Neu-Madrid. Brown stand auf der einen Seite des Rades und steuerte,
ich auf der andern, bereit, dasselbe nieder- oder aufzudrehen. Er warf
mir zuweilen einen verstohlenen Blick zu. Ich wußte schon lange, was
das bedeutete -- nämlich, daß er mir eine Falle zu stellen versuchte,
und war nur neugierig, welche Gestalt dieselbe annehmen sollte. Nach
einiger Zeit trat er vom Rad zurück und sagte in seiner gewohnten
mürrischen Weise:
»He! -- Sieh, ob du Grütze genug hast, das Boot herumzudrehen.«
Das mußte unbedingt ein Triumph für ihn werden; er hatte mich das Boot
nie herumdrehen lassen, und so konnte er ausgiebig tadeln, wie ich es
auch machen würde. Er stand hinter mir, sein gieriges Auge auf mich
gerichtet, und das Resultat war wie vorauszusehen: ich verlor in ein
paar Augenblicken den Kopf und wußte nicht mehr, was ich that. Ich
begann zu früh mit dem Herumdrehen, entdeckte aber einen grünlichen
Freudenschimmer in Browns Augen und verbesserte meinen Mißgriff; ich
begann abermals, während wir noch zu weit oben waren, korrigierte mich
aber noch zeitig genug; ich machte andere falsche Bewegungen, zog mich
aber stets wieder aus der Verlegenheit. Schließlich aber wurde ich so
verwirrt und ängstlich, daß ich in den allerschlimmsten Fehler verfiel
-- ich kam zu weit abwärts, ehe ich das Boot herumzuholen begann. Die
Gelegenheit für Brown war gekommen.
Sein Gesicht war rot vor leidenschaftlicher Wut; er machte einen Satz,
schleuderte mich mit einer Bewegung seines Armes vom Steuer weg, ließ
das Rad rasch herumfliegen und begann einen Strom von Schmähungen über
mich auszugießen, der anhielt, bis er außer Atem war. Im Laufe seiner
Rede gab er mir alle Arten von Schimpfnamen, die er erdenken konnte,
und einmal oder zweimal dachte ich, er würde sogar fluchen -- aber er
hatte das nie gethan und that es auch diesmal nicht. ›Ganz verflixt‹
war das Aeußerste, was er in der Richtung gegen einen Fluch hin wagte,
denn es war ihm ein heilsamer Respekt vor zukünftigem Feuer und
Schwefel anerzogen worden.
Das war eine böse Stunde, denn auf dem Sturmdeck stand eine große
Zuhörerschaft. Als ich in jener Nacht im Bette lag, tötete ich Brown
auf siebzehn verschiedene Arten -- alle neu.
Brown und ich tauschen Komplimente aus.
Während der übernächsten Fahrt geriet ich in eine ernste Patsche.
Brown steuerte; ich half ihm. Mein jüngerer, im Bureau angestellter
Bruder erschien auf dem Sturmdeck und rief Brown zu, er solle bei einem
Landungsplatz etwa eine Meile weiter abwärts anlegen. Brown gab durch
kein Zeichen zu verstehen, daß er etwas gehört habe; aber das war so
seine Art: er ließ sich nie herab, von einem Bureaubeamten Notiz zu
nehmen. Es wehte ein starker Wind; Brown war schwerhörig (obgleich
er das stets bestritt) und ich war sehr im Zweifel, ob er den Befehl
gehört hatte. Wenn ich zwei Köpfe gehabt hätte, würde ich gesprochen
haben; da ich aber nur einen besaß, schien es mir klug, für diesen
Sorge zu tragen; ich verhielt mich also ruhig.
Richtig segelten wir bald darauf an jener Pflanzung vorbei.
Kapitän Kleinfelder erschien auf dem Verdeck und sagte:
»Lenken Sie doch das Boot herum, Sir, lenken Sie's herum. Sagte Henry
Ihnen nicht, daß Sie hier landen sollten?«
»_Nein_, Sir!«
»Ich sandte ihn eigens deshalb herauf.«
»Er kam auch herauf; aber das ist alles, was er that, der verflixte
Narr. Er sagte kein Wort.«
»Hast du es nicht gehört?« fragte der Kapitän mich.
