gelben, schmutzigen Platte mit seinen niedrigen Ufern, seinen
überall verstreuten flachen Sandbänken und winzigen Inselchen -- ein
trübseliger Fluß, der sich mitten durch die unermeßliche Ebene windet
und den man niemals mit bloßem Auge entdecken würde, wären nicht
seine Ufer beiderseits von einer Baumreihe gleich wie von zerstreuten
Schildwachen umsäumt. Es hieß, der Platte sei ›hoch‹, so daß ich gerne
hätte sehen mögen, ob er sich bei niedrigem Stande noch kränklicher und
trauriger hätte ausnehmen können.
Es hieß auch, es sei zur Zeit gefährlich, über den Fluß zu setzen,
weil bei einem Versuch, denselben zu durchwaten, sein Treibsand leicht
Pferde und Wagen samt den Passagieren verschlingen könnte. Allein die
Post mußte gehen, und so machten wir den Versuch. Wirklich sanken
mitten im Flusse die Räder ein- oder zweimal in so bedrohlicher Weise
ein, daß wir fast gar vermeinten, wir hätten darum unser Leben lang
alles, was Meer heißt, ängstlich vermieden, um zum Schlusse mitten
in der Wüste in einem Dreckwagen Schiffbruch zu leiden. Doch wir
schleppten uns durch und eilten weiter der untergehenden Sonne zu.
Den nächsten Morgen, gerade vor Dämmerung, etwa fünfhundertfünfzig
Meilen weit von St. Joseph, brach unser Dreckwagen zusammen. Wir
sollten einen Aufenthalt von fünf bis sechs Stunden haben. Wir
folgten daher einer Einladung, uns zu Pferde bei einer Büffeljagd zu
beteiligen, zu der eine Gesellschaft sich eben aufmachte. Es war ein
edles Vergnügen, in der tauigen Frische des Morgens über die Ebene
hinzujagen; unsrerseits nahm die Jagd jedoch ein Ende mit Schrecken und
Aerger, denn ein angeschossener Stier trieb den Reisenden Bemis fast
zwei Meilen weit vor sich her, bis dieser schließlich seinen Gaul im
Stiche ließ und sich auf einen einzelnstehenden Baum flüchtete. Etwa
vierundzwanzig Stunden lang war Bemis höchst verdrießlich über die
Sache, dann fing er jedoch ganz allmählich an, sich zu besänftigen, und
schließlich sagte er:
»Na, es war kein Spaß, und es war recht albern von diesen
Einfaltspinseln, sich darüber so lustig zu machen. Ich sage euch, eine
Weile war ich ernstlich böse darüber. Diesen langen schlotterigen
Lümmel, Namens Hank, würde ich gern über den Haufen geschossen haben,
wenn ich es hätte fertig bringen können, ohne noch sechs oder sieben
andere zu Krüppeln zu schießen -- das war natürlich rein unmöglich,
der alte ~Allen~ holt so verdammt weit aus. Ich wollte nur, diese
Bummler wären oben auf dem Baume gesessen, dann wäre ihnen die Lust
vergangen, so zu lachen. Wenn mein Gaul auch nur einen Pfifferling
wert gewesen wäre, -- aber nein, sobald er sah, wie der Stier brüllend
auf ihn loskam, stieg er kerzengerade in die Luft und blieb auf den
Hinterbeinen stehen. Jetzt fing der Sattel an zu rutschen; ich faßte
den Gaul um den Hals und legte mich mit einem Stoßgebet fest auf ihn.
Nun ließ er sich vorne nieder und streckte die Hinterhand eine Zeit
lang in die Luft, so daß der Stier wirklich sein Scharren und Brüllen
aufgab, um sich das unheimliche Schauspiel zu betrachten. Dann aber
machte der Stier aus nächster Nähe einen mächtigen Satz auf den Gaul zu
unter wahrhaft entsetzlichem Gebrüll; das muß meinem Gaul buchstäblich
den Verstand verrückt und ihn völlig toll und rasend gemacht haben,
und ich will des Todes sein, wenn er nicht eine ganze Viertelminute
lang auf dem Kopfe stand und Thränen vergoß. Er war vollständig aus
dem Häuschen -- ja gewiß und wahrhaftig -- und wußte wirklich nicht
mehr, was er that. Jetzt kam uns der Stier auf den Leib, darauf ließ
sich mein Gaul wieder auf alle Viere nieder und nahm einen neuen
Anlauf, während der nächsten zehn Minuten machte er aber allen Ernstes
einen Purzelbaum nach dem andern in solcher Geschwindigkeit, daß der
Bulle ebenfalls außer Fassung kam und nicht mehr wußte, wo er anpacken
sollte. So blieb er stehen, indem er nieste, sich Sand auf den Rücken
schaufelte und dann und wann brüllte; gewiß meinte er, er habe ein
Zirkuspferd für fünfzehnhundert Dollars als Frühstücksbissen vor sich.
