Sehen Sie, Sie sind ein schwacher Mensch, Sie brauchen Pflege, immer
Pflege... Und dann, sehen Sie, sind wir schon Alle so zusammengewöhnt
da in dem neuen Haus! Mir wäre leid, wenn ich Sie fortziehen lassen
müßte... und das müßte ich, denn... hm-eh-heh! nehmen Sie mir das nicht
übel... aber die Frau Blank kann doch, wenn der Herr Blank abwesend
ist, nicht mit Ihrer Wirthschafterin, der Jungfer Babette, verkehren,
oder, na, Sie verstehen mich doch, mit dem jungen Herrn Gottfried
allein... Sie begreifen?“
„Ich begreife immer mehr,“ erwiderte der Herr Gottfried heiser und
schaute dem lächelnden Mann starr in die Augen.
„Tra-la-la-lah!... ganz rauh. In vierzehn Tagen singe ich in Petersburg
an der Oper, ich wollte, Sie könnten mich hören. Also entschließen,
entschließen, junger Freund, ich habe mich seinerzeit auch entschließen
müssen. Sie verstehen? Jeder muß einmal daran! Leider, leider.
Tra-la-la-lah!... Hm-he-eh!... Du Balg, Du wächst auch in die Höhe.“
Der Hausherr kniff die Augen zusammen und schaute die Liese vom Kopf
bis zu den Füßen an. „Aber hübsch wird das Unkraut,“ flüsterte er dem
Kranken zu und ging trillernd in das Zimmer seiner Frau.
„Jetzt ist mir Alles klar -- das unglückselige Weib --“ stöhnte der
Herr Gottfried, und dann bekam er einen Hustenanfall, als sollte es ihm
die Brust zerreißen.
Wort für Wort erzählte am Abend die Babette das Gespräch der beiden
Männer ihrer Freundin, der alten Therese. „Woher sie das nur weiß,“
fragte sich die Liese verwundert. Die Therese erzählte die Geschichte,
freilich mit Zusätzen, weiter und alle schwatzten sie nach.
In der „blauen Gans“ fanden Weiber und Männer, daß der Herr Blank ein
sehr gescheidter und guter Mensch sei, nur die Frau Weiß wisperte der
Laternanzünderin zu:
„Warum hat er die Anna geheirath’, wenn er gewußt hat, daß sie ein
bis’l verrückt ist. Ein Lump bleibt ein Lump, und das arme Mädel hat
halt viel Geld gehabt.“
Der Laternanzünder warf sich in die Brust und erklärte eingehend, daß
auch aus einem verschuldeten Offizier noch ein sehr ordentlicher Mann
werden kann, er habe das öfter erlebt bei der Schwadron seinerzeit, und
so hätte auch der Herr Blank vernünftig geredet und gehandelt in dem
vorliegenden Fall. Er wurde sehr weitschweifend und schloß seine Rede
mit den Worten:
„So mein ich. -- Wenn auch der Gottfried ein schwacher Mensch ist,
von dem niemand was zu fürchten hat, so gehört sich doch alleweil was
sich gehört. Die Babett’ ist eine tüchtige Person; daß sie arm ist,
das macht nichts, und wenn sie jünger wär’, so wär’ sie auch dümmer --
alsdann soll der Herr Gottfried die Babett’ nur heirathen.“
Manchmal konnte ein denkender Mensch glauben, daß die Beschlüsse, die
in der großen Waschküche gefaßt wurden, die Urtheile, welche sie da
aussprachen in ihrer Einfältigkeit, gleich Mehlthau in die gesunde
klare Luft hinaus schwämmen und sich erdrückend auf Herz und Hirn Jener
legten, die in dem Kreise lebten.
„Er soll heirathen!“ war und blieb das Schlagwort, und Alle kümmerten
sich plötzlich um den guten Ruf der alten Jungfer und der Frau Anna
und thaten, als ob die Babette herübergehörte in die „blaue Gans“, und
als ob ihr ein großes Unrecht zugefügt würde, wenn sie der „schwache
Mensch“ nicht zur Frau nähme. Die Babette lief den geschlagenen
Tag hinüber und herüber und wußte Jedem in der „blauen Gans“ etwas
Erfreuliches zu sagen und über ihre eigene Quälerei mit dem Kranken zu
klagen.
