Und wieder sollte Bixby recht haben! Mit der Zeit wurde mir auch die

Oberfläche des Wassers zu einem Buch, -- zu einem Buch, das für den

gewöhnlichen Flußfahrer sieben Siegel trug, das aber zu mir ohne

jede Rückhaltung sprach und seine geheimsten Geheimnisse mit einer

Bereitwilligkeit preisgab, als spräche es mit einer Stimme zu mir,

wie meine eigene. Und zwar war es keines jener Bücher, das man einmal

liest und dann beiseite wirft, denn es wußte an jedem neuen Tage eine

neue Geschichte zu erzählen. Auf diesen ganzen zwölfhundert Meilen

zwischen St. Louis und New Orleans gab es keine Seite, die nicht ein

eigenes Interesse bot; keine, welche man ohne Verlust ungelesen lassen

konnte; keine, die man Lust hatte zu überschlagen, im Wahne, an etwas

anderem mehr Vergnügen zu finden. Es war ein Buch, so wundervoll,

wie es nie von Menschenhänden geschrieben, von Menschenköpfen hätte

erdacht werden können. Der gewöhnliche Reisende, welcher es nicht zu

lesen verstand, erblickte vielleicht hin und wieder (wenn er überhaupt

etwas derartiges erblickte!) ein leichtes, flüchtiges Zeichen auf

seiner Oberfläche. Dem Steuermann war dieses Zeichen eine leuchtende

Schrift und mehr als das, eine ganze Geschichte, gedruckt mit mächtigen

Initialen, gesperrten Sätzen, und weithin sichtbaren Ausrufungszeichen,

denn es sprach ihm von einer Sandbank, einem Riff oder einem in der

Tiefe liegenden Wrack, die dort unten nach Schiff- und Menschenleben

lechzten. Der gewöhnliche Reisende, der dieses Buch nicht zu lesen

verstand, sah nichts als allerlei hübsche und freundliche Bilder, von

der Sonne vergoldet, von den Wolken überschattet. Für den kundigen Mann

am Rade war all dieses Bilderwerk der feierlichste, unerschöpflichste,

tödlich ernsteste Lesestoff!

Als ich in dieser Weise endlich auch die Sprache des Wassers bemeistert

hatte und mir endlich alles was zu dem großen Strom in irgend einer

Beziehung stand, geläufig geworden war, wie mein ABC, da fühlte ich,

daß ich einen wertvollen Schatz erworben hatte. Aber ich fühlte

zugleich auch, daß ich etwas eingebüßt hatte, und zwar etwas, das mir,

so lange ich lebe, nicht wieder zurückerstattet werden kann. Alle

Anmut, alle Schönheit, aller poetischer Reiz waren für mich aus dem

majestätischen Flusse geschwunden!

Noch heute bewahre ich aus jener Zeit, als ich ein Neuling auf dem

Flusse war, das Andenken an einen ganz bestimmten wundervollen

Sonnenuntergang. Eine breite Fläche des Wasserspiegels erschien zu Blut

verwandelt. In der Mitte verklärte sich der rote Schimmer zu flammendem

Gold, durch welches ein einsamer Baumstamm scharf abgezeichnet und

schwarz dahintrieb. An einer Stelle zog sich ein leicht schäumender

Streifen über die Flut; an einer andern war die glatte Fläche durch

zitternde, sich ewig erneuende Kreise unterbrochen, die in allen Farben

des Opals spielten. Das Ufer zur Rechten war dicht bewaldet, und die

dunkeln Schatten, welche von dort aus ins Wasser fielen, wurden an

einer Stelle von einem langen, gekräuselten Streifen unterbrochen, der

wie Silber glitzerte. Aus dem Gehölz aber erhob sich ein mächtiger,

abgestorbener Baumriese, dessen einziger noch belaubter Ast im

ungebrochenen Sonnenlicht wie eine Flamme sprühte. Wo das Auge hinfiel,

erblickte es anmutige Wellenlinien, bunte Spiegelbilder, bewaldete

Höhen, weiche Uferumrisse. Und über dem allen gaukelten und zitterten

wechselnde Lichter, welche den Gegenständen, die sie verklärten, mit

jedem Moment neue Farbenwunder liehen.

