Wir fuhren nun fort wie bisher das Land auszusaugen und bei jeder

beunruhigenden Nachricht unser Lager zu wechseln. Die Farmer waren

unermüdlich in ihrer Gastfreundschaft und Zuvorkommenheit gegen uns,

während sie uns von Rechts wegen hätten zum Henker wünschen müssen.

Auf unsern Kreuz- und Querzügen waren wir eines Tages in dem Bezirk

Monroe angelangt und hatten in einem Hohlweg bei dem Dorfe Florida,

wo ich geboren bin, unser Lager aufgeschlagen -- es war das letzte,

welches ich bezog. Hier erfuhren wir, daß ein Oberst mit einem ganzen

Regiment Unionstruppen auf uns heranmarschiere. Damit war nicht zu

scherzen; wir beratschlagten schnell, was zu thun sei, und verkündigten

rasch den übrigen Kompagnien, die unser Lager teilten, daß wir nichts

mehr mit dem Krieg zu schaffen haben wollten und entschlossen seien,

unser Korps aufzulösen. Die Leute standen eben selbst im Begriff, sich

zurückzuziehen und suchten uns zu bereden, noch auf den General Tom

Harris zu warten, der jeden Augenblick eintreffen müsse. Wir hielten

das aber für unnützen Zeitverlust. Nach der vielen Uebung, die wir

gehabt hatten, verstanden wir uns so gut auf den Rückzug, daß wir nicht

erst auf einen General zu warten brauchten, um uns darüber belehren

zu lassen. So stiegen wir denn auf und ritten davon -- das heißt, etwa

die Hälfte unseres Korps, mich eingeschlossen; die übrigen ließen sich

überreden, dazubleiben -- und machten den ganzen Krieg mit.

Unterwegs trafen wir auf General Harris, der uns befahl, wieder

umzukehren; wir aber erzählten ihm, daß ein Oberst mit einem

ganzen Regiment Unionstruppen im Anmarsch sei. Da würde es gewiß

Mißhelligkeiten geben und wir hielten es für besser, nach Hause zu

gehen. Harris geriet zwar in Zorn, aber das nützte nichts, denn unser

Beschluß stand fest. Wir hatten das unsrige gethan, hatten einen Mann

getötet -- die übrigen Feinde konnte Harris nun selbst umbringen, damit

der Krieg bald zu Ende wäre.

Wer aber war jener Oberst der Union, welcher mich so in Schrecken

jagte, daß ich um seinetwillen dem Süden meine wertvollen Kriegsdienste

entzog? Kein anderer als General Grant, wie ich später erfuhr. Damals

war sein Name freilich fast ebenso unbekannt wie der meinige -- was

uns jetzt kaum glaublich erscheint. Wir waren nur wenige Meilen

von einander entfernt und ich hatte die beste Gelegenheit, mit ihm

zusammenzutreffen -- aber ich ging nach der entgegengesetzten Richtung.

* * * * *

Ueber den vorstehenden Bericht wird wohl mancher Leser den Kopf

schütteln, aber er hat dennoch seinen Wert und seine Berechtigung. Er

giebt ein wahrheitsgetreues Bild von dem Thun und Treiben der Milizen

während der ersten Monate des Bürgerkriegs und von Vorgängen, die

durchaus nicht vereinzelt dastanden. Hat die Geschichte bisher darüber

geschwiegen, so war das ein Mangel, welcher dringend der Ergänzung

bedurfte. Aus den jungen, ungeübten Rekruten, die ohne Zucht, ohne

erfahrene Führer, vor unbekannten Schrecknissen zurückbebten, sind

später doch noch wackere Krieger geworden, welche mitgeholfen haben,

die großen Entscheidungsschlachten zu schlagen. Auch ich würde mit der

Zeit das Soldatenhandwerk wohl noch gelernt haben; in einem Stück hatte

ich es ja schon ziemlich weit gebracht: ich wußte genau, wie man einen

Rückzug ausführen muß.

[Illustration]

Nach dem fernen Westen

Vorwort.

