Einsamkeit meiner Koje. Ich ging nicht zum Mittagessen, und selbst am
Abendtisch erschien ich erst, als alle übrigen längst fertig waren.
Mein Zugehörigkeitsgefühl zu der Schiffsfamilie war jetzt lange nicht
mehr so stark wie vordem. Erst allmählich kehrte mein Mut und mein
Selbstvertrauen wieder zurück. Es that mir leid, daß ich gegen den
Steuermann mit so bitterem Haß erfüllt war, denn man konnte nicht
anders als ihn bewundern. Er war sechs Schuh hoch und hatte die Kraft
eines Stiers. Sein Gesicht war ganz und gar bärtig. Auf seinem rechten
Arm war eine rote und eine blaue Frau tättowiert, jede mit einem
blauen, an rotem Seile hängenden Anker zur Seite. Und endlich war er
die Vollkommenheit selbst im Fluchen. Wenn unter seiner Aufsicht Ladung
gelöscht oder eingenommen wurde, so stellte ich mich immer so, daß
ich alles hören und sehen konnte. Er fühlte die ganze Größe seiner
Stellung und versäumte auch keine Gelegenheit, sie der Welt fühlbar
zu machen. Selbst den einfachsten Befehl erteilte er, als gelte es,
einen plötzlichen Blitz zu schleudern und mit einem lange anhaltenden
Donner von Verwünschungen zu begleiten. Man konnte nicht umhin, die
Art und Weise, in der eine gewöhnliche Landratte einen Befehl erteilen
würde, mit der Großartigkeit, mit der dieser Steuermann es that, zu
vergleichen. Eine Landratte, die den Landungssteg um einen oder zwei
Fuß weiter vorangeschoben haben wollte, würde sich etwa wie folgt
ausgedrückt haben: »James oder William -- sei einer von euch so gut,
das Brett da vorzuschieben!« Mein Steuermann dagegen ließ aus derselben
Veranlassung den folgenden Wortkatarakt los: »Hier, Jungens, das
Gangbrett voran! Verd--t noch einmal, vorwärts -- sag' ich. Was sagt
er? Haut ihn auf den Schnabel! Hierher -- hier! So, Jungens, -- noch
ein Stück, -- noch eins! Verwünscht, Herr, wollen Sie auf dem Brett
einschlafen -- oder darauf wohnen bleiben? Weiter nach hinten, sag'
ich. Genug so! Oder soll es gleich hinten über Bord, he? Wohin geht
ihr mit dem verd--ten Faß da? Wenn ihr nicht gleich macht, daß ihr mir
damit aus den Augen kommt, laß' ich's euch gleich verschlucken oder ich
will des Teufels sein, ihr verd--es Zwitterding von Schildkröte und
lahmem Esel!«
Und da sollte man dabeistehen und _nicht_ von dem Wunsch verzehrt
werden, ebenso sprechen zu können?!
