der Lotsenwissenschaft klarer zu machen, als vielleicht aus den
vorhergehenden Artikeln ersichtlich ist. Da ist vor allem eine
Fähigkeit, die ein Lotse unaufhörlich pflegen muß, bis er es darin zu
absoluter Vollkommenheit gebracht hat: nur die Vollkommenheit genügt.
Diese Fähigkeit ist das Gedächtnis. Er darf sich nicht damit begnügen,
daß er bloß _denkt_, ein Ding ist so und so; er muß es _wissen_, denn
das Lotsen ist in hohem Grade eine ›exakte‹ Wissenschaft. Mit welcher
Verachtung wurde doch in den alten Zeiten ein Lotse angeschaut, wenn
er es je wagte, sich der schwachen Redensart ›Ich denke‹ zu bedienen,
statt der kräftigen ›Ich weiß!‹ Man kann sich nicht leicht einen
Begriff davon machen, wie schwer es ist, jede geringfügige Einzelheit
an einem zwölfhundert Meilen langen Strom und zwar mit unbedingter
Genauigkeit zu kennen. Man nehme die längste Straße in New York z.
B., gehe darin auf und ab und studiere geduldig alle ihre Merkmale,
bis man jedes Haus, jedes Fenster, jede Thür, jeden Laternenpfahl
und jedes große und kleine Zeichen auswendig und so genau kennt, daß
man augenblicklich weiß, wo man sich befindet, wenn man mitten in
einer tintenschwarzen Nacht in jener Straße niedergesetzt wird: dann
wird man einen ungefähren Begriff von dem Umfang und der Genauigkeit
der Kenntnis eines Lotsen haben, der den ganzen Mississippistrom in
seinem Kopf herumträgt. Und wenn man dann fortfährt, bis man jede
Straßenkreuzung, das Aussehen, die Größe und Lage der Trottoirsteine
und die wechselnde Tiefe des Kotes an jeder dieser zahllosen Stellen
kennt, dann hat man eine Idee von dem, was der Lotse wissen muß, um
einen Mississippidampfer vor Unheil zu bewahren. Wenn man dann die
Hälfte jener Merkzeichen nimmt, ihre Plätze monatlich ändert und
es trotzdem fertig bringt, ihre neue Lage bei dunkler Nacht genau
zu wissen und sich auf dem Laufenden zu erhalten bezüglich dieser
Aenderungen, ohne Irrtümer zu begehen, so wird man verstehen, was der
unbeständige Mississippi von dem unvergleichlichen Gedächtnis eines
Lotsen fordert.
Ich glaube, das Gedächtnis eines Lotsen ist so ziemlich das
Wunderbarste in der Welt. Das alte und neue Testament auswendig wissen
und vorwärts und rückwärts fließend hersagen oder irgendwo in der
Bibel aufs Geratewohl anfangen und sie nach beiden Richtungen hersagen
zu können, ohne je zu stocken oder einen Irrtum zu begehen, ist kein
übertrieben großes Maß von Wissen und nichts Wunderbares, verglichen
mit dem aufgespeicherten Wissen eines Lotsen vom Mississippi und seiner
merkwürdigen Leichtigkeit in der Handhabung desselben. Ich stellte
diesen Vergleich nach reiflichster Ueberlegung an und glaube, damit
der Wahrheit keinen Zwang anzuthun. Viele werden das Gleichnis für
übertrieben halten, Lotsen aber nicht.