Ich wollte natürlich nicht gern in diese Geschichte verwickelt werden;
aber es war nicht zu vermeiden, und so sagte ich:
»Ja, Sir.«
Ich wußte im voraus, was Browns nächste Bemerkung darauf sein würde;
sie lautete:
»Halt's Maul! Du hast so etwas nicht gehört.«
Ich schwieg dieser Weisung gemäß. Eine Stunde später kam Henry ins
Steuerhaus, ohne etwas von dem Vorgefallenen zu wissen. Er war ein ganz
harmloser Bursche und that mir leid, als ich ihn kommen sah, denn ich
wußte, daß Brown kein Mitleid mit ihm haben würde. Brown begann sofort:
»He! warum sagtest du mir nicht, daß ich bei jener Pflanzung landen
sollte?«
»Ich sagte es Ihnen, Herr Brown.«
»Das ist 'ne Lüge!«
Ich rief: »Sie lügen selbst. Er sagte es Ihnen.«
Brown sah mich mit ungeheucheltem Erstaunen an, und für einen
Augenblick war er ganz sprachlos; dann schrie er mir zu:
»Mit dir werde ich gleich ein Wort reden!« und hierauf zu Henry: »Und
du verläßt das Steuerhaus; hinaus mit dir!«
Das war Lotsengesetz und mußte befolgt werden. Henry wandte sich zum
Gehen und hatte eben den Fuß auf die obere Stufe vor der Thür gesetzt,
als Brown in einem plötzlichen Wutanfall ein etwa zehnpfündiges Stück
Kohle ergriff und ihm nachsprang; ich kam jedoch mit einem schweren
Stuhl dazwischen und versetzte Brown einen tüchtigen Streich, der ihn
niederstreckte.
Ich hatte das Kapitalverbrechen begangen -- hatte meine Hand gegen
einen Lotsen im Dienst erhoben. Da ich einmal doch fürs Zuchthaus reif
war, konnte ich meine Lage kaum verschlimmern, wenn ich fortfuhr,
meine Rechnung mit diesem Menschen auszugleichen, so lange ich die
Gelegenheit dazu hatte; so machte ich mich denn an ihn heran und
bearbeitete ihn eine beträchtliche Zeit -- ich weiß nicht, wie lange
-- mit den Fäusten; das Vergnügen ließ mir die Zeit wohl länger
erscheinen, als sie wirklich war; -- endlich aber riß er sich los,
sprang auf und zum Rad hin: eine sehr natürliche Besorgnis, denn
während dieser ganzen Zeit raste das Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit
von fünfzehn Meilen in der Stunde den Fluß hinab, ohne daß jemand am
Steuer war! Eagle Bend war jedoch bei diesem Wasserstand zwei Meilen
breit und entsprechend lang und tief, und das Boot steuerte gerade in
der Mitte des Fahrwassers hinab und vermied alle Hindernisse. Aber das
war reines Glück -- es hätte ebenso gut in den Wald hinein dampfen
können.
[Illustration]
Als Brown auf den ersten Blick sah, daß die ›Pennsylvania‹ nicht
in Gefahr war, nahm er das lange Fernrohr wie eine Keule zur Hand
und befahl mir mit steiferer Würde, als ein Comanche besitzt, das
Steuerhaus zu verlassen. Aber ich fürchtete mich jetzt nicht mehr vor
ihm; statt also zu gehen, blieb ich und kritisierte seine Sprechweise,
formte seine schauderhaften Ausdrücke um und brachte sie in gutes
Englisch, wobei ich seine Aufmerksamkeit auf die Vorzüge eines reinen
Englisch vor dem Bastarddialekt der pennsylvanischen Kohlenbergwerke
lenkte, aus denen er stammte. In einem Kreuzfeuer bloßer Schmähungen
hätte er seine Rolle bewunderungswürdig spielen können, für diese
Art der Kontroverse aber war er nicht gewappnet; er legte daher das
Fernrohr beiseite und ergriff murmelnd und kopfschüttelnd das Rad,
während ich mich auf die hohe Bank setzte. Der Lärm hatte alles auf's
Sturmdeck gelockt, und ich zitterte, als ich den alten Kapitän aus
der Mitte der Schar heraufschauen sah. Ich sagte mir »Nun bin ich
verloren!« -- denn so väterlich und nachsichtig der Kapitän gewöhnlich
gegen seine Leute und so milde er bei kleineren Versehen war, so streng
konnte er bei einem ernstlichen Vergehen sein.
