eine _Rothaut_! Meiner Seele, Sie wissen nicht, was verheiratet sein
heißt! Es ist ein wahres Hundeleben, Herr -- ein wahres Hundeleben.
Und wie soll man dabei sparen! -- es ist unmöglich. Ich habe versucht,
einen Brautanzug für alle Gelegenheiten aufzubewahren. Aber es
nützt nichts. Einmal heiraten Sie eine Verbindung von Kaliko und
Schwindsucht, mager wie eine Latte, und das nächstemal kommen Sie an
ein Geschöpf, das nichts als in Kleider gesteckte Wassersucht ist, und
dann können Sie das Brautkleid mit einem alten Luftballon weiter machen
lassen! Ja, so geht es. Und denken Sie nur an die Wäscherechnung --
(entschuldigen Sie diese Thränen) -- neunhundertvierundachtzig Stück
die Woche! Nein, Herr, so etwas wie Sparen giebt es gar nicht in einer
Familie wie die meine. Schon der eine Artikel Wiegen -- stellen Sie
sich nur vor! Und Wurmsamen! Syrup! Zahnringe! Und Taschen-Uhren zum
Spielen für die Kleinen! Und allerhand Sachen, um die Möbel damit zu
zerkratzen! Und Streichhölzchen zum essen, und Glasstücke, um sich
damit zu schneiden. Der Artikel Glas allein würde für den Unterhalt
_Ihrer_ Familie hinreichen, behaupte ich. Da mag ich scharren und
quetschen, wie ich will, ich kann nicht so schnell vorwärts kommen,
wie es bei den mir gebotenen Chancen der Fall sein sollte. Gott sei es
geklagt, zur Zeit, da ich zweiundsiebzig Weiber hier im Hause hatte,
stöhnte ich unter der Last, Tausende von Dollars in zweiundsiebzig
Bettstellen stecken zu müssen, während das Geld hätte auf Zinsen
ausgeliehen werden sollen; so schlug ich denn frischweg den ganzen
Vorrat mit Verlust los und ließ eine Bettstatt zimmern, sieben Fuß lang
und sechsundneunzig Fuß breit. Aber es war ein Mißgriff. Ich konnte
schlechterdings nicht schlafen. Es kam mir vor, als schnarchten alle
zweiundsiebzig Weiber auf einmal. Es war ein betäubender Lärm. Und dann
die Gefahr bei der Sache! Das war noch das schlimmste. Sie zogen alle
den Atem zugleich ein, und da konnte man wahrhaftig sehen, wie die
Wände des Hauses sich nach innen bogen -- dann atmeten sie wieder alle
auf einmal aus, so daß man sehen konnte, wie die Wände sich nach außen
aufblähten und man die Balken knacken und die Schindeln knistern hörte.
Mein Freund, lassen Sie sich von einem alten Manne raten, und laden Sie
sich ja keine starke Familie auf den Hals -- hören Sie, thun Sie's ja
nicht, ich sage es Ihnen. In einer kleinen Familie, und nur in einer
kleinen Familie, werden Sie das Behagen und den inneren Frieden finden,
welche schließlich doch die besten Segnungen sind, die diese Welt uns
zu bieten vermag, und für deren Mangel kein Reichtum, kein Ruhm, keine
Macht und keine Größe uns je Ersatz bieten können. Verlassen Sie sich
darauf, mit zehn bis elf Weibern haben Sie genug -- gehen Sie nie
darüber hinaus.«
Ich hatte zwar ein unbestimmtes Gefühl, als sei dieser Johnson
nicht ganz verläßlich. Und doch war er eine höchst unterhaltende
Persönlichkeit, und ich glaube kaum, daß irgend eine seiner
Mitteilungen aus einer anderweiten Quelle stammen konnte. Er bildete
einen recht angenehmen Gegensatz zu diesen schweigsamen Mormonen.
Sechzehntes Kapitel.
