Es war jetzt eben Morgendämmerung, und als wir unsere ermüdeten

Beine ihrer vollen Länge nach auf den Postsachen ausgestreckt hatten

und durch die Fenster über die weiten, öden, grünen, in kühlen,

rauchartigen Nebel gehüllten Grasflächen nach dem verheißungsvollen

Lichtstreifen am östlichen Himmelsrande hinschauten, ging das

vollkommene Wohlbehagen, das wir empfanden, in ein stilles, seliges

Entzücken über. Rasselnd sauste der Wagen die Straße entlang, der

Luftzug blies die Vorhänge auf und ließ unsere aufgehängten Röcke

höchst vergnüglich flattern; die Wiege schaukelte und schwankte

großartig, dazu erklang als Musik das Trappeln der Pferdehufe, das

Peitschenknallen des Postillons und sein anfeuerndes ›Hü, Hussa!‹

Der Boden unter uns und die Bäume an der Straße schienen uns im

Vorüberfliegen ein stummes Hurrah zuzurufen, um dann plötzlich zu

erlahmen und uns mit einem Ausdruck nachzublicken, von dem man nicht

recht wußte, war es Teilnahme oder Neid oder was sonst; und als wir nun

so dalagen, die Friedenspfeife rauchend, und alle diese Herrlichkeiten

mit den Jahren unseres früheren mühseligen Stadtlebens verglichen,

fühlten wir, daß es nur _ein_ vollkommen befriedigendes Glück auf der

Welt gebe und daß uns das zuteil geworden.

Nach dem Frühstück auf einer Station, deren Namen mir entfallen ist,

kletterten wir drei auf den Sitz hinter dem Kutscher und überließen

dem Kondukteur unser Bett zu einem Schläfchen. Als mich die Sonne

allmählich schläfrig machte, legte ich mich auf dem Wagendach auf

das Gesicht, hielt mich an dem dünnen Eisengeländer fest und gab mich

eine Stunde oder mehr dem Schlafe hin. Man wird sich darnach eine

Vorstellung von der unvergleichlichen Güte der dortigen Straßen machen

können. Instinktmäßig greift man im Schlafe nach dem Gitter, sobald der

Wagen stößt; so lange derselbe bloß wiegt und schaukelt, ist dieses gar

nicht nötig. Die Kutscher und Kondukteure der Ueberlandpost schliefen

bei guter Straße oft auf ihrem Sitz in einem Zuge dreißig bis vierzig

Minuten lang, während wir acht bis zehn Meilen in der Stunde machten.

Das habe ich oft mit angesehen. Es war ganz ungefährlich. Unfehlbar

wird sich der Schlafende am Gitter halten, wenn der Wagen stößt. Die

Leute hatten strengen Dienst und konnten nicht fortwährend wach bleiben.

Wir fuhren nun nach einander durch Marysville über den Big Blue und

den Little Sandy, dann etwa nach einer weiteren Meile waren wir in

Nebraska. Nach wiederum etwa einer Meile befanden wir uns am Big

Sandy -- hundertachtzig Meilen von St. Joseph. Gegen Sonnenuntergang

erblickten wir das erste Exemplar eines Tieres, das auf der ganzen

zweitausend Meilen langen Strecke von Kansas bis hart an den stillen

Ozean unter dem Namen Eselskaninchen bekannt ist. Dieser Name ist

ganz bezeichnend. Es gleicht völlig einem gewöhnlichen Kaninchen, nur

ist es um ein Drittel größer oder wohl auch doppelt so groß, hat im

Verhältnis zu seiner Größe längere Beine und die widersinnigsten Ohren,

welche die Natur irgend einem Geschöpfe angesetzt hat außer dem Esel.

Wenn es ruhig dasitzt und an seine Sünden denkt oder geistesabwesend

ist oder keine Gefahr ahnt, so ragen seine mächtigen Ohren weithin

sichtbar auf; allein das Brechen eines Zweiges genügt, um ihm einen

tödlichen Schrecken einzujagen und dann legt es seine Ohren hübsch

zurück und drückt sich heimwärts. Man sieht zunächst nichts mehr von

ihm als seine langgestreckte, graue Gestalt, die blitzschnell durch die

niedrigen Salbeibüsche hinschießt. Der Kopf ist aufgerichtet, die Augen

stehen gerade aus und die Ohren sind ein wenig nach hinten gesenkt.