Als sich meine Beschämung und mein Kummer über das Abenteuer mit
dem Steuermann etwas zu legen begonnen, richteten sich meine Blicke
auf den letzten und bescheidensten Angestellten des Bootes, den
Decknachtwächter, und ich beschloß, wenigstens mit diesem ein
persönliches Verhältnis zu erzwingen. Zwar wies auch er meine
Annäherungsversuche zuerst in der unfreundlichsten Art zurück, als
ich ihm jedoch eine neue Thonpfeife schenkte, wurde er weicher. Erst
erlaubte er mir, mit ihm auf dem Sturmdeck bei der großen Glocke
zu sitzen, dann schmolz seine Zurückhaltung in zusammenhanglos
hingeworfene Worte, und endlich schlossen sich diese zu einer
vollständigen Unterhaltung zusammen. Es blieb ihm wohl nichts anderes
übrig. Ich hing mit solcher Hingebung an seinen Lippen und machte
aus meinen Empfindungen so wenig ein Hehl, daß es ihm nicht entgehen
konnte, wie sehr mich seine Herablassung beglückte und erhob. Er nannte
mir die Namen von dämmernden Ufervorsprüngen und dunkeln Flußinseln,
als wir in der feierlichen Nacht unter dem friedlichen Blinken der
Sterne daran vorüberglitten, und schließlich kam er auch auf sich
selbst zu sprechen. Für einen Menschen, dessen wöchentlicher Gehalt
sechs Dollars betrug, war er vielleicht ein wenig zu gefühlvoll,
oder richtiger gesagt, er hätte einer ältern und erfahrenern Person
als mir leicht so erscheinen können. Aber ich trank seine Worte in
mein dürstendes Gemüt und nahm sie mit einer Gläubigkeit auf, die
Berge hätte versetzen müssen, wenn man sie hiezu verwendet hätte. Was
scherte es mich, daß er schäbig aussah und schmierig war, und daß er
auf weite Entfernungen nach Genever duftete? Was scherte es mich, daß
seine Grammatik schlecht, seine Aussprache noch schlechter war und
daß die Art, wie er das unerläßliche Fluchen betrieb, so sehr jedes
künstlerischen Hauches entbehrte, daß es seine Unterhaltung, anstatt
ihr einen höheren Reiz zu verleihen, vielmehr beeinträchtigte? Er
war ein Mann, dem übel mitgespielt worden war, der stürmische Zeiten
gesehen, der gelitten hatte. Das war für mich entscheidend. Als ich
seinen Stolz soweit überwunden hatte, daß er mir seine traurige
Geschichte erzählte, fielen ihm Thränen von den Wimpern auf die Laterne
in seinem Schoß, und ich schluchzte vor Mitgefühl laut auf. Er teilte
mir mit, daß er der Sohn eines englischen Edelmanns sei, -- er wußte
nicht recht, ob eines Grafen oder eines Ratsherrn, meinte aber,
wahrscheinlich von beiden. Sein Vater liebte ihn zärtlich, aber seine
Mutter haßte ihn von der Wiege an. Noch als kleiner Knabe wurde er nach
einem von den »alten, uralten Kolleges geschickt,« -- er erinnerte
sich nicht mehr recht, nach welchem. Dann starb sein Vater plötzlich,
und die Mutter riß das ganze Vermögen an sich und setzte ihn »vor die
Thüre.« In dieser Lage boten verschiedene Mitglieder der englischen
Aristokratie, mit denen er aufgezogen worden, ihren ganzen Einfluß auf,
um eine Volontär-Schiffsjungenstelle auf einem Westindienfahrer zu
besorgen. Und so war er aufs Wasser gekommen. Einmal bei diesem Punkt
in seiner Lebensgeschichte angelangt, verlor mein Nachtwächter jeden
Faden, und die Fortsetzung seiner Erzählung war nur noch ein einziges
Chaos von Daten, Oertlichkeiten, Namen und unglaublichen Abenteuern,
eine epische Sündflut, so voller Schrecknisse und um eines Haares
Breite abgewendeter Lebensgefahren, so strotzend von bewußter und
unbewußter menschlicher Schlechtigkeit und so triefend von Blut und
Thränen, daß ich sprachlos dasaß, lauschend, bewundernd, staunend und
anbetend!
Es war kein kleiner Schmerz für mich, als ich später dahinterkam, daß
er ein gemeiner, unwissender, sentimentaler, halbverrückter Schwindler
war, ein nie in der Welt gewesener Eingeborner der Wildnisse von
Illinois, welcher eine Unmasse von Kolportageromanen verschlungen
und ihre Ungeheuerlichkeiten in sich aufgenommen hatte, bis er am
Ende aus den verschiedensten Fäden seine eigene wirre Geschichte
zusammengewoben, die er unerfahrenem, halb flüggem Volke, wie mir,
erzählte, bis er schließlich selbst daran glaubte.
Ich gehe in die Lehre.