Ich verließ die große Salzseestadt mit ziemlich unklaren Begriffen über
die daselbst herrschenden Zustände, -- manchmal fragte ich mich sogar,
ob überhaupt ein Zustand daselbst herrsche oder nicht. Doch fiel mir zu
meiner wirklichen Erleichterung plötzlich ein, daß wir dort wenigstens
ein paar gewöhnliche Thatsachen erfahren hatten, auf die wir uns
verlassen konnten, so daß unsere zwei Tage doch nicht völlig verloren
waren. Zum Beispiel hatten wir in unbedingter greifbarer Wirklichkeit
erfahren, daß wir uns in einem neubesiedelten Lande befanden. Die hohen
Preise, die man uns für die geringwertigsten Dinge abverlangte, gaben
beredte Kunde von hohen Frachten und erstaunlichen Entfernungen. Im
Osten war zu damaliger Zeit der kleinste Begriff eines Geldstückes ein
Penny, und derselbe bezeichnete die kleinste Menge, die von irgend
etwas käuflich zu haben war. Westlich von Cincinnati war die kleinste
im Umlauf befindliche Scheidemünze das silberne Fünfcentsstück, und
für weniger als fünf Cents konnte man von keinerlei Ware haben.
In Overland City schien das Zehncentsstück die kleinste Münze zu
sein; in der Salzseestadt jedoch gab es anscheinend im Verkehr kein
kleineres Stück als den Viertelsdollar und keine kleinere käufliche
Menge von irgend etwas als im Wert von fünfundzwanzig Cents.[12] Wir
waren gewohnt gewesen, das Fünfcentsstück als den kleinsten Begriff
bei Geldausgaben zu betrachten; in der Salzseestadt dagegen zahlte
man für eine Cigarre einen Viertelsdollar, für eine Thonpfeife einen
Viertelsdollar; ob man einen Pfirsich verlangte, oder ein Licht,
oder eine Zeitung, oder den Barbier, oder einen kleinen heidnischen
Schnaps zum Einreiben der Hühneraugen oder gegen das Magendrücken
oder das Zahnweh -- stets kostete es fünfundzwanzig Cents. Wenn wir
ab und zu in unser Geldsäckchen schauten, kam es uns vor, als ob wir
unser Vermögen in einem wahren Luderleben verschwendeten, ein Blick
in das Verzeichnis unserer Ausgaben bewies uns jedoch sofort, daß
uns kein derartiger Vorwurf traf. Indessen versöhnt man sich leicht
mit großem Geld und hohen Preisen, man hat sie gerne und ist stolz
darauf -- ein Herabsteigen zu kleiner Münze und niederen Preisen
ist schwer zu ertragen und man gewöhnt sich nur langsam daran. Hat
der Durchschnittsmensch einmal einen Monat lang das Minimum von
fünfundzwanzig Cents kennen gelernt, so denkt er nur mit Erröten an
seine verächtlichen Fünfcentsstücke zurück. Wie dunkelrot ich in
dem prächtigen Nevada jedesmal im Gesicht wurde, wenn ich an meine
erste Erfahrung in Geldangelegenheiten dachte, die ich am Salzsee
gemacht hatte! Ein junger Mischling mit einer Gesichtsfarbe wie eine
gelbe Rübe fragte mich, ob er mir die Stiefel putzen solle. Es war
am Salzseehotel am Morgen nach unserer Ankunft. Ich bejahte und er
that es. Dann händigte ich ihm mit der wohlwollenden Miene eines
Menschen, der Reichtum und Glückseligkeit über die leidende Armut
ausgießt, ein silbernes Fünfcentsstück ein. Der Gelbe nahm es mit einem
Ausdruck entgegen, den ich für unterdrückte Rührung hielt, und legte
es ehrerbietig auf die breite Fläche seiner Hand. Dann begann er es
zu betrachten, ungefähr wie ein Naturforscher ein Mückenohr auf dem
weiten Felde seines Mikroskops beschaut. Mehrere Leute aus dem Gebirge,
Fuhrleute, Postkutscher u. s. w. traten heran, gruppierten sich
malerisch um uns und machten sich an die Untersuchung des Geldstückes
mit jener anziehenden Unverfrorenheit, die den kühnen Bahnbrecher der
Kultur kennzeichnet. Jetzt gab mir der Gelbe meinen Fünfer zurück mit
dem Bemerken, er rate mir einen Arzt zu konsultieren, da ich offenbar
an -- Großherzigkeit leide!
[12] ¼ Dollar oder 25 Cents = 1 ℳ 5 ₰.