Was ich hier von meiner Reise »Nach dem fernen Westen« und im nächsten

Band »Im Gold- und Silberland« schildere, ist lediglich eine Erzählung

persönlicher Erlebnisse und erhebt keinen Anspruch auf geschichtlichen

Wert oder philosophische Tiefe. Trotzdem bieten diese Bücher einige

Belehrung und zwar Belehrung über einen interessanten Abschnitt in der

Geschichte des fernen Westens, über welchen bis jetzt noch niemand auf

Grund eigener Anschauungen und Erlebnisse Bericht erstattet hat. Ich

meine damit Entstehung, Wachstum und Höhepunkt des Silberfiebers in

Nevada. Es ist dies eine in mancher Beziehung merkwürdige Erscheinung,

die bis jetzt die einzige ihrer Art in jenem Lande geblieben ist und

dies voraussichtlich auch für alle Zukunft bleiben wird.

Ja, alles in allem, enthalten diese Bücher sogar recht viel

Belehrendes. Es thut mir dies herzlich leid, allein es läßt sich

wirklich nicht ändern; die Belehrung dringt mir eben, wie es scheint,

zu allen Poren heraus. Ich hätte oft gerne alles darum gegeben, meine

Kenntnisse für mich behalten zu können, aber es geht nun einmal nicht.

Je mehr ich die Quellen verstopfe, desto mehr Belehrung sickert durch.

Deshalb kann ich vom Leser nur Nachsicht, keine Verzeihung erwarten.

Die Illustrationen zu »Nach dem fernen Westen« und dem V. Band: »Im

Gold- und Silberland« sind von _Albert Richter_ in Langebrück bei

Dresden gezeichnet worden. Es dürfte kaum ein anderer deutscher

Künstler so sehr befähigt gewesen sein, für die besondere Aufgabe, die

diese Bände stellten, als _Albert Richter_. _Richter_ war nicht nur

bekannt mit Land und Leuten des »fernen Westens«, er besaß auch ein

ganz besonderes Talent für die Darstellung der wilden und malerischen

Romantik jener eigenartigen Welt, die Mark Twain hier schildert. Der

geniale und liebenswürdige Künstler wurde in der Nacht vom 22. auf

23. Juni aus seinem Schaffen durch einen jähen Tod herausgerissen,

nachdem er die Zeichnungen zum V. Band nahezu vollendet hatte. Das

Bild des toten Reiters (siehe V. Band, »Ritters Geschichte«) war eines

der letzten Bilder, die seine Hand geschaffen. Die wenigen Lücken, die

der Meister hinterlassen, sind von _H. Schrödter_, dem Illustrator der

übrigen Bände, ergänzt worden.

_Stuttgart 1898._

=Der Verleger.=

Erstes Kapitel.