Ich versuchte mir vorzustellen, was er mit einem Lotsenlehrling thun
würde, der sich ein Verbrechen wie das meine hätte zu schulden kommen
lassen, und noch dazu auf einem Dampfer, der voll von Passagieren und
kostbarer Fracht war. Unsere Wache war fast zu Ende. Ich gedachte mich
irgendwo zu verstecken, bis ich eine Gelegenheit fände, ans Land zu
schlüpfen. So schlich ich denn aus dem Steuerhaus, die Treppe hinab und
auf die Thür zum Saale zu -- und wollte eben hineingleiten, als der
Kapitän mir entgegentrat. Ich ließ den Kopf hängen; er stand einige
Augenblicke schweigend vor mir und sagte dann:
»Folge mir!«
Ich schritt ihm nach, in seine Kajüte am vordern Ende des Salons. Wir
waren jetzt allein. Er schloß die hintere Thür, ging dann langsam zur
vordern und schloß auch diese. Darauf setzte er sich nieder, sah mich
eine Weile an und sagte schließlich:
»Du hast dich also mit Herrn Brown geprügelt?«
Ich antwortete demütig: »Ja, Sir.«
»Weißt du, daß das eine sehr ernste Sache ist?«
»Ja, Sir.«
»Weißt du, daß dieses Boot volle fünf Minuten den Strom hinabdampfte,
ohne daß jemand am Steuerruder war?«
»Ja, Sir.«
»Hast du ihn zuerst geschlagen?«
»Ja, Sir.«
»Womit?«
»Mit einem Stuhl, Sir.«
»Stark?«
»Mittelmäßig, Sir.«
»Warf es ihn nieder?«
»Er -- er fiel, Sir.«
»Was machtest du weiter? Thatest du sonst noch etwas?«
»Ja, Sir.«
»Was denn?«
»Bearbeitete ihn mit den Fäusten, Sir.«
»Mit den Fäusten?«
»Ja, Sir.«
»Gehörig? -- das heißt stark?«
»Ich glaube wohl, Sir.«
»Das freut mich ganz verteufelt! Höre, laß dir nie merken, daß ich
das sagte. Du hast dir ein schweres Verbrechen zu schulden kommen
lassen; thue es ja nicht wieder auf diesem Boot. _Aber_ -- paß ihm
auf am Lande! Prügle ihn ganz gehörig durch, hörst du? Ich werde die
Kosten bezahlen. Und nun geh -- und höre, daß du mir kein Wort davon
laut werden lässest! Fort mit dir! -- du hast ein schweres Verbrechen
begangen, du Schlingel!«
Ich schlich hinaus, glücklich im Gefühl des Entkommens und einer großen
Erlösung; und ich hörte ihn für sich hin lachen und sich auf die
strammen Schenkel schlagen, nachdem ich seine Thür geschlossen hatte.
Als Brown von der Wache kam, ging er stracks zum Kapitän, der mit
einigen Passagieren auf dem Kesseldeck plauderte, verlangte, daß ich in
New Orleans ans Land gesetzt würde, und fügte hinzu:
»Ich werde das Rad auf diesem Boot nicht mehr drehen, solange der
Bursche an Bord ist.«
Der Kapitän sagte:
»Aber er braucht ja nicht ins Steuerhaus zu kommen, solange Sie auf
Wache sind, Herr Brown.«
»Ich mag nicht einmal auf demselben Boote mit ihm bleiben. Einer von
uns muß ans Land.«
»Sehr wohl,« sagte der Kapitän, »dann mögen _Sie_ dieser _eine_ sein.«
Damit setzte er sein Gespräch mit den Passagieren fort.
Während des kurzen Restes dieser Fahrt erfuhr ich, wie einem befreiten
Sklaven zumute ist; denn ich selbst war jetzt ein befreiter Sklave.
Während wir an den Landeplätzen lagen, lauschte ich George Ealers
Flötenspiel oder seinem Vorlesen aus seinen beiden Bibeln, d. h.
