Der Missethäter kam nicht im geringsten außer Fassung, sondern warf

sich in die Brust und sprach in einem Ton, der zeigte, daß er sich wohl

bewußt war, weshalb er so stolz auftrat:

»Wer ich bin? Wer ich bin? Ihr sollt gleich erfahren, wer ich bin! Ihr

Nigger müßt wissen, daß ich den mittleren Kessel auf dem ›Aleck Scott‹

heize!«

Dies genügte.

Der Barbier des ›Großtürken‹ war ein putziger junger Neger, der seine

Wichtigkeit mit höchster Selbstgefälligkeit zur Schau trug und in dem

Kreise, in welchem er sich bewegte, äußerst angesehen war. Die farbige

junge Welt in New Orleans trieb gern Liebeleien im Zwielicht auf den

hölzernen Bänken der Seitenstraßen, wo jemand eines Abends folgendes

mitangehört hat: Eine Negerin von mittlerem Alter steckte den Kopf

durch eine zerbrochene Scheibe und rief sehr laut (damit die ganze

Nachbarschaft es hören und sie beneiden konnte): »Marianne, komme

sofort ins Haus! Stehst da draußen und treibst Thorheiten mit dem

gemeinen Gesindel, und hier drinnen ist der Barbier vom ›Großtürken‹

und will mit dir plaudern!«

* * * * *

Meine obige Erwähnung der Thatsache, daß der Lotse infolge seiner

eigenartigen dienstlichen Stellung außerhalb des Bereichs der Kritik

und der Befehle stand, erinnert mich an Stephen W -- --. Er war ein

begabter Lotse, ein gutherziger Mensch, ein unermüdlicher Plauderer

voll Witz und guten Humors. Im Gefühl seiner Selbständigkeit benahm er

sich Leuten von Reichtum, Würden und Alter gegenüber mit köstlicher

Unbefangenheit. Er hatte stets Beschäftigung, ersparte sich nie

einen Pfennig, war ein beharrlicher Borger und jedem Lotsen auf dem

Mississippi sowie den meisten Kapitänen Geld schuldig. Er verstand

es, sein sorgloses und waghalsiges Lotsen mit einem gewissen Glanz zu

umgeben, der es fast bezaubernd machte -- aber nicht für jedermann.

Einmal machte er eine Fahrt mit dem guten alten Kapitän Y -- -- und

wurde aus dem Dienst entlassen, als das Boot nach New Orleans kam.

Als jemand seine Verwunderung darüber ausdrückte, schauderte Kapitän

Y -- -- schon bei der bloßen Erwähnung Stephens; dann flötete seine

schwache, dünne Stimme etwa wie folgt:

[Illustration]

»Guter Gott! Ich möchte um die Welt kein solches Ungetüm auf meinem

Dampfer haben -- nicht um die ganze Welt! Er flucht, er singt, er

pfeift, er gellt -- habe nie einen Indianer so gellen hören. Und zwar

zu allen Zeiten der Nacht -- das ist ihm alles einerlei. Er gellt just

drauf los, nicht aus einem besonderen Grunde, sondern weil es ihm ein

gewisses teuflisches Vergnügen gewährt. Wenn ich im besten Schlafe lag,

wurde ich plötzlich durch einen jener fürchterlichen Kriegsschreie aus

dem Bett geschreckt. Ein komischer Kauz -- sehr komisch; keinerlei

Respekt vor irgend etwas oder irgend jemand; manchmal nannte er mich

einfach Johnny. Und dann hielt er sich eine Geige und eine Katze. Er

spielte schauderhaft; das schien die Katze zu kränken, die dann zu

heulen pflegte. Niemand konnte schlafen, wo dieser Mensch -- und seine

Familie -- war. Und leichtsinnig! So etwas ist noch nicht dagewesen.

