Nachts kamen wir durch Fort Laramie und am siebenten Morgen unserer

Fahrt befanden wir uns in den Schwarzen Bergen, wo -- scheinbar dicht

neben uns -- der Laramie Peak in gewaltiger Einsamkeit aufstieg;

in tiefem dunklem vollem Indigoblau starrte uns der alte Koloß

unter den seine Stirn umschattenden Gewitterwolken hervor mächtig

entgegen. In Wirklichkeit war er dreißig oder vierzig Meilen weit

weg, aber es schien, als stünde er nur ein kleines Stück hinter dem

niedrigen Höhenzug zu unserer Rechten. Das Frühstück nahmen wir an

der Horseshoe-Station ein, sechshundertsechsundsiebzig Meilen von

St. Joseph entfernt. Wir waren jetzt auf feindliches Indianergebiet

gekommen und fuhren am Nachmittag an der Laparelle-Station vorbei, in

deren Nähe es uns fortwährend recht unbehaglich zu Mute war; wußten

wir doch, daß oft hinter einem der Bäume, an denen wir auf Armeslänge

vorüberfuhren, ein oder zwei Indianer auf der Lauer standen. Gerade

die Nacht vorher hatte ein Wilder aus dem Hinterhalt dem Ponyreiter

eine Kugel durch die Jacke gejagt; dieser war aber trotzdem ganz ruhig

weiter geritten, denn ein Ponyreiter darf sich mit der Untersuchung

eines derartigen Vorkommnisses nur in dem Fall aufhalten, daß er

totgeschossen wird. So lange er noch lebendig genug war, hatte er am

Pferde festzukleben und weiter zu reiten. Vielleicht zweieinhalb

Stunden vor unserer Ankunft an der Laparelle-Station hatte der dortige

Wirt viermal auf einen Indianer gefeuert, allein dieser sei, fügte

er mit gekränkter Miene hinzu, »so flink herumgetanzt, daß er ihm

alles verdorben habe -- und dabei sei die Munition so verteufelt

rar.« Offenbar wollte er durch diese Ausdrucksweise andeuten, der

Indianer habe sich mit seinem ›Herumtanzen‹ einen unerlaubten Vorteil

verschafft. Unser Postwagen hatte -- als Andenken an seine letzte Fahrt

durch diese Gegend -- im Vorderteil ein allerliebstes Loch. Die Kugel,

von der es herrührte, hatte den Postillon gestreift, allein dieser

machte sich nicht viel daraus. Er meinte, die richtige Gegend, um einen

›dickköpfig‹ zu machen, sei die südliche Ueberlandroute gewesen durch

das Apachengebiet, ehe die Gesellschaft die Linie weiter nach Norden

verlegt habe. Die Apachen hätten ihm die ganze Zeit da unten keine Ruhe

gelassen, so daß er nahe daran gewesen sei, mitten im Ueberfluß Hungers

zu sterben, denn sie hätten ihn mit Kugeln durchlöchert wie ein Sieb,

so daß er »seine Nahrung nicht mehr habe bei sich behalten können« --

eine Schilderung, die keinen ausnahmslosen Glauben fand.

[Illustration]

In dieser ersten Nacht auf feindlichem Indianergebiet zogen wir die

Vorhänge möglichst dicht zu und legten uns auf unsere Waffen. Manchmal

schliefen wir auf denselben ein, meist aber lagen wir bloß darauf.

