gegenüber befand sich einst eine Landzunge, die an der schmalsten
Stelle nur eine halbe englische Meile breit war. Man konnte in fünfzehn
Minuten hinübergehen; wenn man aber die Reise um das Kap auf dem Flusse
machte, hatte der Weg eine Länge von fünfunddreißig Meilen. Im Jahre
1722 stürzte der Strom durch den Hals jener Landzunge, verließ sein
altes Bett und verkürzte sich so um fünfunddreißig Meilen; in derselben
Weise verkürzte er sich 1699 bei Black Hawk Point um fünfundzwanzig
Meilen. Ein Durchstich unterhalb Red River Landing vor etwa vierzig
oder fünfzig Jahren verkürzte den Strom um achtundzwanzig Meilen. Wenn
man heutzutage vom südlichsten dieser drei Durchstiche zum nördlichsten
fährt, hat man einen Weg von siebzig Meilen; vor hundertsechsundsiebzig
Jahren war der Weg hundertachtundfünfzig Meilen lang -- eine
Verkürzung von achtundachtzig Meilen auf jene unbedeutende Entfernung.
Zu irgend einer vergessenen Zeit wurden Durchstiche gemacht bei
Vidalia, in Louisiana, bei den Inseln 92 und 84 und bei Hales Point;
dieselben verkürzten den Strom im ganzen um siebenundsiebzig Meilen.
Seit der Zeit, die ich auf dem Mississippi zugebracht habe, sind ferner
bei Hurricane Island, bei der Insel 100, bei Napoleon in Arkansas, bei
Walnut Bend und bei Council Bend Durchstiche vorgenommen worden, die
den Strom insgesamt um siebenundsechzig Meilen verkürzt haben, während
zu meiner Zeit noch eine Verkürzung bei American Bend um mindestens
zehn Meilen vorgenommen wurde.
Der Mississippi war also vor hundertsechsundsiebzig Jahren
zwischen Kairo und New Orleans zwölfhundertfünfzehn, nach
dem Durchstich 1722 elfhundertachtzig, nach demjenigen bei
American Bend eintausendundvierzig Meilen lang; seitdem hat er
sich um siebenundsechzig Meilen verkürzt, so daß er also jetzt
neunhundertdreiundsiebzig Meilen lang ist.
Wenn ich es nun machen wollte wie jene gewichtigen Gelehrten und nach
dem, was in jüngster Zeit geschah, zu beweisen anfangen wollte, was in
der fernen Vergangenheit sich ereignet hat oder in der fernen Zukunft
geschehen wird, so hätte ich hier die günstigste Gelegenheit! Die
Geologie hat nie eine solche Chance, noch so genaue Daten gehabt, auf
die sie bauen konnte, und ebensowenig die ›Entwickelung der Arten‹!
Die Eiszeiten sind etwas Großes, aber vag -- sehr vag. Man beachte
gefälligst:
Im Laufe von 176 Jahren hat sich der untere Mississippi um 242 Meilen
verkürzt -- also im Durchschnitt um etwas mehr als 1¹/₃ Meilen
jährlich. Es kann also jedermann, der nicht blind oder blödsinnig ist,
genau erkennen, daß in der alten oolithischen silurianischen Periode
(nächsten November werden's gerade eine Million Jahre) der untere
Mississippi über 1300000 Meilen lang war und wie eine Angelrute
über den Golf von Mexiko hinausragte; und aus demselben Grund kann
jeder vernünftige Mensch sehen, daß der untere Mississippi heute
über 742 Jahre nur noch 1¾ Meilen lang sein, die Straßen von Kairo
und New Orleans aneinanderstoßen und die beiden Städte unter einem
Bürgermeister und gemeinsamen Stadtrat weiter arbeiten werden. Es ist
etwas Bezauberndes um die Wissenschaft: man erhält so bedeutende Zinsen
an Mutmaßungen für eine so geringe Kapitalsanlage an Thatsachen.
Wenn das Wasser durch einen der erwähnten Gräben zu fließen beginnt,
ist es Zeit, daß die Leute in der Umgebung weiterziehen. Das Wasser
schneidet die Ufer wie ein Messer hinweg. Sobald der Graben erst zwölf
oder fünfzehn Fuß breit ist, ist das Unheil so gut wie vollendet, denn
keine Gewalt auf Erden kann ihm jetzt Einhalt thun. Hat die Breite
etwa dreihundert Fuß erreicht, so beginnen sich die Ufer in Stücken
von der Größe eines halben Morgen abzuschälen. Die Strömung um die
Biegung betrug früher nur fünf Meilen stündlich; jetzt hat sie durch
die Kürzung der Entfernung schrecklich zugenommen. Ich war an Bord des
ersten Dampfboots, das den Durchstich bei American Bend zu passieren
versuchte; aber wir kamen nicht hindurch. Es war gegen Mitternacht,
und eine sehr stürmische Nacht dazu -- Donner, Blitz und heftige
Regengüsse. Wir schätzten die Geschwindigkeit der Strömung in diesem
Durchstich auf fünfzehn bis zwanzig Meilen stündlich; mehr als zwölf
oder dreizehn Meilen konnte aber das beste Boot selbst bei günstigstem
Wasser nicht machen, und es war daher vielleicht thöricht, die
Durchfahrt überhaupt zu versuchen; Herr Brown war aber ehrgeizig und
setzte die Versuche fort. Die Gegenströmung längs des Ufers unterhalb
der Landspitze war fast ebenso stark wie die Strömung draußen auf der
Mitte; wir flogen daher am Ufer hinauf wie ein Blitzzug, sammelten
allen Dampf an und hofften, über die bei der Landspitze einbrechende
Hauptströmung hinauszukommen. Aber alle unsere Anstrengungen waren
nutzlos: sobald die Strömung uns traf, drehte sie uns herum wie einen
Kreisel, das Wasser überflutete das Vordeck, und das Boot legte sich so
stark auf die Seite, daß man sich kaum auf den Füßen halten konnte. Im
nächsten Augenblick waren wir unten im Fluß und mühten uns aus allen
Kräften, nicht in die Wälder zu geraten. Wir wiederholten den Versuch
viermal. Ich stand auf der Treppe zur Back, um zu beobachten, und es
war erstaunlich zu sehen, wie plötzlich das Boot herumwirbelte und sich
wendete, sobald es aus der Gegenströmung kam und der Hauptstrom den Bug
traf. Die Erschütterung und das Zittern war fast so stark, als wenn
wir mit vollem Dampf auf eine Sandbank gelaufen wären. Beim Licht der
Blitze konnte man erkennen, wie die Farmhütten und das gute Ackerland
in den Strom purzelten; das dadurch verursachte Krachen war gar kein
übler Versuch zum Donnern. Als wir einmal herumwirbelten, hätten wir
beinahe ein Haus mitgenommen, durch dessen Fenster ein Licht schien und
das gleich darauf in den Strom fiel. Niemand konnte bei uns auf der
Back bleiben; das Wasser fegte in Fluten darüber, so oft wir quer in
die Strömung gerieten. Nach unserem vierten Versuch kamen wir im Walde
zwei Meilen unter dem Durchstich zum Stillstand; das ganze Land war
dort natürlich überschwemmt. Ein paar Tage später war der Durchstich
dreiviertel Meilen weit, die Dampfboote fuhren jetzt ohne besondere
Schwierigkeit hindurch und ersparten so zehn Meilen Weges.
[Illustration]
Der alte Raccourci-Durchbruch verminderte die Stromlänge um
achtundzwanzig Meilen. Mit demselben war eine Tradition verknüpft.
Man erzählte nämlich, daß ein Dampfboot des Nachts hier entlang kam
und wie gewöhnlich den riesigen Ellenbogen umfuhr, da die Lotsen vom
Durchbruch noch nichts wußten. Es war eine gräßliche, abscheuliche
Nacht, und alle Umrisse waren verschwommen und verschoben. Die
alte Biegung war schon viel seichter geworden; das Boot begann
geheimnisvollen Riffen auszuweichen und hie und da auch auf ein
solches aufzustoßen. Die verblüfften Matrosen fingen an zu fluchen
und brachen schließlich in den ganz unnötigen Wunsch aus, nie mehr
aus dieser Stelle herauszukommen. Wie das in solchen Fällen stets
geschieht, wurde gerade dieses Gebet erhört, alle andern aber nicht;
und so steuert denn jener gespenstische Dampfer noch immer in der
verlassenen Strombiegung umher, um den Ausweg aus derselben zu suchen.
Mehr als ein bedächtiger Schiffswächter hat mir geschworen, daß er in
regnerischen, abscheulichen Nächten, wenn das Boot das obere Ende der
Insel passierte, voll Furcht auf den einstigen Flußarm hinabgeblickt,
und dann den schwachen Glanz der Lichter jenes gespenstischen Dampfers,
der ferne in der Finsternis dahintrieb, gesehen und den dumpfen Ton der
Dampfröhren und die klagenden Rufe der Loter gehört habe.
* * * * *
Beim Mangel an weiteren statistischen Thatsachen will ich dieses
Kapitel mit noch einer Erinnerung an Stephen schließen.
Die meisten Kapitäne und Lotsen waren im Besitz von
Schuldverschreibungen, welche Stephen für ihm geliehene Gelder
ausgestellt hatte, und die auf Summen von zweihundertfünfzig Dollars
und mehr lauteten. Stephen löste niemals diese Schuldverschreibungen
ein, versäumte aber nie, sie alle zwölf Monate zu erneuern.
Selbstverständlich kam schließlich die Zeit, wo Stephen von seinen
alten Gläubigern nichts mehr borgen konnte, so daß er auf neue
Ankömmlinge warten mußte, die ihn noch nicht kannten. Ein solches
Opfer war ein gutherziger, einfacher, junger Mann, Namens Yates --
der Name ist fingiert, doch fing der wirkliche Name ebenfalls mit
Y an. -- Der junge Yates war Lotse geworden und hatte eine Stelle
erhalten; als er sich am Ende des Monats zum Bureau begab und seine
zweihundertundfünfzig Dollars in nagelneuen Scheinen in Empfang nahm,
war Stephen dort. Mit silberglatter Stimme begann er zu schmeicheln,
und nach einer kleinen Weile hatten Yates' zweihundertundfünfzig
Dollars den Eigentümer gewechselt. Das Geschehene wurde bald im
Hauptquartier der Lotsen bekannt, zur großen Heiterkeit und zur
allgemeinen Befriedigung der alten Gläubiger. Der unschuldige Yates
argwöhnte indessen durchaus nicht, daß das Versprechen Stephens, in
acht Tagen prompt zu bezahlen, durchaus wertlos sei. Zur festgesetzten
Zeit forderte Yates sein Geld, allein Stephen beschwichtigte ihn
mit süßen Worten und erhielt eine Woche Aufschub. Wieder verlangte
Yates der Verabredung gemäß sein Geld, und wieder mußte er sich mit
überzuckerten Worten begnügen und einen weiteren Aufschub bewilligen.
In derselben Weise ging es weiter. Yates suchte Stephen eine Woche nach
der andern auf, aber ohne Erfolg, und gab es schließlich auf. Aber nun
kehrte Stephen den Stiel um und begann Yates überall nachzulaufen; wo
immer Yates erschien, war auch der unvermeidliche Stephen und nicht nur
das, sondern er strahlte auch von Liebe und floß von Entschuldigungen
über, daß er nicht zu zahlen imstande sei. Nicht lange nachher
drehte der arme Yates, wenn er jenen kommen sah, sich um, ergriff
die Flucht und schleppte auch seine Gefährten mit, wenn er deren bei
sich hatte. Es half ihm aber nichts, sein Schuldner holte ihn ein und
hielt ihn fest. Mit ausgebreiteten Armen und funkelnden Augen kam
Stephen schnaufend und mit gerötetem Gesicht herbei, unterbrach die
Unterhaltung, schüttelte die Hände des armen Yates dermaßen, daß ihm
die Arme fast aus dem Gelenke gingen, und begann dann etwa:
»Meiner Seele, wie habe ich laufen müssen! Ich sah, daß du mich nicht
bemerkt hast, und da habe ich denn vollen Dampf gegeben, um dich ja
nicht zu verfehlen. Da bist du ja! da, nun bleibe stehen und laß dich
ansehen! Immer noch die alten edlen Züge. (Zu dem Gefährten Yates':)
Sieh ihn dir einmal an, sieh ihn an! Ein Vergnügen, ihn anzusehen,
nicht wahr? Ist er nicht das Bild von einem Staatskerl? Ach was, --
›Bild‹ ist viel zu gering: es müßte heißen Panorama! Das ist er, ein
vollständiges Panorama. Ah, da fällt mir etwas ein! (Zu Yates gewendet)
Wie gern hätte ich dich vor einer Stunde getroffen! Vierundzwanzig
Stunden lang habe ich die zweihundertundfünfzig Dollars für dich
aufbewahrt; habe dich überall gesucht. Ich habe bei Planten von
gestern abend 6 Uhr bis heute morgen 2 Uhr gewartet, ohne zu schlafen
oder etwas zu genießen; meine Frau sagte: ›Wo bist du die ganze Nacht
gewesen?‹ -- ›Ja,‹ sage ich, ›diese Schuld liegt mir schwer auf dem
Gewissen.‹ -- ›In meinem ganzen Leben‹ -- sagt sie -- ›habe ich keinen
Menschen gesehen, der sich eine Schuld so sehr zu Herzen nimmt, wie
du.‹ -- ›Das ist meine Natur‹ -- sage ich -- ›kann ich sie ändern?‹
-- ›Nun‹ -- sagt sie -- ›gehe zu Bett und ruhe ein wenig.‹ -- ›Nicht
eher‹ -- sage ich -- ›als bis dieser arme edle junge Mann sein Geld
hat.‹ Und so blieb ich denn die ganze Nacht auf und heute morgen eilte
ich wieder hinaus, und der erste, den ich traf, erzählte mir, du
hättest dich auf dem ›Großtürken‹ verheuert und seist nach New Orleans
gefahren. Wie ich das hörte, mußte ich mich an einem Hause halten und
weinen. Helf mir der Himmel, ich konnte nicht anders. Der Mann, dem
das Haus gehörte, kam heraus und mußte den Platz mit einem Lappen
aufwischen; er sagte, er hätte es nicht gern, wenn die Leute sein Haus
beweinten. Es war mir zu Mute, als hätte die ganze Welt sich gegen mich
verschworen; und als ich dann vor einer Stunde in einer Pein, die kein
Mensch zu begreifen vermag, weiter ging, begegnete ich zufällig Jim
Wilson und gab ihm die zweihundertfünfzig Dollars als Abschlagszahlung.
Und nun muß ich dich hier finden und habe keinen Cent mehr! Aber so
gewiß, wie ich hier auf dieser Stelle und auf dem Stein stehe -- da,
ich habe auf dem Stein ein Zeichen eingekratzt, um mich seiner zu
erinnern -- will ich mir das Geld leihen und es dir morgen mittag Punkt
12 Uhr zurückzahlen! Nun, lieber Yates, steh' still und laß mich dich
noch einmal ansehen!«
Auf diese Weise ging es weiter. Yates wurde das Leben zur Last; er
konnte seinem Schuldner und dessen schrecklichem Jammer, daß er nicht
zu bezahlen imstande sei, nicht entgehen. Er mochte sich nicht mehr auf
der Straße sehen lassen, weil er fürchtete, daß Stephen an der Ecke auf
der Lauer liege.
Damals war der Billardsalon von Bogart ein beliebter Aufenthalt der
Lotsen, die dort gewöhnlich zusammen kamen, weniger um zu spielen, als
um die Neuigkeiten vom Flusse auszutauschen. Eines Morgens war Yates
dort; auch Stephen war anwesend, hielt sich aber außer Sicht. Als aber
bald darauf alle Lotsen, welche sich in der Stadt befanden, erschienen
waren, trat er plötzlich in ihre Mitte und stürzte auf Yates wie auf
einen lange verlorenen Bruder zu.
»O, wie freue ich mich, dich zu sehen! Meiner Seele, dein Anblick ist
ein Trost für meine Augen! Meine Herren, ich schulde euch allen Geld,
zusammen wohl an vierzigtausend Dollars. Ich möchte sie bezahlen und
beabsichtige sie auch zu bezahlen -- bis auf den letzten Cent. Ihr alle
wißt, ohne daß ich es zu sagen brauche, welchen Kummer es mir gemacht
hat, daß ich solchen geduldigen und edelmütigen Freunden gegenüber so
lange die großen Verpflichtungen habe; aber meine größte Pein -- bei
weitem meine größte Pein ist die Schuld, welche ich bei diesem edlen
jungen Manne habe; und ich bin heute morgen eigens hierhergekommen,
um euch mitzuteilen, daß ich endlich eine Methode gefunden habe, nach
welcher ich alle meine Schulden bezahlen kann. Und ganz besonders lag
mir daran, daß _er_ hier sei, wenn ich diese Mitteilung machte. Ja,
mein getreuer Freund, mein Wohlthäter, ich habe die Methode gefunden!
