Das stille Haus mochte den Herrn Blank selbst für die wenigen Stunden

langweilen, die er daheim zubrachte, und so erlebten wir, daß die

halbkahle Josefa einen großen Zettel an das Gitterthor hängte, auf dem

gedruckt stand, daß im Stockwerk eine Wohnung zu vermiethen sei.

„Du mußt mehr Leben im Haus haben, wenn ich nicht bei Dir sein kann,

Aennchen,“ sagte Herr Blank zu seiner Frau, die nachsinnend zu ihm

aufblickte.

Lange Zeit hing der Zettel im Regen und Sonnenschein draußen und kein

Mensch kümmerte sich darum, endlich aber kam ein hagerer junger Mann

mit einem dicken Frauenzimmer, das den Hut mit hellgrünen Federn

vollgesteckt hatte, einen himmelblauen Sonnenschirm und eine grellrothe

Mantille trug. Die Beiden sahen sich Alles genau an, sprachen wohl eine

Stunde mit dem Herrn Blank, der sehr lustig war und während der Zeit,

als er die Beiden von Gemach zu Gemach führte, nur manchmal leise sang.

Dafür schrie er später um so mehr. Er kam trillernd zu seiner Frau und

sagte ihr:

„Der kranke junge Mann heißt Gottfried, und das Frauenzimmer, welches

ihn begleitet hat, ist seine Haushälterin Babette. Er braucht gesunde

Luft und Ruhe, er wird +uns+ nicht stören und wir +ihn+ nicht, ich habe

ihm die Wohnung gegeben.“

Damit war alles abgemacht und die Miether kamen schon am nächsten Tag

und brachten einen Diener, eine Magd, einen Papagei und die Menge

schwerer Kisten und Truhen mit.

Am Anfang war der Herr Gottfried noch sehr krank, da kam er wenig an

die frische Luft; doch je wärmer es wurde, desto öfter kam er in den

Garten, und immer watschelte die Haushälterin neben ihm her, trug

sein Buch, seine Medizinflasche, seinen Ueberrock und seine Fußdecke,

die sie ihm über die Kniee breitete, wenn er sich niedersetzte. Die

Kinder waren schon neugierig, zu wissen, wie der kranke Herr in der

Nähe anzusehen sei, und darum liefen sie alle rund um das Gitter,

wenn er in den Garten kam. Die Liese wußte es genau, denn die durfte

auch bei der Frau Anna sitzen bleiben, wenn er zuweilen unter den

Fliederbüschen Rast hielt. Es war jedoch nichts besonderes zu sehen an

ihm, ein seidenweicher blonder Bart hing ihm von beiden Wangen herab,

das Gesicht war sehr weiß, die Nase gebogen und so schmal wie ein

Messerrücken. Mit der Frau Anna sprach der Kranke immer sehr sanft und

halblaut, so als ob Jemand in der Nähe schlafen würde, den er nicht

aufwecken wolle. Die Liese hörte die Beiden gern miteinander reden, es

klang viel schöner, als wenn der Herr Blank trillerte und schrie; sie

sprachen zumeist von Dingen, die in Büchern standen, und das Kind hätte

gern viel gelernt.

„Ist die dicke Frau mit dem gelben Schlafrock dem Herrn Gottfried

seine Mutter?“ fragte sie einmal ganz verblüfft, als seine stete

Begleiterin dahergerauscht kam in einem orangegelben Schlafrock, nach

der Uhr sah, ihm die Medizin aufnöthigte und ihn wieder in seine

Wohnung führte.

„Nein, mein Liebling, sie ist seine Haushälterin,“ sagte Frau Anna

lächelnd.

„Warum denn?“

„Soll er, der Kranke, selbst seine Kleider, seine Wäsche und seinen

Tisch in Ordnung halten?“

„Soll halt ein Mädel heirathen!“

Frau Anna schaute die Liese verwundert an, zu ihren Häupten aber lachte

der Gottfried ganz laut, er saß am Fenster und hatte Alles gehört.