Mein Bruder war soeben zum ›Sekretär‹ des Territoriums Nevada ernannt

worden -- einem Amt von solcher Erhabenheit, daß es die Obliegenheiten

und Würden eines Schatzmeisters, obersten Rechnungsbeamten,

Staatssekretärs und im Fall der Abwesenheit des wirklichen Gouverneurs

auch die dieses letzteren in sich vereinigte. Eine Jahresbesoldung von

1800 Dollars und der Titel ›~Mr. Secretary~‹ verliehen dieser hohen

Stellung eine gewisse Großartigkeit. Jung und unerfahren, wie ich

war, beneidete ich meinen Bruder. Seine hervorragende und finanziell

glänzende Stellung stach mir in die Augen, ganz besonders aber die

lange, eigenartige Reise, die er machen, und die wunderbare neue Welt,

die er kennen lernen sollte. Er durfte reisen! Ich war niemals --

abgesehen von meinen Fahrten auf dem Mississippi -- weit von Hause

gewesen, und das Wort ›reisen‹ hatte einen verführerischen Reiz für

mich. Gar nicht mehr lange sollte es anstehen, und er wäre hundert und

aber hundert Meilen weit fort auf den großen Prairieen und Wüsteneien

inmitten der Gebirge des fernen Westens, bekäme Büffel, Indianer,

Prairiehunde und Antilopen zu sehen und allerlei Abenteuer zu bestehen,

würde vielleicht sogar gefangen oder skalpiert; und dieses herrliche

Leben nähme niemals ein Ende, er würde alles nach Hause berichten und

ein berühmter Mann werden. Weiter würde er die Gold- und Silberminen

sehen und vielleicht am Abend nach vollbrachtem Tagewerk zwei oder

drei Körbe voll glänzender gold- und silberhaltiger Klumpen draußen am

Bergeshang auflesen. Und mit der Zeit würde er gewaltig reich werden,

würde auf dem Seewege heimkehren und imstande sein, so ruhig über San

Francisco, den Ozean und den Isthmus zu sprechen, als wäre gar nichts

dabei, diese Wunderdinge mit eigenen Augen geschaut zu haben. Die

Qualen, die ich litt, wenn ich mir sein Glück ausmalte, kann keine

Feder schildern. Wie er mir nun auf einmal in aller Seelenruhe die

herrliche Stellung als Privatsekretär unter ihm antrug, war es mir,

als schwinde Himmel und Erde dahin, und das Firmament rollte sich vor

meinen Augen auf wie ein Pergament! Ich hatte keinen Wunsch mehr.

Ich war vollkommen zufrieden. Binnen einer oder zwei Stunden war ich

reisefertig. Viel einzupacken brauchte ich nicht, indem wir von der

Grenze von Missouri aus mit der Ueberlandpost nach Nevada fuhren

und jeder Passagier nur ganz wenig Gepäck mitnehmen durfte. Eine

Pacificbahn gab es zu dieser schönen Zeit noch nicht -- noch keine

Schwelle dazu war gelegt.

Meine Absicht war, nur drei Monate in Nevada zu bleiben -- mich länger

daselbst aufzuhalten, kam mir nicht in den Sinn. Ich gedachte innerhalb

dieser Zeit soviel Neues und Seltsames zu sehen, als nur möglich; und

dann schleunigst wieder an meine Geschäfte nach Hause zurückzukehren.

Ich ahnte nicht, daß ich das Ende dieses auf drei Monate berechneten

Vergnügungsausfluges erst nach sechs oder sieben ungewöhnlich langen

Jahren erleben sollte!

Die ganze Nacht träumte ich von Indianern, Wüsten und Silberbarren und

am folgenden Tage schifften wir uns rechtzeitig an der Werfte von St.

Louis auf einem den Missouri hinauffahrenden Dampfer ein. Wir brauchten

sechs Tage von St. Louis nach St. Joseph -- eine Fahrt, so träge, so

schläfrig und ereignislos, daß dieselbe nicht mehr Eindruck in meinem

Gedächtnis hinterlassen hat, als hätte sie sechs Minuten gedauert

anstatt ebenso viel Tage. Keine andere Erinnerung ist mir davon

geblieben, als an einen verworrenen Knäuel wildgestalteter Baumwurzeln,

über welche wir geflissentlich mit dem einen oder andern Rade

hinfuhren; an Riffe, auf welche wir immer und immer wieder aufstießen,

um uns dann von denselben zurückzuziehen und besseres Fahrwasser

aufzusuchen; endlich an Sandbänke, auf denen wir gelegentlich sitzen

blieben und eine unfreiwillige Rast hielten, worauf wir dann unsere

Krücken hervorholten und darüber hinweg humpelten. Wahrhaftig, das Boot

hätte fast ebenso gut zu Land nach St. Joseph fahren können, machte es

doch nahezu die ganze Zeit seinen Weg auf dem Trockenen -- indem es mit

ebenso viel Geduld als Emsigkeit den ganzen Tag über Riffe kletterte

und über Baumstümpfe hinrutschte. Der Kapitän meinte, es sei »das

reinste Renommierboot,« es fehle ihm nur mehr Schneid und ein größeres

Rad. Mir kam es vor, als hätte dasselbe ein paar Stelzen brauchen

können, ich war jedoch weise genug, diesen Gedanken nicht laut werden

zu lassen.

[Illustration]

Zweites Kapitel.

Das erste, was wir an dem Abend unserer glücklichen Ankunft in St.

