Und werden eine Nonn’,
So will ich das Kloster anzünden,
Ja, ja, anzünden,
Daß ich wieder zu Dir komm’.“
„Ich hab’ in meinem Herzen
So viel von Lieb’ und Treu’,
Daß ich für Dich will sterben,
Ja, ja, will sterben,
Dann ist die Noth vorbei.“
Liebe und Treue!... Vielleicht sucht sie ein solches Wort und kein
Mensch sagt es ihr, denn außer in so feinen schönen Liedern höre ich
die Leute gar nie diese Worte aussprechen. Vielleicht ist gar irgend
wie Einer, der auch aus lauter Lieb’ und Treu’ das Kloster anzünden
thäte, in das sie gehen will, und der Eine weiß es nur nicht, wo
die Lina und das Kloster ist, und darum kann er ihr das Wort nicht
sagen... So grübelte ich vor mich hin, und wer ganz zufällig in das
pochende Herz und in das ungeschickte Hirn hineinzublicken vermocht
hätte, der hätte vielleicht ein zerfahrenes, ungelenkes Gedicht dort
träumen und empfinden sehen.
„Fräulein Caroline!“ rief ich plötzlich mit einem großen Entschluß
mitten aus meinen Träumen zu ihr hin.
Ihre fragenden, ernsten Augen senkten sich, sie neigte den Kopf ein
wenig zur Seite und starrte mich dann wieder so an, wie sonst immer.
„Fräulein Caroline, ich weiß was!“ rief ich mit gedämpfter Stimme
hinüber und winkte ihr mit beiden Händen.
Sie stand auf und lief zu mir herüber.
„Was sagen Sie?“ fragte sie leise.
„Ich hab’ schon gehört, daß Sie ein Wort suchen, alle Leut’ im Hause
wissen es auch. Ich mein’, ich weiß das Wort!“
„Du?... Sie?...“ sagte sie leise, und ein schwaches Lächeln bewegte
ihre zarten Lippen.
„Lieb’ heißt das Wort! Gelt?“ rief ich fröhlich.
„Arme Kleine,“ flüsterte sie, „wer hat Dir das Wort gesagt?...
Liebe!... Davon reden Alle.“
Sie sah mich jetzt nimmer an und wendete sich um, als ob sie fortgehen
wolle.
„Nicht? ist es das nicht,“ schrie ich aufgeregt ihr zu, „dann heißt es
aber gewiß Treue, nicht wahr?“
Jählings wandte sie mir das weiße Gesicht zu, zwei große Tropfen zogen
eine nasse Schnur über ihre flaumweichen Wangen und hastig fragte sie:
„Großes Kind, warum sagst Du mir das, warum +denkst+ Du an ein
Wort, das Du nicht empfinden kannst, warum... ach warum?!“ bat sie
klagend.
„Weil ich halt neugierig bin,“ gab ich ehrlich zur Antwort. „Ich möcht’
wissen, ob Sie auch noch in’s Kloster gehen, wenn Einer das Wort zu
Ihnen sagt.“
„Neugierig...“ sie seufzte schwer. „Hast Du Eltern?“
„Nur meine Mutter, aber die ist --“
Sie winkte abwehrend, stützte sich leicht an das Fenstersims und sprach
weiter:
„Vielleicht ist es besser so... Denke nicht an das Wort... Vergiß auch
die Worte, die Du mir gesagt hast... Glaub’s, Lieb’ und Treu’ giebt’s
keine, Alle, die davon reden, lügen... Du hast es aber gut gemeint, ich
dank’ Dir und werd’ später auch für Dich beten...“
Schwer, traurig, langsam fielen die Silben von ihren Lippen, und ohne
Gruß ging sie davon.
So oft sie später auch an meinem Fenster vorbeiging, nie mehr sprach
sie zu mir, und ihre großen Augen suchten mich nimmer.
Der Winter kam, und ich hörte nur von den Nachbarn, daß drei Näherinnen
oben bei der Hausfrau saßen, und daß da zugeschnitten und genäht wurde,
als ob es eine große Hochzeit geben sollte, derweilen aber nähten sie
das Weißzeug, das die Prinzessin mitbringen mußte in’s Kloster.