Bald kam der Kranke jeden Tag in den Garten herab und sagte oft, er

habe sich lange nicht so glücklich und gesund gefühlt, wie jetzt in dem

neuen Hause, und er bekam auch wirklich rosenfarbene Wangen und in dem

glattrasirten Kinn ein Grübchen. Der Sommer ging hin und die Menschen

hatten sich alle aneinander gewöhnt. Wenn der Hausherr daheim blieb,

so spielte Herr Gottfried Zither und der schreiende Blank sang dazu.

Der Liese war das nicht lieb, er hatte eine Stimme, die ihr immer bange

machte, sie fürchtete, jetzt und jetzt müsse er zerplatzen, wenn er so

dunkelroth im Gesichte wurde, und sie räusperte sich auch immer anstatt

seiner, wenn er recht heiser krächzte. An solchen gemüthlichen Abenden

konnte Herr Blank sehr viel Bier trinken, und dann erzählte er lärmend,

daß er ein berühmter Sänger gewesen sei, daß kaum ein Zweiter so viel

Glück beim Theater gehabt hätte als er, nur seiner Frau zu Gefallen,

die eifersüchtig wie eine Mohrin sei, habe er das Theater verlassen.

Durch die Muße leide aber seine Stimme.

Er probirte nach solchen Reden gleich wieder zu trillern, stützte die

Hände auf den Tisch, wenn er stand, drückte die eine Wange an seinen

steifen Halskragen, zog die Augen klein zusammen, hielt den Kopf schief

und schaute lauernd auf seine Frau hinab.

„Jetzt ist meine Anna vernünftiger geworden. Sie weiß, was sie an mir

hat. -- Gelt Du? -- Jetzt läßt sie mich eine Gastspielreise machen. Die

Welt soll wissen, daß der Sänger Blank der Sänger Blank geblieben ist!“

Sobald er viel getrunken hatte widerholte er dieselbe Geschichte mit

denselben Worten. Frau Anna erwiderte nichts, sie schaute ihn nur

manchmal, wenn er sie nicht beachtete, so sonderbar an, als ob sie

ihn früher noch nie gesehen hätte. Wenn er aber mit der Haushälterin

des Herrn Gottfried sprach, so redete sonst niemand mit. Er sagte ihr

Allerlei halb in’s Ohr, was die Andern wohl nicht verstanden haben,

denn die Frau Anna schaute still auf ihre Arbeit nieder und Gottfried

kaute an seinen Fingernägeln, nur die dicke Babette lachte, daß sie

sich schüttelte, und die Liese saß auf ihrem Schemel und dachte über

die vier Menschen nach, soweit es mit dem Denken anging.

In der ersten Zeit saß die Babette nie die langen Abende bei der Frau

Anna, sie kam nur täglich, seit der Herr Blank sie selbst herbeigerufen

hatte, er kümmerte sich damals nicht um die erstaunten Augen seines

Weibes, die ihr weißes Kleid ganz nahe an sich zog, als sich das breite

Frauenzimmer neben dem Stuhl des Herrn Gottfried zurechtsetzte.

„Die Babette ist eine sehr tüchtige Person, die einen Spaß versteht

und den schwachen Menschen gut pflegt; Du brauchst ja keinen weiteren

Verkehr mit ihr zu haben,“ sagte Herr Blank, als die Haushälterin den

jungen Mann hinaufführte.

Nun aber blieb es so, sie kam jeden Tag herab, jedoch niemals in die

Zimmer der Hausfrau. Sie veränderte sich auch immer mehr, sie wurde

immer jünger. Das konnte sich die Liese nicht erklären. Mit braun-

und weißgemischten Haaren war sie eingezogen, und als es Winter wurde,

hatte sie beinahe gar keine weißen mehr; dabei wurde sie sehr schön

weiß und roth im Gesichte und war so zusammengeschnürt, daß sie keuchte.

Als der Winter kam, war die Liese nun schon jeden Abend drüben, denn

die Frau Huber war viel außer Hause, und wirklich warm eingeheizt wurde

es nur in den Stuben, wo der Musikant geigte, wenn er seinen freien

Abend hatte, oder beim Nachbar Krippelmacher, wenn die große Arbeit

begann, oder wenn die alte Therese, die Spitalwärterin, daheim blieb

und die Geschichte vom „ewigen Juden“ vorlas. So viel Leute da in eine

Stube hineinkonnten pfropften sich hinein, und die Alte keifte eintönig

die langen Buchseiten herunter, nur alle Fremdworte buchstabirte sie

halblaut und schrie sie dann heraus, noch lauter als alle andern. Den

vorhergehenden Winter hatte sie „die Geheimnisse von Paris“ in die

„blaue Gans“ gebracht und damit für die Bildung der Bewohner gethan,

was ihr nothwendig schien. Die Kinder schliefen freilich ein, weil es

so warm und still war in der Lesestube.

