Und jetzt kam ein anderes, vollkommen logisches Resultat. Die

Nichtvereinslotsen begannen, ihre Dampfboote auf den Grund zu setzen

und in alle möglichen Gefahren zu bringen, während sich die Unfälle

von den Vereinslotsen gänzlich fern zu halten schienen. Und jetzt

wurde selbst den Eigentümern und Kapitänen von Dampfbooten mit nur

Nichtvereinslotsen, die bisher geglaubt hatten, ganz unabhängig

vom Verein zu sein und darüber lachen und spotten zu können, recht

unbehaglich zu Mute. Sie ließen sich das aber nicht merken, bis

eines schönen Tages diese sämtlichen Kapitäne den förmlichen Befehl

erhielten, ihre Nichtvereinslotsen auf der Stelle zu entlassen

und dafür Vereinslotsen zu engagieren. Und wer war es, der die

ungeheure Anmaßung besaß, das zu thun? Nun, es kam von einer Macht

hinter dem Thron, die größer war als der Thron selbst -- von den

Versicherungsgesellschaften!

Es war keine Zeit zum Fackeln: jedes Nichtvereinsmitglied mußte

sogleich seinen Koffer ans Land schaffen. Natürlich glaubte man, daß

der Verein und die Versicherungsgesellschaften im Einverständnis wären;

doch war das nicht der Fall. Die letzteren hatten die Vorzüglichkeit

des Bericht-Systems des Vereins und die Sicherheit, die dasselbe

gewährte, erkannt und deshalb unter sich und nach gewöhnlichen

geschäftlichen Grundsätzen ihre Entscheidung getroffen.

Nun herrschte Klagen und Jammern und Zähneknirschen im Lager der

Nichtvereinsmitglieder; aber gleichviel: es gab nur einen Ausweg für

sie, und den schlugen sie ein. Sie kamen gruppen- und paarweise, boten

ihre zwölf Dollars an und baten um Aufnahme in den Verein. Sie waren

überrascht, als sie erfuhren, daß längst verschiedene neue Bestimmungen

eingeführt worden waren; daß beispielsweise das Eintrittsgeld auf

fünfzig Dollars erhöht worden war und diese Summe erlegt werden mußte

samt zehn Prozent der Gage, welche der Gesuchsteller seit der Gründung

des Vereins erhalten hatte. In manchen Fällen belief sich das auf drei-

bis vierhundert Dollars; der Verein aber lehnte jedes Gesuch ab, bis

das Geld da war; und ferner wurde das Gesuch abgewiesen, wenn eine

einzige Stimme dagegen war. Jedes Mitglied mußte in Person und vor

Zeugen mit ja oder nein abstimmen; und es dauerte daher wochenlang, bis

über ein Aufnahmegesuch entschieden war, weil viele Lotsen so lange

auf Reisen abwesend waren. Die reuigen Sünder scharrten indessen ihre

Ersparnisse zusammen und wurden allmählich einer nach dem andern in

den Verein aufgenommen. Schließlich kam eine Zeit, wo nur noch etwa

zehn Lotsen dem Verein nicht angehörten; diese sagten, sie wollten

lieber verhungern, als um Aufnahme nachsuchen. Sie blieben lange Zeit

müßig, weil natürlich niemand wagen konnte, sie zu beschäftigen.

[Illustration]

Nach einiger Zeit machte der Verein bekannt, daß von einem gewissen

Tage an die Gage auf fünfhundert Dollars monatlich erhöht werden würde.

Alle Zweigvereine waren mittlerweile stark geworden und derjenige am

Red River hatte die Heuern auf siebenhundert Dollars monatlich erhöht.

Widerstrebend gaben endlich die letzten zehn Nichtvereinsmitglieder

im Hinblick auf diese günstigen Aussichten nach und reichten ihre

Aufnahmegesuche ein. Jedoch war mittlerweile eine neue Bestimmung

hinzugekommen, die verlangte, daß sie nicht nur von der seit der

Gründung des Vereins empfangenen ganzen Gage zehn Prozent ›Abgaben‹

zahlen sollten, sondern auch von allem, was sie empfangen haben

würden, wenn sie bis zur Zeit der Einreichung ihres Aufnahmegesuchs

in Thätigkeit gewesen wären, anstatt müßig zu schmollen. Es erwies

sich als schwierig, sie aufzunehmen; man brachte es aber endlich doch

fertig. Der ärgste von diesen Sündern hatte die ›Abgaben‹ so lange

anschwellen lassen, bis er schließlich sechshundertfünfundzwanzig

Dollars mit seinem Aufnahmegesuch einzusenden hatte.

Der Verein hatte jetzt ein gutes Bankkonto und war in der Fülle seiner

Macht: es gab keinen Nichtvereinslotsen mehr. Dann wurde eine weitere

Bestimmung getroffen, welche die Aufnahme von Lehrlingen auf fünf

Jahre verbot; nach Verlauf dieser Zeit sollte eine begrenzte Anzahl

angenommen werden, nicht von einzelnen Lotsen, sondern vom Verein,

unter folgenden Bedingungen: Der Aufzunehmende mußte mindestens

achtzehn Jahre alt und von achtbarer Familie und gutem Charakter

sein; er mußte eine Prüfung bezüglich seiner Bildung bestehen, im

voraus tausend Dollars für das Privileg, Lehrling zu werden, bezahlen

und unter den Befehlen des Vereins bleiben, bis ein großer Teil der

Mitglieder (mehr als die Hälfte, glaube ich) gewillt war, sein Gesuch

um eine Lotsenlicenz zu unterschreiben.

Alle vorher angenommenen Lehrlinge wurden jetzt ihren Lehrmeistern

weggenommen und vom Verein adoptiert. Der Präsident und Sekretär

wiesen sie nach Gutdünken dem einen oder andern Boot zum Dienst zu und

versetzten sie nach gewissen Regeln von Boot zu Boot. Wenn ein Lotse

nachweisen konnte, daß er kränklich war und Hilfe brauchte, wurde ihm

einer der Lehrlinge übergeben.

Die Liste der Witwen und Waisen wuchs, ebenso nahmen aber auch die

finanziellen Hilfsquellen zu. Der Verein sorgte für eine feierliche

Bestattung seiner Mitglieder und bezahlte die Kosten derselben. Wenn

erforderlich, sandte er Mitglieder zum Aufsuchen der Leichname

von Kollegen ab, die bei Dampferunfällen verunglückt waren; eine

Nachforschung dieser Art kostete manchmal tausend Dollars.

Der Verein erwirkte sich auch die Befugnis, das Versicherungsgeschäft

zu betreiben. Er versicherte nicht nur das Leben seiner Mitglieder,

sondern übernahm auch Risikos auf Dampfboote.

Die Organisation schien unzerstörbar; sie war das stärkste Monopol

in der Welt. Nach dem Gesetz der Vereinigten Staaten konnte keiner

Lotse werden, wenn nicht zwei die Licenz besitzende Lotsen sein Gesuch

unterzeichneten; und da außerhalb des Vereins niemand zum Unterzeichnen

kompetent war, so war das ›Lotsenmachen‹ jetzt zu Ende. Jedes Jahr

starben einige Lotsen, während andere durch Alter und Kränklichkeit

dienstunfähig wurden, doch war niemand vorhanden, der ihre Plätze

einnahm. So konnte der Verein nach einer gewissen Zeit die Gagen ganz

nach Belieben erhöhen; und so lange er klug genug war, die Sache nicht

zu weit zu treiben und die Staatsregierung zu einer Abänderung des

Licenzsystems zu veranlassen, hatten die Schiffseigentümer sich zu

unterwerfen, da es keinen anderen Ausweg gab.

