eine Bezeichnung, die er sicherlich einer höheren Eingebung verdankte.
Es sollte eigentlich Thee vorstellen, aber es enthielt denn doch gar zu
viel Spüllumpenreste, Sand und eine alte Speckschwarte, um den kundigen
Reisenden hinters Licht zu führen. Zucker und Milch hatte er nicht,
nicht einmal einen Löffel, um die besagten Bestandteile umzurühren. Wir
waren weder imstande, Brot und Speck zu essen, noch den ›Slumgullion‹
zu trinken. Beim Anschauen des melancholischen Essigfläschchens fiel
mir eine alte Anekdote ein (die schon in jenen Tagen recht alt war) von
einem Reisenden, der sich an eine Tafel setzte, auf der nichts als eine
Makrele und ein Senftopf standen. Er fragte den Wirt, ob das alles sei.
Der Wirt entgegnete:
»Alles?! Ei, potz Donner und Blitz, ich dächte, an der Makrele da
könnten Sechse satt werden!«
»Aber ich esse Makrelen nicht gern.«
»O, dann halten Sie sich eben an den Senf.«
Sonst hatte ich diese Anekdote gut, sehr gut gefunden, allein hier nahm
dieselbe eine solch betrübende Glaubhaftigkeit an, daß aller Spaß dabei
aufhörte.
Da stand unser Frühstück vor uns, unsere Kauwerkzeuge traten jedoch
trotzdem nicht in Thätigkeit.
Ich versuchte und roch; dann sagte ich, ich meine, ich möchte
lieber Kaffee nehmen. Der Herbergsvater stierte mich sprachlos an;
schließlich, als er wieder bei sich war, wandte er sich ab und sagte
mit einem Ausdruck, als wenn die Sache seine Fassungskraft völlig
überstiege: »Kaffee! nee, wenn mir das nicht über die Hutschnur geht,
so will ich verd... sein!«
Essen konnten wir nicht und eine Unterhaltung fand unter den
Hausknechten und Viehhirten nicht statt -- wir saßen nämlich alle an
demselben Tisch. Wenigstens beschränkte sich die Unterhaltung darauf,
daß dann und wann einer der Bediensteten an den anderen irgend ein
Verlangen stellte. Dies geschah stets in derselben Form und zwar mit
einer rauhen Freundlichkeit. Durch ihre westliche Frische und Neuheit
erweckte dieselbe anfangs meine Verwunderung und Teilnahme, bald aber
wurde sie eintönig und verlor ihren Reiz auf mich.
Da hieß es: »Gieb einmal das Brot her, du Sohn eines Stinktiers!« Doch
nein -- es lautete nicht Stinktier; ich meine, es sei noch stärker
gewesen; ja, es ist sogar gewiß so, allein es ist meinem Gedächtnis
mittlerweile entschwunden. Nun, das macht nichts, jedenfalls war es
ja wohl für den Druck zu stark. In meinem Gedächtnis bildet dieser
Ausdruck den Grenzstein, der mir sagt, wo ich zuerst auf das kräftige,
neue Idiom der Ebenen und Berge des Westens stieß.
Wir verzichteten auf das Frühstück, zahlten jeder unsern Dollar
und kehrten zu den Postsäcken in der Kutsche zurück, wo wir Trost
in unsern Pfeifen fanden. Gerade an jener Station mußte sich unser
fürstlicher Aufzug die erste Einbuße gefallen lassen, indem wir unsere
sechs Pferde zurückließen und dafür sechs Maultiere bekamen. Aber es
waren wilde mexikanische Burschen, deren jedes von einem Mann am Kopf
festgehalten werden mußte, so lange der Kutscher die Handschuhe anzog
und sich fertig machte. Ergriff dieser dann endlich die Zügel und gab
das Zeichen zum Aufbruch, so sprangen die Männer schnell zur Seite und
ließen die Tiere los und nun sauste die Kutsche vom Posthause weg wie
aus der Kanone geschossen. Wie die aufgeregten Tiere dahinjagten! Es
war ein wilder, toller Galopp, und aus dieser Gangart kamen sie nicht
heraus, bis wir zehn oder zwölf Meilen weit gerast waren und an der
nächsten Gruppe von Stationshütten und Ställen vorfuhren. So ging es
mit Windeseile weiter den ganzen Tag. Um zwei Uhr nachmittags kam der
Waldgürtel in Sicht, der den North-Platte umsäumt und dessen Windungen
durch die ungeheuren, völlig flachen Ebenen andeutet. Um vier Uhr
kreuzten wir einen Arm des Platte, um fünf Uhr diesen selbst und
hielten in Fort Kearny, nach einer Fahrt von sechsundfünfzig Stunden
von St. Joseph, dreihundert Meilen von dort entfernt.