An letztern bemerkt man stets, wo das Tier sich befindet. Dann und

wann setzt es mit seinen langen Beinen hoch über die verdorrten Büsche

weg mit einem gewaltigen Sprung, um den ein Pferd es beneiden könnte.

Nach einiger Zeit verfällt es in einen anmutigen, gestreckten Trab, um

plötzlich in rätselhafter Weise zu verschwinden. Es hat sich hinter

einen Salbeibusch geduckt, wo es lauschend und zitternd sitzen bleibt,

bis man ihm auf sechs Fuß nahe ist, um dann abermals auf und davon zu

gehen. Will man das Tier jedoch in seiner ganzen bezaubernd großartigen

Schnelligkeit bewundern, so muß man auf dasselbe schießen.

Wir jagten unser Exemplar gehörig ins Bockshorn, wie unser Kondukteur

sich ausdrückte. Der Sekretär jagte es mit einem Schuß aus seiner

Waffe auf, dann begann ich mit der meinen nach ihm zu spucken und

zugleich krachte die ganze Breitseite des alten ›~Allen~‹ prasselnd

los, und da ist es denn nicht zu viel gesagt, daß das Kaninchen

rein toll war. Es senkte die Ohren, hob den Schwanz und verschwand

mit Blitzesschnelligkeit in der Richtung auf St. Francisco. Lange

nachher hörten wir es noch durch die Luft sausen. Wann wir zuerst auf

Salbeigebüsch trafen, weiß ich nicht mehr, allein da ich dasselbe

einmal erwähnt habe, so kann ich es auch gleich beschreiben. Das ist

leicht gethan, denn man braucht sich nur einen knorrigen, ehrwürdigen

Eichbaum zu einem Strauche von zwei Fuß Höhe verkleinert zu denken

samt seiner rauhen Rinde, seinem Laubwerk, seinen gewundenen Aesten,

kurz allem, was dazu gehört, um sich eine genaue Vorstellung vom

Salbeibusch zu machen. Es ist der König der Wälder in höchst zierlicher

Miniaturausgabe, dieser Salbeibusch. Sein Laub ist von einem

gräulichen Grün und verleiht der Wüste und dem Gebirge allerorten

diesen Farbenton. Die Blätter riechen und schmecken wie die des zahmen

Salbei. Der Strauch ist eine merkwürdig zähe Pflanze und wächst mitten

im tiefen Sande wie in kahlem Felsgestein, wo außerdem vom ganzen

Pflanzenreiche höchstens noch das sogenannte Bunchgras sein Fortkommen

suchen würde. (Dies letztere wächst an den frostigen Bergabhängen

Nevadas und der angrenzenden Gebiete und bietet selbst im Winter unter

dem Schnee ein treffliches Viehfutter, das nach der Versicherung der

Viehzüchter an Nährwert fast alle sonst bekannten Sorten von Gras und

Heu übertrifft.)

Die Büsche stehen drei bis sechs oder sieben Fuß weit von einander

und überziehen Gebirge und Wüsten des fernen Westens bis hart an die

kalifornische Grenze. Kein Baum irgend welcher Gattung auf Hunderte

von Meilen, überhaupt kein Pflanzenwuchs, ist in der richtigen Wüste

zu finden, außer dem Salbeibusch und seinem Vetter, dem ›Greasewood‹,

der sich kaum merklich von jenem unterscheidet. Lagerfeuer und warmes

Nachtessen wären in der Wüste nicht denkbar ohne den freundlichen

Salbeibusch. Die Dicke seines Stammes bewegt sich zwischen der Stärke

eines Knaben- und der eines Mannesarmes und seine gekrümmten Zweige

erreichen die Hälfte dieser Stärke -- alles gutes, gesundes, hartes

Holz, dem Eichenholz ganz nahekommend.