So gingen Wochen hin und die Koffer des Herrn Blank standen schon, mit
Wachstuch bedeckt, in dem Garten, zum Aufladen bereit.
„Wann laßt sie ihn denn endlich reisen, die Seinige, den armen Mann?“
fragte die Spitalwärterin entrüstet.
„Nach der Hochzeit,“ erwiderte die Babette geziert und wurde puterroth.
„Na, alsdann! endlich!“ rief die alte Therese befriedigt und trug die
Neuigkeit rasch weiter.
Es blühte und duftete schon im Garten und die Frau Anna konnte wieder
unter den Fliederbüschen sitzen mit der Liese. Herr Blank lief freilich
ungeduldig vor ihr hin und her und wurde erst gesprächig, wenn die
Jungfer Babette den Gottfried brachte und alle Viere beieinander saßen.
Die Haushälterin hatte nicht ein graues Haar mehr, sie waren alle braun
geworden.
Besonders lieblich war der junge Garten, wenn das Lampenlicht die
zart-grünen Sträucher im Umkreise noch heller färbte und die weißen
Blüthendolden noch schärfer dufteten als am Tage, da waren dem Kinde
die andern Menschen zuviel, es lehnte den Kopf an die Kniee der jungen
Frau und beobachtete all’ die Käferchen und Mücken, welche um die
Glasglocke schwirrten.
„Warum mag wohl die Jungfer Babett’ heut gar so hergeputzt sein,“
dachte sich die Liese an solch’ einem milden duftgeschwängerten Abend.
Die Haushälterin hatte ein rosenfarbenes Kleid angelegt und sprach
viel lauter und mehr, wie an den früheren Abenden, dafür lehnte der
Gottfried wie ein Sterbender in seinem Stuhl, und die Frau Anna
schaute ängstlich von Einem zum Andern. Als die Weingläser abgeräumt
waren, kam das alte Stubenmädchen und brachte eine große, dampfende
Schüssel sammt vier Gläsern.
Der Herr Blank stand auf, nahm eine würdevolle Haltung an, drehte
den Kopf nach rechts und links, füllte die Gläser, reichte mit einer
feierlichen Verbeugung Jedem eines, drückte die Wange an seinen
Halskragen, räusperte sich, hob das Punschglas, salutirte damit und
sagte, als ob er zu Jungfer Babette redete:
„Eine Braut bringt dem neuen Hause Glück!... Meine Herrschaften thun
Sie mir Bescheid, auf daß es einen langen, friedlichen Ehestand
gebe. Aennchen, morgen ist die Hochzeit des Herrn Gottfried mit dem
Fräulein Babette Schmied, Du bist Brautmutter,“ er lachte, daß es ihn
schüttelte, „und ich schon seit langer Zeit Beistand...“
Frau Anna nickte freundlich und reichte ihre schmale Hand über den
Tisch dem Gottfried entgegen. Er faßte sie und küßte sachte die feinen
Finger.
„Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück,“ flüsterte die junge Frau der
alten Braut zu und wickelte ihre Hände in das dünne Tuch, das sie um
den Hals geschlungen trug und dessen Enden in ihrem Schoß lagen.
„Morgen nach der Hochzeit reise ich ab, Aennchen, Du bist jetzt nicht
allein, Herr Gottfried bleibt bei uns, seine Braut hat heute schon in
seinem Namen den Miethkontrakt auf vier Jahre abgeschlossen... Ich weiß
Dich jetzt in guten Händen... und kann reisen, mein Weibchen, ohne
Sorge, nicht wahr?“
„Reisen? ach ja!“ erwiderte sie verwirrt und tonlos und verbarg ihr
Gesicht in den Händen.
Da kam ein Nachtfalter angeflogen, er schwebte um die Lampe, kam der
Flamme immer näher und näher, bis er von der Hitze betäubt in die
Glasglocke fiel und mit halbversengten Flügeln drinnen herumflatterte.
Alle sahen dem Falter aufmerksam nach, Gottfried aber stützte die
Ellenbogen auf den Tisch, legte das Kinn auf die gefalteten Hände und
stierte auf das sterbende Thier, das sich noch Mühe gab davonzufliegen.
