„So, Ihre Mädeln und meine Buben sind alle miteinander einge

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1884 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

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unverändert. Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht,

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gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

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Unsere Nachbarn.

Unsere Nachbarn.

[Illustration]

Neue Skizzen

von

Ada Christen.

[Illustration]

=Dresden= und =Leipzig=.

Verlag von Heinrich Minden.

1884.

Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.

Der Liese

mit herzlichem Gruß

die Ada.

Inhalt.

Seite

Die Liese I. 1

„ „ II. 19

Der einsame Spatz 41

Nur ein Wort 65

Im neuen Hause 89

Mama muß tanzen 131

Nachbar Krippelmacher 167

Als er heimkehrte 185

Die Liese.

I.

„Ja, das ist mir im Kopf geblieben, es ist wahr, Du hast Recht, ich

weiß nicht, warum es so ist, aber die Leut’, denen etwas passirt

ist, die habe ich nie vergessen können. Es giebt noch eine ganze

Menge Bekannter aus unserer Kinderzeit, sie haben geheirathet, oder

sind ledig geblieben so wie ich, sie haben Kinder bekommen, haben

Glück damit gehabt oder sie sind ihnen an Kinderkrankheiten schon

weggestorben, wie das so geht, es ist ihnen nichts besonderes passirt.

Einer oder der Andere hat sich sogar viel erwirthschaftet und könnt’

sich die „blaue Gans“, wenn sie noch dort stehen würde, kaufen.

Dasselbe Haus, wo er früher in der kleinsten Kammer gewohnt hat!...

Mein Gott, er hat halt tüchtig gearbeitet und die rechte Zeit benützt.

Das kommt nicht oft vor, und denjenigen, denen es passirt, denen ist es

zu vergönnen.“

„Also reich geworden sind auch einige von unsern alten Nachbarn?“

fragte ich die Liese, und sie erzählte dann in ihrer behäbigen

nachdenklichen Weise fort. Zuweilen sprach sie wie ein Kind, so

schlicht und unklar darüber, wie die Dinge entstanden sind und warum

sich Eines oder das Andere so begeben hat, wie sie es schilderte,

immer aber voll von feinem Empfinden und manchmal mit dem überraschend

scharfen Blick, der einsamen Menschen und besonders einsamen Frauen

eigen ist, die bei regem hellem Verstand wenig Gedankenaustausch

haben. Die Liese sah und sah immer wieder nach dem hin, was einmal

durch seine äußere Form überraschend auf sie gewirkt hatte; sie dachte

ab und zu über diese Erscheinung und fragte sich endlich: Warum ist

dies oder jenes hier nicht so wie bei allen Andern?... War sie bei

dieser Frage angelangt, dann schaute sie noch genauer hin, und es

war dies recht ungewöhnlich bei dem unbelehrten, abgeschlossenen

Mädchen; das flüchtigste Lächeln, der verschleierte Wehlaut, eine

von der gewöhnlichen Umgebung unbeachtete, unbedeutende Bewegung

oder Handlung wurde für sie zum richtigen Schlüssel für das Wesen

derjenigen, welche ihre Aufmerksamkeit erregt hatten. Sie lernte

durch ihre Gedankeneinsamkeit tiefer empfinden, schärfer beobachten

und schmuckloser reden wie die meisten Menschen, denen ich in jenen

Lebenskreisen begegnet bin. Anfangs wunderte ich mich über ihre

langsame, grübelnde Art, über ihr bohrendes Denken, ihr geistiges

Festhalten an dem, was ihr als ungewöhnlich auffiel, bald aber fand ich

den ihr selbst unbekannten Zug des Außergewöhnlichen in ihr selbst.

Liese ist heute vierunddreißig Jahre alt, also ein altes Mädchen, und

wahrhaftig eine alte Jungfrau. Sie ist eigentlich sehr hübsch, trüge

sie anstatt des grau- und schwarzgestreiften Kleides ein farbiges, und

anstatt der langen glatten Blendenscheitel das aschblonde Haar aus

der Stirn gestrichen. Lernte der volle Körper ein Mieder kennen, so

wäre die Liese vielleicht sogar eine begehrenswerthe, weil beachtete

Frauenerscheinung. So aber ging und geht das Mädchen unauffällig

durch die Welt, und das Ungewöhnliche dabei ist, daß sie sich das

Leben nie anders gewünscht hat. Keine Jugendschwärmerei, keine

Alterversorgungs-Sehnsucht hat sie aus dem Geleise gebracht; sie sitzt

am Stickrahmen ganz in derselben Weise wie ihre selige Ziehmutter, die

Frau Huber, sie hinsitzen hieß, als sie ein Kind von zwölf Jahren war.

Wäre die „blaue Gans“ nicht niedergerissen worden, so säße sie wohl

noch an demselben Fenster, anstatt daß sie jetzt der Stelle gegenüber

sitzt, in dem einzigen alten Hause, welches noch dort steht und auch

in seinem neuen Aufputz noch immer an die alte Zeit gemahnt.

Ich erinnere mich noch ganz genau des Tages, an welchem Frau Huber

die Liese in die „blaue Gans“ brachte. Sie mochte damals ungefähr

zehn Jahre zählen, ihre Mutter war gestorben, als sie zur Welt kam,

und ihr Vater war damals gerade seit vier Wochen todt. „Zwei ältere

Stiefschwestern, Kinder von der ersten Frau ihres Vaters, liegen auch

bei den Eltern draußen, und so wär’ das Mädchen mutterseelenallein

auf der Welt, wenn ich sie nicht genommen hätt’, wer weiß, was aus

ihr geworden wär’, und wer weiß, was noch aus ihr wird, sie ist ein

„Charfreitagskind“, mit solchen hat man selten Glück...“

So erzählte die Frau Huber meiner Mutter und den anderen Frauen, welche

bei großen Fragen maßgebende Stimmen hatten in der „blauen Gans“.

„Mußt gut thun,“ mahnten Alle, und uns Kindern wurde gesagt: „Müßt

freundlich sein, daß sie kein Heimweh kriegt, sie ist noch ärmer als

Ihr Alle, sie hat nicht Vater noch Mutter.“

„Und was da Alles vorgefallen ist bei der Geburt von dem Mädel, ich

sage Ihnen,“ flüsterte die Frau Huber meiner Mutter zu. Wir spitzten

die Ohren, aber... „die Kinder sollen im Vorhaus spielen,“ hieß es, und

die ganze Schaar sammt der schwarzgekleideten Liese wurde aus der Thüre

hinausgeschoben.

Als wir wieder hinein durften, sahen die Frauen alle nur die Liese an,

und meine Mutter sagte nach einer Weile: „So Gott will, wird aus dem

armen „Charfreitagkind“ doch ein tüchtiges Mädel, gelt?“

„Glück habe ich wenig gehabt mit solchen Kindern,“ erwiderte Frau Huber

seufzend, und sie wußte ein Lied davon zu singen, denn sie war die

gesuchteste „weise Frau“ der Vorstadt.