Wenn man sich lagert, ist das erste, Salbeiholz zu schneiden, und

in wenigen Minuten liegt ein reichlicher Haufen zum Gebrauch fertig

da. Man gräbt ein Loch von je einem Fuß Breite, einem Fuß Länge und

zwei Fuß Tiefe, und verbrennt dann das kleingemachte Salbeiholz in

demselben, bis das Loch an den Rand mit glühenden Kohlen gefüllt ist.

Dann beginnt das Kochen, bei dem es ohne Rauch und folglich auch ohne

Fluchen abgeht. Ein solches Feuer hält mit nur wenigem Nachlegen die

ganze Nacht vor; es giebt auch ein höchst gemütliches Lagerfeuer, bei

dem man die allerunmöglichsten Erlebnisse glaublich, belehrend und

unterhaltend findet.

Der Salbeistrauch liefert also ein vorzügliches Brennholz, als

Nährpflanze dagegen verfehlt er seinen Zweck völlig. Kein anderes

Wesen verträgt dessen Geschmack als der Esel und sein Bastardkind,

das Maultier. Allein das beweist nichts für seine Eßbarkeit, denn

diese letzteren sind ja auch imstande, Fichtenholz, Anthracitkohle,

Feilspähne, Bleiröhren, alte Flaschen oder was ihnen sonst gerade

mundgerecht kommt, zu verzehren und dann mit dankerfüllten Mienen vom

Schauplatz abzutreten, als wäre es ein Austernschmaus gewesen. Dem

Maultier, dem Esel und dem Kamel ist alles recht zur vorübergehenden

Befriedigung ihres unersättlichen Hungers. In Syrien an den

Jordanquellen ging einst ein Kamel während des Aufschlagens der Zelte

hinter meinen Ueberzieher, den es mit kritischem Auge und mit einem

Interesse durchmusterte, als hätte es vor, sich einen ebensolchen

zu bestellen; nachdem es sich denselben dann in seiner Eigenschaft

als Kleidungsstück genügend eingeprägt hatte, faßte es ihn als

Nahrungsmittel ins Auge. Es trat mit dem einen Fuß darauf, riß sich

den einen Aermel mit den Zähnen ab, und kaute an demselben so lange

fort, bis es ihn allmählich drunten hatte, und dabei öffnete und

schloß es die ganze Zeit über abwechselnd die Augen wie in himmlischer

Verzückung, als hätte es in seinem ganzen Leben nichts so gutes

geschmeckt wie diesen Ueberzieher. Nach mehrfachem Schmatzen ging es

an den andern Aermel. Hierauf kostete es den Sammtkragen, und zwar

mit einem so verklärten Lächeln, daß man deutlich sah, es betrachte

diesen Teil als das zarteste Stück an einem Ueberzieher. Jetzt kamen

die Schöße daran, in deren Taschen einige Zündhütchen, Hustenzucker

und ein Stück Feigenpaste aus Konstantinopel steckten. Dabei fiel

eine Anzahl Papiere heraus, und es machte sich gleich darüber her, --

es waren meine für die heimischen Zeitungen bestimmten Manuskripte.

Allein damit hatte es einen gefährlichen Boden betreten. Es traf in

diesen Schriftstücken auf ein solides Wissen, das ihm doch ziemlich

schwer im Magen lag, dazwischen hinein bekam es dann und wann einen

Witz zu schlucken, worüber es sich schüttelte, bis ihm die Zähne

wackelten; die Sache wurde jetzt allmählich bedenklich für das Tier,

allein es hielt seine Beute voll Mut und Vertrauen fest, bis es zuletzt

über Behauptungen stolperte, die selbst ein Kamel nicht ungestraft

verschlucken kann. Es begann zu würgen und nach Luft zu schnappen,

die Augen traten ihm heraus, es spreizte die Vorderbeine -- und nach

etwa einer Viertelminute fiel es um, so steif wie eine Hobelbank, und

starb unter unbeschreiblichen Zuckungen. Ich ging hin und nahm ihm das

Manuskript aus dem Maul, dabei fand ich, daß das empfindliche Geschöpf

an einer der mildesten und zahmsten Behauptungen erstickt war, die ich

je einem vertrauensvollen Publikum vorgesetzt hatte.