Joseph thaten, war, im Sturmschritt nach dem Postamt zu laufen und uns

zwei Karten, jede für 150 Dollars, zur Fahrt mit der Ueberlandkutsche

nach Carson City in Nevada zu nehmen. In der Frühe des nächsten Morgens

nahmen wir zunächst hastig ein Frühstück ein und eilten dann nach dem

Abfahrtsplatze. Nun zeigte sich eine Widerwärtigkeit, die wir vorher

nicht gebührend bedacht hatten, nämlich, daß ein schwerer Reisekoffer

nicht für fünfundzwanzig Pfund Gepäck mitgehen kann, weil er eben viel

schwerer ist. Aber es half nichts -- mehr als fünfundzwanzig Pfund auf

die Person war nicht zulässig. So mußten wir unsere Koffer aufschnallen

und in gehöriger Schnelligkeit eine Auswahl treffen. Wir packten

unsere vorschriftsmäßigen fünfundzwanzig Pfund in einen Mantelsack

zusammen und schickten die Koffer zu Schiffe nach St. Louis zurück. Es

war ein trauriger Abschied, denn nun hatten wir ja keine Fräcke und

weiße Glacéhandschuhe mehr für die Abendgesellschaften bei den Pawnees

im Felsengebirge, keine Angströhren und Glanzlederstiefel und was

sonst dergleichen für die Ruhe und den Frieden des irdischen Daseins

unentbehrliche Dinge sind. Wir waren auf Feldration gesetzt. Wir legten

jeder einen schweren, groben Anzug an, dazu ein wollenes Soldatenhemd

und Aufschlagstiefel, in den Mantelsack stopften wir einige weiße

Hemden, etwas Unterzeug und dergleichen. Mein Bruder, der Sekretär,

nahm ungefähr vier Pfund Regierungsverordnungen und ein sechspfündiges

Wörterbuch mit, wir wußten ja nicht, wir armen, grünen Jungen -- daß

man das alles in San Francisco bestellen und in wenigen Tagen in

Carson City haben konnte. Meine Bewaffnung bestand in einem elenden,

kleinen, siebenläufigen Revolver von ~Smith & Wesson~ mit Kugeln von

der Größe homöopathischer Pillen, die alle sieben nötig waren, um

einem Erwachsenen genug zu geben. Trotzdem hielt ich denselben für

etwas Großartiges und meinte, es sei eine ganz gefährliche Waffe.

Er hatte nur einen Fehler -- man traf schlechterdings nichts damit.

Einer unserer Kondukteure zielte eine zeitlang mit demselben auf eine

Kuh, und so lange dieselbe still stand und sich ruhig verhielt, blieb

sie unversehrt; sobald sie jedoch anfing sich herumzubewegen und er

nach anderen Zielen schoß, kam sie zu Schaden. Der Sekretär hatte zum

Schutz gegen die Indianer einen ~Colt~-Revolver umgeschnallt, den er

zur Verhütung von Unfällen ohne aufgesetzte Zündhütchen trug. Herr

Georg Bemis aber -- dies war der Name unseres Reisegefährten, den wir

zuvor noch nie gesehen hatten, war furchtbar gewappnet. Er trug im

Gürtel einen ~Allen~-Revolver von jenem ursprünglichen Bau, welcher von

respektlosen Menschen gerne als ›Pfefferbüchse‹ bezeichnet wird. Sobald

man den Drücker zurückzog, krachte die Pistole los. Beim Zurückziehen

des Drückers fing nämlich der Hammer an, sich zu heben und die Trommel

sich zu drehen, dann fiel der Hammer sogleich wieder herunter und

die Kugel war draußen. Daß man hätte zielen können, während die

Trommel herum ging, und das Ziel getroffen hätte, das war bei einem

~Allen~-Revolver vermutlich auf der ganzen Welt überhaupt noch nicht

vorgekommen. Trotzdem war der unseres Georg eine ganz vertrauenswürdige

Waffe, indem derselbe, wie einer unserer Postillone später einmal

meinte, ›in jedem Falle irgend etwas traf,‹ wenn er auch das nicht

bekam, worauf er zielte. Und so war es auch. Einmal zielte sein

Besitzer mit demselben auf ein an einen Baum genageltes Pique-Aß und

traf einen Maulesel, der etwa dreißig Ellen links davon stand. Bemis

brauchte den Maulesel nicht, allein der Eigentümer erschien mit einer

Doppelbüchse und überredete ihn, denselben trotzdem zu kaufen. Ja, es

war eine herrliche Waffe, der ›~Allen~‹. Manchmal gingen alle sechs

Läufe auf einmal los, und dann war man in der ganzen Umgegend nirgends

seines Lebens sicher, außer in einiger Entfernung hinter demselben.