„Dreimal so viel als die Nobelste, die drin ist, nimmt sie mit, die
Lina,“ erzählte die Hausfrau, und wurde dunkelroth vor seltener Freude.
„Und was geschieht denn mit dem vielen Geld, das die Fräul’n hat?“
fragte der lange Laternenanzünder mit überlegener Miene.
„In’s Kloster gehen, heißt soviel, als wie sich hinlegen und
sterben,“ erklärte die robuste Frau bestimmt. „Ich bin ihre einzige
Blutsverwandte. Die eine Hälfte hat sie mir vertestamentirt und die
andere Hälfte kriegt das Kloster.“
Etwa um Neujahr kam auch ein neuer Miethsmann in die „blaue Gans“: ein
blutjunger Student, der immer nur singend oder pfeifend durch den Hof
schritt. Er war so schlank, daß er sich im Gehen nach rechts und links
wiegte wie ein geschmeidiges Rohr, und dabei hatte er breite Schultern
und einen gedrungenen Hals, auf dem ein lachender wunderschöner Kopf
saß. Die kurzgeschnittenen Haare glänzten wie ein Thierfell, so schwarz
waren sie, und die Männer sagten scherzend:
„Der Teufelsbub küßt unsere Weibsleut’ nur mit seinen kohlschwarzen
Augen.“
Er spitzte aber auch immer seine vollen rothen Lippen, wenn ihm
ein Mädchen nahe kam, aber er war nicht keck, nur so fröhlich und
übermüthig, wie ich noch keinen jungen Burschen gesehen hatte. Im
Handumdrehen war er auch überall daheim, rannte von einer Stube in die
andere und spielte selbst mit den kleinsten Kindern draußen im Hofe.
Als am Sonntag Nachmittag in der großen Waschküche getanzt wurde,
da sprang er deckenhoch und schwang uns so um, daß die Ziegelsteine
knirschten, auf denen wir uns drehten. Er hieß Franz, war wohlhabender
Eltern Kind und wollte eben da herunten bei den kleinen Leuten leben,
er müsse sparen lernen, sagte er, wenn er uns die Schürzentaschen mit
Rosinen und Mandeln vollstopfte. Er konnte auch viel schöner singen
als alle Anderen in der „blauen Gans“, und als ich ihn einmal ein ganz
vornehmes Lied singen hörte, dachte ich doch wieder an Lieb’ und Treu’,
und ob der Franz nicht etwa das Wort wüßte, das die Caroline nicht
finden konnte.
Die blasse Prinzessin jedoch war nie zu sehen, im Mai solle sie
fortreisen, so sagte die Hausfrau und rieb sich vergnügt die Hände,
jetzt sei sie ein wenig krank.
Vor der Zeit noch wurde es in jenem Jahre Frühling, und in dem
kleinen Gärtchen draußen war alle braune Erde blaßgelb hergeputzt,
Schneeglöckchen gab es in Fülle, und die magere Weide, die im
Spätherbst gesäet worden, hatte richtig am Palmsonntag ihre schönsten
silbergrauen Palmkätzchen aufgesteckt.
Der junge Student saß an dem Tage in meiner Kammer und las mir und
zwei älteren Mädchen aus einem Studentenliederbuch vor. Zuweilen sang
er leise die Melodie dazu, und wir kicherten und lachten, wenn wir
mitkrähen mußten. Wir drei Mädchen saßen mit dem Rücken gegen das
Fenster gekehrt und er stand vor uns, hielt das Buch in der einen Hand
und mit der andern fuchtelte er über dem Kopfe in der Luft herum, wenn
er sang oder sprach. Mit einmal aber zog er die Augenlider zusammen,
hob sich auf den Zehen und blinzelte hinaus.
„Wer kommt da?“ fragte er und öffnete rasch die Lippen.
Wir wandten uns um und erblickten die Caroline, die langsam über den
Hof in das Gärtchen kam. Sie hatte statt des schwarzen Kleides ein
dunkelgraues angethan, und ihre blonden Haare steckten fast ganz
verborgen hinter einer weißen Haube.
„Ah, das ist die Prinzessin, die in’s Kloster geht,“ sagte die
Franziska gleichgültig zu ihm.
„Die -- in’s Kloster!“ schrie er und schlug mit der Faust an die Mauer,
daß wir alle zusammenschraken. „Warum?“ fragte er dann und räumte uns
nur so rechts und links mit den Armen vom Fenster fort, damit er die
Caroline besser sehen konnte.
