und ebenen Straßen umher und genossen das ebenso seltene als angenehme
Schauspiel einer Stadt von fünfzehntausend Einwohnern, in der sich
weder Bummler noch Betrunkene oder lärmendes Volk bemerkbar machten;
wo an Stelle einer unflätigen Gosse ein klarer Bach durch jede Straße
perlte; wo ein Häuserviertel von netten Gebäuden aus Balkenwerk und an
der Sonne getrockneten Backsteinen auf das andere folgte -- und dazu
anscheinend hinter jedem Hause ein großer reichtragender Obstgarten.
Verzweigungen des Stadtbaches schlängelten sich zwischen den Beeten
und Obstbäumen hin und alles weit und breit trug das Gepräge der
Sauberkeit, der Ordentlichkeit, des Gedeihens und Behagens. Ueberall
ringsum waren Werkstätten, Fabriken und sonstige Gewerbszweige in
Thätigkeit, geschäftige Mienen und regsame Hände zeigten sich dem Auge,
wohin man blickte, und unaufhörlich tönte einem der Klang von Hämmern,
das Summen des Geschäftsverkehrs und das vergnügliche Schnurren von
Rädern aller Art ins Ohr.
Das Wappenbild meines Heimatstaates waren zwei lüderliche Bären, die
sich an einem ausgestochenen Fasse aufrecht hielten und dazu die
passende Bemerkung machten: »Vereint stehen -- (ha, ha!) -- getrennt
fallen wir.« Für den Verfasser dieses Buches war dasselbe stets zu
bildlich. Dagegen war das mormonische Wappenbild leicht zu deuten.
Einfach und anspruchslos, paßte es wie ein Handschuh. Es stellte einen
goldenen Bienenkorb dar, dessen Insassen sämtlich an der Arbeit waren.
Die Stadt liegt am Rande einer ebenen Fläche von der Größe des
Staates Connecticut und schmiegt sich dicht an den Boden unter
einer schrägen Wand mächtiger Berge, die ihre Häupter in den Wolken
verbergen und auf ihren Schultern den ganzen Sommer durch Reste
des Winterschnees tragen. Von einer dieser schwindelnden Höhen auf
zwölf bis fünfzehn Meilen Entfernung gesehen, nimmt sich die große
Salzseestadt immer bescheidener und kleiner aus, bis sie zuletzt an ein
Kinderspielwaren-Dörfchen unter dem Schutze der gewaltigen chinesischen
Mauer erinnert.
[Illustration]
Auf einigen dieser Berge im Südwesten hatte es zwei Wochen lang Tag für
Tag geregnet, ohne daß in der Stadt ein Tropfen gefallen wäre. Und an
heißen Tagen gegen Ende des Frühjahrs und in den ersten Herbstwochen
konnten die Einwohner, wenn sie sich zu Hause genug gefächelt und genug
gebrummt hatten, sich draußen vor der Stadt durch den genußreichen
Anblick eines großartigen Schneesturms im Gebirge Kühlung verschaffen.
Jeden Tag konnten sie sich zu den erwähnten Jahreszeiten aus der Ferne
dieses Vergnügen gönnen, obwohl in der Stadt selbst und der Umgegend
kein Schnee fiel.
Die Salzseestadt war ein gesunder -- ein ganz außerordentlich gesunder
Ort. Es heißt, es sei nur ein einziger Arzt in der Stadt, der
regelmäßig jede Woche wegen Subsistenzlosigkeit zur Verantwortung
gezogen werde. (Im Punkte der Wahrheit erhält man am Salzsee allezeit
gute, reelle Ware und so reichliches Maß und Gewicht, daß man zur
Abwägung ihrer Behauptungen eine Heuwage brauchen könnte.)
Wir hätten gar gern das berühmte Binnenmeer, das ›Tote Meer Amerikas‹,
den Großen Salzsee, besucht, der nur zu Pferde zu erreichen und
siebzehn Meilen von der Stadt entfernt ist, hatten wir doch die ganze
Anfangszeit unsrer Reise hindurch unaufhörlich von ihm geträumt, an ihn
gedacht und nach ihm geschmachtet -- aber jetzt, wo er auf Armslänge
vor uns lag, hatten wir das Interesse für ihn fast gänzlich verloren.
So verschoben wir denn den Ausflug auf den nächsten Tag und damit war
der Plan begraben. Wir speisten in Gesellschaft einiger gastfreien
›Heiden‹ zu Mittag; wir besichtigten die Fundamente des großartigen
Tempels und hatten eine lange Unterredung mit dem geriebenen Yankee
aus Connecticut, dem inzwischen verstorbenen Heber C. Kimball, einem
Heiligen von hohem Ansehen und mächtigen Handelsherrn. Wir sahen
das ›Zehnthaus‹ und das ›Löwenhaus‹ und ich weiß selbst nicht mehr
wie viele sonstige Kirchen und Staatsgebäude verschiedener Art mit
absonderlichen Namen. Wir huschten hierhin und dorthin, genossen jede
Stunde, schnappten sehr viel nützliche Belehrung und unterhaltenden
Unsinn auf und legten uns am Abend befriedigt zur Ruhe.
Am zweiten Tage machten wir die Bekanntschaft des großen
Telegraphenunternehmers, Herrn Street, zu dem wir uns im Schmucke
weißer Hemden begaben, um ihm einen Staatsbesuch abzustatten. Dieser
machte den Eindruck eines ruhigen, freundlichen, behaglichen, würdigen,
gesetzten, alten Herrn von fünfundfünfzig bis sechzig Jahren, dessen
Blick eine ganz eigentümliche Mischung von Sanftmut und Schlauheit
ausdrückte. Er war höchst einfach gekleidet und nahm bei unserem
Eintritt eben einen Strohhut vom Kopfe. Er sprach mit unserem Sekretär
und einigen in unserer Gesellschaft erschienenen Regierungsbeamten
über Utah, die Indianer, Nevada und über allgemeine amerikanische
Angelegenheiten und Fragen. Mir dagegen schenkte er nicht die mindeste
Aufmerksamkeit, obwohl ich verschiedentlich versuchte, ihn über die
Politik der Bundesregierung und seinen hochmütigen Standpunkt gegenüber
dem Kongreß auszuholen. Soviel ich meinte, hatte ich dabei ein paar
Bemerkungen gemacht, die gar nicht übel waren. Allein er schaute sich
bloß von Zeit zu Zeit nach mir um, so wie ich es wohl schon bei einer
freundlichen alten Katze gesehen hatte, die gerne wissen wollte,
welches Kätzchen mit ihrem Schwanz spiele. So versank ich nach und
nach in ein entrüstetes Schweigen, in dem ich bis zum Schlusse heiß
und rot dasaß, während ich ihn in meinem Herzen als einen unwissenden
Wilden verwünschte. Er dagegen kam nicht aus seiner Ruhe. Seine
Unterhaltung mit den andern Herren floß so sanft und friedlich dahin,
wie ein Bächlein, das im Sommer durch die Fluren murmelt. Als wir uns
nach Schluß der Audienz zurückzogen, legte er mir die Hand aufs Haupt
und ließ seine Blicke wie verwundernd auf mich herabstrahlen, indem
er zu meinem Bruder sagte: »Ah -- vermutlich Ihr Kind, -- Knabe oder
Mädchen?«
Vierzehntes Kapitel.