Nun, ich saß ihm also zuerst auf dem Halse -- dem Gaul natürlich, nicht
dem Bullen -- dann unter seinem Bauch, dann auf seinem Steiß, und hatte
bald den Kopf oben, bald die Fersen -- aber ich sage euch, es hatte
etwas großartig Haarsträubendes, sozusagen im Angesichte des Todes in
dieser Weise herumgeschleudert, gerissen und gewirbelt zu werden. Bald
darauf that der Bulle einen Stoß nach uns und riß meinem Gaul ein Stück
von seinem Schweif ab -- (ich meine so, gewiß weiß ich es nicht, ich
war da gerade ziemlich in Anspruch genommen); auf einmal muß der Gaul
von der Sehnsucht nach der Einsamkeit ergriffen worden sein, so daß er
sich aufmachte, um derselben nachzujagen. Nun hättet ihr einmal dieses
alte spinnenbeinige Gerippe ausgreifen sehen und beobachten sollen, wie
der Büffel hinter ihm drein war -- den Kopf am Boden, die Zunge außen,
den Schwanz in der Luft, brüllend wie der Teufel, buchstäblich das Gras
vor sich niedermähend, die Erde aufreißend und den Sand aufwühlend
gleich einem Wirbelwind! Bei Gott, das war eine heiße Hatz! Ich saß
samt dem Sattel dem Gaul auf dem Kreuze, die Zügel hatte ich zwischen
den Zähnen und mit beiden Händen hielt ich mich am Sattelknopf. Zuerst
ließen wir die Hunde hinter uns, dann kamen wir einem Eselskaninchen
voraus; hierauf überholten wir einen Cayote, und wie wir eben im
Begriffe waren, eine Antilope einzuholen, brach der morsche Sattelgurt,
so daß ich an die dreißig Ellen weit links hinausflog, und als der
Sattel dem Pferd über das Kreuz hinabrutschte, versetzte es ihm eins
mit den Hufen, daß derselbe über vierhundert Ellen weit in die Luft
hinauffuhr -- ich will im Augenblick des Todes sein, wenn es nicht so
ist. Ich fiel am Fuß des einzigen Baumes nieder, der meilenweit in der
Runde stand und eine Sekunde darauf hatte ich alle zehn Fingernägel
und die Zähne in die Rinde geschlagen, und saß im nächsten Augenblick
rittlings auf dem Hauptast, so unbarmherzig fluchend über mein
Mißgeschick, daß mein Atem stank wie ein Schwefelpfuhl. Jetzt hatte
ich den Bullen dran gekriegt, wofern er nicht an _eines_ dachte. Aber
dies eine eben fürchtete ich. Es war ja eine Möglichkeit, daß der Bulle
nicht daran dachte, allein das Gegenteil hatte mehr Wahrscheinlichkeit
für sich. Ich überlegte, was ich im letzteren Falle thun wollte. Es
waren von meinem Platz aus etwas über vierzig Fuß bis auf den Boden.
Vorsichtig wickelte ich den Lasso vom Knopfe meines Sattels los und --«
[Illustration]
»Deines _Sattels_? Nahmst du denn deinen Sattel mit auf den Baum
hinauf?«
»Mit auf den Baum hinauf? Na, wie ihr herausschwatzt. Natürlich nicht.