[Illustration]

Zum Schutz gegen Frostwetter im Gebirge nahmen wir zwei oder drei

Wolldecken mit. Was Luxusgegenstände betraf, so waren wir bescheiden;

außer ein paar Pfeifen und fünf Pfund Rauchtabak nahmen wir keine

solchen mit. Dagegen hatten wir zwei große Lederflaschen bei uns, um

darin zwischen den Stationen auf der großen Ebene Wasser mitzuführen,

außerdem nahmen wir noch ein Säckchen mit Silbergeld mit für die

täglichen Ausgaben beim Frühstück und Mittagessen.

Um acht Uhr befand sich alles reisefertig auf der anderen Seite des

Flusses. Wir hüpften in den Wagen, ein Peitschenknall des Kutschers,

und wir rasselten dahin und ließen die ›Staaten‹ hinter uns.

Es war ein prachtvoller Sommermorgen und die ganze Landschaft erglänzte

im Sonnenschein. Dabei war es so frisch und lustig, und wir hatten ein

Gefühl der Befreiung von Sorgen und Verantwortlichkeiten aller Art, das

uns beinahe die Empfindung gab, als seien all die Jahre, die wir in

der heißen Stadt unter Qual und Arbeit verbracht hatten, verloren und

weggeworfen. Wir schoben uns weiter durch Kansas und nach Verlauf von

anderthalb Stunden waren wir schon ziemlich weit auf der großen Ebene.

Hier begann gerade das wellenförmige Gelände -- eine großartige Folge

regelmäßiger Hebungen und Senkungen, soweit das Auge reichte -- ein

Wogen und Schwellen, gewaltig, wie auf dem Busen des Ozeans nach dem

Sturm. Dazwischen allenthalben Kornfelder, durch ihr tieferes Grün die

endlose Grasfläche unterbrechend; dann aber verlor dieses wasserlose

Meer plötzlich wieder seine wogende Oberfläche, um sich siebenhundert

Meilen weit, flach wie die Dielen eines Stubenbodens, hinzustrecken.

[Illustration]

Unsere Kutsche war ein großer schwankender und schaukelnder Kasten

mächtigen Kalibers -- eine gewaltige Wiege auf Rädern. Sie wurde

von sechs hübschen Pferden gezogen, und neben dem Kutscher saß der

›Kondukteur‹, unter dessen Leitung bestimmungsgemäß das Ganze stand,

soferne ihm die Besorgung der Briefpost, der Päckereien, des Eilguts

sowie der Passagiere oblag. Wir drei waren bis jetzt die einzigen. Wir

saßen innen auf dem Rücksitz. Fast der ganze übrige Innenraum war von

Postsäcken eingenommen, wir nahmen nämlich die liegengebliebene Post

von drei Tagen mit. Eine senkrechte Wand von Poststücken, an welche

wir fast mit den Knieen anstießen, erhob sich beinahe bis zum Dach

des Wagens. Auf dem letzteren war ebenfalls ein großer Haufen davon

aufgeschnallt. Die vordere wie die hintere Schoßkelle waren damit

angefüllt. Siebenundzwanzighundert Pfund davon hatten wir bei uns,

wie der Kutscher sagte -- »ein wenig für Brigham,[6] für Carson und

Frisco,[7] aber das meiste für die Indianer, die gewaltig eklig werden,

wenn sie nicht immer eine Masse Zeug zu lesen haben.« Dabei verzog

er jedoch sein Gesicht gräßlich, offenbar als Einleitung zu einem

markerschütternden Ausbruch seiner Heiterkeit, und daran merkten wir,

daß seine Bemerkung spaßhaft gemeint gewesen war, und hatte besagen

wollen, wir würden unsere Postsachen zum größten Teile irgendwo auf der

Ebene für die Indianer oder anderweitige Liebhaber abladen.

[6] Brigham Young, das bekannte Oberhaupt der Mormonen.

[7] Abkürzung von San Francisco.

[Illustration]

Alle zehn Meilen wechselten wir die Pferde, einen Tag wie den andern,

und flogen lustig auf der harten ebenen Straße dahin. So oft der Wagen

hielt, sprangen wir hinaus, um unsere Beine zu recken, und so fand uns

die Nacht noch frisch und unermüdet.

