebt, an

ein Stückchen Draht geklebt und an die höchste Felsenspitze gehängt.

Leuchtet der Stern, dann lassen die Krippenmacher den Müller mit dem

Mehlsack auf dem Rücken, die Bäuerin mit dem Eierkorb, den Hirten mit

seinen Schafen aufmarschiren. Zu allerletzt werden auf einem Felsen die

heiligen drei Könige mit ihren Opfergaben aufgestellt, und wären die

drei Unglücklichen lebendig, so müßten sie eines elenden Todes sterben,

denn es führt nirgends ein Weg zu jener Felsplatte, von welcher sie

immerfort zu dem Stern emporschauen.

Es war also wieder einmal Weihnacht und flimmernd standen auf

treppenförmigen Brettern die Krippen rund herum in der Stube und

hingen auf schaukelartigen Gestellen sogar an den Wänden und von der

Decke nieder. Der Nachbar Weber, dem die Füße schwer waren, weil er

tagüber an dem Tretstuhl arbeitete, kam auch hinüber in die helle warme

Stube, saß müde da und hörte dem Geplapper der kleinen Arbeiter zu,

denn da wurden ganze Schauspiele aufgeführt, den Thonfiguren wurden

allerhand wundersame Reden in den Mund gelegt, ja sogar Ochs und Esel

unterhielten sich miteinander, die Schafe blökten oft heerdenweise,

und das Kindlein in der Krippe mußte vor Kälte so unmenschlich laut

schreien, wie nur ein langer Bursche mit erfrorenen Ohren und Händen

sich zurechtlegen konnte, daß +er+ schreien würde, wenn er

splitternackt zur Weihnachtszeit in einer Krippe liegen müßte. Manchmal

wurde die Arbeit ein wenig beiseite gelegt und gebratene Kartoffeln

rückten an, der Krippelmacher geigte ein Stück, oder die zwei kleinen

Mädchen des Webers sangen, denn die konnten zwitschern wie die Lerchen,

so daß selbst der Vater mühsam den schweren Husten anhielt, um seine

Kinder zu hören.

Der Weber war ein sehr armer Mann, der harte Tage mit unbeugsamer

Geduld ertragen hatte. Er war krank, recht krank; Niemand als er wußte

wie es um ihn stand, denn er saß hustend vom grauen Morgen bis in den

sinkenden Abend am Webstuhl und arbeitete schweigend, damit seine

Kinder ihr karges Brod hatten. Seit sein Weib todt war, hatte ihn

Niemand lachen gesehen; was sie gethan hatte, das fleißige Weib, mußte

nun er, der unbeholfene Mann, für die beiden Mädchen thun, er wusch und

kochte nun sogar für die Seinen. Dabei fiel seine Brust immer mehr ein,

die Schultern wurden immer höher und die entsagenden Augen schauten

immer größer aus dem wachsbleichen hageren Gesicht. Zuweilen, wenn der

behäbige Krippenmacher an des Nachbars Thür pochte und mit seiner

lachenden Stimme hineinrief: „He! Nachbar! gehen wir nicht ein wenig in

die Felder mit unseren Kindern?“ ließ er das Schifflein ruhen, wandte

sich auf dem schmalen Sitzbrett um und sagte in einem Tone, der aus

seinem sehnsüchtigen Herzen herauskam:

„Ja, Nachbar Krippelmacher, ich dacht’ heut’ schon selber d’ran, ich

will nur erst meine Kinder zusammenrichten.“

Der dürftige Putz der Mädchen wurde dann hervorgeholt, und mit

frauenhafter Fürsorge zupfte und steckte der stille Mann jedes Band

und jede Falte zurecht, und dann nahm er die Kinder rechts und links

an die Hand und ging mit dem Krippelmacher hinaus über die Feldwege

durch das wogende Korn. Aber selbst da draußen konnte er schweigend

dahinschreiten, in die blaue Luft hineinschauen und sie einschlürfen

wie einen köstlichen Trank. Seine gelblichen Wangen rötheten sich

dann leicht, das dünne ergrauende Haar schob er dann immer mit allen

Fingern in die Höhe, als sollte die Luft auch durch seinen müden Kopf

strömen. Sie kehrten erst heim, wenn die hohen Pappeln an der Straße

lange Schatten warfen, wenn Alles voll Abendfriede und Ruhe war da

draußen... jedesmal blieb er bei dem letzten Baum stehen, schaute

zurück und sagte fast wehmüthig:

„Nachbar Krippelmacher, wissen Sie, ich hab’ nur den einzigen Wunsch,

einmal ein paar Stunden da in der Luft zu liegen, im Schatten von

dem großen Pappelbaum dort schlafen, das müßt’ wohlthun, Nachbar

Krippelmacher!“...