„Er ist zu schwach,“ sagte er leise und ließ die Ellenbogen vom Tische
gleiten.
Da nahm Anna den Falter aus der Lampenglocke und hielt ihn mit ihren
feinen Finger mitleidsvoll an dem Flügel.
„Kann nimmer fliegen,“ schrie die Babette, „ist schon halb todt; Flügel
ausreißen, dann geht es schneller.“
Ihre plumpe Hand griff hinüber und packte das Thier.
Frau Anna zitterte am ganzen Leibe, sie schaute das derbe Weib
furchtsam an und klammerte sich unter dem Tisch an den Rock der Liese.
Als die Babette darauf den Arm ihres Bräutigams ergriff und ihn über
die Treppe schleppte, sagte die Liese weinerlich:
„Wenn der Flügel hätt’, wie der Nachtvogel, sie thät’s ihm auch
ausreißen, die Hex’.“
Er hatte aber keine Flügel, er ließ sich am nächsten Morgen in die
Kirche zum Altar schleppen und sagte wie Einer, der im Traume spricht:
„Ja...“, dann fuhr er mit seiner Frau und dem Ehepaar Blank wieder
heim. Als sie durch die Hausthüre gingen, wollte die Frau Gottfried der
Frau Anna um den Hals fallen, aber die schaute sie nur groß an, trat
zur Seite und ging schnurgerade in ihr Zimmer. Einen Augenblick blieb
die Babette verdutzt und schweigend stehen, als aber der Hausherr kam,
lief sie ihm entgegen und fiel ihm an die Brust; er hielt sie auch
fest, tätschelte sie auf den Rücken und flüsterte ihr etwas in’s Ohr,
daß sie hell auflachte...
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Körbe und Koffer waren aufgeladen und davon geführt. Der Herr Blank
stand mit einer schottischen Reisemütze auf dem Kopf und den Körper
vielfach mit einem großen buntgestreiften Tuch umwickelt in seinem
Salon und gab seiner Frau gute Lehren, wie man sie etwa einem kleinen
Mädchen giebt.
„Alle werden auf Dich sehen, unsere alte Josefa und die Frau Gottfried,
und wenn Du etwas brauchst, wofür Euer Weiberverstand zu kurz ist,
so wende Dich nur an ihn, er ist freilich ein schwacher Mensch,
aber es ist doch ein Mann im Hause.“ Er umarmte sie, drückte sein
seidenes Taschentuch an die Augen und stürzte davon, als ob er den
Trennungsschmerz abkürzen wollte.
Droben aber im ersten Stockwerk ging ein wankender Schritt auf und
nieder... den ganzen langen Tag und die halbe Nacht. Zuweilen horchte
die blasse Frau unten, und der Mann oben lauschte auch, und als
er um Mitternacht das Fenster öffnete und sich weit hinausbeugte,
da vermeinte er eine klagende Stimme zu hören, die in die Nacht
hinausweinte und immer wieder rief:
„Mein Mann, wo ist mein Mann? mein Mann!“
Die Frau Gottfried allein schlief glücklich und zufrieden in ihrem
Zimmer, und als ihr der Diener am nächsten Morgen sagte, daß der Herr
Gottfried die Nacht hindurch nicht geschlafen habe und beinahe die
halbe Nacht gehustet, erwiderte sie geziert:
„Warum verderben Sie mir den heutigen Morgen. Ich weiß es ja, mein
guter Mann ist ein armer, schwacher Mensch.“
Mama muß tanzen.
Nur den Sommer über kroch der Gottfried am Arme seiner Frau herum, und
die Liese sagte, bis zum Herbst, wenn der Herr Blank heimkehre, wollten
sie alle miteinander abreisen nach Italien. Der Herr Blank zögerte aber
mit der Heimkehr, und im Spätherbst reiste der Gottfried allein ab...
ganz allein... Der arme schwache Mensch flüchtete sich an einen stillen
Ort, wo ihm weder Seele noch Leib mehr weh thun konnte...
Als er oben in seiner Stube aufgebahrt lag, schrieb seine Frau einen
langen Brief nach Petersburg an den Herrn Blank; er möge jetzt schnell
kommen, sagte sie ihm trocken, die Krankenwärterei sei für sie zu Ende,
sie sei nun eine reiche Frau und wolle endlich das Leben genießen.
„Ist halt alleweil eine „bescheidene“ Person, die Babette,“ meinte
die alte Therese, als sie die brühwarme Neuigkeit, welche sie aus dem
Munde der trauernden Wittwe erhalten hatte, in der großen Waschküche
mittheilte.
Bei dem Begräbniß ihres Gatten war die Frau Gottfried das letztemal
eine freundliche Nachbarin, schon am nächsten Tag steckte sie ein
anderes Gesicht auf, und das merkten die Leute in der „blauen Gans“
rasch und hielten sich auch danach. Die Frau Gottfried hatte eine zwei
Ellen lange Schleppe an ihrem Trauerkleid, von ihrem Hut hing ein Flor
nieder, der so weit und so lang war, wie ein Mantel, und oben auf dem
Hut wackelte ein ganzer Büschel schwarzer Straußfedern.
„Heut’ ist die Alte oben beim „Laternanzünderhäus’l“ vorbeigerauscht,
daß alle meine Oellamperln g’scheppert haben, ich hab’ g’meint, es
ist eine große Cavallerie-Leich’ und das Trauerpferd ist wild worden,
derweil schaut die Babett’ sich um und ich erkenn’s erst!“ spöttelte
der Laternanzünder.
Die Wittwe ging den kritischen Nachbarn nicht mehr lange unter den
Augen herum, in aller Gottesfrühe packte sie einmal ihre Habe auf und
fuhr davon, kein Mensch kümmerte sich, wohin; es wurde geschimpft
und gelacht über das hochfährtige Weib, und gefragt, was nun mit der
einsamen jungen Frau im neuen Hause geschehen werde.
Die Frau Anna kam fast gar nicht mehr in den Garten, und die Liese
durfte nicht mehr zu ihr, einigemal hatte sie das alte Stubenmädchen,
die Josefa, fortgeschickt, und nun war das Kind gekränkt und
verschüchtert und spähte nur des Abends durch das Gitter nach den
Fenstern der Frau Anna, der sie so zugethan war.
Ohne daß jemand etwas davon wußte, kam der Herr Blank des Nachts
angefahren und plötzlich am Morgen hörten wir ihn wie ehemals singen
und räuspern.
Das Leben ging drüben seinen gewohnten Gang, und es schien, als sollte
es auch so weiter gehen; aber da hieß es ganz unerwartet das neue Haus
sei verkauft worden und der Herr Blank zöge mitsammt seiner Frau fort.
Als jedoch ein schöner Wagen angefahren kam, mit Kutscher und Bedienten
auf dem Bocke, und eine hohe vornehme Frauengestalt ausstieg und sich
das ganze Haus zeigen ließ, da wußten die Nachbarn, daß es mit dem
Verkaufe seine Richtigkeit hatte. Etwa acht Tage später fuhren Alle,
welche bis dahin in dem neuen Hause gewohnt hatten, davon. Da konnte
es die Liese doch nicht verwinden, als sie die Frau Anna am Gitterthor
stehen sah; sie lief hinüber, faßte den Arm der jungen Frau und küßte
ihn von dem Ellenbogen bis zum Handgelenk wohl ein Dutzend mal. Die
Frau schaute mit stillen leeren Augen auf das Kind nieder und griff
dann in die Tasche, da ließ die Kleine den Arm fallen, schüttelte den
Kopf und lief, was sie laufen konnte, in die „blaue Gans“; sie hat das
Haus nie mehr betreten...
Was in dem neuen Hause war, wurde verkauft, drei Tage lang schacherten
Juden und Christen miteinander um jedes Stück, Alles wurde
herumgezerrt, durchstöbert und davongeschleppt, sogar das rosenfarbene
Himmelbett der Frau Anna, das die Liese heute noch nicht vergessen
hat...
*
* *
Das neue Haus lag wieder stumm und verlassen da...
Zuweilen wurde in der „blauen Gans“ noch von den früheren Bewohnern
gesprochen, und die alte Therese wollte im Krankenhause erfahren haben,
daß die Frau Anna im „Narrenthurm“ sei und der Herr Blank in Rußland.
Niemand glaubte recht daran, denn von der langen und vielen Vorleserei
wußte die alte Krankenwärterin wirklich öfter nicht, was sie erlebt und
was sie nur gelesen habe.