Goldsmith und Shakespeare, oder ich spielte Schach mit ihm -- und würde
ihn manchmal geschlagen haben, wenn er nicht stets seinen letzten Zug
zurückgenommen und dadurch dem Spiel eine andere Wendung gegeben hätte.
Eine Katastrophe.
Wir lagen drei Tage in New Orleans, es gelang dem Kapitän jedoch
nicht, einen andern Lotsen zu finden; er schlug daher vor, daß ich
die Tageswachen übernehmen und die Nachtwachen Georg Ealer überlassen
sollte. Ich fürchtete mich aber, denn ich hatte noch nie ganz allein
die Wache gehabt und glaubte, daß ich das Boot sicher am obern Ende
einer Durchfahrt zu Schaden oder an einer schmalen Stelle auf den Grund
bringen würde. Brown behielt nun seine Stelle, wollte aber nicht mit
mir fahren. So wurde denn abgemacht, daß ich auf dem ›A. T. Lacey‹
nach St. Louis nachkommen sollte; dort wollte der Kapitän einen neuen
Lotsen anstellen, so daß ich meinen Platz als Steuerer wieder einnehmen
könnte. Der ›Lacey‹ sollte ein paar Tage nach der ›Pennsylvania‹
abfahren.
In der Nacht vor der Abfahrt der ›Pennsylvania‹ saßen Henry und ich
bis Mitternacht plaudernd auf einem Frachthaufen am Hafendamm. Unsere
Unterhaltung betraf einen Gegenstand, der, wie ich glaube, noch nicht
besprochen ist -- die Unglücksfälle der Dampfboote. Ein solcher war
eben im Anzuge, ohne daß wir es ahnten; das Wasser zu dem Dampf, der
das Unglück verursachen sollte, strömte schon an einer Landspitze etwa
fünfzehnhundert Meilen stromaufwärts vorüber, während wir plauderten
-- traf aber rechtzeitig am rechten Orte ein. Wir bezweifelten,
ob Personen ohne rechte Autorität bei Unglücksfällen und der sie
begleitenden Panik viel nützen könnten, meinten aber, daß sie immerhin
_etwas_ zu nützen vermöchten; so beschlossen wir denn, falls wir je ein
solches Unglück erleben sollten, wenigstens bis zum letzten Augenblick
auf dem Posten zu bleiben und kleinere Dienste zu leisten, wie es der
Zufall bieten würde. Henry erinnerte sich später daran, als das Unglück
geschah, und handelte demgemäß.
Der ›Lacey‹ fuhr also zwei Tage später ab als die ›Pennsylvania‹, mit
der mein Bruder fuhr. Als wir nach ein paar Tagen zu Greenville in
Mississippi anlegten, rief uns jemand zu:
»Die ›Pennsylvania‹ ist bei der Schiffsinsel in die Luft geflogen, und
hundertfünfzig Menschenleben sind zu Grunde gegangen.«
Zu Napoleon in Arkansas erhielten wir noch am selben Tage das
Extrablatt einer Zeitung in Memphis, das einige Einzelheiten enthielt.
Es erwähnte meinen Bruder -- als unverletzt.
Weiter den Fluß hinauf bekamen wir ein später erschienenes Extrablatt.
Mein Bruder war wieder erwähnt -- diesmal als tödlich verletzt. Erst
als wir Memphis erreichten, erhielten wir ausführliche Mitteilungen
über die Katastrophe. Hier folgt die leidvolle Geschichte:
Es war um sechs Uhr früh an einem heißen Sommermorgen. Die
›Pennsylvania‹ fuhr nördlich von der Schiffsinsel, etwa sechzig
Meilen unterhalb Memphis, langsam mit halbem Dampf weiter, da sie im
Schlepptau ein mit Holz beladenes Flachboot hatte, das rasch geleert
wurde. George Ealer war im Steuerhaus -- allein; glaube ich; der zweite
Maschinist und ein Heizer hatten die Wache im Maschinenraum, der zweite
Steuermann die Wache auf Deck; Herr Wood, Georg Black und mein Bruder,
alle drei Buchhalter schliefen, ebenso Brown und der Obermaschinist,
der Zimmermann, der Obersteuermann und ein Heizer; Kapitän Kleinfelder
saß im Barbierstuhl, und der Barbier wollte gerade mit dem Rasieren
beginnen. Wie man damals erzählte, waren sehr viele Kajüts- und 3--400
Deckspassagiere an Bord, von denen die meisten noch schliefen. Als das
Holzboot nahezu entleert war, läutete Ealer »Volle Kraft vorwärts!« und
im nächsten Augenblick explodierten vier von den acht Dampfkesseln mit
donnerndem Krachen, und das ganze vordere Drittel des Dampfers flog den
Wolken zu! Der Hauptteil der Masse mit den Schornsteinen fiel wieder
auf das Boot: ein Berg zertrümmerter, chaotischer Wrackstücke, -- dann
brach nach einer kleinen Weile Feuer aus.
