reinen Hölle gemacht. Am andern Morgen verhaftete ihn der Sheriff
und brachte ihn vor Gericht, wo er ihm den Verhaftsbefehl vorzulesen
versuchte. Allein Slade, wütend darüber, nahm das Schriftstück, zerriß
es und trat es mit Füßen. Gleichzeitig hörte man an den Revolvern
aller seiner Gefährten die Hähne knacken; so mußte der Sheriff
vorläufig nachgeben und Slade als Herrn der Situation, triumphierend
über Gesetz und Recht, ziehen lassen. Damit war der Krieg erklärt.
Der Sicherheitsausschuß fühlte, daß jetzt bei diesem Anlaß die Frage
zur Entscheidung kommen müsse, ob die gesellschaftliche Ordnung und
die gesetzliebenden Bürger oder Slades dreister Uebermut die Oberhand
behalten sollten. Seinen Tod wollte man noch nicht, nur gezüchtigt und
gebändigt sollte er werden. Ein Mitglied des Ausschusses warnte ihn und
erteilte ihm den Rat, unverzüglich zu Pferde zu steigen und nach Hause
zu reiten. Allein er schlug die Warnung in den Wind. Nun sollte er
abermals verhaftet werden, und da man zu zeigen wünschte, daß im ganzen
Thale eine und dieselbe Anschauung über die Sache herrsche, so wurde
ein Bote nach Nevada geschickt, um die maßgebenden Persönlichkeiten
von den Vorgängen zu unterrichten. Darauf traten die Bergleute in
Masse zusammen, verließen ihre Arbeit und rückten in einer sechshundert
Mann starken Abteilung, sämtlich bis an die Zähne bewaffnet, nach
Virginia hinauf. Der Führer kannte die Erbitterung seiner Leute gegen
Slade und seine Genossen. Er jagte voraus, rief den Ausschuß zusammen
und sagte offen, die Bergleute nehmen die Sache ernst; sich in einem
Straßenkampfe von Slade und dessen Leuten totschießen zu lassen, dazu
hätten sie keine Lust, sie hätten vielmehr vor, denselben zu fassen und
zu hängen. Obwohl der Ausschuß dieses Aeußerste nicht wollte, erklärte
derselbe schließlich doch, er wolle sich dem Willen der Bergleute fügen
und die Sache in deren Hände legen.
Slade befand sich gerade in einem Kaufladen, als die Kolonne
der Bergleute im Geschwindschritt vor denselben rückte. Der
Vollstreckungsbeamte des Ausschusses trat vor und verhaftete Slade mit
der Eröffnung, daß sein Tod beschlossen sei. Dieser war hierüber im
höchsten Maße betroffen; er versank in die tiefste Niedergeschlagenheit
und bat unaufhörlich um sein Leben sowie um die Vergünstigung, seine
Frau sehen zu dürfen, die auf ihrem Rancho am Madisonflusse wohnte. Sie
wurde durch einen Boten benachrichtigt, worauf sie sich ohne Besinnen
aufs Pferd warf, um die zwölf Meilen rauhen Felsbodens, die sie von dem
Gegenstand ihrer heißen Liebe trennten, im Fluge zu durcheilen.
Inzwischen hatte eine Anzahl Freiwilliger die erforderlichen
Vorkehrungen für die Hinrichtung getroffen. In einem Viehhof mit
hohem Thor wurde dieses letztere zu einem Galgen hergerichtet, indem
man den Strick am oberen Querbalken befestigte. Eine Kiste wurde
als Tritt darunter gestellt. Hierher wurde Slade von einer starken
wohlbewaffneten Mannschaft geleitet. Er hatte sich mit Thränen, Gebeten
und Klagen dermaßen erschöpft, daß er kaum imstande war, sich unter
dem verhängnisvollen Balken auf den Füßen zu halten. So bot sich auch
bei ihm das psychologisch so merkwürdige und doch im Charakter des
echten Desperado tief begründete Schauspiel, daß ein Mann, der in den
gefährlichsten Lagen des Lebens jederzeit einen bis zur Tollkühnheit
gehenden Mut bewiesen, angesichts eines der Aufregung des Kampfes
entbehrenden Todes die Fassung völlig verlor. Seine Frau bekam er all
seines Bittens und Flehens ungeachtet nicht mehr zu sehen. Dieselbe
würde jedenfalls den Versuch gemacht haben, ihn mit Hilfe ihrer Freunde
zu befreien, und die Rücksicht auf die damit unvermeidlich verbundenen
blutigen Folgen erlaubte es nicht, seinem Verlangen zu willfahren.