Das gemeine Gelächter, das daraufhin losbrach! Ich zertrat zwar den
giftigen Wurm auf der Stelle, mußte jedoch die ganze Zeit über vor mich
hin lächeln, während ich ihm den Skalp abzog, denn die Bemerkung war
für solch einen Mischling wirklich gut.
Ja, wir hatten am Salzsee gelernt, von uns hohe Preise fordern zu
lassen, ohne unsern innern Schauder darüber äußerlich zu zeigen --
denn wir hatten lange genug den Ton, in dem sich die Unterhaltung
zwischen Postkutschern, Kondukteuren und Hausknechten und schließlich
auch zwischen den Bewohnern der Salzseestadt bewegte, mit angehört
und aufgefaßt, um sehr wohl zu merken, wie gering diese höheren Wesen
uns ›Auswanderer‹ achteten. Wir gaben daher in unsern Mienen keinen
verräterischen Schauder oder Schrecken kund, denn wir wollten für
Mormonen, Halbindianer, Fuhrleute, Postkutscher oder Banditen von
Mountain Meadow[13] -- kurz für irgend etwas auf der Welt gelten, das
auf den Ebenen von Utah geachtet und bewundert wurde, -- wir schämten
uns dagegen erbärmlich ›Auswanderer‹ zu sein und bedauerten höchlich,
daß wir weiße Hemden anhatten und in Gegenwart von Damen nicht fluchen
konnten ohne wegzublicken.
[13] An diesem Ort wurde ein großer Zug Auswanderer überfallen
und niedergemacht.
Auch in Nevada hatten wir später noch gar manchmal Anlaß, uns mit
Beschämung bewußt zu werden, daß wir ›Auswanderer‹, folglich eine
niederstehende, untergeordnete Klasse von Geschöpfen waren. Wir
Armen! -- da machen sie sich über den Hut lustig, den man trägt;
über den Schnitt eines Rockes, der aus New York stammt; über die
Gewissenhaftigkeit, womit man die Grammatik, und die Unerfahrenheit,
womit man das Fluchen behandelt; über die zum Totlachen drollige
Unkenntnis, die man in Bezug auf Erze, Schachte, Stollen und andere
Gegenstände bekundet, die man noch nie gesehen und die man auch nie
interessant genug gefunden hat, um darüber zu lesen. Und während man
immer über sein trauriges Los nachdenkt, in diese entlegene Gegend,
in dieses einsame Land verbannt zu sein, sehen die Eingeborenen mit
vernichtendem Mitleid auf einen herab, weil man ein ›Auswanderer‹ ist
und nicht eines jener stolzesten, glücklichsten Wesen auf der Welt, ein
›Neunundvierziger‹.[14]
[14] Aus diesem Jahr stammen die Pioniere des Goldlandes.
Das gewohnte Leben in der Postkutsche begann jetzt aufs neue, und gegen
Mitternacht kam es uns bereits fast so vor, als hätten wir unser Nest
zwischen den Postsäcken gar nie verlassen gehabt. Eine Aenderung hatten
wir übrigens getroffen. Wir hatten uns mit Brot, gekochtem Schinken und
hartgesottenen Eiern so reichlich versehen, daß es noch einmal so weit
reichen konnte, als für die sechshundert Meilen, die wir noch vor uns
hatten.
Es gewährte uns während der folgenden Tage ein großes Behagen, von
unserem Hochsitze aus das großartige Panorama von Bergen und Thälern
unter uns zu betrachten, und uns an Schinken und harten Eiern zu laben,
während unser geistiges Wesen abwechselnd in Regenbogen, Gewittern und
unvergleichlichen Sonnenuntergängen schwelgte. Nichts unterstützt den
Eindruck der Landschaft so mächtig, wie Schinken und Eier. Schinken
und Eier und eine großartige Umgegend, während der Wagen mit Windeseile
einen Hang hinunterrollt, eine duftende Pfeife und ein zufriedenes
Herz -- darin besteht das Glück, nach dem die Menschheit all die
Jahrhunderte hindurch gestrebt.
Siebzehntes Kapitel.
