Aber doch auch etwas, das ihm Freude macht. Nicht wahr, Peter?«

Ruth, Ruth ... liebe, kleine Ruth! Ja, sie ist Freude ... holde Freude ...

Etwas Großes, Warmes quillt in Peters Herzen auf und daneben etwas

Tapferes, beinahe Frohmütiges. Das Wort seiner kleinen Weggefährtin

kommt ihm in den Sinn. »Es kann auch _so_ schön werden.« Schön beim

Büchereinbinden, Ruth? Jawohl, Peter! Wenn wir nur etwas Schönes in uns

tragen. Und das hast du ja ... Wer weiß, Peter, vielleicht kriegst du

noch in anderer Weise mit Büchern zu tun ...

Frau Elisabeth steht nur wenige Schritte von Peter entfernt. Aber sie

starrt nicht ins Wasser hinab. Ihre Augen ruhen unverwandt auf seinem

Gesicht. Und ihre Seele glaubt in den schwarzen Fluten der Selbstanklage

und Reue zu versinken. Was ist sie für eine Mutter gewesen! Ohne Mut,

ohne Selbstüberwindung ... sie hat die Dinge gleiten lassen. Und nun muß

sie hier stehen in Dunkelheit und darf die Hand nicht nach Peter

ausstrecken, darf nur ihre heißen, verworrenen Gedanken zu ihm schicken

... Wird er denn ewig da stehen bleiben?

Da tat Peter eine Bewegung und reckte sich mächtig und wendete sich und

stand seiner Mutter gegenüber. Sie schauten sich an, und jedes suchte in

des andern Gesicht zu lesen.

Peter sah, wie das emporgewandte Frauenantlitz voller Not und Bitte war,

und sie sah mit Staunen und Dankbarkeit, daß über dem seinen eine tiefe

und ernste Ruhe lag.

Da faßte sie Mut. Sie trat auf ihn zu. »Peter,« flüsterte sie, und es

war ein Schluchzen in ihrer Stimme, »laß uns neu anfangen. Ich will zu

dir stehen, wo ich es für recht halte, auch wenn -- -- auch wenn es mir

schwer fällt ... Wenn du nur wieder Vertrauen zu mir -- zu uns haben

könntest, Peter!«

Da tat Peter, was sie beide überraschte. Er bückte sich und küßte die

Hand seiner Mutter, die sich ihm bittend entgegengestreckt.

Dann gingen sie dicht nebeneinander und redeten kein Wort und fühlten

nur, wie eines das andere in liebevolle und sorgliche Gedanken hüllte.

Und es herrschte in beiden eine seltsame Klarheit.

»Ich habe ihn noch nicht gewonnen,« dachte die Mutter. »Und es wird mir

auch nicht gelingen, wenn ich nicht immer aufs neue mich selbst bekämpfe

und mich in ihn hinein zu fühlen suche. Und vielleicht gelingt es mir

auch dann nicht, denn er ist ein seltsames Menschenkind ... Vielleicht

auch kommen die beiden nie zusammen ... Aber diese Stunde kann er nie

vergessen, das las ich in seinen Augen. Nie mehr werden wir uns ganz

verlieren.«

Peter aber hat das Gefühl, als müsse er der kleinen Mutter an seiner

Seite emporhelfen, sie tragen und stützen. Er weiß, trotz ihrer

Versicherung, mit schmerzlicher Gewißheit, daß sie nicht immer zu ihm

stehen wird. Er weiß, daß ihre Seele wieder und wieder versinken wird im

Alltag, aber er weiß auch, daß sie zu Zeiten ihre Flügel spürt und

ausbreitet ...

Es kann auch _so_ schön werden ...

Das rote Buch.

Ich hatte es längst vergessen gehabt.

Aber dann war es mir ergangen wie dem Sonntagskind, das zu gesegneter

Stunde des Weges kommt, und plötzlich öffnet sich zu seinen Füßen die

Erde, und es taucht mit geheimnisvollem Leuchten ein Schatz empor, der

lange Jahre in der tiefsten Tiefe geruht. Also war, vom Zauber einer

Stunde geweckt, aus der tiefsten Tiefe meiner Erinnerung das rote Buch

emporgetaucht und mit ihm eine längst versunkene Welt, die voller Fragen

und Wunder, voller Grauen und Süße gewesen.