Wir sprachen nicht viel, sondern hielten uns still und lauschten. Es

war eine rabenschwarze, zeitweise regnerische Nacht. Wir steckten

dermaßen zwischen lauter Wäldern, Felsen, Hügeln und Abgründen drin,

daß wir beim Hinausschielen durch einen Schlitz in einem der Vorhänge

schlechterdings nichts zu unterscheiden vermochten. Postillon und

Kondukteur saßen ebenfalls stumm auf ihrem Bock oder sprachen höchstens

in langen Zwischenräumen und mit gedämpfter Stimme, wie man zu thun

pflegt, wenn man sich von unsichtbarer Gefahr umgeben weiß. Wir

hörten dem Regen, der auf das Wagendach herabtropfte, dem Knirschen

der Räder in dem kotigen Kies und dem dumpfen Heulen des Windes zu,

und dabei wurden wir die ganze Zeit über die unsinnige Vorstellung

nicht los, die mit einer nächtlichen Fahrt in dichtverhängtem Fuhrwerk

stets untrennbar verbunden ist, daß wir nämlich unverrückt auf der

Stelle stehen blieben trotz allem Stoßen und Schaukeln des Wagens,

dem Trappeln der Pferde und dem Knarren der Räder. Lange horchten wir

mit Anspannung aller Sinne und mit zurückgehaltenem Atem; wollte dann

einer von uns erlahmen und mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung

ein paar Worte reden, so stieß gewiß einer der Gefährten plötzlich ein

›Horcht!‹ hervor, worauf der Betreffende augenblicklich wieder starr

dasaß und horchte. So schleppten sich die Minuten und Viertelstunden in

ermüdendem Gange hin, bis zuletzt unsere angespannten Glieder von einer

dumpfen Betäubung ergriffen wurden und wir einschliefen -- woferne

man unsern Zustand mit diesem starken Ausdruck bezeichnen darf; denn

es war ein Schlaf mit dem Finger am Drücker der Pistole; ein Schlaf,

in welchem die Fetzen und Bruchstücke unheimlicher ängstlicher Träume

durcheinander wirbelten -- das reinste Chaos. Plötzlich wurden Träume

und Schlaf samt der düsteren nächtlichen Stille durch einen lauten

Knall verscheucht, dem ein langer wilder Todesschrei folgte! Dann

hörten wir nur zehn Schritt weit vom Wagen rufen:

»Hilfe! Hilfe! Hilfe!« Es war die Stimme des Postillons.

»Schlagt ihn tot, schlagt ihn tot wie einen Hund!«

»Man will mich umbringen! Leiht mir denn niemand ein Pistol?«

»Seht euch vor! Wehrt ihn ab, wehrt ihn ab!«

Dann zwei Pistolenschüsse; Stimmengewirr und ein Getrappel, wie wenn

sich eine Menschenmenge um etwas drängt; mehrere schwere dumpfe Schläge

wie mit einer Keule; dann eine flehende Stimme: »Lassen Sie mich,

meine Herren, ach, lassen Sie mich -- ich bin ja schon tot!« Nun ein

schwächeres Stöhnen und noch ein Schlag, und fort jagte die Post in die

finstere Nacht hinein und ließ das gräßliche Geheimnis hinter uns.

Was für ein Schreck das war! Kaum acht Sekunden, vielleicht nur fünf,

hatte der ganze Auftritt in Anspruch genommen. Wir hatten nur Zeit,

an einen der Vorhänge zu stürzen und ihn in ungeschickter, verwirrter

Hast teilweise loszuschnallen und aufzuknüpfen, als ein scharfer

Peitschenknall über unsern Köpfen erklang und wir mit Donnergepolter

einen Berggrat hinabrollten. Die ganze Nacht vollends lebten wir von

diesem Geheimnis -- sie ging übrigens bereits rasch ihrem Ende zu.

Ein Geheimnis mußte es vorerst noch bleiben, denn alles, was wir vom

Kondukteur als Antwort auf unsere Zurufe bekommen konnten, klang durch

das Klappern der Räder hindurch ungefähr wie: »Erzähl' es Ihnen morgen

früh!«

So steckten wir denn unsere Pfeifen an, stellten in einer Ecke oben am

Vorhang eine Abzugsöffnung für den Rauch her und ein jeder erzählte

dann, während wir im Finstern dalagen, wie es ihm zu Mute gewesen,

wie viele Indianer seiner ersten Vorstellung nach auf uns losgestürzt

seien, welcher darauffolgenden Laute er sich erinnern könne und wie

dieselben der Zeit nach auf einander gekommen seien. Wir schmiedeten

auch Hypothesen, doch waren wir nicht imstande, eine aufzutreiben, die

es uns erklärt hätte, daß wir unsern Postillon abseits vom Wagen hatten

sprechen hören, und daß die indianischen Mordgesellen ein so gutes

Englisch gesprochen hatten, vorausgesetzt, daß es überhaupt Indianer

gewesen.