„Wenn man nur wüßt, ob das wirkliche Menschen waren und ob sie noch

leben oder schon alle gestorben sind,“ jammerte die Laternanzünderin,

so oft die Therese eine Pause machte, weil sie ein wenig

„Luftschnappen“ mußte.

Daß die Liese der alten Vorleserin durchging und in das helle warme

Speisezimmer der Frau Anna schlüpfte, wurde ihr hart angeschrieben, es

wurde als Widersetzlichkeit gegen die Bildungsmission der alten Therese

aufgefaßt und als Hochmuth.

„Willst auch mit hinüber, Christel? -- Die Frau Anna ist heut ganz

allein,“ flüsterte mir die Liese einmal zu, als die Therese in der

großen Waschküche vorlas. Es war so heiß, dumpf und dunkel dort, daß

ich meinen schweren Kopf an die Schulter der Liese gelehnt hatte.

„Ei ja!“ zischelte ich, und wir schlichen uns hinaus und liefen vor das

Thor.

Das Mondlicht machte den Weg noch viel weißer als er am Tage war, kein

Lüftchen regte sich, es war so still, daß wir auf dem weichen Schnee

noch unsere eigenen Schritte hörten, in dem neuen Hause rührte sich

keine Seele... Langsam taumelten große Flocken von dem weißgrauen

Himmel, ich hielt inne, stand mit aufgesperrtem Munde und schaute

hinauf, es war alles so schön in dem fremdartigen Licht... Auch

der Garten sah sich anders an als sonst, alle Zweige und Zweiglein

flimmerten voll von feingezacktem Eise. Es war, als ob Alles aus dem

Schaufenster des großen Zuckerbäckers in der Stadt genommen wäre, so

zart-durchsichtig, wie mit glitzerndem Glas übersponnen, stand es da,

und ganz oben auf jeglichem lag leicht und flaumig der weichgefiederte

erste Schnee... Aber es wurde noch schöner! dort wo sie im Frühling

immer saß und wo die Liese sie zum erstenmal gesehen hatte, unter

den Fliederbüschen, saß wieder die Frau Anna und schaute hinauf in

das Mondlicht... Auf ihren blonden Zöpfchen lagen Schneeflocken...

Wie weiße Blüthen waren die kleinen Sterne anzusehen... und ein so

helles Kleid hatte sie an... Als sie die Liese erblickte ging sie ihr

entgegen, stäubte den Schnee leicht von sich ab, nahm die Hand des

Kindes und führte sie ohne ein Wort zu reden in das Haus, ein paar

Schritte ging ich hinterher, als mich aber niemand rief, kehrte ich um

und trabte wieder in die heiße Waschküche.

Nicht lange ist es her, daß mir die Liese nachgrübelnd und mit feuchten

Augen die Geschichte also zu Ende erzählte:

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

„Die Frau Anna führte mich in das Speisezimmer, da saß der Herr

Gottfried ganz allein, er sprang auf als wir eintraten, wankte wie müde

durch das Zimmer, nahm die Hand der Frau und küßte sie oft und oft

nacheinander, sie schaute ihn starr an und ließ ihm ihre Hand, aber

plötzlich bewegte sie die Finger hastig, als ob sie etwas fortschnellen

wollte, und ging ohne Wort und Gruß, mich fest an der Hand haltend, in

das nächste Zimmer. Dort setzte sie sich unter das lebensgroße Bild

ihres Mannes, der einen Ritterhelm mit einer rothen und einer schwarzen

Feder auf dem Kopfe hatte und in einen weißen Mantel zur Hälfte

eingehüllt war. Das Bild sah ihm so ähnlich, daß ich fürchtete, es

finge zu singen an. Die Frau Anna aber saß da so blaß wie eine Leiche,

und starrte hinauf in das lächelnde freche Gesicht...

