An Korn für die Pferde war kein Mangel; wir füllten es in die alten

Zuckertröge, die uns dazu sehr gelegen kamen. Als ich aber Bowers

befahl, mein Maultier zu füttern, erwiderte er, ich dächte wohl, er

ziehe in den Krieg um den Pferdeknecht zu spielen -- das sollte ich mir

nur vergehen lassen. Ich hielt dies eigentlich für Insubordination,

doch waren mir die militärischen Begriffe noch so wenig geläufig, daß

ich lieber stillschweigend darüber hinwegging, da ich meiner Sache

nicht gewiß war. Nun richtete ich den gleichen Befehl an Smith, den

Hufschmiedslehrling, der aber sah mich nur kalt lächelnd an und wandte

mir höhnisch den Rücken. Schließlich begab ich mich zum Hauptmann, um

ihn zu fragen, ob mir nicht von Rechts wegen eine Ordonnanz zugewiesen

werden müsse. Lyman bejahte dies, meinte aber, da sich im ganzen Korps

nur _eine_ Ordonnanz befinde, könne er Bowers in seinem Stabe nicht

entbehren. Bowers war jedoch anderer Meinung, er sagte, es fiele ihm

gar nicht ein, in irgend einem Stabe zu dienen; es solle doch einmal

jemand kommen und versuchen, ihn dazu zu zwingen. -- Unter diesen

Umständen blieb nichts übrig als die Sache auf sich beruhen zu lassen.

Auch das Kochen wollte keiner übernehmen, man hielt es für entwürdigend

und wir mußten uns ohne Mittagessen begnügen. Den Rest des schönen

Tages vertrödelte jeder auf seine Weise, einige schliefen unter den

Bäumen, andere rauchten ihre Thonpfeifen, wobei sie von ihren Liebchen

und dem Kriege plauderten, noch andere trieben allerlei Spiele. Als

es Zeit zum Abendessen war, hatten wir solchen Hunger, daß alle Hand

anlegten und, ohne Unterschied des Ranges, Holz sammelten, Feuer

anmachten und das Essen bereiteten. Eine Weile ging nun alles gut, dann

brach aber zwischen dem Sergeanten und dem Korporal ein Streit aus,

wer von ihnen die höhere Charge habe. Das wußte jedoch niemand und

Lyman mußte sich zuletzt ins Mittel legen und erklären, daß beide auf

der gleichen Rangstufe ständen. Ein Befehlshaber so unwissender Truppen

hatte Nöte und Ärgernisse zu bestehen, die in einer regulären Armee

wahrscheinlich niemals vorkommen können. Als wir später am Lagerfeuer

saßen, uns Geschichten erzählten und Lieder sangen, waren bald alle

wieder heiter und guter Dinge. Dann harkten wir das Korn an einem Ende

des Speichers zurecht und legten uns schlafen. Draußen vor der Thür

stand ein Pferd angebunden, damit es wiehern sollte, wenn jemand den

Versuch machte einzudringen. -- Ich glaubte das wenigstens damals und

erfuhr erst lange nachher, daß das Tier nur aus Versehen die Nacht über

dort geblieben war.

Am Vormittag machten wir unsere regelmäßigen Reitübungen, und wenn wir

auch niemals Meister wurden in dieser Kunst, so erlangten wir doch

einige Fertigkeit. Den Nachmittag pflegten wir zu Ausflügen in die

Umgegend zu benutzen; wir ritten in einzelnen Trupps mehrere Meilen

weit, besuchten die Töchter der Farmer, ließen uns das Mittagessen oder

Abendbrot, das man uns auftrug, trefflich schmecken, unterhielten uns

aufs beste und kehrten dann wohlgemut in unser Lager zurück.

Eine Zeitlang schwelgten wir in diesem köstlichen Müßiggang, alles ging

nach Wunsch und nichts störte unser Vergnügen. Da brachten die Farmer

beunruhigende Nachrichten; es hieß, der Feind hätte die Richtung nach

unserer Gegend genommen und käme durch Hydes Wiesengrund herangezogen.