So schwatzten und rauchten wir den Rest der Nacht vollends gemütlich

durch; unsere ahnungsvolle Aengstlichkeit war nämlich auf einmal ganz

merkwürdig verflogen, seit wir einen wirklichen Anlaß zum Schrecken

hatten.

Einen völlig befriedigenden Aufschluß über den geheimnisvollen

Vorgang erhielten wir niemals. Alles, was wir uns aus den

stückweisen, abgerissenen Mitteilungen, die wir am Morgen erhaschten,

zusammenzureimen vermochten, war, daß der Auflauf an einer Station

stattfand, wo die Postillone wechselten, und daß der abgehende

Postillon über irgend einen der Galgenvögel, die die dortige Gegend

unsicher machten, (wie unser Kondukteur meinte, gab es nämlich dort

herum keinen einzigen Menschen, auf dessen Kopf nicht ein Preis gesetzt

gewesen wäre und der sich in den Ansiedelungen hätte sehen lassen

dürfen) sich rücksichtslos geäußert hatte.

»Er hatte sein Maul gehen lassen über diese Kerle und hätte deshalb

beim Anfahren das Pistol mit gespanntem Hahn neben sich hinlegen sollen

und zuerst anfangen zu schießen; denn das mußte ja jeder Schafskopf

wissen, daß sie ihm auflauern würden.«

Dies war alles, was wir herausbekommen konnten, und wir sahen wohl,

daß weder der Postillon noch der Kondukteur viel Aufhebens von der

Sache machten. Offenbar hatten sie keine große Achtung vor jemand,

der sich beleidigend über die Leute äußerte und dann einfältig genug

war, ihnen unter die Augen zu treten, ohne ›zur Vertretung seiner

Meinung‹ bereit zu sein -- mit diesem zarten Ausdruck bezeichneten sie

das Niederschießen jedes beliebigen Nebenmenschen, dem jene Meinung

nicht behagte. Und desgleichen flößte ihnen der Unverstand des Mannes,

der es wagen konnte, den Grimm solcher Bestien wie dieser Auswurf

der Gesellschaft, zu reizen, offenbar Geringschätzung ein, und der

Kondukteur setzte zum Schluß noch hinzu:

»Ich sage Ihnen, das heißt ja sich gerade so viel getrauen, wie wenn er

_Slade_ selber wäre.«

Diese Bemerkung gab meiner Neugier eine völlig neue Richtung. Ich

kümmerte mich nicht mehr um die Indianer und hatte selbst für den

ermordeten Postillon kein Interesse mehr. Eine solche Zauberkraft lag

in dem Namen Slade! Tag und Nacht war ich von nun an stets bereit,

jeden Gesprächsgegenstand ohne weiteres fallen zu lassen, um einem

neuen Bericht über Slade und seine furchtbaren Thaten zu lauschen.

Schon vor unserer Ankunft in Overland City hatten wir von Slade und

seiner Abteilung (er war nämlich Abteilungsagent der Ueberlandpost)