Draußen wurde die Thüre zugeschlagen und ich hörte deutlich, wie der

Herr Gottfried die Treppe hinaufging; auch sie hörte es, denn sie zog

mich fester an sich und stand auf, als ob sie mich als Stütze gebraucht

hätte.

„Willst Du bei mir bleiben... ich fürchte mich...“ sagte sie ganz

leise, und es schüttelte sie am ganzen Leibe.

Ich getraute mich kaum zu antworten und nickte ihr nur freundlich zu.

Sie rief das alte Stubenmädchen, schickte es zu meiner Mutter und ließ

anfragen, ob die Liese über Nacht hier drüben bleiben dürfe, der Herr

sei verreist und es sei ihr bange allein... Das Alles sagte sie so

gleichmäßig her, so tonlos, daß selbst die böswillige alte Person sie

mitleidsvoll ansah.

Meine Mutter ließ sagen, es sei ihr eine „besondere Ehr’“, ich aber war

im Innersten unwillig und doch beklommen, und wäre lieber heimgegangen,

als daß ich da neben der bleichen schweigsamen Frau hinging, die mich

langsam aber rastlos von einer Stube in die andere führte. Wenn wir

bei dem Bilde des Herrn Blank vorbeikamen, erhob sie immer den Kopf,

und einmal lächelte sie ihm sogar zu, ihr schönes Gesicht verzerrte

sich aber dabei, daß sie mir wie eine Fremde erschien. Stunden mögen

hingegangen sein und ich war so müde, und die Hand, welche sie

fortwährend in der ihren hielt, war eiskalt und gefühllos; da kehrte

sie plötzlich um und ging hinüber in ihr Schlafzimmer. Ich fiel in

einen großen Lehnsessel und rieb meine erstarrte Hand. Jetzt aber

geschah etwas, das mir vorkam, als erlebte ich ein allerschönstes

Feenmärchen.

Das alte Stubenmädchen, die Josefa, kam und brachte mir zuerst sehr

viel und sehr feines zu essen, süßes, saures Obst, Backwerk, alles aß

ich und trank dazu etwas, das ich früher nie getrunken hatte. Dann

kleidete mich die Josefa aus, steckte mich in ein langes weißes Hemd

und führte mich in das Schlafzimmer der Frau Anna. Ich durfte mich in

ihr Bett legen. Das will etwas sagen! -- in ein Bett aus rosenfarbener

Seide und Spitzen und lauter durchsichtigen Vorhängen, die von der

Decke herabhingen. Auf den Vorhängen waren große Blumen und Vögel und

Schmetterlinge, wenn die nicht weiß gewebt gewesen wären, hätte man

glauben können sie seien lebendig. Zuerst getraute ich mich nicht ein

Glied zu rühren, so weich und glatt war das Bettzeug; als ich mich aber

bewegte, ging es wie in einer Schaukel, zuerst tief hinunter und dann

hoch hinauf; ich kicherte in die Federdecke hinein vor Entzücken. Heute

noch sehe ich mich in dem seidenen Nest liegen....

Oben sitzt ein goldener Engel, der hält alle Vorhänge in einem goldenen

Ring zusammen; vor dem Bette hängt eine weiße Lampe und das ganze

Zimmer ist wie vom Mondlicht überflossen. Es ist mäuschenstill, nur

die Uhr tickt sachte und oben im ersten Stockwerk geht es immer auf

und nieder... auf und nieder... das ist der schlürfende Schritt des

Herrn Gottfried... Neben mir sitzt die Frau Anna, ihre Hände liegen auf

meinem Kopf und sie schaut mit weit offenen Augen gerade vor sich hin

an die Wand... Ich warte und warte, ob die Frau Anna nicht betet, da

oben sitzt ja der Engel, und wie daheim fange ich an mein Nachtgebet

herzusagen:

„Heiliger Schutzengel mein

Laß mich Dir befohlen sein,

Beschütze ... beschüt.......“

Da fliegen die Vögel alle durcheinander auf den Vorhängen, die Lampe

wird immer größer und ist jetzt wirklich der Mond.... Aber die Blumen,

die lösen sich von dem feinen Stoff los und schlingen sich herüber zu

mir... sie duften so stark, und die Vöglein, die sich von der einen

Knospe auf die andere schwingen und durch die Ranken schlüpfen, die

zwitschern und singen... doch dazwischen wimmert eine klagende Stimme:

„Mein Mann!... Wo ist mein Mann?... Mein Mann!“

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Ich wurde wach und hörte den ungleichen dumpfen Schritt oben, immer

auf und nieder, auf und nieder... ich sah den Kopf der jungen Frau mit

den weit offenen Augen, die gerade vor sich auf die Wand schauten, und

ich spürte ihre beiden Hände in meinen Haaren. Die Augendeckel fielen

mir wieder zu, aber so oft ich munter wurde -- und es muß das oft

gewesen sein -- war alles um mich genau so wie früher. Ein paar Mal

träumte ich, es hätte jemand einen Schrei ausgestoßen, ich wachte auf,

wollte den Kopf heben, aber das konnte ich nicht, es that mir wehe,

denn meine Haare waren immer um die Hände der Frau Anna geknüpft und

gewickelt. So schlief ich jedesmal wieder ein, und schlief bis mir die

Sonne ins Gesicht schien.

Die Frau Anna saß auch da noch an meinem Bette und schaute an die

Wand, doch hingen ihr die Arme rechts und links am Leibe herab, wie an

einer leblosen Puppe. Die Babette hörte ich oben herumrumoren und im

Garten hub der Herr Blank zu singen an... Die Frau Anna seufzte auf und

bewegte sich; na weil er nun wieder daheim ist, dachte ich verdrossen.

Nach einer Weile wurde an der Thüre geklopft; sie horchte, wendete die

rothgeschwollenen Augen zu mir und sagte so traurig, daß es mir ganz

weinerlich um’s Herz wurde:

„Ja so...“

Gar nichts sonst. Sie zog mit schwerer Mühe die Haarnadeln aus ihren

Zöpfen, löste die Enden und schüttelte die Haare durcheinander, dann

band sie ihren Schlafrock auf und schob zuletzt den Thürriegel zurück.

Das alte Stubenmädchen kam herein, half mir aus dem Bette und führte

mich in das vordere Zimmer. Während ich mich kämmte und wusch und meine

Fähnchen anlegte, ging die Josefa geräuschlos auf den weichen Teppichen

hin und her und setzte mir, als ich mich zurecht gemacht hatte, eine

große Schale mit Kaffee vor. Dabei aber flüsterte sie immer giftig vor

sich hin, ich verstand nur, daß sie sagte:

„Neue Kinderbewahranstalt -- Narrenhaus -- lauter Fadaisen --

einsperren wieder“, so knurrte sie fort und fort, daß mir der Bissen im

Munde schwoll, und kaum hatte ich den letzten verschluckt, schob sie

mich schon zur Thüre hinaus...

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

In der „blauen Gans“ erzählte die Liese damals kein Wort von den

Vorgängen jener Nacht. Ihre Ziehmutter wunderte sich nur, daß sie

nimmer drüben schlafen wollte, das Kind hörte jedoch aufmerksam zu,

wenn von dem neuen Hause und seinen Bewohnern die Rede war. Es wurde

jetzt auch öfter als sonst davon gesprochen, denn seit jener Nacht war

der Herr Gottfried viel kränker.

„Der Gottfried ist halt soviel ein schwacher Mensch,“ sagte die alte

Spitalwärterin und klopfte auf ihre Tabakdose, „jetzt hab’ ich schon

zwei Nächt’ die arme Babett’ abgelöst, sie kann es ja auf die Dauer

nicht allein aushalten.“

Je übler aber der Gottfried aussah, desto frischer wurde die Babette,

sie bewegte sich gleich einem jungen Mädchen, wenn sie den Kranken

herabführte in den Garten. Es war derweilen wieder Frühling geworden,

er aber durfte nicht wie ehemals bis in die Nacht hinein im Freien

bleiben; auf seine Haushälterin gestützt und mit einem Stock in der

anderen Hand, ging er hin und her, immer nur zwei-, dreimal, dann mußte

er sich wieder niedersetzen.

