Fahrt befanden wir uns in den Schwarzen Bergen, wo -- scheinbar dicht
neben uns -- der Laramie Peak in gewaltiger Einsamkeit aufstieg;
in tiefem dunklem vollem Indigoblau starrte uns der alte Koloß
unter den seine Stirn umschattenden Gewitterwolken hervor mächtig
entgegen. In Wirklichkeit war er dreißig oder vierzig Meilen weit
weg, aber es schien, als stünde er nur ein kleines Stück hinter dem
niedrigen Höhenzug zu unserer Rechten. Das Frühstück nahmen wir an
der Horseshoe-Station ein, sechshundertsechsundsiebzig Meilen von
St. Joseph entfernt. Wir waren jetzt auf feindliches Indianergebiet
gekommen und fuhren am Nachmittag an der Laparelle-Station vorbei, in
deren Nähe es uns fortwährend recht unbehaglich zu Mute war; wußten
wir doch, daß oft hinter einem der Bäume, an denen wir auf Armeslänge
vorüberfuhren, ein oder zwei Indianer auf der Lauer standen. Gerade
die Nacht vorher hatte ein Wilder aus dem Hinterhalt dem Ponyreiter
eine Kugel durch die Jacke gejagt; dieser war aber trotzdem ganz ruhig
weiter geritten, denn ein Ponyreiter darf sich mit der Untersuchung
eines derartigen Vorkommnisses nur in dem Fall aufhalten, daß er
totgeschossen wird. So lange er noch lebendig genug war, hatte er am
Pferde festzukleben und weiter zu reiten. Vielleicht zweieinhalb
Stunden vor unserer Ankunft an der Laparelle-Station hatte der dortige
Wirt viermal auf einen Indianer gefeuert, allein dieser sei, fügte
er mit gekränkter Miene hinzu, »so flink herumgetanzt, daß er ihm
alles verdorben habe -- und dabei sei die Munition so verteufelt
rar.« Offenbar wollte er durch diese Ausdrucksweise andeuten, der
Indianer habe sich mit seinem ›Herumtanzen‹ einen unerlaubten Vorteil
verschafft. Unser Postwagen hatte -- als Andenken an seine letzte Fahrt
durch diese Gegend -- im Vorderteil ein allerliebstes Loch. Die Kugel,
von der es herrührte, hatte den Postillon gestreift, allein dieser
machte sich nicht viel daraus. Er meinte, die richtige Gegend, um einen
›dickköpfig‹ zu machen, sei die südliche Ueberlandroute gewesen durch
das Apachengebiet, ehe die Gesellschaft die Linie weiter nach Norden
verlegt habe. Die Apachen hätten ihm die ganze Zeit da unten keine Ruhe
gelassen, so daß er nahe daran gewesen sei, mitten im Ueberfluß Hungers
zu sterben, denn sie hätten ihn mit Kugeln durchlöchert wie ein Sieb,
so daß er »seine Nahrung nicht mehr habe bei sich behalten können« --
eine Schilderung, die keinen ausnahmslosen Glauben fand.
[Illustration]
In dieser ersten Nacht auf feindlichem Indianergebiet zogen wir die
Vorhänge möglichst dicht zu und legten uns auf unsere Waffen. Manchmal
schliefen wir auf denselben ein, meist aber lagen wir bloß darauf.
