Der Advokatenschreiber, der am Ostersonntag hinausging vor die

Stadt, war wirklich solch ein sonderbares Geschöpf. Zuerst nahm er

seinen sauberen glatten Hut ab, lockerte mit fünf Fingern die flach

niedergebürsteten Haare, so daß sie beinahe gefällig um die freie

Stirn flatterten, dann nahm er vorsichtig die Brille ab und steckte

sie behutsam in ihr Futteral, nun öffnete er langsam Knopf um Knopf

an seinem festanliegenden Rocke, zog seinen knappen weißen Hemdkragen

weiter auseinander, machte ein, zwei tiefe Athemzüge und schritt dann

mit vorgestreckter Brust rasch hinaus durch die breite Allee... Je

weiter er hinauskam zwischen den alten knospenden Bäumen, desto stiller

wurde es um ihn, nur abgedämpft schwammen die Glockenstimmen durch

die laue Luft ihm nach. Rechts und links auf den Feldern war die Saat

schon handhoch aus dem Boden und stand so gleichmäßig und frisch da wie

kostbarer grüner Sammet, und die Sonne schaute hellleuchtend herab auf

diese junge Pracht. Sogar ein ganz kleiner Schmetterling mit blauen

Flügeln, der viel zu früh erwacht war, flatterte wie ein bewegliches

Veilchen zuerst über ein Stücklein Feld und dann immer einige Schritte

vor dem einsamen Manne, der wie im Traum einherging. Ein voreiliger

Kastanienbaum war über und über voll grüner Blätter, unter diesem blieb

der Schreiber stehen und schaute zurück auf die dunstige Stadt... In

den alten Nachbarbäumen hörte er den Frühling hantiren, denn manchmal

purzelte eine klebrige leichte Hülse von den hochgeschwellten Knospen,

und dann lösten sich die jungen Blätter auseinander gleich winzigen

Fächern, langsam, geräuschlos... und doch hörbar für ihn, weil eben der

gewisse Tag war...

Weiter, immer weiter wanderte er hinaus, nur hie und da begegnete

er Leuten, die sich in Feiertagskleider gesteckt hatten und zum

Weine liefen. Es mochte schon viel volle Schenken geben, weil

bald kein Menschengesicht mehr zu finden war. Die ausgedehnten

Ziegelschlägereien, die auf Büchsenschußweite rechts und links neben

der Allee liegen, sahen an dem Tage erschrecklich verödet aus, überall

nur die leeren, langgestreckten Trockenschuppen, dazwischen niedere

festzugeschlossene Arbeitshäuser und jeweilig ein Ziegelofen, der mit

seinem hohen Schornstein zum Himmel zeigte.

Jetzt war kein lebendes Wesen mehr zu sehen und kein Werktagslaut

störte die Feierstille... Ach wie ihm das wohl that, sogar der

kritzelnde Ton der Feder, die er Jahr um Jahr führte, schwand

aus seiner Erinnerung ob dieser tiefen, sänftigenden, erhabenen

Lautlosigkeit... Er hielt wieder inne und blickte aber nimmer

zurück, ein klein wenig nur schaute er in sich selbst hinein mit

festgeschlossenen Augen, dann aber sah er hinaus in die Landschaft...

Mit einmal trug der Frühlingswind aus der Ferne leise Töne herüber,

und da regte sich auch plötzlich auf einem grünen Fleck vor einem

der Schuppen etwas Feuerrothes, Kleines, Rundes. Der „einsame Spatz“

schaute nachdenklich-prüfend auf den beweglichen Gegenstand, der noch

am meisten einem rothen Bündel glich, und dann schritt er schneller

aus, doch je näher er kam, desto hastiger hüpfte das Bündel in die

Höhe, sprang hin und her, fuchtelte mit zwei Enden wie abwehrend und

schrie ganz erbärmlich. Ein großer graugefleckter Hund, der alle vier

Beine regellos herumschleuderte und seinen plumpen Kopf übermüthig

nach rechts und links stieß, trabte und torkelte um den kreischenden

Knäuel und wollte spielen, denn als der Mann seine Brille hervorholte,

entdeckte er, daß er da ein kleines Mädchen vor sich habe, welches in

ein großes grellrothes Umschlagetuch so eingeknotet war, daß es einem

Bündel glich. Die Kleine zeterte geängstigt und wehrte den jungen

Hund mit einem gleichfalls unförmlichen Etwas, das sie in der Hand

hielt, ab. Als der Schreiber dem Kinde zu Hilfe eilte, machte der Hund

noch ein paar täppische Sprünge, bellte in’s Blaue hinein, als ob er

eigentlich lachte, und rannte davon.

