Während der kleine Gast plauderte, schlug Blanche die Augen auf, große

traurige Augen, die dem Kindergesichte erst Ausdruck und Leben gaben.

Ein freudiges Licht zuckte in den dunklen Sternen, dann streckten sich

zehn feine weiße Fingerchen nach dem rothen Händchen der Freundin, die

feinen Finger schoben sich kreuzweise in die plumpen, dann beugte sich

der schwarze zerzauste Kopf über das blonde Lockenköpfchen, küßte es

zwischen die Augenbrauen mit einem kecken, schnalzenden Kuß, und dann

sägte die Roserl helllachend mit den verschlungenen Händen hin und her,

bis das Zwergenprinzeßlein selbst mitjubelte.

„Da sieh’, Onkel Eugen, wie fröhlich Blanche ist, und sie wird so gut

bleiben, wird nicht weinen, wird hübsch mit der... wie heißt Du?...

Du!?“

„Rosi.“

Mit einem halb mitleidigen Blick schaute die Dame, welche unbemerkt

eingetreten war, herab auf die erstaunte Kleine, die noch dunkler,

zerzauster und ärmer dastand neben der glänzenden, hohen, schönen

Gestalt. Die Roserl hatte noch nie eine Frau im Ballstaat gesehen, sie

stopfte ihre Hand in den Mund und glotzte hinauf zu dem leuchtenden

Wesen, duckte sich klein zusammen und versteckte ihre nackten Füße.

Zugleich mit der Baronin war ein grünblasser Herr eingetreten. Er

schleppte die Füße faul nach, so als ob ihn jemand zwingen würde, sie

zu bewegen. Der Mann war noch sehr jung, vielleicht sogar jünger als

die stattliche Frau, aber er sah doch alt aus, seine Haltung, sein

müdes Gesicht und seine Augen machten das; er hob immer die Lider zur

Hälfte, nur wenn er die Baronin ansah, öffnete er die Augen groß.

Gelangweilt setzte er sich in den einzigen Lehnstuhl, der am Fenster

stand, steckte die Hände in die Hosentaschen, streckte die Beine lang

vor sich, ließ den Kopf sinken und berührte mit der Spitze seiner

großen geraden Nase manchmal die Rose im Knopfloch seines Frackes.

Nach einer Weile putzte er an seinen glänzenden schmalen Fingernägeln

herum, strich die rothblonden dünnen Haare tiefer in die Stirne und

schaute mit verächtlicher Gleichgültigkeit auf die zierlichen Möbel

und so im Vorbeiblicken auch auf Blanche. Plötzlich aber bekam das öde

junge Gesicht einen dummen Ausdruck, Herr Eugen entdeckte so spät erst

die kleine zusammengekauerte Roserl und rief mit näselnd-trägem Ton das

fremde Kind heran.

„Du! Dingsda! komm her! -- Das sieht komisch aus, Claudine,“ schnarrte

er, der Baronin zugewendet. „Wie oft wäscht Dich Deine Mama im Jahre,

Du Range?“

„Hab’ keine Mamaah, wasch’ mich alle Tag’ selber, und alle Samstag

thut’s meine Mut...“ schrie die Roserl aus lauter Verlegenheit und

schob sich mit eingeknickten Knien, gebückt, damit das Röcklein die

schuhlosen Füße decken möge, dem Frager langsam zu.

„Es ist schon gut, schon gut!“ Er hielt sich zuerst die Ohren zu und

winkte dann abwehrend mit der Hand.

„Behalte Deine Mama lieb,“ flehte die schöne Frau.

„Claudine!“

„Gleich, Eugen!“ erwiderte die Baronin, und sie küßte die kleine

Blanche noch einmal, drückte das liebliche Köpfchen ihres Kindes in die

Kissen und sagte kosend:

„Blanche, ~mon petit ange~, süßes, schönes, einziges Kindchen,

~chéri~, ich bitte Dich, weine nicht.“

„Nein, Mama.“

„Soll die Rosi bei Dir bleiben?... Ja!... So spiele mit ihr, was Du

willst; begehre von Finette, was Dir Freude macht,“ sagte die Baronin

fieberhaft und beugte sich tiefer zu dem Kinde.