Und wie leicht und gemächlich thut das Gedächtnis des Lotsen seine
Arbeit, wie still und mühelos ist seine Methode, wie _unbewußt_ häuft
es seine ungeheuren Schätze auf, Stunde für Stunde, Tag für Tag,
ohne je ein einziges wertvolles Päckchen davon zu verlieren oder zu
verlegen! Nehmen wir ein Beispiel. Der Mann am Lot ruft ›Zweieinhalb
Faden! zweieinhalb Faden! zweieinhalb Faden!‹ bis der Ruf so eintönig
wird, wie das Ticken einer Uhr; die Unterhaltung geht unterdessen
weiter, der Lotse nimmt ebenfalls daran teil und lauscht dem Rufen
nur noch unbewußt; nun werde inmitten dieser endlosen Reihe von
›Zweieinhalb Faden‹ ein einziges ›Zweieinviertel Faden!‹ geworfen
und dann möge es wieder weitergehen wie zuvor; zwei oder drei Wochen
später kann der Lotse ganz genau die Lage des Bootes im Strome in dem
Augenblicke, als jener Ruf ›Zweieinviertel Faden!‹ ertönte, beschreiben
und einem so viele Marken nach vorn, nach hinten und nach den Seiten
angeben, daß man selbst imstande sein würde, das Boot dorthin und
in die nämliche Lage zu bringen! Der Ruf ›Zweieinviertel Faden‹ zog
seine Gedanken in Wirklichkeit nicht von dem Gespräche ab, aber sein
trefflich geschulter Geist vergegenwärtigte sich sogar die Peilungen
bildlich, bemerkte die Veränderung in der Tiefe und bewahrte die
wichtigen Einzelheiten für künftige Fälle auf, alles wie von selbst und
ohne sein Wissen und Wollen. Wenn du, lieber Leser, mit einem Freund
spazieren gingest und plaudertest, und ein zweiter Freund an deiner
Seite wiederholte fortwährend, ein paar hundertmal den Buchstaben
A und würfe einmal -- ganz unauffällig -- ein R dazwischen, so
würdest du nach zwei oder drei Wochen weder sagen, ob überhaupt ein R
eingeworfen wurde, noch die Gegenstände beschreiben können, an denen du
vorübergingst, als das R geäußert wurde; du würdest aber dazu imstande
sein, wenn du dein Gedächtnis durch beharrliche und mühsame Schulung
dahin gebracht hättest, diese Art Arbeit mechanisch zu verrichten.
Hat ein Mann von Anfang an ein ziemlich gutes Gedächtnis, so wird
dieses durch das Lotsen zu einem wahren Koloß an Leistungsfähigkeit
entwickelt werden -- aber _nur in den Dingen, in welchen es täglich
geübt wird_. Mit der Zeit muß es soweit kommen, daß der Geist eines
solchen Mannes nicht umhin kann, sich die Landmarken und Wassertiefen
zu merken, und daß sein Gedächtnis daran festhält mit der Zähigkeit
eines Lasters; aber wenn man denselben Mann um Mittag fragen würde,
wo er gefrühstückt habe, so wäre zehn gegen eins zu wetten, daß er es
nicht mehr weiß. Mit dem menschlichen Gedächtnis kann Erstaunliches
vollbracht werden, wenn man es treulich einem besonderen Berufszweig
widmet.
Zu der Zeit, als die Löhne auf dem Missouri sehr hoch hinaufgingen,
begab sich mein Lehrmeister, Herr Bixby, dorthin und ›lernte‹ mit
erstaunlicher Leichtigkeit und Raschheit mehr als tausend Meilen von
jenem Strom. Als er jeden Teil des Flusses einmal bei Tag und einmal
bei Nacht gesehen hatte, war seine Ausbildung so nahezu vollendet, daß
er sich eine ›Tageslicenz‹ löste; nach ein paar weiteren Fahrten löste
er sich eine volle Licenz und begann Tag und Nacht zu lotsen -- und
zwar als Lotse ersten Ranges.
Herr Bixby gab mich für einige Zeit als Steurer einem Lotsen mit,
dessen Gedächtnisleistungen mir fortwährend ein Wunder waren. Ich
glaube jedoch, das Gedächtnis war ihm angeboren, nicht anerzogen.
