»Ach, Ruth, es ist so furchtbar traurig. Merkst du das nicht? Nun muß er
wandern, immer weiter weg von dem wunderschönen Garten. Wie heißt es
doch?... und auch ein Baum, der blühet und seine Läublein wiegt ...«
»Und auch ein kühler Brunnen, der grad darunter liegt,« summte Ruth.
Sie betrachtete ihren Kameraden mit scheuen Augen. »Vielleicht hat sie
ihm doch einmal aufgemacht, später, weißt du, wie er wieder gekommen
ist.«
»Glaubst du, er sei wieder gekommen, Ruth?«
»O ja, ganz gewiß. Und dann gingen sie hinein und da war noch immer der
kühle Brunnen ...«
»Und dann, Ruth?«
»Und dann setzten sie sich und horchten auf das Rauschen, und vielleicht
schien auch die Sonne ins Wasser. Das mag ich so gern, wenn alle Tropfen
glitzern.«
»Und dann, Ruth?«
»Wie komisch du fragst, Peter! Jetzt weiß ich nichts mehr. Sag doch du
weiter.«
»Nein. Wenn du nichts weißt, weiß ich auch nichts. Aber nun sing' mir
das Lied noch einmal.«
Und Ruth sang, und Peter ging nach Hause und hatte Kopf und Herz voll
schwermütiger Klänge und Worte. »Der Knab' 'darf feiner Lehre, der mir
den Gart'n auftut ...«
An diesem Abend schrieb Peter seine ersten Verse. Und während er
schrieb, war es ihm, als hätte er den Schlüssel gefunden zu jenem
Rosengarten, war es ihm, als ginge das Jungfräulein neben ihm auf
leichten Sohlen und habe Ruths lichtes Haar und Ruths strahlende Augen.
Aber als er die Verse später durchlas, erschrak er.
War es möglich, daß das, was ihm eine helle Lohe geschienen, ein paar
armselig glimmende Funken waren?
Er wußte noch nicht, daß unser Innigstes und Größtes, das in unendlich
seligen und in unendlich schweren Augenblicken Empfangene, nie in seiner
ganzen Schöne und Wärme ans Licht treten kann. Ein blasses Schattenbild
... ein verlorener Nachklang ...
Und doch können wir dem geheimnisvollen, drängenden Rieseln nicht wehren
und hoffen immer aufs neue, es werde der starke, singende Quell der
Schönheit hervorbrechen.
* * * * *
Der Tag der Einsegnung ging vorüber, und nun fehlten nur noch drei
Wochen bis zum Abschluß des Schuljahrs. Peter mußte sich zum Sprechen
entschließen, denn die Eltern schienen es als eine ganz
selbstverständliche Sache anzusehen, daß er der Schule Lebewohl sagen
und ins Geschäft eintreten werde. Die letzte Zeit war äußerlich eine
friedliche gewesen. Am Konfirmationstag selbst hatte Frau Elisabeth eine
jener Stunden erlebt, in denen ihre kleine Seele über sich selbst
hinauswuchs. Die Worte des Pfarrers, der sich ebenso sehr an die Eltern
als an die Kinder wendete, trafen sie ins Herz, und sie ging aus der
Kirche voll guter Vorsätze. Sie wollte versuchen, in innigere Fühlung
mit Peters verschlossener Seele zu kommen, wollte lernen, zu ihm zu
stehen. Auch seinem Vater gegenüber? Dieser Gedanke war peinlich und
unbequem, und sie vermochte ihn nicht zu Ende zu denken. »In der letzten
Zeit ging es ja so gut,« redete sie sich tröstlich zu. »Wer weiß, wenn
sie einmal im Geschäft beisammen sind, lernen sie sich besser
verstehen.«
Dieser Gedanke bewegte auch Peter, den älteren, denn wenn er sich auch
zu Zeiten einredete, seines Kindes Entfremdung lasse ihn gleichgültig,
im Grund seiner Seele ruhte nach wie vor die Sehnsucht nach seinem
Besitz. --
»Was meinst du, Peter, wann sollen wir mit der Lehre beginnen?« fragte
Vater Niemeyer eines Abends hinter der Zeitung hervor. Er war in
heiterer Stimmung, und seine Augen forschten mit freundlichem Ausdruck
in des Jungen Gesicht.
Peter ward dunkelrot. Er fühlte, daß seine Antwort einen Sturm
entfesseln werde.
Das Zarte und Nachgiebige in ihm flüsterte: füge dich! Aber die junge
Willens- und Lebenskraft reckte sich mächtig und ließ ihn beinahe rauh
hervorstoßen: »Ich kann kein Buchbinder werden. Ich will lieber in der
Schule bleiben. Ich möchte das Maturitätsexamen machen.«
»So!« erwiderte Peter Niemeyer und legte die Zeitung auf den Tisch. »So
-- -- mein Herr Sohn! Und seit wann hat man sich das in den Kopf
gesetzt?«
Seine Stimme klang hart, und ein drohender Blick flog zu dem Buben
hinüber. Peter schwieg und schaute starr geradeaus.