„Wenn der die Babett’ nicht hätt’, so hätt’ er schon diesmal in’s Gras

beißen müssen, mit dem Skelett wird bald aufgeräumt sein, er hat die

gallopirende Lungensucht. Aber eine feste Wärterin, wie unsereins, will

er halt doch nicht,“ belferte die alte Therese.

„Weil Sie alleweil hineinreden in ihn, mag er Sie nicht,“ sagte die

Liese ehrlich und kam wieder einmal übel weg dabei.

„Hat Dich wer gefragt?“ schrie die alte Wärterin. „Ich hab’ schon ganz

andere Leut’ betreut als den. Für den giebt’s nur noch ein Mittel, er

soll die Babett’ heirathen, sie ist eine sehr „bescheidene“ Person.“

Damit wollte die Therese sagen, daß die Haushälterin eine besonders

„gescheidte“ Person sei, aber das schlichte Wort war ihr zu gering für

die vorzüglichen Eigenschaften der alten Jungfer.

„Er soll sie nur heirathen,“ keifte sie weiter und glotzte uns durch

ihre große Hornbrille an, „so ein schwacher Mensch -- dem kann nur eine

gute Pfleg’ noch eine Weil’ Leib und Seel’ zusammenhalten.“

So ging das Gerede unter den Weibern herüben um, dann fingen auch

die Männer an mitzuschwatzen, und die Babette lief öfter als sonst

von dem neuen Hause in die „blaue Gans“ und war viel freundlicher

gegen alle Leute, als sie früher gewesen. Wenn die Sonne recht warm

herunterschaute, saß die Liese oft bei dem Herrn Gottfried auf der

Gartenbank und stickte, er schickte dann die Babette hinauf und sagte:

„Ich behalte die Kleine da, und werde Sie rufen lassen, wenn ich Sie

brauche.“

Er ließ den Kopf sinken und saß ruhig neben dem Mädchen, das stets

über ihn und seine Krankheit nachdachte, wenn es ihn ansah, und nicht

begreifen konnte, daß die Babette ihm das Leben leichter machen könne,

wenn er sie heirathen würde. Sobald der Herr Blank zu singen anhub,

zuckte der Gottfried zusammen, und auch wenn der Hausherr vor ihm

stehen blieb und nur im Fluge fragte:

„Na, wie geht es, Herr Gottfried?“

Dann traten stets runde rothe Flecken auf die hageren Wangen des

Kranken und er mußte so husten, daß der andere davonlief. Warum er

damals, als im neuen Hause alle Kasten ausgeräumt und die alten

Theaterkörbe und Garderobekoffer eingepackt wurden, nicht davonlief,

sondern sich singend neben den Herrn Gottfried setzte, das wußte sich

die Liese auch erst nach Jahren zu erklären. Sie blieb jedoch damals

ruhig bei den zwei Männern und hörte jedes Wort genau, das sie sprachen.

„Sie sehen recht übel aus, recht übel!... Tra-la-la! Meine Stimme ist

umflort!... Recht übel!... Tra-la-la-lah!... Hat Sie redlich gepflegt,

die Babett’, das ist eine tüchtige Person... So eine Person muß man zu

schätzen wissen.“

„Ich schätze sie auch,“ sagte der Kranke und wollte aufstehen.

„Bleiben Sie ein wenig, Herr... hm-he-eh!... ganz rauh mein Hals und

ich will bald abreisen, es wird schon alles vorbereitet.“ Herr Blank

legte die Fingerspitzen an den Mund und räusperte sich, dabei schaute

er aber den Gottfried von der Seite an.

„Sie reisen bald?“ fragte der Kranke gespannt.

„Ja, ich trete meine große Gastspielreise an, habe schon von rechts und

links Anträge!... La-la-la-lah!... ganz belegt!... Ich reise ohne meine

Frau,“ flüsterte Blank vertraulich, „sie könnte wieder eifersüchtig

werden, so ein Bürgerkind ist den Ton, der unter uns Künstlern

herrscht, nicht gewohnt... Sie bleibt hier.“

„Bei ihrer Familie?“ fragte Gottfried, ohne von seiner Uhrkette, die er

durch die Finger zog, aufzublicken.