Um acht Uhr morgens erreichten wir die Ueberbleibsel und Trümmer
dessen, was einst die wichtige Militärstation Camp Floyd gewesen war,
einige fünfundvierzig oder fünfzig Meilen von der Salzseestadt. Um
vier Uhr nachmittags hatten wir die Entfernung verdoppelt und befanden
uns neunzig bis hundert Meilen von dort. Wir kamen jetzt in den
Bereich einer besonderen Gattung von Wüsten, einer Alkali-Wüste. In
der Vereinigung alles Abschreckenden und Entsetzlichen läßt sie selbst
die Sahara mit ihren Schrecknissen hinter sich. Auf achtundsechzig
Meilen gab es darin nur eine einzige Unterbrechung, -- wenn man ein
in der Mitte dieser Strecke gelegenes Wasserreservoir überhaupt so
nennen kann. Wenn mein Gedächtnis nicht trügt, so gab es keinen Brunnen
oder Quell daselbst, sondern das Wasser wurde mittels Maultier- oder
Ochsengespannen von dem entfernten Rande der Wüste dahin geschafft. Es
befand sich eine Poststation dort, vor der wir gerade mit Sonnenaufgang
nach zwölfstündiger Fahrt eintrafen. Nachts im Schlafe durch eine Wüste
zu fahren, dazu gehörte nicht viel, und dabei hatte man am andern
Morgen die angenehme Vorstellung, in höchst eigener Person wirklich mit
einer Wüste Bekanntschaft gemacht zu haben und von nun an jederzeit in
Gegenwart von Neulingen aus eigener Erfahrung von Wüsten sprechen zu
können. Und nicht minder angenehm war der Gedanke, daß es sich nicht
um irgend eine unbekannte im Hinterland versteckte Wüste, sondern um
die hochberühmte Hauptwüste selbst handelte. Das war alles sehr gut,
sehr behaglich und befriedigend -- aber jetzt sollten wir bei _hellem
Tage_ durch eine Wüste kommen. Das war herrlich, neu, romantisch,
dramatisch abenteuerlich -- _das_ war wirklich des Lebens, des Reisens
wert. Alles sollte ganz genau nach Hause berichtet werden.
[Illustration]
Aber diese Begeisterung, dieser ernstliche Durst nach Abenteuern,
schmolz dahin unter der schwülen Augustsonne und hielt nicht länger vor
als eine Stunde. Eine arme kurze Stunde -- und dann schämten wir uns
bereits, so ›übergeschäumt‹ zu haben. Die Poesie lag ausschließlich im
Vorgefühl -- in der Wirklichkeit fehlte dieselbe gänzlich. Man stelle
sich einen ungeheuren wellenlosen Ozean vor, der erstorben und in ein
Aschenfeld verwandelt ist; man denke sich diese feierlich stille Einöde
mit aschenbestäubten Salbeibüschen bedeckt; man denke sich das leblose
Schweigen und die Einsamkeit, die zu solch einem Orte gehören; man
denke sich dazu eine Kutsche, die wie eine Wanze über diese uferlose
Fläche hinkriecht und dabei wirbelnde Staubwolken emporsendet, als
kröche sie mit Dampf; man stelle sich vor, daß das mühselige Fahren
durch den tiefen Staub mit peinigender Eintönigkeit Stunde um Stunde
fortdauert, während das Ufer scheinbar immer noch nicht näher rücken
will; man denke sich Gespann, Kutscher, Wagen und Reisende so dick
mit Asche bedeckt, daß sie allesamt eine farblose Farbe tragen;
man vergegenwärtige sich die Aschenhäufchen, die sich auf Bart und
Augbrauen setzen, wie Schneeflocken auf Sträucher und Büsche. So nimmt
sich die Wirklichkeit aus.
Die Sonne brennt mit dumpfer, blasenziehender, unbarmherziger Wut
herunter, Schweiß bricht Mensch und Tier aus jeder Pore, aber kaum
eine Spur davon gelangt an die Oberfläche -- er wird aufgesogen, ehe
er dahin kommt. Nicht der leiseste Lufthauch regt sich. Keine einzige
mitleidige Wolke zeigt sich an dem ganzen strahlenden Himmelsgewölbe.
Nach welcher Richtung man auch die leere Fläche, die sich meilenweit
rings in eintöniger Gleichmäßigkeit ausbreitet, durchspähen mag,
nirgends ist ein lebendes Wesen zu erblicken. Kein Laut, kein Seufzer,
kein Flüstern, kein Husch, kein Flügelschlag, keine Stimme eines Vogels
aus der Ferne -- nicht einmal ein Schluchzen von einer der verlorenen
Seelen, die ohne Zweifel diese erstorbene Luft bevölkern, läßt sich
vernehmen. So hebt sich das zeitweilige Schnauben der rastenden
Maultiere und ihr Kauen am Gebiß grell von der schauerlichen Stille ab,
löst aber den Zauber nicht, sondern macht ihn nur drückender und erhöht
noch das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit.