Herr Street widmete sich mit dem größten Eifer seinen
Telegraphenangelegenheiten -- und wenn man bedenkt, daß er seinen Draht
über acht- bis neunhundert Meilen wildzerklüfteten, schneebedeckten,
unbewohnten Gebirgslandes und wasser- und baumloser trübseliger Wüsten
zu führen hatte, so wird man seinen Eifer begreiflich finden. Er konnte
seine Stangen nicht einfach in aller Bequemlichkeit am Wege schneiden,
sondern er mußte sie mit Ochsengespannen durch diese erschöpfenden
Wüsten schleppen lassen -- und dabei war es dort zwei Tagereisen weit
von einer Wasserstelle zur andern. Herrn Streets Kontrakt war etwas
Gewaltiges in jedem Betracht, und doch mußte man, um die Bedeutung der
allgemeinen Bezeichnung ›achthundert Meilen wilden Gebirgslandes und
trostloser Wüsten‹ richtig würdigen zu können, selber an Ort und Stelle
gewesen sein -- Feder und Tinte vermögen dem Leser niemals die ganze
traurige Wirklichkeit vor Augen zu führen. Und schließlich stellte sich
noch eine Schwierigkeit, die Herr S. gar nicht in Rechnung genommen,
als die gewaltigste heraus. Die härteste und schwierigste Hälfte seines
Unternehmens hatte er an Mormonen vergeben, die ganz plötzlich auf
den Gedanken kamen, daß sie wenig oder nichts bei der Sache verdienen
würden, und nun in dem Augenblick, wo ihnen dies klar wurde, in aller
Ruhe ihre Stangen im Gebirge oder in der Wüste liegen ließen, wo
es gerade war, um nach Hause zu fahren und ihre gewohnten Geschäfte
wieder aufzunehmen. Sie hatten zwar mit Herrn S. einen schriftlichen
Vertrag abgeschlossen, allein das focht sie nicht an. Sie meinten, das
wäre ›etwas Verwunderliches‹, wenn ein ›Heide‹ in Utah einen Mormonen
zur Erfüllung eines Vertrages zwingen könnte, bei dem der letztere in
Nachteil käme. Und sie machten sich sehr lustig über die Sache.
»Ich befand mich« -- so erzählte uns Herr S. selbst -- »in großer
Not. Ich war bei schwerer Strafe zur Erfüllung meines Kontraktes
verpflichtet und dies war ein Mißgeschick, das dem Ruin ganz ähnlich
sah. Ich war wie vor den Kopf geschlagen; die Schwierigkeit war eine so
ganz unvorhergesehene, daß ich wirklich nicht mehr weiter wußte.
»Ich bin Geschäftsmann -- ich war nie etwas sonst als Geschäftsmann --
ich kenne _nichts_ als Geschäft -- nun können Sie sich vorstellen, daß
ich wie vom Donner gerührt war, mich in einem Lande zu sehen, wo ein
schriftlicher Kontrakt wertlos war, -- diese Hauptsicherheit, dieser
Notanker, diese unbedingte Notwendigkeit für das Geschäft. Ich verlor
den Mut. Neue Verträge abzuschließen, hatte keinen Wert -- das war
klar. Ich sprach zuerst mit einem hervorragenden Mormonen, dann mit
noch einem. Beide waren voll Teilnahme für mich, wußten jedoch nicht,
wie mir zu helfen sei. Zuletzt meinte ein Heide: ›Gehen Sie zu Brigham
Young! -- diese unbedeutenden Knirpse können Ihnen nichts nützen‹. Ich
hielt nicht viel von dieser Idee, denn wenn das Gesetz mir nicht helfen
konnte, was vermochte dann ein einzelner, der die Gesetze weder zu
geben noch auszuführen hatte? Er mochte ja ein ganz guter Kirchenvater
und Prediger auf seiner Kanzel sein, aber um mit einem ganzen Hundert
widerspenstiger, halbwilder Unterakkordanten fertig zu werden, dazu
brauchte es strengerer Mittel als Religion und moralischen Zuspruch.