Das hätte kein Mensch gekonnt. Er war aus der Luft auf den Baum
heruntergefallen.«
»Ah -- so!«
»Gewiß. Also ich wand den Lasso los und befestigte dessen eines Ende
an einem Ast. Der Riemen war aus allerbestem Rohleder und konnte
Zentner tragen. An das andere Ende machte ich eine Schleife und ließ
es hinunter, um zu sehen, wie weit es reiche. Es ging zweiundzwanzig
Fuß weit hinab, halb zum Boden. Dann versah ich sämtliche Läufe meines
~Allen~ mit doppelter Ladung. Nun war ich ruhig. Ich sagte bei mir
selbst; kommt er nicht auf den Gedanken, der mir so bange macht, gut
-- und kommt er doch darauf, nun auch gut -- ich bin darauf gefaßt.
Aber ihr wißt ja doch, daß immer das eintrifft, was man nicht gerne
hat, nicht wahr? So geht es stets. Ich erwartete den Büffel mit Bangen
-- einem Bangen, das nur ermessen kann, wer sich schon in solcher Lage
befunden hat, wo er den Tod jeden Augenblick erwarten mußte. Plötzlich
blitzt ein Gedanke auf im Auge des Bullen. Ich wußte es ja! sprach ich
-- wenn mir jetzt die Spannkraft versagt, so bin ich verloren. Richtig
-- es kam ganz genau, wie ich befürchtet hatte -- er machte Anstalt,
auf den Baum zu klettern.«
»Wie, der Büffel?« --
»Natürlich -- wer denn sonst?«
»Aber ein Büffel kann ja nicht auf einen Baum klettern!«
»Kann nicht? -- So, er kann nicht? Nun, wenn ihr es doch so gut
versteht, habt ihr es denn schon einmal mit angesehen?«
»Nein. Der Gedanke wäre mir nicht im Traum gekommen!«
»Nun, was hat dann all euer Geschwätz darüber für einen Wert? Weil
ihr's noch nie mit angesehen habt, ist das ein Beweis, daß es nicht
möglich ist?«
»Also gut -- nun weiter; was thatest du nun?«
[Illustration]
»Der Stier kletterte los und kam vielleicht zehn Fuß weit ganz gut
herauf, dann glitt er aus und rutschte zurück. Ich atmete auf. Er
setzte wieder an und kam jetzt etwas weiter herauf, dann rutschte er
wiederum ab. Aber er machte sich nochmals dran, und gab diesmal gut
acht. Immer höher und höher stieg er, während mir der Mut immer tiefer
sank. Immer näher rückte er -- Zoll um Zoll -- mit blutunterlaufenen
Augen und heraushängender Zunge. Immer höher kam er herauf -- jetzt
stemmte er den Fuß auf einen Ast und schaute herauf, als wollte er
sagen: ›Freundchen, dich freß ich auf mit Haut und Haar‹. Dann ging
es wieder aufwärts -- höher und höher und immer hitziger wurde er, je
näher er kam. Er war keine zehn Fuß mehr von mir! Ich holte tief Atem.
›Jetzt oder nie‹ -- sprach ich. Ich hielt die Schlinge meines Lasso
schon in Bereitschaft, vorsichtig ließ ich sie hinab, bis sie ihm
gerade über dem Kopfe hing, dann lasse ich rasch den Riemen fahren,
und der Stier steckt ganz fein mit dem Kopf in der Schlinge! Ich nun
schneller wie der Blitz meinen ~Allen~ heraus und ihm die ganze Ladung
ins Gesicht. Es gab einen gräßlichen Knall und der Bulle muß davon
betäubt geworden sein. Wie der Rauch sich verzog, baumelte er zwanzig
Fuß vom Boden in der Luft und verfiel schneller, als man zählen konnte,
aus einer Todeszuckung in die andere. Ich hielt mich übrigens mit
Zählen nicht auf -- ich rutschte von meinem Baum herunter und machte,
daß ich weiter kam.«
»Bemis, ist das alles wahr, ganz wie du es erzählt hast?«
»Ich will des Teufels sein auf der Stelle und krepieren wie ein Hund,
wenn es nicht so ist.«
»Nun, wir wollen's ja glauben, und glauben es auch gerne. Wenn man aber
doch vielleicht einen Beweis --«
»Beweis! Habe ich meinen Lasso mit heim gebracht? --«
»Nein.«
»Habe ich mein Pferd mit heim gebracht?« --
»Nein.«
»Habt ihr den Stier nachher noch einmal gesehen?«
»Auch nicht.«
»Nun, was braucht es dann weiter? In meinem Leben habe ich noch keine
Leute getroffen, die bei einer so einfachen Sache sich so seltsam
anstellten wie ihr.« --
* * * * *
Nun, wenn dieser Mensch kein Lügner war, so fehlte jedenfalls nicht
viel dazu. Dieses Vorkommnis erinnert mich an einen Zwischenfall
während meines kurzen Aufenthalts in Siam, einige Jahre nachher. Unter
den Europäern einer Stadt bei Bangkok befand sich ein merkwürdiges
Exemplar Namens Eckert, ein Holländer, der wegen seiner vielen
sinnreichen und verblüffend großartigen Lügen weit berühmt war.
