Ich kam gegen Abend nach St. Louis, wo ich im ›Südhotel‹ abstieg. Das

ist ein gutes Gasthaus, auch nicht zu neumodisch, was besonders bei den

Billardtafeln zu Tage tritt, die noch aus der silurischen Erdperiode

stammen, während die Kugeln und Queues der Tertiärformation angehören.

Aber solche Altertümer sieht man immer gern; sie machen das Leben

behaglich.

Auch das Trinkwasser hatte sich nicht verändert und sah noch ebenso

gelbbraun aus wie früher; daran ist der Missouri schuld, der die Ufer

unterwühlt und die Erde mit fortschwemmt. Läßt man sein Glas eine

halbe Stunde stehen, so scheidet sich das Wasser vom festen Lande,

wie bei der Erschaffung der Welt; aber die Einheimischen warten nicht

darauf, sondern rühren beides untereinander und trinken den Schlamm wie

Haferschleim. Das fällt jedoch den Fremden schwer.

Am nächsten Morgen fuhr ich bei Regenwetter aus, um mir die Stadt

anzusehen, fand aber nicht viel Neues. Das kam wohl daher, weil in St.

Louis, wie in Pittsburg und London, fortwährend eine schwarze Wolke

von Kohlenrauch über den Häusern schwebt und alles neue gleich alt

macht. In Wirklichkeit hatte sich die Stadt sehr verändert, sie war

fast doppelt so groß als zu meiner Zeit und zählte 400000 Einwohner.

Die schönen vornehmen Wohnhäuser inmitten grüner Rasenplätze, viele

prachtvolle öffentliche Gebäude, der Waldpark, der botanische Garten,

die glänzende Straßenbeleuchtung, das alles war seitdem entstanden.

Den größten Umschwung fand ich aber auf dem Hafendamm, jedoch im

rückschrittlichen Sinne. Wo ich gewohnt war, meilenlange Reihen von

Dampfschiffen in voller Thätigkeit zu sehen, lagen jetzt nur noch fünf

oder sechs im Halbschlaf. Der lustige Flußschiffer, der vormals hier

eine so große Rolle spielte, war wie aus der Welt verschwunden. Sein

Geschäft ist ihm genommen, seine Macht ist aus; er ist in der großen

Masse untergegangen und arbeitet mit in der allgemeinen Tretmühle. Ein

paar träge Dampfer, eine endlose, leere Werft, ein Neger, der lang

ausgestreckt seinen Rausch verschlief, und weit und breit lautloses

Schweigen, sonst war nichts von den mächtigen Kauffahrteiflotten übrig

geblieben, die hier in friedlichem Wettbetrieb miteinander rangen.

Das schlechte Pflaster und der schuhtiefe Schmutz auf dem Dammweg waren

mir wohlbekannt, aber mir fehlten die zahllosen Rollwagen und Karren,

die sich stoßenden und drängenden Menschen, die Berge aufgetürmter

Frachtgüter -- wo waren die hingeraten? --

Eisenbahn und Schlepper hatten die Sache sehr gründlich in Angriff

genommen. Diese trostlose Verödung war ihr Werk. Auch die Riesenbrücke,

deren Bogen sich über unsern Häuptern wölbten, trug einen Teil der

Schuld an der Zerstörung. St. Louis ist eine blühende Stadt, die stetig

fortschreitet, deren Wohlstand wächst, aber ihre Flußschiffahrt liegt

im Todesschlaf, und für sie giebt es kein Auferstehen.

Die Dampferfahrt auf dem Mississippi nahm 1812 ihren Anfang und

entwickelte sich in einem Zeitraum von dreißig Jahren zu ganz

außerordentlicher Ausdehnung und einem großartigen Verkehr. Nach

abermals dreißig Jahren war sie tot. Wahrlich, ein ungewöhnlich kurzes

Leben für eine Schöpfung von solcher Erhabenheit.

Die veralteten Kielboote fielen den Dampfern zum Opfer, welche die

Reisenden in höchstens acht Tagen nach New Orleans beförderten. Als

jedoch die Eisenbahn in zwei bis drei Tagen das leistete, wozu die

Dampfboote eine Woche brauchten, war es um letztere geschehen. Dem

ehemaligen Güterverkehr aber machte eine Anzahl von Schleppdampfern

ein Ende, die sechs oder sieben Schiffsladungen auf einmal für so

geringe Kosten den Strom hinabbeförderten, daß von einem Wettbewerb der

Dampfboote gar keine Rede mehr sein konnte.

Mein ursprünglicher Plan war gewesen, mich in jeder Stadt zwischen

St. Louis und New Orleans kurze Zeit aufzuhalten. Doch das mußte ich

mir aus dem Sinne schlagen, denn die Lokalboote von früher giebt es

nicht mehr; nur in längeren Pausen verkehren noch Paketboote zwischen

bestimmten Städten. Es traf sich glücklich, daß der ›Goldstaub‹ noch

am selben Abend abfahren sollte. Das Boot war sauber und bequem, ich

belegte einen Platz bis Memphis und wir dampften pünktlich um acht Uhr

in den Fluß hinaus.

Als wir in der dichten Finsternis nach dem anderen Ufer hinüber

hielten, blitzte plötzlich ein blendender Strahl elektrischen Lichtes

von unserm Vordeck auf und beleuchtete das Wasser und die Speicher

am Lande mit Tageshelle. Die Zeiten der flackernden, rauchenden,

tröpfelnden Pechfackeln, die doch kein Licht verbreiteten, sind für

immer vorbei.

Die Fahrt von St. Louis bis Cairo, eine Strecke von zweihundert Meilen,

verlief aufs angenehmste. Die Hügel an beiden Ufern des breiten Flusses

prangten im Frühlingsschmuck, es wehte eine leichte Brise und das

Wetter war sonnig und klar. Den ganzen folgenden Tag dampften wir

weiter den Mississippi hinunter und begegneten nur einem einzigen

Dampfboot, das obendrein, wie ich durch das Fernrohr erspähte, meinen

Namen trug. Eine so hohe Ehre war mir bisher noch nicht widerfahren.

Früher hätten bei solchem Wasserstande meilenlange Holzflöße und

Kohlenleichter zu Dutzenden den Strom bedeckt, nebst zahlreichen

kleinen Handelsbooten, die von Farm zu Farm segelten, mit der ganzen

Familie des Eigentümers an Bord; von alledem ist aber keine Spur mehr

vorhanden.

[Illustration]

Bei sinkender Nacht näherten wir uns der ebenso berüchtigten, wie

gefürchteten Plumspitze. Aber, sie war kein Gegenstand des Schreckens

mehr. Die heutige Regierung hat, sozusagen, aus dem Mississippi einen

zweitausend Meilen langen Fackelzug gemacht. Am Anfang und Ende jeder

Windung brennt ein helles Leuchtfeuer; man fährt eigentlich nie

im Dunkeln, überall sind Lampen angezündet, voraus, achteraus und

querab. Es ist eine förmliche Verschwendung damit getrieben, denn die

Leuchtfeuer finden sich auch an Stellen, wo nun und nimmermehr eine

Untiefe gewesen ist, noch sein wird, und wo jedes Dampfschiff, das den

Weg nur einmal gemacht hat, sich mit Leichtigkeit zurechtfinden kann.

Das ist alles recht schön und gut, auch sehr bequem für die

Schifffahrt; aber das Lotsenhandwerk hat dadurch seine ganze Romantik

verloren. Wenn früher das Boot bei stockdunkler Nacht aus dem Ruder

lief, um in die Wälder hinein zu dampfen, so gab das aufregende

Momente für den Steuerer. Nicht weniger beängstigend war es, sich in

dichter Finsternis durch ein enges Fahrwasser hindurch zu winden;

aber jetzt kommt das nicht mehr vor -- das elektrische Licht blitzt

auf, verwandelt im Nu die Nacht zum hellen Tage, und alle Gefahr und

Aufregung hat ein Ende.

In unserer Zeit fortwährender Neuerungen hat die Anker-Linie den

Kapitän über den Lotsen gestellt, indem sie jenem ein höheres Gehalt

giebt. Das war schon an sich ein starkes Stück, aber damit nicht genug,

ist auch noch die Verordnung erlassen worden, daß der Lotse auf dem

Posten bleibt und seine Wache weiter geht, mag nun der Dampfer am

Ufer anlegen oder in Fahrt sein. Einst waren wir die Vornehmsten auf

dem Flusse, jetzt darf unsereins nicht mehr zu Bette gehen, während

die Ladung zu Hunderten von Tonnen an Bord geschafft wird; nein, wir

müssen im Steuerhäuschen sitzen und obendrein die Augen offen halten.

Wahrhaftig, so behandelt man kaum den gewöhnlichsten Steuermann oder

Maschinisten! -- Die Regierung hat unserm Beruf alle Romantik genommen,

die Anker-Linie aber nimmt uns Rang und Würde. Bei Nacht sah die

Plumspitze noch gerade so aus wie ehedem, nur daß jetzt Leuchtfeuer in

der Kreuzung brannten, und eine Menge anderer Lichter auf der Spitze

und am Ufer entlang. Die letzteren blinken herüber von der Flotte

der Vereinigten-Staaten-Strombau-Kommission, und aus den Wohnhäusern

und Bureaus, die dort am Lande für ihre Beamten gebaut worden sind.

Die Militäringenieure der Kommission haben die Arbeit übernommen,

den Mississippi umzumodeln und zur Ordnung zu bringen, eine Aufgabe,

die fast so groß und erhaben ist wie das Werk, ihn ursprünglich

zu erschaffen. Man legt Fangdämme an, um die Strömung abzulenken,

errichtet Deiche, welche sie in engere Grenzen einzwängen, und noch

andere Deiche, um den Fluß im neuen Bette festzuhalten. Unzählige

Meilen am Mississippi entlang werden die Wälder umgehauen; man will

die Ufer in einer Breite von fünfzig Metern völlig kahl scheren, um

sie dann, wie ein schräges Hausdach, bis zum Tiefwassermark herunter

abzutragen und mit Steinen zu belasten. Andere, der Ueberschwemmung

ausgesetzte Strecken schützt man wiederum durch eingerammte Pfähle.

Wer aber den Mississippi kennt, wird sich gleich sagen -- nicht laut,

aber leise -- daß zehntausend Strombaukommissionen, und wenn ihnen

sämtliche Goldminen der Erde zur Verfügung ständen, den eigenwilligen

Strom nicht zähmen werden. Er läßt sich nicht Gewalt anthun und

einengen; man kann ihm nicht befehlen: fließe hier, fließe dort, und

ihn zum Gehorsam zwingen. Ein Uferland, das er fortschwemmen will,

vermag niemand zu retten, jedes Hindernis, das seinen Lauf hemmen

soll, reißt er nieder oder springt darüber hinweg und spottet des

ohnmächtigen Versuchs.

Doch darf man dergleichen nicht unbedingt behaupten; ein verständiger

Mann behält seine Meinung für sich, gegenüber der höheren Weisheit

der Herren Ingenieure von der Militärakademie, die an Gelehrsamkeit

nirgends ihresgleichen haben. Wenn _sie_ glauben, daß sie den Strom

bemeistern können, so thut der Laie am besten zu schweigen und

abzuwarten.

Ich sprach darüber mit ›Onkel‹ Mumford, (so wurde der zweite Offizier

an Bord allgemein genannt) und will hier seine Ansicht genau

wiedergeben.

»Seit dreißig Jahren,« sagte Onkel Mumford, »bin ich Schiffsmaat und

habe den Strom beobachtet und studiert. Meint Ihr, ich hätte mehr davon

auf der Militärakademie gelernt? Aus all den Büchern und Lehrstunden

in West Point kann man in vier Jahren mancherlei lernen, das geb' ich

zu -- aber den Strom -- bah, wer's glaubt!

»Ja, wenn's so ein kleiner europäischer Fluß wäre, mit seinem

festen Grund und klaren Wasser, das gäb' einen Sonntagsspaß für die

Kommission, den einzudämmen, zu pfählen, zu deichen, ihn zu zähmen, zu

meistern, hierhin und dorthin zu leiten, und ihn so gefügig zu machen,

daß er blindlings alles thäte, was man von ihm verlangt. Aber mit

unserm Mississippi ist das ein ander Ding. Die Leute haben ihre Arbeit

in der besten Meinung und mit großer Zuversicht angefangen, aber, sie

bringen's nicht fertig, verlaßt euch drauf. Seht nur einmal näher zu,

wie sie's machen.

»An der Teufelsinsel im obern Fluß, zum Beispiel, da soll das Wasser

links herum fließen, statt rechts. Sie errichteten eine Steinmauer und

wollten es zwingen. Aber, was kehrt sich mein Fluß an eine Mauer! Als

sie fertig war, brach er mitten hindurch. Sie können's ja noch einmal

versuchen, vielleicht gelingt's dann besser. -- Am untern Fluß schlagen

sie Spundwände, um die Ufer zu schützen und das Wasser abzulenken. Was

hilft's? -- Es fackelt nicht lange und reißt das Land an einer andern

Stelle mit fort. Will man etwa die Ufer des ganzen Flußlaufes mit

Pfählen bestecken? -- Meiner Treu, da thäte man besser, man kaufte sich

Grund und Boden und machte einen ganz neuen Mississippi -- das käme

viel billiger zu stehen.«

* * * * *

Als noch viertausend Boote den Strom hinunter schwammen, nebst

zehntausend riesigen Kohlenleichtern und ungezählten Flößen und

Handelskähnen, da gab es nie _eine_ lumpige Laterne, von St. Paul

bis New Orleans. Heutzutage fahren zwar nur noch ein paar Dutzend

Boote auf dem Mississippi und die Flöße und Kohlenleichter sind ganz

verschwunden, aber die Regierung thut viel für den Strom und giebt

Unsummen aus, um ihn zu beleuchten, auszubaggern und einzudämmen.

Wenn's erst einmal überhaupt keine Dampfer mehr auf dem Mississippi

giebt, dann hat es die Kommission sicherlich so weit gebracht, daß die

Stromfahrt vollkommen gefahrlos ist und man sich dabei so ruhig und

geborgen fühlt, wie in Abrahams Schoß.

Ein mißlungener Feldzug.

[Illustration]

Im Sommer 1861 wälzte sich die erste Kriegswoge an das Ufer von

Missouri. Unionstruppen waren in den Staat eingefallen und hatten St.

Louis nebst andern festen Plätzen in ihre Gewalt bekommen. Zu ihrer

Abwehr rief der Gouverneur Claib Jackson sofort durch eine Proklamation

50000 Mann Milizen unter die Waffen.

Ich hielt mich damals vorübergehend in dem zum Bezirk Marion gehörigen

Städtchen Hannibal auf, wo ich meine Knabenzeit verlebt hatte. Als

der Aufruf erschien, veranstaltete ich mit mehreren Kameraden eine

nächtliche Zusammenkunft an einem geheimen Ort. Wir bildeten eine

Kompagnie, zu deren Hauptmann ein gewisser Tym Lyman gewählt wurde, der

zwar keine militärische Erfahrung, aber viel Mut besaß; mich machte

man zum Unterlieutenant. Einen Oberlieutenant hatten wir nicht, wie

das kam, habe ich vergessen -- es ist zu lange her. Wir waren unser

fünfzehn und ein wackerer Bursche aus unserer Mitte schlug vor, wir

sollten uns die ›Schützen von Marion‹ nennen. Der Name gefiel uns und

keiner wußte etwas dagegen einzuwenden. Nach dem jungen Menschen,

der den Rat gegeben, konnte man sich ungefähr einen Begriff machen,

wie unser ganzes Korps beschaffen war. Jung, unwissend, gutmütig,

oberflächlich, voll bester Absichten und romantischer Gefühle,

schwärmte er meist für Ritterromane und melancholische Liebeslieder.

Er besaß entschieden vornehme Neigungen und verabscheute unter anderm

seinen eigenen Namen Dunlap, der in jener Gegend fast so verbreitet war

wie Smith und für sein Ohr einen zu gemeinen Klang hatte. Um ihm einen

feineren Anstrich zu geben, schrieb er sich ~d'Unlap~. Das war nun dem

Auge zwar wohlgefällig, aber im übrigen wenig befriedigend, denn die

Leute sprachen den neuen Namen ganz ebenso aus wie den alten, mit dem

Nachdruck auf der ersten Silbe. Zuletzt verstieg er sich zu einer That,

die man als wahrhaft heldenkühn bezeichnen muß, wenn man bedenkt, wie

sehr die Welt alle Ziererei und Unnatur haßt und verdammt: er nannte

sich nämlich ~d'Un Lap~.

Das war eine großartige Erfindung. Mit unermüdlicher Geduld ertrug

er allen Spott und Hohn, die sie ihm einbrachte, überzeugt, daß wenn

er nur den Mut hätte zu warten, der Sieg ihm nicht fehlen könne. Er

erlebte es auch wirklich, daß der Name durchdrang und daß Leute,

die ihn von klein auf kannten und mit dem Geschlecht der Dunlaps so

vertraut waren wie mit Regen und Sonnenschein, den Nachdruck auf die

_letzte_ Silbe legten, wie er es eben haben wollte. Er behauptete

nämlich, er habe in einer alten französischen Chronik entdeckt, daß die

richtige Schreibart des Namens ursprünglich ~d'Un Lap~ gewesen sei,

was in der Uebersetzung soviel wie Peterson bedeute. ~Lap~, aus dem

Lateinischen oder Griechischen stammend, heiße Stein oder Fels, wie

das französische ~pierre~, also Peter; ~d'~ von, un einer oder einem,

also ~d'Un Lap~: von einem Stein oder einem Peter, das heißt der Sohn

eines Steins -- eines Peter--Peterson. -- In der Kompagnie hatten wir

keine Gelehrten und die Erklärung ging über unser Verständnis, so

nannten wir ihn denn Peterson Dunlap.

Ein anderer der Kameraden, Ed. Stevens, war der Sohn eines Goldschmieds

von Hannibal, hübsch und zierlich von Gestalt und sauber wie ein

Kätzchen; ein begabter Mensch, auch wohlunterrichtet, doch nahm er

nichts ernsthaft im Leben und war stets zu allerlei Unfug aufgelegt.

Auch den Feldzug betrachtete er nur wie eine Art Feiertagsspaß. Das

ging übrigens den meisten von uns nicht viel anders -- mit oder ohne

Bewußtsein. Aus Ueberlegung zu handeln war überhaupt nicht unsere

Sache, wir waren's nicht imstande. Was mich betraf, so machte es mir

ein kindisches Vergnügen, daß ich nicht mehr wie auf dem Dampfer um

Mitternacht und um vier Uhr morgens aus dem Bette mußte; ich freute

mich über die Abwechslung, über den neuen Schauplatz meiner Thätigkeit

und jedes neue Lebensinteresse. Was die Zukunft im einzelnen bringen

könnte, bedachte ich nicht -- man thut das selten mit vierundzwanzig

Jahren.

Ein Bursche ganz anderer Art war Smith, der Lehrling des Hufschmieds.

Diesem großen Esel fehlte es, trotz seiner langsamen, schwerfälligen

Natur, nicht an Kraft und Mut, auch hatte er ein weiches Herz.

Gelegentlich schlug er wohl ein Pferd zu Boden, wenn es nicht parieren

wollte, ein andermal aber bekam er Heimweh und fing an zu weinen.

Zuletzt ward ihm noch eine Auszeichnung zu teil, deren sich nur wenige

von uns rühmen konnten: er blieb dem Kriegshandwerk treu und fiel auf

dem Schlachtfeld.

Jo Bowers, auch einer aus der Kompagnie, war ein vierschrötiger,

flachshaariger Schlingel, gefühlvoll, träge, meist mit allem

unzufrieden und ein harmloser Prahlhans. Das Lügen betrieb er mit

großartiger Frechheit; wie fleißig er sich aber darin übte, es glückte

ihm trotzdem selten, denn seine Erziehung war vernachlässigt worden,

man hatte ihn eigentlich wild aufwachsen lassen. Er nahm das Leben

ziemlich ernst und es behagte ihm oft ganz und gar nicht; im übrigen

war er ein guter Kamerad und recht beliebt. Er wurde zum Sergeanten und

Ordonnanzoffizier gemacht; Stevens ernannten wir zum Korporal.

