wenn Sie gern zuhören wollen. Horace Greeley[15] fuhr einstmals auf
dieser Straße. Beim Abgang von Carson City sagte er zum Postillon, Hank
Monk, er habe sich verbindlich gemacht, in Placerville einen Vortrag
zu halten und wünsche dringend, rasch vorwärts zu kommen. Hank Monk
ließ seine Peitsche knallen und fuhr in rasendem Tempo davon. Der Wagen
hüpfte so schrecklich auf und nieder, daß alle Knöpfe an Horacens
Rock absprangen und er schließlich geradezu mit dem Kopf durch die
Wagendecke fuhr. Jetzt rief er Hank Monk zu und bat ihn, doch langsamer
zu thun, er habe es jetzt nicht mehr so eilig als vor einer Weile. Aber
Hank Monk meinte: ›Bleiben Sie nur ruhig sitzen, Horace, ich will Sie
schon beizeiten hinbringen!‹ -- und Sie können darauf wetten, daß er
ihn zu rechter Zeit hinbrachte, das heißt, was noch von ihm übrig war.«
[15] Seinerzeit ein bekannter Politiker.
Einen oder zwei Tage darauf lasen wir an der Straßenkreuzung einen Mann
aus Denver auf, der uns allerlei über die Umgegend und die Goldgruben
von Gregory erzählte. Es schien ein recht unterhaltender Mensch zu
sein, der über die Verhältnisse in Colorado gut Bescheid wußte. Nach
einer Weile begann er:
»Ich kann Ihnen eine wirklich höchst lächerliche Geschichte erzählen.
Horace Greeley fuhr einstmals auf dieser Straße. Beim Abgang von Carson
City sagte er zum Postillon, Hank Monk, er habe sich verbindlich
gemacht, in Placerville einen Vortrag zu halten und wünsche dringend,
rasch vorwärts zu kommen. Hank Monk ließ seine Peitsche knallen und
fuhr in rasendem Tempo davon. Der Wagen hüpfte so schrecklich auf und
nieder, daß alle Knöpfe an Horacens Rock absprangen und er schließlich
geradezu durch die Wagendecke fuhr. Jetzt rief er Hank Monk zu und bat
ihn, doch langsamer zu thun, er habe es jetzt nicht mehr so eilig als
vor einer Weile. Aber Hank Monk meinte: ›Bleiben Sie nur ruhig sitzen,
Horace, ich will Sie schon beizeiten hinbringen!‹ -- und Sie können
darauf wetten, daß er ihn zu rechter Zeit hinbrachte, das heißt, was
noch von ihm übrig war.«
In Fort Bridger nahmen wir ein paar Tage darauf einen
Kavalleriewachtmeister an Bord, einen sehr netten Menschen von
echt soldatischem Wesen. Nirgends auf unserer langen Reise trafen
wir sonst jemand, der uns einen solchen Vorrat an kurzer und guter
Belehrung über militärische Dinge verschafft hätte. Es war ganz
überraschend, in diesen verlassenen Einöden unseres Landes einen Mann
von untergeordnetem Rang zu finden, der mit allem, was für seinen
Lebensberuf zu wissen von Nutzen sein kann, so gründlich vertraut und
dabei so anspruchslosen Wesens war. Volle drei Stunden hörten wir ihm
mit ungemindertem Interesse zu. Schließlich kam er auf das Reisen über
den Kontinent zu sprechen und auf einmal begann er:
»Ich kann Ihnen eine wirklich höchst lächerliche Geschichte erzählen«
-- und erzählte wiederum wörtlich wie oben bis zu den Worten: »was noch
von ihm übrig war.«
Acht Stunden nach unserer Abreise von der Salzseestadt stieg auf einer
Zwischenstation ein Mormonenprediger ein -- ein artiger Mann mit
sanfter Stimme und freundlichem Wesen, zu dem jeder Fremde sich beim
ersten Anblick hingezogen fühlen mußte. Nie kann ich den Ausdruck in
seinen Augen vergessen, als er mit einfachen Worten die Wanderungen und
grausamen Leiden seines Volkes schilderte. Keine Kanzelberedsamkeit
war je so rührend und so schön, als das Bild, das dieser Fremdling
von der Wanderung der ersten Mormonen durch die Prairieen entwarf, wie
sie sich kummervoll nach dem Land ihrer Verbannung durchschlugen und
ihren einsamen Pfad mit Gräbern bezeichneten und mit Thränen benetzten.
Seine Worte ergriffen uns dergestalt, daß wir es alle als Erleichterung
empfanden, als die Unterhaltung in eine heiterere Bahn einlenkte und
man auf die Natureigentümlichkeiten des seltsamen Landes, in dem wir
uns befanden, zu sprechen kam.