Unter gewaltigem Fluchen, Schmeicheln und Peitschenknallen des
Postillons nahmen die Maultiere von Zeit zu Zeit einen Anlauf und
schleppten die Kutsche ein- bis zweihundert Ellen weit, wobei sie eine
wogende Staubwolke hinter sich aufwühlten, die das Fuhrwerk bis zum
oberen Rande der Räder oder noch höher herauf einhüllte, so daß man
meinte, es schwebe durch einen Nebel. Darauf folgte eine Ruhepause mit
dem üblichen Schnauben und Kauen am Gebiß. Darauf kam wieder ein Anlauf
und sodann abermals eine Ruhepause. So ging es den ganzen Tag fort,
ohne daß die Maultiere getränkt oder gewechselt wurden. Wenigstens ging
es zehn ganze Stunden so fort, was doch wohl in einer Alkaliwüste
für eine Tagesleistung, und zwar für eine recht anständige, gelten
darf. Wir waren von morgens vier bis nachmittags zwei Uhr unterwegs.
Und dabei war es so heiß und so beengend; und unsere Wasserflaschen
waren um die Mitte des Tages so trocken, und wir so durstig! Es war so
stumpf und dumpf und ermattend; und die langweiligen Stunden schlichen
und schleppten sich und hinkten mit so grausamer Bedächtigkeit dahin!
Man bemühte sich, seiner Uhr eine recht lange Zeit zu ungestörtem Gang
zu lassen; und zog man sie dann heraus, so fand man jedesmal, daß sie
die Zeit vertrödelt und nichts Ordentliches voran gebracht hatte! Der
Alkalistaub schnitt einem in die Lippen, peinigte einem die Augen und
fraß sich durch die Nasenschleimhaut, so daß diese unaufhörlich blutete
-- die Romantik verschwand allen Ernstes in weiter Ferne und zurück
blieb von unserer Wüstenfahrt nichts als die nackte Wirklichkeit --
eine durstige, dürre, langweilige, hassenswerte Wirklichkeit. Zehn
Stunden lang je zwei und einviertel Meilen -- das war unsere ganze
Leistung. Es hielt wirklich schwer, einen solchen Schneckengang zu
begreifen, während wir sonst gewohnt gewesen waren, acht und zehn
Meilen in der Stunde zu machen. Als wir die Station an der jenseitigen
Grenze der Wüste erreicht hatten, waren wir zum erstenmal froh, das
Wörterbuch bei der Hand zu haben, weil wir sonst niemals Worte genug
hätten finden können, um unsere Befriedigung darüber auszudrücken.
Um aber die Ermüdung zum Ausdruck zu bringen, welche diese Maultiere
empfanden, nachdem sie uns dreiundzwanzig Meilen weit geschleppt
hatten, dazu würde eine ganze Bibliothek von Wörterbüchern nicht
genügt haben. Und wollten wir gar vollends versuchen, dem Leser eine
Vorstellung von ihrem _Durste_ zu geben -- es wäre gerade, als wollten
wir gediegenes Gold vergolden oder die Lilie weiß bemalen!
Achtzehntes Kapitel.