Von jenem Tage ab blieb die Liese in der „blauen Gans“, die Frau

Huber wurde ihr eine gute und liebevolle Mutter, ließ sie von der

geschicktesten Weißstickerin unterrichten, und so saß sie an ihren

Rahmen, lernte sich ihr Brod verdienen und wurde auch richtig ein

tüchtiges Mädel. Als die Frau Huber starb, hinterließ sie ihr

bescheidenes Hab und Gut -- ihre eigenen Söhne waren draußen in der

Welt wohlhabende Leute geworden -- dem Ziehkinde. Liese betrauerte sie

wie ihr eigen Fleisch und Blut, sie arbeitete aber weiter wie ehedem,

legte Groschen zu Groschen und blieb einsam und allein auf dem alten

Flecke sitzen.

So fand ich sie fast unverändert nach Jahren wieder. Warum sie nicht

geheirathet habe, erklärte sie mir dahin, daß nie ein Mann bei ihr

angefragt hätte, daß ihr selbst keiner besonders gefiel, daß sie

viele üble Ehen, viel Kindersorgen und Freudlosigkeit gesehen hätte,

selbst bei reichen Leuten unter ihren Kunden, wie sei das nun erst

unter Ihresgleichen, bei Leuten, die mit blutwenig oder gar nichts

zu wirthschaften anfingen. Bei ihrer Arbeit, die gepflegte Hände

erfordere, ginge es mit Waschen und Fegen, Flicken, Kochen und

Kinderwarten nicht an, daß sie aber ihr Handwerk, welches sie nähre,

aufgeben solle, um sich von einem Manne füttern zu lassen, das könne

sie nicht begreifen; gut ist gut, sie lebe behaglich ohne Herrn und

Ernährer. Die Selbständigkeit sei viel werth. „Wer nicht anders kann,

dem muß man sein Recht lassen, wem es aber so besser zu Gesicht steht

wie mir, der thut wohl,“ schloß sie mit ruhigem Lächeln ihre Erklärung.

Gegen solche Worte läßt sich nichts einwenden, und so leicht und

einfach es klingt, so ist die Ausführung dieser simplen Grundsätze doch

eine weit schwierigere, und das alte Mädchen mit dem schwarz- und

graugestreiften Kleide hat weit mehr Verstand und Kraft dazu gebraucht,

rüstig weiter zu leben und sich ein starkes ehrliches Herz zu erhalten,

als es heute in seiner Einsamkeit und Gedankenabgeschlossenheit zu

erkennen vermag.

Seit ich sie damals aufgesucht habe, begegnen wir uns im Jahre nur

zweimal, und da im Theater, auf demselben Platze, wo wir als Kinder

saßen... Zweimal im Jahre erlaubt sich die Liese, für ihr Geld zu

weinen und zu lachen.

Am Allerseelentage wird auf allen Bühnen der Residenz ein gruseliges

Rührstück gegeben, und diese erschütternde Geschichte sahen und sehen

wir uns an der kleinsten Vorstadtbühne von der letzten Galerie herab

alljährlich an. Wir sitzen da ganz am äußersten Ende der ersten Bank,

nur durch die Mauer von dem Schnürboden getrennt. Wir hören dort

Alles sehr gut, aber die Mimen müssen weit an die Lampen vor und sehr

inbrünstig zu den Soffiten emporjammern, wenn wir sie von Angesicht

sehen sollen, doch die Liese kann die ganze Komödie auswendig und ist

gewöhnt daran, sich auf diesem Platze ungestört auszuweinen. Ich glaube

sie hat dieses rührende Stück eigentlich noch nie vollständig gesehen,

und da sie an dem Herkömmlichen fest hält, wird sie es wohl auch kaum

jemals sehen.

Der zweite Theaterabend, an welchem wir uns, so wie an dem ersten, um

fünf Uhr Nachmittags bei dem Hinterthürchen in der Seitengasse treffen,

ist der Fastnacht-Montag. Der alte Mann, welcher ein halbes Dutzend

einflußreicher Stellungen an jenem Theater einnimmt, läßt uns durch

die kleine Thüre in einen finsteren Gang ein, dort drücken wir ihm

ehrlich unser Eintrittsgeld und noch eine Kleinigkeit darüber in die

Hand und klettern im Finstern den uns wohlbekannten Weg hinan. Wir und

die Mäuse, die hin- und herhuschen, sind die einzigen lebenden Wesen

im Zuschauerraum... Nur neben uns, auf dem Schnürboden, da rollt und

knarrt und raspelt es, und auf der Bühne, die von ein paar Lampen matt

beleuchtet ist, da schlürfen und traben die Theaterarbeiter herum,

schleppen Versatzstücke herbei und reden nicht zu viel und nicht zu

laut, es klingt alles so verdrießlich in dem wiederhallenden Saal. Der

ganze Zuschauerraum ist grau eingehüllt, lange Tücher hängen nämlich

von der Brüstung der letzten Galerie bis hinab zu den vornehmsten

Plätzen.

Und in diesem großen leeren Raum, in dieser anheimelnden Dunkelheit

saßen wir als Kinder erregt von ahnungsvollem freudigem Schauern, da

sitzen wir jetzt und flüstern und haben das Gefühl, als könnten wir

das, was wir reden, eigentlich doch nur hier reden.

Dieser Abend bringt aber auch Abwechslung, fast jedes Jahr wird eine

andere Posse aufgeführt; und die Liese lacht, daß ihre vollen rothen

Backen noch röther werden und ihre graublauen Augen sich mit Thränen

füllen, sie lacht, daß die ganze Umgebung mit lacht. Denn nach und nach

sind lauter alte Bekannte droben angekommen...

Die einst neben uns als Kinder saßen, sind jetzt ehrsame

Kleinbürgerfrauen, Blumenmacherinnen, Handschuhnäherinnen,

Stickerinnen, Waschfrauen, Kutscherfrauen, zumeist das, was ihr Mütter

waren oder noch sind. Es ist eine lustige Schaar Menschen, welche

noch herzlich lachen können. In den Zwischenakten aber, und wenn ich

die Liese dann ein Stück heimwärts begleite, plaudern wir weiter von

vergangenen Tagen, von unseren alten Bekannten und Nachbarn. Da werden

gleichsam die Todten lebendig, und die Lebendigen schreiten an mir

vorbei in ihrer jetzigen Kleidung und ihrem neuen Gehaben, denn die

Liese hat die Begabung, mir die Menschen, von welchen wir reden,

sichtbar zu machen...

Ahnte sie, welchen Diebstahl ich begehe, wenn ich oft mit ihren Worten

die Geschichten unserer Nachbarn, Freunde und Feinde erzähle, sie würde

große Augen machen und verdutzt schweigen. Sie weiß es aber nicht, für

sie bin ich, was ich einst gewesen, als das will ich ihr wenigstens

gelten, denn nur so bleibt sie, was sie mir ist, und in solchem Verkehr

vermag ich sie festzuhalten bei der Schilderung irgend einer Person,

welche sich ihrem Gedächtniß besonders eingeprägt hat, „weil ihr was

passirt ist.“

„Stehen Dir die langen Nägel nicht im Weg’ bei einer feinen Stickerei?“

fragte sie, als ich sie das letztemal im Theater sah, ganz verwundert.