Wir sprachen nicht viel, sondern hielten uns still und lauschten. Es
war eine rabenschwarze, zeitweise regnerische Nacht. Wir steckten
dermaßen zwischen lauter Wäldern, Felsen, Hügeln und Abgründen drin,
daß wir beim Hinausschielen durch einen Schlitz in einem der Vorhänge
schlechterdings nichts zu unterscheiden vermochten. Postillon und
Kondukteur saßen ebenfalls stumm auf ihrem Bock oder sprachen höchstens
in langen Zwischenräumen und mit gedämpfter Stimme, wie man zu thun
pflegt, wenn man sich von unsichtbarer Gefahr umgeben weiß. Wir
hörten dem Regen, der auf das Wagendach herabtropfte, dem Knirschen
der Räder in dem kotigen Kies und dem dumpfen Heulen des Windes zu,
und dabei wurden wir die ganze Zeit über die unsinnige Vorstellung
nicht los, die mit einer nächtlichen Fahrt in dichtverhängtem Fuhrwerk
stets untrennbar verbunden ist, daß wir nämlich unverrückt auf der
Stelle stehen blieben trotz allem Stoßen und Schaukeln des Wagens,
dem Trappeln der Pferde und dem Knarren der Räder. Lange horchten wir
mit Anspannung aller Sinne und mit zurückgehaltenem Atem; wollte dann
einer von uns erlahmen und mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung
ein paar Worte reden, so stieß gewiß einer der Gefährten plötzlich ein
›Horcht!‹ hervor, worauf der Betreffende augenblicklich wieder starr
dasaß und horchte. So schleppten sich die Minuten und Viertelstunden in
ermüdendem Gange hin, bis zuletzt unsere angespannten Glieder von einer
dumpfen Betäubung ergriffen wurden und wir einschliefen -- woferne
man unsern Zustand mit diesem starken Ausdruck bezeichnen darf; denn
es war ein Schlaf mit dem Finger am Drücker der Pistole; ein Schlaf,
in welchem die Fetzen und Bruchstücke unheimlicher ängstlicher Träume
durcheinander wirbelten -- das reinste Chaos. Plötzlich wurden Träume
und Schlaf samt der düsteren nächtlichen Stille durch einen lauten
Knall verscheucht, dem ein langer wilder Todesschrei folgte! Dann
hörten wir nur zehn Schritt weit vom Wagen rufen:
»Hilfe! Hilfe! Hilfe!« Es war die Stimme des Postillons.
»Schlagt ihn tot, schlagt ihn tot wie einen Hund!«
»Man will mich umbringen! Leiht mir denn niemand ein Pistol?«
»Seht euch vor! Wehrt ihn ab, wehrt ihn ab!«
Dann zwei Pistolenschüsse; Stimmengewirr und ein Getrappel, wie wenn
sich eine Menschenmenge um etwas drängt; mehrere schwere dumpfe Schläge
wie mit einer Keule; dann eine flehende Stimme: »Lassen Sie mich,
meine Herren, ach, lassen Sie mich -- ich bin ja schon tot!« Nun ein
schwächeres Stöhnen und noch ein Schlag, und fort jagte die Post in die
finstere Nacht hinein und ließ das gräßliche Geheimnis hinter uns.
Was für ein Schreck das war! Kaum acht Sekunden, vielleicht nur fünf,
hatte der ganze Auftritt in Anspruch genommen. Wir hatten nur Zeit,
an einen der Vorhänge zu stürzen und ihn in ungeschickter, verwirrter
Hast teilweise loszuschnallen und aufzuknüpfen, als ein scharfer
Peitschenknall über unsern Köpfen erklang und wir mit Donnergepolter
einen Berggrat hinabrollten. Die ganze Nacht vollends lebten wir von
diesem Geheimnis -- sie ging übrigens bereits rasch ihrem Ende zu.
Ein Geheimnis mußte es vorerst noch bleiben, denn alles, was wir vom
Kondukteur als Antwort auf unsere Zurufe bekommen konnten, klang durch
das Klappern der Räder hindurch ungefähr wie: »Erzähl' es Ihnen morgen
früh!«
So steckten wir denn unsere Pfeifen an, stellten in einer Ecke oben am
Vorhang eine Abzugsöffnung für den Rauch her und ein jeder erzählte
dann, während wir im Finstern dalagen, wie es ihm zu Mute gewesen,
wie viele Indianer seiner ersten Vorstellung nach auf uns losgestürzt
seien, welcher darauffolgenden Laute er sich erinnern könne und wie
dieselben der Zeit nach auf einander gekommen seien. Wir schmiedeten
auch Hypothesen, doch waren wir nicht imstande, eine aufzutreiben, die
es uns erklärt hätte, daß wir unsern Postillon abseits vom Wagen hatten
sprechen hören, und daß die indianischen Mordgesellen ein so gutes
Englisch gesprochen hatten, vorausgesetzt, daß es überhaupt Indianer
gewesen.
So schwatzten und rauchten wir den Rest der Nacht vollends gemütlich
durch; unsere ahnungsvolle Aengstlichkeit war nämlich auf einmal ganz
merkwürdig verflogen, seit wir einen wirklichen Anlaß zum Schrecken
hatten.
Einen völlig befriedigenden Aufschluß über den geheimnisvollen
Vorgang erhielten wir niemals. Alles, was wir uns aus den
stückweisen, abgerissenen Mitteilungen, die wir am Morgen erhaschten,
zusammenzureimen vermochten, war, daß der Auflauf an einer Station
stattfand, wo die Postillone wechselten, und daß der abgehende
Postillon über irgend einen der Galgenvögel, die die dortige Gegend
unsicher machten, (wie unser Kondukteur meinte, gab es nämlich dort
herum keinen einzigen Menschen, auf dessen Kopf nicht ein Preis gesetzt
gewesen wäre und der sich in den Ansiedelungen hätte sehen lassen
dürfen) sich rücksichtslos geäußert hatte.
»Er hatte sein Maul gehen lassen über diese Kerle und hätte deshalb
beim Anfahren das Pistol mit gespanntem Hahn neben sich hinlegen sollen
und zuerst anfangen zu schießen; denn das mußte ja jeder Schafskopf
wissen, daß sie ihm auflauern würden.«
Dies war alles, was wir herausbekommen konnten, und wir sahen wohl,
daß weder der Postillon noch der Kondukteur viel Aufhebens von der
Sache machten. Offenbar hatten sie keine große Achtung vor jemand,
der sich beleidigend über die Leute äußerte und dann einfältig genug
war, ihnen unter die Augen zu treten, ohne ›zur Vertretung seiner
Meinung‹ bereit zu sein -- mit diesem zarten Ausdruck bezeichneten sie
das Niederschießen jedes beliebigen Nebenmenschen, dem jene Meinung
nicht behagte. Und desgleichen flößte ihnen der Unverstand des Mannes,
der es wagen konnte, den Grimm solcher Bestien wie dieser Auswurf
der Gesellschaft, zu reizen, offenbar Geringschätzung ein, und der
Kondukteur setzte zum Schluß noch hinzu:
»Ich sage Ihnen, das heißt ja sich gerade so viel getrauen, wie wenn er
_Slade_ selber wäre.«
Diese Bemerkung gab meiner Neugier eine völlig neue Richtung. Ich
kümmerte mich nicht mehr um die Indianer und hatte selbst für den
ermordeten Postillon kein Interesse mehr. Eine solche Zauberkraft lag
in dem Namen Slade! Tag und Nacht war ich von nun an stets bereit,
jeden Gesprächsgegenstand ohne weiteres fallen zu lassen, um einem
neuen Bericht über Slade und seine furchtbaren Thaten zu lauschen.