Nach dem Abendessen stieg eine Frauensperson ein, die ungefähr fünfzig

Meilen weiter zu Hause war und wir drei andern mußten nun abwechselnd

beim Kutscher und Kondukteur Platz nehmen. Offenbar gehörte sie nicht

zu den gesprächigen weiblichen Wesen. Da saß sie in dem immer mehr

verblassenden Dämmerlicht und heftete ihre starren Augen auf eine

Stechfliege, die sich an ihrem Arm festsog, dann erhob sie langsam

die andere Hand, bis sie die Entfernung richtig abgemessen hatte,

und versetzte ihr einen Schlag, der eine Kuh hätte zu Boden strecken

können; hierauf betrachtete sie den Leichnam mit ruhiger Befriedigung

-- sie fehlte ihre Fliege niemals und traf ihr Ziel mit todbringender

Sicherheit. Die Leiche beseitigte sie nie, ließ sie vielmehr als Köder

liegen. Ich saß neben dieser grimmen Sphinx und sah zu, wie sie dreißig

bis vierzig Fliegen totschlug -- sah zu und wartete auf ein Wort aus

ihrem Munde, jedoch vergeblich. So begann ich selbst endlich die

Unterhaltung. Ich sagte:

»Die Stechfliegen sind recht schlimm hier herum, Madam.«

»Ah was!«

»Wie meinten Sie, Madam?«

»Ah was!«

Nun wurde sie munter und sagte, um sich blickend:

»Ich will verdammt sein, wenn ich euch Kerle nicht für Taubstumme

gehalten habe. Ja, bei Gott. Da bin ich gesessen und gesessen und habe

Fliegen totgeschlagen und mir den Kopf zerbrochen, was euch fehlt. Erst

dachte ich, ihr wäret taubstumm, dann, ihr wäret krank oder verrückt

oder so 'was, und nach und nach kam ich darauf, ihr müsset ein paar

traurige Narren sein, die nichts zu reden wissen. Woher kommt ihr?«

Die Sphinx war keine Sphinx mehr! Die Brunnen der großen Tiefe waren

bei ihr aufgegangen und sie ließ alle neun Redeteile vierzig Tage und

vierzig Nächte auf uns herab regnen, bildlich gesprochen, und übergoß

uns mit einer solchen trostlosen Sintflut trivialen Geschwätzes,

daß aus der tosenden Wüste von grammatischen Fehlern und schlechter

Aussprache nicht einmal eine Felsspitze oder Zacke mehr hervor

schaute, an die sich eine Erwiderung hätte knüpfen lassen. Was mußten

wir erdulden! Stunde für Stunde machte sie fort, bis es mir leid

that, daß ich überhaupt die Moskitofrage eröffnet und ihr damit den

Anstoß gegeben hatte. Erst, als sie gegen Tagesanbruch an ihrem Ziele

anlangte, hörte sie endlich auf; beim Aussteigen weckte sie uns (wir

waren nämlich eben ein wenig eingenickt) und sagte:

»Nun, steiget in Cottenwood aus, ihr Kerle, und bleibet ein paar

Tage dort liegen, ich komme dann abends eine Weile hinüber, und wenn

es euch recht ist, daß ich hie und da ein Wort dazwischen rede, so

bin ich bereit dazu. Die Leute werden euch sagen, daß ich für eine

Hinterwälderin immer etwas Vornehmes und Besonderes an mir gehabt habe,

und so bin ich auch gegen das Lumpenpack und so _muß_ ein Weibsbild

auch sein, wenn sie was _sein_ will, aber wenn Leute daherkommen,

die meinesgleichen sind, so bin ich, glaub' ich, eigentlich ein ganz

zuthuliches Kühlein.«

Wir beschlossen, in Cottenwood _nicht_ liegen zu bleiben.

Drittes Kapitel.