Die vier Tage, welche wir auf dem Felsen bei Louisville festlagen,
und einen oder den anderen sonstigen Aufenthalt mit eingerechnet,
verscherzte der arme alte ›Paul Jones‹ mit der Fahrt von Cincinnati
nach New Orleans volle zwei Wochen. Das gab mir denn endlich doch eine
Gelegenheit, mit einem der Steuermänner bekannt zu werden, der sich
sogar endlich herbeiließ, mich die Handgriffe seines Rades und die
Bewegungen seines Bootes zu lehren, und dadurch den Zauber, den das
Flußleben auf mich ausübte, zu einem gewaltigeren als je zuvor machte.
Auch gab es mir Gelegenheit, die Bekanntschaft eines Jünglings zu
machen, der im Zwischendeck fuhr und dadurch meine Teilnahme erregte.
Er borgte mir mit Leichtigkeit sechs Dollars ab, unter dem Versprechen,
am Tage nach unserer Landung auf das Boot zurückzukehren und das Geld
zurückzuzahlen. Indessen -- er muß gestorben sein oder die Sache
vergessen haben, denn er kam nicht. Wahrscheinlich war das erstere der
Fall, da er mir von seinen Eltern erzählt hatte, daß sie vermögend
seien, und er nur deshalb im Zwischendeck fahre, weil es kühler sei.
In New Orleans entdeckte ich sehr bald zwei Dinge. Erstens, daß es
nicht sehr wahrscheinlich sei, daß ein Schiff vor zehn bis zwölf
Jahren von dort nach der Mündung des Amazonenstromes segeln werde.
Und zweitens, daß selbst, wenn ich so lange warten könnte, die neun
oder zehn Dollars, die ich noch in der Tasche hatte, zur Ausführung
eines so großartigen Unternehmens, wie ich es im Kopfe hatte, nicht
hinreichen würden. Daraus ergab sich denn die Notwendigkeit für mich,
auf eine neue Karriere zu sinnen. Ich unternahm eine regelrechte
Belagerung meines Lotsen und hatte den Triumph, ihn nach drei Tagen
kapitulieren zu sehen. Er verpflichtete sich, mich für eine von den
ersten Verdiensten meiner künftigen Lotsenstellung zu bezahlende
Summe von fünfhundert Dollars den »Mississippi von New Orleans bis
St. Louis hinauf zu lehren,« und ich stürzte mich in das geringfügige
Wagnis, das darin bestand, zwölf- bis dreizehnhundert Meilen des großen
Mississippistromes zu »lernen« mit der ganzen Selbstvertrauensseligkeit
meiner Jahre. Hätte ich allen Ernstes eine Vorstellung von dem gehabt,
was ich meinen Fähigkeiten zuzumuten im Begriffe stand, ich würde
sicherlich den Mut nicht gefunden haben, es auch nur anzufangen. Ich
nahm einfach an, daß ein Lotse nichts weiter zu thun habe, als sein
Boot im Strome zu halten, und da derselbe so breit war, hatte ich keine
Ahnung davon, welch ein Kunststück das sei.
[Illustration]
Wir gingen um vier Uhr nachmittags von New Orleans ab, und bis acht Uhr
war »unsere Wache.« Herr Bixby, mein Chef, richtete das Boot, lenkte es
haarscharf längs den Achterenden der übrigen, am Quai liegenden Dampfer
hin und sagte dann zu mir: »Da, nimm das Ruder und halte so dicht an
den andern Booten vorbei, als gelte es, einen Apfel zu schälen.« Ich
ergriff das Rad, aber das Herz schlug mir bis in den Hals hinauf.
Es schien mir ein Ding der Unmöglichkeit, an den Schiffen so dicht
vorbeizukommen, ohne einem jeden die Seitenwand einzudrücken. Ich
hielt den Atem an und begann sofort aus dem Verderben herauszusteuern.