„Bäh-äh-ääh!“ schrie das Kind aus vollem Halse und hielt das Etwas noch

immer so hoch hinauf, als es anging.

„Sei stille. Der Hund ist fort. Komm her. Es geschieht Dir nichts!“

„Bäh-äh-ääh!“ heulte es hinter dem rothen Tuch, das auch über das

Köpfchen gezogen war, hervor.

Der „einsame Spatz“ hatte sich niedergebeugt und trocknete mit seinem

sorgsam gefalteten Taschentuche die nassen Wangen der Kleinen und zog

dann ihren runden Arm herab, der auch ihm krampfhaft das vorenthielt,

was nach den Begriffen des Kindes eine Puppe war.

„Lasse mich doch Deine schöne Puppe ansehen,“ schmeichelte er, doch als

er dieses kunstreiche Ungethüm in der Nähe sah, lachte er so hell auf,

daß die Kleine mitten in ihrem Jammer stecken blieb. Zuerst schaute sie

verdutzt drein, dann hub sie an zu blinzeln und endlich kicherte sie

lustig mit.

Sie war aber auch eine merkwürdige Erscheinung, diese Puppe... Auf

irgend einen zerschlissenen Leinwandlappen hatte jemand Heu und

Papierschnitzel gehäuft, die vier Enden zusammengenommen, fest

zugeschnürt und dann mit Theer (es roch danach) vier schwarze Striche

daraufgeklext, welche, schwerverständlich, Augen, Mund und Nase

vorstellen sollten. Dieser Ball, welcher beinahe größer war, als der

Kopf des Kindes, war auf ein Stück spanisches Rohr gebunden und somit

auch zugleich der schlanke Leib dieser merkwürdigen Menschennachahmung

hergestellt. Um noch ein weiteres für die Formenschönheit zu thun, war

eine Spanne unter dem Kopfe ein ausgehöhltes Hollunderrohr in Kreuzform

befestigt, und bildete so, da es kürzer war als das spanische Rohr,

zwei ausgespreizte Arme. Die Bekleidung dieser Puppe bestand aus den

bescheidensten Resten eines Kinderhemdes.

Der Mann beschäftigte sich beinahe neugierig mit dem fragwürdigen

Spielzeug, und dadurch gewann er sich auch das Zutrauen des Kindes.

„Haa-a -- had -- die -- Dedel -- Haa-a!“ krähte sie vergnügt, hockte

sich vor ihn auf die Erde und zeigte mit den kurzen Fingerchen auf

das eckige Haupt der Puppe. Mitten auf diesem Ball war nämlich ein

Stücklein verblichenes Rosaband festgenäht, das bis zur Hälfte

ausgefranzt herabhing und bescheidene Versuche eines Zöpfchens zeigte.

„Richtig, Deine Gretel hat Haare!“ sagte der Schreiber mit

gutgeheuchelter Bewunderung, setzte sich auf einen Haufen zersprungener

Ziegel, zog das Kind zwischen seine Kniee und fragte:

„Bist Du ganz allein da?“

„Ja!“

„Wo ist Deine Mutter?“

„Bei -- bei -- Vada!“

„Wo ist Dein Vater?“

„Widhaus!“

„Im Wirthshaus?“

Das Kind nickte. „Ja!“

„Und was thust Du allein da?“

„Waden.“

Nun mußte er sich besinnen, aber er fand das Wort doch und frug:

„Warten?“

Das Kind nickte wieder.

„Ja? Auf wen?“

„Auf die Henn’,“ erwiderte sie geheimnißvoll und mit verlegenem Pathos.

Sie wandte sich von ihm und horchte hinauf in die Luft.