Indes, was sollte man machen? Ich dachte, wenn Herr Young auch sonst
nichts könnte, so vermöchte er mir doch wohl irgend einen Rat oder
ein paar wertvolle Winke zu geben, und so ging ich denn geradeswegs
zu ihm und legte ihm die ganze Angelegenheit vor. Er sprach nur ganz
wenig, zeigte aber fortwährend lebhaftes Interesse. Er prüfte sämtliche
Papiere eingehend, und wo er meinte, daß in den Papieren oder in meiner
Darstellung irgend ein Anstand obwalte, ging er zurück, nahm den Faden
auf und verfolgte denselben geduldig, bis er zu einem vernünftigen und
befriedigenden Ergebnis gelangte. Dann nahm er ein Verzeichnis der
Namen der Unternehmer auf. Schließlich sagte er:
»›Herr Street, das ist alles vollkommen klar. Diese Verträge sind
deutlich und gesetzmäßig abgefaßt und gehörig unterzeichnet und
beglaubigt. Diese Leute sind offenbar mit sehenden Augen darauf
eingegangen. Ich finde nirgends einen Fehler oder eine Lücke!‹
»Darauf wandte sich Herr Young an einen Mann, der am andern Ende des
Zimmers wartete, mit den Worten: ›Nehmen Sie dieses Namensverzeichnis
mit zu dem und dem und heißen Sie ihn diese Leute auf die und die
Stunde hierherbestellen.‹ Auf die Minute fanden sie sich ein. Ich
gleichfalls. Young richtete eine Reihe von Fragen an sie, die Antworten
fielen zu meinen Gunsten aus. Darauf sagte er zu ihnen:
»›Ihr habt mit eurem freien Willen und Einverständnis diese Verträge
unterzeichnet und diese Verpflichtungen übernommen?‹
»›Jawohl.‹
»›Dann führt sie buchstäblich aus, und wenn ihr darüber zu Bettlern
werdet! Geht!‹
»Und sie gingen auch wirklich! Sie sitzen jetzt überall draußen in
der Wüste herum und arbeiten wie die Bienen. Und sie sagen kein Wort
mehr. Da ist ein ganzer Pack Gouverneure, Richter und sonstige Beamte,
die man von Washington aus hierher spediert, um den Schein einer
republikanischen Regierungsform zu wahren, -- aber felsenfest steht es,
daß Utah eine absolute Monarchie und Brigham Young der König ist.«
Herr Street war ein solider Mann und ich glaube, was er erzählte.
Einige Jahre nachher lernte ich ihn in S. Francisco genauer kennen.
* * * * *
Unser Aufenthalt in der Salzseestadt dauerte nur zwei Tage und wir
hatten deshalb keine Zeit, die übliche Untersuchung über die Wirkungen
der Vielweiberei anzustellen, und die gebräuchlichsten statistischen
Notizen und Schlüsse zu sammeln, deren es bedarf, um die Aufmerksamkeit
der Nation nochmals auf diese Angelegenheit zu lenken. Ich hatte
die Absicht, es zu thun. Mit dem übersprudelnden Selbstvertrauen
der Jugend brannte ich vor Ungeduld, mich kopfüber in großartige
umwälzende Unternehmungen auf diesem Gebiete zu stürzen, -- bis ich die
mormonischen Frauen gesehen hatte. Da war ich gerührt. Mein Herz war
verständiger als mein Kopf. Es erwärmte sich für diese armen linkischen
und hervorragend häßlichen Geschöpfe; und während ich mich abwandte,
um eine großmütige Thräne zu verbergen, die mir ins Auge getreten war,
sagte ich:
»Nein, der Mann, der eine von ihnen heiratet, übt eine That
christlicher Barmherzigkeit, die den freundlichen Beifall, und nicht
den harten Tadel der Menschheit verdient -- und der Mann, der sechzig
von ihnen heiratet, vollbringt eine That erhabenster Großherzigkeit,
so erhaben, daß die Völker in stummer Verehrung vor ihm das Haupt
entblößen sollten.«
Fünfzehntes Kapitel.
In diesem Lande sind haarsträubende Geschichten von Ermordungen
querköpfiger Heiden ein beliebtes Thema. Ich erinnere mich mit
Vergnügen des gemütlichen Abends, den wir in dem Lokal eines Heiden
verbrachten, wo wir uns bei einer Pfeife erzählen ließen, wie Burton
unter die um Gnade flehenden wehrlosen ›Morisiten‹ hineinsprengte und
sie sämtlich, Männer und Weiber, wie Hunde niederschoß, oder wie Bill
Hickmann, ein Würgengel, D. u. A. totschoß, weil sie eine Schuld gegen
ihn eingeklagt hatten; oder wie Porter Rockwell diese oder jene grause
That verübte; und wie oft Leute so unvorsichtig seien, nach Utah zu
kommen und Bemerkungen über Brigham Young oder die Vielweiberei oder
sonst etwas Heiliges zu machen, und dann die Betreffenden sich fest
darauf verlassen dürften, gleich beim nächsten Morgengrauen irgendwo
in einem Hintergäßchen aufgefunden zu werden, wo sie geduldig auf ihr
Begräbnis harren.