Ein Gegenstand nach dem andern wurde in angenehmer Weise erörtert, bis
endlich der Fremde begann:
»Ich kann Ihnen eine wirklich höchst lächerliche Geschichte erzählen«
-- wörtlich wie oben bis zu den Worten: »was noch von ihm übrig war.«
Zehn Meilen hinter Ragtown fanden wir einen armen Wanderer, der
sich zum Sterben niedergelegt hatte. Er war so lange gegangen, als
er es imstande war, allein seine Glieder hatten ihm schließlich den
Dienst versagt. Hunger und Ermüdung hatten ihn überwältigt. Es wäre
unmenschlich gewesen, ihn hier liegen zu lassen. Wir bezahlten für ihn
Fahrgeld bis nach Carson und hoben ihn in den Wagen. Es dauerte eine
kleine Weile, bis er die ersten entschiedenen Lebenszeichen gab, aber
durch Reiben und Einflößen von Branntwein brachten wir ihn zuletzt
einigermaßen zum Bewußtsein. Dann gaben wir ihm ein wenig zu essen, und
nach und nach schien er seine Lage zu begreifen und ein Ausdruck von
Dankbarkeit milderte den starren Blick seiner Augen. Wir machten es ihm
auf dem Postbeutel-Bett so bequem als möglich und richteten ihm aus
unsern Röcken ein Kopfkissen her. Er schien sehr dankbar dafür zu sein.
Dann schaute er uns ins Gesicht und sagte mit schwacher Stimme, in der
etwas wie zarte Rührung bebte:
»Meine Herren, ich weiß nicht, wer Sie sind, aber Sie haben mir das
Leben gerettet; und wenn ich Ihnen dies auch niemals vergelten kann,
so fühle ich doch, daß ich Ihnen wenigstens eine Stunde Ihrer langen
Reise leichter zu machen vermag. Ich nehme an, Sie sind mit dieser
großen Heerstraße nicht bekannt, ich dagegen bin ganz vertraut damit.
In diesem Zusammenhang kann ich Ihnen eine wirklich höchst lächerliche
Geschichte erzählen, wenn Sie sie gerne hören wollen: Horace Greeley --«
Ich unterbrach ihn nachdrücklich mit den Worten: »Fremder Dulder,
fahren Sie fort, wenn Sie es verantworten können. Sie sehen in mir den
traurigen Schatten einer ehemals kraftvollen stolzen Männergestalt. Was
hat mich so weit gebracht? Die Geschichte, die Sie eben auf der Zunge
hatten. Langsam aber sicher hat diese alte langweilige Anekdote mir die
Kräfte ausgesogen, die Gesundheit untergraben, das Leben ausgedörrt.
Haben Sie Mitleid mit meiner Hilflosigkeit. Verschonen Sie mich nur
_damit_ und erzählen Sie mir lieber statt dessen vom jungen George
Washington und seiner kleinen Axt.«
_Wir_ waren gerettet, nicht aber unser Kranker. Bei dem Versuch, die
Anekdote bei sich zu behalten, verfiel er in krampfhafte Zuckungen und
verschied in unsern Armen.
Ich weiß jetzt, daß ich selbst vom stärksten Mann in jener ganzen
Gegend nicht hätte verlangen sollen, was ich diesem bloßen Schatten
eines Menschen zumutete, denn nach siebenjährigem Aufenthalt an der
Küste des Stillen Ozeans weiß ich, daß kein Postillon oder Reisender
auf der Ueberlandroute jemals diese Anekdote verkorkt bei sich behalten
hat, ohne daran zu ersticken. Innerhalb von sechs Jahren reiste ich
dreizehnmal mit der Post über die Gebirgszüge zwischen Nevada und
Kalifornien hin und her und hörte dabei diese nicht umzubringende
Geschichte vierhundertein- oder -zweiundachtzigmal mit an. Ich habe
ein Verzeichnis darüber in meinem Besitz. Die Postillone erzählten
sie stets, die Kondukteure, die Wirte erzählten sie, jeder gerade
einsteigende Passagier erzählte sie, sogar die Chinesen und wilden
Indianer erzählten sie nach. Ich habe es erlebt, daß sie mir ein und
derselbe Postillon an einem Nachmittag zwei- oder dreimal erzählte.
Sie ist mir im Gewande jeder der vielen Sprachen entgegengetreten, die
Babel der Welt vermacht hat, und gewürzt mit den Düften von Whiskey,
Brandy, Bier, Eau de Cologne, Sozodont, Tabak, Knoblauch, Zwiebeln und
Heuschrecken, kurz von allem, was auf der langen Liste aller Dinge,
welche durch Mund und Nase des Menschen eingehen, einen Duft an sich
hat. Nie habe ich eine Geschichte so oft zu riechen bekommen, als
diese, und nie habe ich eine gerochen, die so verschiedenartig roch.