„Und willst Du in’s Kloster gehen
Und werden eine Nonn’,
So will ich das Kloster anzünden.“
Das fuhr mir plötzlich durch den Sinn, als ich den Studenten so wild
vor mir sah.
„Ja, ja, anzünden!“
Dennoch dachte ich, ob es nicht viel gescheidter wäre, wenn er es
thäte, die Lina könnte dann wieder davonlaufen, anstatt für alle Zeit
dort eingesperrt zu bleiben und dort zu sterben.
Weil wir ihm nicht genug von der Lina zu erzählen wußten, schalt er uns
„dumme Mädels“ und rannte davon.
Von der Stunde ab ließ sich jedoch der Student von Jedem, den er nur
erwischen konnte, die Geschichte der armen reichen Caroline erzählen.
Wer weiß, was sie ihm Alles sagten, denn er wurde immer wortkarger
und trauriger, und paßte nur überall auf, ob er die Prinzessin nicht
erblicken könne, aber sie war nicht zu sehen, weder für ihn noch für
die andern Leute.
Da kam der Mai, ernst und feierlich riefen es die Glocken in die
blühende Frühlingswelt, als sie das Frohnleichnamsfest einläuteten;
durch die Straßen scholl Musik und betäubender Weihrauchduft schwamm
dem festlichen Umgang voran, der sich langsam heraufbewegte, immer
näher dem alten Hause zu. Drinnen war es still und leer. Die Kinder
schritten paarweise in Feiertagskleidern hinter dem Allerheiligsten und
die Anderen harrten alle vor dem Hausthor der Herrlichkeiten, die es zu
sehen gab. Auch der Student stand unter ihnen, aber er wandte keinen
Blick von dem Wagen, der seitwärts des Hauses wartete.
„Fährt sie wirklich heute fort?“ fragte er ungestüm den
Laternenanzünder, der in voller Invalidenuniform neben ihm stand.
„Freilich, freilich, Du mein Gott, es ist auch besser, sie taugt
ohnedem zu nichts Rechtem mehr.“
Der Franz zerknüllte seinen weichen Filzhut mit beiden Händen.
Da war nun die Prozession knapp vor uns. Die Fahnen flatterten im
Frühlingswinde und die hellen Stimmen der jungen Sänger übertönten die
dumpfen Paukenschläge, das Gedröhne der Posaunen und das Schmettern
der Trompeten, dazwischen scholl zeitweilig der grelle kurze Klang der
Handglocken, welche zwei Chorknaben abwechselnd im Takte schwangen.
„Gelobt sei Jesus Christus! Gelobt -- sei -- Je-e-sus -- Chri-i-stus!“
sangen Alle jauchzend, die ungeregelt hinter den Priestern drängten,
und es war, als ob es nur glückliche Menschen auf Erden gäbe... Jetzt
zogen die letzten vorüber, noch ein paar alte Weiber mit verblichenen
blauen Fürtüchern, dann aufgestöberte Staubwolken, die hinter dem Zuge
herwirbelten, und dann nichts weiter als der verbrausende Lärm, der
mehr und mehr verhallte, bis nur noch die Paukenschläge wie ferner
Donner herübertönten.
Und nun kam der große Wagen, der mit ein Paar fetten Pferden bespannt
war, vorgefahren und hielt vor dem Hausthor. Zwei Nonnen stiegen
aus, nahmen ihre weiten dunklen Gewänder mit den wachsgelben Händen
sorgfältig zusammen, als sie durch die Gruppen der Leute gingen, und
verschwanden in der Hausflur.
Niemand rührte sich von der Stelle, alle warteten mit einer
unbehaglichen Neugierde, der Student aber biß die Zähne übereinander,
daß ich es hörte.
Nach einer Weile kam die jüngere der beiden Nonnen mit der Hausfrau,
und Beide stiegen in den Wagen; bald darauf kam die Prinzessin mit der
zweiten und schritt dem Klostergefährte zu.
Bis dahin hatte Franz immer mit dem Hute in der Hand dagestanden; als
er Caroline kommen sah, packte er den Arm des Laternenanzünders und
sagte am ganzen Leibe zitternd:
„Laßt Ihr es denn wirklich geschehen?!“
Der Mann zuckte mit beiden Achseln.