Erwähnte z. B. jemand einen Namen, so fiel Herr Brown -- so hieß er --
augenblicklich ein:
»O, ich kannte ihn. Blasser, rotköpfiger Bursche mit einer kleinen
Narbe auf der rechten Seite des Halses, wie ein Splitter unterm
Fleisch. Er trieb erst seit sechs Monaten Handel im Süden; das war vor
dreizehn Jahren. Machte eine Reise mit ihm. Der obere Lauf des Flusses
war damals fünf Fuß tief; der ›Henry Blake‹ geriet am unteren Ende der
Turminsel mit viereinhalb Fuß Tiefgang fest; der ›George Elliot‹ verlor
sein Ruder am Wrack der ›Sonnenblume‹ --«
»Ei, die ›Sonnenblume‹ sank ja erst -- --«
»Ich weiß, wann sie sank; es war drei Jahre vorher, am 2. Dezember;
Asa Hardy war Kapitän und sein Bruder erster Buchhalter auf ihr; es
war auch seine erste Fahrt auf ihr; Tom Jones erzählte mir alles dies
acht Tage später in New Orleans; er war erster Steuermann auf der
›Sonnenblume‹. Kapitän Hardy trat sich am 6. Juli nächsten Jahres einen
Nagel in den Fuß und starb am 15. an der Mundklemme. Sein Bruder John
starb zwei Jahre später -- 3. März -- Rotlauf. Sah nie einen von den
Hardys, -- fuhren auf dem Alleghany, -- aber Leute, die sie gekannt
haben, erzählten mir alles. Und sie sagten auch, Kapitän Hardy habe
Sommer wie Winter gestrickte Socken getragen; seine erste Frau hieß
Johanna Schook, -- sie war aus Neu England, -- und seine zweite starb
im Irrenhause. Es lag im Blut. Sie stammte aus Lexington in Kentucky
und hieß Norton vor ihrer Verheiratung.«
Und so arbeitete seine Zunge stundenlang fort. Er konnte absolut nichts
vergessen; das war ihm rein unmöglich. Die geringfügigsten Einzelheiten
waren noch ebenso deutlich und klar in seinem Gedächtnis, nachdem sie
jahrelang darin bewahrt waren, wie die denkwürdigsten Ereignisse.
Er hatte nicht bloß ein Lotsengedächtnis; der Umfang desselben war
universal. Wenn er von einem unwichtigen Brief sprach, den er vor
sieben Jahren empfangen, durfte man sicher sein, daß er den ganzen
Inhalt wortgetreu aus dem Gedächtnis hersagen konnte. Und dann war
es mehr als wahrscheinlich, daß er -- ohne selbst zu bemerken, daß
er vom rechten Ziele seines Gesprächs abwich -- eine weitschweifige
Lebensbeschreibung des Schreibers jenes Briefes einfügte; und man
konnte wirklich von Glück sagen, wenn er nicht des Schreibers
Verwandte, einen nach dem andern, vornahm und auch ihre Lebensläufe
schilderte.
Ein derartiges Gedächtnis ist ein großes Unglück; für ein solches sind
alle Vorfälle von derselben Wichtigkeit: sein Besitzer kann einen
interessanten Umstand von einem uninteressanten nicht unterscheiden.
Im Gespräch kann er nicht umhin, seine Geschichte mit ermüdenden
Einzelheiten zu überlasten und sich zu einem unausstehlichen
Plagegeist zu machen. Und dann vermag er sich nicht an seinen
Gegenstand zu halten: er liest jedes Körnchen der Erinnerung, das er
auf seinem Wege sieht, auf und wird so abseits geführt. Herr Brown
begann z. B. in der redlichen Absicht, uns eine ungeheuer spaßhafte
Anekdote von einem Hund zu erzählen. Er kam dabei so sehr ins Lachen,
daß er kaum anfangen konnte; dann begann sein Gedächtnis mit der
Abstammung und körperlichen Erscheinung des Hundes, ging allmählich
über in eine Geschichte seines Besitzers und dessen Familie mit
Beschreibung von Hochzeiten und Begräbnissen, die sich in derselben
ereignet hatten, und mit Rezitationen von dadurch hervorgerufenen
poetischen Glückwünschen und Nachrufen. Dann erinnerte sich sein
Gedächtnis, daß eines dieser Ereignisse während des berühmten ›strengen
Winters‹ in dem und dem Jahre vorfiel, und nun folgte eine eingehende
Beschreibung jenes Winters mit den Namen der Leute, die erfroren
waren, und eine Statistik der hohen Preise, welche Schweinefleisch und
Heu erreichten. Schweinefleisch und Heu erinnerten an Getreide und
Futterpflanzen, diese an Kühe und Pferde; letztere brachten ihn auf den
Zirkus und berühmte Reiter auf ungesattelten Pferden. Der Uebergang
vom Zirkus zur Menagerie war leicht und natürlich; vom Elefanten nach
Zentralafrika war nur ein Schritt; dann dachte er bei den heidnischen
Wilden natürlich an Religion; und am Schlusse eines drei- oder
vierstündigen langweiligen Geschwätzes wurde die Wache abgelöst, und
Brown schritt aus dem Steuerhaus, Auszüge aus Predigten murmelnd, die
er vor Jahren über die Wirksamkeit des Gebets als Gnadenmittel gehört
hatte. Und die ursprüngliche erste Erwähnung des Hundes war alles, was
man nach all dem Warten und Hungern über diesen erfahren hatte.
Der Lotse muß ein Gedächtnis haben; aber es giebt noch zwei höhere
Eigenschaften, die er besitzen muß; gute und schnelle Urteilskraft und
Entschlossenheit und einen kühlen, gelassenen Mut, den keine Gefahr
erschüttern kann. Ist ein Mann von Anfang an nur ein bißchen herzhaft,
so vermag er, wenn er Lotse geworden ist, durch keine Gefahr, in die
ein Dampfboot geraten kann, entmannt zu werden. Von der Urteilskraft
kann man nicht ganz dasselbe sagen: das Urteilsvermögen ist Sache des
Gehirns, und man muß von diesem Artikel schon von Anfang an einen
bedeutenden Vorrat haben, wenn man als Lotse Erfolg haben will.
Der Mut wächst im Steuerhause fortwährend und stetig, erreicht aber
nicht eher einen hohen und befriedigenden Grad, als bis der junge Lotse
eine Zeitlang allein und unter dem drückenden Gewicht der ganzen mit
der Stellung verbundenen Verantwortlichkeit selbst die Wache befehligt
hat. Wenn ein Lehrling mit dem Strom ziemlich gründlich bekannt
geworden ist, jagt er mit seinem Dampfboot bei Tag oder Nacht so
furchtlos dahin, daß er sich bald einzubilden beginnt, daß der eigene
Mut ihn beseelt; aber sobald sein Meister einmal hinausgeht und ihn
sich selbst überläßt, erkennt er, daß es der Mut des letzteren war.
Er entdeckt, daß dieser Artikel in seiner Ladung gänzlich fehlt. Der
ganze Strom wimmelt im Augenblick von drohenden Gefahren; er ist nicht
darauf vorbereitet, weiß nicht, wie er ihnen begegnen soll; all sein
Wissen läßt ihn im Stich, und in zehn Minuten ist er so bleich wie
ein Leintuch und fast zu Tode erschreckt. Deshalb erziehen die Lotsen
diese Anfänger weise durch strategische Finten dazu, der Gefahr etwas
gelassener ins Angesicht zu sehen. Eine ihrer Lieblingsmethoden ist es,
den Kandidaten auf den Leim zu locken.