Die Eigentümer und Kapitäne waren das einzige Hindernis, das zwischen

dem Verein und absoluter Gewalt lag, und schließlich wurde auch dieses

beseitigt. So unglaublich es scheinen mag, die Eigentümer und Kapitäne

thaten es selbst. Als der Lotsenverein einige Monate vorher ankündigte,

daß am 1. September 1861 die Löhne auf fünfhundert Dollars erhöht

werden sollten, erhöhten die Schiffseigentümer und Kapitäne sofort die

Frachten um einige Cents und erklärten den Farmern dem Fluß entlang

die Notwendigkeit dieser Maßregel, indem sie deren Aufmerksamkeit auf

die drückende Lohnrate lenkten, welche eingeführt werden sollte. Es

war das eine ziemlich schwache Begründung, aber die Farmer schienen es

nicht zu merken: ihnen schien es nur billig und durch die Umstände

gerechtfertigt, daß der Frachtsatz für den Scheffel Getreide um fünf

Cents erhöht werde, wobei sie jedoch die Thatsache übersahen, daß diese

Erhöhung bei einer Ladung von vierzigtausend Säcken bedeutend mehr als

notwendig war, um die Lohnerhöhung zu decken.

Sofort bildeten nun die Kapitäne und Eigentümer einen eigenen Verein

und schlugen vor, die Bezüge der Kapitäne ebenfalls auf fünfhundert

Dollars zu erhöhen und eine weitere Erhöhung der Frachtsätze anzuregen.

Man kalkulierte, daß, wenn man einmal erfolgreich gewesen, man es

auch ein zweitesmal sein konnte. Der neue Verein dekretierte (es

war das nämlich, ehe alle Lotsen dem Verein angehörten), daß ein

Kapitän, der einen nicht dem Verein angehörigen Lotsen beschäftigte,

denselben entlassen müsse und außerdem eine Geldbuße von fünfhundert

Dollars bezahlen solle. Mehrfach mußte diese schwere Geldstrafe auch

bezahlt werden, ehe der Verein der Kapitäne stark genug geworden war,

um volle Autorität über seine Mitglieder auszuüben; aber das alles

hörte bald darnach auf. Die Kapitäne suchten nun die Lotsen zu der

Bestimmung zu bewegen, daß kein Mitglied ihres Vereins unter einem

Kapitän dienen dürfe, der nicht ihrem Verein angehöre; allein dieser

Antrag wurde abgelehnt. Die Lotsen sahen ein, daß die Kapitäne und

Versicherungsgesellschaften sie ohnehin unterstützen würden, und ließen

sich deshalb klugerweise auf beengende Bündnisse nicht ein.

Wie schon bemerkt, war der Lotsenverein jetzt vielleicht das

kompakteste Monopol der Welt und schien ganz unzerstörbar. Und

doch waren die Tage seines Glanzes gezählt. Zuerst begann die neue

Eisenbahn, die durch Mississippi, Tennessee und Kentucky nach den

Bahnzentren des Nordens führte, die Passagiere von den Dampfern

abzulenken; dann kam der Krieg und vernichtete die Dampfbootindustrie

für einige Jahre fast gänzlich, so daß die meisten Lotsen erwerbslos

waren, während die Lebensmittel immer teurer wurden. Dann leerte

der Schatzmeister des Vereins zu St. Louis die volle Kasse bis auf

den letzten Dollar und wurde damit flüchtig, und als schließlich die

Eisenbahnen überall eindrangen, gab es nach Beendigung des Krieges für

die Dampfer fast nichts mehr zu thun, als Güter zu befördern. Und nun

führte noch ein Genie von der atlantischen Küste den Plan ein, mit

einem gewöhnlichen kleinen Schleppdampfer ein Dutzend Dampferladungen

nach New Orleans hinabzubugsieren; und siehe da, gleichsam im

Handumdrehen waren der Verein und die edle Wissenschaft des Lotsens

Dinge der Vergangenheit!

Die Zeit der Dampferwettfahrten.

Es war allgemein üblich, daß die Dampfer New Orleans zwischen vier und

fünf Uhr nachmittags verließen. Von drei Uhr an wurden sie zum Zeichen

der Vorbereitung mit Harz und Fichtenholz geheizt, und so hatte man das

malerische Schauspiel einer zwei bis drei englische Meilen langen Reihe

von hohen kohlschwarzen Rauchsäulen, die ein schwarzes Dach desselben

dichten Rauches trugen, das sich weit über die Stadt hin ausbreitete.