Ich hatte im Eifer des Gespräches mich vergessen und meine grauen

Zwirnhandschuhe abgestreift, die, wie ich mich noch erinnere, nebst

einem braunen Merinokleid unsern höchsten Sonntagsputz ehemals

ausmachten.

„Freilich, freilich!“ erwiderte ich verlegen, denn ich hatte plötzlich

den Gedanken, die Liese sieht doch, daß die Handschuhe und das Kleid

und die Art... heute doch nur Etwas wie eine Maskerade sind, wenn auch

die Menschen, denen mein Aeußeres gleicht, mir lieb geblieben sind und

bleiben werden mein lebelang.

„Ja, warum hast sie aber?“ meinte Liese und lächelte gelassen, ich

merkte nun erst, daß sie nur meine Eitelkeit beachtet hatte... Sie

drückte mit ihrer vollen weißen Hand den glatten Scheitel noch flacher

an die Schläfe und sprach wieder; mit einmal aber sagte sie, ihre erste

allgemeine Rede wieder aufnehmend:

„Ja, ja!... reich sind auch einige geworden von unsern alten Freunden

und Bekannten... wie ich Dir schon früher erzählt hab’... aber weißt,

die, die durch ihre Arbeit reich sind, die sind noch ganz so gegen

Unsereinen, wie sie früher waren... wenn sie auch Zeit gehabt haben,

dieweil was Rechtes zu lernen, und sich ihre Haare, weiß Gott, wie

hergerichtet haben...“ sie schaute dabei fest auf den Kronleuchter,

„manchmal Reden führen, die sich gescheidter anhören, als es Unsereins

gewöhnt ist, lange Nägel... tragen... so wissen sie doch, was sich

gehört und an was der Mensch alleweil denken soll.“

„Oho, Liese!“ dachte ich, stellte mich aber an, als verstände ich ihre

Worte nur im Allgemeinen.

„Aber die Andern!... ich sag’ Dir, der Tischlerbub’, weißt, dem sein

sparsamer Vater viel Geld hinterlassen hat, und der Kleinholzhändler

von der schmalen Brücke, weißt noch? na Du! der hat den Haupttreffer

gemacht. Heute hat er ihn gemacht, morgen hat er seinen Holzladen

zugesperrt und übermorgen ist er zuerst mit einem Pferd, den nächsten

Tag mit zwei und alle Tage mit einem mehr gefahren, bis er soviel

Pferde vorgespannt gehabt hat, wie Tag’ in der Woche, weißt, und Alle

durcheinander wie in einer Kunstreiterei, so ist er durch alle Gassen

gefahren. Ein Paar Andere sitzen alleweil auf dem Altan vor dem Haus,

das sie geerbt haben, alle zwei haben sie schon Gliederreißen, aber

anschauen lassen sie sich doch draußen, wenn der Wind noch so stark

geht. Ich muß immer lachen, wenn ich aus meiner warmen Kammer gerade

hinüberschau auf die halberfrorenen neuen Hausherren. Solche Leut’

werden noch viel auszustehen haben von dem zufälligen Geld, ich mein’

der Hochmuthsteufel und die Angst, daß sie es wieder verlieren, läßt

sie gar nicht ruhig schlafen. Vielleicht ist es anders. Ich denk’

mir ja allerhand, wenn der Tag lang ist; meine Arbeit braucht keine

besonderen Gedanken mehr, meine Hand geht wie eine Maschine auf und ab,

auf und ab, auf und ab! Da kann ich an Alles denken, was ich gehört

und gesehen hab’ und noch hör... und seh!“...

Liese holte tief Athem, lauschte ein wenig mit geneigtem Kopfe nach dem

Schnürboden zu, denn es war schon der letzte Zwischenakt, da hasteten

die Arbeiter neben uns und es knarrte und ächzte in dem Gebälke noch

lauter. Ohne mich anzublicken wandte sich Liese zu mir und seufzte

leise, das war etwas seltenes bei ihr, und ich bemerkte nun auch, daß

auf ihrem Gesichte eine Verzagtheit und Bekümmerniß lag, die ich von

früher nicht kannte, und wenn sie bis jetzt auch breit und langsam wie

immer gesprochen hatte, so klang doch etwas Fremdartiges, Besorgtes

aus ihrer Rede. Sie schwieg noch eine Weile, aber ganz plötzlich, als

hätte sich die alte Liese im Innersten zusammengenommen, wandte sie

sich zu mir, nahm meine Hand aus meinem Schoße, drückte sie recht warm,

streichelte leicht darüber hin, und dann sagte sie noch langsamer als

sonst:

„An Dich denke ich auch öfter... fürcht’ mich, daß ein Allerseelentag

kommen wird, wo Dir die Geschichte, die sie da unten spielen, zu dumm

ist... und Du magst sie nimmer sehen...“

Auf der Bühne wurde es hinter dem Vorhange schon lebendiger, ein

leises Glockenzeichen rief die Schauspieler für den letzten Akt

zusammen, die Liese stockte ein wenig und schaute hinab auf das

langgezogene Apollogesicht, welches den Vorhang schmückt, dann drückte

sie meine Hand kräftig und wisperte beinahe Wort um Wort:

„Seit ein paar Jahren fürcht’ ich das jedesmal... Ich hab’ Dich nicht

gefragt... aber wenn Du doch kommst, dann freu ich mich... über...

Dich... Ich bitt’ Dich, werd’ Du nicht anders... ich mein, für Dich ist

es gerade so Recht...“

Der letzte Akt hatte eben angefangen, die Liese schaute schnell auf die

Bühne hinab und sprach kein Wort weiter. Sie nahm auch das Gespräch

nicht wieder auf als ich sie heimbegleitete, als wir durch die alten

Straßen gingen, Hand in Hand, wie in vergangenen Tagen. Diesmal lief

ich bis an ihr Hausthor mit, und „Uebers Jahr!“ sagte sie lustig, als

wir Abschied nahmen...

Uebers Jahr!... Der Allerseelentag kommt nun bald, und ich werde

die Liese wiedersehen. Was sie aber sagen würde, wenn es einmal zu

Weihnacht an ihre Thüre pochen thäte, wenn sie aufmachte und der

Briefträger würde ihr ein Büchlein hineinreichen, in welchem zuerst

ihre eigene Geschichte gedruckt zu lesen wäre, und dann alle jene,

welche sie mir so frisch und lebendig wiedererzählt hat, daß ich sie

beinahe ganz so niedergeschrieben habe, die Geschichten jener unserer

Nachbarn, „denen etwas passirt ist“.

Die Liese.

II.

Die ganze Geschichte ist eigentlich sehr mühsam zusammengetragen,

aus Kindererinnerungen hervorgeholt, aus halbvergessenen Erzählungen

herausgehorcht.