Nach den eben beschriebenen Exemplaren kann man sich von den übrigen

leicht eine Vorstellung machen. Was ließ sich wohl von einer derartigen

zusammengelaufenen Herde im Kriege erwarten? -- Jeder that sein Bestes,

aber was konnte dabei herauskommen? Gar nichts, sollte ich meinen --

und das traf auch zu.

In einer dunklen Nacht begaben wir uns von verschiedenen Punkten

aus, so vorsichtig und heimlich wir konnten, paarweise nach dem

Griffith-Platz außerhalb der Stadt und traten von dort unsern

gemeinsamen Marsch an. Hannibal liegt in dem südöstlichen Winkel des

Bezirks Marion und unser Bestimmungsort war New London, zehn Meilen

weiter im Bezirk Ralls.

Beim Abmarsch waren wir alle voll Lachen und Scherz und trieben nichts

als Tollheiten. Doch, das dauerte nicht lange. Das fortgesetzte

Marschieren war uns bald eine Arbeit und mit dem Spiel war es vorbei.

Auch die Stille des Waldes und das nächtliche Dunkel übte eine

niederschlagende Wirkung auf unsere Lebensgeister. Die allgemeine

Unterhaltung geriet ins Stocken, jeder versank in seine eigenen

Gedanken und wohl eine halbe Stunde lang sprach kein Mensch ein Wort.

Wir näherten uns jetzt einem Blockhaus, in welchem, wie man munkelte,

eine Wache von fünf Unionssoldaten postiert war. Hier im Dunkel der

Waldbäume, deren herabhängende Zweige uns verbargen, gebot unser

Führer Lyman Halt. Dann teilte er uns im Flüsterton mit, sein Plan

sei, das Haus zu erstürmen -- was uns die Finsternis ringsum noch

schwärzer erscheinen ließ. In diesem entscheidenden Augenblick ward uns

klar, daß es sich um bittern Ernst handle -- wir standen dem Kriege

sozusagen Auge in Auge gegenüber. Doch verloren wir unsere Fassung

nicht, wir waren auf alles gerüstet. Entschlossenen Muts erwiderten wir

ohne Zaudern, wenn sich Lyman selbst mit den Unions-Soldaten einlassen

wolle, so möge er nur tapfer darauf losgehen, doch könne er lange

warten, bis wir ihm folgen würden.

Lyman bat und beschwor, er versuchte uns zu beschämen, aber alles

vergebens. Nichts konnte uns von dem einmal gefaßten Plan abbringen:

wir wollten das Blockhaus zur Seite liegen lassen und nur von außen

umgehen. Und das thaten wir.

Unter großer Mühsal schlugen wir uns quer durch den Wald; bald

stolperten wir über Wurzeln, bald verwickelten wir uns in

Schlinggewächsen oder blieben am Dorngestrüpp hängen. Endlich

erreichten wir einen offenen Platz in sicherer Gegend, wo wir uns

erhitzt und atemlos niedersetzten, um uns abzukühlen und unsere

Schrammen und sonstigen Verletzungen zu besichtigen. Lyman war

ärgerlich, wir andern aber guten Mutes; weshalb sollten wir auch die

Köpfe hängen lassen -- unsere erste militärische Unternehmung war ja

geglückt: wir hatten das Blockhaus umgangen und konnten wohl zufrieden

sein. Scherz und Lachen begann von neuem, der Kriegszug wurde wieder

zum Festtagsspaß.