Die Himmelsbraut stand an dem Wagen, setzte den Fuß auf den Tritt und
sah noch einmal zurück auf das Haus; da schleuderte der Student seinen
Hut weit weg, sprang hin, faßte das todtenbleiche Mädchen am Arm, riß
es zurück und rief den Leuten zu:
„Hat denn kein Mensch +Mitleid+ mit ihr, und sagt ihr, was sie thut!“
Ich habe das Antlitz der armen Prinzessin gesehen in dem Augenblicke,
ich habe den aufjubelnden Schrei gehört, als er das Wort Mitleid
aussprach; ich habe gesehen, wie auch sie die Arme nach ihm
ausstreckte, und ich sah auch, wie die Nonne sie in den Wagen schob und
die Thüre zuschlug... Eine kreischende Stimme schrie alsdann durch das
Fenster:
„Fahren!“
„Zu spät,“ sagte eine andere eiskalte in dem Gefährte.
Die Pferde rissen an dem Wagen und er holperte eilig über die Hügel
und durch die Gruben, obgleich sich der Student an das eine Hinterrad
geklammert hatte und wie ein Gassenbube neben der Kalesche hinsprang.
Da hieb der Kutscher mit der Peitsche nach ihm auch so, als ob er einen
übermüthigen Burschen abwehren wollte, und der Franz blieb jählings
stehen... Als er zurücktaumelte zu uns, wichen ihm alle schon von
weitem aus, denn er war unheimlich anzusehen mit den großen schwarzen
Augen, und quer über sein todtenbleiches Gesicht hatte er einen
feuerrothen Streifen.
Er stand wie ein bewußtloser Mensch vor dem Thore und starrte nach dem
kleinen Gärtchen hin, dann wandte er sich um, schwang den Arm über den
Kopf und drohte mit der Faust nach der Richtung, in welcher sie die
Prinzessin davonführten.
„So will ich das Kloster anzünden!“
Ich mußte das laut gedacht haben, denn die Umstehenden lachten mir in’s
Gesicht. Der Franz ging langsam Schritt für Schritt in seine Kammer,
und am nächsten Tag fuhr auch er mit Sack und Pack davon und Keiner in
der „blauen Gans“ hat von ihm je wieder etwas gehört oder gesehen. Von
der Prinzessin jedoch wurde oft gesprochen.
„Sie ist ganz glücklich und zufrieden jetzt,“ erzählte ein Jahr später
die Hausfrau, „sie redt mit keiner Menschenseel’, nicht einmal mit mir.
Sie sagt nur: „Grüß Gott! und b’hüt Gott!“ und bet’ Tag und Nacht, die
Schwester Magdalene, so heißt die Carolin jetzt. Die andern Nonnen
sagen mir das Alles und sagen auch, es ist gescheidter, wenn gar
Niemand zu ihr kommt. Na, ich glaub’, ich werd’s nimmer sehen.“
Ich aber sehe die arme Prinzessin öfter. Zuweilen taucht der sinnende
Mädchenkopf vor mir auf im Wachen, im Halbschlummer, im Traume, und
schaut mich an mit zudringlich sanften Augen, als wollte er sagen:
„+Mitleid+ hieß das Wort, das ich zu spät gefunden ...“
Im neuen Hause.
„Bei uns wird ein neues Haus gebaut!“
„Was? -- wo!?“
„Auf dem Feld’ oben!“
„Auf welchem Feld?“
„Na, neben der Trockenwiese.“
„Wer sagt’s?“
„Die Männer, die dort abmessen thun; am Montag fangen sie schon zu
bauen an.“
So schwirrte es durch die „blaue Gans“, als nach dem Avemaria-Läuten
die Nachbarn Zeit fanden, miteinander zu plaudern. Als ob ein Schuß in
einen Spatzenschwarm gefallen wäre, so fielen diese Nachrichten unter
die zwanzig Ehepaare, die mit wenigstens dreimal so viel Kindern in dem
großen alten Hause lebten, das am äußersten Ende der äußersten Vorstadt
lag. Niemand konnte es glauben, daß neben der langen Trockenwiese,
wo Tag für Tag, wenn es nicht regnete, die schönste Leinenwäsche
flatterte, jemals ein Haus stehen würde. Aber es half da alles Denken,
Fragen und Reden nichts, der Montag kam und die Werkleute kamen auch.