[Illustration]

Ich stand wie bezaubert. Ich sog es ein, in stummem Entzücken. Die

Welt war wie neu für mich; ich hatte dergleichen daheim nie gesehen.

Aber, wie ich schon sagte, -- es kam ein Tag, an dem ich aufhörte,

ein waches Auge für all diese Pracht und all diese Reize zu haben,

welche Sonne, Mond und Zwielicht über das Antlitz des Riesenstromes

auszugießen wußten. Und dann kam noch ein Tag, an dem ich aufhörte,

überhaupt ein Auge für sie zu haben. Jener Sonnenuntergang, der mich

einst in so maßloses Entzücken versetzt hatte, würde mich jetzt

nicht nur nicht mehr entzückt haben, sondern ich hätte ihn bloß noch

betrachtet, um folgenden Kommentar daran zu knüpfen: »Diese blutige

Sonne deutet an, daß wir morgen Wind haben werden; jener schwimmende

Baumstamm, daß der Fluß steigt, jener zitternde Querstreif weist auf

ein Sandriff, das nicht verfehlen wird, in einer der nächsten Nächte

ein Schiff umzubringen; jene tanzenden Kreise im Wasser sagen an, daß

sich dort ein neuer Fahrkanal bildet; und jener alte Baumriese mit dem

einen belaubten Zweige winkt uns etwas wie ein letztes Lebewohl zu, --

und wer soll sich, wenn er niedergestürzt sein wird, ohne den alten

wohlbekannten Wegweiser hier noch zurecht finden?«

Nein, -- mit der Romantik und der Schönheit des Flusses war es für

mich auf ewig vorbei! Die mannigfachen Erscheinungen desselben hatten

nur noch insoweit einen Wert für mich, als sie für die Leitung eines

Dampfbootes in Betracht kamen. Das war alles.

Wie oft habe ich seitdem aus tiefstem Herzen den Mann der ärztlichen

Wissenschaft beklagt! Wie häufig ist ihm nicht das holde Erröten auf

den Wangen der Schönheit nichts andres als ein flüchtiges Phänomen,

das über ein verstecktes tödliches Uebel hinzuckt! Sind ihm nicht die

meisten ihrer sichtbaren Reize ebenso viele Verräter und Anzeichen

verborgenen Verfalls! Ja, vermag er die Schönheit überhaupt noch zu

sehen, und, wenn er sie sieht, anders als mit dem Blick des Fachmanns?

Und fragt nicht auch er sich wieder und immer wieder: ob er durch den

Erwerb all seiner Erkenntnis mehr gewonnen oder verloren hat?!

Ich vervollständige meine Ausbildung.

Wer so höflich war, die vorhergehenden Kapitel zu lesen, wird sich

vielleicht wundern, daß ich das Lotsen als Wissenschaft so eingehend

behandelt habe. Es war der Hauptzweck jener Kapitel und ich bin noch

nicht ganz fertig damit; denn ich möchte aufs eingehendste beweisen,

welch wunderbare Wissenschaft das Lotsen ist.

Die Schiffahrtskanäle werden mit Bojen und Leuchtfeuern versehen, und

es ist deshalb ein vergleichsweise leichtes Unternehmen, sie kennen zu

lernen und zu befahren; Flüsse mit klarem Wasser und Kiesgrund ändern

ihr Fahrwasser sehr allmählich, und man braucht sie daher nur einmal

zu ›lernen‹; das Lotsen wird aber eine ganz andere Sache, wenn es sich

um ungeheure Ströme, wie den Mississippi und den Missouri, handelt, wo

die angeschwemmten Ufer sich fortwährend aushöhlen und verändern, die

treibenden Baumstämme fortwährend neue Plätze aufsuchen, die Sandbänke

nie zur Ruhe kommen, das Fahrwasser ewig Winkelzüge und Abweichungen

macht, und die Hindernisse bei jeder Dunkelheit und jedem Wetter

bekämpft werden müssen -- ohne die Hilfe eines einzigen Leuchtturms

oder einer einzigen Boje; denn auf dem drei- bis viertausend Meilen

langen verwünschten Strome ist nirgends ein Leuchtfeuer oder eine

Boje zu finden.[4] Ich fühlte mich berechtigt, mich über diese große

Wissenschaft weitläufig zu verbreiten, weil ich überzeugt bin, daß

niemals jemand, der selbst ein Dampfboot gelotst hat und also den

Gegenstand praktisch kannte, einen Satz darüber geschrieben hat. Wäre

das Thema abgedroschen, dann müßte ich mir Enthaltsamkeit auferlegen;

da es aber ganz neu ist, glaube ich der Sache einen beträchtlichen Raum

widmen zu dürfen.

[4] Seitdem ist das anders geworden.

* * * * *

Als ich Namen und Lage jedes sichtbaren Merkmals des Stromes gelernt

hatte -- als ich seinen Lauf so bemeistert hatte, daß ich ihn mit

geschlossenen Augen von St. Louis bis New Orleans verfolgen konnte

-- als ich gelernt hatte, die Oberfläche des Wassers zu lesen, wie

man die Neuigkeiten aus der Morgenzeitung herausfischt -- als ich

schließlich mein stumpfes Gedächtnis soweit geschult hatte, daß es eine

endlose Reihe von Lotungen und Kreuzungsmarken aufgespeichert hatte

und festhielt, da glaubte ich, daß meine Ausbildung vollständig wäre:

ich rückte also die Mütze auf die Seite und behielt am Steuerrad einen

Zahnstocher im Munde. Bixby beobachtete mein dünkelhaftes Wesen. Eines

Tages sagte er:

»Wie hoch ist jenes Ufer da drüben?«

»Wie soll ich das wissen? Es ist fast eine halbe Stunde entfernt.«

»Sehr schlechtes Auge, wahrhaftig! Nimm das Fernglas.«

Ich nahm es und bemerkte gleich darauf:

»Ich kann's nicht sagen. Meiner Ansicht nach ist jenes Ufer etwa

anderthalb Fuß hoch!«

»Anderthalb Fuß? Ja -- _sechs_ Fuß! Wie hoch war es bei der letzten

Fahrt?«

»Das weiß ich nicht; ich habe nicht darauf geachtet.«

»Nicht? Du mußt von nun an immer darauf acht geben.«

»Weshalb?«

»Weil du eine Menge Dinge wissen mußt, die es dir offenbart. Es giebt

dir zum Beispiel den Stand des Flusses an -- sagt dir, ob mehr oder

weniger Wasser hier ist, als bei der letzten Reise.«

»Nun, das sagt mir das Lot.« Ich glaubte, ihn damit entwaffnet zu haben.

»Ja, aber wenn das Lot lügt? Das sagt dir das Ufer und dann gehst du

hin und rüttelst den Mann am Lot aus seinem Dusel auf. Bei der letzten

Fahrt war das Ufer zehn, jetzt ist es nur noch sechs Fuß hoch; was

bedeutet das?«

»Daß der Fluß seitdem um vier Fuß gestiegen ist.«

»Ganz recht. Steigt oder fällt der Fluß?«

»Er steigt.«

»Nein, er steigt nicht.«

»Ich glaube, ich habe recht, Sir. Dort treibt Holz den Strom herab.«

[Illustration]

»Ein Ansteigen setzt das Treibholz in Bewegung, aber wohlverstanden,

es schwimmt noch eine Zeitlang fort, nachdem der Strom aufgehört hat

zu steigen. Und darüber wird das Ufer dich aufklären. Warte, bis wir

an eine Stelle kommen, wo es nur wenig abschüssig ist -- hier jetzt!

siehst du diesen schmalen Streifen feinen Niederschlages? Der hat sich

abgelagert als das Wasser höher stand. Auch siehst du wohl, daß das

Holz allmählich strandet. Das Ufer belehrt auch noch in anderer Weise.

Siehst du den Baumstumpf auf der ›falschen Landspitze‹?«

»Ja, Sir.«

»Nun, das Wasser reicht gerade bis an seine Wurzeln. Das mußt du dir

notieren.«

»Weshalb?«

»Weil das bedeutet, daß in der Passage 103 sieben Fuß Wasser stehen.«

»Aber 103 ist ja noch eine große Strecke weiter flußaufwärts.«

»Da zeigt sich eben die Wohlthat des Ufers. _Jetzt_ ist Wasser genug

in 103, vielleicht aber nicht mehr, wenn wir hinkommen; aber das Ufer

wird uns darüber auf dem Laufenden erhalten. Bei fallendem Fluß fährt

man stromaufwärts überhaupt durch keine schmalen Durchlässe, und

stromabwärts darf man nur äußerst wenige passieren; das ist gegen die

Gesetze der Vereinigten Staaten. Der Strom kann vielleicht steigen, bis

wir nach 103 kommen, und in diesem Falle werden wir hindurchfahren.