Und plötzlich war Tante Ursula vor mich getreten, so klar und deutlich,

daß ich für einen Augenblick meine ganze Umgebung vergaß. Sie saß, wie

ich sie meist gesehen, in einem tiefen Stuhl und hielt das schmale,

zarte Gesicht ein wenig geneigt. Silbern flimmerte das weiche Haar, das

in so wunderschöner Linie die Stirn umrahmte. Die kleinen Hände hielten

ein Strickzeug -- ich meinte tatsächlich das leise Klappern der Nadeln

zu hören. Aber dann verschwand das Bild so schnell wie es gekommen, denn

mein Nachbar zur Linken streifte seine Zigarrenasche ab und fragte: »Sie

sind wohl müde?«

Nein, natürlich war ich nicht müde. Meine Gedanken waren nur

ungehörigerweise ein wenig abgeirrt. Und aufs neue wandte ich meine

ganze Aufmerksamkeit dem Kreise plaudernder und rauchender Menschen zu,

in deren Mitte mich dieser Abend geführt.

Aber nachher, auf dem Nachhauseweg, und vollends als ich in meinem

mondlichtgefüllten Zimmer saß, tat ich die Tore meiner Seele weit auf,

um all den Geistern Einlaß zu gewähren, die lachend und drohend dem

roten Buch entstiegen.

Wie war es nur gekommen, daß ich seiner gedacht? Ach ja, der Hausherr

hatte ein altes Buch gezeigt, in dessen Besitz er durch einen

glücklichen Zufall geraten. In Schweinsleder war es gebunden. Den

bräunlichen, mit schnörkeligen Buchstaben bedeckten Blättern entstieg

ein modriges Düftlein, aber die illustrierenden Holzschnitte atmeten

Leben, ein köstliches, triumphierendes, trotz der Tränen lachendes

Leben.

Ich hatte das Buch durchblättert mit einem Gefühl, das seltsam gemischt

war aus Ehrfurcht und Erwartung, aus Liebe und Grauen. Und plötzlich

wußte ich: das hast du schon einmal erlebt, ach, nicht nur einmal,

hundertmal, unzählige Male ... Und siehe da! das rote Buch war lebendig

geworden, und ich hatte Tante Ursulas Gesicht einen einzigen Augenblick

gesehen.

Sie und das rote Buch sind ja so eng verbunden, daß ich keines vom

andern lösen kann. Und als drittes gehört dazu die kleine Stube, in der

Tante Ursula gewohnt hat, und die ich nie mit der gleichgültigen

Selbstverständlichkeit betrat, mit der ich in unsere Zimmer ging. Die

gute Stube zwar, ja, die betrat ich auch nicht selbstverständlich. Aber

ich haßte sie geradezu. Das Sofa und die Lehnstühle und all die

blankpolierten Tische und Schränke sahen so unendlich hochmütig auf das

kleine Mädchen herab. Im ganzen großen Zimmer war kein Plätzchen, das

einem zugerufen hätte: hier kannst du für dich sitzen und spielen und

träumen. Es gab darin nur einen Anziehungspunkt, und der ging von dem

Glasschrank aus, in dem schön geordnet hundert seltsame Dinge lagen und

standen: Spangen aus farbigem Glas und Ketten aus glänzenden Münzen,

hölzerne Näpfe und Töpfe, mit leuchtenden Farben bemalt. Da waren

zierliche braune Gestalten, in bunte Stoffe gehüllt, und daneben aus

tiefschwarzem Holz geschnitzte Elefanten. Und mitten drin erhob sich ein

weißes Märchenschloß mit Türmen und Pfeilern, von Palmen überschattet.

Das ganze, unglaublich leichte Gebilde war aus Pflanzenmark geschnitten

und schien mir von allem Wunderbaren das Köstlichste zu sein. Einmal,

als meine Mutter den Schrank säuberte, hatte ich es in vor Seligkeit

zitternden Händen gehalten. Das hatte mir zwar einen Klapps eingetragen,

den ich aber im Übermaß meiner Freude kaum spürte. