In St. Louis übernahm mein Chef die Lotsenstelle auf einem der

größten New Orleans Dampfer. Ich packte meine kleine Handtasche

und folgte ihm. Das neue Boot war die Pracht selbst. Als ich zuerst

in dem Steuermannshäuschen stand, befand ich mich so hoch über dem

Wasserspiegel, daß ich mich auf die Spitze eines Berges versetzt

wähnte, und die Verdecke dehnten sich unter mir so weit nach allen

Richtungen hin, daß ich es gar nicht mehr begreifen konnte, wie ich

am alten ›Paul Jones‹ jemals Gefallen zu finden vermochte. Alles

war anders. Das Steuerhäuschen des ›Paul Jones‹ war eine armselige,

lumpige Rattenfalle, in der man die Ellenbogen nicht regen konnte.

Hier hatten wir einen schimmernden Glastempel, geräumig genug, um

darin zu tanzen, mit rotgemalten und vergoldeten Fensterrahmen, einem

üppigen Sofa, ledernen Polstern und einem gastfreundlichen Ofen für den

Winter. Das sah denn doch nach etwas aus, -- und aufs neue wuchs mir

der Mut, den Lotsenberuf allen bisherigen Erfahrungen zum Trotz für

etwas Romantisches zu halten. Kaum hatten wir unsere Fahrt angetreten,

so begann ich auch das ganze große Fahrzeug zu durchstreichen und

mich förmlich vor Freude zu berauschen. Alles war neu und sauber wie

ein Putzzimmer. Wenn ich den langen, reich mit Vergoldungen gezierten

Hauptsalon entlang sah, so meinte ich durch einen schimmernden

Tunnel zu blicken. Jede Kajütenthür war von der Hand irgend eines

hochbegabten Künstlers bemalt. Ueberall blitzten die Kristall-Prismen

von Arm- und Kronleuchtern. Der Schreibtisch des Buchhalters war ein

Schmuckkästchen, der Schenktisch prachtvoll, und der Kellner mit

großem Aufwand frisiert und herausgeputzt worden. Das Kesseldeck,

d. h. die zweite Etage des Bootes, erschien mir geräumig wie eine

Kirche. Ebenso das Vordeck. Und wir hatten nicht bloß eine Handvoll

Mannschaft, sondern ein ganzes Bataillon Matrosen, Heizer, Deckarbeiter

und sonstiger Angestellten. Die Feuer strahlten rotglühend aus einer

langen Reihe von Heizflächen her, und über ihnen erhoben sich acht

mächtige Kessel. Es war eine unsägliche Großartigkeit. Die riesigen

Maschinen, -- doch genug! Ich hatte mich nie vorher so gehoben gefühlt!

Und als ich schließlich gar noch die Entdeckung machte, daß die sauber

gekleidete Schiffsdienerschaft mich in respektvoller Weise per ›Sir‹

behandelte, da fühlte ich mich auf dem Gipfel aller Genugthuung!

Ich vollende meine Lehrzeit.

Als ich von meiner Umschau auf dem Dampfer nach dem Steuerhäuschen

zurückkehrte, hatten wir St. Louis bereits aus den Augen verloren. Aber

ich, ich selber war auch verloren. Da hatten wir gerade eines jener

Stücke vom Fluß, die auf das genaueste in meinem Buche standen, und

doch konnte ich weder Kopf noch Schwanz daraus machen. Es ist leicht

einzusehen, warum, -- es war jetzt die umgekehrte Geschichte. Ich hatte

alles gesehen und aufgeschrieben, als wir den Fluß hinaufgekommen

waren, aber ich hatte nie versucht, mir einzuprägen, wie es

stromabwärts aussehen möchte. Mein Herz brach aufs neue. Es war klar,

-- ich hatte diesen entsetzlichen Fluß _zweimal_ zu lernen!

Das Steuerhaus war voller Lotsen, die abwärts fuhren, um ›einen Blick

auf den Fluß zu werfen.‹ Der sog. ›obere Strom‹ (die zweihundert

englischen Meilen zwischen St. Louis und Kairo, wo der Ohio einmündet)

hatte einen niedrigen Stand und der Mississippi ändert sein Fahrwasser

so beständig, daß die Lotsen, wenn ihre Boote eine Woche im Hafen

liegen mußten, es stets für nötig hielten, nach Kairo hinabzufahren, um

sich den Strom aufs neue anzusehen -- d. h. nur wenn der Wasserstand

niedrig war. Unter diesen Lotsen, welche sich den Fluß ›besahen‹, war

stets eine Anzahl armer Teufel, die selten eine Stelle hatten, und

deren einzige Hoffnung, eine zu bekommen, darin bestand, daß sie stets

auf dem Laufenden und jederzeit zur Aushilfe bereit waren, um an die

Stelle eines Steuermanns zu treten, der durch plötzliche Krankheit oder

sonstige dringende Umstände verhindert war. Außerdem fuhren manche

fortwährend auf und ab und ›sahen sich den Strom an‹ -- nicht weil sie

wirklich hofften, einmal eine Stelle auf einem Dampfer zu bekommen,

sondern weil es ihnen als Gäste des Dampfboots billiger war, ›den

Strom anzusehen‹, als am Lande zu bleiben und Logis und Kostgeld zu

bezahlen. Diese Leute wurden nach und nach wählerisch und suchten nur

Dampfer heim, deren Küche und Tafel in gutem Rufe standen. Die als

Gäste an Bord befindlichen Lotsen machten sich übrigens nützlich und

waren Sommer und Winter, bei Tag und bei Nacht, gern bereit, mit der

Jolle hinauszufahren und beim Auslegen der Bojen zu helfen oder den

Steuerleuten des Dampfers jeden sonstigen Beistand zu leisten. Sie

waren auch sonst willkommen, weil die Lotsen, wenn eine Anzahl von

ihnen zusammentrifft, unermüdlich im Plaudern sind; und da sie nur vom

Mississippi reden, verstehen sie sich stets und sind immer interessant.

Für den echten Lotsen hat nichts in der Welt Interesse als nur der

Strom, und er ist auf seine Beschäftigung stolzer als ein König.

Wir hatten diesmal eine hübsche Gesellschaft solcher Flußinspektoren --

acht oder zehn, die alle Raum in Fülle in unserem großen Steuerhause

hatten. Zwei oder drei von ihnen trugen glänzende Seidenhüte,

kunstvolle Hemdeneinsätze, Diamantbusennadeln, Glacéhandschuhe

und Lackstiefel. Sie sprachen ein gewähltes Englisch und benahmen

sich mit solcher Würde, wie es sich für Männer von soliden Mitteln

und ausgezeichnetem Ruf geziemt. Die andern waren mehr oder wenig

nachlässig gekleidet und trugen hohe Filzkegel, die an die Zeit der

Puritaner erinnerten.

[Illustration]

Ich erschien mir wie eine Null in dieser erlauchten Gesellschaft und

war ganz niedergedrückt, um nicht zu sagen betäubt. Ich war sogar am

Steuer überflüssig, wenn es nötig wurde, das Rad rasch nach der einen

oder andern Seite hinüberzudrehen; wer von den Gästen am nächsten

stand, legte Hand an, wenn es erforderlich war -- und das war wegen der

Krümmung und der Seichtheit des Fahrwassers fast immer der Fall. Ich

stand in der Ecke und hörte dem Gespräch aufmerksam zu, das mir alle

und jegliche Hoffnung benahm. Einer unserer Gäste sagte zu einem andern:

»Jim, wie hast du Plum Point stromaufkommend passiert?«

»Es war Nacht und ich steuerte, wie mir's einer der Jungens von

der ›Diana‹ gesagt hatte; lief etwa fünfzig Schritt oberhalb des

Holzhaufens von der ›falschen Landspitze‹ ab und hielt dann auf die

Hütte unterhalb Plum Point zu, bis ich das Riff erreichte -- ein und

drei viertel Faden -- steuerte darauf direkt nach der mittleren

Barre, bis ich reichlich querab von dem einastigen Baumwollenbaum in

der Biegung war, richtete dann das Heck auf diesen Baum, den Bug auf

die flache Stelle oberhalb der Landspitze und lief mit voller Fahrt

hindurch -- neun und einen halben Fuß.«

»Ganz nette Kreuzung, he?«

»Ja, aber die obere Barre arbeitet sich rasch abwärts.«

Nun nahm ein anderer Lotse das Wort und sagte:

»Ich hatte besseres Wasser und kreuzte weiter unten; ging von der

›falschen Landspitze‹ aus -- zwei Faden -- erreichte das zweite Riff

quer ab von dem großen, gesunkenen Baumstamm in der Biegung, ein drei

viertel Faden.«

Einer der vornehmen Lotsen bemerkte:

»Ich will euren Lotwerfern keinen Vorwurf machen, aber das ist, wie mir

scheint, reichlich viel Wasser für Plum Point.«

Ein billigendes Kopfnicken rund herum zollte dieser ruhigen, aber

gründlichen Abfertigung Beifall. Was mir mittlerweile durch den Sinn

fuhr, war etwa: Wenn meine Ohren recht hören, muß ich nicht nur die

Namen aller der Städte, Inseln und Krümmungen u. s. w. auswendig

lernen, sondern sogar die persönliche, innige Bekanntschaft jedes

gesunkenen alten Baumstammes, jedes einästigen Baumwollenbaumes und

jedes obskuren Holzhaufens machen, welcher die Ufer dieses Flusses

auf zwölfhundert Meilen Länge schmückt; ja noch mehr -- ich muß sogar

wissen, wo diese Dinge in der Dunkelheit sind, wofern ein Lotse nicht

mit Augen begabt wird, die durch zwei Meilen dichter Schwärze sehen

können. Ich wollte, die Lotserei wäre im Pfefferland, und ich hätte nie

daran gedacht.

Bei Eintritt der Dämmerung schlug Herr Bixby die große Glocke dreimal

an (das Signal zum Landen); der Kapitän tauchte aus seiner Kajüte am

vorderen Ende des Hauptdecks auf und blickte fragend empor. Herr Bixby

sagte:

»Wir wollen hier die Nacht über liegen bleiben, Kapitän.«

»Ganz recht, Herr Bixby.«

Das war alles. Das Dampfboot drehte ans Ufer und wurde für die Nacht

festgemacht. Es schien mir großartig, daß der Lotse thun konnte, was

ihm beliebte, ohne den mächtigen Kapitän um Erlaubnis fragen zu müssen.

Nach dem Abendessen ging ich sogleich zu Bett, entmutigt von dem,

was ich den Tag über beobachtet und erfahren hatte. Die Notizen über

meine letzte Reise waren nur ein Wirrwarr bedeutungsloser Namen; sie

hatten mich jedesmal, wenn ich sie während des Tages zu Rate gezogen,

vollkommen verwirrt. Ich hoffte, im Schlaf Erholung zu finden; aber

nein -- es arbeitete bis zum Sonnenaufgang fortwährend in meinem Kopfe

umher -- ein abscheuliches, unablässiges Alpdrücken.

Am nächsten Morgen war ich recht verdrießlich und niedergeschlagen. Wir

fuhren mit vollem Dampf dahin, ziemlich waghalsig, da wir vor Anbruch

der Nacht ›aus dem Strom‹ (d. h. nach Kairo) zu kommen wünschten. Herrn

Bixbys Kollege, der andere Lotse, setzte jedoch sehr bald den Dampfer

auf den Grund, und wir verloren mit dem Flottmachen des Schiffes so

viel Zeit, daß die Nacht offenbar hereinbrechen mußte, lange bevor

wir die Mündung erreichen konnten. Das war ein großes Mißgeschick,

besonders für einige der als Gäste bei uns weilenden Lotsen, deren

Boote auf ihre Rückkehr warten mußten, gleichviel wie lange es dauerte.