Erst auf seines Vaters ungeduldiges »wird's bald!« antwortete er in
gequältem, beinahe flehendem Ton: »Schon lange!... Ich wollte es dir
immer sagen, aber -- --«
»Was aber?«
»Ich dachte, du werdest es nicht gerne hören.«
»Na, da hast du allerdings recht gedacht! Was glaubst du eigentlich?...
Jahr um Jahr schufte ich mich ab und glaube die ganze Zeit, du werdest
einmal das Geschäft übernehmen, und nun kommst du mir mit solchen
Geschichten ... Maturität!...
Und nachher? Studieren wirst du ja auch wohl wollen? Auf was hat sich
denn die Neigung des gnädigen Herrn gerichtet? Weiß er das vielleicht?«
Peter zuckte zusammen und tat plötzlich einen Schritt vorwärts. Frau
Elisabeth faltete erschrocken die Hände. Mein Gott, was würde nun
losbrechen! Sie sah ihres Mannes höhnisches Gesicht und ihres Sohnes
lodernde Augen.
»Peter!« mahnte sie eindringlich. Sie wußten beide, welcher gemeint war,
und der Junge antwortete ihrem Ruf mit einem spöttischen Lächeln. Dann
richtete er den Blick auf den Vater und sagte: »O ja, der gnädige Herr
weiß auch dies. Er möchte Naturwissenschaften studieren.«
»Naturwissenschaften!« Peter Niemeyer sprach das Wort aus, als habe
sich sein Sohn zu einer unehrlichen Hantierung bekannt. »Das gibt's
nicht. Dazu gebe ich mein Geld nicht her. Ich bin der Vater und du der
Sohn, und du hast zu gehorchen. Verstanden?«
Frau Elisabeth hatte sich erhoben und war auf den Jungen zugetreten.
»Sei still, Peter! Sei still! Versündige dich nicht! Denke dran, es ist
dein Vater!« flehte sie.
Aber Peter schob sie beiseite. Sein trotziges junges Gesicht glühte im
Zorn.
»Nein, jetzt rede ich einmal!« schrie er. »Mein Vater bist du -- -- ja!
Aber was für einer? Wann hast du dich um mich gekümmert, um mich
selbst?... Gehorchen, gehorchen ... den Mund halten zu allem, was der
Vater sagt, ob es richtig ist oder nicht ... Keine eigene Meinung haben
dürfen. Nur immer zustimmen, immer loben und gutheißen ... Ist das ein
Vater!«
Peter Niemeyer sprang auf. Er würde seinem Sohn die geballte Faust vor
die Brust gestoßen haben, hätte sich ihm Frau Elisabeth nicht weinend
entgegengeworfen. »Er ist außer sich, er weiß nicht, was er sagt,«
schluchzte sie. »Geh fort, Peter! Geh auf dein Zimmer!«
»Ja, fort aus meinen Augen!«
Peter Niemeyer löste sich aus der Umklammerung seiner Frau und schritt
schwer atmend im Zimmer auf und ab. Er schalt in maßlosen Ausdrücken auf
den ungeratenen Sohn, aber er wartete vergeblich darauf, daß ihm Frau
Elisabeth wie gewöhnlich beistimme.
Sie saß in der Sofaecke, beinahe regungslos, und horchte mit allen
Sinnen nach oben. Was mochte er tun? Brütete er über finsteren Gedanken
oder konnte er noch weinen, wie einst das Peterlein über seine
zertretene kleine Welt ... Ob die scheltenden Worte nicht zu ihm
drangen?... Also studieren wollte er. Naturwissenschaften ... Ach, und
dann wohl Reisen machen in fremde Länder, wie jener Sven Hedin, von dem
er so oft gesprochen ... Mein Gott, Peter, wie konntest du auf solche
Gedanken kommen!
»Und diese Sprache seinem Vater gegenüber!« grollte Peter Niemeyer. »Du
sagst wohl, er sei außer sich gewesen. Das soll er eben nicht sein, wenn
er mit mir spricht. Zudem, was habe ich denn gesagt oder getan, was ihn
so außer sich bringen konnte? Weil ich seinen kindischen Wünschen nicht
nachgab? Das wird ihm noch oft genug begegnen. Das Leben faßt einen hart
an.«
O gewiß, das Leben ist hart. Und deshalb sollen wir es auch werden? Wäre
es nicht besser, wir versuchten uns die weichen Kinderhände zu bewahren
... Eine Kinderhand ... Schmal und fein ruht sie in unserer harten Hand
... Und ist doch so stark und mächtig, eben weil sie weich und linde
ist, vielleicht auch, weil sie so ganz selbstverständlich in Gottes
Vaterhand ruht.