Ich habe die Methode entdeckt, nach welcher ich alle meine Schulden
bezahlen will, und du sollst auch zu deinem Gelde kommen!« In den
Blicken Yates' dämmerte die Hoffnung auf; dann fuhr Stephen, mit
wohlwollendem Lächeln und Yates die Hand aufs Haupt legend, fort: »Ich
will sie alle in alphabetischer Reihenfolge bezahlen!«
Damit drehte er sich um und verschwand. Den verblüfften und
nachsinnenden Lotsen wurde die volle Bedeutung der Stephenschen
›Methode‹ erst nach ein paar Minuten klar, worauf Yates mit einem
Seufzer brummte:
»Nun, die Y's haben eine prächtige Aussicht. In _dieser_ Welt wird er
nicht weiter als bis zu den C's kommen.«
Meister Brown.
Während der zwei oder dritthalb Jahre meiner Lehrzeit diente ich unter
verschiedenen Lotsen und wurde mit vielen Arten von Dampfbooten und
Bootsmannschaften bekannt; denn es paßte Herrn Bixby nicht immer,
mich bei sich zu haben, und in solchen Fällen schickte er mich mit
einem andern Lotsen fort. Ich ziehe noch heutzutage einigen Nutzen
aus jener Erfahrung; denn in jener kurzen, aber scharfen Schule wurde
ich mit fast all den verschiedenen Typen der menschlichen Natur, die
in Dichtung, Biographie oder Geschichte zu finden sind, persönlich
und genau bekannt. Täglich drängt sich mir die Thatsache auf, daß
es durchschnittlich voller vierzig Jahre bedürfen würde, um einen
Menschen, der auf dem Lande lebt, mit dieser Art von Kenntnissen und
Erfahrungen auszustatten. Wenn ich sage, ich ziehe noch jetzt Nutzen
daraus, so meine ich damit nicht, daß es einen Menschenkenner aus mir
gemacht hat -- nein, das hat es nicht gethan; denn Menschenkenner
werden geboren, nicht erzogen. Mein Gewinn ist von verschiedener Art,
was ich aber am höchsten daran schätze, das ist die Würze, welche jene
Jugenderfahrung in späteren Jahren meiner Lektüre verliehen hat. Wenn
ich in Dichtung oder Biographie einen gut gezeichneten Charakter finde,
nehme ich gewöhnlich warmen, persönlichen Anteil an ihm, weil ich ihn
früher gekannt habe -- ihm auf dem Mississippi begegnet bin.
[Illustration]
Die Gestalt, welche am häufigsten aus den Schatten jener vergangenen
Zeit vor mir auftaucht, ist diejenige Browns vom Dampfer ›Pennsylvania‹
-- des schon in einem früheren Kapitel erwähnten Mannes mit dem guten
und lästigen Gedächtnis. Er war ein Mann von mittlerem Alter mit einem
Pferdegesicht, groß, mager, knochig, glattrasiert, ein unwissender,
filziger, boshafter, mürrischer, tadelsüchtiger Tyrann, der aus jeder
Mücke einen Elefanten machte. Es kam bald so weit, daß ich stets mit
Furcht im Herzen auf Wache kam. Wie köstlich ich mich auch während
der wachfreien Zeit drunten unterhalten hatte, wie prächtig gelaunt
ich auch sein mochte, wenn ich hinaufging -- sobald ich mich dem
Steuerhause näherte, wurde mein Herz schwer wie Blei.
Ich erinnere mich noch, wie ich jenem Manne zum erstenmal entgegentrat.
Das Boot hatte St. Louis verlassen und die Fahrt stromabwärts
angetreten; ich stieg munter und fröhlich zum Steuerhaus hinan -- sehr
stolz, ein halbamtliches Mitglied der Arbeitsfamilie eines so schnellen
und berühmten Dampfboots zu sein. Brown war am Steuerrad. Ich blieb
in der Mitte des Raumes stehen, um meine Verbeugung zu machen, aber
Brown sah sich nicht um. Ich meinte, er habe mir verstohlen einen
flüchtigen Blick von der Seite zugeworfen; aber da nicht einmal diese
Notiznahme sich wiederholte, glaubte ich mich getäuscht zu haben. Er
steuerte mittlerweile in der Nähe der Holzhöfe behutsam durch einige
gefährliche ›Brüche‹; es war also unpassend, ihn zu stören. Ich
schritt daher leise zu der hohen Bank und setzte mich nieder.