Sie mögen es mir glauben oder nicht, aber so wahr ich hier sitze, er

jagte mit vollem Dampf durch jene schrecklichen Baumstämme bei Chicot,

und dazu wehte der Wind ganz satanisch! Meine Offiziere können es

Ihnen sagen; sie haben's mit angesehen. Und ich will zeitlebens den

Mund nicht mehr aufthun, wenn er nicht die Lippen spitzte und zu

pfeifen begann, während wir durch die Baumstämme jagten und ich, an

allen Gliedern zitternd, betete! Ja, Sir, er pfiff: ›Mädel von Buffalo,

kommt ihr nicht heute nacht, kommt ihr nicht heute nacht?‹ und das so

ruhig und gelassen, als ob gar nichts passiert wäre. Und als ich ihm

deshalb Vorstellungen machte, blickte er lächelnd auf mich herab, als

ob ich ein kleines Kind wäre, und sagte, ich solle in die Kajüte gehen,

brav sein und meine Vorgesetzten nicht belästigen!«

Eines Tages wurde Stephen, stellenlos und wie gewöhnlich ohne Geld,

in New Orleans von einem ziemlich filzigen Kapitän angetroffen. Da

Stephen ›bös in der Klemme‹ war, willigte er auf vieles Zureden

endlich ein, für hundertfünfundzwanzig Dollars monatlich -- gerade

die Hälfte des üblichen Lohnes -- zu lotsen, wobei der Kapitän sich

verpflichtete, das Geheimnis zu bewahren, um dem armen Kerl nicht die

Verachtung der ganzen Gilde zuzuziehen. Aber das Boot war kaum einen

Tag unterwegs, als Stephen entdeckte, daß der Kapitän sich seines

Handels mit Stephen gerühmt und allen seinen Offizieren davon erzählt

hatte. Stephen zwinkerte mit den Augen, sagte aber nichts. Um die Mitte

des Nachmittags betrat der Kapitän das Sturmdeck, blickte um sich und

schien sehr überrascht zu sein. Er sah fragend zu Stephen hinauf, der

aber ganz gemächlich pfiff und auf seinen Dienst achtete. Der Kapitän

wartete eine Weile, offenbar sehr mißmutig, und schien ein paarmal eine

Bemerkung machen zu wollen; aber die auf dem Fluß herrschende Etikette

hatte ihn gelehrt, eine derartige Uebereilung zu vermeiden, und so

bezwang er sich denn und schwieg. Er ärgerte und wunderte sich noch

eine Weile und kehrte dann in seine Gemächer zurück; aber bald erschien

er wieder, anscheinend noch verwunderter als vorher. Endlich wagte er

die höfliche Bemerkung:

»Recht guter Wasserstand jetzt -- nicht wahr, Sir?«

»Nun, das kann man wohl sagen: zum Ueberlaufen voll, ein ziemlich

reichlicher Wasserstand!«

»Scheint hier eine starke Strömung zu sein.«

»Stark ist zu wenig gesagt; sie ist stärker als ein Mühlstrom.«

»Ist die Strömung näher am Ufer nicht geringer, als hier in der Mitte?«

»Ja, ich denke wohl; aber man kann mit einem Dampfer nicht vorsichtig

genug sein. Hier draußen ist's ziemlich sicher, können den Boden nicht

berühren, darauf können Sie sich verlassen.«

Der Kapitän entfernte sich ziemlich mißmutig; wenn es so fortging

konnte er am Ende an Altersschwäche sterben, ehe sein Dampfer nach St.

Louis kam. Als er am nächsten Tag wieder auf Deck erschien, steuerte

Stephen wieder getreulich mitten im Strom hinauf und kämpfte gegen die

ganze, gewaltige Kraft des Mississippi an, wobei er in seiner ruhigen

Weise eine Melodie pfiff. Die Sache wurde ernst. Drüben am Ufer dampfte

ein langsameres Boot lustig im stillen Wasser dahin und gewann immer

mehr Vorsprung. Es begann auf eine Inseldurchfahrt zuzusteuern, während

Stephen sich mitten im Strom hielt. Da entrang sich dem Kapitän die

gepreßte Frage:

»Herr W. -- --, schneidet jener Arm nicht eine hübsche Strecke Weges

ab?«

»Ich glaube wohl, weiß es aber nicht.«

»Sie wissen es nicht? Ist denn jetzt nicht Wasser genug darin zum

Durchfahren?«

»Ich glaube wohl, weiß es aber nicht sicher.«

»Bei meiner Seele, das ist sonderbar. Ei, die Lotsen auf dem Boot da

drüben wollen es probieren. Wollen Sie etwa sagen, daß Sie nicht soviel

wissen wie die?«

»_Die?_ Ei, das sind Zweihundertfünfzigdollars-Lotsen, Kapitän!