Am sechzehnten Tage nach unserer Abfahrt von St. Joseph langten wir
morgens am Eingang des Rocky Cañon an, zweihundertfünfzig Stunden
vom Salzsee. In dieser wilden Gegend, weit von allen Wohnplätzen
weißer Menschen, mit Ausnahme der Poststationen, trafen wir auf die
jämmerlichsten Vertreter des Menschengeschlechtes, die mir bis dahin
je zu Gesicht gekommen waren. Ich meine die Goschut-Indianer, die
sich nach allem, was wir von ihnen sahen und in Erfahrung brachten,
höchstens mit den Buschmännern Südafrikas auf eine Linie stellen
lassen. Diejenigen, welche sich an der Straße und auf den Stationen
herumtrieben, waren kleine, magere, ›verhutzelte‹ Geschöpfe; ihre
Gesichtsfarbe ein mattes Schwarz wie gewöhnlich bei den Negern in
Amerika; ihre Gesichter und Hände mit einer Schmutzkruste bedeckt,
die sich Monate, Jahre, ja Menschenalter hindurch je nach dem Alter
des Besitzers aufgehäuft hatte. Sie erschienen als eine schweigsame,
schleichende, heimtückische Sippe, die verstohlen alles beobachtete,
gerade wie alle andern ›edlen roten Männer‹, ohne dabei eine Miene
zu verziehen; stumpfsinnig, stets geduldig und unermüdlich wie alle
andern Indianer; schamlose Bettler -- ist doch der Trieb zum Betteln
dem Indianer nicht minder notwendig, um ihn ›im Gang zu erhalten‹, als
das Pendel der Uhr; hungrig, jederzeit hungrig, obwohl sie nichts
verschmähen, was ein Schwein frißt und dagegen oft etwas essen, was
ein Schwein zurückweist; Jäger, deren Ehrgeiz jedoch nicht über das
Erlegen und Verspeisen von Eselskaninchen, Grillen und Heupferden
und über die Aneignung von Aas hinaus geht, das von Rechts wegen
dem Mäusefalken und dem Cayote gehört; Wilde, die auf die Frage, ob
sie den allgemeinen Glauben der Indianer an einen ›Großen Geist‹
teilen, in eine Art von Rührung geraten, weil sie darunter Branntwein
verstehen. Diese Goschuten sind ein kleines, weit zerstreutes Volk, das
schlechterdings nichts hervorbringt, keine Dörfer und überhaupt keine
feste Stammesgemeinschaft bildet -- ein Volk, dessen einziges Obdach in
einem Lappen besteht, der über einen Busch geworfen wird, um den Schnee
teilweise abzuhalten, und das doch eine der felsigsten, winterlichsten
Einöden bewohnt, die man in irgend einem Teil der Erde finden kann.
Kriegslustig könnte man die Goschuten ungefähr mit demselben Rechte
nennen, wie die Kaninchen, und doch kam es vor, daß sie, nachdem sie
monatelang vom Abfall und Kehricht der Stationen gelebt hatten, in
einer dunkeln Nacht, während niemand Arges vermutete, heranschlichen,
die Gebäude niederbrannten und die herausstürzenden Leute aus dem
Hinterhalt niederschossen. Einmal griffen sie bei Nacht die Postkutsche
an, in der eben ein Distriktsrichter des Territoriums Nevada ganz
allein fuhr, wobei sie mit ihrem ersten Pfeilhagel (darunter auch eine
oder zwei Kugeln) die Vorhänge durchlöcherten, ein oder zwei Pferde
verletzten und den Postillon tödlich verwundeten. Dieser letztere war
aber schneidig und sein Passagier nicht minder. Letzterer schwang
sich auf des Postillons Zuruf auf den Bock und ergriff die Zügel,
und fort flogen sie mitten durch den rasenden Haufen und unter einem
Hagel von Geschossen. Der Postillon war sofort auf den Schuß in die
Kniee gesunken, hielt aber die Zügel noch in den Händen und erklärte,
er hoffe, sie bis zu seiner Ablösung halten zu können. Und als sie
schließlich seiner ermattenden Hand entsanken, legte er seinen Kopf
zwischen die Füße des andern und gab ihm in aller Ruhe Weisung betreffs
des Weges; er könne es wohl noch so lang aushalten, bis sie aus dem
Bereich der Halunken seien, dann wäre die Hauptschwierigkeit vorüber,
und wenn der Richter so und so führe (dabei gab er ihm Weisung betreffs
einzelner schlimmer Wegestrecken, sowie der einzuhaltenden Richtung,)
so würde er die nächste Station ohne Mühe erreichen. Der Richter kam
wirklich dem Feind voraus und fuhr endlich an der Station vor; nun
wußte er, daß die Gefahren für jene Nacht vorüber waren, aber er hatte
keinen Kriegskameraden mehr, um seine Freude zu teilen, denn der
tapfere Rosselenker war tot.
Der Widerwille, den die Goschuten mir einflößten, -- einem Jünger
Coopers und einem Verehrer des Roten Mannes, selbst jener künstlichen
Wilden im ›Letzten der Mohikaner‹, -- veranlaßte mich zu ernsten
Nachforschungen darüber, ob ich vielleicht den roten Mann überschätzt
habe, so lange ich ihn im milden Mondschein der Romantik betrachtete.