vernommen, und seit unserer Abfahrt von dort drehte sich die

Unterhaltung unserer Postillone und Kondukteure nur noch ausschließlich

um dreierlei: Kalifornien, die Silbergruben in Nevada und diesen

verzweifelten Gesellen Slade. Und dabei nahm dieser letztere den

breitesten Raum ein. Wir waren allmählich zu der unerschütterlichen

Ueberzeugung gelangt, daß Slade ein Mensch war, der Herz, Hände,

ja seine ganze Seele in das Blut eines jeden tauchte, der seinem

Selbstbewußtsein zu nahe trat; ein Mensch, der für Beleidigungen,

Kränkungen, Schmähungen oder Geringschätzung irgend welcher Art

furchtbare Rache nahm -- wenn möglich auf der Stelle, aber auch nach

Jahr und Tag erst, falls es sich nicht früher schicken wollte; ein

Mensch, dem der Haß Tag und Nacht keine Ruhe ließ, bis er seine Rache

gesättigt hatte -- und zwar genügte ihm dazu nur eines: des Feindes

unbedingter Tod -- nichts Geringeres; ein Mensch, dessen Züge in

schrecklicher Freude aufleuchteten, wenn er einen Feind überraschte und

sich im Vorteil demselben gegenüber befand. Ein hoher und tüchtiger

Angestellter der Ueberlandpost, selbst zum Auswurf der Gesellschaft

gehörig und trotzdem die unbarmherzige Geißel dieses Gesindels, war

Slade zugleich der blutigste, gefährlichste und wertvollste Bürger, den

die wilden Felsennester des Gebirges beherbergten.

Zehntes Kapitel.

Bereits seit dem Tage vor unserem Eintreffen in Julesburg hatten sich

gewiß und wahrhaftig zwei Drittel dessen, was Kutscher und Kondukteur

sprachen, mit Slade beschäftigt. Um nun dem Leser ein deutliches

Bild von einem ›Desperado‹ des Felsengebirges auf der höchsten Stufe

seiner Entwickelung zu verschaffen, will ich die ganze Masse von

Geschichten, die bei der Ueberlandpost über denselben im Umlauf sind,

im Nachstehenden zu einer zusammenhängenden Erzählung zusammenfassen:

Slade stammte aus Illinois, von achtbaren Eltern. Mit ungefähr

sechsundzwanzig Jahren erschlug er jemand im Streite und floh aus dem

Land. In St. Joseph im Staat Missouri schloß er sich einem der ersten

Auswandererzüge nach Kalifornien an und wurde mit dessen Führung

betraut. Eines Tages bekam er auf der Prairie einen heftigen Zank

mit einem seiner Fuhrleute und beide zogen den Revolver heraus. Der

Fuhrmann war jedoch der flinkere Künstler und hatte den Hahn an seiner

Waffe zuerst gespannt. Deshalb meinte Slade, es sei doch nicht der Mühe

wert, einander wegen einer solchen Kleinigkeit die Hälse zu brechen und

schlug vor, die Pistolen wegzuwerfen und den Streit mit den Fäusten

auszumachen. Arglos ging der Fuhrmann darauf ein und ließ seine Pistole

fallen, -- worauf ihn Slade unter höhnischem Lachen über seine Einfalt

einfach über den Haufen schoß!

[Illustration]

Er machte sich daraufhin flüchtig und führte eine Zeit lang ein

wildes Leben, das er zur Hälfte mit Indianerkämpfen und zur andern

Hälfte mit dem Bestreben zubrachte, einem Gerichtsbeamten des Staates

Illinois auszuweichen, der behufs seiner Festnahme wegen seiner ersten

Mordthat gegen ihn ausgesandt worden war. Damals soll er in einem

Kampfe mit Indianern drei Wilde mit eigener Hand getötet und nachher

deren abgeschnittene Ohren dem Häuptling des Stammes mit seinen Grüßen

überschickt haben.

Bald stand Slade allenthalben im Rufe furchtloser Entschlossenheit,

und dieses Verdienst war hinreichend, um ihm die wichtige Stelle eines

Abteilungsagenten bei der Ueberlandpost in Julesburg als Nachfolger

eines gewissen Jules zu verschaffen, der seine Entlassung erhielt.