Schon vor unserer Ankunft in Overland City hatten wir von Slade und
seiner Abteilung (er war nämlich Abteilungsagent der Ueberlandpost)
vernommen, und seit unserer Abfahrt von dort drehte sich die
Unterhaltung unserer Postillone und Kondukteure nur noch ausschließlich
um dreierlei: Kalifornien, die Silbergruben in Nevada und diesen
verzweifelten Gesellen Slade. Und dabei nahm dieser letztere den
breitesten Raum ein. Wir waren allmählich zu der unerschütterlichen
Ueberzeugung gelangt, daß Slade ein Mensch war, der Herz, Hände,
ja seine ganze Seele in das Blut eines jeden tauchte, der seinem
Selbstbewußtsein zu nahe trat; ein Mensch, der für Beleidigungen,
Kränkungen, Schmähungen oder Geringschätzung irgend welcher Art
furchtbare Rache nahm -- wenn möglich auf der Stelle, aber auch nach
Jahr und Tag erst, falls es sich nicht früher schicken wollte; ein
Mensch, dem der Haß Tag und Nacht keine Ruhe ließ, bis er seine Rache
gesättigt hatte -- und zwar genügte ihm dazu nur eines: des Feindes
unbedingter Tod -- nichts Geringeres; ein Mensch, dessen Züge in
schrecklicher Freude aufleuchteten, wenn er einen Feind überraschte und
sich im Vorteil demselben gegenüber befand. Ein hoher und tüchtiger
Angestellter der Ueberlandpost, selbst zum Auswurf der Gesellschaft
gehörig und trotzdem die unbarmherzige Geißel dieses Gesindels, war
Slade zugleich der blutigste, gefährlichste und wertvollste Bürger, den
die wilden Felsennester des Gebirges beherbergten.
Zehntes Kapitel.
Bereits seit dem Tage vor unserem Eintreffen in Julesburg hatten sich
gewiß und wahrhaftig zwei Drittel dessen, was Kutscher und Kondukteur
sprachen, mit Slade beschäftigt. Um nun dem Leser ein deutliches
Bild von einem ›Desperado‹ des Felsengebirges auf der höchsten Stufe
seiner Entwickelung zu verschaffen, will ich die ganze Masse von
Geschichten, die bei der Ueberlandpost über denselben im Umlauf sind,
im Nachstehenden zu einer zusammenhängenden Erzählung zusammenfassen:
Slade stammte aus Illinois, von achtbaren Eltern. Mit ungefähr
sechsundzwanzig Jahren erschlug er jemand im Streite und floh aus dem
Land. In St. Joseph im Staat Missouri schloß er sich einem der ersten
Auswandererzüge nach Kalifornien an und wurde mit dessen Führung
betraut. Eines Tages bekam er auf der Prairie einen heftigen Zank
mit einem seiner Fuhrleute und beide zogen den Revolver heraus. Der
Fuhrmann war jedoch der flinkere Künstler und hatte den Hahn an seiner
Waffe zuerst gespannt. Deshalb meinte Slade, es sei doch nicht der Mühe
wert, einander wegen einer solchen Kleinigkeit die Hälse zu brechen und
schlug vor, die Pistolen wegzuwerfen und den Streit mit den Fäusten
auszumachen. Arglos ging der Fuhrmann darauf ein und ließ seine Pistole
fallen, -- worauf ihn Slade unter höhnischem Lachen über seine Einfalt
einfach über den Haufen schoß!
[Illustration]
Er machte sich daraufhin flüchtig und führte eine Zeit lang ein
wildes Leben, das er zur Hälfte mit Indianerkämpfen und zur andern
Hälfte mit dem Bestreben zubrachte, einem Gerichtsbeamten des Staates
Illinois auszuweichen, der behufs seiner Festnahme wegen seiner ersten
Mordthat gegen ihn ausgesandt worden war. Damals soll er in einem
Kampfe mit Indianern drei Wilde mit eigener Hand getötet und nachher
deren abgeschnittene Ohren dem Häuptling des Stammes mit seinen Grüßen
überschickt haben.
Bald stand Slade allenthalben im Rufe furchtloser Entschlossenheit,
und dieses Verdienst war hinreichend, um ihm die wichtige Stelle eines
Abteilungsagenten bei der Ueberlandpost in Julesburg als Nachfolger
eines gewissen Jules zu verschaffen, der seine Entlassung erhielt.