Er hat sich aber diesen Lieblingswunsch nie erfüllen können, der

Webstuhl hielt ihn ja fest. Das ging so fort, jahraus jahrein, und

während seine Kinder heranwuchsen, verwebte er sein Leben Stück um

Stück für sie. Endlich aber kam der Tag, an welchem es ihm schwer

wurde, das Webschifflein hin und her zu jagen, und er ging also schon

am Mittag mit seinen schweren geschwollenen Füßen hinüber zu dem

Nachbar Krippelmacher.

„Das ist gescheidt, Nachbar!“ lachte der Alte und schob die Mütze auf

seinem kahlen Kopf schief. „Bleiben Sie heut’ bei uns, helfen Sie mit,

unsere Arbeit ist leichter als das Abzappeln am Webstuhl. Sie schauen

heut’ übel aus, Nachbar, wie geht’s denn, he?“

Der Weber nickte nur dankend und saß mitten in dem Kindertrubel schier

gedankenlos, er rief manchmal mit gedämpfter Stimme eins seiner

kleinen Mädchen heran, streichelte ihnen die glatten blonden Köpfe,

strich ihnen die Schürzen zurecht und schüttelte verstohlen ihre

rothen Hände, es regte sich sogar etwas wie ein Lächeln in seinen

Mundwinkeln, als die Kinder vergnügt sangen und sprangen. Am Abend in

der Dämmerung rückte er näher an seinen Nachbar hin, fuhr verschüchtert

und schweigend eine Weile mit den flachen Händen auf seinen Schenkeln

hinauf und hinunter, und dann sagte er halblaut:

„Nachbar, ich hätt’ eine Bitt’!“

„Heraus damit!“ murmelte der Andere gutmüthig.

„Krippelmacher, da ist mein letzter Wochenlohn, unten beim Krämer bin

ich mit sechs Groschen im Rückstand, noch vom Vorletzten... nachher

beim Bäcker von dieser Woche, wenn Sie morgen hinschicken, möchten Sie

das bezahlen für mich?... Ich werd’ morgen nicht ausgehen können.“

„Gern will ich das. Aber, Weber, ist das gar so wichtig?“ lachte der

dicke Mann.

„Freilich, Nachbar Krippelmacher, denn wissen Sie...“ er unterbrach

sich und fingerte betheuernd in der Luft herum, „ich hab’ mein Lebtag

keine Schulden gehabt, lieber habe ich und mein seliges Weib in unsere

eigenen Finger gebissen, als in ein Stück Fleisch, das nicht bezahlt

war und so sollen’s auch einmal meine Kinder machen, nicht wahr

Krippelmacher?“

„Freilich, freilich, Weber,“ erwiderte dieser und sah von der

Seite mitleidsvoll in das grau-blasse Gesicht, das im flackernden

Lampenscheine dem Manne arg verändert erschien.

„Und dann, wenn ich einmal nicht... aufstehen könnt’... liegen müßt’,

Nachbar! Sie würden schon für meine Kinder den Frühstückkaffee machen

lassen, gelt?... Es thät auch dazu ausreichen... Das Geld... und

nachher... freilich halt... nachher...“

„Was?“

„Meine Kinder haben sonst Niemand auf der ganzen Welt als mich,

Krippelmacher... Sie... sind der einzige gute Mensch...“

Das war Alles stockend, zagend und doch so feierlich hervorgebracht,

daß der alte Mann die Pfeife aus dem Munde nahm, mit der Spitze rund

auf die glitzernden Kripplein wies, die Augenbrauen ernsthaft in

die Höhe zog, seinen Arm in den des Webers schob und so Schulter an

Schulter ihm fast in’s Ohr schrie:

„Nachbar, die Welt stirbt noch lang nicht aus, und so lang es kleine

Kinder giebt, wird es Weihnachten geben, und so lang es Weihnachten

giebt, wird es Kripperln geben, und so lang werd’ alleweil ich die

schönsten Kripperln machen, die am Markt sind und damit noch zwei

Kindermagen vollstopfen können und vier Kinderhänden was Rechtes lernen

in der Krippelmacherei. Da, meine Hand drauf, Nachbar Weber, und jetzt

legen Sie sich ruhig schlafen.“

„Jetzt geh’ ich ruhig schlafen... Nachbar!... Vergelt’s Gott!... Ich

hab’ nicht viel vorwärts können mit der Red’ mein Lebtag, g’redt hat

mein seliges Weib über Alles, ich hab’ halt nur gearbeitet.“

Er trocknete sich die Stirne mit der Rückseite der Hand, nahm seine

Kinder rechts und links, nickte Allen zu und ging schwerfällig wieder

zurück in seine einsame Stube. Zuerst brachte er die Mädchen zu

Bette, legte ihnen Alles zurecht für den morgenden Tag, streichelte

ihnen immer wieder die Haare aus der Stirn und schaute in die hellen

Kinderaugen, bis sie sich schlossen im Schlafe... Dann ging er langsam

auf und nieder in den Strümpfen, damit er seine Mädchen nicht weckte,

und endlich setzte er sich matt auf das Brett vor seinem Webstuhl und

ließ das Schifflein versuchend einigemal hin- und herfliegen, das

Geräusch störte ja die Seinen nicht, als sie noch ganz klein gewesen,

war das Klappern und Sausen der Arbeit ihr Wiegenlied, und als sie

schwere Kinderkrankheiten durchmachten, sang der Webstuhl sie gar oft

in den Schlaf.

Der Mann begann rascher zu arbeiten, die rothen Flecken auf seinen

Wangen traten schärfer hervor und sein Blick folgte unablässig dem

Schifflein... Mit einmal ließ er die Arme sinken, fuhr nachdenklich

prüfend mit den Händen über das Gewebe, dann hängte er das Schifflein

aus, nahm die Scheere und schnitt vorsichtig die letzten Fäden des

gewebten Stoffes durch, seine Arbeit war fertig... Aber als er die

Scheere fortlegte und sich erhob, da hielt er sich fast erschreckt an

den braunen Pfosten des Stuhlgerüstes fest, er drückte seine Wange an

das alte Holz und streichelte es so zärtlich, wie er die geliebten

Häupter seiner Kinder gestreichelt hatte, mit dem Werkzeug hat er sie

ja ernährt... Und nun schritt er zu dem einzigen Schrank, der in der

Stube stand, dort nahm er reines Leinenzeug und seine besten Kleider

heraus, zog Alles fürsorglich an, brachte seine Haare in Ordnung und

blies die Lampe aus... Dann schüttelte er das Kopfkissen eines Bettes

zurecht, glättete die Decke und streckte sich auf das Lager hin, ein

leichter Seufzer, schwankend zwischen Aufathmen und Schmerzgefühl,

löste sich aus seiner Brust, und dann begann er zu flüstern und zu

murmeln, immer ein und dasselbe, immer die demüthige und inbrünstige

Bitte für seine Kinder...

Als der Mond durch das Gebälke des Webstuhles schaute, da wendete ihm

der Mann sein geduldiges Gesicht zu und athmete leiser, als ob ein

tröstender alter Freund zu ihm gekommen wäre.

Drüben bei dem Nachbar Krippelmacher ging es noch lustig zu, da hielten

die kleinen Thonfiguren noch große Reden und die gebratenen Kartoffeln

sprangen im Backofen herum vor Hitze.

„Ich weiß nicht, mir ist der Weber heut’ recht übel vorgekommen, Weib,

meinst nicht?“ fragte der Krippelmacher verdüstert, „ich möcht’ einmal

hinüber schau’n, vielleicht braucht er etwas.“

„Ja, ja, schau nach, Alter!“ drängte die gutmüthige dicke Frau, und der

Mann ging und klopfte sachte an die Thüre seines Nachbars.

„Bin munter,“ flüsterte es drinnen mühsam.