Kurz zuvor war es häufig vorgekommen, daß der Gesellschaft Pferde

gestohlen und Kutschen aufgehalten wurden und zwar durch Banden

flüchtiger Verbrecher, denen der Gedanke, es könnte jemand so tollkühn

sein wollen, derlei Missethaten zu ahnden, stets nur ein höhnisches

Lachen entlockte. Slade ahndete dieselben unverzüglich. Das Gesindel

hatte bald herausgefunden, daß Slade ein Mann war, der sich vor nichts

fürchtete, was da atmete. Wer sich gegen Gesetz und Ordnung verging,

mit dem machte er kurzen Prozeß. Das Ergebnis war, daß kein Aufenthalt

bei den Postfahrten mehr vorkam, daß das Eigentum der Gesellschaft

unangetastet blieb und daß Slades Kutschen stets ohne Störung

rechtzeitig eintrafen, einerlei, was dabei vorkam und wer dabei Schaden

hatte! Allerdings, um diese heilsame Veränderung zuwege zu bringen,

mußte Slade ein paar Menschen aus der Welt schaffen -- die einen

behaupten drei, andere vier, wieder andere sechs -- aber das war ein

Verlust, bei dem die Welt nur gewann.

Die erste erhebliche Schwierigkeit hatte er mit dem Ex-Agenten Jules,

der selbst im Rufe eines gewissenlosen, verzweifelten Menschen

stand. Derselbe hatte auf Slade, der ihn um seine Stelle gebracht,

einen tödlichen Haß geworfen und wartete nur auf eine schickliche

Gelegenheit, um sich an diesem zu reiben. Endlich lauerte er ihm hinter

einer Ladenthür auf und jagte ihm einen Flintenschuß in den Unterleib,

allein Slade brachte ihn durch ein paar wohlgezielte Schüsse aus seinem

historischen Revolver gleichfalls zu Fall. Jules, der zuerst wieder

genas, zog sich ins Gebirge zurück, um dort in Sicherheit Kräfte für

den Tag der endgültigen Abrechnung zu sammeln. Nach Jahr und Tag

gelang es Slades Myrmidonen, Jules in einem seiner Felsenschlupfwinkel

aufzutreiben und gefesselt seinem Todfeind in die Hände zu liefern, der

ihn mit teuflischem Behagen langsam abschlachtete.

Inzwischen war Slade, nachdem die Gesellschaft sich überzeugt, daß

seine energische Verwaltung auf einer der schlimmsten Strecken ihrer

Route Frieden und Ordnung wiederhergestellt hatte, an die Rocky Ridge

Division im Felsengebirge versetzt worden; man wollte sehen, ob er

imstande sein würde, hier ein kleines Wunderwerk zu verrichten.

Diese Strecke war nämlich das reinste Paradies der Gesetzverächter

und Desperados. Hier bestand auch nicht der leiseste Schatten von

Gesetz und Recht. Gewalt war an der Tagesordnung, Stärke die einzige

anerkannte Macht. Die allergewöhnlichsten Mißverständnisse wurden

auf der Stelle mit Pistole und Messer ausgemacht. Mordthaten kamen

am hellen Tage und zwar recht häufig vor, ohne daß es einem Menschen

einfiel, sich darum zu kümmern. Man ging davon aus, daß die Leute, wenn

sie einander umbringen, ihre eigenen guten Gründe dazu haben; eine

Einmischung Dritter in die Sache würde als Taktlosigkeit erschienen

sein. Alles, was die Etikette von Rocky Ridge vom Augenzeugen einer

Mordthat verlangte, war, daß derselbe dem Herrn Mörder sein Opfer

begraben half -- andernfalls würde man seiner Ungefälligkeit beim

ersten Anlaß gedacht haben, wo er selber jemand umgebracht hatte und

nachbarlichen Beistand zu dessen Beerdigung bedurfte.

