getreten ist, bei Nacht keine besondere Schwierigkeit, denn die tausend
Meilen lange dichte Waldmauer, welche den Weg der ganzen Länge nach
einfaßt, wird nur hier und da von einer Farm oder einem Holzplatz
unterbrochen, es ist deshalb ebensowenig möglich, aus dem Fahrwasser
zu kommen, als aus einer eingezäunten Gasse. Von Baton Rouge bis New
Orleans aber liegt die Sache ganz anders: der Strom ist mehr als
eine englische Meile breit und sehr tief -- an manchen Stellen bis
zu zweihundert Fuß. Beide Ufer sind auf einer Strecke von weit mehr
als hundert englischen Meilen ganz von Gehölz entblößt und von einer
ununterbrochenen Reihe von Zuckerfeldern eingefaßt, zwischen denen
nur hier und da ein einzelner oder eine Reihe, gleichsam zur Zierde
dienender, Chinabäume steht. Das Gehölz ist zwei bis vier Meilen weit
bis hinter die Pflanzungen gänzlich ausgerodet. Wenn der erste Frost
droht, bringen die Pflanzer eiligst ihre Ernte herein; wenn sie mit
dem Mahlen des Zuckerrohrs fertig sind, bilden sie aus dem Abfall, der
sogenannten Bagasse, große Haufen, welche dann verbrannt werden. In
andern Zuckerländern wird dieser Abfall als Brennmaterial für die Oefen
der Zuckermühlen verwendet. Diese feuchten Bagassehaufen verbrennen
sehr langsam und rauchen wie die Küche des Teufels.
Ein zehn bis fünfzehn Fuß hoher Damm schützt beide Ufer des Mississippi
auf der ganzen Strecke des unteren Stromlaufes und dieser Damm zieht
sich in einer Entfernung von zehn bis zu hundert Fuß rückwärts vom
Uferrande entlang -- meist sind es dreißig bis vierzig Fuß. Nun lasse
man diese ganze Strecke von einer undurchdringlichen Masse Rauchs, der
aus einer hundert Meilen langen Reihe von brennenden Bagassehaufen
emporsteigt, erfüllt sein, während der Fluß die Ufer überschwemmt hat,
und versetze sich auf einen Dampfer, der um Mitternacht passieren
muß! Und dann denke man sich hinein, wie einem dabei zu Mute ist! Man
befindet sich draußen inmitten einer trüben uferlosen See, die in der
düstern Ferne verschwimmt und sich verliert; denn die Umrisse des
schmalen Dammes sind nicht zu erkennen. Den Pflanzungen selbst hat der
Rauch ein ganz verändertes Aussehen gegeben; sie sehen wie ein Teil der
See aus. Während der ganzen Wache wird man von der Qual der größten
Ungewißheit gefoltert; man hofft noch im Strom zu sein, weiß es aber
nicht. Man weiß nur soviel gewiß, daß man dem Ufer und dem Untergang
auf sechs Fuß nahe sein kann, während man eine gute halbe englische
Meile vom Ufer entfernt zu sein glaubt. Und falls das Boot plötzlich
auf den Damm stößt und die Schornsteine über Bord fallen, bleibt
einem jedenfalls der geringe Trost, daß man eigentlich nichts anderes
erwartet hat. Eines der großen Vicksburger Paketboote schoß eines
Nachts in eine Zuckerpflanzung hinein und mußte eine volle Woche dort
bleiben. Aber dies war nichts Neues; es war schon öfters geschehen.
Ich glaubte dieses Kapitel schon beendigt zu haben, möchte aber jetzt
noch einen seltsamen Vorgang erwähnen, so lange er mir im Sinne ist.