Nächst diesem bietet es das größte Interesse, diesen ›Heiden‹
zuzuhören, wenn sie über die Vielweiberei reden, und sich erzählen zu
lassen, wie so ein dickbäuchiger alter Frosch von einem Aeltesten oder
Bischof ein Mädchen heiratet, -- sie gern hat und ihre Schwester dazu
nimmt, -- sie gern hat und noch eine Schwester von ihr heiratet, --
sie gern hat und eine dritte nimmt -- sie gern hat und deren Mutter
ehelicht und schließlich deren Vater, Groß- und Urgroßvater heiratet
und dann immer noch nicht genug hat. Und wie dann vielleicht das junge
schnippische Ding von elf Jahren sein Lieblingsweib wird, und ihre
würdige alte Großmutter nun in ihres gemeinsamen Eheherrn Wertschätzung
nach ~D~ 4 hinunterrückt und in der Küche schlafen muß. Und wie die
mormonischen Frauen dieses entsetzliche Zusammenpferchen von Mutter und
Töchtern in demselben faulen Neste, die Erhebung einer jungen Tochter
an Rang und Einfluß über ihre leibliche Mutter sich geduldig gefallen
lassen, weil nach den Lehren ihrer Religion je mehr Frauen ein Mann auf
Erden hat und je größer die Zahl der Kinder ist, die er aufzieht, um so
höher der Platz sein soll, den er mit den Seinigen in der zukünftigen
Welt einnehmen werde -- vielleicht auch um so wärmer; doch sprechen sie
sich, wie es scheint, darüber nicht genauer aus.
Nach Aussage dieser unserer heidnischen Freunde enthält Brigham Youngs
Harem zwanzig bis dreißig Weiber. Einige derselben, so sagten sie,
seien alt geworden und aus dem aktiven Dienst getreten, seien aber
ganz gut untergebracht und versorgt im Hühnerhause oder ›Löwenhaus‹,
wie es seltsamerweise bezeichnet wird. Jede Frau habe ihre Kinder bei
sich -- fünfzig im ganzen. Es gehe ganz ordentlich und ruhig im Hause
zu -- wenn die Kinder sich still verhalten. Sie nehmen ihre Mahlzeiten
alle zusammen in demselben Saale ein, was als ein äußerst glückliches
und anheimelndes Bild gerühmt wird. Von unserer Gesellschaft hatte
niemand das Vergnügen, bei Herrn Young zu speisen, aber ein Heide
Namens Johnson erklärte, einmal im Löwenhause an dem gemeinsamen
Frühstück teilgenommen zu haben. Er gab uns eine verrückte Schilderung
von dem ›Verlesen der Präsenzliste‹ und andern Präliminarien und von
dem Blutbad, das angerichtet worden sei, als die Buchweizenkuchen
erschienen. Aber er trug doch etwas zu stark auf. Herr Young habe ihm,
so berichtete er, verschiedene gescheite Aeußerungen von einigen seiner
›Zweijährigen‹ erzählt und dabei mit einigem Stolze hervorgehoben, daß
er in diesem Fache jahrelang der gewichtigste Mitarbeiter für eine der
Zeitschriften des Ostens gewesen; darauf wollte er Herrn Johnson eines
von den Püppchen zeigen, das die letzte hübsche Aeußerung gethan hätte,
er vermochte jedoch das Kind nicht herauszufinden. Er sah sich die
Gesichter sämtlicher Kinder genau an, konnte aber nicht bestimmt sagen,
welches es gewesen war. Endlich gab er es mit einem Seufzer auf und
sagte: »Ich dachte, ich würde das kleine Ferkel wiedererkennen, aber es
ist nichts damit.«
Weiter hätte Herr Young die Bemerkung gemacht, »es sei doch etwas gar
zu Trauriges um das Leben, denn die Freude über einen neu eingegangenen
Ehebund werde einem so leicht in ungelegener Weise durch die
Leichenfeier für eine frühere Braut gestört.«
Sodann erzählte Herr Johnson, während er mit Herrn Young sich ganz
gemütlich unterhalten hätte, sei eine von dessen Frauen hereingekommen
und habe eine Busennadel verlangt; sie hätte nämlich herausgebracht,
daß er der Nr. 6 eine solche gegeben, und _sie_ gedenke ihm eine solche
Parteilichkeit nicht hingehen zu lassen, ohne ganz gehörigen Lärm
darüber zu schlagen. Herr Young machte sie darauf aufmerksam, daß ein
Fremder zugegen sei, worauf Frau Young meinte, wenn dem Fremden nicht
behage, was im Hause vorgehe, so könne er ja draußen Platz finden.