Kurz zuvor war es häufig vorgekommen, daß der Gesellschaft Pferde
gestohlen und Kutschen aufgehalten wurden und zwar durch Banden
flüchtiger Verbrecher, denen der Gedanke, es könnte jemand so tollkühn
sein wollen, derlei Missethaten zu ahnden, stets nur ein höhnisches
Lachen entlockte. Slade ahndete dieselben unverzüglich. Das Gesindel
hatte bald herausgefunden, daß Slade ein Mann war, der sich vor nichts
fürchtete, was da atmete. Wer sich gegen Gesetz und Ordnung verging,
mit dem machte er kurzen Prozeß. Das Ergebnis war, daß kein Aufenthalt
bei den Postfahrten mehr vorkam, daß das Eigentum der Gesellschaft
unangetastet blieb und daß Slades Kutschen stets ohne Störung
rechtzeitig eintrafen, einerlei, was dabei vorkam und wer dabei Schaden
hatte! Allerdings, um diese heilsame Veränderung zuwege zu bringen,
mußte Slade ein paar Menschen aus der Welt schaffen -- die einen
behaupten drei, andere vier, wieder andere sechs -- aber das war ein
Verlust, bei dem die Welt nur gewann.
Die erste erhebliche Schwierigkeit hatte er mit dem Ex-Agenten Jules,
der selbst im Rufe eines gewissenlosen, verzweifelten Menschen
stand. Derselbe hatte auf Slade, der ihn um seine Stelle gebracht,
einen tödlichen Haß geworfen und wartete nur auf eine schickliche
Gelegenheit, um sich an diesem zu reiben. Endlich lauerte er ihm hinter
einer Ladenthür auf und jagte ihm einen Flintenschuß in den Unterleib,
allein Slade brachte ihn durch ein paar wohlgezielte Schüsse aus seinem
historischen Revolver gleichfalls zu Fall. Jules, der zuerst wieder
genas, zog sich ins Gebirge zurück, um dort in Sicherheit Kräfte für
den Tag der endgültigen Abrechnung zu sammeln. Nach Jahr und Tag
gelang es Slades Myrmidonen, Jules in einem seiner Felsenschlupfwinkel
aufzutreiben und gefesselt seinem Todfeind in die Hände zu liefern, der
ihn mit teuflischem Behagen langsam abschlachtete.
Inzwischen war Slade, nachdem die Gesellschaft sich überzeugt, daß
seine energische Verwaltung auf einer der schlimmsten Strecken ihrer
Route Frieden und Ordnung wiederhergestellt hatte, an die Rocky Ridge
Division im Felsengebirge versetzt worden; man wollte sehen, ob er
imstande sein würde, hier ein kleines Wunderwerk zu verrichten.
Diese Strecke war nämlich das reinste Paradies der Gesetzverächter
und Desperados. Hier bestand auch nicht der leiseste Schatten von
Gesetz und Recht. Gewalt war an der Tagesordnung, Stärke die einzige
anerkannte Macht. Die allergewöhnlichsten Mißverständnisse wurden
auf der Stelle mit Pistole und Messer ausgemacht. Mordthaten kamen
am hellen Tage und zwar recht häufig vor, ohne daß es einem Menschen
einfiel, sich darum zu kümmern. Man ging davon aus, daß die Leute, wenn
sie einander umbringen, ihre eigenen guten Gründe dazu haben; eine
Einmischung Dritter in die Sache würde als Taktlosigkeit erschienen
sein. Alles, was die Etikette von Rocky Ridge vom Augenzeugen einer
Mordthat verlangte, war, daß derselbe dem Herrn Mörder sein Opfer
begraben half -- andernfalls würde man seiner Ungefälligkeit beim
ersten Anlaß gedacht haben, wo er selber jemand umgebracht hatte und
nachbarlichen Beistand zu dessen Beerdigung bedurfte.
In aller Ruhe und Gemütlichkeit schlug Slade seinen Wohnsitz inmitten
dieses Bienenstockes von Pferdedieben und Banditen auf, und gleich das
allererstemal, wo einer derselben sein unverschämtes Maul in seiner
Gegenwart laufen ließ, schoß er ihn nieder. Er begann eine Razzia
gegen das gesetzlose Gesindel, und in merkwürdig kurzer Zeit hatte er
den Beraubungen des Eigentums der Gesellschaft Einhalt gethan, eine
große Zahl gestohlener Pferde zurückerobert, mehrere der schlimmsten
Desperados der Gegend aus der Welt geschafft und sich bei den übrigen
ein so furchtbares Ansehen errungen, daß sie Achtung, Bewunderung,
Furcht für ihn empfanden und ihm Gehorsam leisteten. Er brachte
denselben Umschwung in den Verhältnissen der Gemeinschaft zuwege, der
seine Verwaltung in Overland City gekennzeichnet hatte. Zwei Bursche,
die sich am Eigentum der Gesellschaft vergriffen hatten, fing er ein
und henkte sie mit eigener Hand. Er war oberster Richter in seinem
Bezirk und zugleich Schwurgericht und Scharfrichter -- und zwar nicht
nur in Fällen, die seine Brotherren betrafen, sondern auch in Sachen
durchziehender Auswanderer.
Im Schießen mit seinem Matrosenrevolver that es niemand Slade gleich.
Wie die Sage erzählt, sah er eines Morgens in Rocky Ridge, als er eben
recht gut aufgelegt war, einen Mann daherkommen, der ihm einige Tage
vorher zu nahe getreten war. Er zog seinen Revolver mit den Worten:
»Meine Herren, ein Schuß auf gut zwanzig Schritt -- ich halte auf
den dritten Rockknopf!« Und er traf den Knopf zur Bewunderung aller
Umstehenden. Diese gingen dann auch sämtlich mit zur Leiche. Einmal
fiel Slade in die Hände einer Bande, die sich zusammen gethan hatte,
um ihn zu lynchen. Er wurde entwaffnet und in einem starken Blockhause
bewacht. Da überredete er seine Feinde, seine Frau holen zu lassen, um
sie noch ein letztesmal zu sehen. Sie war ein tapferes, mutiges Weib
und ihm unbedingt ergeben. Sofort warf sie sich auf ein Pferd und ritt
davon auf Leben und Tod. Man ließ sie undurchsucht zu ihm hinein,
und ehe man noch die Thür zu schließen vermochte, hatte sie ein paar
Pistolen hervorgeholt, unter deren Schutz sie samt ihrem Herrn Gemahl
siegreich herausdrang, worauf sie beide unter lebhaftem Feuer ihre
Pferde bestiegen und unverletzt davonsprengten!
* * * * *
Fahrplanmäßig waren wir indessen bei einer Poststation angerasselt
und ließen uns mit einer halbwilden Gesellschaft bewaffneter bärtiger
Gebirgsbewohner, Bauern und Stationsleute, zum Frühstück nieder.
Nirgends noch hatten wir einen so anständigen, ruhigen und freundlichen
Beamten auf unserer ganzen Reise getroffen, wie den, der hier am Tische
obenan saß, Schulter an Schulter neben mir. Wer beschreibt mein Staunen
und mein Entsetzen, als ich ihn Slade nennen hörte.
Hier saß der Romanheld, und ich ihm gegenüber Aug' in Auge! Ich sah
ihn, -- berührte ihn -- trank sozusagen mit ihm aus einem Glase!
Da, dicht neben mir saß der Menschenfresser, der in Gefechten, bei
Raufereien und sonstigen Anlässen sechsundzwanzig Menschen das
Lebenslicht ausgeblasen hatte, es müßte denn alle Welt an ihm zum
Lügner geworden sein. In diesem Augenblick erfüllte mich ein Gefühl
des Stolzes, wie es wohl vor mir noch nie ein so junges Bürschchen
empfunden hatte, das ausgezogen war, um fremde Länder und merkwürdige
Menschen zu schauen.
Er war so freundlich und artig, daß ich mich trotz seiner abstoßenden
Lebensgeschichte zu ihm hingezogen fühlte. Man vermochte es nur mit
Mühe zu fassen, daß diese angenehme Persönlichkeit die erbarmungslose
Geißel verbrecherischen Gesindels, der Popanz und wilde Mann war,
mit dem die Mütter im Gebirge ihre kleinen Kinder fürchten machten.