Die Enthüllungen, die mir wurden, waren jedenfalls sehr ernüchternder
Art. Es war merkwürdig, wie schnell die Tünche und das Blattgold, die
seine Außenseite bedeckt hatten, verschwunden waren, so daß nur noch
der verräterische, schmutzige, abstoßende Kerl übrig blieb -- und
wie rasch sich die Beweise dafür häuften, daß jeder Indianerstamm,
auf den man stoßen mag, lediglich aus Goschuten besteht, die je nach
Verhältnissen und Umgebung etwas verändert sind -- aber eben doch immer
Goschuten. Sie verdienen Mitleid, die armen Wesen; und ich zolle ihnen
das meinige gerne -- aus der Ferne. In größerer Nähe wird ihnen solches
von niemand zuteil werden.
Neunzehntes Kapitel.
Am siebzehnten Tage kamen wir an den höchsten Berggipfeln, die wir
bis jetzt erblickt hatten, vorüber, und obwohl der Tag sehr heiß war,
folgte demselben eine wirklich kalte Nacht, gegen welche wir uns kaum
mit unsern Decken zu schützen vermochten.
Am neunzehnten Tage begegneten wir auf der Station am Neese River den
Leuten, die an der Telegraphenlinie nach dem Osten arbeiteten, und
gaben eine Depesche an Se. Excellenz Gouverneur Nye zu Carson City auf.
(Entfernung: hundertsechsundfünfzig Meilen.)
[Illustration]
Am selben Tage kamen wir durch die große amerikanische Wüste -- vierzig
denkwürdige Meilen grundlosen Sandes, in den die Wagenräder sechs Zoll
bis einen Fuß tief einsanken. Den größten Teil dieser Strecke legten
wir zu Fuß zurück, indem wir neben dem Wagen hergingen. Es war ein
entsetzliches Ringen mit dem Sand und zugleich mit dem Durste, denn
wir hatten kein Wasser. Von einem Ende dieser Wüste bis zum andern war
die Straße ganz weiß von Ochsen- und Pferdeknochen. Ich könnte fast
ohne Uebertreibung behaupten, daß wir die vierzig Meilen weit Schritt
für Schritt den Fuß auf einen Knochen hätten setzen können. Die ganze
Wüste war _ein_ ungeheurer Friedhof. Und die Hemmketten, Radschuhe
und vermodernden Reste von Fuhrwerken waren fast ebenso dicht gesäet
wie die Knochen. Ich glaube, die Hemmketten, die da vor unsern Augen
verrosteten, hätten in jedem Staat der Union von einer Grenze zur
andern gereicht. Geben uns diese Trümmer nicht ungefähr eine schwache
Vorstellung von den furchtbaren Leiden und Entbehrungen, welche die
frühesten Einwanderer nach Kalifornien zu erdulden hatten?
Am Rand der Wüste liegt der Carson-See, auch ›Carson-Sink‹ genannt,
ein seichter, trübseliger Wasserspiegel von achtzig bis hundert Meilen
Umfang. Der Carsonfluß mündet in denselben, um zu verschwinden --
geheimnisvoll versinkt er im Boden und erblickt nie das Licht der Sonne
wieder -- denn der See hat keinerlei Ausfluß.
Es giebt mehrere Flüsse in Nevada, die dasselbe rätselvolle Geschick
haben. Sie münden in verschiedene Seen oder ›Sinks‹ und werden nicht
mehr gesehen. Der Carson-, Humboldt-, Walter- und Mono-See sind große
Wasserbecken ohne jeden sichtbaren Abfluß. Fortwährend fließt Wasser
hinein, keines sieht man je abfließen, und doch bleiben sie stets eben
voll, ohne abzunehmen oder überzulaufen. Was aus ihrem Ueberfluß wird,
weiß nur der Schöpfer.
Am Westrand der Wüste machten wir einen Augenblick Halt in Ragtown.
Es bestand aus einem einzigen Blockhause und ist auf der Karte nicht
verzeichnet. Dabei fällt mir etwas ein. Gleich nach unserer Abfahrt von
Julesburg, am Platte, saß ich beim Postillon. Dieser fing an: