Diese Förmlichkeiten geschahen an der Stelle, wo später die

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text

ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist

~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

Mark Twains ausgewählte

humoristische Schriften

Illustriert von =H. Schrödter= und =Albert Richter=

Vierter Band:

Auf dem Mississippi -- Nach dem fernen Westen

[Illustration]

Stuttgart 1909 / Verlag von Robert Lutz

Auf dem Mississippi

Nach dem fernen Westen

Von

Mark Twain

Illustriert von =H. Schrödter= und =Albert Richter=

Zehnte Auflage

[Illustration]

Stuttgart 1909 / Verlag von Robert Lutz

Alle Rechte vorbehalten.

Druck von A. Bonz' Erben

Stuttgart.

Inhalt.

Auf dem Mississippi.

Seite

Einleitung 7

Der Fluß und seine Geschichte 8

Der Fluß und seine Erforscher 14

Knabenjahre am Mississippi 24

Ich gehe in die Lehre 38

Ich vollende meine Lehrzeit 50

Kunst und Wissenschaft des Lotsen 60

Ich vervollständige meine Ausbildung 67

Ich nehme einige Extrastunden 75

Das Loten 84

Was ein Lotse braucht 93

Rang und Würde des Lotsen 104

Das Lotsenmonopol 112

Die Zeit der Dampferwettfahrten 127

Abkürzungen des Stromlaufs. Stephen 135

Meister Brown 145

Brown und ich tauschen Komplimente aus 152

Eine Katastrophe 158

Nach langen Jahren 166

Ein mißlungener Feldzug 174

Nach dem fernen Westen.

Vorwort 201

Kapitel 1--20 203--320

Auf dem Mississippi.

Einleitung.

Das Becken des Mississippi ist sozusagen der Leib der Nation. Alle

anderen Teile des Landes sind nur die Glieder, zwar wichtig an sich

selbst, aber noch wichtiger in ihrer Beziehung zu jenem. Mit Ausschluß

des Seebeckens und der 300000 englischen Quadratmeilen in Texas

und Neu-Mexiko, welche jedoch in mancher Hinsicht einen Teil des

Mississippibeckens bilden, umfaßt letzteres etwa 1250000 englische

Quadratmeilen. An Ausdehnung ist es das zweitgrößte der Welt, da es

an Größe nur von demjenigen des Amazonenstromes übertroffen wird.

Das Thal des eisbedeckten Ob kommt ihm an Ausdehnung fast gleich;

das des La Plata folgt ihm an Größe und hat etwa ⁸/₉ des Areals vom

Mississippibecken; dann kommen die Thäler des Jenisei mit etwa ⁷/₉,

des Lena, Amur, Hoang-ho, Yangtse-kiang und Nil mit ⁵/₉, des Ganges

mit weniger als ½, des Indus mit weniger als ¹/₃, des Euphrat mit ¹/₅,

des _Rhein_ mit ¹/₁₅ des Mississippigebiets. Letzteres übertrifft

an Ausdehnung das ganze Europa, mit Ausschluß von Rußland, Norwegen

und Schweden; es würde Oesterreich viermal, _Deutschland_ oder

Spanien _fünfmal_, Frankreich sechsmal und die britischen Inseln

oder Italien zehnmal in sich aufnehmen. Nach den Flußbecken des

westlichen Europa kann man sich keine Vorstellung von der Ausdehnung

des Mississippigebietes machen. In dieser Beziehung wären die Becken

der sibirischen Flüsse, das hohe Plateau von Zentralasien, das sumpfige

Gebiet des Amazonenstromes bessere Vergleichsobjekte, aber diese geben

auch keinen richtigen Begriff von der Bedeutung des Mississippibeckens

für die zivilisierte Welt, weil sie durch ihre Unfruchtbarkeit, ihre

Regenlosigkeit, ihre geographische Lage nicht für den Unterhalt einer

dichten Bevölkerung so geeignet sind, wie das Mississippibecken.

Der Fluß und seine Geschichte.

Es lohnt sich wohl der Mühe, von dem Mississippi zu lesen; er ist kein

gewöhnlicher Fluß, sondern in jeder Beziehung merkwürdig. Betrachtet

man den Missouri als seinen Hauptarm, so ist er der längste Fluß der

Welt, volle viertausenddreihundert englische Meilen lang. Auch kann man

mit Sicherheit behaupten, daß er der gekrümmteste Fluß der Welt ist,

da er auf einem Teile seines Weges eintausenddreihundert Meilen weit

fließt, um eine Entfernung zurückzulegen, welche in der Luftlinie nur

sechshundertundfünfundsiebzig Meilen beträgt. Er ergießt dreimal soviel

Wasser ins Meer wie der St. Lorenzstrom, fünfundzwanzigmal soviel wie

der Rhein und dreihundertachtunddreißigmal soviel wie die Themse. Kein

anderer Strom entwässert ein so ungeheures Becken; er entnimmt sein

Wasser achtundzwanzig Staaten und Territorien zwischen Delaware an

der atlantischen Küste und Idaho an den Abhängen des Stillen Meeres,

eine Entfernung von fünfundvierzig Längengraden. Der Mississippi nimmt

das Wasser von vierundfünfzig geringeren Flüssen, die für Dampfboote

schiffbar sind, und von einigen hundert, welche von Leichtern und

Flachbooten befahren werden, in sich auf und führt es dem Golf zu. Das

Areal des von ihm entwässerten Beckens ist so groß wie der Flächenraum

von England, Wales, Schottland, Irland, Frankreich, Spanien, Portugal,

Deutschland, Oesterreich, Italien und der Türkei zusammen, und fast das

ganze weite Gebiet ist fruchtbar, das eigentliche Mississippithal sogar

in hohem Grade.

Der Mississippi ist ein bemerkenswerter Fluß auch insofern, als er nach

der Mündung zu nicht breiter wird, sondern sich verengert: er wird

schmäler und tiefer. Von der Mündung des Ohio bis zu einem Punkte,

etwa halbwegs abwärts nach dem Meere, beträgt die Breite bei hohem

Wasserstande durchschnittlich eine englische Meile; von da verringert

sich die Breite bis zum Meere stetig, bis sie bei den ›Pässen‹,

oberhalb der Mündung, nur noch wenig mehr als eine halbe Meile ist. An

der Mündung des Ohio ist die Tiefe des Mississippi siebenundachtzig

Fuß; dann nimmt sie allmählich zu, bis sie eben oberhalb der Mündung

einhundertundneunundzwanzig Fuß erreicht.

Ebenso ist der Unterschied beim Steigen und Fallen des Wassers,

zwar nicht auf dem oberen, aber auf dem unteren Laufe des Flusses

bemerkenswert. Bis nach Natchez (dreihundertundsechzig englische Meilen

oberhalb der Mündung) hinab ist das Steigen ein ziemlich gleichmäßiges

-- etwa fünfzig Fuß: bei Bayou La Fourche steigt der Fluß aber nur

vierundzwanzig, bei New Orleans fünfzehn und gerade oberhalb der

Mündung sogar nur zwei und einen halben Fuß.

Nach den Berichten erfahrener Fachleute entleert der Mississippi

alljährlich vierhundertundsechs Millionen Tonnen Schlamm in den Golf

von Mexiko, ein Quantum, das, zu einem festen Körper vereinigt, einen

Flächenraum von einer englischen Quadratmeile bedecken und eine Höhe

von zweihundertundvierzig Fuß haben würde. Die Schlammablagerungen

lassen das Land allmählich anwachsen, doch geschieht dies nur sehr

langsam, da dasselbe in den zweihundert Jahren, welche verflossen sind,

seitdem der Fluß seinen Platz in der Geschichte eingenommen hat, nur um

eine Drittelmeile vorgerückt ist. Die Gelehrten meinen, daß die Mündung

des Flusses früher bei Baton Rouge, wo das hügelige Terrain aufhört,

gelegen habe und daß die zweihundert Meilen Land zwischen dem genannten

Punkte und dem Golf vom Flusse angeschwemmt worden seien. Daraus würde

sich ohne Mühe das Alter dieses Landes auf einhundertundzwanzigtausend

Jahre berechnen lassen.

Noch in einer anderen Beziehung ist der Mississippi bemerkenswert,

nämlich durch seine Neigung, wunderbare Sprünge zu machen und schmale

Landzungen zu durchschneiden, um auf diese Weise seinen Lauf zu

begradigen und zu verkürzen. Mehr als einmal hat er sich mit einem

einzigen Sprunge um dreißig englische Meilen verkürzt! Diese Richtwege

haben seltsame Folgen gehabt: es sind dadurch verschiedene am Fluß

gelegene Städte mitten in ländliche Distrikte hinein versetzt und vor

ihnen Sandbarren und Wälder aufgebaut worden. Die Stadt Delta hat sonst

drei Meilen _unterhalb_ Vicksburg gelegen: ein vor einiger Zeit vom

Flusse eingeschlagener Richtweg hat die Lage aber radikal geändert,

denn Delta liegt jetzt zwei Meilen _oberhalb_ Vicksburg.

Beide genannten Städte sind durch jenen Durchbruch vom Flusse ins Land

hinein versetzt worden. Ein solcher Richtweg des Flusses zerstört

zuweilen sogar die Staatsgrenzen: beispielsweise kann ein Mann, der

heute im Staate Mississippi lebt, infolge eines über Nacht erfolgten

Durchbruches sich und sein Land morgen auf der andern Seite des Flusses

wiederfinden, wo er im Gebiete des Staates Louisiana ist und unter

dessen Gesetzen steht! Passierte derartiges in den früheren Zeiten am

oberen Lauf des Flusses, so konnte es vorkommen, daß ein Sklave auf

solche Weise von Missouri nach Illinois versetzt und zum freien Manne

wurde.

Der Mississippi verändert sein Bett aber nicht allein durch diese

Durchbrüche, sondern auch noch in anderer Weise, und zwar dadurch, daß

er sich seitwärts bewegt. Bei ›Hard Times‹ im Staate Louisiana fließt

der Fluß jetzt zwei englische Meilen westlich von der Stelle, die er

früher einnahm. Eine Folge davon ist, daß der ursprüngliche Ort dieser

Niederlassung sich jetzt nicht mehr im Staate Louisiana befindet,

sondern am andern Ufer, im Staate Mississippi liegt. _Fast die ganze

eintausenddreihundert englische Meilen lange Strecke des alten

Mississippi, welche La Salle vor zweihundert Jahren mit seinen Kanoes

befuhr, ist jetzt guter, fester, trockener Boden._ An einzelnen Stellen

fließt der Mississippi jetzt rechts, an anderen links von seinem alten

Bette.

Während der Schlamm des Mississippi an der Mündung, wo die Wogen des

Golfs ihn in Bewegung halten, nur langsam Land ansetzt, geschieht

dies an besser geschützten Stellen weiter aufwärts um so viel

schneller: beispielsweise maß die Propheteninsel vor dreißig Jahren

nur eintausendfünfhundert Acker, die seitdem jedoch von dem Flusse um

siebenhundert vermehrt worden sind.

Verlassen wir nun die physische Geschichte des Mississippi und wenden

uns seiner historischen zu, wenn man so sagen darf. Die Welt und die

Bücher pflegen das Wort ›neu‹ so oft in Verbindung mit unserem Lande

zu gebrauchen, daß man bald den dauernden Eindruck gewinnt, als sei

an demselben überhaupt nichts Altes. Wir wissen natürlich, daß es in

der amerikanischen Geschichte einige verhältnismäßig alte Daten giebt,

allein die bloßen Ziffern vermögen unserem Geiste keine richtige Idee,

kein bestimmtes Bild von der Zeitperiode, welche sie repräsentieren,

zu geben. Wenn einer sagt, daß _De Soto_, der erste Weiße, welcher

den Mississippistrom sah, ihn im Jahre 1542 erblickte, so ist das eine

Bemerkung, welche eine bloße Thatsache angiebt, ohne sie zu erklären:

es ist dasselbe, wie wenn man die Dimensionen der untergehenden Sonne

nach astronomischen Maßen und ihre Farben mit den wissenschaftlichen

Namen angiebt; man hat dann die bloße Thatsache des Sonnenuntergangs,

kann sich von demselben aber kein Bild machen. Ebenso hat das Datum

1542 an und für sich für uns wenig oder gar keine Bedeutung; erst wenn

man einige benachbarte historische Daten und Thatsachen um dasselbe

gruppiert, gewinnt es Perspektive und Farbe und zeigt, daß es zu

denjenigen amerikanischen Daten gehört, die ein ganz respektables Alter

besitzen.

De Soto warf nur einen flüchtigen Blick auf den Fluß, starb dann

und wurde von seinen Priestern und Soldaten in demselben begraben.

Man sollte meinen, daß die Priester und Soldaten -- nach damaliger

spanischer Sitte -- die Dimensionen des Flusses um das zehnfache

vergrößert und dadurch andere Abenteurer veranlaßt hätten, sofort

aufzubrechen, um ihn zu erforschen. Allein als ihre Schilderungen

die Heimat erreichten, erregten sie keineswegs solch große Neugier,

vielmehr verflossen volle einhundertunddreißig Jahre, bis der zweite

Weiße den Mississippi besuchte. Heutigen Tages läßt man keinen so

langen Zeitraum vorübergehen, wenn jemand etwas Wunderbares geschaut

oder erlebt hat. Entdeckte jetzt jemand einen Bach in der Nähe des

Nordpols, so würden Europa und Amerika sofort fünfzehn Expeditionen

dorthin senden, die eine, um den Bach zu erforschen, die übrigen

vierzehn, um sich gegenseitig aufzusuchen.

[Illustration]

Schon länger als einhundertundfünfzig Jahre waren an der atlantischen

Küste Ansiedelungen der Weißen gewesen. Diese Leute standen in

innigster Verbindung mit den Indianern: im Süden wurden letztere

von den Spaniern beraubt, abgeschlachtet, zu Sklaven gemacht und

bekehrt; weiter hinauf trieben die Engländer Tauschhandel mit den

Indianern um Perlen und wollene Decken und schenkten ihnen die

Zivilisation und den Branntwein; und in Kanada brachten die Franzosen

ihnen die Elementarlehren bei, schickten Missionare zu ihnen und

zogen zeitweilig ganze Stämme nach Quebec und später nach Montreal,

um ihnen Pelze abzukaufen. Diese verschiedenen Gruppen von Weißen

mußten notwendigerweise von dem großen Flusse des fernen Westens

vernommen haben; sie hatten auch thatsächlich von ihm gehört, aber in

so flüchtiger und unbestimmter Weise, daß sie sich kaum ein Bild von

dem Lauf, den Verhältnissen und der Lage des Stromes machen konnten.

Gerade das Geheimnisvolle der Sache hätte die Neugier anfachen und zur

Nachforschung anspornen sollen, allein das geschah nicht. Offenbar

wollte zufälligerweise niemand solchen Fluß haben, niemand brauchte

ihn, niemand war neugierig auf ihn, und so blieb denn der Mississippi

anderthalb Jahrhunderte lang außerhalb des Marktes und ungestört. Auch

De Soto suchte, als er den Mississippi auffand, keinen Fluß und hatte

im Augenblick keine Verwendung dafür; infolgedessen maß er ihm auch

keinen Wert bei und schenkte ihm keine besondere Beachtung.

Schließlich kam der Franzose _La Salle_ auf den Gedanken, den Fluß

aufzusuchen und zu erforschen. Sobald jemand auf eine vernachlässigte,

aber wichtige Idee verfällt, tauchen bekanntlich stets allenthalben

Leute auf, welche von demselben Gedanken beseelt sind, und so geschah

es auch hier.

Naturgemäß wirft sich da die Frage auf: Weshalb wollten diese Leute

den Fluß jetzt haben, nachdem niemand ihn während der vorhergehenden

fünf Generationen gewollt hatte? Offenbar weil man zu dieser späteren

Zeit ein Mittel, ihn nutzbar zu machen, entdeckt zu haben meinte, denn

man war zu der irrtümlichen Annahme gelangt, der Mississippi ergösse

sich in den Golf von Kalifornien und böte daher einen kürzeren Weg für

die Reise von Kanada nach China, während man vorher viel richtiger

angenommen hatte, daß derselbe in das atlantische Meer oder die

virginische See münde.

Der Fluß und seine Erforscher.

_La Salle_ suchte bei Ludwig XIV. unseligen Andenkens um gewisse

wichtige Privilegien nach, die ihm vom Könige auch gnädigst gewährt

wurden. Das hauptsächlichste derselben war das Recht, das Land fern

und nah zu erforschen, Forts zu bauen, Kontinente abzustecken und

sie dem Könige zu übergeben. Die Kosten mußte er selbst tragen. Als

Gegenleistung erhielt er dafür einige kleine Vorteile der einen oder

anderen Art und darunter namentlich das Monopol der Büffelhäute. La

Salle brauchte mehrere Jahre und verschwendete fast sein ganzes Geld,

um einige gefährliche und aufreibende Reisen von Montreal nach seinem

von ihm am Illinois erbauten Fort zu machen, ehe es ihm schließlich

gelang, seine Expedition in solchen Stand zu bringen, daß er mit

derselben nach dem Mississippi aufbrechen konnte.

Mittlerweile hatten aber andere mehr Glück gehabt. Im Jahre 1673

durchkreuzten der Kaufmann Joliet und der Priester Marquette das Land

und erreichten die Ufer des Mississippi. Sie hatten den Weg über die

großen Binnenseen gemacht und dann von ›Green Bay‹ die Reise in Kanoes

den Fox River und den Wiskonsin hinab fortgesetzt. Marquette hatte am

Fest der unbefleckten Empfängnis den Schwur abgelegt, daß, wenn die

heilige Jungfrau ihn den großen Fluß entdecken ließe, er denselben

ihr zu Ehren Empfängnisfluß nennen wolle, und er hielt sein Wort. In

damaliger Zeit gehörte zur Ausrüstung einer jeden Expedition eine

Anzahl Priester; De Soto hatte deren vierundzwanzig und auch La Salle

hatte einige bei sich. Oft fehlte es den Expeditionen an Fleisch und

mangelte es ihnen an Kleidungsstücken, allein stets befanden sie sich

im Besitz der für die Messe erforderlichen Gegenstände und Requisiten,

und waren, wie einer der wunderlichen Geschichtsschreiber jener Zeit

sich ausdrückte, immer bereit, »den Wilden die Hölle zu erklären.«

Am 17. Juli 1673 erreichten Joliet und Marquette nebst fünf Genossen in

ihren Kanoes die Vereinigung des Wiskonsin mit dem Mississippi. »Vor

ihnen -- erzählt Parkman -- kreuzte ihren Weg ein breiter und rascher

Strom, der am Fuße von hohen, mit dichten Waldungen bedeckten Hügeln

dahinfloß. Dann wandten sie sich seitwärts und ruderten den Strom

hinab, an welchem die Einsamkeit auch nicht durch die allergeringste

Spur von Menschen gestört wurde.«

Während der Fahrt stieß ein großer Fisch, wahrscheinlich ein

~cat-fish~, gegen das Kanoe Marquettes und erschreckte ihn, nicht ohne

Grund, da er von den Indianern gewarnt und darauf aufmerksam gemacht

worden war, daß er eine tollkühne und gefährliche Reise mache, denn

der Fluß enthalte einen Dämon, »dessen Gebrüll aus weiter Ferne zu

hören sei und der ihn in den Abgrund, wo er sich aufhalte, hinabziehen

werde.« Ich selbst habe im Mississippi einen Fisch dieser Art von mehr

als sechs Fuß Länge und zweihundertundfünfzig Pfund Gewicht gesehen,

und wenn der Fisch Marquettes von ähnlicher Größe war, so konnte

letzterer mit gutem Recht glauben, daß der brüllende Dämon des Flusses

gekommen sei.

[Illustration]

Endlich begann der Büffel sich zu zeigen, der auf den damals den Fluß

begrenzenden Prairieen in Herden graste. Marquette beschreibt das wilde

und bestürzte Aussehen der alten Bullen, »als sie durch wirre, sie fast

blind machende Mähnen nach den Eindringlingen stierten.«

Die Reisenden drangen vorsichtig weiter: »sie landeten bei Nacht und

zündeten Feuer an, um ihre Abendmahlzeit zu kochen; löschten das Feuer

dann aus, schifften sich wieder ein, ruderten eine Strecke weiter und

legten sich dann im Strome vor Anker, während ein Mann bis zum nächsten

Morgen Wache hielt.«

Dies geschah Tag für Tag und Nacht für Nacht, und nach Ablauf von zwei

Wochen hatten sie kein menschliches Wesen gesehen. Der Fluß war damals

eine schreckliche Einöde und ist es auf einem Teile seines Laufes noch

heute.

Gegen Ende der zweiten Woche entdeckten sie aber eines Tages im

Schlamm am westlichen Ufer menschliche Fußspuren. Man hatte sie vor

den Indianern am Flusse gewarnt, die so wild und erbarmungslos wie

der Flußdämon seien und alle Fremdlinge vernichten sollten, auch wenn

sie von diesen nicht gereizt würden; nichtsdestoweniger marschierten

Joliet und Marquette ins Land hinein, um die Urheber der Fußspuren

aufzusuchen. Sie fanden sie auch bald und wurden feierlich empfangen

und gut behandelt, d. h. falls man von einem feierlichen Empfang

reden darf, wenn der Indianerhäuptling, um sich im besten Lichte zu

zeigen, seinen letzten Lappen vom Leibe nimmt, sofern es eine gute

Behandlung ist, wenn Fisch, Fleischbrühe und andere Speisen, darunter

auch Hundefleisch, einem im Ueberfluß vorgesetzt und diese Dinge einem

von den bloßen Fingern der Indianer in den Mund geschoben werden.

Am nächsten Morgen begleitete der Häuptling mit sechshundert seiner

Stammesgenossen die Franzosen nach dem Flusse zurück und sagte ihnen in

freundschaftlicher Weise Lebewohl.

Auf den Felsen oberhalb der jetzigen Stadt Alton fanden die Franzosen

einige rohe und phantastische indianische Zeichnungen, die von ihnen

beschrieben wurden. Eine kleine Strecke weiter abwärts »stürzte

sich ein Strom gelben Schlammes quer in das ruhige blaue Wasser des

Mississippi, kochend, brausend und Stämme, Aeste und entwurzelte Bäume

mit sich führend.« Das war die Mündung des Missouri, »jenes wilden

Flusses, der nach seinem tollen Laufe durch ein ungeheures unbekanntes

Gebiet des Barbarentums seine trüben Fluten in den Schoß seiner

sanfteren Schwester ergießt.«

Dann kamen sie an der Mündung des Ohio vorbei; sie passierten

Rohrdickichte, kämpften gegen die Moskitos, trieben Tag für Tag durch

die tiefe Stille und Einsamkeit des Flusses dahin, unter dem dürftigen

Schatten der als Notbehelf dienenden Sonnenzelte schlummernd und in

der Sonnenhitze bratend; sie trafen noch einen anderen Trupp Indianer,

tauschten Höflichkeiten mit denselben aus und erreichten endlich, etwa

einen Monat nach dem Aufbruch, die Mündung des Arkansas, wo ihnen eine

Schar Wilder mit Kriegsgeheul entgegenstürmte, um sie zu ermorden, doch

flehten sie zur heiligen Jungfrau um Hilfe, und anstatt eines Kampfes

wurde ein Fest gefeiert, bei welchem freundschaftliche Unterhaltungen

geführt und allerlei Kurzweil getrieben wurden.

Nach ihrer Ueberzeugung hatten sie nachgewiesen, daß der Mississippi

sich nicht in den Golf von Kalifornien oder ins atlantische Meer

ergösse; sie glaubten, er münde in den Golf von Mexiko, und kehrten um

und brachten ihre große Neuigkeit nach Kanada.

Allein der Glaube ist noch kein Beweis, und es war La Salle

vorbehalten, diesen Beweis zu liefern. Er wurde in ärgerlicher Weise

bald durch diesen, bald durch jenen Unfall aufgehalten, allein

schließlich brachte er um das Ende des Jahres 1681 seine Expedition

doch in Gang. Mitten im Winter traten er und sein Lieutenant Henry de

Tonty, der Sohn Lorenzo Tontys, des Erfinders der Tontine, mit einem

Gefolge von achtzehn Indianern, die sie von Neu-England mitgebracht

hatten, sowie dreiundzwanzig Franzosen die Reise den Illinois hinab

an, und zwar marschierten sie zu Fuß auf der Eisdecke des Flusses hin,

während sie ihre Kanoes auf Schlitten hinter sich herzogen.

Nachdem sie beim Peoriasee offenes Wasser getroffen hatten, ruderten

sie von dort nach dem Mississippi und wandten dann den Bug ihrer

Fahrzeuge nach Süden. Sie arbeiteten sich durch die treibenden

Eisfelder, an der Mündung des Missouri und später auch an derjenigen

des Ohio vorüber, »glitten an den Einöden der den Fluß einfassenden

Sümpfe vorbei und landeten am 24. Februar bei den ›Dritten

Chikasaw-Klippen‹, wo sie Halt machten und das Fort Prudhomme anlegten.«

»Dann -- erzählt Parkman -- schifften sie sich wieder ein, und mit

jedem Schritte ihrer abenteuerlichen Reise enthüllte sich ihnen mehr

und mehr das Geheimnis dieser ungeheuren neuen Welt. Immer weiter kamen

sie in das Reich des Frühlings: das verschleierte Licht der Sonne, die

warme schwüle Luft, das zarte Laubwerk, die sich öffnenden Blüten waren

ihnen Zeichen des wiedererwachenden Lebens der Natur.«

[Illustration]

Tag für Tag trieben sie im Schatten dichter Waldungen die großen

Biegungen des Flusses hinab, bis sie endlich bei der Mündung des

Arkansas eintrafen. Anfänglich wurden sie von den Eingeborenen dieser

Gegend in derselben Weise begrüßt, wie Marquette von ihnen empfangen

war -- mit dem Getöse der Kriegstrommel und dem Klirren der Waffen.

Bei Marquette hatte die heilige Jungfrau die Schwierigkeit beseitigt,

bei La Salle geschah dies durch die Friedenspfeife. Der weiße Mann

und die Rothaut reichten sich die Hand und unterhielten sich drei

Tage lang miteinander. Dann errichtete La Salle vor den staunend

zuschauenden Wilden ein Kreuz mit dem französischen Wappen und nahm --

nach der unverschämten Sitte jener Zeit -- für den König Besitz von

dem ganzen Lande, während der fromme Priester die Räuberei mit einer

Hymne segnete. Um die Wilden zu retten, erklärte der Priester ihnen

›mittelst Zeichen‹ die Geheimnisse des Glaubens und entschädigte sie

auf diese Weise durch mögliche Besitztümer im Himmel für die wirklichen

auf Erden, deren man sie soeben beraubt hatte. Und in derselben Weise

veranlaßte La Salle diese einfachen Kinder des Waldes durch Zeichen

dazu, daß sie Ludwig dem Verdorbenen, der sich jenseit des Wassers

befand, huldigten. Niemand lächelte über solche kolossale Ironie.

Diese Förmlichkeiten geschahen an der Stelle, wo später die Stadt

Napoleon im Staate Arkansas gebaut wurde. Dort wurde das erste

Konfiszierungskreuz an den Ufern des großen Flusses errichtet. Die

Entdeckungsreise Marquettes und Joliets endet an demselben Orte -- der

Stelle der zukünftigen Stadt Napoleon. Auch De Soto befand sich, als er

in jenen fernen Zeiten den Blick auf den großen Fluß warf, an demselben

Orte -- der Stelle der zukünftigen Stadt Napoleon im Staate Arkansas.

Mithin sind drei von den vier denkwürdigen Ereignissen, welche mit

der Entdeckung und Erforschung des mächtigen Stromes verknüpft sind,

zufälligerweise an einem und demselben Orte passiert. Es ist ein höchst

seltsamer Zufall, wenn man darüber nachdenkt: Frankreich hat das

ungeheure Land an dieser Stelle, der Stelle des zukünftigen Napoleon

gestohlen, und später mußte Napoleon selbst das Land zurückgeben,

allerdings nicht seinen Eigentümern, sondern den sie beerbenden weißen

Amerikanern!

Die Reisenden setzten darauf die Fahrt fort, landeten hier und da,

»passierten die später historisch gewordenen Stellen von Vicksburg und

Grand Gulf« und besuchten einen mächtigen Häuptling des Tachelandes,

dessen ansehnliche Hauptstadt aus Backsteinen bestand, die an der

Sonne getrocknet und mit Stroh vermischt waren. Jene Häuser waren

meist besser, als man sie heute in der Gegend findet. Die Wohnung des

Häuptlings besaß eine Halle von vierzig Quadratfuß Größe, wo derselbe,

umgeben von sechzig in weiße Mäntel gehüllten Greisen, Tonty in vollem

Staate empfing. Es befand sich auch ein Tempel in der Stadt, von einer

Lehmmauer umgeben, die mit den Schädeln der der Sonne geopferten Feinde

verziert war.

Darauf besuchten die Reisenden die Natchez-Indianer in der Nähe der

Stelle, wo jetzt die Stadt dieses Namens steht; sie fanden dort

»religiösen und politischen Despotismus, eine von der Sonne abstammende

privilegierte Klasse, einen Tempel und ein heiliges Feuer.« Es muß

ihnen also geschienen haben, als wären sie wieder in ihre alte Heimat

zurückgekehrt, nur mit dem Vorteil, daß Ludwig XIV. hier fehlte.

Nach Verlauf einiger weiterer Tage stand La Salle unter seinem

Konfiszierungskreuze am Zusammenfluß der Gewässer aus Delaware, Itaska

und von den Bergketten am Pazifik mit denjenigen des Golfs von Mexiko:

seine Aufgabe war beendet, sein Ziel erreicht. Parkman sagt am Schluß

seiner interessanten Schilderung:

»An jenem Tage erhielt das französische Reich einen ungeheuren Zuwachs.

Die fruchtbaren Ebenen von Texas, das ungeheure Becken des Mississippi,

von den gefrorenen Quellen im Norden bis zu den heißen Küsten des

Golfes, von den bewaldeten Abhängen des Alleghanygebirges bis zu den

kahlen Spitzen der Felsenberge, ein Gebiet von Savannen und Wäldern,

von der Sonnenhitze gespaltenen Wüsten und mit Gras bewachsenen

Prairieen, von etwa tausend Flüssen bewässert und von tausend

kriegerischen Stämmen bewohnt, kam unter das Szepter des Sultans von

Versailles, und zwar durch eine schwache, menschliche Stimme, die kaum

eine halbe englische Meile weit zu hören war.«

Der Entwicklung von Handel und Verkehr schien nun nichts mehr im Wege

zu stehen. Allein die Ansiedlung längs der Ufer vollzog sich ebenso

ruhig, allmählich und langsam, wie die Entdeckung und Erforschung. Es

vergingen siebzig Jahre nach der Erforschung des Flusses, ehe seine

Ufer eine nennenswerte weiße Bevölkerung hatten, und beinahe weitere

fünfzig Jahre, bis der Fluß einen Verkehr bekam. Der erste Verkehr des

Stromes fand in großen Leichtern und Flachbooten statt, die von den

oberen Flüssen nach New Orleans hinabtrieben oder segelten, dort ihre

Ladungen austauschten und in mühevoller Weise vermittelst ›Warpanker‹

und ›Staken‹ zurückgebracht wurden. Eine Reise den Fluß hinab und

wieder zurück nahm zuweilen neun Monate in Anspruch. Mit der Zeit nahm

dieser Verkehr zu, bis derselbe ganzen Scharen rauher, abgehärteter

Leute Beschäftigung gab, ungebildeten aber braven Burschen, welche

die fürchterlichsten Strapazen mit seemännischem Stoicismus ertrugen,

stark tranken, an rohen Vergnügungen und Faustkämpfen Gefallen fanden,

ihr Geld vergeudeten, am Ende der Reise bankerott waren, barbarischen

Schmuck liebten und in der fürchterlichsten Weise prahlten; im großen

und ganzen aber Leute, die ehrlich, zuverlässig, pflichttreu und oft

romantisch großmütig waren.

Nach und nach trat dann das Dampfboot auf. Etwa fünfzehn bis zwanzig

Jahre setzten diese Leute ihre Flachbootfahrten stromab noch fort,

während die Dampfboote den ganzen Verkehr stromaufwärts besorgten. Die

Flachbootbesitzer verkauften ihre Fahrzeuge in New Orleans und kehrten

als Deckspassagiere auf den Dampfern in die Heimat zurück.

Nach einer Weile nahmen die Dampfboote so sehr an Zahl und

Schnelligkeit zu, daß sie den ganzen Verkehr bewältigen konnten, und

nun ging die Flachbootfahrt ihrer vollständigen Auflösung entgegen.

Die Flachbootleute wurden Deckarbeiter, Steuerleute und Lotsen auf den

Dampfern, oder suchten, wenn sie auf diesen nicht ankommen konnten,

Beschäftigung auf den Pittsburger Kohlenleichtern oder den in den

Wäldern am oberen Mississippi gebauten Flößen von Fichtenholz.

In der regsten Zeit der Dampfschiffahrt war der Fluß von einem Ende bis

zum anderen mit Kohlenleichtern und Holzflößen bedeckt, die sämtlich

von Menschenkraft bewegt wurden und großen Scharen jener vorstehend

geschilderten, rauhen Charaktere Beschäftigung gaben. Ich erinnere

mich wohl noch der mächtigen Flöße, welche während meiner Knabenzeit

alljährlich in ganzen Prozessionen bei Hannibal vorbeizugleiten

pflegten, jedes von weißen, lieblich nach Harz duftenden Planken,

beinahe einen Morgen Fläche einnehmend, bedeckt. Sie hatten meistens

eine Mannschaft von zwei Dutzend oder mehr Leuten und trugen auf dem

geräumigen Deck drei bis vier Hütten zum Schutz gegen Sturm und Wetter.

Die rauhen Manieren und prahlerischen Gespräche der Flößer sind mir

ebenfalls noch in guter Erinnerung, da wir oft eine Viertelmeile oder

weiter in den Fluß hinaus zu schwimmen pflegten, um auf die Flöße zu

klettern und eine Strecke mitzufahren.

Knabenjahre am Mississippi.

Als ich ein Knabe war, gab es unter meinen Kameraden in unserem

Heimatsort am westlichen Ufer des Mississippi nur _einen_ beständigen

Ehrgeiz. Es war der: ein ›Dampfbootmann‹ zu werden. Wohl hatten wir

hin und wieder flüchtige Begierden anderer Art, aber sie waren nur

vorübergehend. Wenn ein Zirkus erschien und wieder davon zog, so

brannten wir eine Zeitlang nach der Lebensstellung eines Clowns.

Die erste Negerminstrel-Gesellschaft[1], welche in unsrer Gegend

auftauchte, erweckte die Begierde in uns, es mit diesem Beruf zu

versuchen. Und es gab sogar Zeiten, in denen wir ernstlich hofften,

Gott würde uns, wenn wir gesund und am Leben blieben, Seeräuber werden

lassen. Aber alle diese Wünsche und Träume zerrannen wieder, wie sie

gekommen waren. Nur der Ehrgeiz, ein Dampfbootmann zu werden, blieb

fest in unsren Seelen.

[1] ~Negro Minstrels~ = Sängergesellschaft von Negern.

[Illustration]

Einmal an jedem Tag kam ein kleines Packboot stromaufwärts von St.

Louis, ein anderes thalabwärts von Keokuk, und legte jedesmal bei

unserem Städtchen an. Ehe sich dieses Doppelereignis vollzogen hatte,

war alles Leben und Erwartung. Sobald es vorüber war, wurde der Tag

öd und leer. Noch heute, nach Verlauf all der Jahre, kann ich mir ein

getreues Bild von damals machen: die weißen, im Sonnenschein eines

heißen Sommermorgens träumenden Häuser; die Gassen öde oder doch

nahezu so; vor den Läden der Uferstraße ein oder zwei Commis, die

auf ihren hintenüber an die Wand gelehnten Holzstühlen eingeschlafen

waren -- das Kinn auf der Brust, den Schlapphut tief über das Gesicht

gezogen -- rings herum eine Menge Holzschnitzel und Spähne, die

über den Zeitvertreib, welcher sie derartig erschöpft hatte, keinen

Zweifel ließen; auf dem Seitenweg spazierte ein Mutterschwein mit

seinen Jungen und that sich an Abfällen von Wassermelonen gütlich; am

Landungsplatz lagen zwei oder drei Haufen von Frachtstücken und ein

Ballen Häute umher, in deren Schatten der alkoholduftende Trunkenbold

des Ortes seinen Morgenrausch verschlief; am Ende der Landungsbrücke

schaukelten ein paar Flachboote auf dem Wasser, aber nirgends war

eine Menschenseele, um dem leisen Getön der anschlagenden Wellen

zu lauschen; und endlich der große und majestätische Mississippi

mit seiner meilenbreit in der Sonne leuchtenden Flut, den dichten

Waldungen des entgegengesetzten Gestades und seinen Landzungen oberhalb

und unterhalb des Städtchens, wodurch er den Blick begrenzt und wie

ein stiller und großartiger See erscheint. Plötzlich steigt ein

schwarzes Rauchwölkchen hinter einer jener fernen Landzungen empor

und ein farbiger Lastträger, weit berühmt durch sein scharfes Auge

und seine Stentorstimme, stößt den Ruf aus: »D--a--mpf--b--o--o--t

k--o--mmt,« und wie mit einem Zauberschlag ist die Szene verwandelt!

Der Ortstrunkenbold reibt sich die Augen; die Ladendiener erwachen;

Wagenrasseln und Karrenrollen ertönt; jedes Haus und jeder Laden

entsendet einen Beitrag in Menschengestalt zu dem plötzlich das Ufer

erfüllenden Leben, und im Handumdrehen ist das ganze Städtchen, eben

noch Schlaf und Tod, ganz und gar Leben und Bewegung. Lastwagen,

Schubkarren, Packträger, Arbeiter, Männer und Knaben hasten und eilen

von allen Seiten her nach dem gemeinsamen Ziel des Landungsplatzes.

Dort angelangt heften sich alle Blicke auf das herandampfende Boot,

als wäre es ein Wunder, das sich ihnen zum erstenmale enthüllt.

Und es ist auch thatsächlich ein wunderhübscher Anblick -- dieses

Boot, wie es scharf, sicher und selbstbewußt einherbraust. Es hat

zwei hohe, oben verzierte Rauchfänge, zwischen denen ein goldenes

Emblem in der Sonne glitzert; das ganz aus Glas und zierlichem

Holzwerk bestehende Pilotenhäuschen ragt vom obersten Deck wie ein

Zuckerbäckerkunstwerk empor; die Radkasten tragen die Namen des Bootes

inmitten eines goldenen Strahlenkranzes; die verschiedenen Decks sind

von sauberen weißen Geländern eingefaßt; vom Flaggenstock flattert

grüßend eine prächtige Flagge hernieder; die Thüren des Heizraumes

sind weit geöffnet, und die Feuer glühen lustig; die oberen Decks

sind ganz schwarz voll Passagiere; der Kapitän steht oben neben der

großen Glocke, stattlich und ruhig -- die Bewunderung und der Neid

aller; große, schwarze Massen chaotischen Rauches quellen aus den

Schornsteinen -- ein billiges Schauspiel, das von den Heizern dadurch

hervorgebracht wurde, daß sie kurz vor der Ankunft an einem Halteplatz

ein Stück harziges ~Pitch-Pine~ (das amerikanische Tannenholz) in

die Feuer warfen; die Mannschaft ist auf dem Vorderdeck gruppiert;

die Landungsbrücke ragt über die Seite des Boots hervor, und der

beneidenswerteste aller Matrosen steht, das Ende eines dicken Taues

in der Hand, malerisch und weithin sichtbar auf ihr. Jetzt tönt ein

lautes Schrillen aus dem kleinen Dampfrohr, der Kapitän hebt die Hand,

eine Glocke läutet, die Räder stoppen, dann schlagen sie rückwärts,

das Wasser zu Schaum peitschend, und der Dampfer steht regungslos. Nun

entsteht ein toller Wirrwarr, indem die einen ans Land, die andern

an Bord drängen, und gleichzeitig die Frachtstücke eingeladen und

ausgeladen werden, -- dazwischen schreit und flucht die Mannschaft,

um sich die Arbeit zu erleichtern. Zehn Minuten später, und alles ist

vorüber; der Dampfer ist wieder in Fahrt; schon treibt er mitten im

Strom dahin, ohne Flagge am Stock und ohne das Schauspiel qualmender

Schornsteine. Nach abermals zehn Minuten verschwindet er hinter der

entgegengesetzten der beiden Landzungen, und der Ort ist in seine alte

Totenstille und der Ortstrunkenbold in seinen Schlummer neben den

Häuten zurückgesunken.

* * * * *

Mein Vater war Friedensrichter des Städtchens und ich glaubte nicht

anders, als daß er Gewalt über Leben und Tod aller übrigen Menschen

besaß, und jeden, der ihn ärgerte, hängen lassen konnte. Das war genug,

um mein Selbstgefühl zu befriedigen, aber der Wunsch, ein Dampfbootmann

zu werden, machte sich trotzdem mit immer wachsender Stärke geltend.