Horch, nun geht die Türe in Peters Zimmer. Man hört seine Schritte auf
der Treppe, im Hausflur, dann das Öffnen und Schließen der Haustüre.
Wohin will er so spät? Der Zeiger nähert sich der elften Stunde.
Frau Elisabeth schaute ihren Mann erschrocken an. Dieser hielt einen
Augenblick im Gehen inne, als er sagte: »Ach, laß ihn laufen! Die
frische Luft kann ihm nur gut tun. Du bist übrigens seltsam besorgt um
ihn heute abend, Elisabeth. Was ist nur in dich gefahren?«
Ja, was? Ein grelles Licht, eine jähe Erkenntnis, ein Wachrütteln aller
Sinne ... Frau Elisabeth findet keines dieser Worte. Sie fühlt sich nur
jämmerlich klein und ohnmächtig ihrem Mann gegenüber; sie fürchtet sich,
ja, sie zittert davor, ihm zu sagen, was ihr in der Seele brennt. Und
muß es doch sagen!
»Peter!« beginnt sie leise. »Ich will den Bub gewiß nicht rechtfertigen.
Er hat sich zu schlimmen Worten hinreißen lassen. Aber, Peter, vielleicht
hat er recht. Vielleicht hast du -- -- ach, ich meine uns beide ...
vielleicht haben wir uns nie richtig um ihn gekümmert. Ach, und nun
rennt er in die Nacht hinaus, so im Jammer. Du weißt ja nicht, wie er
sein kann, schon als kleiner Bub, so wild und heiß ... Und wie er weinen
konnte! Peter, ich muß ihm nach. Ich kann nicht anders.«
Sie wartete keine Antwort ab. Sie riß die Türe auf und stand schon unten
an der Treppe, als sie ihres Mannes Stimme hörte: »Elisabeth! Betty! Ich
bitte dich! Dieser Skandal ...«
Frau Elisabeth schloß die Türe hinter sich. Skandal! Mochten die Leute
denken, was sie wollten! Übrigens, das Gäßchen war menschenleer.
Sie merkte erst jetzt, daß ein zarter Regen niederrieselte. Der Himmel
war undurchdringlich finster, und der Wind, der eben aufzuwachen schien,
blies kalt. Sie eilte die Stufen des Gäßchens hinab und blickte nach
allen Seiten. Ganz in der Ferne ging eine Gestalt, die Peter sein
konnte. Ach, wie war er schon so weit!
Frau Elisabeth hastete vorwärts. Sie durfte ihn nicht aus den Augen
verlieren. Wenn er bei einer Straßenbiegung verschwand, durchzuckte sie
jedesmal eine namenlose Angst. Und sie kam ihm nur langsam näher. Peter
schritt mächtig aus.
Nun bog er in die Straße ein, die in gerader Linie auf die Brücke führt.
Frau Elisabeth lief. Das Blut pochte ihr in Hals und Schläfen. Sie zitterte
am ganzen Körper, aber die Angst riß sie vorwärts. Gottlob, nun war sie
um die Ecke! Die Straße war menschenleer, aber dort -- auf der Brücke
bewegten sich ein paar Gestalten. Die würden doch helfen, wenn -- -- --
Peter mochte etwa die Mitte des Stromes erreicht haben, als er stehen
blieb. Er legte die Arme auf die steinerne Brüstung und seinen
fiebernden Kopf darauf.
Aus der Tiefe weht es kühl herauf. Schwarz und in eiliger Flucht, als
trügen sie ein unseliges Geheimnis, jagen die Wogen dahin. Die
Bogenlampen der Brücke und ein hellerleuchtetes Gasthaus am Ufer werfen
in das schwarze Wasser ihr bißchen silbernes Licht, das zitternd
ertrinkt.
So würden sie ihn auch aufnehmen, die schwarzen Wellen ... Aber man würde
ihnen ihr Geheimnis zu entreißen suchen, und man würde ihn finden. -- --
Peter schaudert. Nein, nicht hinunter will er in Nacht und Tod. Hinauf,
hinauf zu allen Sternen und Sonnen ... Leben will er -- -- Leben ...
Was hatte doch in Tante Trudes letztem Brief gestanden, den er am
Vorabend der Konfirmation erhalten? »Du willst große Reisen machen,
Peter. Nun, eine Reise hast du ja längst angetreten, die große
Lebensreise, die uns auch Neuland auftut. Nie geahnte Täler des Leids
und Jammers und Höhen, die nur der Tapfere und Sicherschreitende
erklimmen kann. Wir sind immer auf der Reise, Peter, du und ich und all
die andern. Kennst du den alten Vers?
Unser Leben gleicht der Reise
eines Wandrers in der Nacht;
jeder hat in seinem Gleise
etwas, das ihm Kummer macht.