Aber beruhigen Sie sich nur; ich weiß soviel, wie ein Mann für

hundertfünfundzwanzig Dollars zu wissen braucht!«

Der Kapitän streckte die Waffen.

Fünf Minuten später dampfte Stephen durch die Passage und zeigte dem

andern Boot ein paar Fersen für zweihundertfünfzig Dollars.

Das Lotsenmonopol.

Eines Tages steuerte mein Lehrmeister, Herr Bixby, mit dem ›Aleck

Scott‹ vorsichtig durch eine enge Stelle bei der Katzeninsel; beide

Lote waren im Gang, und jeder hielt den Atem an. Der Kapitän, ein

nervöser, ängstlicher Mann, verhielt sich ruhig, so lange er konnte;

endlich vermochte er's aber nicht länger auszuhalten und rief vom

Sturmdeck herunter:

»Um Gottes willen, geben Sie Dampf, Herr Bixby! geben Sie Dampf! Wir

kommen sonst nie über das Riff da!«

Nach dem Eindruck, den diese Rede auf Herrn Bixby machte, hätte man

annehmen können, daß gar nichts gesagt worden wäre. Fünf Minuten später

aber, als die Gefahr vorüber und die Lote eingeholt worden waren, brach

ein wahres Gewitter von vernichtenden Flüchen über den Kapitän herein,

wie ich es nie prächtiger hörte. Es folgte kein Blutvergießen -- aber

nur, weil die Sache des Kapitäns auf schlechten Füßen stand, denn für

gewöhnlich war er nicht der Mann, der eine Zurechtweisung ruhig hinnahm.

* * * * *

Nachdem ich nun die Natur der Wissenschaft des Lotsens eingehend

auseinandergesetzt und zugleich den Rang beschrieben habe, den der

Lotse unter der Brüderschaft der Dampfschiffsleute einnahm, scheint es

mir am Platze zu sein, einige Worte über eine Organisation zu sagen,

welche die Lotsen einstens zum Schutz ihrer Gilde gebildet haben. Sie

war eigenartig und insofern bemerkenswert, als sie vielleicht die

geschlossenste und stärkste berufliche Organisation gewesen ist, die je

gebildet wurde.

Die Heuern hatten lange Zeit zweihundertfünfzig Dollars monatlich

betragen; aber als die Dampfboote sich mehrten und das Geschäft

sich immer mehr hob, begannen die Löhne allmählich zu fallen. Der

Grund dieser seltsamen Erscheinung war indessen leicht zu finden:

es wurden zu viele Lotsen ›gemacht‹. Es war hübsch, einen Lehrling,

einen Steuerer zu haben, der einige Jahre lang alle schwere Arbeit

umsonst verrichtete, während sein Herr auf einer hohen Bank saß und

rauchte; alle Lotsen und Kapitäne hatten Söhne oder Neffen, die Lotsen

werden wollten. Nach und nach kam es soweit, daß fast jeder Lotse

auf dem Mississippi einen eigenen Steuerer hatte. Wenn ein Steuerer

solche Fortschritte gemacht hatte, daß sie zwei Lotsen befriedigten,

konnten diese eine Licenz für ihn erwirken, indem sie ein Gesuch

an den Inspektor der Stromschiffahrt richteten. Weiter war nichts

nötig; Fragen wurden gewöhnlich nicht gestellt und ein besonderer

Befähigungsnachweis nicht verlangt.

Nun, dieser zunehmende Schwarm von neuen Lotsen, welche Beschäftigung

suchten, begann die Löhne herabzudrücken. Es scheint, daß die Ritter

von der Ruderpinne ihren Mißgriff zu spät erkannten. Es mußte offenbar

etwas geschehen, und das bald; aber was? Nur eine geschlossene

Organisation konnte helfen; alles andere war umsonst. Die Sache wurde

besprochen und wieder besprochen und schließlich fallen gelassen, da

die Schwierigkeiten so groß waren. Es war nur zu wahrscheinlich, daß

alle, die in der Sache vorzugehen wagten, für ihre Person große Gefahr

liefen. Endlich aber wagten es ein Dutzend der kühnsten -- darunter

einige der besten -- Lotsen und nahmen das ganze Risiko auf sich. Die

Gesetzgebung verlieh ihnen einen besonderen Freibrief mit ausgedehnten

Vollmachten unter dem Namen: Wohlthätigkeitsverein der Lotsen (~Pilots'

Benevolent Association~); man wählte den Vorstand, vollendete

die Organisation, legte Kapital ein, setzte die Vereins-Löhne

sogleich auf zweihundertfünfzig Dollars fest -- und kehrte dann an

den häuslichen Herd zurück, denn die Vereinslotsen wurden sofort

entlassen. Aber in ihren Satzungen fanden sich ein paar Körnchen,

welche die Keime zur Entwicklung in sich trugen. So waren z. B. alle

beschäftigungslosen Mitglieder von gutem Ruf zu einer monatlichen

Pension von fünfundzwanzig Dollars berechtigt. Das zog nach und nach

wegen der flauen Geschäftszeit im Sommer einen nach dem andern von den

kaum flügge gewordenen Lotsen heran, denn besser fünfundzwanzig Dollars

monatlich, als verhungern; die Aufnahmegebühr betrug nur zwölf Dollars,

und von den Beschäftigungslosen wurde ein Beitrag nicht verlangt.

Auch die Witwen von verstorbenen Mitgliedern konnten fünfundzwanzig

Dollars monatlich beziehen, sowie eine gewisse Summe für jedes ihrer

Kinder; ebenso wurden die verstorbenen Mitglieder auf Kosten des

Vereins begraben. Diese Bestimmungen brachten alle abgedankten und

vergessenen Lotsen im ganzen Mississippithal wieder zum Vorschein; sie

kamen von Farmen, von Städtchen im Innern, von überall herbei, -- auf

Krücken, Karren, in Krankenwagen, wie es ging. Sie zahlten ihre zwölf

Dollars und begannen sofort monatlich ihre fünfundzwanzig Dollars zu

beziehen und ihre Beerdigungskosten zu berechnen.

[Illustration]

Nach und nach waren alle unbrauchbaren, hilflosen Lotsen und ein

Dutzend Lotsen ersten Ranges im Verein, während neun Zehntel der

besten Lotsen sich demselben fernhielten und über ihn lachten. Der

Verein gab dem ganzen Fluß Stoff zu Scherzen. Jedermann witzelte

über die Bestimmung, daß die Mitglieder monatlich zehn Prozent ihres

Verdienstes zur Erhaltung des Vereins in die Kasse zahlen sollten,

während alle Mitglieder verstoßen und geächtet waren und niemand sie

beschäftigen wollte. Jedermann war dem Verein dankbar dafür, daß er

alle unbrauchbaren Lotsen aus dem Wege räumte und so das ganze Feld

den Vortrefflichsten und Würdigsten überließ; und nicht nur dafür war

man dankbar, sondern auch für das naturgemäß folgende Resultat, --

nämlich das allmähliche Steigen der Löhne, als die rege Geschäftszeit

herankam. Die Löhne waren von hundert auf hundertfünfundzwanzig, in

einzelnen Fällen auf hundertfünfzig Dollars gestiegen; und es war

äußerst spaßhaft, daß dieses reizende Ergebnis durch eine Körperschaft

von Männern herbeigeführt worden war, von denen nicht einer den

geringsten Nutzen davon hatte. Einige der Spaßmacher besuchten manchmal

das Vereinslokal und erboten sich spöttisch, Mitglieder des Vereins aus

Barmherzigkeit für eine Fahrt als Steuerer mitzunehmen, damit dieselben

den Strom nicht ganz vergäßen. Der Verein indessen war zufrieden;

wenigstens gab er kein Zeichen vom Gegenteil. Hin und wieder nahm er

einen Lotsen auf, der gerade ›Pech‹ hatte, und fügte dessen Namen

seiner Liste bei; und dieser spätere Zuwachs war sehr wertvoll, weil es

gute Lotsen waren und die schlechten dem Verein schon lange angehörten.