Zuerst wünschte ich Kajütsjunge zu werden, damit ich beim Anlegen

des Bootes in einer weißen Schürze erscheinen und ein Tafeltuch über

das Geländer hinweg ausschütteln konnte, wo mich alle meine früheren

Kameraden sehen konnten. Später hielt ich es für begehrenswerter,

der Matrose zu sein, welcher bei Ankunft des Dampfers mit dem Tau in

der Hand auf dem Ende des vorgeschobenen Landungssteges steht, weil

derselbe ganz besonders auffällt. Aber das waren nur Träume -- zu

himmlisch, um auch nur ferne die Annahme, daß sie je Wahrheit werden

könnten, aufkommen zu lassen.

Eines Tages verschwand einer unserer Kameraden in der geheimnisvollsten

Weise. Wochen und Monate hörte man nichts von ihm. Endlich sahen wir

ihn wieder -- sahen ihn wieder als Maschinistengehilfen auf einem

Dampfboot! Dieser Vorfall schlug das ganze Gebäude meiner in der

Sonntagsschule erworbenen Moral in Trümmer. Jener Knabe war von jeher

ein notorisches Weltkind gewesen -- während ich das gerade Gegenteil

war. Und doch hatte ihn das Schicksal so hoch gehoben -- während es

mich in Dunkelheit und Jammer schmachten ließ. Er trug sein Glück

und seine Größe ziemlich protzig zur Schau. Er wußte es stets so

einzurichten, daß er, während sein Boot anlegte, irgend etwas zu putzen

hatte, und dann stellte er sich gerade so zu seiner Arbeit, daß wir

ihn alle sehen und beneiden konnten. Und allemal, wenn sein Boot bis

zum nächsten Tage rastete, besuchte er seine Eltern und stolzierte in

der Stadt herum in seinen schwärzesten und fettigsten Kleidern, so

daß es absolut niemandem entgehen konnte, daß er ein Dampfbootmann

sei. Zu gleicher Zeit bediente er sich in seiner Ausdrucksweise mit

besonderem Fleiß allerlei technischer, auf Dampfschiffen gebräuchlicher

Bezeichnungen und Redewendungen, als sei er so daran gewöhnt, daß er

an die gewöhnlichen Menschen, welche nichts davon verstanden, gar

nicht dachte. Er konnte von der ›Backbordseite‹ eines Pferdes in

einer so ungezwungenen und natürlichen Weise sprechen, daß er den

Gutmütigsten von uns wütend machte. Und dann schwatzte er immer von

›Saint Lu--u--y‹, mit einer Betonung, als wäre er einer der ältesten

Bewohner jener wundervollen Stadt, und erzählte von dem letzten Feuer

daselbst, welches er hatte löschen helfen, und rechnete uns vor, wie

vielemale unsre Stadt abbrennen müßte, ehe wir den Ruhm einer solchen

Feuersbrunst in Anspruch nehmen dürften. Zwei oder drei von uns hatten

sich lange eines besonderen Ansehens erfreut, weil sie einmal in St.

Louis gewesen waren und eine vage Idee von seinen Wundern hatten --

aber mit ihrem Glanze war es nun aus und vorbei. Sie verfielen in

demütiges Stillschweigen und suchten sich zu drücken, so oft der

widerwärtige ›Maschinistenaffe‹ erschien. Und nicht genug damit, der

Bursche hatte auch Geld und Haaröl dazu. Selbst eine höchst anmaßliche

Silberuhr mit einer ganz unleidlich blitzenden Tombakkette besaß er.

Hosenträger verachtete er und trug statt ihrer einen ebenso albernen

wie auffallenden Lederriemen. Wenn je ein junger Mensch von seinen

Kameraden bewundert und gehaßt wurde, so war es dieser. Kein Mädchen

konnte ihm widerstehen. Er stach jeden Burschen im Orte aus. Als

endlich sein Boot in die Luft flog, erfüllte dies unsre Gemüter mit

einer stillen Freude und einer Beruhigung, wie wir sie seit Monaten

nicht gekannt hatten. Als er aber eine Woche danach wieder leibhaftig

im Städtchen ankam, und über und über mit Pflastern und Binden bedeckt

am Sonntag in der Kirche erschien, ein strahlender Held, angestarrt

und angestaunt von jedermann: da schien es uns denn doch, als habe

die Parteilichkeit der Vorsehung für ein unwertes Reptil einen Grad

erreicht, daß die übrige Menschheit zur Kritik herausgefordert wurde.

Das Leben und die Laufbahn dieses Geschöpfes konnte nur eine Folge

haben, und dieselbe ließ nicht lange auf sich warten. Knabe um Knabe

ging auf den Fluß! Der Sohn des Geistlichen wurde Maschinist; die Söhne

des Doktors und des Postmeisters erlangten Stellungen als Gepäck- und

Frachtschreiber. Der des Spirituosenhändlers brachte es zum Schenkwirt

auf einem Missouriboot. Die vier Jungen des Hauptellenwarenhändlers des

Ortes und die zwei des Bezirksrichters endlich wurden Lotsen. Lotsen

war das Höchste von allem. Selbst in jenen Zeiten der Sparsamkeit

und der geringen Bezahlungen erhielt ein Lotse einen fürstlichen

Gehalt: hundertfünfzig bis zweihundertfünfzig Dollars den Monat und

alles frei. Zwei Monate seines Einkommens kamen dem Jahresgehalt eines

Geistlichen gleich! Man denke sich die Verzweiflung derer von uns, die

zurückbleiben mußten, die nicht -- wenigstens nicht mit dem Willen

ihrer Eltern -- auf den Fluß durften!

Und so geschah es denn eines Tages -- daß ich durchging! Ich schwur

mir zu, niemals zurückzukehren, außer als Lotse und in vollster

Glorie. Aber wie ernst ich es auch meinte -- es wollte und sollte

mir damit nicht glücken. Ich machte in aller Bescheidenheit meine

Aufwartung an Bord verschiedener Dampfer, welche, Sardinen gleich

zusammengeschichtet, längs der Werft von St. Louis lagen und erkundigte

mich demütig nach den Lotsen, wurde aber von den Matrosen und sonstigen

Angestellten kurz und kühl abgewiesen. Wohl oder übel mußte ich mir

diese Behandlung gefallen lassen und tröstete mich mit den Bildern

einer besseren Zukunft, wenn ich ein großer und berühmter Lotse sein

würde, mit Geld genug, um einem Heer von diesen Matrosen und Schreibern

den Garaus zu machen und den Schaden zahlen zu können.