Es gab einmal einen ausgezeichneten Lotsen auf dem Flusse, einen Herrn
X., der ein Nachtwandler war. Wenn er sich wegen einer schwierigen
Stromstrecke Sorgen machte, stand er, wie man erzählt, des Nachts auf,
wandelte im Schlaf umher und that allerlei seltsame Dinge. Einmal war
er während einiger Fahrten mit einem gewissen George Ealer zusammen
Lotse auf einem großen Passagierdampfer aus New Orleans. Letzterem
war es daher auf der ersten Reise neben einem solchen Kameraden
anfangs ziemlich unbehaglich, er beruhigte sich indessen bald, als er
wahrnahm, daß X. ruhig im Bett schlief. Eines Abends kam das Boot spät
nach Helena in Arkansas; der Wasserstand war niedrig und die Ueberfahrt
oberhalb der Stadt von einem Ufer zum andern eine sehr schwierige und
verwickelte Aufgabe. X. hatte die Stelle später passiert als Ealer, und
da die Nacht besonders regnerisch, düster und nebelig war, überlegte
Ealer, ob es nicht besser wäre, X. zur Mithilfe beim Passieren der
Strecke zu rufen, als sich die Thüre öffnete und X. hereintrat. Nun
ist in sehr finstern Nächten das Licht ein Todfeind des Lotsen; es
ist bekannt, daß man aus einem erleuchteten Zimmer die Gegenstände
auf der dunkeln Straße nicht genau erkennen kann, während man sie
ziemlich deutlich sieht, wenn man das Licht auslöscht und sich in der
Dunkelheit befindet. Deshalb rauchen die Lotsen bei sehr dunkler Nacht
nicht, dulden im Steuerhaus kein Feuer im Ofen, wenn dieser einen
Sprung hat, durch den auch nur der schwächste Strahl entweichen kann,
und lassen die Feuerstellen mit großen Segeltüchern verhängen und das
Oberlicht dicht verschließen. Dann strahlt kein Licht vom Boote aus.
Die unbestimmte Gestalt, die jetzt ins Steuerhaus trat, hatte Herrn X.s
Stimme und sagte:
»Laß mich das Boot führen, George; ich habe die Strecke erst kürzlich
gesehen, und sie ist so gekrümmt, daß ich dort leichter selbst lotsen
als dir sagen kann, wie man's machen muß.«
»Sehr freundlich von dir; ich nehme mit Dank an. Hab' keinen Tropfen
Schweiß mehr im Leibe. Ich bin wie ein Eichhörnchen mit dem Rade
herumgetanzt, so oft hab' ich hin- und herdrehen müssen. Es ist so
finster, daß ich nicht sagen kann, nach welcher Richtung das Boot sich
wendet.«
Damit setzte sich Ealer keuchend und atemlos auf die Bank. Das schwarze
Gespenst ergriff, ohne ein Wort zu sagen, das Rad, gab dem walzenden
Dampfer mit einigen Drehungen eine feste Richtung und stand dann
gemächlich da und steuerte so ruhig und stetig, als ob es Mittag
gewesen wäre. Als Ealer dieses wunderbare Steuern beobachtete, wünschte
er, er hätte nicht gebeichtet! Er war ganz starr vor Verwunderung und
sagte schließlich:
»Ich hatte mir eingebildet, ich könne ein Dampfboot steuern, sehe aber
ein, daß ich mich wieder einmal geirrt habe.«
X. sagte nichts, sondern steuerte ganz gemächlich und ruhig weiter.
Er gab mit der Glocke Befehle für den Mann am Lot, ließ den Dampf
teilweise abblasen und steuerte das Boot sorgfältig und glatt nach
unsichtbaren Merkzeichen, stand dann ruhig vor der Mitte des Rades
und blickte in die schwarze Nacht hinaus, vorwärts und rückwärts,
um seine Position festzustellen; als die Lotungen immer seichteres
Wasser anzeigten, ließ er die Maschinen gänzlich stoppen; darauf
folgte Totenstille und das Hangen und Bangen des ›Treibens‹; als das
seichteste Wasser erreicht war, ließ er volle Dampfkraft geben, führte
das Boot prächtig hinüber und begann dasselbe vorsichtig in das nächste
System der Flachwasser-Marken zu steuern. Dort arbeitete er mit Lot
und Maschinen in derselben geduldigen, sorgfältigen Weise; das Boot
glitt hindurch, ohne den Grund zu berühren und dampfte in die dritte
und letzte Schwierigkeit der Kreuzungsstrecke. Unmerklich bewegte es
sich durch die Finsternis, fuhr langsam zwischen den Marken, trieb
allmählich weiter, bis das seichteste Wasser ausgerufen wurde, und
schwang sich dann mit vollem Dampf über das Riff, in tiefes Wasser und
in Sicherheit!