Das also war die Postfahrt auf der großen Ueberlandroute vor zehn oder
zwölf Jahren, als wohl keine zehn Menschen in ganz Amerika zusammen
daran glaubten, daß sie einmal den Bau einer Eisenbahn auf dieser Route
nach dem Stillen Ozean erleben würden. Aber nun ist die Bahn wirklich
vorhanden, und es ruft tausend merkwürdige Vergleiche und Kontraste in
meinem Geiste wach, wenn ich in der ›New York Times‹ die nachstehende
Skizze einer Reise fast genau über die in meiner Beschreibung
geschilderten Oertlichkeiten lese. Ich vermag die neuen Verhältnisse
kaum zu fassen.
»Quer über den Kontinent.«
»Um vier Uhr zwanzig Minuten eines Sonntags-Nachmittags rollten
wir von der Station Omaha weg, um unsere lange Fahrt nach
dem Westen anzutreten. Nach Verfluß einiger Stunden wurde
die Hauptmahlzeit angesagt -- ein Ereignis für jeden, der
noch nicht aus Erfahrung weiß, was es heißen will, in einem
der Pullmannschen Hotels auf Rädern zu speisen. Wir betraten
also den nächsten Wagen vor unserem Schlafpalast und befanden
uns im Speisewagen. Es war eine ungeahnte Ueberraschung für
uns, dieses erste Sonntagsessen -- und obwohl wir noch vier
Tage lang an der Mittagstafel speisten und jedesmal Frühstück
und Abendessen nahmen, war unsere ganze Gesellschaft doch
fortwährend voll Bewunderung über die vollendete Einrichtung
und die großartigen Leistungen. Auf schneeweiß gedeckten und
mit gediegenem Silbergerät besetzten Tafeln trugen äthiopische
Kellner in fleckenlosem Weiß mit zauberhafter Schnelligkeit
ein Mahl auf, dessen selbst Delmonico sich nicht zu schämen
gebraucht hätte. Ja, in manchen Punkten möchte es diesem
hervorragenden Kochkünstler schwer gefallen sein, es unserer
Speisekarte gleich zu thun; denn hatten wir nicht neben allem
dem was sonst zu einem Diner ersten Rangs gehört, noch unser
Antilopensteak (ein Feinschmecker, der dies nicht aus Erfahrung
kennt -- bah, was weiß der von Tafelgenüssen?) unsere köstliche
Gebirgsbachforelle, auserlesenes Obst und Beeren und (als
feinste Beilage, aber nicht für Geld zu haben) unsere süß
duftende appetiterregende Prairieluft? Man darf überzeugt sein,
daß wir den Herrlichkeiten Ehre widerfahren ließen, und als wir
sie mit Kelchen voll perlenden Schaumweins hinunterspülten,
während wir dreißig Meilen in der Stunde durchflogen, mußten
wir bekennen, daß uns ein flotteres Leben niemals vorgekommen.
Noch mehr leisteten wir übrigens zwei Tage darauf, als wir
siebenundzwanzig Meilen in eben so vielen Minuten zurücklegten,
während aus unseren bis zum Rand gefüllten Champagnerkelchen
nicht ein Tropfen überfloß. Nach der Mahlzeit zogen wir uns
in unseren Salonwagen zurück, wo wir den Sonntag-Abend durch
Absingung einiger schönen alten Kirchenlieder feierten.