Als nach Monaten wieder Wagen mit Hausgeräth und wohlverpackten Möbeln
ankamen, gab es lange nicht mehr so viel Aufpasser und arges Gerede,
wie bei dem ersten Einzüge. Wenn die neuen Bewohner sich in dem
Vorgarten sehen ließen, wurden sie freilich von Weitem gemustert, und
dann wurde zurechtgelegt, wer die allenfalls sein könnten.
In dem neuen Hause wurde es aber auch jetzt viel lustiger als früher,
wo es öfter einem Spital glich, wenn sich der arme schwache Mensch
im Garten herumschleppte. Jetzt spazierte gleich in den ersten Tagen
ein kleines liebliches Mädchen mit der schönen großen Dame herum, und
fragte, lachte und sang, daß es eine Freude war. Das Kind war wie eine
Wachspuppe anzusehen und trug kurze Kleidchen aus Sammet und Seide
und hatte Stiefelchen, wie sie die Vorstadtjugend nur vom Hörensagen
kannte, und Strümpfe, die sich ansahen, als ob sie die nackte Haut
selbst wären. Die Frau aber erst! die war größer, als alle anderen
Frauen und hatte ein sonderbares Gesicht. Die kohlschwarzen Augenbrauen
liefen über der Nase zusammen in einen feinen dunklen Strich, das sah
man zu allererst, wenn man sie erblickte. Ueber der niederen Stirne lag
eine ganze Krone von schweren glänzenden Zöpfen, die waren fort und
fort um den kleinen Kopf gewunden und hingen noch lang in’s Genick.
Von dem Schläfenende bis an das Ohrläppchen herab zog sich ein dünner
schwarzer Flaum, so wie der Bartanflug bei jungen Burschen, und ebenso
lagen über der vollen Oberlippe blauschwarze Härchen wie ein scharfer
Schatten. Große dunkle Augen schauten gleichsam aus unnahbarer Höhe
herab oder hinweg über Alles, was nicht beachtet sein mußte, sie hingen
aber mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit an einer jeden Bewegung des
kleinen Mädchens.
Nach einigen Wochen wurde ein Seitenthor in das neue Haus gebrochen und
dort lungerten oft die Diener und Mägde halbe Tage lang herum. Dort
stand auch oft der Koch mit seiner breiten weißen Mütze und plapperte
mit der französischen Kammerjungfer so laut in ihrer Muttersprache, daß
wir es bis herüber hörten, die Mädchen schossen lachend und plaudernd
aus und ein; es ging bei der Seitenthüre zu wie in einem Taubenschlage.
In der „blauen Gans“ wußten die Leute noch sehr wenig von den neuen
Nachbarn, nur die Roserl, das kleinste Mädel der krummen Waschfrau, die
mit uns Thür an Thür wohnte, die erzählte:
„Die große Frau ist eine Frau Baronin und kommt vom Ausland, hat der
Pferdbub’ gesagt.“
Die Roserl war verrufen als das schlimmste Kind der „blauen Gans“,
wenn etwas zerschlagen wurde, wenn es große Raufereien gab, so war das
feingliederige ruhlose Ding stets die Anführerin. Sie hatte auch bald
die Bekanntschaft des kleinen Mädchens von drüben gemacht, sie hatte
so lange durch das Gitter geschaut, mit sich selbst geplaudert und
gelacht, bis die Baronin sie als Spielgenossin zu ihrem einsamen Kinde
rief. So kamen nun öfters sehr unglaubwürdige Nachrichten in die „blaue
Gans“, und es wurde erstaunt zugehört, wenn die kleine Roserl die
Pracht und Herrlichkeit des neuen Hauses schilderte, denn niemand außer
ihr hatte gesehen, wie es nun drüben eingerichtet war.
„Jetzt weiß ich Alles von der neuen Hausfrau drüben,“ sagte die krumme
Waschfrau, schon während sie hereinhumpelte, dann ließ sie sich schwer
auf unser wurmstichiges Kanapee fallen, stemmte die Arme in die Seite
und schaute herausfordernd hinüber auf das neue Haus. Meine Mutter
schlug die Hände zusammen vor Verwunderung, setzte sich nieder,
wickelte die Arme in die Schürze und erwartete die Geschichte.