Wieviel Tiefgang haben wir?«

»Sechs Fuß hinten -- sechseinhalb vorn.«

»Nun, du scheinst doch etwas zu wissen.«

»Was ich vor allem wissen möchte ist aber, ob ich fortwährend, jahraus

jahrein, die zwölfhundert Meilen dieses Ufers messen muß?«

»Natürlich.«

Meine Stimmung war eine Zeitlang zu erregt für Worte; endlich sagte ich:

»Und wie ist es mit den Durchlässen? Giebt es deren viele?«

»Das will ich meinen. Ich glaube, wir werden auf dieser Fahrt keinen

einzigen so durchfahren, wie du es bisher gesehen hast. Wenn der Strom

wieder zu steigen anfängt, werden wir über Sandbänke hinwegfahren, die

du bisher stets hoch und trocken wie das Dach eines Hauses aus dem

Wasser emporragen sahest; wir werden seichte Stellen passieren, die

du noch nie überhaupt beobachtet hast, mitten durch Sandbänke, die

dreihundert Morgen bedecken; wir werden durch Spalte kriechen, wo du

stets festes Land vermutetest; wir werden durch die Wälder dampfen, den

Strom in einer Breite von fünfundzwanzig englischen Meilen auf einer

Seite lassen und die Rückseite jeder Insel zwischen New Orleans und

Kairo sehen.«

»Dann muß ich mich dahintermachen und noch genau ebensoviel vom Strome

lernen, wie ich bereits weiß.«

»Gerade noch zweimal so viel, sofern es dir möglich ist.«

»Nun, man lebt ja, um zu lernen. Allein mir scheint, ich war ein Narr,

als ich mich auf dies Geschäft einließ.«

»Ja, das ist wahr, und du bist's noch, wirst's aber nicht mehr sein,

wenn du es gelernt hast.«

»Ach, ich werde es niemals lernen.«

»Ich will sehen, daß du es doch lernst.«

Bald darauf wagte ich eine weitere Frage: --

»Muß ich das alles gerade so lernen, wie ich den Rest des Stromes

kenne, -- Gestaltung und alles, -- so daß ich auch bei Nacht darnach

steuern kann?«

»Ja. Und du mußt gute, zuverlässige Merkzeichen von einem Ende des

Stromes zum andern haben, die dir in Verbindung mit dem Ufer sagen

werden, ob Wasser genug auf jeder dieser zahllosen Stellen ist --

wie jener Baumstumpf, weißt du. Wenn der Strom zu steigen anfängt,

kann man ein halbes Dutzend der tiefsten Durchlässe durchfahren;