Lieblich klangen die Männer- und Frauenstimmen in der
Abendluft zusammen, während unser Zug mit seinem großen grell
aufleuchtenden Polyphemsauge weithin die Prairie erhellend
in Nacht und Wildnis hineinjagte. Dann zu Bett auf üppiger
Lagerstatt, wo wir den Schlaf der Gerechten schliefen bis zum
nächsten Morgen um 8 Uhr, um beim Uebergang über den North
Platte zu erwachen, dreihundert Meilen von Omaha, zurückgelegt
in fünfzehn Stunden und vierzig Minuten.«
Fünftes Kapitel.
Abermals eine Nacht, die abwechselnd Ruhe und Unruhe brachte. Aber der
Morgen kam doch nach und nach heran. Abermals ein solches Erwachen
inmitten frischer Lüfte, endlos sich ausdehnender grüner Flächen,
strahlenden Sonnenscheins, einer ergreifenden, aller sichtbaren
menschlichen Wesen und Wohnstätten baren Einsamkeit und einer
Atmosphäre von so merkwürdig vergrößernden Eigenschaften, daß Bäume
in mehr als drei Meilen Entfernung scheinbar dicht vor uns standen.
Wir machten es uns wieder leicht, kletterten auf das Dach unseres
dahinfliegenden Wagens, ließen die Beine auf der Seite herunterhängen,
riefen gelegentlich einmal unseren tollen Maultieren zu, lediglich um
zu sehen, wie sie die Ohren zurücklegten und noch flinker dahinstoben,
banden unsre Hüte fest, damit uns der Wind die Haare nicht wegblase,
und hielten Ausschau über den unermeßlichen Teppich, der sich um uns
ausbreitete, nach beachtenswerten neuen und merkwürdigen Dingen. Noch
heute durchströmt mein ganzes Wesen ein Wonnegefühl bei dem Gedanken
an das Leben, die Fröhlichkeit und das unbändige Freiheitsgefühl,
welche an diesen herrlichen Morgen auf unserer Fahrt meine Pulse höher
schlagen ließen.
[Illustration]
Später, etwa eine Stunde nach dem Frühstück, erblickten wir die
ersten Dörfer von Prairiehunden, die erste Antilope und den ersten
Wolf. Wenn ich mich recht entsinne, war dieser letztere der richtige
Cayote der entlegeneren Wüsten. Und wenn dem so war, so war derselbe
weder ein hübsches, noch auch ein respektables Geschöpf; ich machte
nämlich später genaue Bekanntschaft mit seiner Sippe und kann daher
mit Bestimmtheit sprechen. Der Cayote ist ein langes, schmächtiges,
krank und trübselig aussehendes, mit einem grauen Wolfsfell überzogenes
Gerippe mit leidlich buschiger Rute, die stets mit einem verzweifelten
Ausdruck von Not und Elend herabhängt, mit scheuem, tückischem Blick
und langem, spitzem Gesicht und einer etwas emporgezogenen Lippe,
so daß das Gebiß zum Vorschein kommt. Sein ganzes Wesen hat etwas
Schleichendes an sich. Der Cayote ist eine lebendige Verkörperung
der Not. Er ist _stets_ hungrig. Er ist stets arm, ohne Glück und
ohne Freund. Die geringsten Geschöpfe verachten ihn, und wenn die
Flöhe die Wahl hätten zwischen ihm und einem Velociped, würden sie
letzteres vorziehen! Er ist so mutlos und feige, daß sein ganzer
übriger Gesichtsausdruck für die Drohung um Verzeihung bittet, die man
in seinem Zähnefletschen finden könnte. Und wie häßlich ist er! --
so räudig, so klapperdürr, so struppig und erbärmlich. Wenn er einen
erblickt, so zieht er die Lippe ein wenig empor und bleckt die Zähne,
biegt etwas von seinem Wege ab, duckt den Kopf ein bißchen und schlägt
einen langgestreckten, lautlosen Trab durch die Salbeibüsche an; dabei
schaut er von Zeit zu Zeit über die Schulter nach einem zurück, bis
er ungefähr aus der gewöhnlichen Pistolenschußweite ist; dann macht
er Halt und faßt einen scharf ins Auge; darauf trabt er fünfzig Ellen