Unaufhörlich wurden seine berühmtesten Stückchen wiederholt, und stets
versuchte man, in Gegenwart von Fremden etwas aus ihm herauszuziehen,
allein selten mit Erfolg. Zweimal war er in dem Hause, wo ich zu Besuch
war, eingeladen, aber nichts vermochte, ihm eine hervorragende Probe
seiner Lügenkunst zu entlocken. Eines Tages nun lud mich ein Pflanzer
Namens Bascom, ein Mann von Ansehen, stolz und manchmal aufbrausend,
ein, mit ihm zu Eckert hinüberzureiten und bei diesem vorzusprechen.
Während wir so dahin schlenderten, meinte er:
»Nun, wissen Sie, woran der Fehler liegt? -- Daran, daß man Eckert
stutzig macht. Sobald die Jungens ihn auszupumpen suchen, merkt er ganz
genau, was sie vorhaben, und macht nun natürlich seine Schale zu. Das
könnte sich eigentlich jeder selbst sagen. Aber wenn wir hinkommen,
müssen wir ihn schlauer anpacken. Man muß ihn die Unterhaltung ganz
nach seinem Gefallen wählen lassen -- er mag sie fallen lassen
oder wechseln, wie es ihm paßt. Er soll sehen, daß kein Mensch ihn
auszupumpen sucht. Er soll ganz thun, wie er will. Dann wird es nicht
lange anstehen, so vergißt er sich und die Lügen fallen nur so herunter
wie das Mehl in der Mühle. Verlieren Sie nur die Geduld nicht -- seien
Sie ganz still und lassen Sie mich nur machen. Ich will ihn schon zum
Lügen bringen. Ich meine, die Jungens müssen blind sein, um solch einen
auf der Hand liegenden einfachen Kniff zu übersehen.«
Eckert nahm uns herzlich auf -- ein Mann von liebenswürdigem,
gebildetem Wesen. Wir saßen eine ganze Stunde auf der Veranda,
schlürften englisches Ale und unterhielten uns über den König, den
heiligen weißen Elefanten, das schlafende Götzenbild und alles
mögliche; dabei bemerkte ich, daß mein Begleiter nie die Unterhaltung
leitete oder beeinflußte, sondern einfach sich Eckerts Leitung überließ
und niemals Unruhe oder Befangenheit bei irgend etwas zeigte. Der
Erfolg ließ sich bald bemerken. Eckert fing an, mitteilsam zu werden,
er fühlte sich immer gemütlicher und wurde immer gesprächiger und
geselliger. Noch eine Stunde verfloß in derselben Weise, als Eckert
ganz plötzlich äußerte:
»Ach, apropos! Beinahe hätte ich es vergessen. Ich habe etwas, das Sie
in Erstaunen setzen wird. Etwas, wie es weder von Ihnen, noch von sonst
irgend jemand erhört worden ist -- ich habe eine Katze, die Kokosnüsse
frißt! -- gewöhnliche, frische Kokosnüsse -- und die nicht bloß das
Fleisch frißt, sondern auch die Milch trinkt. Es ist so -- ich leiste
einen Eid darauf.«
Ein rascher Blick von Bascom, -- ein Blick, den ich verstand -- dann
sagte er:
»Nun, Gott verzeih' mir, so was habe ich noch nie gehört. Mensch, das
kann nicht sein.«
»Ich wußte, daß Sie das sagen würden. Ich will die Katze holen.«
Er ging ins Haus. Bascom sagte:
»Da -- was habe ich Ihnen gesagt? Nun, so muß man es machen, um Eckert
dran zu kriegen. Sie sehen, ich habe ihn geduldig gekirrt und seinen
Argwohn eingeschläfert. Mich freut es, daß wir hergekommen sind.