Der Krippenmacher trat zögernd ein und sah im ungewissen Mondlicht den

Mann in seinem Feiertagsgewande daliegen.

„Oho, Weber, ganz sauber angethan, wollen doch nicht fortgehen heut’

noch?“

Da langte die hagere Hand nach der des Krippenmachers, und es wisperte

beschwörend:

„Nicht die Kinder wecken, Nachbar... es wird Ernst... ich wart’ von

Viertelstund’ zu Viertelstund’ auf den Tod... Nachbar!... Kinder...

Krippelmacher ... bitt’...“

Die gewaltsam ruhige Stimme zitterte, und der Nachbar schwenkte rathlos

sein Taschentuch mit der einen Hand, während er mit der andern die

feuchtkalte des Webers drückte.

„Aber, Nachbar Weber!“

Er räusperte sich, der Trost wollte nicht aus der Kehle, denn jetzt

fiel das Mondlicht voll in das sanfte Gesicht des Kranken, und da sah

er, wie die graugesprenkelten Haare festklebten an der feuchten Stirn,

wie die Augen groß und erloschen in der Höhle lagen und wie nach dem

Ohre zu die Haut gelb und abgestorben war.

„Krippelmacher?...“

Der flehende, verschwimmende Blick sagte mehr als jedes Wort, mehr als

die Hände, die sich glatt aneinander legten und sich mühsam bittend

emporhoben bis zu dem Herzen des Nachbars.

„Alles, Alles will ich thun für die Kinder, wenn Sie einmal --“ er

unterbrach sich, schlug die Hände zusammen und setzte sich erschöpft

neben dem Bette nieder.

„Immer... kälter... finste-rer... Nachbar... den Pfar-rer...

Kinder!!...“

„Nachbar!...“ Der Krippelmacher rannte zu der Thüre und rief mit

erstickter Stimme: „Kinder, schnell in’s Pfarrhaus, die letzte Oelung

ist nothwendig: Weib, komm herüber, Lichter! geschwind!“

Jählings wurde es ängstlich-lebendig in dem Hause; ein paar der Kinder

liefen nach dem Pfarrer, andere brachten mehr Lichter, als jemals in

der niederen Stube auf einmal gebrannt hatten, und alle die kleinen

und großen Krippenmacher standen zagend, schluchzend im Flur und

zwischen der Thüre, näher wagten sie sich noch nicht heran. Der Alte

aber und sein Weib knieten neben dem Lager des Sterbenden und hielten

seine starren Hände fest auf den Häuptern der schlaftrunknen Kinder,

die nicht wußten, welch’ ein tapferes, liebevolles Herz schwächer und

schwächer schlug. Der Weber lag langgestreckt da, seine Augen hingen an

den jungen verwunderten Gesichtern, und das, was er ihnen oft gesagt

hatte, sagte er ihnen auch jetzt, aber zum erstenmale fast drohend,

befehlend:

„Brav sein!... fleißig arbeiten...“ und mit einmal rannen große

Tropfen aus den weitgeöffneten Augen und er flüsterte dankbar zu ihm

aufblickend und bittend: „Dem... Krip-pel-macher... fol-gen.“

Da klingelte es draußen in der Dunkelheit, aus der Ferne, ganz leise

kam der feine Ton heran, jetzt war er näher und lauter, wieder lauter,

immer näher und näher... Der Krippenmacher hob die Kinder mit einem

Ruck vom Boden auf, gab sie dem Nächststehenden in die Hände, und so

kamen sie von einem Nachbararm auf den anderen bis hinaus vor die

Thüre, wo sie dann ein Mann in die Werkstatt des Krippenmachers trug.

Jetzt klingelte es schon laut vor dem Hausthore, kam klingelnd über den

Flur und der Knabe, der das Glöcklein schwang, trat klingelnd in das

Sterbezimmer... Der Priester folgte mit dem Allerheiligsten, und wo er

vorüberschritt fielen die Arbeiter erschüttert auf die Kniee und lagen

da mit gesenkten Häuptern, nur der Weber richtete sich empor und saß

harrend auf seinem Lager, das Antlitz hielt er dem Priester zugewendet

und seine Hände hatte er mühselig gefaltet... Plötzlich flog ein

Schatten über sein Haupt, die dunklen Augensterne wurden grau.