„Also, daß ich Ihnen erzähl’, also,“ begann die Nachbarin wichtig,
„der da drüben ihr Koch, der Franzos, läßt jetzt seine Wäsch’ bei mir
putzen -- Ist ein sehr nobler Mann, hat lauter Tellerkrauseln an seine
Hemdärmeln.“
„Was Sie sagen!“ flüsterte meine Mutter überrascht und rückte näher mit
ihrem Sessel, die krumme Frau holte tief Athem, lachte boshaft und
fuhr erregt fort:
„Alsdann, daß ich Ihnen sag’, der Koch hat meiner Aeltesten erzählt,
der Sali -- sie hat ihm sehr gut gefallen, sehr gut! -- daß der
Baronin ihr Mann eingesperrt ist, ich bitt’ Ihnen, eingesperrt! --
Draußen im Ausland -- dort, von wo sie hergekommen ist -- da ist ein
Aufstand gewesen, damals halt in der Zeit, wo überall einer war; da
hat ihr Mann, der Baron, auch mitgethan und da haben sie ihn gefangt,
verurtheilt und eingesperrt.“
„Was wir Alles mit dem neuen Hause erleben, Frau Kathi!“ seufzte meine
Mutter, und wurde so melancholisch, als ob der unbekannte Baron ihr
nächster Verwandter wäre.
„Ja, wie ich Ihnen sag’! -- Und der „Onkel Euschön“, von dem meine
Roserl immer redet, der ist nicht einmal ein Onkel; denken Sie sich
das erst! -- der ist nur so Einer, den sie nur hat, daß sie nobel
weiterleben kann.“
Meine Mutter saß wie eine reuige Sünderin ganz zerknirscht vor der Frau
Kathi. Die Waschfrau humpelte entrüstet durch die Stube, schüttelte die
Faust gegen das neue Haus und erzählte in aufgeregtem Tone weiter. Nach
einer Viertelstunde, als schon kein guter Ziegel auf dem Dache des
Hauses und kein gutes Haar auf dem schönen Kopf der Baronin war, stieg
sie die Stufenleiter der Entrüstung abwärts und meinte, daß die Baronin
eine sehr „saubere Frau“ sei, daß es ihre Dienstleute sehr gut hätten,
und daß da drüben viel für die Armen geschähe, das zeige von einem
guten Herzen: „Hab’ ich vielleicht zuviel gered’t, ist nicht Alles so?“
schloß sie erschöpft.
Meine furchtsame Mutter wagte noch nicht einmal beistimmend zu nicken;
sie kannte die Wandlungen, welche die Gefühle und Anschauungen unserer
Nachbarin oft ganz unvermittelt durchmachten. Aber die Frau Kathi wurde
immer milder, gerührt sprach sie von den schönen Pferden und den feinen
Wagen, sie lobte alles über die Maßen, und darauf verstand sich die
scharfzüngige Frau, denn ihr oftgenannter Seliger und ihr gleichfalls
seliger Herr Vater waren Fuhrleute mit „eigenem Zeug“ gewesen. Nach
einer halben Stunde war sie bereits zur Beruhigung meiner betäubten
Mutter mit der Baronin ganz ausgesöhnt und beschäftigte sich nur noch
mit der Zukunft dieser bedauernswerthen Frau. Das war freilich wieder
sehr gefährlich, denn nach ihrer Ansicht müssen „solche Wirthschaften
alleweil ein gottverlassenes End’ nehmen“; sie wußte Beispiele zu
Dutzenden und fing auch frischweg an zu erzählen. Meine Mutter hatte
sich in ihr Umschlagetuch verkrochen und hörte mit stummer Ergebung zu.
Mitten in ein solches Dutzendbeispiel fuhr eine kleine Hand... Man sah
diese kleine Hand mühsam herauflangen, als sie an die Außenscheiben
unseres Kammerfensters klopfte, gleich danach wurde auch ein Büschel
steifer Haare so im Flug sichtbar.