Nach kurzer Rast marschierten wir abermals weiter, zwei Stunden lang,

zuletzt in dumpfem Schweigen. Als der Morgen dämmerte, zogen wir

erschöpft, beschmutzt und mit wunden Füßen in New London ein; wir

waren alle schlecht gelaunt und schimpften heimlich auf den Krieg; nur

Stevens hatte seine gute Stimmung behalten. Nachdem wir unsere alten,

schäbigen Flinten in der Scheune des Obersten Rall, eines Veteranen

aus dem mexikanischen Krieg, zusammengestellt hatten, frühstückten

wir alle gemeinsam in seinem Hause. Später führte er uns auf eine

einsame Waldwiese und hielt uns dort, im Schatten eines Baumes, eine

hochtrabende Rede voll Ruhm und Pulverdampf, in der es von Beiwörtern,

bildlichen Anspielungen und schwungvollen Phrasen wimmelte -- das

gehörte mit zur Beredsamkeit in jener alten Zeit und entlegenen Gegend.

Er ließ uns dann auf die Bibel schwören, daß wir dem Staate Missouri

treu bleiben und alle Eindringlinge verjagen wollten, von welcher Seite

sie auch kämen und unter welcher Fahne sie marschierten. Dies verwirrte

uns einigermaßen, denn wir begriffen nicht recht, zu wessen Dienst wir

uns eigentlich verpflichtet hatten; Oberst Rall aber, der erfahrene

Politiker und Wortverdreher, war darüber gar nicht im Zweifel. Er wußte

genau, daß er uns für die Sache des Südbunds angeworben hatte. Zuletzt

gürtete er mir noch ein Schwert um, welches Oberst Brown, sein Nachbar,

in Mexiko getragen hatte, und endete die Feierlichkeit durch einen

großartigen Wortschwall.

[Illustration]

Hierauf marschierten wir in Reih und Glied nach einem grünen,

schattigen Waldrevier, am Rande einer weiten, blumengeschmückten

Wiese. Es war ein herrlicher Schauplatz für den Krieg -- wie wir ihn

betrieben. Ins Innere des Waldes eindringend, bezogen wir eine feste

Stellung, die im Rücken durch niedere, bewaldete Felsberge geschützt

war und vor uns durch einen klaren sprudelnden Bach. Sofort schwamm

die Hälfte unseres Kommandos im Wasser, während sich die übrigen auf

den Fischfang begaben. An dem Platz, wo wir unser Lager aufschlugen,

war ehemals Ahornzucker gesiedet worden; die verfaulten Tröge lehnten

noch an den Bäumen. Nicht weit davon lag ein alter Kornspeicher, in

welchem das Bataillon sein Nachtquartier nahm. Gegen Mittag kamen die

Farmer von allen Seiten mit Pferden und Mauleseln herbei, die sie uns

für die Dauer des Krieges leihen wollten, auf etwa drei Monate, wie sie

meinten. Es waren Tiere von der verschiedensten Größe, Farbe und Zucht,

meistens jung und unbändig, so daß kein einziger aus unserm Kommando

sich lange im Sattel halten konnte; wir Städter waren im Reiten noch

ungeübt. Ich erhielt ein kleines Maultier zugeteilt, welches, rasch und

lebhaft in seinen Bewegungen, mich ohne alle Schwierigkeit jedesmal

wieder abwarf, wenn ich aufgestiegen war. Dann reckte es den Hals,

spitzte die Ohren, riß die Kinnladen auf, daß man ihm tief in den

Schlund sehen konnte, und ließ sein Triumphgeschrei hören. Es war ein

widerwärtiges Tier in jeder Beziehung; faßte ich es beim Zügel, um es

aus der Wiese zu führen, so stemmte es sich mit aller Kraft dagegen und

war nicht vom Fleck zu bringen. Das gewöhnte ich ihm aber gründlich

ab, denn auf einige militärische Kniffe verstand ich mich doch. Ich

hatte in meinem Leben schon manchen festgefahrenen Dampfer wieder flott

werden sehen, da wurde es mir nicht schwer, so ein störriges Maultier

flott zu machen. Bei dem Kornspeicher war ein Brunnen; ich nahm also

statt des Halfters einen dreißig Faden langen Strick, verfuhr damit

wie bei der Ankerwinde und schaffte das Tier ohne Aufenthalt nach Hause.

Auf dem Mississippi; Nach dem fernen Westen · 第 11 / 21 段