„Auf welche Henne, Kind?“

„Die Henn’ din -- die oden Ei binnen dud, wenn die Dloden alle da dun

sein.“

Eben kam ein leiser Schall angeflogen; die Kleine bewegte hastig die

Arme wie Flügel und summte ein Sprüchlein vor sich hin, von dem der

Mann nichts verstand als die gelallten Worte:

„Waze Henn’ und weiße Henn’,

Ode Ei dud binnen Menn’.“

Trotz aller Versprechungen wollte das Kind nicht mehr von seinem

Zaubersprüchlein enthüllen; als der Mann aber nun wieder weiter wandern

wollte, rief es bittend mit weinerlich verzogenem Gesicht:

„Dabeiben! dabeiben! domd das dose Hund!“

„Wie heißt Du?“ fragte der Einsame lächelnd, als sich die Kleine bequem

auf seinen Schoß setzte, den Kopf an seine Brust legte, sich noch ein

wenig zurechtrückte und dann mit zufriedenem Blick zu ihm aufschaute.

„Ich heiß’ -- ich heiß’ --“ sang sie halblaut und schläferig lallend,

wispernd sagte sie dann: „Veonida!“

Der Mann flüsterte das Wort nach, leise nur wie ein Hauch ging es über

seine erbleichten Lippen.

„Veronika... Veronika... Veronika!“

Ach, das war ja der geliebteste Name im Himmel und unter der Erde für

ihn, denn ein kleiner Hügel in fernem Lande deckte das kleine Mädchen

zu, sein Schwesterlein, das so hieß...

Da waren sie nun, die vergessenen Zeiten und die geliebten Menschen.

Lange schon schlief die kleine Veronika für immer, er aber hat sich

doch nimmer zusammenraffen können seit ihrem Tode... Damals war er

ein junger Akademiker und träumte davon, ein großer Maler zu werden,

damit seine Schwester es recht gut haben könne; er zeichnete und

malte, und ihr liebes, feines Gesichtchen kam immer und immer wieder

auf Leinwand und Papier, wenn er einen Engel malen wollte. Die kleinen

Ersparnisse der todten Eltern verbrauchte er für die Schwester und für

seine Studien, doch als er sein erstes Bild für die Ausstellung malen

wollte, erkrankte das Kind. Er warf den Pinsel beiseite und saß Tag

und Nacht an dem Krankenbette, und als der Tod kam und die kleine

Veronika an seine eisige Brust drückte, da ließ Virgil den Pinsel

liegen und ging vom Friedhofe hinweg in die weite Welt. Seine wenigen

Bekannten sprachen sich abfällig aus über den Schwärmer, der seinen

ganzen Lebenszweck, sein ganzes Ziel und Glück auf die arme Karte eines

zarten Kinderlebens gesetzt hatte, und die Menschen mied, weil sie ihm

nicht ersetzen konnten, was er verloren an dem kleinen, schwachen,

liebereichen Mädchen........

Alle diese Erinnerungen und Gedanken hatte der Name aufgerüttelt, und

nun trug der Wind neue herüber... und aus der Tiefe klangen sie herauf,

die Glockentöne des versunkenen Glückes... und große Tropfen fielen auf

das dunkle Gesicht des Kindes....

Veronika regte sich im Schlafe, ließ die Puppe sinken und legte

ihre Aermchen um den Hals des Mannes, und ihr Herz pochte ruhig und

gleichmäßig an einem sehnsuchtsvollen, schnellschlagenden Herzen. So

saßen die zwei wildfremden Menschen eng aneinander gepreßt in der

Dämmerstille, bis der Tag verblaßt war und die Glocken verstummten...

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

„Tausend und tausendmal vergelt’s Gott!“

Ein stämmiges Weib rief das dem Fremden zu, der ihr Kind in den Armen

hielt. Sie kam die Allee herabgehastet und war athemlos. Hinter sich

zog sie einen Mann her, dessen Hand sie wie in einen Schraubstock

geklammert festhielt, und um den sie sich weiter nicht viel kümmerte.

Der Mann stolperte gleichmüthig durch dick und dünn, nur wenn sie

rascher vorwärts lief, langte er mit der freien Hand nach seiner Mütze

und zog sie tiefer in die Stirne. Er spitzte nachsinnend die Lippen

und pfiff abgebrochen, als ob er über etwas ernsthaftes grübelte.