„Herr... Pfar-rer schnell...“

„Mein Sohn! Wenn Du Deine Seele --“

Der Priester faßte den Sinkenden und legte sein müdes Haupt sachte auf

das Kissen, das sanfte hinschwindende Gesicht neigte sich ergebungsvoll

und die dürren Lippen lispelten demüthig im Beichttone:

„Mein... Leb-tag... ge-ar-beit... und...“

Kein Laut mehr.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Sie gingen nach und nach alle fort, nur der Nachbar Krippenmacher blieb

neben dem todten Weber sitzen die ganze lange Nacht...

Das Licht erlosch, doch er zündete es nicht wieder an, der Mond schien

ja hell und klar in die öde Stube, und als der Todtenwächter im

Halbschlafe so hinschaute auf den leeren Webstuhl, da war es ihm, als

schwebe das Schifflein geräuschlos hin und her, als bewege sich der

Treter unhörbar, und dann sah er plötzlich die schlanke Gestalt des

Todten, der lautlos alle Fäden des Gewebes entzweischnitt...

Der Krippenmacher rieb sich die Augen, nahm die starre Hand des Webers

in seine beiden Hände, schüttelte sie feierlich und sagte dann, um sich

Muth zu machen, recht laut:

„Nein, nein, Du bist und bleibst todt, Du armer Kerl. Gott gieb’ Deiner

Seel’ die ewige Ruh! aber,“ er nickte dem stillen Nachbar versichernd

zu, „der Krippelmacher wird Wort halten und wird schon sorgen für die

Zwei.“

Und der „Nachbar Krippelmacher“ hat ehrlich Wort gehalten.

Als er heimkehrte.

„Der Lepold ist wieder heimgekommen! -- Du! -- Lenerl! -- Hörst nicht?“

Ein kleines Mädchen, das vor dem Hausthore der „blauen Gans“ stand,

rief die Worte hinüber auf die Trockenwiese. Die Angerufene, ein etwas

älteres Kind, lag auf dem Rücken im Grase und schaute zwischen den

Betttüchern, die über ihrem Kopfe an den Wäschleinen flatterten, hinauf

in den schönsten blauen Sommerhimmel. Ein großer weißer Pudel saß neben

dem rothhaarigen Mädchen, schnupperte in die Luft, schnappte nach den

Fliegen, die im Bereich seiner Schnauze herumsurrten, und wehte mit der

wolligen Ruthe nach rechts und links.

Als die kleine Hanne sah, daß sich ihre Spielgefährtin nicht regte und

rührte, trippelte sie über die ungepflasterte Straße hinüber auf die

Trockenwiese, die zu der „blauen Gans“ gehörte. Das Kind stellte sich

dicht neben die Freundin und sagte aufgeregt-wichtig:

„Der Weiß Lepold’ ist wieder da -- Du!“

„Na was weiter?“ war die Antwort. „Der Lepold sitzt drüben im Zimmer

bei seiner Mutter!“ widerholte das Kind beinahe heftig.

„Meintwegen!“ klang es lässig von den vollen dunkelrothen Lippen.

Die Lene dehnte ihre jungen schlanken Glieder faul im Grase, schloß die

graugrünen Augen halb, blinzelte dann und wann behaglich in die Sonne

und zwitscherte mit schriller Stimme ein dummes Kinderlied in die Luft.

„Er hat Dich immer so gern gehabt, der Lepold, hat Dir immer was

mitgebracht, wenn er aus der Arbeit kommen ist,“ sagte die Hanne

vorwurfsvoll.

„Ja mir... Dir nicht... und Niemand,“ erwiderte der Rothkopf beinahe

hochmüthig, aber doch in schläfrigem Tone.