Sobald alles bereit war, erging der Befehl: »Leute, thut eure Pflicht!«
Die Kiste wurde ihm unter den Füßen weggezogen und fast augenblicklich
war der Tod eingetreten.
Nach einer Weile wurde der Leichnam abgeschnitten und in einem
verdunkelten Zimmer des Virginia-Hotels aufgebahrt. Kaum war man
damit zustandegekommen, so kam die unglückliche Lebensgefährtin des
Hingerichteten angesprengt, aber nur um sich zu überzeugen, daß alles
bereits vorüber und sie Witwe geworden.
Zwölftes Kapitel.
Gleich hinter der Frühstücksstation holten wir einen Zug mormonischer
Auswanderer von dreiunddreißig Wagen ein. Müde einherschreitend und
ihre Viehherde vor sich hertreibend, kamen Dutzende grob gekleideter
Männer, Weiber und Kinder mit trübseligen Mienen an uns vorüber, die so
wie heute acht endlose Wochen lang Tag für Tag marschiert waren, um
eine Strecke zurückzulegen, die wir mit der Post in acht Tagen und drei
Stunden durchmessen hatten -- siebenhundertachtundneunzig Meilen. Sie
waren staubüberzogen und ungekämmt, ohne Kopfbedeckung, zerlumpt und
sahen, ach, so müde aus!
[Illustration]
Nach dem Frühstück nahmen wir ein Bad im Horse Creek, einem (voreinst)
klaren, perlenden Bache -- ein sehr schätzenswerter Genuß -- denn es
kam höchst selten vor, daß unsre rasende Kutsche lange genug hielt,
um uns etwas derartiges zu gestatten. Alle vierundzwanzig Stunden
wechselten wir zehn- oder zwölfmal die Pferde -- oder vielmehr die
Maultiere -- und dazu brauchten wir fast immer nur vier Minuten. Da
ging es lebhaft zu. Sobald unsre Kutsche an der Station angerasselt
kam, schritten sechs angeschirrte Maultiere frisch und munter aus dem
Stalle; und fast mit Augenblickesschnelle war der alte Zug aus- und der
neue eingespannt und wir schon wieder auf und davon.
Während des Nachmittags kamen wir an Sweetwater Creek, Independance
Rock, Devils Gate und Devils Gap vorüber. Die letzteren boten eine
wilde, hochromantische und interessante Scenerie -- wir waren jetzt
im Herzen der Felsengebirge. Auch am ›Alkali-‹ oder ›Soda-See‹
kamen wir vorbei; und als der Postillon bemerkte, daß die Mormonen
häufig von der Salzseestadt aus hieher kämen, um Saleratus zu holen,
kam es uns doch recht zum Bewußtsein, daß wir schon ein hübsches
Stückchen Welt durchreist hatten. Erst wenige Tage vorher hätten sie
zwei Wagenladungen reinen Saleratus vom Boden des Sees (dieser lag
trocken) aufgeschaufelt, der nichts koste und den sie zu Hause für
fünfundzwanzig Cents das Pfund verkaufen könnten.
In der Nacht fuhren wir an einer höchst beachtenswerten Merkwürdigkeit
vorüber, von der wir seit einem oder zwei Tagen viel hatten reden
hören und auf die wir sehr begierig waren. Es war dies sozusagen ein
natürlicher Eiskeller. Es war jetzt August und unter Tags glühend
heiß, und doch brauchte man auf einer Station den Boden unter einigen
Felsbrocken am Bergesabhang nur sechs Zoll tief aufzuscharren, um reine
Eisblöcke herauszuschneiden -- hart, festgefroren und kristallklar!