weiter und hält wieder an und so noch einmal, bis endlich das Grau
seines dahingleitenden Körpers sich mit dem Grau der Salbeibüsche
mischt und verschwindet. Alles dies ist der Fall, wenn man keine
Demonstration gegen ihn macht; geschieht dies aber, dann entfaltet
er ein lebhafteres Interesse an seinem Aufbruch, elektrisiert seine
Fußsohlen und entfernt sich so schnell von unserer Waffe, daß man, bis
der Hahn gespannt ist, schon sieht, daß eine Miniébüchse nötig wäre,
und bis man ihn in Schußlinie hat, findet, daß er einer gezogenen
Kanone bedürfte, und man, bis er aufs Korn genommen ist, sich sagen
muß, daß ihm jetzt höchstens noch ein ungewöhnlich langgezackter
Blitzstrahl beikommen könnte. Läßt man einen schnellfüßigen Hund auf
ihn los, so verschafft man sich ebenso viel Vergnügen -- besonders,
wenn der Hund eine gute Meinung von sich hat und aufs Laufen dressiert
ist. Der Cayote wird mit sanftem Schwung in jenen trügerischen Trott
verfallen und dabei in kurzen Zwischenräumen ein arglistiges Lächeln
über die Achsel zurücksenden, das den Hund ganz mit Mut und weltlichem
Ehrgeiz erfüllt, so daß er den Kopf noch tiefer senkt, den Hals noch
weiter vorstreckt, noch wilder keucht, den Schweif noch gerader
hinausstreckt und seine Beine mit noch tollerer Eile tanzen läßt,
bis eine immer breitere, höhere und dichtere Wolke von Wüstensand
hinter ihm aufwirbelt und seinen weiten Weg über die ebene Fläche
bezeichnet! Und diese ganze Zeit über ist der Hund nur elende zwanzig
Fuß hinter dem Cayote drein, und -- gälte es das Heil seiner Seele --
er begreift nicht, warum der Abstand nicht merklich kleiner werden
will; und er ärgert sich allmählich und wird schließlich immer toller,
wenn er sieht, wie sanft der Cayote dahingleitet ohne Keuchen, ohne
Schwitzen und unter fortwährendem Lächeln; und er wird noch immer
entrüsteter, wenn er sieht, wie schmählich er sich von einem völlig
Fremden hat anführen lassen und was für ein schnöder Schwindel dieser
langgestreckte, sanfte, leisetretende Trab ist. Das nächste, was er
sodann merkt, ist, daß er zu ermatten anfängt und daß der Cayote in der
That seine Gangart etwas mäßigen muß, um ihm nicht davon zu laufen;
-- jetzt aber ist dieser Stadthund allen Ernstes aus dem Häuschen,
er bietet seine Kräfte auf unter Heulen und Fluchen, und wirbelt den
Sand toller auf als je, um dem Cayote mit verzweifelter Anstrengung
beizukommen. Infolge dieser Kraftleistung befindet er sich nun sechs
Fuß hinter seinem davongleitenden Feinde und zwei Meilen weit von
seinen Freunden. Als gerade eine neue wilde Hoffnung in seinem Gesichte
aufleuchtet, kehrt sich der Cayote noch einmal nach ihm um mit sanftem
Lächeln und einem Ausdruck, als wollte er sagen: »Nun, ich werde
mich wohl von dir losreißen müssen, mein Junge -- allein Geschäft
ist Geschäft, und ich kann unmöglich den ganzen Tag mit solchen
Narrenpossen vertrödeln« -- im nächsten Augenblick hört man etwas durch
die Luft sausen und siehe da, einsam und allein steht der Hund mitten
in der grenzenlosen Einöde!
In seinem Kopf wirbelt es. Er hält an und schaut sich rings um; er
klettert auf den nächsten Sandhügel und blickt ins Weite; er schüttelt
nachdenklich den Kopf, dann macht er lautlos Kehrt und jagt zu seiner
Gesellschaft zurück, wo er sich einen bescheidenen Platz unter dem
hintersten Wagen sucht, sich unsäglich erbärmlich vorkommt und vor
lauter Beschämung den Schwanz eine ganze Woche lang auf Halbmast trägt.