Einige hundert Schritte hinter dem Trockenplatze fingen schon die
Kornfelder an und zogen sich weit hinaus; wenn die zu Ende waren sah
man über ein Dorf hinweg den Wald so nahe, daß man sein Rauschen zu
hören meinte, wenn der Wind hergeflogen kam über das wogende Korn.
Auf dem ersten Felde also war abgemessen worden und da ging es nun
frisch an’s Bauen. Nachdem sich die Kinder der „blauen Gans“ einmal
darein gefunden, daß nicht nur links nebenan ein altes Haus dastehen
dürfe, sondern auch rechts ein neues und noch dazu entfernteres
hinkommen müsse, waren sie auch bald zufrieden, ja im Handumdrehen
waren sie sogar alle bei dem Bau. Freilich gab es da ein fröhliches
Getümmel für das kleine Volk, und jeden Abend wunderten sich die Alten,
daß die Jungen mit heilen Gliedern heimkamen, denn ihre Keckheit wurde
zugleich mit dem neuen Hause größer. Sie saßen auf den Leitern und
Gerüsten, in den Fenstern und auf dem Dachboden, und als der Dachstuhl
fertig gezimmert war, hockten sie mit besonderem Stolz auf den höchsten
Sparren. Darunter war Eine, die sich gar bis auf den Rauchfang
verstieg. Wie oft wurde die ganze Schaar von allen Ecken und Enden
fortgejagt; was half es aber, sie kamen bald wieder herangeschlichen,
bis endlich die Arbeiter nur mitlachen konnten, wenn sie die pfiffigen
kleinen Gesichter überall hervorlauern sahen. Die Kinder armer Leute
kann man schon herumklettern lassen, die wissen ja blutwenig von
Gefahren: „Lern’ Dich selbst schützen“ und „Erfahrung macht klug“,
wird ihnen mitgegeben, sobald sie flügge werden, wenn auch mit anderen
Worten, welche nicht alle Welt versteht; die älteren unterweisen und
bewachen die jüngeren in ihrer Art oder Unart, und so wächst das Zeug
meist wild und gerade und gesund in die Höhe.
Ein Tannenbaum, mit bunten Schleifen aus Papier verziert, wurde
nach etwa einem halben Jahr auf den Giebel gesteckt, die Werkleute
kamen in ihren Sonntagskleidern, obwohl es erst Samstag war, in die
Hausflur wurde ein großer Tisch gebracht, der weiß überdeckt war, volle
Flaschen und leere Gläser waren genug da, und nun wurde eingeschenkt
und ausgetrunken, dem Bauherrn, dem Baumeister, dem Bauleiter und den
Arbeitern, Allen wurde zugejubelt, dann wurde abgeräumt, während im
Hause drinnen selbst noch genietet, genagelt, gehobelt und angestrichen
wurde. Schneller jedoch, als es die Nachbarn erwartet hatten, kam das
Ende des lustigen Getriebes, das Haus wurde zugeschlossen, es war
fertig. Später kamen noch hie und da Leute, die den eingegitterten
Gartenplatz umgruben, große Gesträuche und ausgewachsene Bäume
einsetzten. Besonders viel Mühe gaben sie sich mit dem Vorgarten, aber
sie schlossen auch stets das Gitterthor ab, so daß die Kinder von der
Straße nicht hineinkonnten, darum auch kümmerte sich bald niemand mehr
um das neue Haus, es blieb wieder unbeachtet etwa ein Jahr lang.
Da kam ein Tag, an dem es drüben lebendig wurde. Zuerst fuhren große
Wagen voll Möbeln vor das Gitterthor, dann kamen eine Schaar Männer,
die abluden und Alles hineinschleppten; dann kam ein langer starker
Herr, der den Hut schief auf dem Kopfe sitzen hatte, die Brust sehr
weit herausstreckte und viel mit den Leuten herumschrie. Manchmal sang
er ganz laut oder er versuchte zu singen, schüttelte den Kopf, hielt
die Fingerspitzen seiner großen Hand leicht über den Mund und räusperte
sich, versuchte wieder zu singen und schlug, wenn der Ton nicht aus der
Kehle wollte, ungeduldig die feinen grünen Ansätze von den Sträuchern
ab.