Herr Bixby spielte mir einmal in dieser Weise mit, und noch Jahre
nachher errötete ich selbst im Schlaf, wenn ich daran dachte. Ich war
ein guter Steuerer geworden -- ein so guter, daß ich auf unserer Wache
bei Tag und Nacht so ziemlich alle Arbeit zu thun hatte. Herr Bixby
machte mir gegenüber selten eine Andeutung; alles, was er je that, war,
daß er in besonders schlimmen Nächten oder an besonders schwierigen
Stellen das Rad ergriff, daß er das Boot ans Land legte, wenn es nötig
war, daß er während neun Zehnteln der Wache den müßigen Herrn spielte
und die Gage einstrich. Wenn jemand meine Fähigkeit, irgend eine
Kreuzung zwischen Kairo und New Orleans ohne Hilfe und Anweisung zu
passieren, bezweifelt hätte, würde ich mich schwer beleidigt gefühlt
haben. Der Gedanke, daß ich mich vor einer dieser Kreuzungen _bei Tage_
scheuen sollte, war zu unsinnig, um überhaupt in Betracht zu kommen.
Nun, eines unvergleichlich schönen Sommertags dampfte ich die Krümmung
oberhalb der Insel 66 hinab. Ich war voll Selbstgefühl und trug die
Nase so hoch wie eine Giraffe. Auf einmal sagte Herr Bixby:
»Ich gehe ein wenig hinunter; ich glaube, du kennst die nächste
Kreuzung, nicht wahr?«
Das war fast eine Beschimpfung: die Kreuzung war so ziemlich die
einfachste und leichteste im ganzen Strom. Man konnte nicht zu Schaden
kommen, ob man sie nun richtig durchfuhr oder nicht; und was die Tiefe
anbelangt, so hatte man dort noch niemals beim Loten Grund bekommen.
Ich wußte das alles sehr gut.
»Ob ich die Kreuzung kenne? Ei, ich könnte sie mit geschlossenen Augen
passieren.«
»Wie viel Wasser ist dort?«
»Nun, das ist eine sonderbare Frage. Ich würde dort mit einem Kirchturm
keinen Grund bekommen.«
»Meinst du?«
Schon der Ton dieser Frage erschütterte meine Zuversicht; und das
war's, was Herr Bixby erwartete. Er entfernte sich darauf, ohne ein
Wort weiter zu sagen. Ich begann mir alles mögliche einzubilden. Herr
Bixby sandte -- natürlich ohne mein Vorwissen -- einen Matrosen nach
der Back mit geheimnisvollen Weisungen für die Loter; ein anderer Bote
flüsterte mit den Offizieren, und dann versteckte sich Herr Bixby
hinter einem der Schornsteine, wo er die Folgen beobachten konnte.
Gleich darauf schritt der Kapitän auf das Sturmdeck hinaus; dann
erschien der erste Steuermann und schließlich der Zahlmeister. Jeden
Augenblick vermehrte sich mein Auditorium um einen weiteren Nachzügler,
und noch ehe ich zum oberen Ende der Insel kam, waren fünfzehn bis
zwanzig Personen da unten vor meiner Nase versammelt. Ich begann
neugierig zu werden, was eigentlich los wäre. Als ich quer über den
Fluß zu steuern anfing, blickte der Kapitän zu mir herauf und fragte
mich in erheuchelter Unruhe:
[Illustration]
»Wo ist Herr Bixby?«
»Hinuntergegangen, Sir.«
Das gab mir den Rest. Meine Einbildung begann Gefahren aus dem Nichts
zu konstruieren, die sich rascher vermehrten, als daß ich sie hätte
überblicken können. Ganz plötzlich bildete ich mir ein, ich sähe
flaches Wasser vor uns. Der Schrecken, der mir durch die Adern schoß,
lähmte fast alle meine Glieder. All mein Vertrauen in jene Kreuzung war
auf einmal verschwunden. Ich ergriff den Glockenzug, ließ ihn beschämt
wieder fallen, ergriff ihn nochmals, ließ ihn wieder los, umklammerte
ihn zitternd nochmals und zog so schwach daran, daß ich selbst den
Ton kaum hören konnte. In demselben Augenblick riefen Kapitän und
Steuermann wie aus einer Kehle:
»Das Lot an Steuerbord! und rasch dabei!«
Das war ein zweiter Schlag. Ich ließ das Rad wie ein Eichhörnchen
laufen; aber kaum hatte ich das Boot nach Backbord gewendet, als
ich auf dieser Seite neue Gefahren sah und wieder auf die andere
zusteuerte, nur um an Steuerbord die Gefahren sich anhäufen zu sehen
und wieder wie rasend nach Backbord hinüberzuhalten. Und nun ertönte
die Grabesstimme des Mannes am Lot: --
»Vier Faden!«
Vier Faden in einer bodenlosen Kreuzung! Der Schreck benahm mir den
Atem.