Und wenn vielleicht nach Jahr und Tag wieder einmal ein gewaltiger Lärm
und großes Geschrei hinter einem Cayote her losgeht, dann wird dieser
Hund nur einen gelassenen Blick nach der Richtung werfen und ohne
Zweifel bei sich selbst bemerken: »Ich glaube, ich danke für Obst.«
Der Cayote lebt hauptsächlich in den trostlosesten unwirtlichsten
Wüsten mit der Eidechse, dem Eselskaninchen und dem Raben zusammen, wo
er sich einen ungewissen und fragwürdigen Unterhalt verdient.
Er lebt anscheinend ausschließlich von den Leichnamen von Ochsen,
Maultieren und Pferden, die bei Auswandererzügen gefallen und verendet
sind, von unverhofft sich darbietendem Aas und gelegentlichen
Vermächtnissen von Abfall, die ihm von weißen Leuten hinterlassen
werden, welchen ihre Verhältnisse gestatteten, etwas Besseres
aufzuschneiden als ranzigen Soldatenspeck.
Er frißt alles, was seine nächsten Vettern, die Indianerstämme der
Wüste, essen; und die essen alles, was sie zu beißen imstande sind.
[Illustration]
Der Cayote der Wüsten jenseits der Felsengebirge ist besonders
übel daran, weil nämlich seine Verwandten, die Indianer, gerade so
geschickt darin sind, wie er selbst, zuerst einen verführerischen
Duft in der Wüstenluft zu entdecken und dem Geruche nachzugehen, bis
sie den verewigten Ochsen aufgefunden haben, von welchem derselbe
aufsteigt; und in solchem Falle muß er damit vorlieb nehmen, in
einiger Entfernung sich hinzusetzen und zuzusehen, wie diese Leute
alles Eßbare abstreifen und herausbohren und es mit fort nehmen.
Dann untersucht er in Gemeinschaft mit den Raben das Knochengerüst
und nagt dasselbe vollends blank ab. Man betrachtet es als einen
Beweis für die Blutsverwandtschaft zwischen dem Cayote, dem Aasvogel
und dem Indianer der Wüste, daß sie in der Wildnis im Verhältnis
vollkommener Vertraulichkeit und Freundschaft zusammen hausen, während
sie alle andern Geschöpfe hassen und ihnen den Tod wünschen. Der
Cayote macht sich nichts daraus, zu seinem Frühstück hundert und zu
seinem Mittagessen hundertfünfzig Meilen zurückzulegen, denn er weiß
aus Erfahrung, daß von einer Mahlzeit zur andern drei bis vier Tage
vergehen, und so mag er ebensowohl auf Reisen gehen und sich die Gegend
ansehen, als unthätig herumliegen und seinen Eltern zur Last fallen.
Wir lernten bald das scharfe, boshafte Gebell des Cayote unterscheiden,
wenn derselbe des Nachts über die finstere Ebene daherkam und uns
in unsern Träumen zwischen den Postsäcken störte; und beim Gedanken
an seine elende Erscheinung und sein hartes Los wünschten wir ihm
ernstlich das seltene Glück eines Tages voll guter Beute und einer
unerschöpflichen Speisekammer für morgen.
Sechstes Kapitel.
Unser neuer, eben aufgestiegener Kondukteur hatte seit vierundzwanzig
Stunden nicht geschlafen. Derartiges kam sehr häufig vor. Von St.
Joseph in Missouri bis Sakramento in Kalifornien betrug der Weg mit
der Postkutsche nahezu neunzehnhundert Meilen, und die Tour wurde
häufig in fünfzehn Tagen gemacht (die Eisenbahn besorgt es jetzt in
vier und einem halben,) während die in den Postverträgen verabredete
und in den Zusatzbestimmungen verlangte Zeit, wenn ich mich recht
erinnere, achtzehn bis neunzehn Tage betrug. Damit sollte den durch
Winterstürme, Schneefälle und sonstige unvermeidliche Umstände
verursachten Verzögerungen billige Rechnung getragen werden. Die
Postgesellschaft hielt alles unter strenger Aufsicht und in guter
Ordnung. Ueber eine Wegstrecke von je zweihundertfünfzig Meilen war
ein mit großer Machtfülle bekleideter Agent oder Oberaufseher gesetzt.