Und dabei war es nicht einmal möglich, sie am Geruch zu erkennen,
weil sie jedesmal, so oft man meinte, man habe ihren Geruch los,
wieder mit einem andern Duft auftrat. Bayard Taylor hat über diese
uralte Geschichte geschrieben, Richardson hat sie veröffentlicht,
desgleichen Jones, Smith, Johnson und Roß Browne und jedes sonstige,
Korrespondenzen liefernde Wesen, das irgend einmal zwischen Julesburg
und S. Francisco den Fuß auf die große Ueberlandroute setzte; ja,
wie man mir sagt, steht sie sogar im Talmud. Ich habe sie in neun
verschiedenen Sprachen gedruckt gelesen; wie es heißt, bedient sich
die Inquisition in Rom derselben, und jetzt vernehme ich mit betrübtem
Herzen, daß sie in Musik gesetzt werden soll. Das halte ich nicht für
erlaubt.
Die Ueberlandpost geht nicht mehr, und das Geschlecht der Postillone
ist ausgestorben. Ich möchte wissen, ob sie diese Urgroßvatergeschichte
ihren Nachfolgern, den Eisenbahnbremsern und Schaffnern, vermacht
haben, und ob diese letzteren den schutzlosen Reisenden noch immer
damit verfolgen, bis er zu der Ueberzeugung gelangt, die wahren
Wunder der Küste des Stillen Ozeans seien nicht in Yosemite und den
Riesenbäumen, sondern in Hank Monk und seinem Abenteuer mit Horace
Greeley zu erblicken.
Und was diese abgedroschene Anekdote noch unausstehlicher macht, das
ist, daß das Abenteuer, das sie verherrlicht, sich niemals zugetragen
hat. Wäre die Geschichte gut, so läge in diesem scheinbaren Mangel
gerade ihr größter Vorzug, denn Schöpferkraft gehört zur Größe; was
hat dagegen derjenige verdient, der mutwillig eine solche platte Mär
verbricht? Wollte ich sagen, was nach meinem Dafürhalten mit ihm
geschehen sollte, man würde es übertrieben finden. Aber was steht im
Propheten Daniel Kapitel 16? Aha! --
Zwanzigstes Kapitel.
Wir näherten uns dem Ende unserer langen Fahrt. Es war der Morgen des
zwanzigsten Tages. Um Mittag sollten wir Nevadas Hauptstadt, Carson
City, erreichen. Wir freuten uns nicht, im Gegenteil, wir waren betrübt
darüber. Es war eine schöne Vergnügungsreise gewesen; Tag für Tag
hatten wir uns mit Wundern gemästet; wir waren an das Leben in der
Postkutsche jetzt völlig gewöhnt und hatten es sehr lieb gewonnen; so
hatte der Gedanke, nun an einem Ruhepunkt angelangt zu sein, und sich
zu einem langweiligen Leben in einem Landstädtchen niederlassen zu
sollen, nichts Anmutendes, im Gegenteil etwas Niederschlagendes.
Augenscheinlich war unsere neue Heimat eine von öden, schneebedeckten
Bergen eingeschlossene Wüste. Pflanzenwuchs war außer dem endlosen
Salbeigebüsch und Fettholzgesträuch nicht vorhanden. Die ganze Natur
hatte einen grauen Anstrich davon. Wir gingen wie ein Pflug tief durch
Alkalistaub, der sich in dichten Wolken erhob und über die Ebene wälzte
wie der Rauch von einem brennenden Hause. Lange Reihen von Frachtwagen,
die ganz in aufsteigende Staubmassen gehüllt waren, erinnerten aus der
Entfernung an Bilder von Prairiebränden. Diese Gespanne mit den dazu
gehörigen Fuhrleuten waren das einzige Leben, das wir erblickten. Im
übrigen waren wir auf unserer Fahrt rings von Einsamkeit, Schweigen
und Oede umgeben. Alle zwanzig Schritt kamen wir an dem Gerippe eines
gefallenen Lasttieres vorüber, dessen staubbedeckte Haut sich straff
über die fleischlosen Rippen spannte. Oft saß ein Rabe gravitätisch auf
dem Schädel oder Hüftknochen und betrachtete sich die vorbeifahrende
Post mit beschaulicher Heiterkeit.
[Illustration]
Allmählich tauchte Carson City in der Ferne auf. Es schmiegte sich an
den Rand einer großen Ebene und war eine genügende Anzahl von Meilen
entfernt, um sich wie ein Haufen weißer Punkte im Schatten einer
finster darauf niederblickenden Kette von Bergen auszunehmen, deren
Gipfel jeder Gemeinschaft mit den Angelegenheiten dieser Erde und jedem
Gedanken an solche weit entrückt schienen. Wir fuhren an, stiegen aus,
und die Post ging weiter.
_Schluß des IV. Bandes._
[Seinen Aufenthalt in Carson und Nevada schildert der Verfasser
im V. Band, betitelt: »_Im Gold- und Silberland_.«]
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ansonsten
wurde die originale Schreibweise beibehalten. Die Darstellung der
Ellipsen wurde vereinheitlicht.