Blanche nickte und lächelte freudig und fragte dann leise: „Kommst Du

manchmal zu mir herab, Mama?“

„Gewiß, so oft ich fort kann, mein süßer Liebling,“ und dann flüsterte

sie ganz leise, nur hörbar für das Kind, dieweil sie flüchtig

hinüberspähte zu Eugen: „Wenn Du gut bist, dann kommt bald Dein Papa zu

uns und dann wird Alles... Alles anders werden...“

Das Kind schaute sie mit weit offenen, leuchtenden Augen an und nickte

unmerklich.

„Aber Claudine!“ mahnte die langsame gleichgültige Stimme des Onkels,

und er zog die Oberlippe so sonderbar in die Zähne, daß sich sogar

die Spitzen des röthlichen dünnen Schnurrbartes herabsenkten, und er

zischte:

„Adieu, Blanche! Mama muß jetzt endlich fort!“

„Warum?“ fragte die Kleine eigenwillig.

„Weil sie einen Ball giebt, mein Schatz, weil Deine Mama tanzen muß,

weil sie so reizend tanzt, wie keine Frau auf Erden!“ seine Blicke

hingen aufflammend an dem schönen Weibe; „jetzt weißt Du Alles,

~petite chate~,“ schloß er wieder nachlässig.

Die Baronin legte ihren Arm in seinen und schritt rauschend knisternd

hinweg durch die Zimmer. Blanche neigte sich vor und sah ihrer

glänzenden Mutter nach, bis sich die Thüre hinter ihr schloß, dann

wendete sie das Köpfchen ihrer Spielgenossin zu, die immer noch wie

versteinert auf demselben Flecke stand und noch immer nach der Thür

starrte.

„Meine Mama ist sehr schön, nicht wahr?“ fragte Blanche.

„Ich glaub’s! wie die Maria-Zeller-Muttergottes hat’s ausgeschaut,

wenn sie die echten Perlen um hat und das blauseidne Kleid an hat beim

Einzug, wenn sie’s auf der Blumenbahr tragen, wenn sie die goldene

Krone aufhat, wenn in der Kirchen die Lichter anzündt sind, wenn...“

Der Roserl ging der Athem aus, sie schaute sich verwirrt im Zimmer um,

erwischte mit einem Griff die feine Spitzenüberdecke des Bettleins,

die abseits lag, hing sich das blauweiße Gewebe um die Schultern,

so daß sie es lang hinter sich herzog, und ging auf den Zehenspitzen

die Zimmerreihen hindurch bis an die letzte Thüre. Lachend hatte ihr

Blanche nachgesehen.

„So geht Deine Mamaah!“ sagte ernsthaft die Roserl, als sie mit ihrer

Schleppe wieder hereinstolzirt kam.

„Ist Deine Mama auch so schön wie meine?“ fragte das Kind.

„Meine...? Uihjeh!...“

Der Roserl schwebte plötzlich das verrunzelte, harte, zahnlose Gesicht

der frühgealterten Frau Kathi vor, die groben Röcke, die immer feucht

waren vom Gürtel bis zum Saum, weil das Weib doch fort und fort

wusch oder Wasser herbeischleppte... Und gar die weißen vollen Arme

der Baronin!... Ach ja, weiß von Seifenschaum waren die Arme ihrer

Mutter auch, und dunsteten, wenn sie plötzlich aus dem heißen Wasser

herausfuhr, aber voll?... Die Vergleiche huschten nur so durch den

findigen Kopf, und das junge lachende Gesicht wurde allmählig ernst,

aus dem verwundert-spöttelnden Ton wurde ein unbewußt-mitleidsvoller.

„Ich bitt’ Dich. Blanscherl, was denkst,“ sagte die Roserl kleinlaut;

„meine Frau Mutter!... Alleweil steht’s beim Waschtrog, und krumm ist’s

auch, und lauter graue Haare hat sie, und ein einziges zimmetbraunes

Sonntagskleid...“

„Hat sie Dich so lieb wie mich meine schöne Mama?“

„Kriegst Du nie Schopfbeutler?“ fragte die Roserl erwägend.

„Was ist das?“

„Na weißt, das ist so,“ die Kleine fuhr in ihre zerzausten Haare,

schüttelte sich selbst ingrimmig den Kopf und gab sich zum Schluß nach

rechts und links eine tüchtige Ohrfeige. „So ist’s!“ sagte sie dann

erklärend.

Die vornehme Freundin schaute dem ganzen Gehaben sehr aufmerksam zu und

lachte.

„Du, das ist gar nicht zum Lachen!“ betheuerte die Roserl, „und wenn Du

es nicht kennst, dann wird Dich Deine Mamaah schon lieber haben, wie

mich meine Frau Mutter.“

„Und +wie+ heißt das?“ Blanche griff mit ihren feinen Händchen in

die struppigen Haare der Andern und zog sachte.

„Schopfbeuteln... Na hörst, aber was Du Alles nicht kennst.“

„Meine Mama hat nicht Zeit, mir viel zu sagen, Finette singt mir vor,

aber mein Papa hat mir früher viel erzählt, weißt Du...“ den Rest

flüsterte sie der Roserl in’s Ohr.

Draußen fuhr Wagen um Wagen an, es wurde geräuschvoll lebendig auf

dem Flur und auf den Treppen... Vor dem Gitter sprachen die Kutscher

in lärmender Weise miteinander, die Pferde wieherten und stampften

die Erde, Wagen rollten wieder davon und manchmal sang eine frische

lustige Stimme ein kurzes Lied, dann schwiegen die Andern, eine Weile

zuhorchend. Als es dunkel wurde verstummten Alle lange Zeit, später

drang nur ein abgedämpftes Gesumme bis in das Stübchen...

Am Gitterthor und im Vorgarten wurden die großen Laternen angezündet

und ihr röthliches Licht fiel durch die hohen Spiegelscheiben hinein,

das Feuer im Kamin sang und flüsterte geheimnißvoll, hie und da

raschelte es an der Decke, als ob ein Mäuslein droben über die Diele

huschte. Die beiden Kinder steckten die Köpfe zusammen und lauschten,

bald aber wurde es ganz still... kein leichtfertiger Menschenlaut

klang herein, ein keuscher Friede trennte die beiden Kinderseelen von

der heißen Luft, die sich über ihren Köpfen vorbereitete zum Tanz.

Das lispelte eng aneinander gerückt hinüber und herüber in hastigem

kindlichem Gewispere, und die dunklen Augen der kleinen Blanche hingen

mit sehnsüchtiger Neugierde an den Lippen ihrer Freundin, die so

eindringlich von dem Nikolo und dem Krampus zu erzählen wußte, „der

gerade heute Abend zu allen braven Kindern kommt“.

„Dort in der Stadt, wo wir immer waren, kam er aber niemals zu uns,“

flüsterte Blanche.

„So?... Na weißt, er hat Dich halt noch nicht kennt’, Du warst noch

zu klein, aber wart’, heut wird er schon zu Dir kommen, der Nikolo,

und einen Krampus wird er Dir bringen von lauter süßen Zwetschken und

Mandeln, die essen wir dann morgen miteinander.“

„Ach! was Du Alles weißt, Roserl!“

„Ja. Aber Deine Schuh!“ das Kind lief herum und suchte, und fand

endlich ein Paar kleiner Schuhe; sie kletterte auf den großen

Lehnstuhl, öffnete mühsam das Fenster und stellte geschäftig die Schuhe

zwischen die beiden Scheiben.

„Was thust Du?“

„Pass’ nur auf, was da morgen Alles drinn sein wird,“ sagte die Rosi

mit ahnungsvoller Wichtigkeit.

„Hörst Du!“ lispelte Blanche und zeigte hinauf an die Decke und gab

mit dem Köpfchen den Takt, denn verlorne Musiktöne schwebten nieder

und zuweilen erschütterte eine jähe Bewegung die Wände, sodaß die

Fensterscheiben leicht erklirrten.

„Jetzt muß meine Mama schon tanzen, nicht wahr?“

„Freilich,“ erwiderte die Roserl hinaufhorchend, „und ich schau,

ob der Nikolo schon bei uns ist. Weißt, sonst geben mir die Andern

nichts, wenn ich nicht dabei bin. Ich bring’ Dir dann gleich den

Zwetschkenkrampus! gelt?“

Die Roserl lief davon...

Das einsame Kind legte sein Köpfchen wieder in die Kissen und

lauschte... Ueber die helle Zimmerdecke liefen die Schatten von

Pferden und Wagen, wenn sie draußen vorbeifuhren, und manchmal flog

ein weißer Lichtstreifen, den sie zu haschen suchte, über ihre Kissen

und lief die Wände hinan und verschwand oder verschwamm mit dem, der

ihm folgte. Das war ein ganz lustiges Spiel, die kleinen Fingerchen

waren immer hinterher, und freundliche Gedanken flogen hinauf zu der

schönen Mama. Die Musik droben spielte schon viel lauter auf, sodaß die

Ampel, die vor dem Bette hing, stoßweise schwankte. Geduldig wartete

das Kind auf die Mutter und auf die kleine Freundin mit dem Krampus,

diese unbekannte Gestalt drängte sich dem regen Kindersinne immer

wieder zu. Blanche kümmerte sich nicht viel darum, als die Französin

hereingetänzelt kam, eine Kerze in die Ampel schob und die Tasse Suppe

brachte, die nun einmal jeden Abend getrunken werden mußte.

„Die Rosi kommen gleik!“ rief sie tröstend und flatterte wieder davon.

In der „blauen Gans“ hatte aber die Roserl einen harten Strauß zu

bestehen; ihre Brüder, eine Schaar wilder Buben, hatten entdeckt, daß

hinter dem Nikolaus der Laternanzünder steckte, der lange Mann hatte

sich einen Bart und eine Perrücke aus weißer Baumwolle zurecht gemacht,

das weiße Brautkleid der Fuchskäthe angezogen, natürlich nur den Rock,

darüber hatte er einen rothen Fenstervorhang als Mantel umgethan und

eine hohe Bischofsmütze aus Goldpapier war mit Stricknadeln an die

Perrücke gesteckt. Dem heiligen Nikolaus ging es noch gut, sie hatten

vor seinem Anzug, vor dem Backwerk, den Nüssen und Aepfeln, die er

jedes Jahr brachte, und auch vor dem groben Laternanzünder selbst, den

sie später auch erkannten, eine gewisse Achtung, aber der Krampus, der

arme Knecht Ruprecht, ein harmloser Jüngling mit schwachen Beinen,

der mußte das Spiel bezahlen. Der Bedauernswerthe, er war Hausknecht

bei der Frau Kathi, hatte einen großen kupfernen Waschkessel auf

sein Haupt gestülpt, so daß die rußbedeckte Außenseite des Kessels

schwarz anzusehen war, seine dünne Gestalt war durch einen schwarzen

Kutscherpelz verhüllt, den er umgekehrt hatte und der nur das rauhe

Schaffell zeigte. Diese furchtbare Erscheinung zog eine eiserne

Wagenkette rasselnd hinter sich her und schwang drohend einen neuen

Ruthenbesen.

Die große Waschküche in der „blauen Gans“ war auch an diesem Tage

der Ort, an welchem das Nikolofest gefeiert wurde, es sah aber

auch blank und heimlich darin aus. Der Ziegelboden war frisch roth

angestrichen, alles Holzgeschirr mit weißem Sand so sauber gerieben,

daß es schimmerte, die Waschtröge standen umgestürzt auf dem Boden

rund herum an den Wänden und darauf saßen die Väter und Mütter wie in

einem Ballsaal. Auf dem großen offenen Heerde brannten dicke Scheite,

das machte zugleich warm und licht, denn die Oellampen, die von der

Decke niederhingen, waren nicht viel werth. Mitten in der Küche stand

ein langer schwerer Tisch, der an Werktagen zum Einseifen der Wäsche

gehörte, der war spiegelblank gescheuert, da brannten auch ein Dutzend

Unschlittkerzen, die anstatt in Leuchtern in großen ausgeholten weißen

Rüben steckten. Um den Tisch trippelten und liefen die Kinder der

„blauen Gans“ herum und erwarteten mit fieberhafter Neugierde den

Nikolo. Die Einen murmelten die Gebete, die sie hersagen mußten, die

Anderen wiederholten halblaut ihre Aufgaben, die Mädeln legten ihre

Handarbeiten zurecht, und die kleinsten Kinder zitterten und bebten

halb aus Furcht, halb aus Freude. Groß und Klein aber war immer in

einer Festtagsstimmung, die frischgetünchte Küche, die umgekehrten

Waschtröge und neugewaschenen Werktagskleider brachten das mit sich...

Der Nikolaus trat ein, hinter ihm die unheimliche Krampusgestalt.

Im ersten Augenblick wirkten die Beiden so verblüffend, daß die

ganze Schaar sich in die Nähe des Heerdes drängte, dorthin, wo das

meiste Licht war. Als aber der Schwarze mit der Kette rasselte und

hinter seinem Kessel eine unmögliche Sprache gurgelte, da brach ein

erschütterndes Geheul los und die Hälfte der Kinder lagen zerknirscht

auf den Knieen.

„Du, der Drampus hat ein Loch in Stiefel, bei der drohen Zehen; weißt,

wer solche Stiefeln haben thut?“ flüsterte in diesem schauerlichen

Augenblick der Xandi seinem älteren Bruder zu.

Der kleine Knirps war der schlaueste Bube im Hause, er gab seiner

Schwester, der Roserl, nichts nach an Findigkeit und Uebermuth, bei den

meisten Schelmenstreichen war sie die Seele und er der ausführende Leib.

„Ein Loch? -- Meiner Seel! -- Der Ferdl hat solche Stiefeln, unser

Hausknecht, na wart!“ Der Aeltere zischelte die merkwürdige Entdeckung

weiter.

„Richtig, und der Frau Mutter ihren Waschkessel hat er auf! ich kenn’

ihn, weil der Henkel einen Sprung hat,“ piepste ein kleines Mädel.

„Und dem Lohnkutscher sein Pelz hat er verdreht an! na wart, wenn uns

der prügeln will beim Beten!“

So grollte der Aelteste, und als ob diese Worte das Unheil

heraufbeschworen hätten, begann der Nikolaus mit tiefer feierlicher

Stimme:

„Franz! Du thust schon lang in die Schul-e geh’n, geh-en,“ verbesserte

sich der Heilige, „alsdann mußt Du auch etwas gelernt-et hab-en. Was

thust Du könn-en fang-e an?“

„Was thust Du könn-en?“ widerholte der Krampus hinter seinem

Waschkessel.

„Dich auf die Erd’ setzen, dummer Bub’! das kann ich,“ schrie der Franz

und gab dem hülflosen Krampus mit seinem Knie einen gewandten Stoß in

die Kniebeuge.

Der Schwarze knixte zusammen und fiel dann der Länge nach hin, der

Kessel rollte fort und das dunkelrothe entrüstete Gesicht des armen

Ferdinand tauchte auf. Der heilige Nikolaus suchte seine Würde

gegenüber den Empörern zu wahren, er ging mit langen Schritten davon,

früher aber stellte er noch den Korb mit der Bescheerung, die draußen

vor der Thüre stand, auf die Schwelle. Diese besonnene That rettete

auch den verunglückten Krampus vor weiteren Püffen, er mußte den Korb

an den Tisch schleppen und die aufgeregten Mütter begannen unter

Schelten und Lachen auszukramen und auszutheilen.

In dieses Getümmel kam die Roserl hereingeflogen, kreischte, als sie

den zerzausten Krampus beschämt herumtappen sah, stürzte auf den

Tisch los und erraufte sich die schönsten Aepfel und Nüsse, das beste

Backwerk und den größten Zwetschkenkrampus... Sie band unter steten

Anfechtungen Alles in ihre Schürze, nahm den Krampus fest in ihren

linken Arm und puffte sich wieder bis an die Thüre durch, als Siegerin

sprang sie über die Schwelle hinaus und fragte wenig um den Lärm, der

sich hinter ihr doppelt empört erhob.

„Roserl! Roserl!“ hörte sie noch die Mutter schreien, als sie über die

Straße stampfte und den Krampus an ihr Herz gepreßt hielt. Sie lachte

vor sich hin, weil ihr der Raubzug geglückt war, und sprang lustig

mitten in die Kothlachen, nur damit sie schneller hinüber kommen möge

zu der einsamen Blanche.

Da lag auch schon das laute neue Haus und leuchtete in die Nacht

hinaus; sie lief athemlos vorwärts durch den Vorgarten und die Stufen

hinan. Am Hausthor stand ein fremder Mensch, der in einen weiten

dunklen Pelzmantel gehüllt war, sein Gesicht hatte er halb von einer

hohen schwarzen Mütze und halb von einem langen schwarzen Bart

verdeckt, nur die bleichen Wangen und die großen, beinahe leuchtenden

Augen sah das Kind, als es an ihm vorbeihuschen wollte... „Jesus

Maria!“ murmelte es entsetzt.

„Wohin gehst Du?“ fragte der Fremde, beugte sich nieder und faßte den

Arm der Roserl.

„Da hinein, zu meiner Freundin, zu dem kleinen Baronmädel, zu der

Blanscherl,“ stotterte sie.

„Du?!“

„Ja,“ sagte das Kind ängstlich und ärgerlich, „lassen’s mich aus.“

„Warum gehst Du... arme Kleine... zu... zu der Andern?“ und der Mann

betrachtete erbarmungsvoll das junge Wesen in den dürftigen Kleidern.

„Weil’s ganz allein ist, ihre Mamaah...“

„Ganz allein?“ fragte der Mann erstaunt.

„Ja, und weil’s kein Nikolo und kein Krampus kennt, drum bring’ ich ihr

den da. Aber jetzt lassen’s mich aus,“ drängte die Roserl.

„Führe mich zu der Blanche... Gieb mir Dein Geschenk... Sei stille...

Es darf mich Niemand sehen... Vorwärts!...“

Der Mann zitterte am ganzen Leibe, er nahm den Krampus in die Hand und

folgte der Roserl, die gar nichts zu thun wußte als dem Fremden zu

gehorchen. Das Kind vergaß sogar die Schuhe auszuziehen, sie trippelte,

auf den Pelzmann zurückschauend, durch die Zimmerreihe. Blanche saß in

ihrem Bettchen und wartete. Als die Roserl mit leeren Händen mitten in

dem Schlafstübchen stand, wurde sie noch angstvoller, doch sie besann

sich nicht lange, leerte ihr Fürtuch auf die seidene Decke, zeigte

hinter sich und flüsterte:

„Wart nur, da kommt schon der +Krampus+ nach... da hast Aepfel

und goldene Nuß’! und... mußt nicht weinen, mußt Dich nicht fürchten...

weißt, ich... ich fürcht’ mich jetzt selber... Jesas! da ist er!“

zeterte das Kind und hielt beide Hände vor die Augen.

Da stand er in der Thüre...

Gleichsam zur Entschuldigung, zur Beruhigung zum Gruße hielt er

dem kleinen Mädchen das armselige Spielzeug entgegen, weil es mit

furchtsamen Augen auf die dunkle Gestalt blickte. Der Mann stand

bewegungslos, er wagte keinen Schritt weiter vorzugehen, er schaute nur

wie verzückt auf das schmale Gesichtchen.

Blanche griff nach dem Arm ihrer Freundin, während sie immer noch

furchtsam hinübersah. Plötzlich aber zuckte das kleine Antlitz in

verhaltenem Lachen... bezwang sich ein wenig, und dann aber jubelte das

Kind kichernd:

„Das ist der Krampus!?“

Als hätte die feine Kinderstimme den Bann gebrochen, als fielen schwere

Ketten von seinen Händen und Füßen, als ströme jählings ein Meer von

Duft, Licht und Wohllaut in den kleinen Raum, so befreit jauchzte der

Mann auf, schleuderte Mütze und Mantel fort, fiel vor dem Bettchen auf

beide Kniee und hielt unbewußt das Spielzeug noch immer dem Kinde

entgegen.

„Papa!... Du bist es, mein Papa!... Du bist...“

„Meine Blanche! mein Herzenskind, ich habe Dich wieder, mein Kind,

mein Kind, mein Kind...“ Der starke Mann legte seinen Kopf an die

Brust des kleinen Wesens und weinte, weinte, als ob er alle Schmerzen

hinwegspülen könnte von seinem eigenen Herzen und von denen aller armen

leiderfüllten Menschen mit den bitteren und doch beseligenden Thränen.

Sein Kind aber saß ruhig über ihn gebeugt und lächelte vor sich hin,

die zarten Händchen hielten den großen Kopf des Vaters fest.

Und wieder schwebten lustige Walzerklänge nieder und die Decke

schüttelte sich in leichter Bewegung, daß die Ampel schwankte und die

Scheiben klirrten. Das kleine Mädchen aber wisperte fröhlich:

„Hörst Du die Musik, Papa?“

„Ja Süßlieb, was ist das?“

„Mama giebt einen Ball.“

„Einen Ball!?“ fragte er ungläubig.

„Ja, Onkel Eugen sagte, Mama muß tanzen!“

„Oh!... und Du bist allein, meine arme Blanche?...“

„Nein Papa! die Roserl war da.“

Der Mann schaute voll Verachtung auf die prunkenden Möbel, dann

winkte er gleichsam zum Abschied mit der Hand hinauf an die Decke und

flüsterte langsam, zaghaft, mit einem beruhigenden zärtlichen Lächeln:

„Blanche, mein kleines Mädchen, Du fürchtest Dich jetzt nicht mehr vor

mir?“

„O nein Papa, ich freue mich, daß Du wieder bei uns bist, ich war immer

gut, damit Du bald kommen sollst.“

Der Baron nahm die zarten Hände der Kleinen in die seinen, küßte ihre

Augenlider zärtlich und sagte:

„Ich kam zu Dir, Blanche, für Mama kam ich unerwartet ... sie ließen

mich von dort, wo ich war, früher fort. Daran dachte Mama nicht...“ Er

horchte, es wurde oben lustig weitergetanzt.

Der Mann nahm seine Mütze und seinen Mantel wieder auf, ein fester

Entschluß sprach sich in jedem Blick, in jeder Bewegung aus, auf seinem

Gesichte jedoch lag Sorge und Zagen, besonders, als er wieder zu

sprechen anhub.

„Möchtest Du fortfahren mit dem Papa, Blanche? ... spazieren,“

setzte er rasch hinzu, und dann sagte er zögernd und mit demselben

beruhigenden angstvollen Lächeln, „draußen steht ein schöner Wagen mit

weißen Pferden, die haben Schellen und große Federbüsche!... Willst Du

mitfahren und immer bei Papa bleiben?“

„Ja, ja! ich will fahren! Aber Mama?“

„Lasse... Sie wird kommen, wenn sie genug getanzt hat...“

Der Mann packte die zarte Gestalt in die Kissen und Decken des Bettes,

schlug den weiten Pelzmantel um diesen kostbaren Bündel und schlich wie

ein Dieb hinaus durch die Zimmer, über den hellerleuchteten Flur und

den Vorgarten, und als er ungesehen die Straße erreicht hatte, rannte

er hinüber bis zu den nächsten Häusern, die im tiefen Schatten lagen.

So schnell, als sie die kurzen Beine trugen, lief die Roserl hinterher,

und erst als der Baron vor dem Wagen stand, der dort auf ihn wartete,

beachtete er das Kind. Er beugte sich nieder, zog die kleine rothe Hand

an seine Lippen... griff in die Tasche und flüsterte:

„Halte Dein Schürzchen auf.“

Als die Roserl das that, fielen zwei Hände voll Gold- und Silbermünzen

hinein, dann ließ der Baron sie den Mund seiner Tochter küssen, legte

flüchtig seine Hand auf ihren Kopf: „Gott segne Dich!“ sagte er, sprang

in den Wagen und fuhr davon.

Das Alles geschah so schnell, daß die Roserl weder denken noch reden

konnte, sie hielt nur ihre Schürze zusammen, stand betäubt mitten im

Straßenkoth und schaute dem davonrollenden Wagen nach. Erst als die

Laterne bei einem Buge der Straße verschwand, schrie sie laut auf und

rannte ein Stück nach, dann kehrte sie verstört um und lief auf das

neue Haus zu, aber auch dort prallte sie muthlos zurück und trabte

durch Dick und Dünn hinüber in die „blaue Gans“... Sie stürzte in

die Waschküche, leerte ihr Fürtuch auf dem Tische aus, kauerte sich

neben ihre Mutter auf den Fußboden und weinte laut in die Röcke der

verwunderten Frau:

„Mußt nicht tanzen, Mutter, sonst kommt Einer und stiehlt mich!“

Nachbar Krippelmacher.

Es steht nichts mehr dort als ein kahler Baum und ein windschiefer

Pumpbrunnen. Das Haus, der schmale Garten, der große eingezäunte

Hofraum, alles ist verschwunden, und eine Planke aus neuen Brettern

schließt den wüsten Platz ab.

Unsere Nachbarn: Neue Skizzen · 第 6 / 9 段