Ealer ließ den langverhaltenen Atem in einem tiefen, erleichternden
Seufzer ausströmen und sagte:
»Das ist das netteste Stück Lotsenarbeit, das je auf dem Mississippi
geschah! Würde nicht glauben, daß es möglich wäre, wenn ich's nicht
selbst gesehen hätte.«
Da keine Antwort erfolgte, fügte er hinzu:
»Halte das Ruder nur noch fünf Minuten, Kamerad, damit ich
hinunterlaufen und eine Tasse Kaffee trinken kann.«
Eine Minute später aß Ealer unten in der Kajüte ein Stück Kuchen und
labte sich an einer Tasse Kaffee. Da kam zufällig der Nachtwächter
herein; als er wieder hinaus wollte, bemerkte er Ealer und rief: »Wer
ist am Ruder, Sir?«
»X.«
»Rennen Sie nach dem Steuerhaus, rascher wie der Blitz.«
Im nächsten Augenblick flogen beide Männer die Treppe zum Steuerhaus
hinauf, immer drei Stufen auf einmal. Niemand dort! Der große Dampfer
tanzte ganz nach seinem Belieben die Mitte des Stromes hinab! Der
Wächter stürzte wieder hinaus; Ealer ergriff das Rad, ließ eine
Maschine mit Macht rückwärtsarbeiten und hielt den Atem an, während
das Boot sich mit Widerstreben von der Insel zurückzog, die es eben im
Begriff gewesen war, mitten in den Golf von Mexiko hinein zu schleudern.
Bald darauf kam der Wächter zurück und fragte:
»Hat Ihnen denn der Mondsüchtige nicht gesagt, daß er schlief, als er
zuerst heraufkam?«
»Nein!«
»Nun, ich kann's bezeugen. Ich kam gerade dazu, wie er oben auf den
Geländern herumspazierte, gerade so sorglos, wie ein anderer auf dem
Straßenpflaster gehen würde, und brachte ihn zu Bett; und nun zur
Minute war er auf dem Hinterdeck, wo er dieselbe Seiltänzerteufelei
anstellte.«
»Nun, wenn er wieder einen von diesen Anfällen hat, will ich
dabeibleiben; aber ich hoffe, daß er noch oft solche hat. Du
hättest nur sehen sollen, wie er das Boot durch die Helena-Kreuzung
hindurchsteuerte. Habe in meinem Leben nichts Prächtigeres gesehen.
Herrgott, wenn er so ›goldblatt-, glacéhandschuh-, diamantnadelartig‹
lotsen kann, während er fest schläft, was müßte der erst leisten, _wenn
er tot wäre_!«
Das Loten.
Wenn der Wasserstand des Flusses sehr niedrig ist und das Dampfboot
gerade so tief geht, ja noch ein paar Zoll mehr, als Wasser da ist, wie
es damals häufig vorkam, dann muß man beim Lotsen ziemlich vorsichtig
sein. Bei sehr niedrigem Stande des Flusses mußten wir fast auf jeder
Reise auf einer Anzahl besonders schlimmer Stellen loten.