Erzählen Sie es nur den Jungens, wenn Sie nach Hause kommen. Eine Katze
Kokosnüsse fressen -- du guter Gott! Nun, das ist ganz genau seine Art
-- er tischt einem die abgeschmackteste Lüge auf und überläßt es seinem
Glückstern, wie er sich dann wieder herauswickelt. Eine Katze und
Kokosnüsse fressen -- der einfältige Narr!«
Eckert kam ganz zuversichtlich mit seiner Katze daher.
Bascom lächelte und meinte:
»Ich will die Katze halten -- bringen Sie eine Kokosnuß.«
Eckert öffnete eine und schnitt ein paar Stückchen davon ab. Bascom gab
mir verstohlen einen Wink und hielt der Mietze einen Schnitz vor. Sie
schnappte darnach, verzehrte ihn begierig und wollte dann noch mehr
haben.
Auf dem Heimweg ritten wir unsere zwei Meilen stillschweigend und
in weitem Abstand neben einander her. Ich wenigstens sprach nichts,
während Bascom seinem Pferd reichlich Püffe und Flüche verabreichte,
obwohl sich dasselbe ganz gut hielt. Als ich nach Hause abbog, meinte
Bascom:
»Behalten Sie nur das Pferd bis morgen früh. Und -- Sie brauchen den
Jungens nichts zu erzählen von -- dieser albernen Geschichte.«
Achtes Kapitel.
Gleich nachher richtete sich all unser Sinnen und Trachten darauf,
mit langgestrecktem Halse nach dem ›Ponyreiter‹[8] auszuschauen, dem
Eilboten, der mit der Briefpost in acht Tagen neunzehnhundert Meilen
weit über den Kontinent von St. Joseph bis nach Sakramento hinjagte!
Man stelle sich diese Leistung vor für Pferd und Reiter von Fleisch
und Blut! Der Ponyreiter war meist ein leibarmes Männchen, dabei aber
voll höchster Kühnheit und Ausdauer. Einerlei, zu welcher Tages-
oder Nachtzeit sein Dienst an ihn herantrat, und einerlei, ob es
Winter war oder Sommer, ob es regnete, schneite oder hagelte, ob sein
›Strich‹ ihn auf ebener gerader Straße führte, oder über halsbrechende
Felsklippen und Abgründe im Gebirge, ob durch friedliche Gegenden oder
durch solche, die von feindlichen Indianern wimmelten -- stets mußte
er bereit sein, in den Sattel zu springen und davon zu jagen wie der
Wind! Muße gab es für den Ponyreiter im Dienste niemals. Fünfzig Meilen
weit ritt er ohne anzuhalten, bei Tageshelle wie bei Mondenlicht,
bei Sternenschein oder im Dunkel der finstern Nacht, wie es gerade
kam. Das prächtige Tier, das er ritt, war ein geborener Renner und
wurde in Verpflegung und Nahrung gehalten wie ein Gentleman; zehn
Meilen weit hielt er es zur höchsten Schnelligkeit an, und wenn er
dann bei der Station angesaust kam, wo bereits zwei Mann ein frisches
feuriges Tier am Zügel hielten, so war der Reiter samt dem Postsack
in einem Augenblick umgestiegen, um sofort weiter zu jagen, so daß
Roß und Reiter dem Zuschauer aus dem Gesichte waren, ehe er sie recht
gesehen. Wie ein Flugfeuer huschten sie davon. Der Reiter war leicht
und knapp gekleidet; er trug eine Jacke ohne Schöße und eine kleine
Mütze, die Beinkleider hatte er in die Stiefel gesteckt wie die Reiter
bei den Rennen. Er führte keine Waffen bei sich -- überhaupt nichts,
was nicht durchaus notwendig war, denn selbst von den Briefen, die
er bei sich hatte, war »Stück für Stück fünf Dollars wert.« Er hatte
nur wenig gleichgültige Briefschaften zu befördern, seine Tasche
barg meistenteils Geschäftsbriefe. Sein Tier war ebenfalls jedes
überflüssigen Gewichts entledigt. Es trug einen Rennsattel, klein wie
eine Oblate, unter dem keine Decke sichtbar war, und ganz leichte
oder gar keine Hufeisen. Die kleinen, flachen, unter den Schenkeln
des Reiters festgeschnallten Brieftaschen faßten an Briefschaften
etwa soviel, als eine Kinderfibel Raum einnimmt. Sie enthielten viele
wichtige geschäftliche Mitteilungen und Zeitungskorrespondenzen, aber
sämtlich auf Papier so luftig und dünn wie Goldschaum, um damit an Raum
und Gewicht zu sparen. Während die Postkutsche innerhalb vierundzwanzig
Stunden hundert bis hundertfünfundzwanzig Meilen zurücklegte, machte
der Ponyreiter etwa zweihundertfünfzig in derselben Zeit.