-- Das war ein rauhes Erwachen aus süßen Träumen und wir wußten in

unserer Bestürzung nicht gleich, wohin wir den Rückzug antreten

sollten. Bei der Unbestimmtheit des Gerüchts wollte Lyman anfänglich

überhaupt nichts von einem Rückzug hören, doch sah er bald ein, daß

er nicht wagen dürfe, auf seinem Kopf zu bestehen. Das Kommando war

nicht in der Stimmung, sich eine Insubordination gefallen zu lassen.

Er gab daher nach und rief einen Kriegsrat zusammen, bei dem, außer

ihm selber, nur noch drei Offiziere zugegen sein sollten. Die Gemeinen

waren jedoch so aufgebracht über diesen Beschluß, daß wir ihnen

gestatten mußten, dazubleiben und sich an der Beratung zu beteiligen,

was sie mit großem Eifer thaten. Es handelte sich um die Frage, auf

welchem Wege wir uns zurückziehen wollten; bei der Aufregung, die in

der Versammlung herrschte, war jedoch niemand imstande einen Vorschlag

zu machen. Nur Lyman erklärte kaltblütig, wenn wir nicht nach Hydes

Wiesengrund marschierten und so dem Feinde entgegengingen, sei es ganz

gleichgültig, welchen Weg wir zum Rückzug wählten. Wie klug und richtig

das war, leuchtete uns auf der Stelle ein und wir priesen unseres

Hauptmanns Scharfsinn. Gemeinsam ward nun beschlossen, Zuflucht bei

einem Freunde unserer Sache, dem Farmer Mason zu suchen, dessen Gut

eine halbe Meile zu unserer Linken lag. Inzwischen war die Dämmerung

hereingebrochen, und da wir nicht wußten, wie bald der Feind eintreffen

könne, hielten wir es für das beste, den Marsch sofort anzutreten und

unsere Pferde und sonstigen Habseligkeiten zurückzulassen.

Nur Flinten und Schießbedarf mit uns führend, brachen wir auf; der Weg

war höchst mühselig, steil und steinicht, dazu stockfinstere Nacht und

strömender Regen. Der vorderste von unsern Leuten stolperte und fiel,

sein Hintermann über ihn her und der nächste wieder über diesen, bis

zuletzt Bowers, der das Pulverfaß trug, an den schlüpfrigen Abhang kam,

auf dem das ganze Kommando am Boden lag, Arme und Beine in einem Knäuel

durcheinander. Natürlich fiel auch er mit dem Fäßchen und brachte das

ganze Korps ins Rutschen, bis es unten in einem Bach landete. Nun

geriet der Haufen in Bewegung; wer zu unterst war, raufte, biß und

kratzte den, der über ihm lag, es entstand eine allgemeine Prügelei

und jeder verschwor sich hoch und teuer, käme er nur diesmal glücklich

aus dem Bach, so zöge er nun und nimmermehr wieder in den Krieg. Ob das

Land zu Grunde gehe, sei ihm einerlei, der Feind kümmere ihn ganz und

gar nicht -- und was dergleichen Redensarten mehr waren. Während wir

sie anhörten und in leisem Flüsterton mit einstimmten, wurde uns ganz

jämmerlich zu Mute an dem schauerlich dunkeln Ort, zumal wir durch und

durch naß waren und obendrein den Feind höchst wahrscheinlich auf den

Fersen hatten.

Pulver und Flinten waren verloren gegangen und das Schimpfen und

Brummen nahm kein Ende; die Leute tasteten auf dem sumpfigen Erdreich

nach ihren Waffen umher oder versuchten sie aus dem Bach zu fischen,

was viel Zeit kostete. Plötzlich vernahmen wir ein Geräusch, hielten

den Atem an und lauschten, ob es der nahende Feind sei. Es klang

ganz wie das Brüllen einer Kuh, aber wir konnten nicht warten, um es

näher zu untersuchen. So gaben wir denn Fersengeld und trachteten

Masons Pachtgut zu erreichen, so rasch das im Dunkeln möglich war.