Die Liese selbst wußte am wenigsten davon zu sagen, oder wollte sie

nichts wissen?... Meine Mutter erzählte mir erst jüngst wieder, was

sie seinerzeit von der Frau Huber erfahren hatte, aber in ihrer

geheimnißvollen, menschenfreundlichen Wichtigthuerei mochte sich

die Frau, die am meisten davon wußte, wohl auch nur auf Andeutungen

eingelassen haben. Eine alte Magd des „Doktors“, der immer und von

allen mit besonderer Betonung genannt wurde, die wirklich nur zufällig

über meinen Weg lief, konnte von den schweren Tagen, welche ihr Herr

durchmachte, wenn ihm ein Kranker starb, viel sagen. Sie erinnerte

sich ganz genau an die Frau Brauner, an die Mutter der Liese, sie

wußte auch, wann sie gestorben war, und welche trübe Zeit ihr „Herr

Doktor“ nach diesem Todesfall hatte. Die Alte war eine vorsichtige, im

Schweigen geübte Person, sie erzählte nur was sie gesehen und gehört

hatte, wenn die Frau Brauner zu dem Arzt kam wegen ihres Brustübels.

„Wie sie das erste Mal gekommen ist, die Frau Brauner, war sie gerade

vier Wochen verheirathet, und da sagte der Doktor schon: Es steht

schlimm.“

Als sie mir das erzählte, unterbrach sie sich, besann sich eine Weile

wieder und dann sagte sie, bekräftigend mit dem Kopfe nickend:

„Ja, ja, gerad vier Wochen war sie mit dem Brauner verheirathet. Sie

kam dann fast jede Woche, und dabei wurde sie immer schmaler und

weißer, und Thränen hat es da oft gegeben und Seufzer! Du mein Gott!

Angst und bang ist mir geworden hier draußen im Vorzimmer, oder wenn

sie so verweint an mir vorbeigegangen ist. Und der Herr Doktor war

auch recht traurig immer, der hat so viel Mitleid gehabt, er war ein

seelenguter Herr!... Aber helfen hat er nimmer können. „Ich habe sie

zu spät kennen gelernt!“ hat er mir einmal zur Antwort gegeben, als

ich ihn gefragt hab’, ob der schönen lieben Frau denn gar nicht zu

helfen wär’. Besonders bang aber ist ihm worden, als die Aussichten

auf das Kind da waren, freilich hat er stundenlang der weinenden Frau

zugeredet und sie getröstet, aber sie muß selbst gefühlt haben, was

ihr bevorsteht, und die Frau Huber, ihre Nachbarin, war auch voll Sorg’

und Unruh.“

Die alte Magd gedachte noch einer Menge Kleinigkeiten, welche mit dem

Ereignisse zusammenhingen, am meisten aber kränkte sie sich darüber,

daß der „Herr Doktor“ nach Italien, in seine Heimath, zu seiner

Schwester gegangen ist, dort unverheirathet weiter gelebt hat und nur

alle heilige Zeit einmal ein Lebenszeichen schickte. Seit einem Jahre

wußte sie nichts von ihm.

Die Alte ist nun auch schon gestorben. Und der Doktor? Bei wem sollte

ich nachfragen? Eine Art Scheu hielt mich ab, die Liese anzugehen, sie

fragte ich nie nach ihm.

Am eingehendsten sprach der älteste Sohn der Frau Huber einmal mit mir

von der Liese. Er war auf Urlaub daheim, und wir lachten alle viel über

den frischen lustigen Mann, der mit schauspielerhaften Geberden seine

Reden begleitete; die Geschichte von Liese’s Geburt, die erzählte er

mir, die ich so ein halbwüchsiges Mädel war, weniger lustig und auch

so zurückhaltend, als ob er sagen wollte: „Alles kannst und darfst Du

nicht verstehen...“

Er leitete die Ereignisse wie eine Kindergeschichte ein; als ich

später darüber nachdachte, da hörte ich geheime Thränen rieseln und

wortlose Klagen wimmern... Vielleicht habe ich mehr gehört und gesehen,

als sich in Wirklichkeit zugetragen hat, vielleicht weniger... So will

ich denn Alles erzählen, wie ich es hörte, es geschieht damit Keinem

ein Unrecht, aber die Liese bekommt alsdann erst das Buch, wenn ich die

zweite Geschichte, welche ich jetzt niederschreibe, herausgeschnitten

habe...

*

* *

„Freilich sind sie schon fortgeflogen!“

„„Aber es regnet ja, was es nur Platz hat.““

„Da werden’s alle rostig auf der Reis’, gelt?“

„„Was? nachher können’s gar nimmer läuten?““

„Dummer Kerl!“

Den Schluß dieser Ausrufe machte ein Puff, dann erscholl ein

langgezogenes Geheul durch den dämmerigen Dachboden, als aber ein

bleicher, wässeriger Sonnenstrahl drüben schräg über den Kirchthurm

fiel und die plumpen, grauen Steinzierathen beleuchtete, da schoben

sich die Kinderköpfe mit versöhnten Gesichtern schnell zwischen die

Gitter des Dachbodenfensters und starrten hinüber auf den Thurm und

erzählten sich: „Es ist wirklich nichts drinn in der Glockenstube! Die

Glocken sind alle miteinander nach Rom geflogen.“

Fünf Kinder waren es insgesammt, die ihre Schnäbel hinaussteckten, zwei

kleine nette Mädchen mit gelben, sorgsam geordneten Haaren, und drei

braune, zerzauste Buben. Die „weise Frau“, die unten im Erdgeschoß

wohnte, hatte sie je mit einem rothen Ei und einem Stück Osterbrod

versehen und so auf den Dachboden gelockt mit der Andeutung, daß

sie noch eine oder die andere Glocke, welche sich verspätet habe,

davonfliegen sehen könnten. Zuerst freilich hatte sie sich fürsorglich

überzeugt, ob nicht mehr als die struppigen Schädel ihrer Buben durch

das vergitterte Fenster hinaus könnten, und erst als der Kopf des

Jüngsten die Probe überstanden hatte, fuhr sie lustig mit der Hand über

alle anderen Köpfe und sagte:

„Bleibt’s nur da, bis ich Euch hol’!“

Dann ging sie hinaus, hakte das Vorhängschloß ein, drehte den Schlüssel

um, steckte ihn in die Tasche und kletterte wohlgemuth die steilen

Treppen hinab.

Unten im Erdgeschosse des alten Hauses, -- es stand gegenüber der

Kirche und dem Kalvarienberge, welcher die Kirche umgab, -- lag eine

bleiche Frau auf einem sorgfältig geordneten Bette, der Schimmer der

scheidenden Jugend gab dem Antlitz einen rührendweichen Ausdruck, und

wie sie dalag mit den geschlossenen Augen und Lippen, die Hände über

der Brust gefaltet, glich sie eher einer Dahingeschiedenen als einer

jener Duldenden, die ein neues Leben erwarten ...