Als die Beiden ziemlich nahe bei dem Fremden standen, ließ die Frau

ihren unsicheren Eheherrn los, sie warf ihm einen fragenden Blick zu,

den er damit beantwortete, daß er die Beine nach Matrosenart weit

auseinanderspreizte, um mehr Festigkeit zu bekommen; trotzdem aber

schwankte sein Oberkörper bedenklich rückwärts und vorwärts.

Das junge Weib nahm ihr Kind behutsam aus den Armen des freiwilligen

Hüters und erklärte mit einer Kopfwendung gegen ihren Mann, halb

anklagend und halb entschuldigend:

„Er war nicht zum Weiterbringen, der Meinige, ich hab’ ihn aus dem

Wirthshaus holen müssen, sonst wär er erst in der Früh’ heimkommen.

Wie so eine Zeit kommt, wissen Sie, ist er ein ganz anderer Mensch, er

hat so seine gewissen Tag’!“

Der Angeklagte pfiff in etwas höheren Tönen harmlos weiter, als ob von

einem Anderen die Rede wäre, er war hauptsächlich damit beschäftigt,

seine Füße zu beobachten.

„Ich hab’ keine Ruh’ gehabt so lang ich fort war, wegen dem Kind, na

ja! Der arme Wurm da, ganz allein! -- Hat’s alleweil geschlafen? -- Ich

dank Ihnen tausend und tausend Mal! -- Mitrennen mit mir hat’s nicht

können, es ist zu weit, und den Bündel Mädel tragen -- die ist gar

schwer, na, Sie wissens ja eh’, gnädiger Herr,“ lachte sie innerlich

belustigt und schaute gutmüthig-schelmisch auf den Schreiber.

„Veronika heißt sie?“ fragte er sanft, „sie ist ein hübsches, kluges

Kind...“ Er knöpfte seinen Rock fest zu, strich sich Hut und Haare

glatt und steckte die Brille wieder auf und wiederholte weich: „ein

kluges, hübsches Kind.“

„Freilich, gewiß auch! sieht ganz ihrem Vater gleich, blitzsauber,“

setzte sie halblaut hinzu und schaute mit einer Art herben Stolzes auf

die perpendikelhafte Gestalt des stillvergnügten Vaters, der noch

immer sorglos weiter pfiff. Sie stieß ihn mit dem Ellenbogen in die

Seite und sagte:

„Schämen sollst Dich, daß Dich unser Kind so seh’n muß!“

Er zwinkerte schlau hinter seiner Mütze und antwortete bedeutungsvoll:

„Schlaft.“

„Und der gnädige Herr, schlaft der vielleicht auch? Bedank Dich

wenigstens bei ihm, daß er Obacht gehabt hat auf unsere Veronika.“

„Vi-va-ve-ronika!“ jodelte der Arbeiter nach der Melodie eines

Volksliedes und war so entzückt über den Einfall, daß er seine Frau bei

den Schultern nahm, liebkosend hin- und herschüttelte und sie dann in’s

Genick küßte.

Die Frau machte ein ärgerliches Gesicht, doch in den Augen blitzte ein

glückseliges Lachen, während sie sagte: „Bedank Dich, Ignaz!“

Er nahm die Mütze ab, wollte wieder zu pfeifen beginnen, blies aber nur

mit vollen Backen in die Luft, dann blinzelte er nach seinem Weibe,

drehte die Mütze energisch, ging breitspurig nach vorn und schüttelte

den Kopf, weil es sich doch ein wenig schlecht anließ. Mit einmal aber

bekam sein junges hübsches Gesicht einen unternehmenden Ausdruck, er

schoß auf den Schreiber los, ließ gönnerhaft-heiter die Hand auf seine

Schulter fallen und sagte dann zwinkernd und vertraulich, wie zu einem

alten Bekannten:

„Nichts für ungut! -- Die Meinige hat schon Recht, alleweil Recht!“

-- er kicherte; „es giebt gewisse Tag’, wo mit gewisse Leut’ nichts

anzufangen ist.“

Er salutirte wie ein Soldat, machte mit einem Ruck Kehrt, und

marschirte krampfhaft-stramm seinem Hause zu. Die Frau schüttelte die

Hand des Fremden und ging ihrem Mann auf dem Fuße nach. Durch die

Bewegung mochte das Kind in ihrem Arm erwacht sein, denn ihre frische

Stimme fragte laut und zärtlich:

„Na, ist die Henn’ kommen, Du -- Du?“

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Der einsame Mann schritt im Mondlicht mit ruhiger Seele heimwärts...