[Illustration]
Viele Leute wurden in beträchtliche Entfernungen geschleudert und
fielen in den Fluß, darunter auch Herr Wood, mein Bruder und der
Zimmermann. Der Zimmermann lag noch auf seiner Matratze ausgestreckt,
als er fünfundsiebzig Fuß vom Dampfer entfernt ins Wasser fiel. Von
Brown, dem Lotsen, und Georg Black, dem ersten Buchhalter, wurde nach
der Explosion nichts mehr gesehen und gehört. Der Barbierstuhl mit dem
unverletzten Kapitän Kleinfelder darin stand mit dem Rücken gegen einen
tiefen Abgrund -- das ganze Vorderteil des Schiffes war verschwunden,
und der verblüffte Barbier, der gleichfalls unverletzt geblieben war,
stand da, unbewußt das Messer am Streichriemen abziehend, dicht vor
dem klaffenden Spalt, mit einem Zehen über der Leere, ohne ein Wort zu
sagen.
Als George Ealer die Schornsteine vor seinen Augen in die Höhe fliegen
sah, wußte er, was los war; er hüllte sein Gesicht mit den Rockschößen
ein und preßte die Hände davor, um durch diesen Schutz zu verhindern,
daß der heiße Dampf in seine Nase oder seinen Mund gelangen konnte.
Er hatte Zeit genug, sich mit diesen Einzelheiten zu beschäftigen,
während er auf- und abwärts flog. Bald darauf landete er auf einem der
nicht explodierten Dampfkessel, in Begleitung seines Rades und eines
Hagels anderer Sachen und in eine Wolke siedend heißen Dampfes gehüllt,
vierzig Fuß unterhalb des früheren Steuerhauses. Alle, welche den Dampf
einatmeten, sind gestorben; keiner kam davon. Ealer atmete aber keinen
Dampf ein; er eilte so rasch wie möglich in die freie Luft; und als
der Dampf sich verzog, kehrte er zurück und kletterte wieder auf den
Dampfkessel, wo er mit großer Geduld alle seine Schachfiguren und die
verschiedenen Teile seiner Flöte zusammensuchte.
Mittlerweile begann das Feuer bedrohend zu werden. Schreien und Stöhnen
erfüllten die Luft. Sehr viele Personen waren verbrüht, viele andere
verstümmelt; einem Manne -- einem Geistlichen, glaube ich -- hatte
die Explosion eine eiserne Brechstange durch den Leib getrieben;
er starb nicht sogleich, und seine Leiden waren ganz gräßlich. Ein
junger französischer Seekadett von fünfzehn Jahren, der Sohn eines
französischen Admirals, wurde fürchterlich verbrüht, ertrug aber die
Qualen mannhaft. Beide Steuerleute waren arg verbrüht, blieben aber
trotzdem standhaft auf ihren Posten. Sie brachten das Flachboot nach
dem Heck und trieben mit dem Kapitän die rasende Schar der erschreckten
Passagiere zurück, bis die Verwundeten dorthin und in Sicherheit
gebracht worden waren.
Als Herr Wood und Henry ins Wasser fielen, schwammen sie aufs Ufer
zu, das nur einige hundert Schritte entfernt war; aber Henry sagte
bald darauf, er glaube nicht verletzt zu sein (welch unbegreiflicher
Irrtum!) und wolle deshalb zum Boot zurückschwimmen und die Verwundeten
retten helfen. Damit schieden sie, und Henry kehrte um.