Vor dieser Abschweifung von meinem Gegenstand hatte ich eben noch

bemerken wollen, daß man gelegentlich auch Salbeibüsche von fünf bis

sechs Fuß Höhe mit entsprechendem Gezweige findet, allein zwei bis

zweieinhalb Fuß ist das Gewöhnliche.

Viertes Kapitel.

Als die Sonne unterging und die Abendkühle kam, machten wir unser

Nachtlager zurecht. Wir rüttelten die harten ledernen Briefbeutel und

die Leinwandsäcke mit Büchern und Drucksachen, deren vorstehende Enden

und Ecken sich sehr fühlbar machten, auf. Dann legten wir sie wieder

so hin, daß unser Bett möglichst eben wurde; es wurde auch wirklich

besser dadurch, obwohl es dessen ungeachtet noch ein aufgeregtes,

wogendes Aussehen zeigte wie ein Stück sturmbewegte See. Nun stöberten

wir zunächst unsere Stiefel auf, die in allerhand schnöden Winkeln

zwischen den Postsäcken ihr Lager aufgeschlagen hatten, und zogen

sie an; sodann nahmen wir unsere Röcke, Westen, Hosen und schweren

Wollhemden von den Armschlingen herunter, wo sie den ganzen Tag

gebaumelt hatten und schlüpften hinein, -- da es nämlich weder an den

Stationen noch im Wagen Damen gab und es heißes Wetter war, so hatten

wir es uns bequem gemacht und schon am Vormittag alles bis auf die

Unterbeinkleider abgelegt. Als wir soweit fertig waren, stopften wir

das unbequeme Wörterbuch in eine Ecke, in der es sich so ruhig als

möglich verhalten konnte und legten die Feldflaschen und Pistolen so

hin, daß wir sie im Dunkeln zu finden vermochten; dann rauchten wir

noch eine Pfeife und hielten noch einen Schwatz zum Schluß, worauf

wir die Pfeifen, den Tabak und das Geldsäckchen in wohlgeschützte

Ecken und Vertiefungen zwischen den Postsäcken schoben und sämtliche

Vorhänge herunter ließen, so daß es ›finster war wie in einer Kuh‹,

wie unser Kondukteur in seinem malerischen Stil sich ausdrückte.

Jedenfalls hätte es nirgends dunkler sein können -- nicht der leiseste

Schimmer von irgend etwas war zu entdecken. Und schließlich rollten

wir uns zusammen wie Seidenwürmer, wickelten uns in unsere Decken und

schliefen friedlich ein. So oft der Wagen zum Wechseln der Pferde

hielt, wachten wir auf und suchten uns zu vergegenwärtigen, wo wir uns

befanden -- was uns auch gelang -- und eine oder zwei Minuten darauf

war der Wagen wieder fort und wir mit. Wir kamen jetzt in eine da und

dort von kleinen Flüssen durchströmte Gegend. Diese hatten beiderseits

hohe steile Ufer und jedesmal, so oft wir auf der einen Seite des

Wagens herunterflogen und auf der anderen hinaufkletterten, wurde

unsere Gesellschaft ein bißchen vermischt. Zuerst lagen wir sämtlich

am vorderen Ende auf einem Haufen, und eine Sekunde darauf schossen

wir dem anderen Ende zu und standen auf den Köpfen. Dabei suchten wir

uns durch Zappeln und Ausschlagen die Kanten und Ecken der Postsäcke

vom Leibe zu halten, die um uns herflogen; und wenn dann der Staub aus

dem Durcheinander aufwirbelte, niesten wir sämtlich im Chore und alle

brummten und stießen Aeußerungen hervor, wie: »Gehen Sie doch mit Ihrem

Ellbogen weg. Können Sie denn das Drücken nicht lassen?«

So oft wir aus einer Wagenecke in die andere flogen, kam das Wörterbuch

auch mit und jedesmal that es einem von uns auch einen Schaden. Auf

der einen Tour schürfte es den Sekretär am Ellbogen, auf der nächsten

stieß es mich vor den Magen und auf der dritten versetzte es Bemis eins

auf die Nase. Die Pistolen und der Geldsack blieben ruhig unten am

Boden, dagegen rollten die Pfeifenköpfe, Pfeifenrohre und Feldflaschen

jedesmal klappernd hinter dem Wörterbuch drein, so oft dieses auf uns

los ging, und leisteten demselben Hilfe und Vorschub, indem sie uns

Tabak in die Augen streuten und uns den Rücken mit Wasser übergossen.