Ich hütete mich wohlweislich, es auszusprechen, hatte aber doch meine
eigene Ansicht von einem Lotsen, der nichts Besseres zu thun wußte,
als uns in eine solche Gefahr zu stürzen. In einer halben Minute hatte
ich einen breiten Streifen rettenden Wassers zwischen dem ›Paul Jones‹
und die Schiffe am Ufer gebracht, -- und nach Verlauf weiterer zehn
Sekunden war ich mit Schimpf und Schande beiseite geschleudert, Herr
Bixby aber steuerte unter einer wahren Sturzflut von Schmähungen,
die er über mich ausströmte, aufs neue in das Unheil zurück. Ich war
aufs tödlichste verletzt, ohne jedoch mich gleichzeitig der höchsten
Bewunderung enthalten zu können, wie Herr Bixby an dem Rade hin- und
hertanzte und mit uns so dicht an den anderen Booten hinschoß, daß das
Verderben jeden Augenblick unvermeidlich schien. Nachdem er sich ein
wenig abgekühlt hatte, erklärte er mir, daß das ruhige Fahrwasser sich
längs des Ufers, die Strömung hingegen weiter draußen befände, und daß
wir aus diesem Grunde stromaufwärts am Ufer hinhalten müßten, um uns
ersteres zu nutze zu machen, stromabwärts aber ihm fern zu bleiben
hätten, um die Vorteile der letzteren für uns zu haben. Sofort beschloß
ich bei mir, mich damit zu begnügen, ein Stromablotse zu werden und
das Stromaufhandwerk solchen über die gewöhnliche Menschenweisheit
hinaus gescheiten Leuten, wie Herr Bixby, zu überlassen.
Hier und da lenkte Herr Bixby meine Aufmerksamkeit auf gewisse Dinge.
So z. B.: »Das ist die Sechsmeilenspitze!« Ich stimmte ihm zu. Es war
ganz hübsch, in dieser Weise belehrt zu werden, aber ich sah nicht
ein, was dabei herauskommen sollte. Weiterhin hieß es: »Das ist die
Neunmeilenspitze!« Noch weiterhin: »Und das ist die Zwölfmeilenspitze!«
Ich hatte wirklich keine Ahnung, daß diese Landvorsprünge irgendwie
Gegenstände des Interesses für mich seien. Sie lagen fast alle in
derselben Höhe mit dem Wasserspiegel, und einer sah genau wie der
andere aus. Zudem waren sie von unmalerischster Eintönigkeit. Ich
hoffte ernstlich, Herr Bixby würde nun bald ein anderes Gesprächsthema
aufgreifen. Aber nein. Er steuerte, ganz hart ans Ufer haltend, um eine
dieser Landspitzen herum und sagte: »Hier hört das tote Wasser auf,
gerade oberhalb jener Gruppe von Chinabäumen. Jetzt gehen wir querüber.«
Zwei- oder dreimal übergab er mir auch wieder das Rad. Aber ich
hatte kein Glück. Bald kam ich nahe daran, auf ein ins Wasser
hineinreichendes Zuckerfeld aufzufahren, bald hielt ich zu weit vom
Ufer ab. Und so fiel ich immer wieder in Ungnade und hatte für ein paar
Minuten die bekannte Sturzflut von Scheltworten aufs neue über mich
ergehen zu lassen.
Endlich war die erste Wache beendet. Wir nahmen unser Abendbrot und
gingen zur Ruhe. Um Mitternacht fiel mir plötzlich der grelle Schein
einer Laterne ins Gesicht, und der Nachtwächter des Boots rief:
»Auf -- hinaus an Deck!«
Damit verschwand er. Ich war außer stande, mir dieses seltsame Vorgehen
zu erklären. Da ich aber vorderhand keine Neigung verspürte, weiter
darüber nachzudenken, wandte ich mich um und begann weiterzuschlafen.