„So, Ihre Mädeln und meine Buben sind alle miteinander eingesperrt

auf meinem Boden, die werden dreinschauen, wenn’s keine Glocken

davonfliegen sehen da droben, aber dafür hier unten einen kleinen

Kameraden finden.“

Ein schwaches Lächeln der Kranken war die karge Erwiderung. Frau Huber

zog ihre Schürzenbänder fester zusammen, strich mit der Hand über das

Kopfkissen und sagte dann mit vertraulicher Lustigkeit:

„Zu den zwei kleinen Mädeln, von Ihrem Mann seiner ersten seligen Frau,

jetzt so einen kleinen Buben von Ihnen dazu! Was? Das wär’ halt das

Rechte. Der Herr ist soviel auf Reisen -- da hätten Sie ein bisserl

mehr Zerstreutheit -- thäten Ihnen weniger kränken -- na ja! so ein

neugebornes Kind giebt eine Menge Arbeit, da kommen einem gar keine

anderen Gedanken. -- Und wenn man den allergröbsten und grauslichsten

Mann hat, so kommt er Einem höflich und sauber vor, wenn man so

ein kleinbeiniges, rothgesichtlertes Kinderl am Arm hat, zu dem er

der Vater und unsereins die leibeigene Mutter ist. -- Ich weiß das

recht gut, mein gottseliger Mann war auch grad’ kein Engel, aber ein

kreuzbraver Mann war er und darum hab’ ich ihn gut leiden können.“

Jetzt öffnete die Kranke die Augen, und zwar erst als sie hörte, daß

ihr die Sprechende den Rücken zukehrte. Es waren große, schier zu

große, blaue Augen, das Weiße war noch so rein wie es nur bei Kindern

ist, aber die Augen hatten einen scheuen Ausdruck... wie hilfeflehend

irrten sie von der Frau, die am Fenster stand, hinüber zu der Kirche,

dann wieder zu der Thüre und schlossen sich endlich mit ergebungsvoller

Demuth wieder. Frau Huber blickte erwartungsvoll auf das Zifferblatt

der Thurmuhr, dann zog sie eine große, alte, silberne Männeruhr aus

dem Schürzenlatz, verglich beide auf die Minute und ihr lustiges,

freundliches Gesicht wurde immer besorgter. Sie räusperte sich verlegen

und wandte sich um, als ob sie weiterreden wollte, im selben Augenblick

aber rollte lärmend ein Wagen heran und hielt vor dem Fenster jählings

an. Als ob sie die Kranke schützen wollte, so rasch eilte Frau Huber

an das Bett und nahm sie in ihre Arme. So stark die Frau auch war, die

stille Gestalt warf sich doch plötzlich auf den Kissen herum, daß ihr

Häubchen zurückglitt und die dichten blonden Haare bis auf den Gürtel

niederflossen.

Schon stapfte ein schwerer Schritt durch den Vorgang und polterte

durch die Gemächer. Thüren flogen knarrend auf und fielen dröhnend zu,

endlich quikte schon die Klinke an der letzten Stubenthür und auch

diese wäre lärmend aufgestoßen worden, hätte die besorgte Wärterin

sie nicht erfaßt und den vierschrötigen Mann, der pustend eintrat, am

Aermel seines Reisepelzes gepackt. Mit dem Kinn nur wies sie über die

Schulter nach dem Bette und flüsterte:

„Der Fanny geht es nicht gut, Herr Brauner, seit gestern ist es

freilich ein wenig besser und ich glaub’, es wird sich schon machen, --

aber die Nerven halt, und die Brust! Ich habe mir gedacht ich schreibe

Ihnen, es ist gescheidter, Sie sind da, wenn -- aber ich hab’ schon

wieder Muth -- jetzt geht es ihr besser,“ schloß sie beruhigend.

Der Mann schüttelte ungeduldig beide Arme und reckte den Kopf nur nach

der Kranken hin: als er das todtenblasse Gesicht seines Weibes sah,

schob er die flüsternde Frau ungeduldig beiseite, hastete zu dem

Bette, ergriff den regungslosen blonden Kopf und horchte, indem er sein

grobes, unschönes Gesicht nahe an ihre Lippen brachte.

„Fanny! ich bin es, Fanny!“ sagte er gütevoll, „Tag und Nacht bin ich

gefahren, um Dich nicht allein zu lassen, gerade jetzt, weil die Frau

Huber schrieb, daß +schon+ jetzt...“ er schaute sich verwirrt nach

der Pflegerin um und fuhr hastig, wie nachsinnend, mit der umgekehrten

Hand über die geröthete Stirne hin und her. Die Wimpern der Kranken

zuckten, es war, als ob sie die geschwollenen Lider nicht heben könne.

„Ich danke Dir,“ lispelten ihre weißen Lippen, und der schwerfällige

Mann erschrak, daß er zitterte, als sie ihren Mund auf seine behaarte

rauhe Hand preßte; doch als er sein Weib nun zärtlich küßte, da rann

ein Schauer durch ihren ganzen Leib.

„Wo sind denn meine Kinder, Frau Huber?“ fragte Brauner mit unsicherer

Stimme, während er immer auf die unbewegliche Gestalt vor sich

niederschaute.

„Kinder kann man nicht überall brauchen an solchen Tagen, droben im

Dachboden sind’s eingesperrt, da haben Sie den Schlüssel, auf meinem

Boden sind alle beisammen.“

Draußen hatte sich ein Wind erhoben, der leicht an die Scheiben

pochte, und der graue Himmel war übersät mit kleinen rosigen Wolken.

Wie betäubt stieg der Mann die Treppen hinan, immer ließ er seinen

gelbblonden Bart durch die Finger gleiten und murmelte, als ob er

seiner eigenen Unruhe nachfragen wollte und sich nicht zurechtfinden

könne mit etwas Unsichtbarem, Unfaßbarem, das ihn überall anpackte, für

das er keinen Namen hatte:

„Was ist denn geschehen, was geschieht denn in meinem Haus?... Mein

armes Weib!“...

Er öffnete die Bodenthür und setzte sich stumm mitten unter die Kinder

auf einen bestaubten Balken. Sonderbar war es, und doch fiel es ihm in

seinen Sorgen nicht auf, daß seine beiden Mädchen nicht aufjubelten

wie sonst, wenn er von einer weiten Handelsfahrt unerwartet heimkam,

sie kletterten still auf seine Kniee, schlangen die Aermchen um seinen

Hals, schmiegten sich eng an ihn und sagten weinerlich:

„Mama ist krank, kommst Du darum?“

„Ja, Kinder, die Mutter ist recht krank, thut’s beten, damit sie wieder

gesund wird.“

Er lüftete sein dickes grobes Halstuch rasch und legte seinen großen

Kopf auf die flachshaarigen Kinderköpfe, so daß seine Augen nicht zu

sehen waren.

„Ich habe Alles gethan, was ich konnte, um ihr Freud’ zu machen,

und doch war sie nie recht glücklich,“ sagte er insgeheim, „immer

so still und so für sich allein... Ich hab’ sie ja nicht zwingen

können, daß sie mich nimmt... sie war arm und als Mädel gerade keine

von den jüngsten... und eine Waise, ohne Freund und Stütze... Es war

ganz anders... Alles anders wie mir, da die Erste geboren worden

ist, die Selige hat ihre Freude gehabt, schon bei dem Gedanken an

die Zukunft... und ich war ein heller Narr vor Glückseligkeit...“ er

drückte das größere Mädchen fest an sich... „und heut’... heut’ ist die

Frau in so schwerer Noth, und thut dabei, als ob wir gar nicht recht

zusammengehörten!... Nein!... so thut sie nicht, das bild’ ich mir nur

ein!... Warum aber bild’ ich mir das ein? Weil, weil... ei da! weil sie

halt feiner und vornehmer ist in ihrer ganzen Art, als wie meine Selige

war... als ich selber bin... Die große Beamtentochter ist halt doch

was anders als das Kleinbürgerkind, die Selige... Ja, ja, das ist’s,

wir wissen uns alle zwei noch nicht recht ineinander zu schicken...