Wir verirrten uns jedoch etlichemale in den vielen Felsschluchten und

es hatte schon neun Uhr geschlagen, als wir endlich an den Heckenzaun

gelangten. Eben wollten wir uns als Freunde zu erkennen geben und

hatten schon den Mund zur Parole geöffnet, da kam mit schrecklichem

Gebell und Geheul eine Meute Hunde über den Zaun gesetzt; jeder Hund

kriegte einen Soldaten von hinten am Beinkleid zu packen und lief mit

ihm davon. Wir konnten die Hunde nicht totschießen, aus Furcht, die

Personen zu treffen, in die sie sich festgebissen hatten; so standen

wir denn ratlos und hilflos einem Schauspiel gegenüber, das so kläglich

und beschämend war, wie vielleicht kein zweites im ganzen Bürgerkrieg.

Auch an Beleuchtung fehlte es dabei nicht, denn der alte Mason und

seine Söhne kamen auf den Lärm mit Lichtern vor das Haus gelaufen. Es

gelang ihnen leicht, die Hunde loszumachen, bis auf Bowers Dogge, die

ganz mit ihm zusammengewachsen schien und erst losließ, als man sie mit

kochendem Wasser begoß, wobei Bowers auch seinen Teil abbekam und sich

gebührend bedankte.

Im Hause angekommen, wurden wir mit einer Flut von Fragen bestürmt, bis

sich herausstellte, daß wir gar nicht wußten, vor wem wir eigentlich

die Flucht ergriffen hatten. Das ging dem alten Mason doch über den

Spaß; er meinte, wir wären Soldaten von echtem Schrot und Korn; keine

Regierung sei ja imstande das Schuhleder zu bezahlen, das es kosten

würde, immer hinter uns drein zu laufen und da müsse der Krieg wohl

bald von selber aufhören. Dann fragte er, warum wir keine Wachen am

Wiesengrund aufgestellt hätten oder Kundschafter ausgeschickt, um

Näheres über die Stärke und Ausrüstung des Feindes zu erfahren, statt

auf ein bloßes Gerücht hin unsere feste Stellung zu verlassen und das

Hasenpanier zu ergreifen. Je mehr er sprach, um so erbärmlicher ward

uns zu Mute -- das war noch ein weit schlimmerer Willkommen als der

Angriff der Hunde.

[Illustration]

Beschämt schlichen wir zu Bette, um uns von allem, was wir durchgemacht

hatten, gründlich zu erholen und auszuruhen. Allein unser Schlummer war

nur von kurzer Dauer, die Leiden jener Nacht hatten noch kein Ende.

Gegen zwei Uhr ertönte plötzlich von der Straße her ein Warnungsruf, in

den die ganze Hundeschar laut heulend mit einstimmte; schon im nächsten

Augenblick war alles auf den Beinen, um zu sehen, welcher Feind im

Anzuge sei. Ein Reiter hatte die Nachricht gebracht, daß eine Abteilung

Unionstruppen von Hannibal heranmarschiere und strengen Befehl habe,

alle Banden wie die unsrige, auf welche sie stoßen würde, gefangen zu

nehmen und ohne Barmherzigkeit aufzuknüpfen. Wollten wir der Gefahr

entrinnen, so war keine Zeit zu verlieren. Farmer Mason geriet jetzt

selbst in die größte Aufregung und jagte uns förmlich zum Haus hinaus.

Ein Neger sollte uns an eine Bergschlucht führen, damit wir uns samt

unsern verräterischen Gewehren verstecken könnten.

Draußen floß der Regen in Strömen; rasch ging es den Heckenweg

hinunter, dann durch steinichtes Ackerland, wo bald der eine, bald der

andere stolperte und auf dem nassen Boden lag. Wer zu Fall gekommen

war, schimpfte auf den Krieg und auf alle, die Schuld hatten an seinem

Anfang und Fortgang, am meisten aber verwünschte jeder seine eigene

Thorheit, je daran teil genommen zu haben. Als wir den waldigen Eingang

der Schlucht erreicht hatten, schickten wir den Neger wieder nach

Hause. Dicht aneinander gedrängt standen wir unter den regentriefenden

Bäumen und verbrachten eine entsetzliche Nacht. Die Wasser drohten uns

zu ersäufen, das Heulen des Sturms, das Krachen des Donners betäubte

uns, die zuckenden Blitze blendeten unsere Augen. Doch klapperten und

bebten wir nicht vor Nässe und Kälte allein, weit schlimmer noch war

unsere Angst vor der hänfenen Schlinge, die unserm Leben ein Ende zu

machen drohte. Die Möglichkeit eines so schmachvollen Todes hatten

wir nicht bedacht; sie verdarb die Romantik des ganzen Feldzugs

und verwandelte unsere Träume von Ehre und Ruhm in entsetzliche

Schreckgespenster. Daß jener barbarische Befehl wirklich erteilt worden

sei, bezweifelte keiner aus unserer Schar.

Die lange Nacht ging schließlich doch vorüber und beim Morgengrauen

brachte der Neger die Nachricht, das Gerücht sei falsch, es habe sich

nicht bestätigt und bald werde das Frühstück fertig sein. Auf der

Stelle waren wir wieder frohen Mutes, die Welt schien voll Glanz und

Heiterkeit und das Leben so schön und hoffnungsreich wie immer -- denn

damals waren wir jung. Das ist schon lange her -- über vierundzwanzig

Jahre.[5]

[5] 1886 geschrieben.

Ein Frühstück, wie es uns die Masons nun auftischten, bekommt man nur

in Missouri. Knusprigen Zwieback und Weizenbrot, heiß aus dem Ofen

mit dem hübschen Gittermuster verziert, frische Maiskuchen, gebratene

Hühner, Speck, Kaffee, süße Milch, Eier, Buttermilch u. s. w. Wir

brauchten das alles zu unserer Stärkung und ließen es uns trefflich

schmecken.

Unser Aufenthalt bei Mason dauerte nur wenige Tage; die leblose Stille

und Langeweile dieses schläfrigen Pachtguts ist mir aber die vielen

Jahre hindurch in der Erinnerung geblieben, sie lastet noch heute mit

einem Druck auf meinem Geist wie Trauer und Tod. Es gab da nichts zu

denken, nichts zu thun, keinerlei Lebensinteresse. Die Männer waren den

ganzen Tag über auf dem Felde, auch die Frauen gingen ihren Geschäften

nach und man bekam sie nicht zu Gesichte. Der einzige Laut, der sich

vernehmen ließ, war das einförmige Schnurren eines Spinnrads. Es

klang aus einem entlegenen Zimmer mit so jammervollem Klageton zu uns

herüber, daß wir meinten, vor Heimweh vergehen zu müssen.

Bei Dunkelwerden pflegte sich die Familie zur Ruhe zu begeben und

wir mußten wohl oder übel dem Beispiel folgen. Schlaflos wälzten wir

uns die ewig langen Stunden auf unserm Lager umher und zählten die

Glockenschläge; eine solche Nacht dauerte hundert Jahre.

Zuletzt konnten wir es an dem Ort nicht länger aushalten und empfanden

eine förmliche Freude als es hieß, daß uns der Feind wieder auf

den Fersen sei. Unser kriegerischer Geist erwachte, wir waren wie

neugeboren, stellten uns schnell in Reih und Glied und marschierten in

unser früheres Lager zurück.

Hauptmann Lyman hatte sich jedoch Masons Winke wohl gemerkt; er gab

jetzt Befehl, daß Wachen ausgestellt werden sollten, um uns vor

Ueberrumpelung zu schützen. Ich hatte den Auftrag, für einen Posten an

der Gabelung des Weges in Hydes Wiesengrund zu sorgen. Als die Nacht

dunkel und drohend hereingebrochen war, befahl ich dem Sergeanten

Bowers, die Wache dort bis zwölf Uhr zu übernehmen; allein er

erwiderte, das thäte er nicht -- wie ich von vornherein erwartet hatte.

Ich versuchte noch einige andere zu überreden, aber alle schlugen

es mir ab. Zwei oder drei entschuldigten sich wegen des schlechten

Wetters, die übrigen aber erklärten freimütig, sie würden unter keiner

Bedingung Folge leisten. -- Das klingt uns jetzt sonderbar und wie

ein Ding der Unmöglichkeit, damals war es gar nicht überraschend,

sondern ein höchst natürliches und alltägliches Vorkommnis. Die jungen

Leute, die sich durch ganz Missouri in kleinen Lagerplätzen, wie der

unsrige, versammelt hatten, waren viel zu selbständig und unabhängig

aufgewachsen, um sich den Befehlen von Tom, Dick oder Harry zu fügen,

mit denen sie ihr Lebenlang auf du und du gestanden hatten. Im ganzen

Süden wird es wohl ähnlich hergegangen sein -- versteht sich nur

während der ersten Monate des Krieges.

Das Oberkommando über sämtliche Milizen unserer Gegend führte der

Brigadegeneral Thomas Harris, ein ausgezeichneter Mann und allgemein

beliebt. Wir hatten ihn aber gut gekannt, als er noch der einzige

Telegraphenbeamte in Hannibal war, der für geringen Sold wöchentlich

meist _eine_ Depesche abzuschicken hatte, und zwei, wenn die Geschäfte

sich besonders drängten. Als er daher eines Tages plötzlich in unserer

Mitte erschien und uns mit militärischer Würde Verhaltungsmaßregeln

überbrachte, wunderte sich niemand über die Antwort, welche er von dem

versammelten Korps erhielt:

»Na, wenn wir aber nun nicht wollen, Tom Harris -- was dann?«

Mit Leuten solchen Schlages in den Krieg zu ziehen, scheint ein

völlig hoffnungsloses Beginnen. Dennoch haben einige meiner damaligen

Kameraden später das blutige Handwerk trefflich erlernt; sie sind

tüchtige Soldaten geworden, welche gehorchten wie die Maschinen, den

Krieg bis zu Ende mitmachten und mit Ehren entlassen wurden. Ein

Bursche zum Beispiel, der mich damals einen Schafskopf nannte, weil

ich glaubte, er werde tollkühn genug sein, um den gefährlichen Posten

zu beziehen, hat sich, ehe er noch ein Jahr älter war, durch Mut und

Unerschrockenheit ganz besonders hervorgethan.

Es gelang mir an jenem Abend doch noch, Bowers zu bewegen, mit mir den

Nachtdienst zu versehen. Ich schlug ihm nämlich vor, den Rang mit ihm

zu tauschen und ihn als Untergebener zu begleiten. In pechfinsterer

Nacht und bei strömendem Regen verbrachten wir ein paar erbärmliche

Stunden zu Pferde. Bowers schimpfte ohne Unterlaß auf das Wetter und

den Krieg, bis wir einzunicken begannen und uns kaum mehr im Sattel

halten konnten. Nun quälten wir uns nicht länger, sondern ritten ins

Lager, ohne auf Ablösung zu warten. Der Feind hätte es mit Leichtigkeit

ebenso machen können, denn niemand hielt uns an oder fragte nach unserm

Begehr; nirgends ließ sich eine Schildwache blicken, alles lag in

festem Schlaf. Auch wurde, so viel ich weiß, nie wieder der Versuch

gemacht, zur Nachtzeit einen Posten auszustellen, nur bei Tage hielten

wir Wache.

In dem Kornspeicher, wo das Kommando schlief, entstand gewöhnlich

großer Lärm, bevor noch der Morgen graute. Zahllose Ratten waren dort

einquartiert; sie kletterten zu aller Aerger und Verdruß auf den

Schläfern herum und liefen ihnen ohne weiteres über das Gesicht. Bald

bissen sie diesen, bald jenen Soldaten in die Fußzehe, der fluchend

aufsprang und im Dunkeln mit Maiskolben um sich warf; die waren zwar

nicht ganz so hart wie Ziegelsteine, aber wen sie trafen, dem that es

doch weh. Das wollte sich keiner gefallen lassen; ehe fünf Minuten

vergingen, lag ein Nachbar dem andern in den Haaren und es entstand

eine allgemeine Rauferei. So kam es, daß im Kornspeicher viel Blut

vergossen wurde, das war aber auch das einzige, welches ich fließen

sah, solange ich am Kriege teilnahm. -- Nein, halt, das ist nicht die

volle Wahrheit! Einmal floß doch Blut, und wie das geschah, will ich

jetzt erzählen:

Wir wurden, wie bereits gesagt, häufig durch allerlei Gerüchte

erschreckt. Von Zeit zu Zeit tauchte immer wieder die Nachricht auf,

daß der Feind heranrücke und wir zogen uns vor ihm stets in ein anderes

Lager zurück. Da es sich jedoch jedesmal erwies, daß es nur blinder

Lärm gewesen, wurden wir schließlich gleichgültig dagegen. Als nun

eines Abends ein Neger wieder mit dem alten Liede gegangen kam, daß der

Feind in der Nähe lauere, sagten wir: ›Schon gut!‹ und beschlossen, uns

in unserer Ruhe und Bequemlichkeit nicht stören zu lassen. Ueber diesen

echt kriegerischen Beschluß empfanden wir im ersten Augenblick ein

wahres Hochgefühl. Wir waren gerade sehr lustig und guter Dinge gewesen

und hatten allerlei Possen getrieben; damit war es für jetzt freilich

vorbei -- Scherz und Lachen klang nur noch gezwungen, bald verstummte

es ganz und tiefe Stille herrschte in der Kompagnie. Wir hatten einmal

gesagt, daß wir dableiben wollten und konnten unser Wort nicht brechen,

doch wären wir wohl zu überreden gewesen, das Lager zu verlassen, wenn

nur einer den Mut gehabt hätte, es vorzuschlagen.

[Illustration]

Lange verharrten wir in ängstlichem Schweigen am selben Platze, dann

begann eine fast geräuschlose Bewegung im Dunkeln, zu welcher kein

Befehl erteilt worden war. Bald merkte ein jeder, daß er nicht der

einzige sei, der leise nach der Vorderwand gekrochen war, um durch

ein Astloch oder einen Spalt zu spähen. Nein, wir waren alle da und

starrten mit klopfendem Herzen nach der Stelle hin, wo der Fußpfad in

den Wald einmündete. Ringsum war alles still und man konnte bei dem

bleichen Schein des Mondes nur die allgemeinen Umrisse der Gegenstände

unterscheiden. Da ließ sich auf einmal ein dumpfer Ton vernehmen, der

wie Hufschlag klang. Nach einer Weile sahen wir eine nebelhafte Gestalt

auf dem Waldpfad auftauchen, die immer näher kam. Es war ein Mann zu

Pferde, und wie mir schien, ritten noch andere hinter ihm drein. Ein

jäher Schrecken fuhr mir durch die Glieder; ohne recht zu wissen was

ich that, griff ich nach meiner Flinte und steckte den Lauf durch einen

Spalt in der Wand. »Feuer!« gebot eine Stimme und ich drückte los. Mir

war, als sähe und hörte ich es hundertmal blitzen und knallen -- gleich

darauf fiel der Mann aus dem Sattel.

Verwundert über den gelungenen Schuß, wollte ich, mit dem Instinkt

des Jägers, im ersten Augenblick hinzueilen, um mich meiner Beute zu

versichern; da hörte ich neben mir jemand flüstern: »Bravo -- den

haben wir -- jetzt kommen die übrigen an die Reihe.« Wir warteten

und lauschten, aber die andern ließen sich nicht blicken. Kein Laut

war zu hören, nicht ein Blatt bewegte sich; die Stille ward immer

unheimlicher. Endlich ertrugen wir es nicht länger; wir krochen

verstohlen hinaus und näherten uns der mondbeschienenen Stelle, wo der

Mann auf dem Rücken lag, die Arme von sich gestreckt, mit offenem Mund

und keuchender Brust, das weiße Vorhemd von Blut überströmt. Siedend

heiß fuhr mir der Gedanke durch den Kopf, daß ich ein Mörder war, daß

ich einen Menschen getötet hatte, der mir nie etwas zu Leide gethan.