Das Loten geschieht in folgender Weise. Das Boot wird zunächst dicht
am Ufer festgemacht, gerade oberhalb der seichten Kreuzung; dann
nimmt der wachfreie Lotse seinen Lehrling oder Steuerer und eine
auserlesene Schar Matrosen (manchmal auch einen Offizier) und fährt
-- vorausgesetzt, daß das Boot nicht jenen seltenen und kostbaren
Luxusartikel, ein eigens gebautes Lotungsboot besitzt -- mit der Jolle
hinaus, um nach dem besten Wasser zu suchen, während der wachhabende
Lotse auf dem Dampfboot inzwischen seine Bewegungen durch ein Fernglas
beobachtet und dieselben zuweilen durch Signale mit der Dampfpfeife
›Versuchts weiter oben‹ oder ›Versuchts weiter unten‹ unterstützt;
denn die Oberfläche des Wassers ist, wie ein Oelgemälde, aus einiger
Entfernung betrachtet, ausdrucksvoller und verständlicher, als aus der
Nähe gesehen. Die Pfeifensignale sind indessen nur selten notwendig --
und vielleicht nur dann, wenn der Wind die bedeutungsvollen kleinen
krausen Wellenbewegungen auf dem Wasser stört. Wenn die Jolle die
seichte Stelle erreicht hat, wird die Fahrgeschwindigkeit vermindert,
der Lotse beginnt mit einer zehn bis zwölf Fuß langen Stange die Tiefe
zu messen, und der Mann an der Ruderpinne gehorcht aufs schnellste
jedem Befehl des Lotsen, das Boot nach Steuerbord oder Backbord zu
lenken oder den geraden Kurs zu verfolgen.
[Illustration]
Wenn die Messungen anzeigen, daß sich das Boot dem flachsten Teil des
Riffs nähert, folgt das Kommando: »Stopp Rudern!« Die Leute hören auf
zu rudern und die Jolle treibt mit der Strömung. Der nächste Befehl
ist: ›Klar bei der Boje!‹ In dem Augenblick, wenn der seichteste Punkt
erreicht ist, ruft der Lotse: ›Los die Boje!‹ die dann über Bord geht.
Ist der Lotse nicht ganz befriedigt, so peilt er die Stelle nochmals;
und wenn er weiter nach oben oder unten mehr Wasser findet, so läßt
er die Boje dorthin bringen. Ist er endlich befriedigt, so giebt er
den Befehl, daß alle Leute ihre Remen in einer Linie in die Höhe
halten; ein Pfiff vom Dampfboot zeigt an, daß man das Signal gesehen
hat; die Leute ziehen die Remen an und legen die Jolle längsseits von
der Boje. Der Dampfer kommt nunmehr langsam und behutsam herab, den
Bug gerade auf die Boje gerichtet, spart seine Kraft aber auf für den
bevorstehenden Kampf; im kritischen Augenblick geht er mit vollem Dampf
knirschend und schwankend über Boje und Sand, um das tiefe Wasser auf
der andern Seite zu gewinnen -- oder auch nicht; vielleicht ›stößt er
auf und schwingt herum‹ und muß dann stunden- oder tagelang arbeiten,
bis er wieder flott wird.
Zuweilen wird gar keine Boje gelegt, sondern die Jolle fährt voran,
um das beste Wasser aufzusuchen, und der Dampfer folgt in ihrem
Kielwasser. Oft ist das Loten sehr lustig und aufregend, besonders an
schönen Sommertagen oder in stürmischen Nächten. Im Winter wird der
Spaß aber durch Kälte und Gefahr größtenteils verdorben.
Eine Boje ist nichts als ein vier oder fünf Fuß langes Brett, dessen
eines Ende rechtwinkelig umgebogen ist; sie ist wie eine umgekehrte
Schulbank, die nur einen Fuß besitzt, während der andere abgenommen
ist. Sie wird an der flachsten Stelle des Riffes mit einem Tau, an
dem ein schwerer Stein hängt, verankert; ohne den Widerstand des
umgebogenen Teiles des Brettes würde die Strömung die Boje unter Wasser
ziehen. Des Nachts wird oben auf der Boje eine Papierlaterne mit
einer Kerze darin befestigt, die als kleiner, schimmernder Fleck eine
englische Meile weit und mehr in der schwarzen Wüstenei zu sehen ist.
Nichts freut einen Lotsenlehrling mehr als eine Gelegenheit zum Loten.