Wieder wurde das Haus zugeschlossen, der singende Herr steckte den
Schlüssel ein, schaute sich sein Nachbarhaus, die „blaue Gans“,
und die Kinder alle durch sein Augenglas an, kneipte das größte und
hübscheste Mädchen in die Wangen und schlenderte trällernd davon.
„Aber ich bitt’ Euch, kennt’s Ihr ihn denn nimmer?!“ schrie die alte
Frau Weiß verwundert.
„Wer soll es denn sein?“ fragten einige, die dem vornehmen Herrn
nachgesehen hatten.
„Meinem Leopold sein Lieutenant war es. Jesus! Jesus! was aus Einem
alles werden kann! jetzt ist der Hausherr!“
„Ja, die Weißin hat Recht!“ bestätigte der Laternenanzünder, „es ist
der Fleischhackerbub’, der Offizier war und nachher Sänger g’worden
ist, der hat’s werden können, weil sein Herr Vater ein gescheidter
Mensch war. Drin’ im großen Theater hat er gesungen, aber nicht lang’,“
schloß der alte Dragoner beißend.
„Der Blank, der Blank!“ murmelte die Frau Weiß nachdenklich, „na, der
muß Glück gehabt haben. Seine Alten haben sich ja auch schon zur Ruh’
gesetzt, sein reiche Leut’!“
„Der Georg Blank hat ihnen’s schon leichter gemacht, die Geldsäck’,“
spottete der Laternenanzünder, „aber reich geheirath’ hat er, die
überspannte Fabrikantenstochter droben von der Hauptstraßen, die hat
sich in seine Stimm’ verschossen. In +die+ Stimm’, die hat halt
nie eine ordentliche Stimm’ gehört!“
Am nächsten Tag schon kam ein festgeschlossener Wagen vor das neue
Haus gefahren, aus dem stieg zuerst eine alte Jungfer. Als ihr der
Hut herabfiel, sahen die Kinder, die gleich hinzugerannt waren, daß
sie kahle Stellen hinter den Ohren hatte. Dem Buben, der ihr den Hut
aufhob, gab sie einen tüchtigen Puff in die Rippen, dann steckte sie
ihm aber das Vogelhaus in die Hand, das sie beim Aussteigen weit von
sich hinweggehalten hatte. Nach ihr stieg eine verschleierte Frau aus
dem Wagen, die sehr rasch durch den Vorgarten in das neue Haus ging.
Der Wagen fuhr wieder davon, das Haus war also bewohnt. Jetzt hatten
die Leute aus der „blauen Gans“ über und über zu thun mit den neuen
Nachbarn. Die Kinder waren rührige Boten.
„Frau Mutter! Frau Mutter! eine dicke Köchin haben’s und ein Mannsbild,
das hat goldene Knöpf’ am Frack, das ist ein Bedienter, sagt die Liese,
es ist aber gar nicht wahr, er hat einen Bart wie ein gnädiger Herr,“
erzählte athemlos der Kutschersohn aus dem Hinterhause.
Am meisten beneideten die Kinder aus der „blauen Gans“ das junge Ding,
das im Hause hin- und herlief, die Botengänge besorgte und sich von dem
alten Stubenmädchen, das Josefa hieß, auszanken ließ, wenn sie durch
das Gitter heraus mit der Liese plauderte.
Die Liese erzählt noch oft, wie wohl ihr der Anblick der feineren
Leute da drüben that, und sie wurde für hochmüthig verschrieen, als
sie zu jeder Tageszeit hinüberlief, denn drüben wurde sie freundlich
aufgenommen.
An einem Frühlingsmorgen, als sie ganz allein um das neue Haus
herumstieg, sah sie die junge Hausfrau zum ersten Mal in dem Vorgarten.
Die schlanke Gestalt saß dort und schaute in den klaren Himmel hinein,
auf ihren blonden dichten Zöpfen lagen eine Menge Blüthen, die von den
weißen Fliederbüschen niederfielen. Wie Schnee waren die kleinen weißen
Sterne anzusehen... und ein so helles leichtes Kleid hatte sie an!...