Nur gesund werden... gesund!... es wird sich schon machen!... Seid nur

brav, Mädeln, macht’s der Mutter keinen Verdruß,“ setzte er laut hinzu,

„denn Ihr habt’s gar eine gute, brave und feine Mutter.“ Dann grübelte

er wieder bei sich weiter:

„Sie ist so eine eigene Person, sie hätt’ mich gewiß nicht geheirathet,

wenn sie mich nicht gern genommen hätte...“

Eine trotzige, laute Kinderstimme schrie plötzlich in seine traurigen

Gedanken hinein.

„Sie sein gar nicht davongeflogen, sie hängen noch drinnen im Thurm,

grad’ wie die Sonn’ untergegangen ist, hab’ ich sie feuerroth

herglänzen gesehen!“

Mit verachtungsvoller Ueberzeugung sagte das der älteste Sohn der

Frau Huber und deutete auf den Kirchthurm, „die Frau Mutter plauscht

allerhand solche Sachen, die gar nicht wahr sind,“ schloß er

naserümpfend.

„Wart, Franzi, das sag’ ich der Frau Mutter, daß Du sagst, sie lügt!“

zeterte der Jüngste ritterlich und versteckte sich, da ihm die früher

empfangenen Püffe noch vorschwebten, schnell hinter dem breiten Rücken

des Herrn Brauner.

Da mit einmal scholl die Charfreitagklapper anstatt der Glocken und

mahnte zum Abendgebet; die Kinder schraken zusammen und horchten hinaus

in die graue Luft auf den fremden, ungewohnten Laut. Sie beteten und

sangen aber nicht mit, wie sonst jedes Jahr, wenn sie mit den andern

Buben hinter der Klapper herliefen von der Kirche ab, von Haus zu Haus

durch die halbe Vorstadt. Deutlich scholl das Lied jetzt herauf, halb

gerufen und halb gesungen von frischen Kinderstimmen:

„Wir ratschen, wir ratschen den englischen Gruß,“

„Den jeder Christ beten muß,“

„Fallt nieder, fallt nieder auf Eure Knie,“

„Bet’ fünf Vaterunser, fünf Avemarie.“

Die Kinder aber sangen das Lied wirklich nicht mit wie sonst; als die

Stimmen schwiegen und die Klapper ertönte, lag es sogar wie Angst auf

den jungen Gesichtern, das hohle, klanglose, eintönige Geräusch schien

gleichsam herauszuwachsen aus der geheimnißvollen Dämmerung, es konnte

nicht mehr voll heraufdringen zu ihnen, der finstere Kirchthurm drüben

sah aus, als ließe er mit seinem Schatten zugleich Schweigen und Ruhe

hingleiten über die Dächer... Weiter und weiter breitete sich der

Schatten aus, kroch hinein bei den vergitterten Bodenluken... schwebte

tiefer und tiefer hinab und hüllte allmälig die Erde ein. Die dunklen

Schornsteine guckten fast drohend in die kleinen Fenster, jene, welche

am fernsten standen, hatten schier menschliche, kampflustige Gestalten

angenommen, das schaute sich aber nur so an, weil es zu regnen begonnen

hatte und das Wasser rastlos, wie ein leichter Schleier, der hoch oben

irgendwo abgewickelt wird, niederrann. Alles das sahen die Kinder nicht

zum ersten Mal, und doch machte es sie diesmal ängstlich, und so kam

es, daß sie näher und näher heranrückten an den schweigenden Mann, sich

knapp neben ihm zusammenhockten, mit verhaltener Stimme ihr Abendgebet

hersagten und alle mit heißer Sehnsucht hinabdachten an die hellen

Stuben und dabei an die kranke Frau.

Unten hatte sich dem äußern Anschein nach wenig verändert, die Lampe

war in der Krankenstube schon längst angezündet, aber ein grüner Schirm

hielt das Licht von dem Bette fern; die Vorhänge und Fensterladen waren

geschlossen, und es war so still in dem Gemache, daß der leiseste

unterdrückte Seufzer der Leidenden hörbar wurde. Frau Huber saß neben

dem Lager und sprach ununterbrochen zu ihrem Schützling, während sie

aber doch ängstlich-gespannt auf das schmale, schattenhafte Gesicht

blickte.

„Nicht einschlafen! -- Soll ich Ihren Mann rufen, Fanny? -- Er ist

schon drüben in meinem Zimmer mit unsern Kindern. Soll ich ihn

herrufen, damit er sein jüngstes Mäderl gleich sieht -- oder -- oder

soll -- soll der Herr Doktor hereinkommen und -- und zuerst sagen,

ob schon wer mit Ihnen reden darf? -- Er wartet schon seit einer

halben Stund’ -- der Herr Doktor -- da draußen im Nebenzimmer --“ Frau

Huber stammelte und rang unter der Schürze die Hände, daß die Finger

knackten, „die Leut’ im Haus werden freilich glauben, ich hab’ zum

ersten Mal im Leben kein Vertrauen auf mich selbst. -- Soll’ns glauben!

-- Ich hab’ denkt, für alle Fäll’ ist ein Mensch in der Näh’, der Einem

eine gewisse Beruhigung giebt.“

Jedes Wort sprach die Frau Huber sehr eindringlich und voll Milde, so

daß eine Art Doppelsinn aus ihren Worten zu hören war, besonders da sie

immer nach der Thüre hinsah. Es gab eine lange Pause -- eine ängstliche

Pause -- und sie machte sich mit dem neugebornen Kinde zu schaffen,

damit sie genauer herabschauen konnte auf das Gesicht der Mutter...,

und als Frau Brauner mit aufleuchtenden, flehenden Augen zu ihr

hinaufsah, rannte sie zu der Thüre und winkte mit beiden Händen hastig

hinaus.

Da wankte ein Mensch gebrochen und kraftlos in die Stube; auf das

junge, schöne Männergesicht hatte verborgen gehaltene Seelenangst einen

Ausdruck larvenhafter Starrheit gelegt, von den Nasenflügeln herab

bis an das Kinnende zog sich etwas, das nicht Furche und nicht Falte

war, sondern in seiner ungreifbaren Steifheit wie hingemalen, wie

angeflogen erschien und doch wieder nicht äußerlich deutlich sichtbar.

Der peinlich genaue Anzug, die regelrecht gebrannten, dunklen Locken,

der duftende, glänzend-schwarze Bart, Alles das sah einer Maskerade

ähnlich, etwa, als ob ein Greis mit morschem Knochengerüste Haut, Haare

und Kleider eines Mannes angezogen hätte, welcher in der Vollkraft des

Lebens ist; nur eine solche Verwandlung, wenn sie denkbar wäre, könnte

ein Wesen schaffen, wie dieser Mann war. Er schleppte sich an das Bett,

wo ihn zwei Augen erwarteten, die allein noch lebendig waren an dem

schönen, feuchtkalten Leibe der Frau.