Die Sache hat einen so abenteuerlichen Zug; oft ist Gefahr dabei;
und dann ist es so lustig und kriegsschiffmäßig, hinten im Boot zu
sitzen und eine schnelle Jolle zu steuern; es ist etwas Köstliches,
das fröhliche Hüpfen eines Boots, wenn auserlesene alte Matrosen mit
aller Macht sich in die Riemen legen. Lieblich ist's, zu sehen, wie der
weiße Schaum vom Bug wegströmt; es liegt Musik im Rauschen des Wassers,
und im Sommer ist es köstlich erheiternd über die kühlen Stromflächen
dahinzuschießen, wenn eine Menge kleiner Wellen in der Sonne tanzt. Und
dann ist es so erhaben für den Lehrling, vielleicht die Gelegenheit
zu haben, einen Befehl geben zu dürfen; denn oft sagt der Lotse
einfach: »wenden!« und überläßt das andere seinem Lehrling, der mit
kräftigster Kommandostimme augenblicklich ruft: »Langsam an Steuerbord!
Pull Backbord! Pull weg, Steuerbord! Tüchtig, Leute!« Den angehenden
Lotsen freut das Loten aus dem ferneren Grunde, weil die Blicke der
Passagiere alle Bewegungen der Jolle mit gespanntestem Interesse
verfolgen, -- das heißt bei Tage; und wenn es Nacht ist, weiß er, daß
dieselben staunenden Augen auf die Laterne des Bootes gerichtet sind,
wie sie hinausgleitet in die Finsternis und in weiter Ferne allmählich
verschwindet.
Auf einer Fahrt verbrachte ein hübsches Mädchen von sechzehn Jahren,
welches mit Onkel und Tante reiste, seine ganze Zeit im Steuerhaus.
Ich verliebte mich in sie, Tom G. -- --, Herrn Thornburys Lehrling,
gleichfalls. Tom und ich waren bis dahin Busenfreunde gewesen; jetzt
aber begann eine gewisse Kälte zwischen uns einzutreten. Ich erzählte
dem Mädchen viele meiner Abenteuer auf dem Strom und spielte mich
so heldenmäßig wie möglich auf; ebenso wollte Tom sich für einen
Helden ausgeben, und es gelang ihm auch bis zu einem gewissen Grade;
er schmückte eben alles aus. Aber die Tugend findet ihren Lohn in
sich selbst, und so war ich denn in dem Wettlauf um ihre Gunst ein
wenig voraus. Um diese Zeit geschah etwas, von dem ich mir sehr viel
versprach: die Lotsen beschlossen, die Wassertiefe der Kreuzung am
oberen Ende von 21 zu peilen. Das würde etwa um neun oder zehn Uhr
abends geschehen, -- zu einer Zeit, in der die Passagiere noch wach
waren. Herr Thornbury würde die Wache, mein Lehrmeister also das Loten
zu besorgen haben. Wir hatten ein allerliebstes Boot zum Loten -- lang,
schmuck, anmutig und so schnell wie ein Windspiel; die Ruderbänke waren
gepolstert; es führte zwölf Ruderer; und einer der Steuerleute wurde
stets mitgeschickt, um der Rudermannschaft die Befehle zu übermitteln,
da es auf unserem Dampfer unendlich stilvoll zuging.