Gegen Morgengrauen gingen wir wieder unter Segel, und während wir
eben bei aufgezogenen Vorhängen unsere Morgenpfeife genossen und den
ersten Schimmer der aufgehenden Sonne betrachteten, wie er an der
langen Reihe von Bergkuppen hinschwebte und Zacke um Zacke, Gipfel
um Gipfel vergoldete, als wenn der unsichtbare Schöpfer Heerschau
über seine Veteranen hielte und diese ihm lächelnd ihren Gruß
entböten, kamen wir in Sicht der Südpaßstadt. Der Gasthofbesitzer,
der Postmeister, der Grobschmied, der Bürgermeister, der Konstabler,
der Stadtmarschall und der ansehnlichste Bürger und Hausbesitzer,
sie allesamt kamen freundlich grüßend heraus und wir wünschten ihnen
guten Tag. Sie erzählten uns einiges von den Indianern und aus dem
Gebirge, und wir berichteten dagegen etwas von den Ebenen. Dann zogen
die Herrschaften sich in ihre einsame Größe zurück, während wir
zwischen den wolkenumhangenen Felszacken weiter aufwärts kletterten.
Die Südpaßstadt bestand aus vier Blockhütten, worunter eine noch
unfertige, und zählte zehn Bürger. Der vornehmste derselben vereinigte
in seiner Person die sämtlichen oben erwähnten Aemter und Titel. Man
denke nur: Gasthofbesitzer, Postmeister, Grobschmied, Bürgermeister,
Konstabler, Stadtmarschall und erster Bürger -- alles zu einer Person
verdichtet und in eine Haut gestopft! Bemis meinte, das sei ein wahrer
~Allen~-Revolver von Würden; sollte der Mann in seiner Eigenschaft
als Postmeister oder als Grobschmied, oder auch am Ende in diesen
beiden Eigenschaften mit Tod abgehen, so wäre das vielleicht für
die Bürgerschaft noch zu ertragen; müßte er dagegen in all seinen
Eigenschaften zugleich sterben, so wäre dies ein ganz entsetzlicher
Verlust für die Gemeinde.
Und so waren wir denn endlich in dem berühmten Südpasse und rollten
lustig über der gemeinen Welt dahin. Wir fuhren auf der höchsten
Stelle der Hauptkette des Felsengebirges, nach der wir Tag und Nacht
geduldig, unablässig emporgeklettert waren, inmitten einer Versammlung
von Bergkönigen, die ihre Häupter zehn-, zwölf-, ja dreizehntausend
Fuß erhoben. Diese Sultane des Gebirges trugen Turbane aus
zusammengeballten Wolkenmassen, die sich bisweilen in einzelne Fetzen
auflösten und zerfranst und zerzaust davonschwebten, ihre langgedehnten
Schatten hinter sich her schleifend, bis sie bald wieder an einem
Felshorn hängen blieben. Sie hüllten dasselbe eine Zeitlang brütend ein
und zogen darauf abermals in Fetzen davon, indem sie die Felsenspitze
mit einer flaumigen Decke blendend weißen Schnees zurückließen. Im
Vorüberschweben hingen diese riesigen Wolkenfetzen tief herab und
fegten dicht über unsern Köpfen hin, so daß die Fransen uns fast das
Gesicht streiften und wir dann allemal uns unwillkürlich versucht
fühlten zurückzufahren.
[Illustration]
Wir rollten lustig weiter und kamen jetzt, auf der eigentlichen Höhe,
an eine Quelle, welche ihr Wasser durch zwei verschiedene Abflüsse
nach entgegengesetzten Richtungen sandte. Wie der Kondukteur erklärte,
ging der eine der beiden vor unsern Augen dahinfließenden Bäche
geradeswegs durch Hunderte, ja Tausende von Meilen wüsten, öden Landes
dem Kalifornischen Busen des Stillen Ozeans zu, während der andere
die Schneegipfel seiner Geburtsstätte verließ, um eine ähnliche noch
mühseligere Reise nach Osten anzutreten. Er plätscherte über die
Abhänge und durch die Schluchten des Gebirges, lief weiter zwischen den
Ufern des Yellowstone und gelangte endlich im Schoße des Missouri und
des Mississippi nach zwei langen Monaten voll von Vergnügen, Abenteuern
und Gefahren bis in den Mexikanischen Golf, um dort am Busen der
tropischen See zur Ruhe zu gehen und die heimischen Schneegipfel auf
ewig zu vergessen.