Drei Monate später -- und diese und ähnliche Hoffnungen hatten den

Todeskampf in mir gekämpft. Ich erwachte eines Morgens ohne irgend

einen Ehrgeiz, aber ich schämte mich, nach Hause zurückzukehren. Ich

befand mich gerade in Cincinnati und entschloß mich, an die Wahl eines

neuen Lebensberufes zu gehen. Der Zufall wollte, daß ich kurz vorher

von den neuesten Entdeckungen im Gebiet des Amazonenstromes durch eine

von unsrer Regierung dahin entsendete Erforschungsexpedition gelesen

hatte. Es war darin gesagt, daß infolge gewisser unüberwindlicher

Schwierigkeiten ein Teil des fraglichen Gebietes, der an den Quellen

des Stromes etwa 4000 Meilen von seiner Mündung entfernt lag,

unerforscht hatte bleiben müssen. Von Cincinnati nach New Orleans war

es nicht ganz fünfzehnhundert Meilen. Ich hoffte bestimmt, dort ein

Schiff zu finden, um damit den Rest der acht- bis zehntausend Meilen

nach den Quellen des Amazonenstromes zurückzulegen. Ich hatte gerade

noch dreißig Dollars übrig -- was konnte ich Besseres damit thun, als

hingehen und die Erforschung des Amazonenstromgebietes vollenden?

Weitere Gedanken machte ich mir bei der Sache nicht. Es ist nie meine

Stärke gewesen, mich mit Kleinigkeiten und Einzelheiten abzugeben. Ich

packte meinen Handkoffer und nahm auf einem der ältesten ›Kasten‹, der

den Ohio und Mississippi damals unheimlich machte, dem ›Paul Jones‹,

Passage nach New Orleans. Für den Betrag von sechzehn Dollars hatte

ich den Vorteil, alleiniger Inhaber der verwitterten und abgeschabten

Pracht des ›Hauptsalons‹ zu sein, da das Boot jeden Vorzug der Welt

besaß, nur den nicht, anspruchsvollere oder weisere Reisende anzuziehen.

Als wir nun den breiten und grünen Ohio hinabkeuchten, wurde ich

plötzlich ein neues Wesen und der Gegenstand meiner eignen Bewunderung.

Ich war ein Reisender! Nie schien mir ein Wort in meinem Munde einen

so wundervollen Klang gehabt zu haben. Ich hatte ein überströmendes

Gefühl, ein schwellendes Bewußtsein in mir, mich auf dem besten Wege

nach den geheimnisvollsten Ländern, nach den entlegensten Klimaten zu

befinden, -- ein Gefühl und ein Bewußtsein, wie ich sie seitdem nie

wieder gehabt habe. So erhebend und verklärend waren beide, daß alles

unedle Fühlen von mir wich, und ich es sogar über mich vermochte, auf

die nicht reisende Welt mit einem Mitleid herabzublicken, welches

durch keine Beimischung von Verächtlichkeit entadelt wurde. Dennoch

konnte ich es mir nicht versagen, wenn wir an kleinen Städtchen und

sonstigen Uferplätzen anlegten, mich nachlässig über das Geländer des

oberen Decks zu lehnen und mich in dem Neide zu sonnen, den ich der am

Landungsplatz versammelten Jugend einflößte. Schien es mir, als ob sie

mich nicht entdecken wollte, so hustete ich wohl oder schneuzte mich

mit möglichster Deutlichkeit, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, oder

suchte mir einen Platz aus, wo nichts sie davor retten konnte, mich zu

sehen. Und sobald sie mich sahen, begann ich zu gähnen, mich zu dehnen

und zu räkeln, mit einem Wort in allen jenen Kundgebungen zu ergehen,

durch die ein Reisender seine Ermüdung und seinen Widerwillen gegen das

Reisen zu erkennen zu geben pflegt.

[Illustration]

Gleichzeitig hatte ich es mir zur Regel gemacht, barhaupt einherzugehen

und mich möglichst an Plätzen aufzustellen, wo Sonne, Wind und Wetter

uneingeschränkte Verfügung über mein Gesicht hätten -- alles nur,

um das Ansehen eines echten, bronzierten, verwitterten Reisenden zu

bekommen. Und in der That, ehe der zweite Tag vorüber war, empfand ich

eine Genugthuung, die mich ganz und gar mit Seligkeit erfüllte, denn

ich bemerkte, daß meine Haut am Hals und im Gesicht sich abzuschälen

begann. Ich wollte nur, die Knaben und Mädchen in meiner Heimat hätten

mich jetzt sehen können.

Wir kamen rechtzeitig nach Louisville -- oder doch wenigstens in die

Nähe, gerieten aber auf die mitten im Fluß befindlichen Felsen und

blieben hier so fest sitzen, daß wir erst nach vier Tagen weiter

kamen. Was mich anbelangt, so erweckten die gemeinsam überstandenen

Schwierigkeiten und Gefahren ein ebenso unwillkürliches wie starkes

Gefühl der Zugehörigkeit zu dem Fahrzeug und der auf ihm heimischen

Personen in mir. Ich kam mir wie eine Art Sohn des Kapitäns oder

ein jüngerer Bruder der Offiziere vor, und vergebens würde ich mich

bemühen, dem Stolz Worte zu leihen, der ob dieser eingebildeten

Würde mein Herz schwellte, oder die Hingebung zu schildern, die mich

an diese Menschen kettete. Allerdings wußte ich damals noch nicht,

welche geringe Wertschätzung der flußbeherrschende Dampfbootsmann für

derartige Empfindungen einer anmaßenden Landratte zu hegen pflegt! Nur

zu bald sollte ich es erfahren.

Vor allen Dingen war es der riesige erste Steuermann, von dem ich

ums Leben gern irgend ein geringes Zeichen der Beachtung erhalten

hätte. Mit ängstlicher Aufmerksamkeit lauerte ich auf die Gelegenheit,

durch eine kleine Gefälligkeit oder einen Dienst mir diese Gunst

des Schicksals zu gewinnen. Endlich bot sie sich dar. Unter dem

bei dergleichen Anlässen üblichen Spektakel wurde eine neue Spiere

(Ladebaum) auf dem Vorderdeck angebracht. Ich stand in bescheidener

Zurückhaltung in der Nähe und sah zu, als plötzlich der Steuermann

nach einer Handspake rief. Im Nu war ich an seiner Seite: »Sagen Sie

nur, wo sie ist, und ich hole sie.« Wenn ein Lumpensammler der New

Yorker Waterstreet sich plötzlich dem Kaiser von Rußland zu einer

diplomatischen Sendung zur Verfügung stellen würde, so könnte dieser in

kein größeres Erstaunen versetzt werden, als mein riesiger Steuermann

durch mein kleines Anerbieten, ihm die Handspake zu holen. Sogar sein

Fluch blieb ihm in der Kehle stecken. Er stand regungslos und starrte

zu mir nieder. Mindestens zehn Sekunden kostete es ihm, bis er seine

gebannten Geister wieder gesammelt hatte. Dann stieß er mit einem mir

unvergeßlichen Ausdruck die Worte hervor: »~Well~, wenn das nicht über

den Teufel geht --«, und machte sich wieder an die Arbeit mit der Miene

eines Mannes, dem eben etwas ganz Besonderes in die Quere gekommen war.

[Illustration]

Auf dem Mississippi; Nach dem fernen Westen · 第 1 / 21 段