Herr Young versprach ihr die Busennadel, worauf sie sich entfernte.
Aber nach ein paar Minuten erschien schon wieder eine andere Frau
Young, die ebenfalls eine Busennadel haben wollte. Herr Young suchte
ihr Vorstellungen zu machen, allein sie schnitt ihm einfach das Wort
ab. Nr. 6 habe eine bekommen, meinte sie, und der Nr. 11 sei eine
versprochen, er solle es nur aufgeben, sie einschüchtern zu wollen,
-- sie kenne ihre Rechte. Er gab sein Versprechen und sie ging. Nun
kamen gleich drei Frauen Young mit einander herein und ließen einen
Sturm von Thränen, Schmähungen und Bitten auf ihren Eheherrn los. Sie
hatten alles vernommen, was mit Nr. 6, 11 und 14 vorgekommen war.
Drei weitere Busennadeln wurden zugesagt. Kaum waren jene fort, als
neun weitere Ehehälften des Herrn Young auf einmal im Gänsemarsch
anrückten und ein neues Gewitter losbrach und über den Propheten und
seinen Gast hintobte. Neun weitere Busennadeln wurden zugesagt, worauf
die Schicksalsschwestern im Gänsemarsch wieder abzogen. Und herein
kamen nochmals elf mit Heulen, Wehklagen und Zähneknirschen. Mit dem
Versprechen weiterer elf Busennadeln wurde noch einmal der Frieden
erkauft.
[Illustration]
»Da haben Sie eine Probe,« sagte Herr Young. »Sie sehen, wie es
steht. Sie sehen, was für ein Leben ich führe. Man _kann_ eben nicht
immer vernünftig sein. In einem unbedachten Augenblick gab ich meinem
Liebling Nr. 6 -- entschuldigen Sie, daß ich sie so nenne, aber ihr
anderer Name ist mir augenblicklich entfallen -- eine Busennadel.
Sie kostete nicht über fünfundzwanzig Dollars -- d. h. das war der
scheinbare Preis -- aber das, was sie mich schließlich unvermeidlich
kosten wird, beläuft sich weit höher. Sie haben selbst mitangesehen,
wie die Summe bis auf sechshundertfünfzig Dollars angewachsen ist
-- und ach, das ist noch lange nicht das Ende! Ich habe ja Frauen
hier im ganzen Territorium Utah herum. Ich habe Dutzende von Frauen,
deren Nummern ich nicht einmal weiß, ohne in die Familienbibel zu
blicken. Sie sind weit und breit über Berg und Thal in meinem Reiche
zerstreut. Und merken Sie wohl, jede einzelne derselben wird von dieser
unglückseligen Busennadel hören und bis auf die letzte werden sie
sämtlich auch eine haben müssen oder sterben. Die Busennadel meiner
Nr. 6 wird mich auf fünfundzwanzighundert Dollars kommen, ehe ich
das Ende der Geschichte absehe. Und dann werden diese Geschöpfe ihre
Nadeln mit einander vergleichen, und wenn eine einzige um eine Idee
schöner ist als die andern, so werden sie mir sämtlich vor die Füße
gelegt und ich darf eine neue Bestellung machen, wenn ich Frieden in
meiner Familie behalten will. Sie haben es wahrscheinlich nicht gewußt,
aber die ganze Zeit über, so lange Sie mit meinen Kindern zusammen
waren, wurde jede Ihrer Bewegungen von wachsamen Dienern meines
Hauses beobachtet. Hätten Sie einem Kind ein Zehncentsstück angeboten
oder ein Stück Kandiszucker oder sonst eine Kleinigkeit der Art, --
augenblicklich wären Sie zum Hause hinausgeworfen worden, wofern
nämlich die Gabe noch nicht aus Ihren Fingern gewesen wäre. Andernfalls