Ich gab einem Blatt in Gedanken eine Botschaft an die Freunde in der
Heimat und ließ es in den Bach fallen. Allein da ich keine Postmarke
darauf klebte, so ist dasselbe irgendwo unterwegs nicht weiter
befördert worden.
Noch oben auf der Höhe holten wir einen Auswandererzug mit vielen
Wagen, vielen müden Männern und Weibern und vielen maßleidigen Schafen
und Kühen ein. In dem traurig mit Staub überzogenen Reiter, der den
Zug anführte, erkannte ich John * * *. Von allen Menschen auf der Welt
war er der letzte, dem ich auf dem Kamm des Felsengebirges, Tausende
von Meilen fern von der Heimat zu begegnen erwartet hätte. Wir waren
Schulkameraden und Jahre lang warme Freunde gewesen. Ein Knabenstreich
von meiner Seite hatte jedoch die Freundschaft zerrissen und dieselbe
war nicht wieder angeknüpft worden. Der Vorfall, den ich meine, war der
folgende. Ich besuchte manchmal einen Zeitungsredakteur, dessen Zimmer
drei Treppen hoch lag und auf die Straße ging. Eines Tages erhielt
ich von ihm eine Wassermelone, die ich sofort zu verspeisen Anstalt
machte, als ich zufällig aus dem Fenster schaute und John gerade
unter demselben stehen sah. Ein unwiderstehliches Verlangen wandelte
mich an, John die Melone auf den Kopf fallen zu lassen, was ich denn
auch sogleich that. Ich hatte den Schaden davon, denn die Melone ging
entzwei und John verzieh es mir nie, wir brachen unsern Verkehr völlig
ab und kamen auseinander; jetzt, unter solchen Umständen trafen wir uns
wieder.
Wir erkannten uns gleichzeitig und drückten uns die Hände so warm,
als hätte nie eine Erkältung zwischen uns bestanden und wir erwähnten
dieselbe auch mit keiner Silbe. Alle Empfindlichkeiten waren begraben,
und die einfache Thatsache, an dieser einsamen Stelle so ferne der
Heimat ein bekanntes Gesicht anzutreffen, genügte, um uns alles
vergessen zu lassen außer den angenehmen Erinnerungen. Als wir uns
wieder trennen mußten, erklang ein aufrichtiges ›Lebe wohl‹ und
›Gottes Segen mit dir‹ von beiden Seiten.
Manche saure Stunde lang waren wir die langgestreckten Schultern des
Felsengebirges hinaufgeklettert -- jetzt ging es wieder abwärts. Und es
ging in keinem schlechten Tempo.
Wir ließen die schneebedeckten Windriver Berge und das Uinta-Gebirge
hinter uns und jagten weiter, stets durch prächtige Landschaften, aber
auch gelegentlich an langen Reihen von Maultier- und Ochsengerippen
vorüber -- Denkmälern der gewaltigen Auswanderung früherer Tage -- und
da und dort bemerkte man senkrecht in die Erde gesteckte Pfähle und
kleine Steinhaufen, welche, wie der Postillon sagte, die Ruheplätze
wertvollerer Ueberreste bezeichneten. Für ein Grab konnte es keinen
einsameren Platz geben. Hier herrschte der Cayote und der Rabe -- damit
ist die völlig trostlose Einöde genügend bezeichnet. In feuchten,
trüben Nächten strömte von diesen verstreuten Gerippen ein fahles,
gespenstiges Glühlicht aus, so daß die öde Fläche an manchen Stellen
wie von schwachem Mondschein beleuchtet dalag. Diese Erscheinung rührte
von dem in den Knochen enthaltenen Phosphor her. Allein trotz dieser
wissenschaftlichen Erklärung konnte man sich doch eines Schauders nicht
erwehren, wenn man an einem dieser gespenstischen Lichter vorüberkam
und sich vorstellte, daß dasselbe von einem Totenschädel ausging.