[8] Diese, wie so manch andere Figur, welche Mark Twain in
diesem Buche schildert, hat Buffalo Bill mit seiner Truppe
den Europäern anschaulich vorgeführt.
Der Herausg.
Ungefähr achtzig Ponyreiter saßen beständig im Sattel, Nacht und Tag,
und bildeten eine lange, durch weite Strecken unterbrochene Linie vom
Missouri bis nach Kalifornien; vierzig derselben flogen gen Osten und
ebenso viele gen Westen, und vierhundert feurige Pferde verdienten
sich unter diesen Reitern mit Anspannung aller Kräfte ihr Futter und
bekamen dabei jeden Tag im Jahr ihr schönes Stück Gegend zu sehen.
[Illustration]
Wir hatten von Anfang an den ungeduldigen Wunsch gehegt, einen
Ponyreiter zu sehen, aber aus irgend welchem Grunde traf es sich stets,
daß dieselben, mochten sie von hinten an uns vorbei oder uns entgegen
kommen, während der Nacht vorüberschossen, so daß wir immer nur einen
Husch und ein Hallo vernahmen und das flüchtige Wüstenphantom bereits
entschwunden war, ehe wir den Kopf aus dem Fenster stecken konnten.
Aber nun war jeden Augenblick einer zu erwarten, den wir bei hellem
Tag zu sehen bekommen sollten. Eben ruft auch schon der Postillon:
»Da kommt er!« Alle Hälse recken sich länger und alle Augen öffnen
sich weiter. Weit weg jenseits der endlosen, toten Fläche der Prairie
erscheint ein schwarzer Punkt am Himmelsrande, der sich sichtlich
fortbewegt. Nun, und wie! Binnen einer oder zwei Sekunden wird Roß und
Reiter daraus, auf und ab geht es, auf und ab -- immer näher stürmt
es auf uns zu -- immer deutlicher wird es, immer schärfer umrissen --
noch immer näher kommt es, und das Klappern der Hufe schlägt schwach
an unser Ohr -- noch einen Augenblick, und vom Dach unseres Wagens
herab erschallt ein Hussa und ein Hurra, das der Reiter nur durch ein
Winken mit der Hand erwidert, dabei sausen Roß und Reiter an unsern
aufgeregten Blicken vorüber und fliegen wirbelnd dahin, wie ein
verspätetes Herbstblatt im Sturm. So schnell geht alles, so ganz wie
eine Geistererscheinung, daß wir ohne die Flocke weißen Schaums, die
zitternd und zerfließend noch an einem der Postbeutel hing, nachdem die
Erscheinung vorübergehuscht war, vielleicht allen Ernstes im Zweifel
gewesen wären, ob wir überhaupt wirklich ein Pferd mit einem Reiter
darauf gesehen.