Das ernüchterte das Geplauder im Lotsenhaus bedeutend. Stromaufwärts

kümmerten die Lotsen sich weder um flaches Wasser, noch um die tiefste

Finsternis; nur der Nebel hielt sie zurück. Stromabwärts lag die Sache

aber ganz anders; wenn eine starke Strömung hinten nachdrängte, waren

die Boote nahezu hilflos, und es war daher nicht gebräuchlich, bei

niedrigem Wasserstand nachts stromabwärts zu fahren.

Eine kleine Hoffnung schien aber noch übrig zu sein: wenn wir vor

Dunkelwerden die äußerst schwierige und gefährliche Kreuzung bei Hat

Island passierten, konnten wir das übrige wagen, weil wir dann mehr

geraden Kurs und tiefes Wasser hatten. Diese Kreuzung aber bei Nacht

zu versuchen, wäre Wahnsinn gewesen. Den ganzen noch übrigen Tag wurde

viel auf die Uhren gesehen und fortwährend die Fahrgeschwindigkeit

berechnet; das Gespräch drehte sich nur um Hat Island; manchmal

stieg die Hoffnung hoch, um dann wieder zu sinken, wenn wir in einer

schwierigen Kreuzung aufgehalten wurden. Stundenlang lastete auf allen

diese unterdrückte Erregung, die sich selbst mir mitteilte; ich sehnte

mich so mächtig nach Hat Island und fühlte eine solch schreckliche

Verantwortung mich drücken, daß ich auf 5 Minuten am Lande zu sein

wünschte, um tüchtig, voll, erleichternd Atem schöpfen zu können. Wir

gingen keine regelmäßigen Wachen: jeder unsrer beiden Lotsen steuerte

auf derjenigen Stromstrecke, auf welcher er stromaufwärts gesteuert

hatte und mit welcher er deshalb besser vertraut war; beide aber

blieben fortwährend im Steuerhause.

Eine Stunde vor Sonnenuntergang übernahm Bixby das Ruder, und W. -- --

trat zur Seite. Während der nächsten dreißig Minuten hielt jeder die

Uhr in der Hand; jeder war nervös, schweigsam und unruhig. Endlich

sagte einer mit einem traurigen Seufzer: --

»Ah, dort ist Hat Island, aber wir können's nicht erreichen.«

Alle Uhren schlossen sich -- schnapp! jeder seufzte und murmelte etwas

zwischen den Zähnen wie: »'s ist zu schlimm -- ach, wenn wir nur eine

halbe Stunde früher hieher gekommen wären!« Alle waren enttäuscht;

einige wollten schon hinausgehen, zögerten aber noch, weil sie das

Glockenzeichen zum Landen noch nicht hörten. Die Sonne verschwand

unter dem Horizont, aber das Boot dampfte weiter. Die Gäste tauschten

fragende Blicke aus. Der eine, der die Hand schon auf dem Thürdrücker

hatte, blieb stehen und ließ gleich darauf den Thürknopf wieder los.

Wir steuerten stetig die Biegung des Flusses hinab; wieder wurden

Blicke ausgetauscht und hie und da ein bewunderndes Kopfnicken -- aber

keine Worte. Unmerklich drängten sich die Männer hinter Bixby zusammen,

als es anfing dunkel zu werden und einige blasse Sterne sichtbar

wurden. Die Totenstille und die Erwartung wurden drückend. Bixby riß am

Glockenstrang, und zwei tiefe, weiche Töne der großen Glocke fluteten

in die Nacht hinaus. Dann folgte eine kurze Pause, darauf ein dritter

Glockenton. Und nun ertönte die Stimme der Lotsen vom Sturmdeck:

»Backbordlot, da! Steuerbordlot!«

[Illustration]

Dann erschollen in einiger Entfernung die Rufe der Loter, die von zwei

Matrosen auf dem Oberdeck dumpf wiederholt wurden.

»Drei Faden! ... Drei Faden! ... Zwei und drei Viertel Faden! ...

Zwei und ein halber Faden! ... Zwei und ein Viertel Faden! ... Zwei

Faden![2] ... Ein und drei ...«

[2] Englisch »~Mark Twain~«.

Bixby zog an zwei Glockensträngen, was durch schwaches Klingeln weit

unten im Maschinenraum beantwortet wurde, worauf unsere Geschwindigkeit

sich verringerte. Der Dampf begann durch die Entweichungshähne zu

zischen. Das Rufen der Loter dauerte fort -- bei Nacht ein seltsamer

Schall. Jeder Lotse beobachtete jetzt in höchster Spannung was

vorging, alles sprach leise. Niemand war ruhig und gelassen außer

Bixby. Er legte das Ruder hart über, ganz an Bord, stellte sich auf

eine Speiche, und als der Dampfer in die für mich ganz unsichtbaren

Marken -- denn ringsum schien alles eine weite düstere See zu sein,

-- gebracht war, drehte er das Ruder zurück und hielt das Boot fest

in der erforderlichen Richtung. Nunmehr hörte man aus den halblauten

Gesprächen hier und dort einen zusammenhängenden Satz heraus, wie:

»Da; der Dampfer hat das erste Riff passiert!«

Nach einer Pause:

»Das Heck kommt jetzt haarscharf in die Richtung, bei Gott!«

»Nun ist er in den Marken, da geht er hinüber!«

Und dann wieder:

»O, das war schön -- wunderschön!«

Dann wurden die Maschinen ganz zum Stehen gebracht, und wir trieben

mit der Strömung. Ich will damit nicht sagen, daß ich das Boot treiben

sehen konnte; nein -- die Sterne waren jetzt alle verschwunden. Dieses

Treiben war das Entsetzlichste; das Herz stand einem dabei still. Bald

darauf entdeckte ich noch eine schwärzere Finsternis als die, welche

uns umgab; das war das obere Ende der Insel. Wir steuerten gerade

darauf zu, kamen in den tieferen Schatten derselben, und die Gefahr

schien so unmittelbar drohend, daß ich zu ersticken meinte; ich empfand

den stärksten Antrieb, etwas -- irgend etwas zu thun, um das Fahrzeug

zu retten. Aber noch stand Bixby am Steuer -- schweigsam, aufmerksam

wie eine Katze; und alle Lotsen standen Schulter an Schulter hinter

ihm.

»Es wird nicht gehen!« flüsterte einer.

Das Wasser wurde nach den Meldungen der Loter flacher und flacher, bis

es endlich hieß:

»Acht und ein halb! ... Acht Fuß! ... Sieben und ...«

Bixby rief dem Maschinisten durchs Sprachrohr warnend zu:

»Klar bei der Maschine jetzt!«

»Jawohl, Herr Bixby!«

»Sieben ein halb! Sieben Fuß! _Sechs_ und --«

Wir berührten den Grund! Bixby setzte augenblicklich eine Reihe von

Glocken in Bewegung, rief durch das Sprachrohr: »Nun Dampf her, was das

Zeug hält!« und dann seinem Kollegen zu: »Hart an Bord mit dem Ruder!

Hart über! Nochmal!« Das Dampfboot bahnte sich knirschend und ächzend

den Weg durch den Sand, hing einen entsetzlichen Augenblick am Rande

des Verderbens und glitt dann hinüber! Ein solches Jubelgeschrei, wie

es sich jetzt hinter Bixby erhob, hat noch nie zuvor das Dach eines

Ruderhauses erschüttert!