Die Strecke selbst führte den Namen ›Division‹. Er kaufte Pferde,
Maultiere, Geschirr und Lebensmittel für Menschen und Tiere ein
und verteilte diese Gegenstände von Zeit zu Zeit auf die einzelnen
Stationen nach seinem Ermessen. Er ließ Stationsgebäude errichten
und Brunnen graben. Er besorgte die Auslöhnung der Stationswirte,
Hausknechte und Hufschmiede, die er sämtlich nach Gutdünken entlassen
durfte. Er war ein sehr großer Mann innerhalb seiner ›Division‹ --
eine Art Großmogul, ein Sultan, in dessen Gegenwart die gemeinen
Leute Bescheidenheit in Rede und Wesen annahmen und im Glanz von
dessen Größe selbst der leuchtende Postillon zu einem Pfennigbüchlein
zusammenschwand. Etwa acht solcher Könige gab es alles in allem auf der
ganzen Ueberlandstrecke.
Gleich nach dem Divisionsagenten an Rang und Wichtigkeit kam der
Kondukteur. Sein Bezirk war ebenso groß wie der des ersteren --
zweihundertfünfzig Meilen. Er hatte seinen Platz beim Kutscher und
durchfuhr nötigenfalls diese furchtbare Strecke Tag und Nacht ohne
andere Ruhe oder Schlaf, als wie er sie oben auf dem dahinfliegenden
Fuhrwerk hockend haben konnte. Man stelle sich das vor! Er war
unbedingt verantwortlich für die Postsachen, das Eilgut, die
Passagiere und den Postwagen bis zur Uebergabe an seinen Nachmann
gegen Bescheinigung. Er mußte demzufolge ein Mann von natürlichem
Verstand, Entschiedenheit und beträchtlicher Geschäftsgewandtheit
sein. Gewöhnlich war es ein ruhiger, freundlicher Mensch, der seine
Obliegenheiten eifrig erfüllte und ein ziemlich wohlerzogenes Wesen
an sich hatte. Der Divisionsagent brauchte nicht durchaus notwendig
ein gebildeter Mann zu sein, und in der That war er dies nicht immer.
Dagegen kam er an Befähigung zum Verwaltungsdienst stets einem General,
und an Mut und Entschlossenheit einer Bulldogge gleich, andernfalls
würde ihm der Oberbefehl über das gesetzlose Unterpersonal der
Ueberlandpost in keinem Falle etwas anderes eingebracht haben, als nach
einem Monat voll Unverschämtheiten und Widerwärtigkeiten zum Beschluß
eine Kugel und einen Sarg. Auf der ganzen Strecke gab es ungefähr
sechzehn oder achtzehn Kondukteure, denn täglich ging ein Wagen in
jeder Richtung und bei jedem war ein Kondukteur.
Zunächst nach dem letzteren kam an amtlichem Rang und Ansehen mein
Liebling, der Postillon -- wir haben aber bereits gesehen, daß in den
Augen der großen Menge der Postillon gegenüber dem Kondukteur dastand,
wie der Admiral neben dem Kapitän des Flaggschiffes. Die Dienststrecke
des Postillon war eine ziemlich lange und seine Schlafzeit auf den
Stationen manchmal sehr kurz, und hätte ihn der Glanz seiner imposanten
Stellung nicht einigermaßen entschädigt, so wäre sein Leben ein ebenso
trauriges wie hartes und aufreibendes gewesen. Wir bekamen jeden Tag
oder jede Nacht einen neuen Postillon (denn jeder derselben befuhr
stets dieselbe Strecke hin und zurück) und wurden daher mit diesen
Leuten nie so gut bekannt wie mit den Kondukteuren; abgesehen davon,
daß es die Postillone meist unter ihrer Würde hielten, sich mit solchem
Lumpenpack, wie Passagiere, gemein zu machen. Doch waren wir, so oft
der Dienst wechselte, begierig, den neuen Postillon zu Gesicht zu
bekommen, denn einen Tag wie den andern waren wir entweder froh, einen
unangenehmen los zu werden, oder betrübt über den Abschied von einem,
den wir liebgewonnen hatten und mit dem wir auf einen gemütlichen und
freundschaftlichen Fuß gekommen waren.