würde es unvermeidlich für Sie gewesen sein, allen meinen Kindern ganz
genau das gleiche Geschenk zu machen -- und da ich aus Erfahrung weiß,
was davon abhängt, so würde ich bei der Verteilung selbst hingestanden
sein, um mich von der genauesten Ausführung zu überzeugen. Ein Herr
schenkte einmal einem meiner Kinder eine Blechpfeife -- eine wahre
Erfindung des Satans, vor der ich ein unbeschreibliches Grausen
empfinde, wie es Ihnen gewiß auch ginge, wenn Sie achtzig bis neunzig
Kinder im Hause hätten. Aber die That war geschehen -- der Mann
entkam. Ich wußte, wohin die Sache führen würde und dürstete nach
Rache. Ich schickte eine ganze Schar Würgengel hinter ihm her, die den
Mann bis tief in die Felsenklüfte Nevadas jagten. Aber bekommen haben
sie ihn niemals. Ich bin nicht grausam -- ich bin nicht rachsüchtig,
aber wenn ich ihn bekommen hätte, Herr, ich würde ihn, so wahr mir
Joseph Smith[11] helfe, in die Kinderstube eingesperrt haben, bis die
Krappen ihn totgepfiffen hätten! Bei dem hingeschlachteten Leibe des
heiligen Parley Pratt (dem Gott seine Sünden vergebe,) so etwas ist
in der ganzen Welt noch nicht dagewesen! _Ich_ wußte ja, wer dem Kind
die Pfeife gegeben hatte, aber ich konnte die eifersüchtigen Mütter
nicht davon überzeugen. Sie glaubten einmal, _ich_ sei es gewesen,
und das Ende vom Liede war, was jeder vernünftige Mensch längst hatte
voraussehen können: Ich durfte hundertzehn Pfeifen bestellen -- wir
hatten damals nämlich, meine ich, hundertzehn Kinder im Hause, es sind
jetzt aber eine Anzahl davon fort auf der Schule -- hundertzehn solcher
quiekenden Dinger; und ich will auf ewig verstummen, wenn es nicht wahr
ist, daß wir von da an uns solange lediglich mit der Zeichensprache
behelfen mußten, bis die Kinder die Pfeifen satt hatten. Und wenn
wieder jemand einem meiner Kinder eine Pfeife giebt und ich bekomme ihn
zwischen die Finger, den hänge ich höher als Haman!
[11] Dieser Name, sowie andere in Brigham Youngs Gespräch
gehören der mormonischen Geschichte an.
»Bei Nephis Schatten! _Sie_ wissen nicht, was es heißt, verheiratet
sein. Ich bin reich, und jedermann weiß es. Ich bin gutmütig, und alle
Welt benützt das. Ich habe starke väterliche Triebe, deshalb halst man
mir alle Findelkinder auf. Wenn ein weibliches Wesen ihr Herzblättchen
recht gut betten will, so quält sie ihr Hirn ab, bis sie einen Plan
ausgetüftelt hat, um es mir in die Hände zu spielen. Sehen Sie, Herr,
kommt da einstmals ein Weibsbild daher mit einem Kind von eigentümlich
totenbleicher Farbe (sie selber sah gerade so aus) und schwört, das
Kind gehöre mir und sie sei mein Weib -- ich hätte sie zu der und der
Zeit da und da geheiratet, aber ihre Nummer hatte sie vergessen, und
ihres Namens konnte ich mich natürlich nicht erinnern. Nun, sie machte
mich darauf aufmerksam, wie ähnlich mir das Kind sehe, und in der That
schien es auch so -- etwas sehr Gewöhnliches hier zu Lande -- und, um
die Geschichte kurz zu machen, ich steckte das Kind in die Kinderstube
und sie ging ihrer Wege.