Auf jedem abfahrenden Boot wehte die Flagge an der Gaffel und manchmal

eine zweite über dem Heck. Die Steuerleute kommandierten und fluchten

mit mehr als gewöhnlichem Nachdruck; zahllose Züge von Fässern und

Kisten mit Fracht rollten über den Hafendamm und die Laufplanken an

Bord; verspätete Passagiere schlüpften und hüpften dazwischen umher,

in der unsicheren Hoffnung, die vordere Fallreepstreppe lebend zu

erreichen, Frauen mit Reisetaschen und Handköfferchen suchten ihren

mit Reisesäcken und weinenden Kindern bepackten Gatten an der Seite

zu bleiben, meist vergebens, da sie in dem Wirrwarr und Getümmel

gewöhnlich den Kopf verloren; Karren und Gepäckwagen rasselten in

wilder Hast hierhin und dorthin und verfuhren sich zuweilen ineinander,

worauf man dann zehn Sekunden lang vor lauter Flüchen nichts deutlich

sehen konnte; alle bei den Lucken stehenden Dampfwinden, von einem

Ende der langen Dampferreihe zum andren, unterhielten fortwährend

ein betäubendes Rasseln und Schwirren, während sie die Ladung in den

Schiffsraum hinabließen; die halbnackten, schwitzenden Neger, welche an

der Ladung arbeiteten, brüllten Lieder wie ›Der letzte Sack! Der letzte

Sack!‹ voll Begeisterung und Entzücken über das Chaos von Lärm und

Verwirrung, das alle anderen Menschen zum Rasen brachte. Mittlerweile

wimmelte es auf dem Sturm- und Kesseldeck von Passagieren. Dann wurden

die letzten Glockenzeichen auf der ganzen Linie gegeben, und nun schien

der Trubel sich zu verdoppeln; ein paar Augenblicke später erfolgte

das letzte Signal, ein gleichzeitiges Getöse chinesischer Gongs mit

dem Schrei: »Wer nicht mitfährt, wird gebeten, ans Ufer zu gehen!«

-- und siehe da, der Trubel vervierfachte sich! Die Leute strömten

in Schwärmen ans Land, wobei sie andere Scharen erregter Nachzügler,

die noch an Bord wollten, über den Haufen rannten. Einen Augenblick

später wurde eine lange Reihe von Laufplanken eingeholt, jede mit

dem obligaten letzten Passagier, welcher sich an deren Ende mit den

Zähnen, Nägeln und allem möglichen festhielt, und dem obligaten letzten

Zauderer, der einen verzweifelten Sprung über den Kopf des Nachzüglers

hinweg ans Land machte.

[Illustration]

Nun gleitet eine Anzahl der Dampfer rückwärts in den Strom hinaus

und läßt weite Lücken in der dichten Reihe zurück. Auf den Verdecken

der liegenbleibenden Schiffe sammeln sich die Bewohner der Stadt

an, um das Schauspiel zu betrachten. Ein Dampfer nach dem andern

wendet sich stromaufwärts, nimmt all seine Kraft zusammen und fliegt

dann unter vollstem Dampf mit wehenden Flaggen und emporwirbelnden

schwarzen Rauchwolken vorbei. Die ganze Mannschaft, Heizer und Matrosen

(gewöhnlich braunschwarze Neger) sind auf der Back versammelt, wo

die beste ›Stimme‹ aus der ganzen Schar hoch über allen auf dem

Gangspill thront, einen Hut oder eine Flagge schwingt, und alle einen

mächtigen Chor brüllen. Die Salutschüsse knallen und die vielköpfige

Zuschauerschaft schwenkt die Hüte und schreit Hurrah! Dampfer auf

Dampfer schließt sich an die Linie an, und die stattliche Prozession

steuert wie im Fluge stromaufwärts.

So oft in den alten Zeiten zwei schnelle Boote unter den Blicken einer

ungeheuren Zuschauermenge eine Wettfahrt begannen, war es köstlich,

die Mannschaften singen zu hören, besonders bei Anbruch der Nacht,

wenn die Back von dem düsterroten Glanz der Fackeln beleuchtet war.