Wir befestigten den Dampfer oberhalb 21 am Ufer und machten alles
bereit. Es war eine schlimme Nacht und der Fluß so breit, daß die
ungeübten Augen einer Landratte durch eine solche Finsternis das
entgegengesetzte Ufer nicht erkennen konnten. Die Passagiere waren
munter und voll Interesse; alles ging befriedigend. Als ich, malerisch
in Oelzeug gehüllt, durch den Maschinenraum eilte, begegnete mir Tom,
und ich konnte nicht unterlassen, ihn anzureden; ich fragte ihn:
»Bist du nicht froh, daß _du_ nicht zum Loten hinaus mußt?«
Tom wollte vorübergehen, wandte sich aber rasch um und sagte:
»Höre, nun kannst du dir selbst die Peilstange holen. Ich war auf dem
Wege darnach, möchte dich jetzt aber lieber in -- Halifax sehen, als
sie holen.«
»Wer verlangt, daß du sie holst? Ich nicht. Sie ist im Boot.«
»Nein, sie ist nicht dort. Sie ist frisch angestrichen worden und liegt
seit zwei Tagen auf der Damenkajüte zum Trocknen.«
Ich flog zurück und gelangte gleich darauf unter die Schar
beobachtender und staunender Damen -- gerade früh genug, um das
Kommando zu hören:
»Stoßt ab, Leute!«
Ich schaute hinüber und sah das schmucke Boot dahinfliegen, der
gewissenlose Tom saß am Steuer, neben ihm mein Lehrmeister mit der
Peilstange, mit der ich in den April geschickt worden war. Da sagte das
junge Mädchen zu mir:
»O, wie entsetzlich, in einer solchen Nacht in dem kleinen Boot
hinausfahren zu müssen! Glauben Sie, daß Gefahr dabei ist?«
Ich wünschte mir geradezu den Tod; voller Gift entfernte ich mich, um
im Steuerhaus zu helfen. Bald darauf verschwand die Bootslaterne, und
nach einer kurzen Zwischenzeit blitzte in der Entfernung von etwa einer
Meile ein ganz schwacher Funke auf dem Wasser auf. Herr Thornbury gab
zum Zeichen, daß er das Licht gesehen, ein Signal mit der Dampfpfeife,
brachte den Dampfer in den Strom und steuerte auf das Licht zu. Wir
flogen eine Weile dahin, verlangsamten dann die Fahrt und glitten
vorsichtig auf den Lichtfunken zu. Gleich darauf rief Herr Thornbury:
»Hallo, die Bojenlaterne ist verlöscht.«
Er ließ die Maschinen stoppen; einen Augenblick später sagte er:
»Ei, da ist sie wieder!«
Wieder setzte er die Maschinen in Gang und ließ das Lot auswerfen. Nach
und nach wurde das Wasser seichter, dann wurde es wieder tiefer! Herr
Thornbury murmelte:
»Nun, das begreife ich nicht. Ich glaube, die Boje ist von dem Riff
weggetrieben; scheint mir ein wenig zu weit links zu sein. Gleichviel,
es ist jedenfalls am sichersten, drüber wegzufahren.«
So steuerten wir denn in der undurchdringlichen Finsternis langsam auf
das Licht zu. Gerade als unser Bug darüber hinpflügen wollte, griff
Herr Thornbury nach den Glockenzügen, schellte mit aller Macht und rief
aus:
»Bei meiner Seele, es ist das Boot!«
Ein Chor von wilden Alarmrufen stieg plötzlich von unten herauf --
eine Pause -- und dann folgte ein knirschender, krachender Ton. Herr
Thornbury schrie:
»Da! Das Schaufelrad hat das Boot zu Zündhölzchen zerschmettert!
Geschwind, sieh nach wer getötet ist!«
Im Nu war ich auf dem Hauptdeck. Mein Lehrmeister, der dritte
Steuermann und fast alle Ruderer waren wohlbehalten. Sie hatten die
Gefahr, in der sie schwebten, erst entdeckt, als es zu spät zum
Ausweichen war; im Moment, als der große Radkasten sie beschattete,
waren sie bereits gefaßt und wußten, was sie zu thun hatten; auf Befehl
meines Lehrmeisters sprangen sie im rechten Augenblick auf, ergriffen
den Radkasten und wurden an Bord gezogen. Im nächsten Augenblick wurde
die Jolle nach dem Schaufelrad geschleudert, von diesem erfaßt und zu
Atomen zersplittert. Zwei der Leute und Tom fehlten -- eine Thatsache,