Etwa anderthalb Stunden vor Tagesanbruch rollten wir sanft dahin --

so sanft, daß unsere Wiege nur ganz leise und sachte schaukelte. Dies

hatte uns allmählich in Schlaf gelullt und unser Bewußtsein umnebelt,

als plötzlich etwas unter uns nachgab! Wir hatten wohl eine undeutliche

Empfindung davon, die Sache ließ uns jedoch gleichgültig. Jetzt hielt

der Wagen an. Wir hörten Kutscher und Kondukteur draußen mit einander

reden; sie suchten nach einer Laterne und fluchten, weil sie dieselbe

nicht finden konnten -- aber wir nahmen keinen Anteil an dem etwaigen

Vorkommnis; der Gedanke an diese Leute, die draußen in der finstern

Nacht beschäftigt waren, erhöhte nur unser Gefühl von Behaglichkeit

und wir schmiegten uns fest in unser Nest hinter den herabgelassenen

Vorhängen. Inzwischen hatten sich die beiden, nach dem Geräusch zu

schließen, an eine Untersuchung gemacht und man hörte die Stimme des

Kutschers sagen: »Bei Gott, der Schwungriemen ist gebrochen!«

Dies riß mich mit einemmale völlig aus dem Schlafe -- wie dies

stets der Fall ist, wenn das unklare Gefühl über einen kommt, daß

ein Mißgeschick passiert ist. Ich hatte noch nicht lange darüber

nachgedacht, was wohl ein ›Schwungriemen‹ sein könne, als einer der

Vorhänge aufgehoben wurde und das Gesicht des Kondukteurs am Fenster

erschien, wobei seine Laterne ihren Schein auf uns und unsere Wand von

Postsachen warf. Er sagte: »Herrschaften, Sie werden einen Augenblick

aussteigen müssen, der Schwungriemen ist auseinander!« Wir kletterten

hinaus in ein frostiges Nebelgeriesel und fühlten uns recht unbehaglich

und verdrießlich. Als ich entdeckte, daß der sogenannte Schwungriemen

die feste Vereinigung von Riemen und Federn sei, auf denen die Kutsche

sich schaukelt, sagte ich zu dem Kutscher: »Ich erinnere mich nicht, je

in meinem Leben einen so abgenutzten Schwungriemen gesehen zu haben.

Wie ist es denn gekommen?« --

»Nun, es ist gekommen, weil man einer einzigen Kutsche die Post von

drei Tagen aufgeladen hat -- dadurch ist es gekommen! Und gerade

hierher sind alle die Zeitungssäcke adressiert, die wir für die

Indianer hinauswerfen sollten, damit sie was zum Lesen haben und Ruhe

halten. Es ist ein wahres Glück, denn es ist ja so höllisch finster,

daß ich unversehens vorbeigefahren sein würde, wäre der Schwungriemen

nicht gerissen.«

Ich wußte, daß er jetzt wieder an einem seiner Lachkrämpfe laborierte,

obwohl ich sein Gesicht nicht sehen konnte, da er sich zu seiner

Arbeit bückte; ich wünschte ihm gute Verrichtung und wandte mich zu

den anderen, um ihnen beim Ausladen der Postsäcke zu helfen. Als alles

heraus war, bildete es eine hohe Pyramide. Nachdem der Schwungriemen

ausgebessert war, füllten wir die beiden Schoßkellen wieder, legten

aber oben hinauf nichts mehr und innen hinein nur halb soviel, als

zuvor drinnen gewesen war. Der Kondukteur drückte sämtliche Sitzlehnen

hinab und füllte die Kutsche von einem Ende zum andern bis zur halben

Höhe mit Postsachen an. Wir legten laut Verwahrung ein, denn so hatten

wir keine Sitze mehr. Allein der Kondukteur war gescheiter als wir und

meinte, ein Bett sei mehr wert als Sitze und außerdem sei bei dieser

Einrichtung der Schwungriemen vor Schaden sicher. Jetzt verzichteten

wir gerne auf unsere Sitze. Dieses Faulbett war unendlich viel besser.

Es verschaffte mir in der Folge manchen recht heiteren Tag, wenn ich

auf demselben ausgestreckt in den Statuten und dem Wörterbuch las und

mich dabei an dem seltsamen Herumhüpfen der Buchstaben ergötzte. Der

Kondukteur erklärte schließlich noch, er wolle von der nächsten Station

aus jemand zur Bewachung der zurückgelassenen Poststücke schicken; dann

ging es weiter.

Auf dem Mississippi; Nach dem fernen Westen · 第 13 / 21 段