Das Wettfahren war ein königlicher Spaß. Das Publikum war stets der

Meinung, daß das Wettfahren gefährlich sei, während just das Gegenteil

der Fall war, -- d. h. nach dem Erlaß der Gesetze, wonach jedes

Dampfboot auf einen gewissen Dampfdruck pro Quadratzoll beschränkt

wurde. Kein Maschinenmeister war je schläfrig oder nachlässig, wenn

Herz und Seele an einer Wettfahrt beteiligt waren, sondern er paßte

fortwährend scharf auf, versuchte die Ventilhähne und wachte über

alles. Gefährlich war es nur auf langsamen, schwerfälligen Booten,

auf denen die Maschinisten schläfrig umhergingen und Holzspähne in

die Saugrohre geraten ließen, wo sie den Kesseln die Wasserzufuhr

abschnitten.

In den Blütezeiten der Dampfbootfahrt war eine Wettfahrt zwischen zwei

anerkannt schnellen Dampfern ein Ereignis von ungemeiner Wichtigkeit.

Die Zeit wurde schon mehrere Wochen vorher festgesetzt, und von da

an war das ganze ungeheure Mississippithal im Zustand der höchsten

Erregung. Politik und Wetter wurden fallen gelassen, und man sprach nur

noch von der bevorstehenden Wettfahrt. Wenn die Zeit herankam, takelten

die beiden Dampfer ab und machten sich bereit. Jedes Hindernis, das

die Last vermehrte oder dem Wind und Wasser eine Widerstand leistende

Fläche darbot, wurde entfernt, wenn das Boot es irgendwie entbehren

konnte. Als die ›Eclipse‹ und der ›A. L. Shotwell‹ vor vielen Jahren

ihre große Wettfahrt machten, soll man sich, wie erzählt wird,

sogar die Mühe gegeben haben, die Vergoldung von der phantastischen

Verzierung zwischen den Schornsteinen der ›Eclipse‹ abzukratzen und

der Kapitän für jene Fahrt seine Glacéhandschuhe nicht getragen haben

und sich den Bart haben abnehmen lassen. Ich setzte diesen Gerüchten

allerdings stets Zweifel entgegen.

Wußte man, daß das Boot am schnellsten lief, wenn es vorn fünfeinhalb

und hinten fünf Fuß tief ging, so wurde es genau bis zu diesem Tiefgang

beladen -- und dann würde es nicht einmal eine Dosis homöopathischer

Pillen mehr mitgenommen haben. Passagiere nahm man nur ausnahmsweise

mit, weil sie nicht nur die Last vermehrten, sondern auch das Boot im

richtigen Gleichgewicht hinderten. Sie liefen stets nach derjenigen

Seite, wo es etwas zu sehen gab, während ein gewissenhafter und

erfahrener Dampfbootmann stets in der Mitte des Bootes zu bleiben und

seine Haare genau in der Mitte zu scheiteln pflegte. Frachtgüter und

Passagiere nach Zwischenstationen wurden überhaupt nicht angenommen,

weil die Schiffe nur bei den größten Städten anlegten und auch dann

hieß es nur kommen und wieder gehen. Die Flachboote mit Kohlen und

Holz wurden im voraus bestellt und bereit gehalten, um im Handumdrehen

an die vorbeifliegenden Dampfer angehängt zu werden; auch führten die

Dampfer doppelte Mannschaft, damit alle Arbeit rasch von statten ging.

Wenn der bestimmte Tag gekommen und alles in Bereitschaft war,

dampften die zwei großen Dampfer rückwärts auf den Strom hinaus,

lagen dort schaukelnd einen Augenblick still und beobachteten

scheinbar wie fühlende Wesen gegenseitig die geringsten Bewegungen;

jetzt wird die Flagge gesenkt, der abgesperrte Dampf zischt durch

die Sicherheitsventile, der schwarze Rauch rollt und wälzt sich

aus den Schloten und verdunkelt die ganze Atmosphäre. Menschen,

Menschen überall; die Ufer, die Hausdächer, die Dampfboote, alle

Schiffe sind dicht besetzt, und es ist zu erwarten, daß die Ufer des

breiten Mississippi zwölfhundert Meilen weit nordwärts von Zuschauern

eingesäumt sein werden, welche diese Renner bewillkommnen wollen.