Jetzt waren alle Schwierigkeiten überwunden. Herr Bixby wurde in jener

Nacht zum Helden, und seine Kollegen erzählten noch geraume Zeit von

dieser Großthat.

Um sich einen ganz klaren Begriff zu machen von der wunderbaren

Präzision, die erforderlich war, um den Dampfer in jener finstern

Wasserwüste auf dem richtigen Wege zu halten, muß man wissen, daß

das Boot sich nicht nur zwischen Baumstämmen und blinden Riffen

hindurchzwängen und dann so dicht am oberen Ende der Insel hinfahren

mußte, daß es das überhängende Laubwerk mit dem Heck berührte, sondern

es mußte an einer Stelle beinahe in Armeslänge an einem gesunkenen,

unsichtbaren Wrack vorbei, das ihm, wenn es darauf gestoßen wäre, den

Boden fortgerissen und binnen fünf Minuten das Dampfschiff nebst Ladung

im Gesamtwerte von etwa einer Viertelmillion Dollars und obendrein

noch etwa hundert und fünfzig Menschenleben vernichtet hätte.

Die letzte Bemerkung, die ich in jener Nacht hörte, war ein Kompliment

für Herrn Bixby, das einer der Gäste im Selbstgespräch und mit vieler

Salbung äußerte. Derselbe sagte:

»Beim Schatten des Todes, er ist ein Blitzkerl von einem Lotsen.«

Kunst und Wissenschaft des Lotsen.

Es dauerte eine geraume und, wie mir schien, nicht wenig mühselige

Zeit, bis ich es endlich dahin gebracht hatte, meinen Kopf mit Inseln,

Städten, Bänken, Landspitzen u. s. w. vollzupacken, und mich dieses

leblosen Ballasts sicher zu fühlen. Aber natürlich -- kaum hatte sich

mein Selbstgefühl so weit erholt, daß ich wagte, den Kopf wieder höher

zu tragen, als auch Bixby es schon für seine Pflicht hielt, ihn wieder

sinken zu machen. Eines Tages richtete er ganz plötzlich die Frage an

mich:

»Welche Form hat die Walnußbucht?«

Er hätte mich ebenso gut nach der Ansicht meiner Großmutter über die

Protoplasmen-Theorie fragen mögen. Ich dachte eine kleine Weile unter

achtungsvollem Schweigen nach und erwiderte dann, es sei mir nicht

bewußt, daß die Walnußbucht überhaupt irgend eine Form habe. Mein

Pulverfaß von Chef fuhr natürlich mit einem Krach auf, und sofort

begann ein Feuern und Schießen, bis er wieder einmal sein ganzes Pulver

von Beinamen total verschossen hatte. Indessen, meine Erfahrung mit ihm

hatte mich bereits gelehrt, wie groß sein Munitionsvorrat war und daß

ich sicher sein konnte, er werde sich nach Verbrauch desselben alsbald

wieder in einen guten, alten Patron verwandeln. Dieses ›alt‹ ist

lediglich als ein Ausfluß von Zuneigung zu nehmen, denn in Wirklichkeit

war Herr Bixby nicht älter als 34 Jahre.

[Illustration]

Es war mir klar, daß ich mich in erster Linie mit den Ufern des Flusses

in jeder erdenklichen Weise vertraut machen mußte, -- stromaufwärts und

stromabwärts, von hinten und vorne, von innen und außen, bei Tag und

bei Nacht -- und damit nicht genug, sollte ich auch Bescheid wissen

in grauen Nebelnächten, in denen der Fluß überhaupt keine Gestalt und

keine Ufer mehr hatte. Ich that alles, was in meinen Kräften stand,

dieser Erkenntnis gerecht zu werden, bis ich denn endlich im Laufe

der Zeit und mannigfacher Fahrten zwischen New Orleans und St. Louis

meine verzwickte Lektion allen Ernstes zu bemeistern anfing und sich

mein Selbstbewußtsein aufs neue mächtig zu regen begann. Aber auch

jetzt noch war Herr Bixby jeden Augenblick gerüstet, diese Regungen

zu unterdrücken und mich schnell wieder in meine alte Demut und

Zerknirschung zurückzustoßen. Eines Tages sagte er zu mir:

»Wie viel Wasser hatten wir auf unserer vorvorigen Reise in der Mitte

der Durchfahrt von ~Hole-in-the-Wall~?«

Diese Frage kam mir wie eine Beleidigung vor. Ich entgegnete:

»Bei jeder Fahrt, stromauf- und stromabwärts wirft der Bootsmann an

jener verteufelten Stelle alle Minuten das Lot und ruft ununterbrochen

während drei Viertelstunden die Tiefen aus. Glauben Sie denn, ich könne

eine solche Menge Zeug im Kopf behalten?«

»Du mußt das genau behalten, mein Junge. Du hast dir den Platz und

den Wasserstand des seichtesten Fahrwassers in allen den 500 seichten

Stellen zwischen New Orleans und St. Louis für jede Fahrt zu merken

und darfst ja nicht die Messungen von einer Fahrt mit denen der andern

verwechseln, denn es ist kaum denkbar, daß sie je ganz gleich seien. Du

mußt das alles genau und jedes für sich merken.«

Als ich wieder zu mir selbst kam, rief ich aus:

»Wenn ich jemals so weit komme, das fertig zu bringen, so werde ich

auch imstande sein, Tote aufzuerwecken, und dann habe ich nicht mehr

nötig, Steuermann zu sein, um meinen Unterhalt zu gewinnen. Ich möchte

dies Geschäft lieber aufgeben. Ich bin bloß ein Mensch und bitte um

einen Wassereimer und eine Scheuerbürste, um fortan nur noch als

Deckarbeiter zu schaffen. Ich bin zu nichts Besserem geeignet. Ich habe

nicht Gehirn genug, um Lotse zu werden.«

»Schon gut, mein Junge. Wenn ich einmal gesagt habe, ich ›lerne‹[3]

jemand den Fluß, so meine ich auch, was ich gesagt habe. Du kannst dich

drauf verlassen, -- ich bringe ihm die Geschichte bei oder bringe ihn

um.«

[3] ›lehren‹ steht nicht im Mississippi-Lotsen-Wörterbuch.

Mit einem solchen Menschen war es unmöglich, sich zu verständigen. Ich

fügte mich in mein Schicksal und spannte mein Gedächtnis in einer Weise

an, daß ich schließlich sogar die seichten Stellen, ihre verschiedenen

Wasserstände und die zahllosen Punkte, an denen das Wasser gekreuzt

werden mußte, in meinen Kopf gepfropft hatte. Aber damit hatte ich noch

nicht gewonnen. Denn kaum hatte ich eine verwickelte Aufgabe los, als

sich auch schon eine neue und womöglich noch schwierigere aufdrängte.

So hatte ich unter anderm oft beobachtet, wie die Lotsen auf das Wasser

hinabzuschauen pflegten, genau mit dem Blick von Leuten, die in einem

Buch lesen. Auch ich versuchte dies hin und wieder, aber es war für

mich ein Buch, welches mir nichts sagte. Endlich kam jener Augenblick,

da Bixby mich für hinlänglich vorangeschritten hielt, um auch der

Lektion des ›Wasserlesens‹ gewachsen zu sein.