Trotzdem war es, alles in allem genommen, eine ganz behagliche Nacht.

Sie ging nach und nach auch herum, und als schließlich das kalte und

graue Morgenlicht durch die Falten und Schlitze in den Vorhängen

schimmerte, gähnten und reckten wir uns ganz vergnügt, warfen unsere

Verpuppung ab und hatten das Gefühl, gerade genug geschlafen zu haben.

Wie dann die Sonne allmählich heraufkam und der Welt Wärme spendete,

zogen wir Rock, Hosen und Stiefel aus und machten uns zum Frühstück

fertig. Es war gerade die richtige Zeit, denn schon fünf Minuten

darauf ließ der Postillon die zauberischen Töne seines Horns über die

öden Graswüsten hinschweben und nun entdeckten wir auch eine oder

zwei niedrige Hütten in der Ferne. Jetzt ließen sich auf einmal das

Rasseln des Wagens, das Klappern der Hufe unserer sechs Pferde und die

kurzen Zurufe des Kutschers lauter und nachdrücklicher vernehmen, und

wir fegten in flottester Gangart auf die Station los. Es war etwas

Bezauberndes um so eine Fahrt mit der alten Ueberlandpost! --

In unserm Negligé sprangen wir heraus, der Postillon warf die

zusammengeknüpften Zügel auf den Boden, gähnte und reckte sich

behaglich und zog seine schweren Buckskinhandschuhe mit großer

Bedachtsamkeit und unerträglicher Würde aus. Es fiel ihm gar nicht ein,

den teilnehmenden Fragen nach seinem Befinden, unterwürfig scherzenden

und schmeichelnden Anreden, willfährigen Dienstanerbietungen, die ihm

von den fünf oder sechs struppigen, halbzivilisierten Stationsleuten

und Hausknechten entgegen gebracht wurden, (welche eiligst unsere

Gäule ausschirrten und das frische Gespann aus dem Stall zogen,)

die geringste Acht zu schenken. Denn in den Augen des Postkutschers

jener Tage waren Wirtsleute und Hausknechte an den Stationen eine

Art niederer Geschöpfe, -- gut genug zu allem, nützlich an ihrem

Platze und brauchbar, um einen neuen Staat gründen zu helfen, aber

keine Wesen, mit denen ein Mann von Stellung sich einlassen konnte;

während hinwiederum in den Augen des Wirts und des Dienstpersonals der

Postkutscher als ein Held, ein großer, glänzender Würdenträger, ein

bevorzugtes Menschenkind dastand, das von allem Volke beneidet, von

der ganzen Welt mit achtungsvoller Aufmerksamkeit behandelt wurde.

Wenn sie mit ihm redeten, nahmen sie sein hochmütiges Schweigen als

eine natürliche Eigenheit bei einem so großen Manne in Demut hin.

Oeffnete er die Lippen, so hingen sie alle voll Bewunderung an seinen

Worten (er beehrte übrigens niemals eine einzelne Persönlichkeit mit

seinen Bemerkungen, richtete solche vielmehr in breiter Allgemeinheit

gleichzeitig an Pferde, Ställe, die ganze Umgegend und nur so nebenbei

auch an die untergeordneten menschlichen Wesen;) ließ er einmal eine

beleidigende Anzüglichkeit auf einen der Hausknechte los, so fühlte

sich dieser Hausknecht dadurch für den ganzen Tag beglückt; gab er

seinen einzigen Witz zum besten, -- einen Witz, so alt wie die Berge,

grob, gemein und geistlos, und stets derselben Zuhörerschaft mit

denselben Worten aufgetischt, so oft die Post daselbst anhielt, -- so

brachen die Kerle in ein brüllendes Gelächter aus, schlugen sich auf

die Schenkel und schwuren hoch und teuer, das sei der beste Witz, den

sie in ihrem ganzen Leben gehört.