Als das Geschäft lebhafter wurde, stiegen die Löhne nach und nach auf

zweihundertfünfzig Dollars: die vom Verein festgesetzte Höhe -- und

erhielten sich dauernd auf diesem Satze. Die Heiterkeit auf Kosten des

Vereins überstieg jetzt alle Grenzen, denn noch immer zog kein Mitglied

desselben Nutzen daraus, weil niemand engagiert wurde. Endlos waren die

Späße, welche die armen Märtyrer über sich ergehen lassen mußten.

Doch keine Gasse ist so lang, daß sie nicht ein Ende hat. Der Winter

kam heran, das Geschäft verdoppelte und verdreifachte sich, und eine

Lawine von Dampfbooten kam vom Missouri, Illinois und dem oberen

Mississippi herab, um es einmal in der New Orleansfahrt zu versuchen.

Urplötzlich waren Lotsen sehr gesucht, aber in verhältnismäßig geringer

Anzahl vorhanden. Die Zeit der Vergeltung war gekommen. Es war eine

bittere Pille, endlich Vereinslotsen annehmen zu müssen, doch Kapitäne

und Schiffseigentümer sahen beide ein, daß es keinen anderen Ausweg

gab. Aber keiner von diesen Geächteten bot sich an! Es war also eine

noch bitterere Pille hinunterzuwürgen: sie mußten aufgesucht und um

ihre Dienste gebeten werden. Kapitän N. war der erste, der es nötig

fand, die Dosis einzunehmen, obgleich er der lauteste Verspötter der

Organisation gewesen war. Er suchte einen der besten Vereinslotsen auf

und sagte:

»Nun, ihr Lotsen habt jetzt auf eine Weile die Oberhand über uns

gewonnen; ich will daher möglichst gute Miene zum bösen Spiele machen.

Ich bin gekommen, um Sie zu engagieren; schaffen Sie sofort Ihre Koffer

an Bord. Um zwölf Uhr fahren wir.«

»Das weiß ich noch nicht gewiß. Wer ist Ihr zweiter Lotse?«

»J. S. --. Warum?«

»Ich kann nicht mit ihm fahren. Er gehört dem Verein nicht an.«

»Was?«

»Wie ich gesagt habe.«

»Wollten Sie damit sagen, daß Sie nicht mit einem der besten und

ältesten Lotsen auf dem Flusse fahren können, weil er Ihrem Verein

nicht angehört?!«

»Ja, das will ich.«

»Nun, das ist aber stark! Ich glaubte Ihnen eine Wohlthat zu erweisen,

merke aber nun, daß ich es bin, der eine Gunst verlangt. Handeln Sie

nach einer Satzung des Vereins?«

»Ja.«

»Zeigen Sie mir dieselbe.«

Sie begaben sich nach dem Vereinslokal, wo der Sekretär dem Kapitän die

Satzungen vorlegte; dieser sagte:

»Nun, was soll ich thun? Ich habe Herrn S. für die ganze Saison

engagiert.«

»Ich will Ihnen einen zweiten Lotsen nachweisen, und er soll um zwölf

Uhr an Bord sein,« sagte der Sekretär.

»Aber wenn ich S-- -- entlasse, wird er seine Gage für die ganze Saison

von mir verlangen.«

»Das haben Sie natürlich mit Herrn S-- -- abzumachen, Kapitän. Wir

können uns in Ihre Privatangelegenheiten nicht einmischen.«

Der Kapitän wütete, aber umsonst. Schließlich mußte er S-- --

entlassen, ihm etwa tausend Dollars zahlen und an seiner Stelle einen

Vereinslotsen nehmen. Das Lachen begann sich jetzt gegen die andere

Seite zu wenden. Jeden Tag fiel von da an ein neues Opfer; jeden Tag

mußte ein zum äußersten gebrachter Kapitän unter Flüchen und Thränen

ein begünstigtes Nichtvereinsmitglied entlassen und einem verhaßten

Vereinslotsen dessen Posten geben. Nach ganz kurzer Zeit gab es

stellenlose Nichtvereinsmitglieder in ziemlicher Menge, so flott auch

das Geschäft ging und so sehr man ihrer Dienste bedurfte. Das Lachen

war jetzt sehr entschieden auf der anderen Seite. Diese Opfer, ebenso

wie die Kapitäne und Schiffseigentümer hörten bald ganz auf zu lachen

und drohten mit der schrecklichen Rache, die sie nehmen wollten, wenn

der jetzige ›Rummel‹ vorüber wäre.

Bald waren die einzigen noch übrigen Lacher die Eigentümer und

Mannschaften der Boote, die zwei Nichtvereinslotsen hatten. Aber

ihr Triumph war nur von kurzer Dauer, und zwar aus folgendem Grund:

Es war eine strenge Vorschrift des Vereins, daß die Mitglieder nie

und unter keinen Umständen einem Nichtmitglied Nachrichten über das

Fahrwasser zukommen lassen sollten. Mittlerweile waren auf der einen

Hälfte der Boote nur Vereinsmitglieder, auf der anderen Hälfte nur

Nichtmitglieder als Lotsen beschäftigt. Auf den ersten Blick möchte es

scheinen, daß in Bezug auf das Verbot der Mitteilungen über den Fluß

beide Teile gleichermaßen davon betroffen waren; dem war aber nicht

so. Bei jedem größeren Städtchen, von einem Ende des Stromes bis zum

andern, befand sich ein ›Werftboot‹ zum Landen, statt eines Quais oder

eines Hafendammes. Darin wurde die Fracht zum Transport aufgespeichert,

und in den Kajüten schliefen die wartenden Passagiere. Auf jedem

dieser Boote hatten die Beamten des Vereins ein festes eisernes

Kästchen aufgestellt, das mit einem eigenartigen Schloß versperrt

war, wie es nur in einem Dienste -- im Postdienst der Vereinigten

Staaten -- verwendet wurde. Das Briefkastenschloß war eine geheiligte

Regierungssache. Durch vieles Bitten hatte sich die Regierung dazu

bereden lassen, dem Verein den Gebrauch dieses Schlosses zu gestatten.

Jeder Vereinslotse führte einen Schlüssel zu diesem Schloß bei sich;

dieser Schlüssel oder eigentlich eine besondere Art, ihn in der Hand

zu halten, wenn sein Besitzer von einem Unbekannten um Auskunft über

den Fluß gebeten wurde, -- denn der Erfolg des Vereins von St. Louis

und New Orleans hatte bald gedeihende Zweigvereine auf benachbarten

Dampferlinien hervorgerufen -- war dem Vereinslotsen das Zeichen

und die Garantie für die Mitgliedschaft; und wenn der Fremde nicht

dadurch antwortete, daß er einen gleichen Schlüssel hervorzog und in

einer gewissen, genau vorgeschriebenen Weise in der Hand hielt, wurde

seine Frage einfach nicht beachtet. Vom Vereinssekretär erhielt jedes

Mitglied ein Päckchen mehr oder weniger hübscher Formulare, auf nettes,

gehörig rubriziertes Papier gedruckt, etwa so:

~Dampfer »Grosse Republik«~

~John Smith, Kapitän.~

~Lotsen: John Jones und Thomas Brown.~

--------------+-------------+-------------+-----------------

~Kreuzungen.~ | ~Lotungen.~ | ~Marken.~ | ~Bemerkungen.~

--------------+-------------+-------------+-----------------

| | |

| | |

Diese Formulare wurden während des Fortgangs der Reise Tag für Tag

ausgefüllt und in die verschiedenen Werftbootkasten niedergelegt.