Es ging mir durch Mark und Bein. Verzweifelnd kniete ich neben ihm und

streichelte ihm Stirn und Wangen -- ich hätte alles darum gegeben und

mit Freuden mein eigenes Leben geopfert, um ihn wieder heil und gesund

zu machen, wie er es noch vor wenigen Minuten gewesen. Alle Kameraden

schienen mein Gefühl zu teilen, sie beugten sich mitleidig über den

Verwundeten, versuchten ihm auf jede Weise beizustehen und drückten

das innigste Bedauern aus. An den Feind dachte niemand mehr, sie sahen

in diesem Gegner nur den einzelnen, beklagenswerten Menschen. Das

brechende Auge des Sterbenden schien noch mit einem Blick des Vorwurfs

auf mir zu ruhen, der mich wie ein Dolchstoß traf. Als ich ihn nun

gar, wie im Traum, etwas von Weib und Kind murmeln hörte, ergriff mich

neues Entsetzen: So sollten also die Folgen meiner Missethat auch auf

das Haupt jener Unschuldigen fallen, die mir nie etwas Böses zugefügt

hatten!

Wenige Augenblicke später stieß der Mann den letzten Seufzer aus. Er

war im Kriege getötet worden nach Brauch und Recht -- sozusagen auf dem

Schlachtfeld gefallen; und dennoch beklagte ihn die feindliche Macht

wie einen Bruder. Wohl eine halbe Stunde lang standen die Kameraden

tief bewegt neben der Leiche und besprachen den Trauerfall in allen

Einzelheiten. Sie fragten sich, wer der Mann wohl sein möge; ob er

nicht doch vielleicht ein Spion gewesen? Hätten sie ihn wieder lebendig

machen können, sie würden ihm sicherlich kein Haar gekrümmt haben.

Bald stellte sich heraus, daß außer mir noch fünf Soldaten Feuer

gegeben hatten; nicht weniger als sechs Kugeln waren abgeschossen

worden. Diese Teilung der Schuld gewährte mir eine große Erleichterung

bei der Last, welche mich niederdrückte. Im Augenblick der That war

ich so wenig bei Besinnung gewesen, daß ich in meiner erhitzten

Einbildungskraft die ganze Salve für einen einzigen Schuß aus meiner

Flinte gehalten hatte.

Der Mann trug weder Waffen noch Uniform. Er war in der Gegend völlig

unbekannt und wir haben nie etwas Näheres über ihn erfahren. Mich

quälte die Erinnerung an ihn Tag und Nacht, ich konnte sie nicht wieder

los werden, konnte die peinigenden Gedanken nicht verscheuchen; daß

wir einem harmlosen Menschen das Leben genommen hatten, schien mir

so sündhaft, so zwecklos. Und war dies nicht ein Bild des Krieges

überhaupt? Was thut man denn anderes im Kriege, als Leute umbringen,

gegen die man keine persönliche Feindschaft hegt -- Fremde, denen man

unter andern Umständen beistehen würde, wenn sie in Not gerieten,

und die auch uns Hilfe leisten würden wenn wir ihrer bedürften? Mit

meiner Freude an dem Feldzug war es vorbei. Ich besaß die erforderliche

Ausrüstung nicht für dies grimme Handwerk; zum Kriege brauchte man

Männer, und ich hatte die Kinderschuhe noch nicht ausgetreten. So

beschloß ich denn, das unwürdige Soldatenspiel aufzugeben, um nicht

meine ganze Selbstachtung einzubüßen. Vernünftigerweise hätte ich mich

eigentlich von den selbstquälerischen Gedanken losmachen sollen, denn

im Grunde meines Herzens glaubte ich fest, daß nicht _meine_ Hand des

Mannes Blut vergossen hatte. Es war im höchsten Grade unwahrscheinlich,

daß meine Kugel ihn auch nur gestreift hatte, da es mir bei allen

meinen Schießübungen noch nie gelungen war, einen Gegenstand zu

treffen, nach dem ich zielte -- und _ihn_ hatte ich genau aufs Korn

genommen, das wußte ich. Leider gewährte mir diese Ueberzeugung keinen

Trost. Wann hätte sich auch eine kranke Einbildungskraft je durch

Vernunftgründe heilen lassen? --

* * * * *

Auf dem Mississippi; Nach dem fernen Westen · 第 12 / 21 段