So war stets an den Plätzen, wo wir einen neuen Kutscher bekamen,
unsere erste Frage an den Kondukteur: »Was ist's für einer?« --
Das war vielleicht kein guter Stil, allein wir konnten damals noch
nicht wissen, daß das einstmals gedruckt würde. So lange alles glatt
ablief, war der Ueberland-Postillon noch ziemlich gut daran, wurde
jedoch ein Kollege von ihm plötzlich krank, dann war er übel dran;
denn die Post _mußte_ weiter und so durfte denn der hohe Herr, der
eben herunterklettern und üppiger Ruhe pflegen wollte nach seiner
langen nächtlichen Sitzung in Wind, Regen und Finsternis, bleiben,
wo er war und den Dienst für den Erkrankten versehen. Als ich einst
im Felsengebirge einen Postillon fest auf dem Bocke schlafend traf,
während die Maultiere in ihrer gewohnten halsbrechenden Gangart
dahinstürmten, meinte der Kondukteur: »Na, lassen Sie ihn nur, es ist
keine Gefahr dabei und er thut doppelten Dienst -- ist fünfundsiebzig
Meilen mit einem Wagen gefahren und geht jetzt dieselbe Strecke zurück,
unausgeruht und ungeschlafen.«
Hundertfünfzig Meilen weit sechs bösartige Maultiere im Zaum zu halten,
daß sie nicht die Bäume hinauflaufen! Es klingt unglaublich, aber ich
bin dieser Mitteilung ganz sicher.
Die Stationsleute, Hausknechte u. s. w. waren gemeine rohe Menschen,
wie bereits erwähnt, und vom westlichen Nebraska bis Nevada durfte man
eine beträchtliche Anzahl derselben getrost als gesetzloses Gesindel
-- Flüchtlinge vor der Justiz, als Verbrecher bezeichnen, die sich am
sichersten in einem Landstrich fühlten, wo es kein Gesetz gab und wo
man nicht einmal Anspruch auf dergleichen machte.
Wenn der Abteilungsagent einem von dieser Gesellschaft einen Befehl
erteilte, so war er sich dabei stets vollkommen bewußt, daß er solchen
möglicherweise mit seinem Revolver werde durchsetzen müssen, und so war
er denn stets gerüstet, um die Dinge im richtigen Geleise zu erhalten.
Dann und wann war ein solcher Agent wirklich genötigt, einem Hausknecht
irgend eine einfache Sache durch einen Schuß in den Kopf verständlich
zu machen, die er ihm unter andern Umständen und in anderer Umgebung
mittels eines Prügels hätte beibringen können. Allein, es waren
eben schneidige, gescheite Leute, diese Agenten, und wenn sie einem
Untergebenen etwas begreiflich machen wollten, »so ging es diesem in
der Regel in den Kopf.«
Am fünften Tage um Mittag gelangten wir beim Uebergang über den South
Platte nach ›Julesburg‹ ~alias~ ›Overland City‹, vierhundertsiebzig
Meilen von St. Joseph, das merkwürdigste, sauberste, putzigste
Grenzstädtchen, auf welches unsere ungereisten Augen jemals ihre
erstaunten Blicke gerichtet.
Siebentes Kapitel.
Nach einer für unser Gefühl so langen Bekanntschaft mit einer tiefen,
stillen, fast leblosen und unbewohnten Einöde berührte uns der Anblick
einer Stadt ganz merkwürdig! Wir stolperten hinaus auf die belebte
Straße und es war uns dabei zu Mut, als seien wir von einem fremden
Weltkörper herabgeflogen und plötzlich auf dieser Erde erwacht. Eine
ganze Stunde lang musterten wir Overland City mit einem Interesse, als
hätten wir in unserem Leben noch nie eine Stadt gesehen. Wir hatten
nämlich eine Stunde übrig, weil wir hier unsere Kutsche mit einem
minder anspruchsvollen Fuhrwerke -- einem sogenannten Dreckwagen --
vertauschten und die Frachtstücke ausgeladen werden mußten.