Und wie sie flogen, wenn er ein Becken oder eine Feldflasche voll

Wasser oder Feuer für seine Pfeife verlangte! Gegen einen Passagier,

der sich so weit vergessen hätte, eine Gefälligkeit von ihrer Hand zu

beanspruchen, würden sie sofort grob geworden sein. Sie konnten sich

diese Unverschämtheit ebenso wohl gestatten, als ihr Vorbild, der

Postkutscher, denn wohl gemerkt, dieser letztere sah auf die Passagiere

so ziemlich mit derselben Verachtung herab, wie seine Stallknechte.

Dem wirklichen Träger der Macht, dem Kondukteur des Postwagens,

begegnete das Stationspersonal zwar mit aller derjenigen Höflichkeit,

von welcher diese Leute überhaupt eine Vorstellung hatten, allein das

war auch alles; der Postillon dagegen war das einzige Wesen, vor dem

sie sich beugten, das sie anbeteten. Mit welcher Bewunderung sie zu

ihm aufblickten, wenn er auf seinem hohen Sitz langsam und bedächtig

die Handschuhe anzog, während ihm irgend ein beglückter Stallknecht

die zusammengefaßten Zügel hinhielt, geduldig harrend, bis es dem

hohen Herrn gefiel, sie zu ergreifen! Und wie sie ganze Salven von

Beifallsrufen hinter ihm her losließen, wenn er mit seiner langen

Peitsche knallte und im vollen Lauf davonsauste!

Die Stationsgebäude waren langgestreckte, niedrige Hütten aus an der

Sonne getrockneten, schmutzfarbenen Backsteinen ohne Mörtel (erstere

von den Spaniern ~adobes~ genannt, was die Amerikaner zu ~dobies~

abkürzen.) Die kaum merklich geneigten Dächer waren mit Stroh bedeckt

und dann mit Rasen belegt oder einer dicken Erdschichte, auf der

Unkraut und Gras üppig sproßte. Hier sahen wir also zum erstenmale

Häuser mit den Vorgärten auf dem Dach. Die Gebäude bestanden aus

Scheunen, Ställen für zwölf bis fünfzehn Pferde und einer Hütte als

Speisezimmer für die Passagiere. In der letzteren standen Pritschen für

den Stationswirt und einen oder zwei Hausknechte. Den Ellbogen konnte

man auf der Dachrinne aufstützen und unter der Eingangsthür mußte

man sich bücken. Die Stelle eines Fensters vertrat ein viereckiges

Loch ohne Scheiben, das ungefähr einen Mann durchließ. Der Boden

war nicht gedielt, sondern nur festgestampft. Ein Ofen war nicht

vorhanden, vielmehr diente die Feuerstelle für alle notwendigen Zwecke.

Regale, einen Geschirrschrank oder ein Klosett gab es nicht. In einer

Ecke stand ein offener Mehlsack, an dessen Fußende sich ein paar

altehrwürdige, geschwärzte, blecherne Kaffeetöpfe, ein desgleichen

Theetopf, ein Säckchen mit Holz und eine Speckseite lehnten. Außen,

neben der Thür zum Schuppen des Stationswirtes stand ein blechernes

Waschbecken auf dem Boden. Dabei befand sich ein Eimer voll Wasser

und ein Stück gelbe Seife, und von der Dachrinne hing vielsagend ein

grobes, blaues Wollhemd herunter; allein dies war das Privathandtuch

des Wirts und nur zwei Personen außer ihm hätten es wagen dürfen,

sich desselben zu bedienen -- der Postillon und der Kondukteur. Der

letztere wollte es nicht aus einem gewissen Schicklichkeitsgefühl, und

jener verzichtete darauf, um die Vertraulichkeit eines Stationswirtes

dadurch nicht zu ermutigen. Wir hatten Handtücher im -- Mantelsack; sie

hätten ebensogut in Sodom und Gomorrha sein können. Wir, ebenso wie

der Kondukteur, bedienten uns zum Abtrocknen unserer Taschentücher,

der Postillon seiner Hosen und Aermel. Innen neben der Thür war ein

kleiner, altmodischer Spiegelrahmen befestigt, in dessen einer Ecke

zwei kleine Bruchstücke des einstigen Spiegelglases steckten.