»Drei Faden! ... Drei Faden! ... Zweidreiviertel Faden! ... Zweieinhalb
Faden!«
Das war entsetzlich! Ich ergriff den Glockenzug und stoppte die
Maschinen.
»Zweieinviertel Faden! Zweieinviertel Faden! _Zwei_ Faden!«
Ich war hilflos und wußte nicht, was in aller Welt ich thun sollte. Ich
zitterte vom Scheitel bis zur Zehe und hätte meinen Hut an den Augen
aufhängen können, so weit standen sie heraus.
»Eindreiviertel Faden! Neuneinhalb _Fuß_!«
Wir gingen neun Fuß tief! Meine Hände waren in nervöser Erregung;
ich konnte kein verständliches Glockenzeichen geben. Ich flog zum
Sprachrohr und rief dem Maschinisten zu:
»O, Ben, wenn du mich lieb hast, rückwärts! Rasch, Ben, rückwärts mit
allem Dampf, den du hast!«
Ich hörte, wie sich die Thür des Steuerhauses leise schloß, sah mich
um und -- da stand Herr Bixby und lächelte in sanfter, gewinnender
Weise. Und nun entstand bei dem Auditorium auf dem Sturmdeck ein wahres
Gewitter von demütigendem Gelächter. Ich wußte jetzt, woran ich war,
und kam mir niedriger vor als der niedrigste Mensch in der ganzen
menschlichen Geschichte. Ich ließ das Loten einstellen, brachte das
Boot in seine Marken, ließ die Maschinen wieder vorwärts arbeiten und
sagte dann:
»Das war ein feiner Streich, den Sie da einem armen Waisenknaben
gespielt haben, nicht wahr? Ich werde es wohl in alle Ewigkeit hören
müssen, daß ich ein solcher Esel war, am oberen Ende von 66 das Lot
werfen zu lassen.«
»Nun, das ist wohl möglich, aber das macht gar nichts; denn ich will,
daß du aus dieser Erfahrung etwas lernst. _Wußtest_ du nicht, daß in
jener Kreuzung kein Grund ist?«
»Ja, Sir, ich wußte es.«
»Nun denn; dann hättest du dein Vertrauen auf dieses Wissen weder von
mir noch von einem andern erschüttern lassen sollen. Merke dir das --
und noch eins: wenn du an eine gefährliche Stelle kommst, so werde kein
Feigling. Das macht die Sache um kein Haar breit besser.«
Eine recht gute Lehre das, aber recht hart erlernt; das härteste daran
war aber, daß ich monatelang oft eine Redensart hören mußte, gegen die
ich einen besonderen Widerwillen gefaßt hatte. Sie lautete: »O, Ben,
wenn du mich lieb hast, rückwärts!«
Rang und Würde des Lotsen.