„Vergebung!“ flehte leise der Doktor, während er ihre Hand in der

seinen hielt und scheinbar auf seine Taschenuhr sah, er zählte leise

und mit bebendem Mund die Pulsschläge, die er nicht mehr fühlte.

„Habe... gebüßt... die einzige... Stunde Glück... in meinem...

Leben...“ rang es sich von ihren weißen Lippen, dann schauerte der

Körper zusammen in scheuer Zurückhaltung, der Blick rückte mühsam

hinüber zu dem kleinen Kinde, die Hände der Frau falteten sich

ruckweise über der Hand des Mannes und die vergehende Gestalt hauchte

nur noch:

„Carl...“

„Fanny!“ stöhnte der Doktor.

Im dunkelsten Winkel der Stube, die Ellenbogen auf einen Stuhl

gestützt, kniete Frau Huber und weinte in ihre Schürze und sprach:

„Herr, vergieb ihr, und lasse sie eingehen in Dein Reich. Amen.“

„Erbarmen!“ ächzte der Doktor mit dem erschütternden Klageruf, den

übergroßes Herzeleid ausstößt, wenn es zur übermenschlichen Allgewalt

in Vedrängniß und Verzweiflung emporfleht.

Keine Antwort...

„Höre mich!“ bat er in gedämpftem Ton, als wollte er die fliehende

Seele festhalten, aber die Frau regte sich nimmer, stumm war ihr Geist

hinübergewandelt in jene endlose Stille, in welche kein sehnsüchtiger

Ruf der Liebe, kein harter Laut des Hasses dringt...

Er stand noch immer ohne seine Haltung zu verändern aufrecht neben dem

Lager. Die eiskalten Hände der Todten lagen schwer auf seiner Hand.

„Was ist’s, Doktor? was ist’s!?“ jubelte Herr Brauner, der mit

freudestrahlendem Gesicht hereingestürmt kam.

Der Angeredete ließ die Hände der Entschlafenen sachte niedergleiten,

wendete sich um, griff wie blind mit einer zwecklosen Geberde vor sich

hin, und sagte dann, während aus dem Schatten um seinen Mund tiefe

Furchen wurden, mit einem fratzenhaft-starren höflichen Lächeln:

„Ein Mädchen.“

„Fanny! mein liebes Fannerl!“ kicherte in weichem Ton, überwältigt,

hingerissen, Herr Brauner und berührte übermüthig-zärtlich und dennoch

schüchtern die Wangen seines Weibes, doch wie von einem Schlage

getroffen flogen die Hände zurück, er schaute Wahrheit-, Hilfeheischend

auf den Arzt, dann wieder in das stille Gesicht der Todten... warf die

Arme in die Luft und fiel nach rückwärts bewußtlos auf die Diele...

*

* *

Das Alles geschah an dem Tage, an welchem die Liese geboren wurde.

„Man hat halt kein Glück mit einem Charfreitagkind,“ hat die Frau Huber

noch oft gesagt, wenn sie Bruchstücke aus der Geburtstag-Geschichte

ihrer Ziehtochter erzählte.

Der einsame Spatz.

Jeden Morgen mit dem Glockenschlage sieben ging er durch den langen Hof

der „blauen Gans“, denn er wohnte im Hinterhause bei einem Kutscher in

einer geräumigen, hellen Kammer.

Er war schon durch Jahre Schreiber bei ein und demselben Advokaten; das

wußten die Nachbarn, aber Keiner konnte unterscheiden, ob der Mann alt

oder jung sei. Er war sich gleichgeblieben dem äußeren Ansehen nach,

seit er sich in der „blauen Gans“ eingemiethet hatte; das blonde Haar

hatte fast dieselbe Farbe wie das bleichblonde Gesicht, seine Augen,

die immer hinter einer goldenen Brille staken, waren weder blau noch

grau, nur auf den Wangen hatte er je eine einzige Furche, wie sie

selten bei einem Menschen zu sehen ist, denn sie zog sich scharf von

dem äußeren Augenwinkel nieder und verlief am Halse in einen feinen

Strich. Diese Furche gab dem Gesicht einen befremdlichen Ausdruck, weil

es sonst ganz glatt und zart in der Farbe war, nur der eine Riß machte

es eben, daß die Leute sein Alter nicht bestimmen konnten.

Der Mann mußte ganz allein auf der Welt stehen, denn nie suchte ihn

Jemand auf, nie that er etwas dazu, sich an irgend eine Menschenseele

anzuschließen, mit dem Glockenschlage sieben ging er am Morgen zu

seiner Thüre hinaus, und wenn es Abends sieben Uhr schlug, hatte er die

Klinke in der Hand und schritt in seine Kammer. Er grüßte und dankte

höflich, und redete an Sonntagen und Feiertagen sogar einige Worte,

wenn er heimkam, jedoch nur mit den Männern... Er saß auch öfter eine

halbe Stunde lang in der Dämmerung vor dem Hausthore bei dem großen

Stein und beobachtete die Kinder, wenn sie spielten oder sangen, an

hohen Feiertagen rauchte er in langsamen Zügen lange an einer Cigarre.

Den Rauch blies er in kleinen Wölkchen von sich, und hüstelte wie ein

junges Mädchen, das heimliche Rauchversuche anstellt.

Sein ganzes Gehaben war bescheiden und still, aber nicht

verschüchtert-demüthig. Ein ernstes „Sichselbstgenügen“ nannte

es der alte Musikant, der oben in dem kleinen Aufbau wohnte. Der

Advokatenschreiber sprach genau nach der Schrift, das wußten auch die

Kinder zu beurtheilen, die ihn darob manchmal gar nicht verstanden.

Mit dem Nachwuchs der „blauen Gans“ redete er noch am meisten, jedoch

nur, wenn die Kinder allein waren und nicht gescholten, geneckt oder

gehätschelt wurden von den Alten. Da saß er neben dem Steine vor dem

Thore, blickte frohsinnig in das Kindergetriebe, sprach in seiner

halblauten Weise zu den Kleinen und streichelte mit seinen weißen,

zarten, faltenlosen Händen ihre erhitzten Gesichter, oder er nahm

ein steifes Taschenbuch heraus, spitzte die Bleifeder und begann zu

zeichnen, und wer ihm über die Achsel guckte, konnte alle Blätter

voll Kinderköpfchen sehen. Wenn er das Buch schloß und einsteckte,

liefen die kleinen Rangen lärmend zusammen, denn sie wußten, daß er

ihnen insgesammt eine tiefe Verbeugung machte und heimkehrte. Wenn er

ihnen den Rücken zuwandte, versuchten sie alle diesen vornehmen Gruß

nachzuahmen, aber die biegsamen Körper purzelten auf die Erde und

krabbelten sich lautlos wieder zusammen, weil sie sich nicht mehr zu

lachen getrauten, seit der Laternenanzünder ihnen seine bekannt rasche

und schwere Hand gezeigt hatte und ihnen vertraulich mittheilte:

„Wer dem „einsamen Spatz“ noch einmal nachmacht und ihn auslacht,

kriegt von mir Schopfbeutler.“

Der „einsame Spatz“... Die Weiber im Hause hatten ihn so getauft, weil

sie sich seinen Namen, Virgilius Stramirisko, nicht merken konnten.