Und noch heute wüßte ich von Slade nichts irgend Auffallendes zu
berichten, als daß sein Gesicht über die Backenknochen herüber ziemlich
breit war, während diese selbst niedrig standen, und daß er auffallend
schmale und gerade geschnittene Lippen hatte. Doch genügten diese Züge,
um einen nachhaltigen Eindruck auf mich zu machen, denn so ich seither
ein Gesicht mit den erwähnten besonderen Merkmalen sehe, muß ich fast
immer in dem Besitzer desselben einen gefährlichen Menschen vermuten.
Der Kaffee ging zur Neige. Wenigstens war nur noch eine einzige
Blechtasse voll da, welche Slade eben für sich nehmen wollte, als er
sah, daß ich eine leere Tasse vor mir hatte. Höflich bot er mir an, mir
solche zu füllen, was ich, obwohl ich den Kaffee recht gut brauchen
konnte, ebenso höflich ablehnte. Ich fürchtete, daß er an jenem Morgen
vielleicht noch niemand umgebracht haben und deshalb einer Zerstreuung
benötigen könnte. Allein er bestand mit fester Höflichkeit darauf,
mir die Tasse vollzugießen und meinte, ich sei die ganze Nacht durch
gefahren und habe es nötiger als er -- und unter diesen Worten schenkte
er mir den Kaffee bis auf den letzten Tropfen ein. Dankend trank ich
denselben aus, allein er schmeckte mir nicht sonderlich, denn ich
konnte immer noch nicht gewiß wissen, ob ihn seine Freigebigkeit nicht
gereuen und er mich dann etwa umbringen würde, um seine Gedanken von
seinem Verluste abzulenken. Es kam jedoch nichts derart vor. Als wir
uns von ihm verabschiedeten, hatte er nicht mehr als sechsundzwanzig
Blutthaten auf dem Gewissen und ich empfand eine recht angenehme
Befriedigung bei dem Gedanken, daß ich durch die weise Rücksicht, die
ich der Nummer 1 am Frühstückstisch hatte zu teil werden lassen, mir
das Schicksal erspart hatte, Nummer 27 zu werden. Slade kam heraus an
den Wagen und sah uns zu beim Wegfahren, nachdem er zuvor die Postsäcke
bequemer für uns hatte packen lassen; dann nahmen wir Abschied von ihm,
in der angenehmen Hoffnung, bald wieder etwas von ihm zu vernehmen und
waren nur begierig, in welchem Zusammenhang dies der Fall sein werde.
Elftes Kapitel.
Und richtig hörten wir zwei oder drei Jahre darauf wieder von ihm.
Da traf die Kunde an den Gestaden des Stillen Ozeans ein, daß er vom
Sicherheitsausschuß in Montana (dahin war er von Rocky Ridge aus
übergesiedelt) gehenkt worden sei.
Slade hatte sich hier dem Trunke ergeben. Während er in nüchternem
Zustand für einen aufmerksamen Ehegatten, einen höchst gastfreien Wirt
und einen höflichen Mann gelten mußte, konnte dagegen jeder, der ihm
im Branntweinrausch inmitten einer Bande bewaffneter Lümmel begegnete,
in ihm nur einen eingefleischten Teufel erblicken. Oft sah man ihn
mit einem oder einigen seiner Genossen auf einem und demselben Pferde
in der Stadt Virginia erscheinen, wo er unter Jauchzen, Brüllen und
Pistolenschüssen durch die Straßen galoppierte. Er ritt dann in Läden
hinein, zerbrach die Ladentische, warf die Wagschalen auf die Straße
und überschüttete die Anwesenden mit den gröbsten Beleidigungen. Er
trat in Schank- und Tanzlokale und schoß nach den Lampen, so daß alles
Reißaus nahm. Es war etwas ganz Alltägliches, daß die Kaufleute, wenn
Slade ›sich einen Jux machte‹, die Läden schlossen und die Lichter
löschten. So machte er sich viele Feinde und schließlich kam es zur
entscheidenden Wendung.
[Illustration]