Bald darauf entweichen hohe Dampfsäulen aus den Abströmungsröhren

beider Dampfer, zwei Kanonen donnern ein Lebewohl, zwei Helden in roten

Hemden schwingen vom Gangspill herab ihre kleinen Flaggen über der auf

der Back versammelten Mannschaft, zwei empfindungsvolle Solos zögern

einige Sekunden in der Luft, zwei mächtige Chöre stimmen ein -- und da

kommen sie! Blechmusikchöre schmettern das ›Heil Columbia‹, Hurra auf

Hurra donnert von den Ufern her, und die stattlichen Fahrzeuge pfeifen

vorbei wie der Wind.

[Illustration]

Die rennenden Dampfer halten zwischen New Orleans und St. Louis nur

in großen Städten auf einige Sekunden an, oder um ein paar Boote mit

je dreißig Klafter Holz längsseit zu nehmen. Das muß man sehen, wie

sie diese Fahrzeuge ins Schlepptau nehmen und auf jedes einen Schwarm

Mannschaft schicken; wenn man sich die Augengläser abgewischt und

wieder aufgesetzt hat, wird man sich wundern, was aus dem Holze

geworden ist.

Zwei Dampfer, die einander ziemlich gewachsen sind, behalten einander

Tag für Tag in Sicht; sie könnten immer Seite an Seite bleiben,

allein da nicht alle Lotsen gleich sind, so müssen die gewandtesten

den Sieg erringen. Wenn einer der Dampfer einen ›Blitzlotsen‹ hat,

dessen Kollege ihm nur ein bißchen nachsteht, so vermag man zu sagen,

welcher von ihnen auf Wache ist, indem man beobachtet, ob das Boot

während jeder vierstündigen Frist einen Vorsprung gewonnen hat oder

zurückgeblieben ist. Der klügste Lotse kann einen Dampfer aufhalten,

wenn er kein ausgesprochenes Talent zum Steuern hat. Das Steuern ist

eine sehr große Kunst; man darf das Ruder nicht quer hinter dem Steven

des Bootes schleppen lassen, wenn man rasch stromaufwärts fahren will.

Die Boote sind natürlich sehr verschieden. Ich war eine Zeit lang

auf einem Boot, das so langsam fuhr, daß wir gewöhnlich vergaßen, in

welchem Jahr wir den Hafen verlassen hatten. Aber das geschah natürlich

nur selten. Fährboote verloren zuweilen einträgliche Fahrten, weil

ihre Passagiere alt wurden und starben, während sie auf unsere Ankunft

warteten. Das kam indessen noch seltener vor. Ich hatte die darauf

bezüglichen Urkunden in Händen, habe sie aber leider verlegt. Dieser

Dampfer, der ›John J. Roe‹, war so langsam, daß es, als er schließlich

in Madrid Bend sank, fünf Jahre dauerte, bis die Eigentümer davon

erfuhren. Dies war für mich stets eine verblüffende Thatsache, doch

ist sie aktenmäßig festgestellt. Er war entsetzlich langsam; doch

hatten wir oft recht aufregende Zeiten, wenn wir mit Inseln, Flößen und

dergleichen Dingen um die Wette fuhren. Einmal aber ging es ziemlich

rasch von statten: wir brauchten nur 16 Tage nach St. Louis; aber

selbst bei dieser erstaunlichen Geschwindigkeit wechselten wir in der

geraden 5 Meilen langen Strecke bei Fort Adams dreimal die Wache. Auf

solchen geraden Strecken ist die Strömung natürlich sehr lebhaft.

Auf dieser Reise fuhren wir in vier Tagen von New Orleans nach Grand

Gulf (340 engl. Meilen); die ›Eclipse‹ und der ›Shotwell‹ brauchten

einen Tag. Bei der Durchfahrt 63 waren wir neun, jene beiden Schiffe

zwei Tage unterwegs. Vor etwas mehr als einem Menschenalter (1844)

fuhr das Dampfboot ›J. M. White‹ eine gewisse Strecke in 3 Tagen, 6

Stunden und 44 Minuten; 1853 machte die ›Eclipse‹ dieselbe Fahrt in 3

Tagen, 3 Stunden und 20 Minuten (andere sagen in 3 Tagen, 4 Stunden, 36

Minuten). Der ›R. E. Lee‹ brauchte im Jahre 1870 3 Tage und 1 Stunde.