„Hinter dem muß ein rechter Menschenfeind stecken,“ sagte die sehr

lebhafte Frau Dunkel und schielte dem Schreiber nach, als er gemessenen

Schrittes seinem Heim zuging, die Frau Huber aber meinte:

„Ah, bah! Menschenfeind! -- Wer die Kinder und die Viecher gern hat,

ist kein Menschenfeind.“

„Und reden thut er so schön Hochdeutsch wie unser Herr Lehrer,“ machte

die Liese den andern Kindern begreiflich.

Das half aber alles nichts; ob man von ihnen fordern könne, daß sie

einen Namen aussprechen sollen, an dem man sich die Zunge bricht,

frugen die Weiber; „er bleibt der einsame Spatz, denn wo auf Gottes

Erdboden giebt es einen Christenmenschen, den man buchstabiren muß?“

schrie die Frau Dunkel, „nimmt der Nam’ ein End’?“

„Vir-gi-li-us Stra-mir-is-kooo! hat kein End’, was?“

„Einsamer Spatz, halt!“ rief die Hausfrau, und dabei blieb es bis an

sein Lebensende, diese Bezeichnung mochte den Frauen als die passendste

erscheinen für den einsamen Mann, der sich nie um Weibsleute kümmerte.

Das war darum auch ein Köpfezusammenstecken, als er am Ostermontag

Vormittag dem alten Musikanten eine Art Staatsbesuch machte, denn er

hatte sogar seinen schwarzen Frack mit den kurzen Aermeln und langen

Schößen angelegt. Die „blaue Gans“ war in ungewöhnlicher Bewegung, als

nach dem Besuche die beiden Männer die Treppe herabkamen und an den

Fliederbüschen hin- und herwandelten, in ein leises Gespräch vertieft.

Nachdem er einmal einen Nachbarn besucht hatte, wurde ihm schon von

den Uebrigen mehr Aufmerksamkeit bewiesen, selbst die Frauen sagten

nachsichtig:

„Er ist halt nicht gegen alle Leut zuthätig. Wer weiß, was ihm ein

Frauenzimmer angethan hat. Na ja! -- Es giebt genug Nichtsnutzige. Es

kann ihm allerhand passirt sein und darum bleibt er allein.“

Ferner sahen die Frauen plötzlich, daß niemals ein Hut und ein Rock von

ihren Männern am Sonntag so sauber geputzt sei, wie der des Schreibers

an jedem Werktage, daß keines Menschen Haare so glatt gebürstet als

die seinen, daß niemals Stiefel so blank gewichst waren und keines

Mannes Vorhemden und Manschetten so fleckenlos wie die des einsamen

Spatzen seien, und darauf verstanden sich besonders die Waschfrauen,

die ja allzeit das große Wort führten. Kurz, seit dem Besuche bei dem

Musikanten war ein günstiger Umschwung der Meinungen eingetreten, der

sich immer breiter machte, denn sogar die Kinder machten dem Schreiber

ihren besten Knix, seit sie die Großen so milde von ihm reden hörten.

Der alte Musikant, der unter den rüstigen Handwerkern des

abgeschlossenen Kreises, ja noch über die „blaue Gans“ hinaus, der

einzige Vertreter der Kunst war, hatte also doch Recht behalten, als

er in seiner, immer über die Ausdrucksart der Nachbarn erhabenen

Redeweise, ihnen den Einsamen näher zu rücken versuchte.

„Er ist vielleicht ein heimlicher Künstler,“ vollendete der

Laternenanzünder die Erklärung des Musikanten. „Warum malt er alleweil

was in sein Büchel mit dem Bleistift? -- Warum zeigt er’s nicht her?

Weil gewisse Leut’ gewisse Sachen haben, das weiß ich am besten.“

„Du?“ spottete Einer; „bist Du vielleicht beim Laternenanzünden auch

ein heimlicher Künstler?“

„War’s! -- mich hätt’ sollen mein Herr Vater zum Sänger lernen lassen,

ich hab’ eine Stimm’ g’habt, daß der Stall zittert hat, und die

Pferder vor der Schwadron scheu worden sein, wenn ich gesungen hab’!

-- Und was bin ich g’worden? -- Laternenanzünder! Braucht dazu der

Mensch eine schöne Stimm’?“

„Och God! och God! was in dem Mann alles gesteckt ist,“ jammerte seine

runde Frau und rang verzweifelt die Hände.

Er machte eine beruhigende Bewegung nach ihr hin und sagte dann

tröstend: „Aber unser alter Geiger, der ist was, der hat eine

„Crimineser“. Der kann was! Das haben schon gescheidtere Leut’ gesagt,

als wir alle miteinander sind, und der alte Herr wird schon wissen, was

der „einsame Spatz“ inwendig ist.“

Der Laternenanzünder behielt in der That Recht; der alte Musikant wußte

wirklich seit jenem Ostermontag, wie es in der Seele des Schreibers

aussah... Er wußte, daß es gewisse Tage giebt, an welchen gewisse

Menschen aus ihrem Geleise kommen und nichts Klares mit sich anzufangen

wissen. Entweder scheint ihnen da die Sonne zu hell in ihre dunkle

Stimmung, oder der trübe Tag legt sich bleischwer auf ihr Gemüth, oder

der Wind trägt ihnen Töne aus verwehten Zeiten heran und raunt ihnen

zu, was sie vor Jahren genau an diesem Tage und genau zu derselben

Stunde geträumt, gehofft, gefühlt und versäumt haben, und dazwischen

läuten plötzlich die Glocken allerwärts, sogar aus dem versunkenen

Vineta herauf klingen sie und mahnen... mahnen... mahnen...

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Feiertage werden solche Tage genannt, das gewöhnliche, eintönige

Arbeitsleben ist gestaut, wie sollte da der Gewohnheitsmensch nicht

stutzig werden? Und wenn es nun gar Frühling ist und Ostern!... Ach, da

ist ja die ganze Luft erfüllt von einer thörichten, weichen Sehnsucht,

die gewissen Leute athmen sie ein und hauchen sie aus und gehen mit

empfindlich geschärften Sinnen in den Frühling hinein... Erst wenn die

Glocken verstummen und der Tag verblaßt, sind sie wieder so verständig,

wie es sich für zweibeinige Dutzendwaare und für die Werkeltage des

Lebens schickt.

Zum Glück giebt es nicht viele solche gewisse Menschenkinder, die

vielleicht unentstandene Künstler sind, in deren Seelen an solchen

Tagen die Schatten der Schöpfungen spuken, die nicht lebendig werden

durften, die aber dennoch Gewalt haben, wenn die Stunde schlägt,

und den Einsamen zwingen, weit hinaus zu laufen, von den Glocken und

Menschenstimmen weit weg...

Unsere Nachbarn: Neue Skizzen · 第 1 / 9 段