Als er den alten Musikanten am nächsten Morgen aufsuchte, da hatte er

das brennende Bedürfniß, zu reden, einem weichen Menschenherzen sein

kleines Erlebniß zu erzählen, das ihn so ganz zurückgeführt hatte in

die Vergangenheit. Nach etwa acht Tagen brachte er Abends um sieben

Uhr eine über einen Rahmen gespannte Leinwand heim und trug sie in den

Aufbau zu seinem neuen Freunde. Wieder nach einigen Tagen kam ein Bube

hinter ihm heim, der eine Staffelei trug, dann schleppte er am Sonntag

früh einen Farbenkasten daher, und endlich ging er selbst jeden Morgen

um sechs Uhr zu dem Musikanten und malte bei ihm.

Wenn aber an Sonn- und Feiertagen der alte Musikant seine schönsten

Weisen spielte und der „einsame Spatz“ still droben saß bei ihm und

malte, da lauschte die „blaue Gans“, und die Nachbarn sagten:

„Aha! unsere Zwei künsteln.“

Nur ein Wort.

„Erinnerst Du Dich noch an die Prinzessin?“

So fragte mich die Liese, als wir neulich miteinander durch die wenigen

unveränderten Gassen wanderten, die uns noch an die Kinderzeit gemahnen.

„Ei, freilich!“

Als sie bei uns in dem alten Hause eine Heimstätte suchte, war ich

beinahe schon flügge und stand nur unter den scharfen Augen der

Nachbarn, denn meine Mutter hatte den Bruder zu einem Lehrherrn in eine

kleine Provinzstadt geführt und blieb auf Wochen hinaus der Gast seiner

Meisterleute. Nun hatte ich die Kammer für mich allein und konnte darum

ungestört von dem Gelärme des Buben und den Seufzern meiner Mutter über

alle die Ereignisse und Menschen simuliren, die mir in die Augen fielen

und die ich nimmer los bekam.

So wie damals gedenke ich noch heute unserer Nachbarn und an bestimmten

Tagen auch an bestimmte Personen. Wie oft taucht das sinnende

Mädchengesicht der Prinzessin vor mir auf im Wachen, im Halbschlummer

und im Traume, und schaut mich an mit zudringlich sanften Augen. Ich

sage mir dann vergeblich, daß sich dieses junge Antlitz verändert

haben muß, aber es hilft nichts, es ist da in seiner ernsten milden

Schönheit, so wie ich es vor langen Jahren sah.

Kleinigkeiten hatte ich wohl vergessen, die Liese mußte mir erst wieder

sagen, daß die Prinzessin damals aus Italien kam. Warum sie zu ihrer

alten Tante zog, zu jener argen Hausfrau, die in ihrem Besitzthum, der

„blauen Gans“, so strenges Regiment führte, war uns damals unklar...

Wir sahen nur eine üppige, schwarzgekleidete Gestalt aus einem Wagen

steigen und streckten alle die Hälse lang aus, denn es war noch früh

am Tage, und eine Wagenanfahrt war stets ein aufregendes Ereigniß für

unsere, jedem Ueberflusse entlegene Gegend. Wir gafften alle nach der

Ankommenden, die rechts und links blickte und dann wie gejagt die

Stufen, die zu der Thüre der Hausfrau führten, hinanlief, sie pochte

hastig und taumelte über die Schwelle als geöffnet wurde. Eine Stunde

später wußten alle Leute in der „blauen Gans“, daß es die Nichte der

Hausfrau sei, die nur bei ihrer Tante bleiben wolle, bis sie ihre

Ausstattung hergerichtet habe.

„Ausstattung?“ fragten die jungen Mädchen neugierig in ihrer etwas

schärferen Ausdrucksweise. „Heirathen thut die?!“

„Nein, heirathen nicht, sie geht in’s Kloster --“ sagte der einsame

Spatz ganz leise und verbeugte sich höflich.