* * * * *
Nun rasselten wir allmählich durch den Paß von Skotts Bluffs. Hier in
der Gegend trafen wir irgendwo zum erstenmal auf echtes unverkennbares
Alkaliwasser auf der Straße, das wir als eine Kuriosität ersten Ranges,
die sich in den Briefen an die armen Ofenhocker zu Hause mit Eklat
anbringen ließ, jubelnd begrüßten. Dieses Wasser ließ die Straße wie
seifig erscheinen, und an vielen Stellen sah der Boden aus, als wäre
er weiß getüncht. Ich glaube, das merkwürdige Alkaliwasser regte uns
mindestens ebenso sehr auf, als irgend eines der Wunder, auf die wir
zuvor gestoßen waren, und nachdem wir es in das Inventarium der Dinge
aufgenommen, die wir gesehen hatten und andere Leute nicht, waren
wir darüber voll selbstgefälliger Einbildung und sahen unser ganzes
Lebensschicksal mit zufriedeneren Augen an als zuvor. Wir waren
im kleinen ganz dieselben einfältigen Narren, wie die Leute, die
unnötigerweise die gefährlichen Kuppen des Montblanc und Matterhorn
erklettern, ohne einen andern Genuß davon zu haben als das Bewußtsein,
daß es keine gewöhnliche Leistung ist. Aber manchmal gleitet auch
einer von diesen Bergfexen aus und saust auf dem Sitzfleisch die ganze
Länge der Bergabhänge herunter, daß der gefrorene Schnee hinter ihm
raucht, fliegt von Absatz zu Absatz, von Terrasse zu Terrasse, so
daß er jedesmal den Boden aufwühlt an den Stellen, wo er aufschlägt;
dann glitscht er abermals aus und fliegt weiter, wobei er sich alle
Augenblicke einen Eiszapfen in den Leib rennt und seine Kleider in
Fetzen reißt; indem er nach irgend einem Gegenstand hascht, um sich zu
retten, hält er sich an den Bäumen fest, die er dann samt den Wurzeln
und allem sonstigen Zubehör mit sich fortreißt, bringt zuerst da und
dort ein kleines Felsstück, dann immer stärkere Brocken, endlich ganze
Eis- und Schneefelder und ganze Streifen Wald ins Rollen und sammelt
auf seiner Fahrt immer mehr um sich an, bis er schließlich inmitten
einer riesenhaften Masse an einem dreitausend Fuß tiefen Abgrunde
anlangt, um unter stolzem Hutschwenken auf dem Rücken einer mächtig
niederdonnernden Lawine der Ewigkeit zuzureiten!
Das ist alles recht schön, aber wir wollen uns nicht von der Aufregung
hinreißen lassen, sondern uns in aller Ruhe die Frage vorlegen, wie
es wohl so jemand am Tage nachher bei kühlerem Blute zu Mut ist, wenn
er sechs oder siebentausend Fuß tief unter Schnee und Geröll begraben
liegt?
Wir fuhren jetzt über die Sandhügel hin, in deren Nähe im Jahre 1856
der Ueberfall der Post und das Blutbad durch die Indianer stattfand,
wobei der Postillon und der Kondukteur sowie sämtliche Fahrgäste bis
auf einen einzigen umgekommen sein sollen; letzteres muß übrigens auf
Irrtum beruhen, denn ich habe in der Folge zu verschiedenen Zeiten
an der Küste des stillen Oceans mit vielleicht hundertdrei- oder
-vierunddreißig verschiedenen Leuten Bekanntschaft gemacht, die alle
bei dem Blutbad verwundet worden und kaum mit dem Leben davon gekommen
waren. Ein Zweifel an der Wahrheit war in keinem dieser Fälle möglich,
-- ich hatte es jedesmal aus des Betreffenden eigenen Munde. Einer der
Herren erzählte mir, er sei nahezu sieben Jahre lang nach dem Blutbad
immer noch auf Pfeilspitzen in seinem Körper gestoßen, und ein anderer
berichtete, er sei dermaßen mit Pfeilen gespickt gewesen, daß er nach
dem Abzug der Indianer, als er wieder auf die Beine gekommen und sich
habe betrachten können, die Thränen nicht zurückzuhalten vermocht habe,
-- sein Anzug sei nämlich gänzlich zu Grunde gerichtet gewesen.
Die glaubwürdigste Ueberlieferung versichert, es habe nur ein
Mann Namens Babbitt das Blutbad überlebt, und zwar mit einer
lebensgefährlichen Verwundung. Auf den Händen und dem einen Knie
(sein eines Bein war gebrochen) schleppte er sich mehrere Meilen
weit bis an eine Station. Er vollbrachte dies stückweise in zwei
aufeinanderfolgenden Nächten, wobei er sich einen Tag ganz und
den andern zum Teil versteckt hielt und über vierzig Stunden lang
durch Hunger, Durst und Schmerzen unbeschreibliche Qualen litt. Die
Indianer plünderten die Post vollständig aus, wobei ihnen ein nicht
unbedeutender Betrag an Wertsachen und Geld in die Hände fiel.
Neuntes Kapitel.