[Illustration]

Beim Hineinschauen empfing man ein hübsches Doppelbild, wobei die eine

Hälfte des Kopfes ein paar Zoll hoch über der andern erschien. Von dem

Spiegel hing an einem Bindfaden ein halber Kamm herab -- aber, wenn

ich die Wahl hätte, diesen Patriarchen zu beschreiben oder zu sterben,

ich glaube, ich würde mir gleich ein paar Särge bestellen. Der Kamm

stammte von Esau und Simson her, und seit jenen Zeiten waren stets

Haare in demselben zurückgeblieben zusammen mit gewissen sonstigen

Unsauberkeiten. In einer Ecke standen drei oder vier Flinten und

Büchsen nebst Pulverhörnern und Beuteln mit Munition. Die Stationsleute

trugen Beinkleider von grobem Bauerntuch, bei denen am Sitz und innen

an den Beinen breite Lederstreifen eingesetzt waren, damit sie zugleich

als Reithosen dienen konnten -- infolgedessen waren die Beinkleider

zur Hälfte dunkelblau und zur Hälfte gelb, was sich unbeschreiblich

malerisch ausnahm. Sie steckten in den Schäften hoher Stiefel, deren

Absätze mit großen spanischen Sporen bewehrt waren, welche mit ihren

kleinen Rädchen und Kettchen bei jedem Schritte klirrten. Der Mann

trug gewöhnlich einen mächtigen Vollbart, einen alten Schlapphut, ein

blaues Wollhemd, keine Hosenträger, keine Weste, keinen Rock -- dagegen

in einer Lederscheide am Gürtel einen großen, langen Matrosenrevolver

(auf der rechten Seite mit dem Hahn nach vorne hängend), während aus

dem Stiefel ein Bowiemesser mit Horngriff hervorragte. Die Ausstattung

der Hütte war weder üppig noch beengend. Schaukelstühle und Sofas waren

nicht da, auch nie dagewesen; ihre Stelle vertraten zwei dreibeinige

Stühle, eine vier Fuß lange Bank aus fichtenen Brettern und zwei

leere Lichterkisten. Der Tisch war ein fettiges Brett auf Pfählen;

Tischtuch und Servietten waren ausgeblieben -- und es sah sich auch

niemand darnach um. An jedem Platz stand eine verbogene Blechschüssel,

Messer und Gabel und eine große, blecherne Tasse; nur der Postillon

hatte eine Untertasse von Steingut, die einst bessere Tage gesehen.

Selbstverständlich saß dieser Großfürst oben am Tische. Ein einziges

Stück Tafelgeräte war da mit dem rührenden Ausdruck gefallener Größe

-- eine Platmenage aus Neusilber, verbogen und angelaufen; trotzdem

nahm sich dieselbe in dieser Umgebung so widersinnig aus, daß sie

an einen abgedankten unter Barbaren verbannten König erinnerte, und

die Hoheit ihrer ursprünglichen Stellung nötigte selbst in ihrer

Erniedrigung Achtung ab. Von den Essig- und Oelflaschen war nur noch

eine vorhanden, und diese war ein Ding ohne Stöpsel und ohne Hals, voll

Fliegenspuren, zwei Zoll Essig enthaltend und außerdem ein Dutzend

eingemachter Fliegen, welche voll Betrübnis, es hier versucht zu haben,

die Beine gen Himmel streckten. Der Wirt schnitt den letzten Rest

eines Brotlaibes von der Woche vorher auf, der an Aussehen und Umfang

einem Käse früherer Zeiten glich und es an Härte mit Nicholsohn'schen

Pflastersteinen aufnehmen konnte.

Auch von dem Speck schnitt er für jeden einen Streifen ab, allein

nur erfahrene Kunden mochten sich an denselben wagen, denn es war

zurückgewiesener Armeespeck, womit der Staat seine Soldaten in den

Forts nicht füttern wollte und den die Postgesellschaft für ein

Billiges angekauft hatte zur Atzung der Bediensteten und Passagiere.

Auf dem Mississippi; Nach dem fernen Westen · 第 14 / 21 段