Aber schon war auch der Nachtwächter wieder da und zwar war er diesmal
grob. Mich verdroß das, und ich sagte:
»Wer heißt Euch hier mitten in der Nacht herumstöbern und andere
stören? Es ist ja gerade als sollte ich heute nicht mehr zum
Einschlafen kommen!«
Der Mann sagte:
»Na, das ist heiter -- das muß ich sagen!«
[Illustration]
In diesem Augenblick kam die abgelöste Wachmannschaft herein und ich
hörte, wie sie unter rohem Gelächter verschiedene Bemerkungen machten,
wie die folgenden: »Hallo, Wächter, ist das neue ›Steuermännchen‹ noch
nicht heraus? Ein zarter Junge, nicht? Gebt ihm ein Stück Zucker in
einem Sauglappen und ruft das Stubenmädchen, um ihn einzusingen.«
In diesem Augenblick erschien Herr Bixby auf der Szene. Eine
Minute später aber klimmte ich bereits die steilen Stufen zum
Steuermannshäuschen empor, die eine Hälfte meiner Kleider auf dem
Leibe, die andere über dem Arm. Herr Bixby folgte mir auf den Fersen
und machte seine Glossen. Das war wirklich neu für mich -- so mitten
in der Nacht heraus und an die Arbeit zu müssen! Es war das eine jener
Eigentümlichkeiten im Lotsenleben, an die ich noch nie gedacht hatte.
Ich wußte wohl, daß die Boote die ganze Nacht hindurch gingen, aber
es war mir nie beigefallen, daß ein menschliches Wesen seinem warmen
Bette entrissen werden müßte, um sie zu steuern. Eine trübe Ahnung
überkam mich, daß der Steuermannsberuf doch nicht ganz so romantisch
sei, wie ich geträumt hatte; wenigstens war in der neuesten Phase
desselben, die sich mir da eben enthüllte, etwas verzweifelt Reales.
Es war eine äußerst dunkle Nacht, wiewohl eine beträchtliche Anzahl
Sterne am Himmel stand. Der zweite Steuermann war gerade am Rade. Er
hielt auf einen bestimmten Stern zu, und das Boot schoß mitten im Strom
dahin. Wiewohl keines der Ufer weiter als eine Meile von uns entfernt
war, schienen doch beide in entlegene Ferne entrückt, ganz unbestimmt,
kaum erkennbar. Der zweite Steuermann sagte zu Bixby:
»Wir müssen an Jones Plantage anlegen, Herr.«
Sofort regte sich triumphierend auch der Geist der Verneinung in mir.
Ich sagte bei mir selbst: »Viel Glück zu diesem Unternehmen, Herr
Bixby, Sie werden einige Zeit brauchen, um Jones Plantage in einer
Nacht, wie diese, zu finden. Und ich hoffe, Sie werden sie überhaupt
nicht finden, wenigstens in diesem Leben nicht!«
In diesem Augenblick fragte Herr Bixby den zweiten Steuermann, den er
eben ablöste:
»Am unteren oder oberen Ende der Plantage?«
»Am oberen!«
»Wird unmöglich sein. Es sind Baumstümpfe dort, die, wie der Fluß eben
steht, außerhalb des Wassers sind. Die Entfernung bis zum unteren Ende
ist nicht groß; er muß zufrieden sein, wenn wir dort halten.«
»Ganz wohl. Wenn es Jones nicht paßt, soll er sehen, wie er
zurechtkommt.«
Und der zweite Steuermann ging. Meine Schadenfreude verrauchte, und
statt ihrer ergriff Bewunderung meine Seele. Da stand ein Mann vor
mir, der sich nicht nur anheischig machte, eine bestimmte Plantage in
solch einer Nacht aufzusuchen, sondern auch das obere oder untere Ende
derselben, wie man eben beliebte. Es juckte mich förmlich, eine Frage
zu thun, da ich aber bereits genug kurze Antworten eingeheimst hatte,
um meine Schlafkabine damit vollzustauen, schwieg ich lieber. Die
Frage, welche ich so gerne an Herrn Bixby gerichtet hätte, war einfach
die: ob er wirklich so närrisch sei, um sich allen Ernstes einzubilden,
diese Plantage in einer Nacht, in der eine Plantage ganz genau wie die
andere aussieht, ausfindig zu machen? Aber wie gesagt, ich schwieg, wie
ich denn überhaupt in jenen Tagen in Bezug auf das, was klug war, einen
trefflichen Instinkt entwickelte.