Um Mitternacht fing es an zu regnen, wie ich es noch nie in meinem
Leben gesehen habe -- das heißt, ich sah auch diesmal nichts davon,
weil es zu finster war. Wir zogen die Vorhänge fest herunter und
verstopften die Fenster sogar noch mit Kleidungsstücken, aber der
Regen strömte demungeachtet an Dutzend Stellen herein. Da war kein
Entrinnen. Zog man seine Füße aus einem Strom heraus, so geriet man
mit dem Oberkörper in einen andern; und brachte man diesen beiseite,
so traf er einen sonst irgendwo. Strampelte man sich aus den triefend
nassen Decken heraus und setzte sich auf, so mußte man sich einen
Wasserfall ins Genick fließen lassen. Inzwischen irrte unsere Kutsche
über eine Ebene voll gähnender Löcher hin; der Postillon war nämlich
nicht imstande, eine Spanne weit zu sehen und konnte sich nicht auf der
Straße halten; und der Sturm peitschte so unbarmherzig, daß es keine
Möglichkeit gab, die Pferde zum Stillstehen zu bringen. Sobald das
Unwetter etwas nachließ, machte sich der Kondukteur mit einer Laterne
auf, um die Straße zu suchen, und fiel dabei gleich in einen etwa
vierzehn Fuß tiefen Abgrund hinab, wobei ihm seine Laterne nachflog wie
eine Sternschnuppe. Sobald er Boden unter den Füßen hatte, schrie er
wie toll: »Nur nicht daher kommen!« worauf der Postillon, der über den
Abhang blickte, hinter welchem jener verschwunden war, mit beleidigter
Miene versetzte: »Halten mich scheint's für einen verdammten Esel?«
Ueber eine Stunde brauchte der Kondukteur, bis er die Straße
aufgefunden hatte, -- daraus konnten wir entnehmen, wie weit wir uns
verirrt hatten und was uns alles hätte begegnen können. An zwei Stellen
verfolgte er die Spuren unsrer Räder bis hart an den Rand drohender
Gefahr. Ich war immer froh darüber, daß wir in jener Nacht nicht
umkamen.
An unserm zehnten Reisetage morgens setzten wir über den Green River,
einen schönen, breiten, klaren Fluß, in dem wir so tief steckten, daß
das Wasser bis an den oberen Rand unseres Postsackbettes reichte. Wir
mußten auf Vorspannpferde warten, um uns das steile Ufer hinaufziehen
zu lassen. Es war recht kühles Wasser, das uns übrigens nirgends nässer
zu machen vermochte, als wir zuvor schon waren.
Auf der Green River-Station nahmen wir unser Frühstück ein -- warme
Biskuits, frische Antilopensteaks und Kaffee -- die einzige ordentliche
Mahlzeit, die wir zwischen den Vereinigten Staaten und der Salzseestadt
zu kosten bekamen, und die einzige, für die wir wirklich dankbar
waren. Man stelle sich nur die einförmige Abscheulichkeit der dreißig
vorhergehenden vor und man wird es begreifen, daß dies eine einfache
Frühstück nach so vielen Jahren noch wie ein Wartturm in meiner
Erinnerung emporragt.
Um fünf Uhr nachmittags erreichten wir Fort Bridger, hundertsiebzehn
Meilen vom Südpaß und tausendundfünfundzwanzig von St. Joseph entfernt.
Zweiundfünfzig Meilen weiter, in der Nähe des Eingangs zum Echo Cañon,
stießen wir auf sechzig Soldaten der Vereinigten Staaten von Camp
Floyd. Dieselben hatten den Tag vorher auf drei- oder vierhundert
Indianer gefeuert, die sich ihrer Ueberzeugung nach in keiner guten
Absicht zusammengeschart hatten. In dem darauffolgenden Gefechte
waren vier Indianer zu Gefangenen gemacht und der Haupthaufen vier
Meilen weit gejagt, aber niemand getötet worden. Wir wollten zuerst
aussteigen und uns den sechzig Soldaten anschließen; als wir uns jedoch
überlegten, daß die Indianer vierhundert Mann stark seien, beschlossen
wir, weiterzufahren und uns den Rothäuten zuzugesellen.