In den vorausgehenden Kapiteln habe ich es versucht, durch Eingehen
auf die Einzelheiten der Wissenschaft des Lotsen den Leser Schritt
für Schritt zu einem Verständnis dessen zu führen, woraus diese
Wissenschaft besteht, und gleichzeitig den Beweis zu liefern, daß sie
eine sehr eigenartige Wissenschaft und seiner Aufmerksamkeit wohl wert
ist. Wenn ich gern bei meinem Thema verweilt habe, so ist das nicht
überraschend, denn ich liebte den Beruf weit mehr als irgend einen, dem
ich seither obgelegen habe, und war maßlos stolz darauf. Der Grund ist
klar: ein Lotse war in jenen Tagen das einzige ungebundene und gänzlich
unabhängige, menschliche Wesen, das auf Erden lebte. Die Könige sind
nur die abhängigen Diener des Parlaments und des Volkes; die Parlamente
sitzen in Ketten, welche ihre Wähler schmiedeten; der Herausgeber einer
Zeitung darf nicht selbständig sein, sondern muß, mit der einen Hand
durch Partei und Gönner gefesselt, arbeiten und kann zufrieden sein,
wenn er seine Meinung halb oder zu zwei Dritteln sagen darf; kein
Geistlicher ist ein freier Mann und darf die ganze Wahrheit sagen,
ohne auf die Meinungen seiner Pfarrgemeinde Rücksicht zu nehmen; die
Schriftsteller jeder Art sind die gefesselten Sklaven des Publikums.
Wir schreiben furchtlos und freimütig, aber wir ›modifizieren‹, ehe wir
das Geschriebene drucken lassen. In Wahrheit haben alle -- Mann, Weib
und Kind -- einen Herrn und mühen und quälen sich in der Knechtschaft;
nur der Lotse auf dem Mississippi hatte zu den Zeiten, von denen ich
schreibe, _keinen_ Herrn. Der Kapitän konnte im Glanz einer sehr kurzen
Autorität auf dem Sturmdeck stehen und ihm ein paar Befehle geben,
während das Dampfboot auf den Strom hinausdampfte, aber dann war seine
Herrschaft vorüber. Sobald das Boot auf dem Flusse in Fahrt war, stand
es unter der alleinigen und unbestrittenen Leitung des Lotsen. Er
konnte damit thun, was er wollte, konnte fahren, wann und wohin es ihm
beliebte, und es am Ufer festlegen, sobald ihm das rätlich erschien.
Seine Bewegungen waren vollkommen frei; er zog niemanden zu Rate,
empfing von niemandem Befehle und wies schon den leisesten Ratschlag
zurück. Ja, das Gesetz der Vereinigten Staaten verbot ihm geradezu,
auf Befehle oder Ratschläge zu hören, von der ganz richtigen Annahme
ausgehend, daß der Lotse notwendigerweise besser wissen müsse, wie
ein Dampfer zu steuern sei, als sonst irgend jemand. Hier gab es also
etwas ganz Neues: einen König ohne Aufseher, einen Monarchen, dessen
Herrschaft im vollsten Sinne des Wortes absolut war und nicht bloß dem
Namen nach. Ich habe gesehen, wie ein achtzehnjähriger Bursche einen
großen Dampfer dem scheinbar ganz sichern Untergang entgegensteuerte,
während der bejahrte Kapitän stumm dabeistand, voller Befürchtungen,
aber machtlos, einzugreifen. Letzteres wäre in diesem besonderen Fall
vielleicht sehr nützlich gewesen, aber hätte man es gestattet, so
wäre ein verderbliches Präcedenz geschaffen worden. In Anbetracht der
unbegrenzten Autorität des Lotsen kann man sich leicht denken, daß er
in den alten Zeiten des Dampfbootfahrens eine wichtige Persönlichkeit
war. Er wurde vom Kapitän mit großer Höflichkeit und von allen
Offizieren und Bediensteten mit größter Ehrerbietung behandelt; und
diese ehrerbietige Haltung teilte sich rasch auch den Passagieren
mit. Ich glaube, die Lotsen waren von den Menschen, die ich je kennen
gelernt habe, so ziemlich die einzigen, welche in Gegenwart reisender
fremder Fürstlichkeiten keinerlei Befangenheit zeigten. Denn natürlich,
Leute in unserem eigenen Rang machen uns selten verlegen.
Infolge langjähriger Gewohnheit kam es dahin, daß die Lotsen alle ihre
Wünsche in die Form von Befehlen kleideten. Noch heute wurmt es mich,
daß ich meinen Willen in der schwachen Form eines Wunsches äußern muß,
statt in der bündigen Form eines Befehls.
Zu jener Zeit brauchte man im Durchschnitt etwa fünfundzwanzig Tage,
um ein Schiff in St. Louis zu befrachten, es nach New Orleans und
zurück zu bringen und die Ladung zu löschen. Sieben oder acht Tage
davon verbrachte das Dampfboot an den Hafendämmen von St. Louis und New
Orleans, wo die ganze Mannschaft tüchtig zu arbeiten hatte, die beiden
Lotsen allein ausgenommen; _sie_ thaten weiter nichts, als in der Stadt
die feinen Herren spielen, und empfingen dafür dieselbe Gage, als wenn
sie im Dienst gewesen wären. Sobald der Dampfer in einer der beiden
Städte den Quai berührte, waren sie am Lande, und gewöhnlich sah man
sie nicht eher wieder, bis das letzte Glockenzeichen ertönte und alles
für die nächste Fahrt bereit war.
Hatte ein Kapitän einen Lotsen von besonders hohem Ansehen gefunden,
so gab er sich Mühe, ihn zu behalten. Als die Löhne auf dem oberen
Mississippi bis auf 400 Dollars im Monat gestiegen waren, kannte
ich einen Kapitän, der einem solchen Lotsen drei Monate lang sein
volles Gehalt als Wartegeld zahlte, während der Strom zugefroren war.
Dabei darf man nicht vergessen, daß vierhundert Dollars monatlich
in jenen billigen Zeiten ein fast unbegreiflich glänzendes Gehalt
waren; nur wenige Leute am Lande wurden so hoch bezahlt, waren
aber dann auch höchst angesehen. Kamen Lotsen von dem einen oder
andern Ende des Stromes in unser kleines Städtchen am Missouri, so
bewarben sich die besten Kreise um ihre Gesellschaft und behandelten
sie mit übertriebenem Respekt. Auf Wartegeld im Hafen liegen, war
eine bei vielen Lotsen sehr beliebte und geschätzte Sache, besonders
zur Blütezeit der Schiffahrt auf dem Missouri, in den sogenannten
Kansaszeiten, als sie neunhundert Dollars für die Reise bekamen, was
etwa achtzehnhundert Dollars für den Monat gleichkam. Hier zur Probe
ein Gespräch aus jener Zeit. Ein Mann vom Illinois-River mit einem
kleinen Hinterraddampfer redet ein paar geputzte und goldgeschmückte
Missourilotsen an:
»Meine Herren, ich habe eine hübsche Fahrt nach dem Oberland, und würde
Sie etwa vier Wochen lang brauchen. Wieviel wird das kosten?«
»Achtzehnhundert Dollars für jeden.«
»Himmel und Erde! Da wollen wir lieber tauschen; nehmen Sie mein Boot
und geben Sie mir Ihren Verdienst.«
Ich will hier beiläufig bemerken, daß die Dampfbootleute auf dem
Mississippi in den Augen der Landbewohner (und bis zu einem gewissen
Grade auch in ihren eigenen) eine Wichtigkeit besaßen, die derjenigen
des Bootes entsprach, auf dem sie dienten. So war es z. B. etwas
höchst Ehrenvolles, zu der Mannschaft eines so stattlichen Fahrzeuges
wie des ›Aleck Scott‹ oder des ›Großtürken‹ zu gehören. Die schwarzen
Heizer, Matrosen und Barbiere von jenen Dampfern waren in ihren
Kreisen hervorragende Persönlichkeiten, und sich dessen wohl bewußt.
Ein strammer Schwarzer erregte einmal durch sein hochmütiges Benehmen
Aergernis auf einem Negerball in New Orleans. Schließlich eilte einer
der Ballordner auf ihn zu und sagte:
»Wer bist du denn? Wer bist du? Das möcht' ich wissen!«