Herr Bixby steuerte gegen das Ufer und strich an demselben hin, als
wäre es helles Tageslicht. Und dazu sang er ganz ruhig:
»Vater im Himmel, der Tag geht zur Rüste!« u. s. w.
Es blieb mir kein Zweifel, ich hatte mein Leben in die Hände eines
wahren Ausbunds von Gewissenlosigkeit gelegt. Eben als mir dies klar zu
werden begann, wandte er sich nach mir um und fragte:
»Wie heißt die erste Landspitze oberhalb New Orleans?«
Erfreulicherweise konnte ich die Frage ohne Besinnen beantworten, und
ich that es. Ich sagte, ich wüßte es nicht.
»Weißt es _nicht_?«
Die Art, in der dies ›nicht‹ betont wurde, empörte mich. Aber wie
schnell ich meine Fassung auch wiedergewann, -- ich wußte doch nichts
anderes zu sagen, als ich zuvor gesagt hatte.
»Schön so, -- du bist mir der Rechte!« entgegnete Herr Bixby. »Wie
heißt denn die nächste Spitze?«
Wieder wußte ich es nicht.
»Das geht denn doch über alles und jedes. So sage mir den Namen von
irgend einem der Punkte, welche ich dir genannt.«
Ich sann eine Weile nach und war endlich in der Lage, zu versichern,
daß ich keinen einzigen wüßte.
»Gieb acht, -- wo gingen wir oberhalb der Zwölf-Meilen-Spitze quer über
den Fluß?«
»Ich -- ich -- weiß es nicht.«
»Du -- du -- weißt es nicht --?« spottete Herr Bixby mir nach. »Was
weißt du denn?«
»Ich, -- ich? Nichts -- mit Bestimmtheit.«
»Beim Geist des großen Propheten, ich glaube dir. Du bist der ärgste
Strohkopf, der mir je vorgekommen ist, oder wovon ich je gehört habe.
Die Idee, aus dir einen Lotsen zu machen, -- aus dir! Du hast ja nicht
Grütze genug, eine alte Kuh eine Straße hinunterzusteuern.«
Und immer höher schlug sein Unwille empor. Er war ein nervöser Mann,
und sprang von einer Seite des Rades auf die andere, als ob der
Fußboden glühend sei; dann kochte er eine Weile für sich allein,
um gleich darauf wieder überzulaufen und mich mit seinem Grimme zu
verbrühen.
»Gieb acht, -- warum glaubst du, daß ich dir die Namen von den Spitzen
und Punkten da eigentlich genannt habe?«
Ich dachte zitternd einen Moment nach, und dann ließ ich mich vom
Teufel der Versuchung packen und sagte:
»Nun, zur -- zur Unterhaltung, dachte ich.«
Das war denn freilich ein rotes Tuch für meinen Stier. Er raste und
tobte derartig -- wir kreuzten gerade den Fluß -- daß es ihn ganz
blind machte, denn er rannte mit dem Boot über das Steuerruder eines
stromabwärts gehenden Getreidekahnes hinweg. Natürlich schickte die
Bemannung des Kahnes einen Hagel siedend heißer Flüche zu uns herüber.
Herrn Bixby war das gerade recht; denn voll von Gift und Galle, war
er froh, Menschenkinder zu finden, die ihm Rede und Antwort standen.