In’s Kloster! Das hatte die „blaue Gans“ noch nicht erlebt, das war

etwas vollkommen Neues. In den ersten Tagen nach der Ankunft des

jungen Mädchens wisperten und zischelten die Nachbarinnen nur so

untereinander, denn die Hausfrau tauchte oft plötzlich an allen Ecken

und Enden auf und lauerte horchend an allen Thüren, allgemach aber

schwatzten sie doch lauter.

Vor meinem Kammerfenster, in der Ecke des Hofes, hatte sich die

Hausfrau einen Garten zurechtrichten lassen, das war auch eine

vielbesprochene Neuerung in dem alten Hause. Einige staubgraue

Oleanderbäumchen, Epheuwände in rohen Holzkistchen, wilder Wein, von

dem jedes Zweiglein und jede wässerig-gelbliche Ranke gestreckt und

gebunden wurde, und im Winkel eine Laube, aus ungehobelten Staketen

zusammengeschlagen und mit rothblühenden Beeren und wildem Wein

übersponnen, so sah die erstaunliche Pracht aus, deren verläpperter

Umzäunung sich die Kinder nur auf zehn Schritte Entfernung nähern

durften. In diesem Gärtchen sah ich die „Prinzessin“, die eigentlich

Caroline hieß, zum erstenmale genau.

Warum sie „Prinzessin“ genannt wurde, weiß ich nicht bestimmt, die

Leute im Hause munkelten nur, daß sie vor vier Jahren ein vornehmer

Herr, ein Herzog oder so etwas, von ihren Eltern fort und nach Italien

mitgenommen habe, und daß sie nun auf und davon sei und den großen

Herrn im Stiche gelassen hätte, seit Vater und Mutter kurz nacheinander

gestorben. Die Weiber sagten flüsternd, daß die beiden Alten nicht

ehrlich im Grabe verfaulen könnten, denn es sei doch ein schlechter

Handel gewesen mit dem Mädel, und in’s Kloster gehe sie nur, weil sie

sonst Alles erlebt, was Gott verboten habe, und nun für sich und die

Alten büßen wolle.

„Aber das Heirathen hat sie doch nicht im Ernst probirt; soll mich

nehmen,“ rief selbstgefällig der hübscheste und ärgste Lump, den die

Vorstadt aufweisen konnte.

„Meinst’, Handschuhmacher, um ihr Geld könnst’ Du schon ein Aug’

zudrücken?“ kicherte ein zahnloser Mund.

„Alle Zwei, meinetwegen. Was wär’s weiter?... Bildsauber ist ja die

Prinzessin. Soll gescheidt sein!“

So dachten und sprachen die Nachbarn, aber Keinem fiel es ein, sich das

stille schöne Mädchen so genau anzusehen, wie ich es that, sobald sie

in die Laube kam. Manchmal, wenn sie ganz allein dort saß, den blonden

Kopf vorstreckte und die Hände flach übereinander auf den Knieen

lagen, wußte ich nicht, ob sie mit offenen Augen schlafen konnte.

Keine Bewegung des üppigen Leibes, kein Zug in ihrem weißen Gesichte

verrieth was sie dachte, und über meine Arbeit hinweg schaute ich

schier nach jedem Stiche zu ihr hin. Als sie aber eines Tages begann,

mich anzublicken, unablässig, erwartungsvoll, aufdringlich, da ärgerte

ich mich fast über diese großen, fragenden Augen. Und nun konnte sie

stundenlang sitzen und in mein Gesicht starren. Es war mir oft, als

müßte ich das abschütteln, grob werden oder davonlaufen. Ich spürte

ihren Blick, meine Nadel fing stets an ungleichmäßig durch den Stoff

zu fahren, ich bekam Herzklopfen und mußte an allerlei traurige Dinge

denken. Warum ich doch am Fenster sitzen blieb? Zuvörderst war die

Prinzessin die gehätschelte Nichte der bösen Hausfrau und hatte viel

Geld, und zunächst war meine Kammer schmal und dunkel, das Fenster

tief und niedrig, so daß ich nur vorne knapp am Fensterbrett Licht

genug für meine Arbeit fand.

„Hat die Fräul’n Lina vielleicht eine unglückliche Lieb’ g’habt, oder

so was dergleichen?“ fragte die Laternenanzünderin und fuhr mit der

Schürze über die Augen.