»Siehst du dort die lange, quer über den Fluß sich ziehende Linie? Das

ist ein Flußriff! Und mehr als das, es ist ein wirkliches, aus Sand

und Schlamm bestehendes Riff! Eine solide Sandbank liegt dort unter

dem Wasserspiegel, steil aufsteigend wie die Mauer eines Hauses. Dicht

daneben ist Fahrwasser genug, auf seinem Kamm dagegen nur verwünscht

wenig davon. Würdest du auf diesen letzteren auffahren, so wäre es

einfach um das Boot geschehen. Aber dort weiterhin, wo die Linie in

einzelne leichte Striche verläuft und dann ganz aufhört, -- siehst

du es? Dort magst du ohne Furcht mit dem Boot hinhalten und darüber

hinwegschießen, ohne daß es im mindesten etwas thäte.«

Und so war es. Ich folgte seiner Anweisung, -- denn eben hatte er mir

das Rad übergeben und sich als Zuschauer hinter mich gestellt, -- und

wir kamen glücklich über das Riff hinweg. Aber auch nach dieser Seite

hin blieb mir, wie ich nur zu bald einsehen sollte, noch mancherlei

zu lernen, und ich vergesse des Tages nie, als ich aus Furcht, auf

ein Riff aufzufahren, das Boot um eines Haares Breite auf das Ufer

gesetzt hätte. Bixby, der mir eine Viertelstunde vorher das Steuerrad

übergeben hatte, trat eben im entscheidenden Augenblick wieder in das

Steuerhäuschen und fragte mich mit einem Sarkasmus, der mir durch Mark

und Bein schnitt:

»Warum gehst du ans Land, mein Junge? Hat man vom Ufer aus gerufen?«

Ich errötete und erwiderte, daß man uns nicht angerufen habe.

»Ah, -- so war es sicherlich, um Holz einzunehmen. Aber du solltest

doch damit warten, bis der erste Heizer dir anzeigen würde, daß dies

nötig ist.«

Ich biß mich auf die Lippen und sagte, daß es auch nicht geschehen sei,

um Holz einzunehmen.

»Wirklich? Ja, aber was hast du denn sonst hier hart am Lande gesucht?

Hast du je gehört, daß man bei einem Wasserstande wie diesem an ein

Ufer wie dieses auf hundert Ellen, geschweige denn auf zehn Fuß

herangeht?«

»Nein, Herr -- und ich wollte auch gar nicht an das Ufer heran, sondern

nur jenem Riff da aus dem Wege gehen.«

»Jenem Riff da? Aber wir haben ja auf drei Meilen Entfernung nicht das

Geringste, was einem Flußriff ähnlich sieht.«

»Aber ich sehe es doch dort -- das ist doch ein Riff, wenn ich je eins

gesehen!«

»Wohl, mein Junge! -- nimm es getrost aufs Korn, -- fasse es, wo du's

eben bekommen kannst, -- je mehr in der Mitte, um so besser!«

»Ist das Ihr Befehl?«

»Jawohl, -- nur frisch darüber hinweg.«

»Aber ums Himmels willen, Herr Bixby, -- ich stürbe, wenn's nicht

gelingt!«

»Schon recht, ich übernehme die Verantwortung.«

Ich konnte mich kaum fassen. Eine wahrhaft teuflische Begierde

ergriff mich, das Boot und alles was darin war, Bixby und mich selbst

eingerechnet, umzubringen. Und so hielt ich stramm auf die Höhe der das

Riff anzeigenden Wasserlinie hin. Aber noch ehe wir sie erreichten,

schien sie mir zu verschwinden, -- und gleich darauf glitten wir sanft

und leicht darüber hin wie auf Oel.

Bixby lachte und sagte:

»Siehst du nun den Unterschied? Es war nichts als ein ›Windriff‹, --

und das ist gar ein mächtig andres Ding, als ein wirkliches Flußriff!

Der Wind macht das, -- das ist alles.«

»Ich verstehe. Aber es sieht doch genau wie ein Flußriff aus. Wie soll

ich denn dergleichen von einander unterscheiden können?«

»Bei meiner Seele, mein Junge, _das_ kann ich dir selbst nicht sagen.

Aber mit der Zeit wirst du sie von einander unterscheiden lernen und

nachher wird dir's gerade so gehen und wirst du nicht imstande sein,

einem andern den Unterschied zu erklären.«

Auf dem Mississippi; Nach dem fernen Westen · 第 3 / 21 段