„Ach Gott verhüte das, sie bleibt da im Hause. Meine Frau verkehrt

mit niemand, wie Sie wissen. Um meinetwillen, ihr Mann genügt ihr,

ich bin ihre Welt. Ich kann auch diese Familienzusammenhockerei nicht

leiden, die Alten brauchen nicht in das Nest der Jungen zu gucken. Sie

begreifen?“

„Ich begreife,“ sagte der Kranke und zerrte immer mehr an der Uhrkette.

„Darum wollte ich mit Ihnen reden!... hm-eh!“ Er schwieg, drückte die

Wange an seinen Halskragen und sagte dann langsam:

„Meine Frau ist immer unruhig, wenn ich fort bin, sie ist, heißt das,

sie war krank, schwer krank. Pure Eifersucht war es am Anfang, dann...“

er beugte sich an das Ohr des Herrn Gottfried und flüsterte: „wurde es

Gemüthskrankheit... darum mußte ich vom Theater weg... immer bei ihr

sein, brr!... aber es half auch das nichts, ich mußte sie doch in eine

Anstalt geben... Sie verstehen?... Darum baute ich hier das Haus, damit

sie die ungestörteste Ruhe fand, nicht viel Menschen sieht und damit

die Munkelei ein Ende hat... Ich mußte damals einen Revers ausstellen,

daß ich sie immer unter guter Aufsicht halte, als ihre Alten darauf

drangen, daß ich sie wieder heimnehme... so bin ich ein Irrenwärter

geworden und kein Ehemann... Rührt sich die Krankheit wieder, so

verpflichtet mich der Revers, daß ich sie gleich wieder in die Anstalt

schicke. Sie verstehen?“

„Ja!“ -- stöhnte der todtbleiche Mann.

„Als ich letzthin eine Nacht außer Hause war, hatte sie einen kleinen

Rückfall,... ich kannte es an ihren Augen.“

„Und doch wollen Sie reisen?“

„Biegen oder brechen, einmal muß es anders werden ... Das ist jetzt

eine Probe, geht es nicht, so hole ich sie... Sie verstehen?“ fragte er

mit einem schlauen Zwinkern.

„Jetzt verstehe ich wirklich Alles --“

„Sehen Sie, wegen all’ den Geschichten wollte ich mit Ihnen reden!...

hm-eh!“ Er schwieg, drückte die Wange fester an seinen Halskragen und

schrie dann erzwungen lustig: „Seien wir fesch, es dauert nichts lang

auf der Welt; reden wir wie ein paar Männer, die wissen, was Leben

heißt...“

Der Kranke athmete schwer.

Herr Blank schlug den Gottfried auf die mageren Schenkel, ganz leicht

nur, er berührte ihn kaum, und hob immer die Hand bis an die Schulter

nach jedem Schlag: „Sie haben gelebt, ich habe gelebt... ich habe

bei Zeiten geheirathet, und habe so ein schweres Loos gezogen... ich

bin sehr unglücklich!“ wimmerte er pathetisch, „aber man trägt sein

Schicksal mit Anstand ... Ah, ich habe noch Stimme und bin rüstig...

Sie sehen übel aus!... Heirathen Sie auch!... He?! Was halten Sie

davon.“

„Ich soll heirathen?“ fragte Gottfried verwundert.

„Ja, junger Freund, Sie und gerade Sie,“ Herr Blank schwieg, als suche

er nach einem rechten Wort, dann fuhr er plötzlich auf den Kranken los

und sagte mit tiefer Stimme: „Die Babette sollen Sie heirathen!“

Der Gottfried hob den Kopf langsam immer höher, dann schaute er auf den

Sänger mit zornigen Augen nieder und seine dünnen Lippen zogen sich

immer wieder schmal über die Zähne. Nach einer Weile sagte er:

„Ei, Herr Blank, das ist ein sonderbarer Scherz.“

Der Hausherr hatte während der Zeit gebückt dagesessen, und erst als

die Stimme des Kranken verklungen war, schaute er mit verstohlenen

Blicken prüfend in das Gesicht des Mannes, und als er da nur wieder die

erschlafften Züge fand, rief er scherzend und übersprudelnd:

Unsere Nachbarn: Neue Skizzen · 第 4 / 9 段