Dies soll die schnellste Fahrt sein, die je gemacht worden ist. Ich

werde aber zu beweisen suchen, daß sie es nicht war. Die Entfernung

zwischen New Orleans und Kairo war nämlich 1106 engl. Meilen, als der

›J. M. White‹ seine Fahrt machte, die mittlere Geschwindigkeit also

etwas über 14 Meilen in der Stunde. Zur Zeit der Fahrt der ›Eclipse‹

hatte sich die Entfernung auf 1080 Meilen verringert, folglich war

die mittlere Geschwindigkeit einen Schatten unter 14³/₈ Meilen in der

Stunde. Zur Zeit der Fahrt des ›R. E. Lee‹ betrug die Entfernung nur

noch 1030 Meilen, folglich war dessen mittlere Geschwindigkeit etwa

14¹/₈ Meilen per Stunde. Man sieht also, daß die Fahrt der ›Eclipse‹

die schnellste war, die je gemacht wurde.

Abkürzungen des Stromlaufs.

-- Stephen. --

Die vorstehenden trockenen Einzelheiten sind in einer Beziehung

von Wichtigkeit; sie geben mir Gelegenheit, eine der sonderbarsten

Eigenheiten des Mississippi zu besprechen -- die, daß seine Länge von

Zeit zu Zeit abnimmt. Wenn man eine lange, geringelte Apfelschale in

die Luft wirft, so wird sie sich so ziemlich wie eine Strecke des

Mississippi gestalten, d. h. wie die neunhundert bis tausend Meilen,

die sich von Kairo im Staate Illinois südwärts bis New Orleans

erstrecken; dieser Teil des Stromes ist wunderbar gekrümmt und hat nur

hie und da und in weiten Zwischenräumen kurze gerade Strecken. Die

zweihundert Meilen lange Strecke von Kairo nordwärts bis St. Louis

dagegen ist keineswegs so gekrümmt, da dort felsiges Land ist, in

welches der Strom nicht leicht einschneiden kann.

Das Wasser höhlt die angeschwemmten Ufer des ›unteren‹ Stromes zu

tiefen hufeisenförmigen Kurven aus -- so tief, daß, wenn man an manchen

Stellen an einem äußersten Ende des Hufeisens ans Ufer gehen und

die ein Viertelstündchen breite Landzunge überschreiten würde, man

sich niedersetzen und ein paar Stunden ausruhen könnte, während der

Dampfer mit einer Geschwindigkeit von zehn Meilen in der Stunde um den

langen Ellenbogen fährt. Wenn der Strom rasch anschwillt, braucht ein

Spitzbube, dessen Pflanzung vom Ufer entfernt liegt und deshalb von

geringem Wert ist, nur die günstige Gelegenheit abzupassen, in einer

dunkeln Nacht eine kleine Rinne über den schmalsten Teil der Landzunge

zu graben und das Wasser in diese zu leiten, und in überraschend kurzer

Zeit hat sich ein Wunder ereignet: der ganze Mississippi hat jenen

kleinen Graben in Besitz genommen und die Pflanzung jenes Spitzbuben an

das Ufer versetzt und so deren Wert vervierfacht, während die früher

wertvolle Pflanzung des andern jetzt weit draußen auf einer großen

Insel liegt. Der alte sie umspülende Wasserlauf wird bald versanden,

Boote können nicht mehr an sie herankommen und die Pflanzung sinkt

auf den vierten Teil ihres vorigen Wertes herab. Auf jenen schmalen

Landzungen wird daher, wenn es notwendig erscheint, scharfe Wache

gehalten; und wenn etwa einer beim Ziehen eines Grabens betroffen

werden sollte, so ist alle Aussicht vorhanden, daß er niemals eine

zweite Gelegenheit dazu finden wird.

Auf dem Mississippi; Nach dem fernen Westen · 第 8 / 21 段