Er riß ein Fenster des Steuerhäuschens auf und streckte den Kopf
hinaus. Und dann erfolgte ein solcher Ausbruch, wie ich ihn nie
vorher erlebt hatte. Je weiter sich die beiden Fahrzeuge voneinander
entfernten, um so höher wurde Herrn Bixbys Stimme, um so wuchtiger
fielen die Beinamen, mit denen er die Enteilenden belegte. Als er
endlich das Fenster schloß, war sein Vorrat vollkommen erschöpft. Wenn
man ihn durch ein Haarsieb hätte sieben können, würde man nicht so
viel lästerliche Reden gefunden haben, um eine fromme Frau damit zu
erschrecken. Und so kam es denn, daß seine Rede durchaus menschlich und
liebreich klang, als er sich plötzlich mit den Worten zu mir wendete:
»Mein Junge, du mußt dir ein kleines Memorandumbuch anlegen und darin
alles, was ich dir erkläre, sogleich aufzeichnen. Es giebt nur _ein_
Mittel, ein guter Steuermann zu werden, und das ist: den ganzen Strom
auswendig zu lernen. Du mußt ihn ebenso genau kennen, wie dein ABC.«
Das war denn eine nicht wenig unheimliche Eröffnung für mich! Mein
Gedächtnis war nie mit etwas anderem geladen gewesen, als mit leeren
Patronen. Trotzdem hielt meine Entmutigung nicht lange an -- ich war so
sehr überzeugt, daß Herr Bixby in der zwanglosesten Weise übertrieb,
daß mir die Ueberzeugung unwillkürlich Nachsicht mit ihm auferlegte.
Auf einmal zog er an dem Strick der großen Glocke und läutete
einigemal. Die Sterne waren verschwunden, und die Nacht war schwarz
wie Tinte. Ich konnte deutlich hören, wie die Schaufelräder am Lande
hinstrichen, war jedoch keineswegs sicher, ob ich das Ufer sah. Die
Stimme des unsichtbaren Wächters auf dem Oberdeck rief:
»Was ist dies, Herr?«
»Jones Plantage!«
Ich bedauerte innerlich auf das tiefste, nicht eine Wette anbieten zu
können, daß dies _nicht_ Jones Plantage sei. Aber ich muckste nicht.
Ich wartete einfach ab. Herr Bixby zog die zum Maschinenraum führende
Glockenleitung, und im nächsten Moment stieß der Bug des Schiffes an
das Land. Eine Fackel leuchtete auf dem Vorderdecke auf, -- ein Mann
sprang auf das Ufer hinüber, -- die Stimme eines Negers klang ihm dort
entgegen: »Geben Sie mir die Reisetasche, Massa Jones,« -- und in der
nächsten Minute befanden wir uns feierlich und stattlich wieder mitten
im offenen Fahrwasser. Eine Weile dachte ich ernstlich nach, dann sagte
ich -- natürlich nicht laut --: »Wenn es je einen glücklichen Zufall
gegeben, so war es dieses Auffinden von Jones Plantage. Hundert Jahre
mögen vergehen, ehe sich wieder etwas ähnliches ereignet!« Und nicht
genug, daß ich dies bei mir selbst sagte, -- ich war auch durchdrungen
davon, daß es nur ein Zufall gewesen.
Nach und nach waren wir sieben- bis achthundert Meilen den Fluß
hinaufgekommen. Allem zum Trotz hatte ich es allmählich doch gelernt,
ein erträglicher Tages-Steuermann zu sein, und ehe wir St. Louis
erreichten, sogar in der Nachtarbeit einige Fortschritte gemacht.
Ich besaß ein Notizbuch, welches in der gediegensten Weise von
allerlei Namen von Städten, Landspitzen, Punkten, Sandbänken, Inseln,
Buchten, Krümmungen u. s. w. u. s. w. starrte. Aber diese wichtigen
Informationen waren alle nur in dem Notizbuch zu finden, -- in meinem
Kopfe hätte man vergebens danach gesucht. Auch machte es mir nicht
geringen Kummer, bloß die Hälfte des Flusses in meinem Buch zu wissen,
denn da unsere Wache jedesmal nur vier Stunden währte, denen eine
ebenso lange Pause folgte, so gähnte mir in meinen Aufzeichnungen eine
ununterbrochene Kette von Vier-Stunden-Lücken entgegen, die ich vom
Beginn der Reise an verschlafen hatte.