In aller Ruhe und Gemütlichkeit schlug Slade seinen Wohnsitz inmitten

dieses Bienenstockes von Pferdedieben und Banditen auf, und gleich das

allererstemal, wo einer derselben sein unverschämtes Maul in seiner

Gegenwart laufen ließ, schoß er ihn nieder. Er begann eine Razzia

gegen das gesetzlose Gesindel, und in merkwürdig kurzer Zeit hatte er

den Beraubungen des Eigentums der Gesellschaft Einhalt gethan, eine

große Zahl gestohlener Pferde zurückerobert, mehrere der schlimmsten

Desperados der Gegend aus der Welt geschafft und sich bei den übrigen

ein so furchtbares Ansehen errungen, daß sie Achtung, Bewunderung,

Furcht für ihn empfanden und ihm Gehorsam leisteten. Er brachte

denselben Umschwung in den Verhältnissen der Gemeinschaft zuwege, der

seine Verwaltung in Overland City gekennzeichnet hatte. Zwei Bursche,

die sich am Eigentum der Gesellschaft vergriffen hatten, fing er ein

und henkte sie mit eigener Hand. Er war oberster Richter in seinem

Bezirk und zugleich Schwurgericht und Scharfrichter -- und zwar nicht

nur in Fällen, die seine Brotherren betrafen, sondern auch in Sachen

durchziehender Auswanderer.

Im Schießen mit seinem Matrosenrevolver that es niemand Slade gleich.

Wie die Sage erzählt, sah er eines Morgens in Rocky Ridge, als er eben

recht gut aufgelegt war, einen Mann daherkommen, der ihm einige Tage

vorher zu nahe getreten war. Er zog seinen Revolver mit den Worten:

»Meine Herren, ein Schuß auf gut zwanzig Schritt -- ich halte auf

den dritten Rockknopf!« Und er traf den Knopf zur Bewunderung aller

Umstehenden. Diese gingen dann auch sämtlich mit zur Leiche. Einmal

fiel Slade in die Hände einer Bande, die sich zusammen gethan hatte,

um ihn zu lynchen. Er wurde entwaffnet und in einem starken Blockhause

bewacht. Da überredete er seine Feinde, seine Frau holen zu lassen, um

sie noch ein letztesmal zu sehen. Sie war ein tapferes, mutiges Weib

und ihm unbedingt ergeben. Sofort warf sie sich auf ein Pferd und ritt

davon auf Leben und Tod. Man ließ sie undurchsucht zu ihm hinein,

und ehe man noch die Thür zu schließen vermochte, hatte sie ein paar

Pistolen hervorgeholt, unter deren Schutz sie samt ihrem Herrn Gemahl

siegreich herausdrang, worauf sie beide unter lebhaftem Feuer ihre

Pferde bestiegen und unverletzt davonsprengten!

* * * * *

Fahrplanmäßig waren wir indessen bei einer Poststation angerasselt

und ließen uns mit einer halbwilden Gesellschaft bewaffneter bärtiger

Gebirgsbewohner, Bauern und Stationsleute, zum Frühstück nieder.

Nirgends noch hatten wir einen so anständigen, ruhigen und freundlichen

Beamten auf unserer ganzen Reise getroffen, wie den, der hier am Tische

obenan saß, Schulter an Schulter neben mir. Wer beschreibt mein Staunen

und mein Entsetzen, als ich ihn Slade nennen hörte.

Hier saß der Romanheld, und ich ihm gegenüber Aug' in Auge! Ich sah

ihn, -- berührte ihn -- trank sozusagen mit ihm aus einem Glase!

Da, dicht neben mir saß der Menschenfresser, der in Gefechten, bei

Raufereien und sonstigen Anlässen sechsundzwanzig Menschen das

Lebenslicht ausgeblasen hatte, es müßte denn alle Welt an ihm zum

Lügner geworden sein. In diesem Augenblick erfüllte mich ein Gefühl

des Stolzes, wie es wohl vor mir noch nie ein so junges Bürschchen

empfunden hatte, das ausgezogen war, um fremde Länder und merkwürdige

Menschen zu schauen.

Er war so freundlich und artig, daß ich mich trotz seiner abstoßenden

Lebensgeschichte zu ihm hingezogen fühlte. Man vermochte es nur mit

Mühe zu fassen, daß diese angenehme Persönlichkeit die erbarmungslose

Geißel verbrecherischen Gesindels, der Popanz und wilde Mann war,

mit dem die Mütter im Gebirge ihre kleinen Kinder fürchten machten.

Und noch heute wüßte ich von Slade nichts irgend Auffallendes zu

berichten, als daß sein Gesicht über die Backenknochen herüber ziemlich

breit war, während diese selbst niedrig standen, und daß er auffallend

schmale und gerade geschnittene Lippen hatte. Doch genügten diese Züge,

um einen nachhaltigen Eindruck auf mich zu machen, denn so ich seither

ein Gesicht mit den erwähnten besonderen Merkmalen sehe, muß ich fast

immer in dem Besitzer desselben einen gefährlichen Menschen vermuten.

Der Kaffee ging zur Neige. Wenigstens war nur noch eine einzige

Blechtasse voll da, welche Slade eben für sich nehmen wollte, als er

sah, daß ich eine leere Tasse vor mir hatte. Höflich bot er mir an, mir

solche zu füllen, was ich, obwohl ich den Kaffee recht gut brauchen

konnte, ebenso höflich ablehnte. Ich fürchtete, daß er an jenem Morgen

vielleicht noch niemand umgebracht haben und deshalb einer Zerstreuung

benötigen könnte. Allein er bestand mit fester Höflichkeit darauf,

mir die Tasse vollzugießen und meinte, ich sei die ganze Nacht durch

gefahren und habe es nötiger als er -- und unter diesen Worten schenkte

er mir den Kaffee bis auf den letzten Tropfen ein. Dankend trank ich

denselben aus, allein er schmeckte mir nicht sonderlich, denn ich

konnte immer noch nicht gewiß wissen, ob ihn seine Freigebigkeit nicht

gereuen und er mich dann etwa umbringen würde, um seine Gedanken von

seinem Verluste abzulenken. Es kam jedoch nichts derart vor. Als wir

uns von ihm verabschiedeten, hatte er nicht mehr als sechsundzwanzig

Blutthaten auf dem Gewissen und ich empfand eine recht angenehme

Befriedigung bei dem Gedanken, daß ich durch die weise Rücksicht, die

ich der Nummer 1 am Frühstückstisch hatte zu teil werden lassen, mir

das Schicksal erspart hatte, Nummer 27 zu werden. Slade kam heraus an

den Wagen und sah uns zu beim Wegfahren, nachdem er zuvor die Postsäcke

bequemer für uns hatte packen lassen; dann nahmen wir Abschied von ihm,

in der angenehmen Hoffnung, bald wieder etwas von ihm zu vernehmen und

waren nur begierig, in welchem Zusammenhang dies der Fall sein werde.

Elftes Kapitel.

Und richtig hörten wir zwei oder drei Jahre darauf wieder von ihm.

Da traf die Kunde an den Gestaden des Stillen Ozeans ein, daß er vom

Sicherheitsausschuß in Montana (dahin war er von Rocky Ridge aus

übergesiedelt) gehenkt worden sei.

Slade hatte sich hier dem Trunke ergeben. Während er in nüchternem

Zustand für einen aufmerksamen Ehegatten, einen höchst gastfreien Wirt

und einen höflichen Mann gelten mußte, konnte dagegen jeder, der ihm

im Branntweinrausch inmitten einer Bande bewaffneter Lümmel begegnete,

in ihm nur einen eingefleischten Teufel erblicken. Oft sah man ihn

mit einem oder einigen seiner Genossen auf einem und demselben Pferde

in der Stadt Virginia erscheinen, wo er unter Jauchzen, Brüllen und

Pistolenschüssen durch die Straßen galoppierte. Er ritt dann in Läden

hinein, zerbrach die Ladentische, warf die Wagschalen auf die Straße

und überschüttete die Anwesenden mit den gröbsten Beleidigungen. Er

trat in Schank- und Tanzlokale und schoß nach den Lampen, so daß alles

Reißaus nahm. Es war etwas ganz Alltägliches, daß die Kaufleute, wenn

Slade ›sich einen Jux machte‹, die Läden schlossen und die Lichter

löschten. So machte er sich viele Feinde und schließlich kam es zur

entscheidenden Wendung.

[Illustration]

Auf dem Mississippi; Nach dem fernen Westen · 第 17 / 21 段