steigt er einen Fuß weiter, ein weiteres Dutzend; beim nächsten Fuß

kommen ein paar Dutzend dazu, und so fort: Du siehst also, daß du

deine Ufer und Merkzeichen unbedingt sicher kennen mußt und sie nie

miteinander verwechseln darfst! denn wenn du einmal in eine dieser

Engen hineingefahren bist, kannst du nicht mehr zurück wie im großen

Strom; du mußt hindurch oder ein halbes Jahr dort bleiben, wenn du vom

fallenden Wasser überrascht wirst. Etwa fünfzig dieser Engen kannst du

überhaupt nur dann passieren, wenn der Strom zum Ueberlaufen voll, oder

über die Ufer getreten ist.«

»Diese neue Lehre ist eine heitere Aussicht.«

»Allerdings. Und beachte, was ich dir soeben gesagt habe; wenn du in

eine dieser Engen einfährst, mußt du hindurch. Sie sind zu schmal zum

Wenden, zu gekrümmt zum Rückwärtsherausfahren, und das seichte Wasser

_ist immer am oberen Ende_, nie anderswo. Und es ist immer anzunehmen,

daß das obere Ende sich ganz allmählich auffüllt, so daß die Marken,

nach denen du jetzt ihre Tiefe berechnest, in der nächsten Saison

vielleicht nicht zutreffen.«

»Ich muß also jedes Jahr das Alphabet von neuem lernen?«

»Versteht sich! Steure nahe an die Sandbank hinan! Weshalb fährst du

mitten im Strom?«

Die nächsten paar Monate zeigten mir seltsame Dinge. An demselben Tage,

als diese Unterredung stattfand, begann der Strom von oben herab stark

zu steigen. Die ganze weite Wasserfläche war schwarz von treibenden

Baumstämmen, abgebrochenen Aesten und starken Bäumen, die unterspült

und weggewaschen worden waren. Es bedurfte des sorgfältigsten

Steuerns, um den Weg durch dieses in Bewegung befindliche Floß zu

suchen, selbst bei Tage, wenn man von einer Landspitze nach der andern

hinübersteuerte; bei Nacht war die Schwierigkeit noch bedeutend größer;

hie und da erschien plötzlich ein ungeheurer, tief im Wasser treibender

Baumstamm gerade unter unserm Bug, mit dem einen Ende voran. Es war

unnütz, ihm ausweichen zu wollen, wir konnten bloß die Maschinen

stoppen; dann ging eines der Schaufelräder von einem Ende zum andern

mit donnerndem Getöse über den Baumstamm, wobei das Schiff sich in

einer Weise überlegte, die den Passagieren sehr unangenehm war. Hin

und wieder versetzten wir einem dieser halb gesunkenen Stämme unter

vollem Dampf einen krachenden Stoß gerade in die Mitte, wobei das

Boot erzitterte, als wäre es auf einen Kontinent gestoßen. Manchmal

blieb dieser Klotz dann quer vor dem Steven liegen; dann mußten wir

krebsartig ein wenig zurückfahren, um von dem Hindernis freizukommen.

Im Dunkeln stießen wir oft auf weiße Stämme, denn wir sahen sie nicht

eher, als bis wir auf ihnen waren; ein schwarzer Stamm ist dagegen

bei Nacht ziemlich deutlich sichtbar. Ein weißer Baumstamm ist ein

unangenehmer Kunde, wenn das Tageslicht verschwunden ist.

Selbstverständlich kam bei dem großen Steigen des Flusses ein Schwarm

von ungeheuren Holzflößen von den oberen Gewässern des Mississippi

herab, sowie Kohlenleichter von Pittsburg, kleine Handelsfahrzeuge

von überall her, und breite Flachboote von Posey County in Indiana,

die letzteren meist mit Früchten beladen. Die Lotsen hegten einen

tödlichen Haß gegen diese Fahrzeuge, was deren Schiffer mit reichen

Zinsen vergalten. Das Gesetz verlangte, daß alle diese unbeholfenen

Handelsfahrzeuge ein Licht führten; allein das war eine Verordnung, die

nur zu oft unbeachtet blieb. In dunkler Nacht tauchte plötzlich dicht

unter unserem Auge ein Licht auf, worauf dann eine heisere Stimme im

Hinterwäldler-Jargon zu rufen pflegte:

»In des T-- Namen, wohin steuert ihr? Könnt ihr nicht sehen, ihr verd--

Maulbeeren fressenden Schafe, ihr einäugigen Söhne eines ausgestopften

Affen?«

Während wir vorbeischossen, enthüllte uns dann die rote Glut unter

den Kesseln wie der Blitz auf einen Augenblick das Flachboot und

die Gestalt des gestikulierenden Redners, und in demselben Momente

pflegten unsere Heizer und Deckleute eine Wolke von Wurfgegenständen

und einen Hagel von Schimpfworten zu empfangen und fortzusenden,

worauf dann eines unserer Schaufelräder gewöhnlich die Bruchstücke des

zertrümmerten Steuerremens mit fortnahm und alles wieder von schwarzer

Dunkelheit eingehüllt war. Und sicherlich ging dann der Besitzer jenes

Flachbootes nach New Orleans, um unseren Dampfer zu verklagen und auf

das entschiedenste zu beschwören, daß er zu der betreffenden Zeit ein

Licht brennen gehabt habe, während in Wirklichkeit seine Mannschaft,

um zu spielen, zu singen und zu trinken, die Laterne in die Kajüte

genommen, aber keine Wache an Deck gehalten hatte. Einmal hätten

wir nachts in einer jener vom Wald begrenzten Passagen hinter einer

Insel, welche von den Dampfbootleuten als »so dunkel, wie das Innere

einer Kuh« beschrieben werden, beinahe eine ganze Familie aus Posey

County nebst ihrer Ladung in den Grund gebohrt, wenn nicht zufällig

in der Kajüte auf einer Fiedel gespielt worden wäre und wir nicht den

Schall der Musik noch eben rechtzeitig gehört hätten, um abscheren zu

können, wobei leider kein ernsthafter Schaden angerichtet wurde, wir

jedoch so nahe kamen, daß wir einen Augenblick die schönste Hoffnung

in dieser Beziehung hatten. Selbstverständlich brachten die Leute dann

ihre Laterne an Deck, wo sie die ganze Familie -- beide Geschlechter

verschiedenen Alters -- beleuchtete, während wir bei ihrem Fluchen mit

der Maschine vorwärts und rückwärts arbeiteten, um frei zu kommen.

Ein anderesmal schickte uns ein Kohlenschiffer eine Kugel durch das

Steuerhaus, als wir uns an einer sehr engen Stelle einen Steuerremen

von ihm geborgt hatten.

Ich nehme einige Extrastunden.

Während dieses starken Steigens des Flusses waren die kleinen Fahrzeuge

eine unausstehliche Plage. Wir passierten eine Enge nach der andern --

eine neue Welt für mich, -- und wenn in einer engen Passage eine recht

schwierige Stelle sich befand, durften wir mit ziemlicher Gewißheit

erwarten, dort ein Flachboot zu treffen; und wenn nicht dort, dann

gewiß an einer noch schlimmeren Stelle, nämlich am oberen Ende der

Enge, im seichtesten Wasser. Und dann fand ein endloser Austausch

liebreicher Zurufe statt.

Manchmal, wenn wir draußen auf dem großen Strom vorsichtig unseren Weg

durch den Nebel hin fühlten, wurde plötzlich die tiefe Stille durch

gellendes Geschrei und das Klappern von Blechpfannen unterbrochen, und

einen Augenblick später zeigte sich unklar durch den Nebelschleier

dicht vor uns ein Holzfloß. Da warteten wir dann nicht lange, sondern

rissen heftig an den Maschinenglocken und wandten allen Dampf an, um

aus dem Wege zu kommen! Man stößt mit einem Dampfboot nicht gern auf

einen Felsen oder auf ein solides Holzfloß, wenn man es vermeiden kann.

Es mag seltsam erscheinen, -- aber häufig führten die Buchhalter auf

den Dampfbooten in jenen vergangenen Zeiten des Dampfbootfahrens eine

große Auswahl von religiösen Traktätchen bei sich. Wohl ein dutzendmal

an einem Tage kämpften wir uns aufwärts durch die schwierigsten

Passagen, während uns eine Menge dieser kleinen Racker von Fahrzeugen,

welche von oben den engen Kanal herabfuhren, die Arbeit noch mehr

erschwerten; da stieß blitzschnell ein Kahn von einem derselben ab

und bahnte sich mühsam kämpfend einen Weg durch die Wasserwüste. Im

Schatten unseres Buges drehte er bei und die keuchenden Ruderer riefen:

»Gebt uns eine Zeitung!« während der Kahn rasch an uns vorbeiglitt. Der

Buchhalter warf ihnen ein Päckchen New Orleanser Zeitungen hinüber.

Wurden diese _ohne Bemerkung_ aufgenommen, dann konnte man wahrnehmen,

daß nunmehr ein Dutzend anderer Boote auf uns zutrieb, ohne etwas zu

sagen. Sie hatten abgewartet, wie es Nr. 1 gehen würde. Da Nr. 1 keine

Bemerkung machte, legten sich die übrigen alle in die Ruder und kamen

nun heran; und so schnell sie kamen, warf der Buchhalter ihnen kleine

Päckchen religiöser Traktätchen, auf ein flaches Stück Holz gebunden,

zu. Es ist einfach unglaublich, welche Menge schwerer Flüche zwölf

Päckchen mit religiöser Litteratur hervorrufen, wenn sie unparteiisch

an die Mannschaften von zwölf Flößen verteilt werden, die eigens

deshalb an einem heißen Tag eine Stunde weit gerudert haben.