Zehn Minuten lang herrschte Schweigen; dann drehte sich mein Prinzipal
um und sah mich eine Viertelstunde lang, -- wenigstens kam's mir so
lange vor -- bedächtig und genau von Kopf zu Fuß an, worauf er mir den
Rücken zukehrte. Nach einigen Sekunden wandte er sich mir wieder zu und
begrüßte mich mit der Frage:
»Bist du Horace Bixbys Lehrling?«
»Ja, Sir.«
Es folgte eine Pause und eine zweite Musterung. Dann:
»Wie heißt du?«
Ich sagte ihm meinen Namen, und er sprach ihn mir nach. Es ist
wahrscheinlich das einzige, was er je vergessen hat; denn obgleich ich
mehrere Monate bei ihm war, redete er mich nie anders an als »He!«
worauf dann sein Befehl folgte.
»Wo bist du geboren?«
»Zu Florida in Missouri.«
Eine Pause. Dann:
»Verflixt, wärest auch besser dort geblieben!«
Mittels eines Dutzends ziemlich direkter Fragen pumpte er meine
Familiengeschichte aus mir heraus. Die Lote waren jetzt in der ersten
Kreuzung im Gang. Das unterbrach die Ausforschung. Als das Loten
eingestellt war, begann er wieder:
»Wie lang bist du schon auf dem Fluß?«
Ich sagte es ihm. Nach einer Pause:
»Wo hast du die Schuhe gekauft?«
Ich gab ihm die verlangte Auskunft.
»Halte deinen Fuß in die Höhe!«
Ich that's. Er trat einen Schritt zurück, musterte den Schuh eingehend
und verächtlich, kratzte sich nachdenklich hinterm Ohr, schob seinen
zuckerhutförmigen Hut weit nach vorn, um die Operation zu erleichtern,
und rief dann aus: »Na ich will verflixt sein!« und kehrte zu seinem
Rad zurück.
Welcher Anlaß vorlag, deshalb verflixt zu sein, ist mir heute noch
ebensosehr ein Geheimnis wie damals. Es muß ganze fünfzehn Minuten --
fünfzehn Minuten dumpfen, wehmutvollen Schweigens -- gewährt haben,
bis jenes lange Pferdegesicht sich mir wieder zukehrte -- und wie
verändert! Es war feuerrot, und jede Muskel darin zuckte. Und nun kam
der Schrei:
»He! Willst du den ganzen Tag so dasitzen?«
Ich sprang in die Mitte des Raumes, durch die plötzliche Ueberraschung
wie elektrisch fortgeschnellt. Sobald ich wieder Herr meiner Stimme
war, sagte ich mich entschuldigend: »Ich habe keine Befehle bekommen,
Sir.«
»Du hast keine _Befehle_ bekommen! Ei, was für ein feiner Vogel wir
sind! Wir müssen _Befehle_ haben! Unser Vater war ein _Gentleman_ --
hatte Sklaven -- und wir sind auf der Schule gewesen! Ja, _wir_ sind
_auch_ ein Gentleman und müssen _Befehle_ haben! =Befehle= also --
=Befehle= brauchst du! Gott verflix meine Haut, ich will dich lehren,
dich aufzublasen und dich da herumzutreiben mit deinen verflixten
_Befehlen_! Weg vom Rad!« (Ich hatte mich demselben genähert, ohne es
selbst zu wissen.)
Ich trat ein paar Schritte zurück und stand da wie traumbefangen; alle
meine Sinne waren betäubt von diesem wütenden Angriff.