die sich wie ein Lauffeuer auf dem Dampfer verbreitete. Die Passagiere
kamen in Scharen nach den vorderen Gängen, alle Damen und Herren mit
besorgten Blicken, blassen Wangen, und sprachen mit gepreßter Stimme
von dem schrecklichen Vorfall. Und oft und immer wieder hörte ich sie
sagen: »Arme Burschen! Armer Junge, armer Junge!«
Mittlerweile war eine Jolle bemannt worden und abgefahren, um nach
den Vermißten zu suchen. Jetzt ließ sich ein schwacher Ruf hören,
weit entfernt nach links, während die Jolle in der entgegengesetzten
Richtung verschwunden war. Die Hälfte der Leute stürzte nach der einen
Seite, um den Schwimmer mit ihren Zurufen zu ermutigen; die andere
Hälfte eilte nach rechts, um der Jolle zuzuschreien, daß sie umkehren
solle. Dem Schall nach näherte sich der Schwimmer, aber einige sagten,
das Rufen zeige ein Nachlassen der Kräfte. Die Menge drängte sich an
der Reling des Kesseldecks zusammen, lehnte sich hinüber und starrte
in die Finsternis hinaus, und jeder schwache und schwächere Schrei
entrang ihnen Worte wie: »Ach der arme, arme Kerl! ist denn keine
Möglichkeit vorhanden, ihn zu retten?«
Aber noch immer dauerten die Rufe fort und kamen näher, und endlich
erschollen die Worte:
»Ich kann's aushalten! Klar bei der Leine!«
[Illustration]
Mit welch donnerndem Hurra sie ihn empfingen! Der erste Steuermann,
mit einer langen Leine in der Hand, stellte sich in den Schein
einer Laterne, und seine Leute gruppierten sich um ihn. Im nächsten
Augenblick erschien das Gesicht des Schwimmers im Lichtkreise, und
in einem weiteren Augenblick war der letztere ermattet und durchnäßt
an Bord geholt, während zahllose Hurrarufe ihn begrüßten. Es war der
verteufelte Tom.
Die Bootsmannschaft suchte überall, fand aber keine Spur von den beiden
Ruderern. Es war ihnen wahrscheinlich nicht gelungen, den Radkasten
zu erfassen, und sie waren zurückgefallen, vom Rade getroffen und
getötet worden. Tom war überhaupt nicht nach dem Radkasten gesprungen,
sondern hatte sich kopfüber in den Strom gestürzt und war unter das
Rad getaucht. Es war nicht viel dabei; ich hätte es leicht nachmachen
können und sagte es auch; aber trotzdem fuhr jedermann fort, soviel
Aufhebens von dem Esel zu machen, als ob er Wunder was gethan hätte.
Jenes Mädchen schien während der übrigen Dauer der Fahrt gar nicht
genug bekommen zu können von jenem kläglichen ›Helden‹; mir war's aber
einerlei; ich verabscheute sie so oder so.
Daß wir die Laterne des Peilbootes irrtümlich für das Bojenlicht
hielten, hatte folgenden Grund. Mein Lehrmeister sagte, er sei, nachdem
die Boje gelegt war, weitergetrieben und habe sie beobachtet, bis sie
festzuliegen schien; dann habe er etwa hundert Meter unter ihr Stellung
genommen, etwas seitwärts vom Kurs des Dampfers, den Bug des Boots
stromaufwärts gerichtet und gewartet. Da einige Zeit verfloß, begannen
er und der Steuermann zu plaudern. Als er glaubte, daß der Dampfer
ungefähr auf dem Riff sein mußte, blickte er auf und sah, daß die Boje
fort war, meinte aber, der Dampfer sei bereits darüber hinweggefahren.
Er plauderte daher fort und bemerkte dann, daß der Dampfer sehr dicht
an ihn herankam; indessen war das ganz korrekt: er mußte dicht an ihm
vorbeifahren, um die Mannschaft bequem an Bord nehmen zu können. Er
erwartete bis zum letzten Augenblick, daß der Dampfer abscheren würde;
da derselbe die Richtung jedoch nicht änderte, ging ihm plötzlich durch
den Sinn, ob nicht der Dampfer seine Laterne für das Bojenlicht hielte
und das Boot niederrennen würde. Er rief also: »Klar zum Ueberspringen
auf den Radkasten, Leute!« und im nächsten Augenblick wurde der Sprung
ausgeführt.
Was ein Lotse braucht.