Der Echo-Cañon[9] hat eine Länge von zwanzig Meilen. Er hatte das
Ansehen einer langen, ebenen, engen Straße, die sich allmählich senkte
und von ungeheuren, senkrecht aufsteigenden, roh gefügten Mauern, an
vielen Stellen vierhundert Fuß hoch und von Türmen wie mittelalterliche
Burgen überragt, eingeschlossen war. Es war die tadelloseste Wegstrecke
im ganzen Gebirge, so daß der Postillon meinte, da wolle er sein
Gespann einmal laufen lassen. Dies that er denn auch; und wenn die
Eilzüge nach dem Stillen Ozean jetzt etwa noch rascher durchsausen, als
wir damals mit unserer Postkutsche, so beneide ich die Passagiere um
ihr Vergnügen. Es war, als ob wir nicht mehr auf Rädern fuhren, sondern
nur noch flögen, und die Postsachen schwebten geradezu frei in der
Luft. Ich bin kein Freund von Uebertreibungen, und wenn ich etwas sage,
so ist es auch so.
[9] Cañons heißen die tiefeingeschnittenen Flußbette der
Felsengebirge.
Indes, die Zeit drängte. Um vier Uhr nachmittags langten wir auf der
Höhe des Big Mountain, fünfzehn Meilen von der Salzseestadt an, während
eben die sinkende Sonne die Welt mit ihren Strahlen verklärte und
sich plötzlich ein wunderbares Panorama von Berggipfeln, das alles
bisher Geschaute übertraf, vor unsern Blicken ausbreitete. Ueber uns
wölbte sich ein glänzender Regenbogen, während wir das erhabene Bild
betrachteten. Selbst der Postillon hielt seine Pferde an, um zu schauen.
Vielleicht eine halbe Stunde später wechselten wir die Pferde und
speisten bei einem mormonischen ›Würgengel‹ zu Abend. ›Würgengel‹ sind,
soviel ich verstand, ›Heilige des jüngsten Tages‹, die von der Kirche
mit der besonderen Aufgabe betraut sind, beständig für das Verschwinden
solcher Bürger zu sorgen, die sich überlästig gemacht haben. Ich hatte
viel von diesen mormonischen Würgengeln und von ihren dunkeln, blutigen
Thaten gehört, so daß ich beim Betreten dieses Hauses auf einen
gehörigen Schauder gefaßt war. Aber, o weh! all unsere Romantik war
sofort verflogen -- wir trafen nichts, als einen lärmenden, gemeinen,
schimpfenden Schurken! Mordgierig genug war er vielleicht wohl, um das
Amt eines Würgers zu versehen, aber wer möchte sich wohl _irgend_ eine
Art von Engel ohne alle Würde und Hoheit vorstellen? Wer wollte sich
einen Engel in unsauberem Hemd und ohne Hosenträger gefallen lassen?
Und wer könnte einem Engel Ehrfurcht zollen, der wiehert, statt zu
lachen, und aufschneidet wie ein Bukanier?
Noch mehr solcher Schufte waren da -- Kameraden des ersteren; außerdem
auch ein anständig aussehender, großer wohlgewachsener junger Mann von
vielleicht dreißig Jahren. Eine Schar schlampiger Weiber trippelte
eilig mit Kaffeekannen, Tellern voll Brot und sonstigem Zubehör zum
Abendessen hin und her, und das sollten die Frauen des Engels sein,
oder wenigstens einige derselben. Und natürlich war es so; denn
wären sie gemietete ›Aushilfen‹ gewesen, sie hätten sich dieses über
sie Hineinwettern und Fluchen von dem himmlischen Engel gewiß nicht
gefallen lassen.