Mittlerweile verbreitete sich das Feuer mit rasender Schnelle, und
mehrere Personen, die unter den Trümmern eingesperrt waren, schrieen
kläglich um Hilfe. Alle Bemühungen, das Feuer zu bewältigen, erwiesen
sich als fruchtlos; so wurden denn bald die Eimer beiseite geworfen
und die Offiziere ergriffen die Aexte und versuchten die Gefangenen
herauszuhauen. Unter den Gefangenen befand sich auch ein Heizer; er
sagte, er wäre nicht verletzt, könnte sich aber nicht befreien; als er
sah, daß das Feuer die Hilfeleistenden vertreiben würde, bat er, man
möge ihn erschießen und so vor dem gräßlicheren Feuertod retten. Das
Feuer vertrieb wirklich die Offiziere, so daß sie unthätig das Flehen
dieses armen Burschen anhören mußten, bis die Flammen seine Qualen
endeten.
Das Feuer drängte alles, was nur irgend Platz finden konnte, auf
das Holzboot; dann wurde dieses losgeschnitten und trieb nun mit
dem brennenden Dampfer den Fluß hinab auf die Schiffsinsel zu. Man
verankerte das Boot am oberen Ende der Insel und dort mußten die
halbnackten Insassen, ohne Schutz vor der sengenden Sonne, ohne Speise
und Stärkungsmittel und ohne Hilfe für ihre Verletzungen den ganzen Tag
bleiben. Endlich kam ein Dampfer, der die Unglücklichen nach Memphis
brachte, wo ihnen sogleich die ausgiebigste Hilfe zuteil wurde. Henry
war mittlerweile bewußtlos geworden. Die Ärzte untersuchten seine
Verletzungen, und da sie sahen, daß dieselben tödlich waren, wandten
sie natürlich ihre Aufmerksamkeit anderen Patienten zu, die gerettet
werden konnten.
Vierzig der Verwundeten wurden in einer großen öffentlichen Halle
untergebracht, und unter diesen war auch Henry. Die Damen von Memphis
kamen jeden Tag mit Blumen, Obst, Süßigkeiten und Leckerbissen aller
Art und pflegten die Verwundeten. Alle Aerzte und Studierenden der
Medizin leisteten Tag und Nacht Dienste; und die übrige Stadt lieferte
Geld oder was sonst erforderlich war. Memphis hatte gelernt, wie alles
aufs beste auszuführen sei und war von allen Städten am Strom in dem
gnadenreichen Amt des barmherzigen Samariters wohl erfahren, da schon
manches Unglück, wie das der ›Pennsylvania‹, vor seinen Thoren sich
ereignet hatte.
Der Anblick, der sich mir beim Eintritt in jenen weiten Saal bot, war
mir neu und fremdartig. Zwei lange Reihen ausgestreckter Gestalten
-- mehr als vierzig im ganzen -- und jedes Gesicht, jeder Kopf eine
formlose Masse loser, roher Baumwolle. Es war ein grauenvoller Anblick.
Ich wachte sechs Tage und Nächte dort und machte dabei recht traurige
Erfahrungen. Ein tägliches Ereignis war besonders niederdrückend -- das
war die Entfernung der Sterbenden in ein eigenes Gemach. Man that dies,
um die moralische Kraft der andern Patienten nicht zu sehr auf die
Probe zu stellen. Der dem Tode Geweihte wurde mit möglichst geringem
Aufsehen fortgeschafft, und die Bahre war stets hinter einer lebenden
Mauer von Assistenten verborgen; aber das half nichts -- jedermann
wußte, was jene Schar gebeugter Gestalten mit dem leisen Schritt und
der langsamen Bewegung bedeutete.