[Illustration]

Wie schon gesagt, brachte das starke Steigen des Flusses eine neue Welt

in meinen Gesichtskreis. Sobald der Strom über seine Ufer getreten

war, hatten wir unsere alten Pfade verlassen und kletterten stündlich

über Sandbänke, die vorher zehn Fuß aus dem Wasser emporgeragt

hatten; wir fuhren dicht an steilen Ufern hin, wie z. B. am unteren

Ende von Madrid Bend, die ich vorher immer hatte meiden sehen; wir

steuerten durch Engen wie die von 82, wo die Einfahrt am unteren

Ende eine ununterbrochene Waldmauer war, daß wir sie fast mit dem

Buge berührten. In einigen dieser Engpässe glaubte man sich in einen

Urwald versetzt. Dichter, jungfräulicher Wald hing über beide Ufer des

gewundenen Fahrpasses und man erhielt den Eindruck, als ob noch nie ein

menschliches Wesen hier eingedrungen sei. Hängende Weinreben schlangen

sich von Baum zu Baum, schimmernde Lichtungen und grüne Winkel zeigten

sich dem Blick beim Vorüberdampfen; blühende Schlingpflanzen, deren

rote Blüten sich auf den Gipfeln abgestorbener Bäume wiegten; der

ganze Reichtum des Waldlaubwerks schien hier mit verschwenderischer

Hand ausgestreut. In den engen Durchfahrten steuerte sich's prächtig,

sie waren tief, ausgenommen am oberen Ende; die Strömung war schwach;

unterhalb der Landspitzen stand das Wasser geradezu stille; die steilen

Ufer waren in dichtes Weidengebüsch eingehüllt, welches weit in den

Fluß hineinragte, so daß das Boot beim Vorüberfahren zur Hälfte in

demselben begraben war.

Hinter einigen Inseln fanden wir elende kleine Farmen und noch elendere

kleine Blockhütten; da ragten gebrechliche Holzzäune einen oder zwei

Fuß aus dem Wasser, und oben auf dem Zaun kauerten ein paar gelblich

aussehende, fieberfröstelnde Mannesleute, die Ellbogen auf den Knieen,

das Kinn in die Hände gestützt, Tabak kauend und das Resultat durch

die Zahnlücken auf vorübertreibende Holzstücke entladend, während

die übrigen Familienglieder und die wenigen Haustiere sich auf einem

leeren Flachboot zusammendrängten, das in der Nähe verankert lag. In

diesem Flachboot mußte die Familie eine Reihe von Tagen, zuweilen

sogar Wochen, kochen, essen und schlafen, bis der Fluß zwei oder drei

Fuß fiel, und ihnen die Rückkehr zu ihrer Blockhütte gestattete.

Diesem Kampieren auf dem Wasser waren diese Leute ein paarmal im Jahre

ausgesetzt; beim Steigen des Ohio im Dezember und beim Steigen des

Mississippi im Juni. Und das waren noch glückliche Fügungen, denn sie

ermöglichten es den armen Geschöpfen, wenigstens hin und wieder von

den Toten aufzuerstehen und einen Blick aufs Leben zu werfen, wenn ein

Dampfboot vorüberfuhr. Sie wußten die Segnung auch zu würdigen, denn

sie rissen Mäuler und Augen weit auf und benützten diese Gelegenheit in

ausgiebiger Weise. Was mochten diese verbannten Geschöpfe wohl während

der Zeit des niederen Wasserstandes anfangen, um nicht an Langeweile

und Schwermut zu sterben?

[Illustration]

Einmal fanden wir in einer dieser lieblichen Inselpassagen unser

Fahrwasser von einem hohen umgefallenen Baum vollständig überbrückt.

Das läßt ersehen, wie schmal einige dieser Engen waren. Die Passagiere

konnten sich eine Stunde lang in einer jungfräulichen Wildnis

vergnügen, während die Schiffsmannschaft den Baum abhackte; denn an ein

Umkehren war gar nicht zu denken.

Auf dem Mississippi; Nach dem fernen Westen · 第 4 / 21 段