»Was stehst du da herum? Trage den Eiskübel hinab zum Steward -- rasch
dabei, und bleibe nicht den ganzen Tag aus.«
Sobald ich wieder ins Steuerhaus kam, sagte Brown:
»He! Was hast du denn die ganze Zeit unten getrieben?«
»Ich konnte den Steward nicht finden und mußte bis zur Speisekammer
gehen.«
»Verflixt wahrscheinliche Geschichte! Fülle den Ofen.«
Ich machte mich daran. Er beobachtete mich wie eine Katze und rief
gleich darauf:
»Lege die Schaufel weg! Verflixtester Dummkopf, den ich je sah -- hat
nicht 'mal Grütze genug, einen Ofen zu füllen.«
Und so ging es vier Stunden lang, bis zum Ende der Wache, weiter --
ja, und die folgenden Wachen, eine Reihe von Monaten hindurch, glichen
sehr dieser ersten. Wie ich schon gesagt habe, kam es bald dahin, daß
ich stets mit Furcht die Wache antrat. Sobald ich in seiner Nähe war,
konnte ich -- selbst in der dunkelsten Nacht -- fühlen, daß seine
gelben Augen auf mir ruhten, und wußte, daß ihr Besitzer nur auf einen
Vorwand wartete, um Gift auf mich auszuspeien. Zur Einleitung sagte er
etwa:
»He! Nimm das Rad!«
Zwei Minuten später:
»Wo in aller Welt fährst du hin? Nieder mit dem Steuer! Nieder mit dem
Steuer!«
Nach einer weitern Minute:
»Nun! Willst du denn den ganzen Tag das Rad so festhalten? Laß es
fliegen. -- Stütz' es! Stütz' es!« Dann sprang er von der Bank herab,
riß mir das Rad aus der Hand und stetigte den Lauf des Bootes selbst,
fortwährend seinen Zorn über mich ausschüttend.
George Ritchie war der Lehrling des andern Lotsen. Er hatte jetzt gute
Tage, denn sein ›Baas‹, George Ealer, war ebenso gutherzig, wie Brown
boshaft war. Ritchie hatte in der Saison vorher für Brown gesteuert;
folglich wußte er genau, wie er zu gleicher Zeit sich belustigen und
mich quälen konnte. So oft ich auf Ealers Wache für einen Augenblick
das Rad ergriff, setzte sich Ritchie auf die Bank und spielte Brown,
indem er mich fortwährend mit Ausrufen quälte, wie: »Fang es! Fang es!
Verflixtester Gelbschnabel, den ich je sah!« »He! Wo willst du denn
jetzt hin? Willst du jenen Baumstamm überrennen?« »_Nieder mit dem
Ruder!_ Hörst du nicht? _Nieder_ mit dem Ruder!« »Da geht's hin! Just
wie ich's erwartete. Ich sagte dir doch, du solltest nicht dem Riff so
nahe kommen! Weg vom Rad!«
Und so hatte ich stets eine böse Zeit, gleichviel wer auf Wache war!
und manchmal schienen mir Ritchies gutmütige Neckereien fast ebenso
unerträglich wie Browns bitterernste Quälereien.
Ich hätte zuweilen Brown vor Ärger umbringen mögen; aber das ging
nicht an. Ein Lehrling mußte alles hinnehmen, was sein ›Baas‹ ihm an
kräftigen Bemerkungen und Kritiken bot; und wir glaubten bestimmt,
es gebe ein Gesetz, das eine schwere Strafe über jeden verhänge, der
einen Lotsen im Dienst schlage oder bedrohe. Doch konnte ich mir ja
_einbilden_, daß ich Brown tötete, dagegen gab es kein Gesetz; und das
that ich denn auch immer, wenn ich im Bett war. Statt in Gedanken mich
mit dem Strom zu beschäftigen, wie es meine Pflicht war, warf ich des
Vergnügens wegen das Geschäft beiseite und tötete Brown. Monatelang
tötete ich Brown allnächtlich; nicht auf alte, abgedroschene Weise,
sondern auf neue und malerische -- auf Weisen, die zuweilen wegen
der Frische des Plans und der Schauerlichkeit der Lage und Umgebung
überraschend waren.
Brown lauerte stets auf eine Gelegenheit zum Tadeln und wenn er keinen
plausiblen Grund hatte, so erfand er einen. Er schalt mich, weil ich
dicht am Ufer hinfuhr und weil ich _nicht_ dicht am Ufer hinfuhr; weil
ich nahe an einer Sandbank hinsteuerte und weil ich zu weit davon
entfernt blieb; weil ich das Rad ungeheißen niederdrehte und weil ich
es _nicht_ ungeheißen that; weil ich ohne Befehle handelte und weil
ich auf Befehle wartete. Mit einem Wort, es war unveränderliche Regel
bei ihm, _alles_ zu bemängeln, was ich that, und eine weitere Regel,
alle seine Bemerkungen mir gegenüber in die Form einer Beleidigung zu
kleiden.