Dies war die erste Bekanntschaft, die wir mit der ›eigentümlichen
Einrichtung‹ des Westens -- wie der Mormonenstaat diplomatisch
bezeichnet wird -- machten, und dieselbe war nicht gerade einnehmender
Art. Wir hielten uns mit deren Beobachtung auch nicht weiter auf,
sondern eilten weiter, der Heimat der ›Heiligen des jüngsten
Tages‹,[10] der Burg des Propheten, der Hauptstadt des einzigen
absoluten Alleinherrschers in Amerika -- der Großen Salzseestadt, zu.
Da die Nacht hereinbrach, so nahmen wir Herberge im Salzseehotel und
packten unsere Sachen aus.
[10] ›Heilige des jüngsten Tages‹ -- ein Beiname der Mormonen.
Dreizehntes Kapitel.
Unser Abendessen war sehr schmackhaft und bestand aus ganz frischem
Fleisch, Geflügel und Gemüse -- in großer Mannigfaltigkeit und ebenso
großer Fülle. Später spazierten wir ein wenig durch die Straßen und
blickten in Läden und Magazine, und dabei konnten wir es nicht lassen,
ein jedes Geschöpf, das uns wie ein Mormone vorkam, verstohlenerweise
zu mustern. Das Land war für uns in jeder Richtung ein Märchenland
voll von Zauberspuk, Kobolden und schauerlichen Geheimnissen. Wir
waren so neugierig, daß wir gerne ein jedes Kind gefragt hätten, wie
viele Mütter es habe und ob es sie alle einzeln kenne; und so oft
wir im Vorübergehen durch eine zufällig geöffnete Hausthür etwas von
menschlichen Köpfen, Rücken und Schultern zu erspähen vermochten,
bebten wir förmlich vor Erregung -- so sehr brannten wir darauf, eine
Mormonenfamilie in ihrer ganzen umfassenden Reichhaltigkeit, geordnet
nach den üblichen konzentrischen Ringen ihres häuslichen Kreises,
einmal ordentlich und gründlich in Augenschein nehmen zu dürfen.
Bald darauf führte uns der Gouverneur des Territoriums bei andern
›Heiden‹ ein, mit denen wir eine gemütliche Stunde verbrachten.
›Heiden‹ sind nämlich alle Nicht-Mormonen. Unser Reisegefährte Bemis
sorgte während dieser Abendstunden selbst für sich, hatte jedoch
damit gerade keinen großartigen Erfolg; denn gegen elf Uhr erschien
er auf unserem Zimmer im Gasthof in ungeheuer heiterer Stimmung,
die sich in allerhand unzusammenhängenden, verrenkten und nicht zu
einander passenden Reden äußerte, wobei er alle Augenblicke einmal ein
Bruchstück von einem Wort herauswürgte, das mehr aus Schluchzern als
aus Silben bestand. Dies zusammen mit dem Umstand, daß er seinen Rock
am Fußboden neben einem Stuhle, seine Weste ebenfalls am Fußboden, nur
auf der andern Seite aufhängte und seine Hosen nicht minder auf die
Dielen vor eben jenem Stuhle hinlegte, um dann das Gesamtergebnis mit
abergläubischer Scheu zu betrachten und schließlich mit den Worten:
»das geht mir doch über den Verstand«, samt den Stiefeln ins Bett
stieg, brachte uns auf die Befürchtung, er möchte etwas gegessen haben,
was ihm nicht bekommen sei.
Später stellte sich jedoch heraus, daß es etwas gewesen war, was
er getrunken hatte. Es war der ausschließliche Erfrischungstrank
der Mormonen, ›Valley Tan‹. Valley Tan, oder wenigstens eine Sorte
desselben, ist eine Art Whiskey oder nächstverwandt mit diesem; er ist
eine Erfindung der Mormonen und wird nur in Utah hergestellt. Der Sage
zufolge wird er aus (importiertem) Feuer und Schwefel bereitet. Wenn
ich mich recht erinnere, so gestattete Brigham Young keine öffentlichen
Trinkhäuser in seinem Reiche, und erlaubte den Gläubigen auch keine
Privatkneipereien, außer sie beschränkten sich auf Valley Tan.