„Es ist nur meine Roserl,“ sagte Frau Kathi beruhigend, weil meine
Mutter erschreckt aufgesprungen war; „die Ihrige hockt ja die ganze
Zeit mäuserlstill im Winkel dort, die hat gewiß wieder was angestellt.“
„Muu-u-terr!... Mu-u-u-terrr!“ schrie es draußen, und ab und zu bekamen
wir eine niedere Stirne, zwei kohlschwarze Augen und eine kleine
Stumpfnase zu sehen. Die Roserl hüpfte draußen auf ein und derselben
Stelle in die Höhe, damit sie hereingucken konnte und gesehen wurde.
„Was giebts?!“ rief die Frau Kathi und drohte ihrem Nesthäkchen mit
der Faust, dabei zog sie ein Gesicht, daß die Kleine gleich wieder
verschwand und erst auftauchte, als zum zweitenmal gefragt wurde: „Was
giebts?“
„Ich... soll... nüber... mit... dem... Baron.. mädel... spielen...
hat... die... Mam... mor... sel... g’sagt... weils... kein’... Ruh...
giebt... sonst... und... ihre... Maa... maah... muß... tanzen!...
darf... ich?“
Jedes einzelne Wort wurde abgebrochen hereingeschrieen, so oft das
kleine Gesicht in die Höhe der Fensterscheibe kam.
„Hereinkommen! gleich, sag’ ich! Nein, Du darfst nicht hinüber, heut’
kommt zu uns der Nikolo!“ wetterte die Frau und stampfte mit ihrem
krummen Bein auf die Diele.
„Da... nüber... kommt... ein... viel... schön... errer...!“ lachte die
Roserl kurz, und weg war sie.
„Sie folgt halt nicht, ich sag’ Ihnen, sie folgt nicht, +ein+
solcher Fratz ist wie der andere in der „blauen Gans“.“
Zwei feuchte Augen spähten aus dem Umschlagetuch nach dem Winkel, wo
ich hockte, und meine Mutter nickte sorgenvoll zu mir hinüber. Die
Roserl aber stapfte mit ihren großen schiefgetretenen Schuhen über
die Straße, hob das kurze zerfranste Röcklein auf, als wäre es eine
seidene Schleppe, und trug den Kopf genau so, wie sie es von der
Baronin gesehen hatte. So stolzierte sie, ohne sich umzuwenden, durch
den kahlen Vorgarten und über die Stufen. Vor der Hausthüre machte sie
einen steifen Knix gegen die „blaue Gans“ herüber, schüttelte die Arme
übermüthig in die Luft und schlüpfte durch eine schmale Thürspalte in
das Haus.
In dem Flur war rechts eine Thür, welche von außen mit einem schweren
Teppich verhängt war, mit Schulter und Ellenbogen schob ihn das Kind
beiseite und öffnete die Thüre. Die zierliche geputzte Kammerjungfer
flatterte ihr entgegen und sagte lachend:
„Du siehen Deiner Suh aus, smutsiger Katz; Du müssen dik sön spiel
mit die petit Blanche, sie ersähl söne Gesick, damit sie nik wein,
ich mussen sein bei die Toilette von sein Mama’n, sein Mama’n mussen
tansen,“ und dabei hob die bewegliche Französin ihre kleinen Füße, als
ob sie selber schon tanzen wollte.
Die Rose streifte Schuhe und Strümpfe ab und stellte sie hinter den
Thürvorhang, dann glitt sie barfuß über die weichen Teppiche der
kostbaren Zimmer. Geräuschlos lief sie von einem Gemach in das andere,
bis in ein Cabinet, das mit seinen weiß- und blaulackirten Möbeln
aussah wie die Schlafkammer eines Zwergenprinzeßleins.
In einem Himmelbettchen, unter Decken, Kisten und Vorhängen von blauer
Seide und weißen Spitzen, lag die kleine Blanche. Aschblonde Locken
umkräuselten die hohe Stirne und das schmale feine Gesichtchen des
Kindes, dunkelblonde Brauen hoben sich scharf von dem blassen Antlitz.
Die farblosen Lippen klagten im Halbschlummer leise:
„Mama, geh’ nicht fort, bleib’ bei mir, Mama, bleib’ bei mir, Mama!“
„Aber ich bleib ja bei Dir, Blanscherl,“ schwatzte die Roserl, „Deine
Mamaah muß tanzen,“ setzte sie überzeugungsvoll hinzu.