Sobald z. B. die erste Kreuzung von St. Louis aus passiert war, wurden

die Daten in die gehörigen Rubriken eingetragen, wie folgt:

»St. Louis. Neuneinhalb (Fuß). Heck aufs Gerichtshaus, Bug auf den

abgestorbenen Baumwollbaum oberhalb des Holzhofs gerichtet, bis man ans

erste Riff gelangt, dann geradeaus steuern.« Dann unter der Rubrik

Bemerkungen: »Außerhalb des Wracks halten; das ist wichtig. Ein neuer

Baumstamm, gerade wo man den Kurs abwärts richtet; daher oberhalb

passieren.«

Der Lotse, welcher dieses ausgefüllte Formular im Werftbootkästchen zu

Kairo niederlegte (nachdem er die Einzelheiten aller Kreuzungen von St.

Louis bis Kairo hinzugefügt), fand dort ein halbes Dutzend frischer

Berichte von stromaufwärtsfahrenden Dampfern über den Zustand des

Stroms zwischen Kairo und Memphis, informierte sich vollständig, legte

die Berichte wieder in das Kästchen und kehrte auf sein Boot zurück,

gegen jede Gefahr so gewappnet, daß er sein Boot nicht zu Schaden

bringen konnte, ohne die genialste Sorglosigkeit zu Hilfe zu nehmen.

Man stelle sich die Wohlthaten eines so bewunderungswürdigen Systems

vor, auf einer zwölf- bis dreizehnhundert Meilen langen Strecke

eines Flusses, dessen Fahrwasser sich täglich verändert! Der Lotse,

welcher sich früher damit begnügen mußte, eine flache Stelle ein- oder

möglicherweise auch zweimal monatlich zu sehen, verfügte jetzt über

hundert scharfe Augen, die für ihn beobachteten, und ihn belehrten,

wie die Stelle zu passieren war. Seine Information war selten

vierundzwanzig Stunden alt. Wenn die Berichte im letzten Kästchen noch

ein Bedenken bezüglich einer heimtückischen Kreuzung übrig ließen, so

hatte er dagegen ein Mittel: er gab, sobald er ein Dampfboot nahen

sah, ein gewisses Zeichen mit der Dampfpfeife; dieses Zeichen wurde in

besonderer Weise beantwortet, wenn die Lotsen auf jenem Boot dem Verein

angehörten; und dann legten die beiden Dampfer Bord an Bord, und alle

Ungewißheiten wurden durch frische Information, die der Frager mündlich

und ganz eingehend erhielt, vollständig behoben.

Wenn ein Lotse New Orleans oder St. Louis erreichte, war es sein

erstes, seinen endgültigen und ausführlichen Bericht nach dem

Vereinslokal zu bringen und dort aufzuhängen -- dann erst war er frei

und konnte seine Familie aufsuchen. In dem Vereinslokal war stets

eine Menge Lotsen versammelt, welche die Veränderungen im Fahrwasser

diskutierten; sobald ein neuer Ankömmling erschien, hörten alle auf zu

reden, bis dieser Zeuge die neuesten Nachrichten erzählt und die letzte

Ungewißheit beseitigt hatte. Andere Gewerbsleute können manchmal die

Bude schließen und sich mit andern Dingen befassen; nicht so der Lotse:

er muß sich ganz seinem Berufe widmen und darf von nichts anderem

reden; denn es würde ihm wenig nützen, den einen Tag vollkommen und

den nächsten unvollkommen zu sein. Er hat weder Zeit noch Worte zu

verlieren, wenn er sich auf dem Laufenden erhalten will.

Die Nichtvereinsmitglieder hatten jetzt eine schwere Zeit: keinen

Mittelpunkt, wo sie sich treffen und ihre Nachrichten austauschen

konnten, keine Werftbootberichte, nichts als zufällige und ungenügende

Mittel, um Nachrichten zu erlangen. Die Folge davon war, daß ein Lotse

manchmal eine Strecke von fünfhundert Meilen zu fahren hatte auf

Grund von Auskünften, die acht bis zehn Tage alt waren. Bei ziemlich

hohem Wasserstand hätte das angehen können; als aber der niedrigste

Wasserstand kam, wurde es verhängnisvoll.

Auf dem Mississippi; Nach dem fernen Westen · 第 7 / 21 段