Die Liese stand da, hatte den Kopf zwischen die Eisenstäbe gepreßt,
schaute in das junge liebe Gesichtchen und dachte:
„Hat der Laternenanzünder, der Alles weiß, halt doch gelogen, die da
drin ist gar keine Frau, das ist ein Mädchen, die Frauen sehen so aus
wie unsere Mütter drüben, die haben keine solchen Haare wie Goldfäden
und keine dunkelrothen Lippen, und keine so großen blauen Augen, und
solche kleine Hände haben sie nicht einmal gehabt, wie sie so alt waren
wie ich jetzt bin. Wenn sie nur herschauen thäte...“
Als die junge Frau endlich zu ihr hinblickte, schaute sie eine Weile
in das erglühende Kindergesicht, dann nickte sie und winkte der Liese,
die auch frischweg zu ihr lief. Sie fragte dann, ob die Kleine aus dem
Nachbarhause sei, wer Vater und Mutter wären, was die Leute in der
„blauen Gans“ thäten, und dabei strich sie der Liese die Haare glatt
und drückte ihre schönen rothen Lippen auf die Augen des Mädchens.
„Du bist gewiß viel hübscher als Du brav bist,“ sagte sie lachend,
„denn ich kannte andere hübsche Kinder, die keine Beulen auf der Stirne
hatten.“
Die Kleine wunderte sich im Stillen, daß die Frau das gleich bemerkt
hatte. Am Vorabend erst war sie in einen Kampf verwickelt worden, und
weil sie zu wenig dreinschlug, bekam sie mehr Hiebe als die Andern. Die
Liese wurde über und über roth und ließ alle zehn Finger der Reihe nach
knacken, sodaß die junge Frau sie lächelnd ansah und ihr drei große
Groschen schenkte. Sie dürfte sich wohl niemals bedankt haben, denn
sie rannte vor freudiger Ueberraschung spornstreichs davon, herüber
in die „blaue Gans“ und zeigte erst ihrer Ziehmutter und dann der
mittlerweile versammelten Jugend ihren Schatz; endlich aber wickelte
sie die drei Groschen fein säuberlich in ein Stück Papier ein, legte
das Päckchen in eine Nachtlichterschachtel und vergrub es an einem
heimlichen Ort auf der Trockenwiese neben dem Judengarten.
Warum?
Sie weiß es heute selbst nicht mehr, vielleicht wollte sie kein
Geschenk, das einem Almosen glich.
Mit der blonden Frau Blank aber war sie von jener Zeit ab gut Freund
geworden und sie brachte fast alle Freistunden drüben in dem Garten zu,
während die anderen größeren Mädchen auf dem Trockenplatz die Wäsche
hüten mußten. Das war Ursache genug, die Liese zu beneiden.
Der Herr Blank, der Mann der Frau Anna, ging immer schon am Vormittag
vom Hause fort, er sang so lange er daheim war und hielt nur inne,
wenn er seine Frau zum Abschied auf die Stirne küßte und sie fragte:
„Findest Du nicht, daß meine Stimme schöner und voller klingt?“ Dann
sang er von dem tiefsten Ton bis zum höchsten, ohne Athem zu schöpfen.
Die Frau Anna lachte und antwortete ihm auch einmal: „Warum machst
Du Dir so viel Mühe und Sorgen, was thut es auch, wenn Deine Stimme
weniger voll klingt?“
„Das wirst Du nie begreifen,“ schrie er, küßte sie diesmal gar nicht
und ging singend davon.
Zu Mittag kam er stets heim, und wenn er tüchtig gegessen hatte, ritt
er am Nachmittag mit seinem Diener aus, und wir hörten ihn oft noch
weit aus den Feldern herein singen, so eigentlich schreien. Am Abend
kam er auch wieder pustend und trällernd heim, meistens aber fuhr er
bald wieder davon, und oft hörten wir noch spät in der Nacht seinen
Wagen vorbei rollen, und da klagte mir die Liese manchmal, wenn wir bei
der Arbeit saßen:
„Siehst Du, jetzt kommt er heim und weckt mit seiner Singerei und
seinem Lärm die arme Frau Anna auf.“
Er brauchte sie aber nicht zu wecken, seine Zimmer waren rechts und
ihre links im Erdgeschoß, das obere Stockwerk war zur Hälfte unbenützt.