Ich sah viele arme Burschen nach dem ›Totenzimmer‹ bringen, die ich
nie wieder zu sehen bekam; unsern Obersteuermann aber sah ich öfter
als einmal dort hinbringen. Seine Verletzungen waren entsetzlich,
besonders die Verbrühungen; er war bis an die Lenden mit Leinöl und
roher Baumwolle verbunden und hatte keine Aehnlichkeit mehr mit etwas
Menschlichem. Er war oft nicht bei Besinnung, und dann wütete, schrie
und kreischte er vor Schmerz. Nach einer Periode dumpfer Erschöpfung
verwandelte plötzlich seine gestörte Phantasie das große Gemach in die
Back eines Dampfers, die Schar der ab- und zueilenden Wärterinnen in
die Schiffsmannschaft; er setzte sich aufrecht auf sein Lager und rief:
»Tummelt euch, tummelt euch, ihr Petrefakten, ihr Schneckenbäuche,
ihr Bahrtuchträger! soll's denn den ganzen Tag währen, bis der Hut
voll Fracht ausgeladen ist?« und ergänzte diesen Ausbruch mit einem
himmelerschütternden Gewitter von Flüchen, denen nichts Einhalt thun
konnte, bis sein Krater leer war. Hin und wieder, wenn diese Raserei
ihn ergriff und festhielt, riß er die Baumwolle handvollweise ab, so
daß das verbrühte Fleisch sichtbar war. Das war entsetzlich! Dieser
Lärm und dieser Anblick waren natürlich für die andern schrecklich und
deshalb versuchten die Aerzte ihm Morphium zu seiner Beruhigung zu
geben. Aber er nahm es nicht, mochte er bei Verstand sein oder nicht:
er erklärte, sein Weib wäre mit diesem verräterischen Arzneimittel
getötet worden, und er wolle lieber sterben als es einnehmen. Er
argwöhnte, daß die Aerzte es heimlich mit seiner Medizin und seinem
Trinkwasser vermengten und rührte deshalb beides nicht mehr an. Als er
einmal zwei glühendheiße Tage ohne Wasser gewesen war, ergriff er den
Trinkbecher; der Anblick der klaren Flüssigkeit und die Durstesqual
versuchten ihn fast über seine Kraft; aber er beherrschte sich und
warf das Gefäß von sich, und später ließ er keines mehr in seine Nähe
kommen. Dreimal sah ich ihn, bewußtlos und anscheinend sterbend, ins
›Totenzimmer‹ tragen: aber jedesmal lebte er wieder auf, verwünschte
seine Wärter und verlangte zurückgebracht zu werden. Er kam mit dem
Leben davon und war später wieder Steuermann auf einem Dampfboot.
Er war jedoch der einzige, der in das ›Totenzimmer‹ kam und lebendig
zurückkehrte. ~Dr.~ Peyton, ein ausgezeichneter Arzt und reich an allen
den Eigenschaften, die einen reinen, makellosen Charakter bilden, that
alles, was geschultes Urteil und langjährige Erfahrung für Henry thun
konnten; aber wie die Zeitungen von Anfang an gesagt hatten, seine
Verletzungen waren unheilbar. Am Abend des sechsten Tages beschäftigte
sich sein entschwebender Geist mit fernliegenden Dingen, und seine
kraftlosen Finger zupften krampfhaft an seiner Bettdecke. Seine Stunde
hatte geschlagen; wir trugen ihn ins ›Totenzimmer‹.
Armer Junge!
* * * * *
Nach Verlauf der gehörigen Zeit erhielt ich meine Licenz: jetzt war
ich Lotse und vollständig flügge. Ich bekam ab und zu Beschäftigung;
und da ich kein Unglück hatte, machte die gelegentliche Beschäftigung
einer länger dauernden Anstellung Platz. Die Zeit verging ruhig und
glücklich, und ich glaubte -- und hoffte --, daß ich den Rest meiner
Tage auf dem Strome verleben und am Rade sterben würde, wenn meine
Laufbahn beendigt wäre. Aber da kam der Krieg, Handel und Verkehr
stockten, und meine Beschäftigung war dahin.
Meinen Anteil im Krieg findet der Leser am Schluß dieser Skizzen.
Vorher aber will ich demselben schildern, was aus dem Leben auf dem
Mississippi seitdem geworden ist.
Nach langen Jahren.
Einundzwanzig Jahre waren gekommen und gegangen, seit ich zuletzt
aus den Fenstern eines Ruderhauses geblickt hatte. Da ergriff mich
plötzlich eine unwiderstehliche Lust, den Fluß wiederzusehen, die
Dampfboote und die alten Kameraden, die etwa noch am Leben sein
mochten. Kurz entschlossen brach ich um die Mitte April nach dem Westen
auf.