„Ach was! -- die Lina hat gar nie eine Liebschaft g’habt -- sagt sie

selbst -- hat’s auch nicht nöthig -- sie ist reich g’nug dazu --

sie könnt heirathen wen sie wollt’ -- aber sie will halt nicht“ --

erwiderte die Tante protzig.

Die Beiden saßen breit in der Laube, hatten große buntbemalte Töpfe vor

sich, die bis an den Rand mit starkduftendem Kaffee gefüllt waren, sie

tranken schluckweise und schmatzten mit den Lippen.

„Und sie will halt einmal nicht!“ schrie die Hausfrau wiederholt, „und

weil’s nicht will, so will’s nicht!“ sie schlug mit der flachen Hand

auf den Tisch und starrte die Laternenanzünderin herausfordernd an.

„Freilich, sag’ ich auch,“ erwiderte die Frau verbindlich, „aber -- der

Prinz?“

„Na, was weiter? -- der ist älter als ihr leiblicher Großvater war.“

„So, so! -- Ich hab’ halt g’meint -- die G’schicht mit dem Kloster,

schaun’s, daß ich Ihnen sagen muß, ist doch was Besonderes. -- Warum

denn justament in’s Kloster?“ --

„Da müssen’s schon die Lina selber fragen um das Warum, jedes +Wa+rum

hat ein +Da+rum,“ knurrte die Hausfrau verbissen, denn sie konnte die

Antwort nicht verwinden und vergessen, welche sie von der Prinzessin

auf dieselbe Frage erhalten hatte, sie sagte damals:

„Tante, ich suche nur ein Wort, ein Einziges... und weil die Menschen

es nicht für mich hatten, weil ich es nie bei ihnen finden konnte,

suche ich es bei Gott... finde ich es auch dort nicht, dann... dann...“

Die Frau Huber hatte seinerzeit den Ausspruch gehört und trug ihn

weiter, er machte die Runde im Hause, alle Leute lachten, ich lachte

darum auch, und die Hausfrau erläuterte ihn, als nachher wieder die

Rede davon war:

„Ich sag’s Euch, sie ist eine überspannte Gredel, wie ihre Mutter,

meinem seligen Bruder seine selige Frau eine war. Die hat gar angefangt

zum Bücherschreiben! Ich bitt’ Euch, Leut’, schreibt ein ordentliches

Weibsbild Bücher? -- Die Lina hat das Verrückte von ihr d’ererbt.“

Langsam versickerte das Gerede wieder und die Leute kümmerten sich

weniger um das Mädchen, nur ich hatte Tag für Tag durch ihre großen

Augen zu leiden, und ich war seelenfroh, als der Herbst kam und sie

seltener drüben in der Laube saß. Zuweilen fiel mir freilich ein, was

das für ein Wort sein könne, das die „Prinzessin“ immer vergebens

gesucht hatte und nun nur noch bei Gott finden könne. Am meisten quälte

mich das Wort, als sie einmal an einem Herbstabend, angethan mit dem

traurigen schwarzen Kleide, mutterseelenallein draußen saß. Sie war

noch blässer als sonst und starrte nicht zu mir hin, sondern schaute

empor zu den rosiggesäumten Wölkchen, die wie aufgebauschter Schaum

bewegungslos am Himmel standen. Die großen Blätter des wilden Weines

waren schon gelb und rothbraun, hie und da taumelte ein Blatt in der

Luft, drehte sich und fiel auf ihr Kleid oder ihre Hände, sie aber

fühlte und sah es nicht, das bemerkte ich, nur ihre Lippen bewegten

sich unhörbar... sie sprach leise.

Ob sie wohl jetzt das Wort sagt, das sie bei den Menschen vergeblich

gesucht hat?

Ich kramte zusammen, was ich an für mich schönen und bedeutungsvollen

Worten jemals gehört hatte, zumeist fielen mir diejenigen ein, welche

in den weinerlichen hochdeutschen Liedern vorkamen, die unsere alten

und jungen Nachbarn in der Dämmerstunde sangen. Da war besonders eines,

das sehr ergreifend gesungen wurde und immer dieselbe gerührte Stimmung

hervorrief, es war die Geschichte eines Mädchens, das in’s Kloster ging:

Unsere Nachbarn: Neue Skizzen · 第 2 / 9 段