„Nein, mir nicht, immer nur Dir, Lenerl...“

„Das ist schon lange her.“ Sie schloß die Augen verdrießlich, plötzlich

aber schaute sie groß auf und fragte freundlich: „Hat er mir heut’ was

mitgebracht?“

„Nein. Zwei Jahr war er fort, Du hast gar nicht an ihn denkt, soll er

alleweil an Dich denken? -- Jetzt ist er da und hat auf der Brust was

Glänzendes hängen.“

Die Lene blinzelte bei den letzten Worten wieder ein wenig mit den

Wimpern und verzog den Mund. „Was denn?“

„Weißt, wie in der Schul’ das Ehrenzeichen, weißt? -- Aber so groß.“

Das Kind beschrieb mit dem Zeigefinger einen Kreis in der Luft, der

schier so groß war wie ein Teller. Die Andere zuckte gleichgiltig mit

einer Achsel, einem Arm und einem Fuß; es war schroffe Abwehr und

Mißachtung zugleich in dieser Bewegung.

„Und der -- der -- ich weiß nicht -- halt ein großer Herr -- hat ihm

das selbst angehängt -- weil er --“

„Schau, daß Du weiter kommst, ich will schlafen.“

„Und dann haben sie dem Lepold einen Arm weggeschossen,“ die schwarzen

Augen der Hanne wurden feucht, „da drinnen ist jetzt gar nichts,“

erzählte sie unbeirrt und weinerlich. Um ihre Schilderung deutlicher

zu machen zog sie ihr Händchen in dem Aermel hinauf und ließ den Arm

bezeichnend hin- und herbaumeln.

Das zündete; zuerst stützte sich die Lene auf den Ellenbogen und

schaute zweifelnd auf den schlenkernden Arm, dann fragte sie

aushorchend-langsam:

„Ganz weg...?“

„Meiner Seel’! -- ganz, ganz weg!“ erwiderte ehrlich die Kleine.

„Nur der +eine+ Arm...?“ „Ja -- mit was könnt er denn sonst

essen?“ meinte verwundert die Hanne.

Der Rothkopf saß jetzt schon aufrecht, raufte ein paar lange Grashalme

aus, zog sie durch die rothen Lippen und fragte dann bedächtig:

„Und die Füß’?“

„Die hat er auch alle zwei noch ganz.“

Langsam erhob sich die Lene, streckte und reckte den ganzen Körper,

schüttelte und schob träg die Röcke zurecht, legte ihren runden Arm auf

die schmalen Schultern der Jüngeren, gleichsam liebkosend, aber sie

stützte sich im Gehen auf das schwache kleine Geschöpflein.

„Dableiben, Türkl! aufpassen, daß keine Wäsch’ gestohlen wird, beiß’,

wenn Einer kommt.“

Das rief sie dem Pudel zu, der sich gehorsam vor ihr duckte. Sie lachte

kindisch und drohte ihm noch mit der Faust zurück, als sie schon über

die Straße der „blauen Gans“ zuschlenderte.

Unten in dem Hause, welches über seinem Thore die steinerne „blaue

Gans“ als Wahrzeichen hatte, waren alle Bewohner in großem Aufruhr.

Es lebten ja zumeist Waschfrauen und Arbeiter in den langgestreckten

Seitenflügeln, und die liefen alle im Hofe zusammen, sobald sich

draußen oder in irgend einem Haushalt etwas Ungewöhnliches begab.

Das schmale Vorderhaus hatte ein gedrücktes Stockwerk, da wohnte

die alte Hausfrau mit ihrem langbeinigen Enkelsohn und in einer

freundlichen Giebelstube, einem Aufbau über dem Stockwerk, hauste der

alte Musikant. Seine runden Giebelfenster schauten so frohmüthig wie

er selbst über das niedrige Erdgeschoß der beiden Seitenflügel und des

schmalen Hinterhauses, das alles verband und ein langgezogenes Viereck

herstellte.

Aus allen den Stuben, Kammern und Küchen waren die Menschen

zusammengelaufen und standen mitten in dem großen Hofraum. Die Männer

sprachen überlaut; Weiber und Kinder hörten aufmerksam zu. Was da

gesprochen wurde war freilich derb, verworren und holperig im Ausdruck,

aber bedeutungsvoll wurde jede hastige unmittelbare Bewegung, jedes

Zucken und Blinken der Augen; die Männer sagten da eine Menge Dinge,

die sie ungeklärt und nur dumpf empfanden, und der Schluß dieser

unruhigen schwulstigen Worte war immer ein bedauerndes, muthloses und

bekräftigendes: Ja! -- Ja!

Unsere Nachbarn: Neue Skizzen · 第 7 / 9 段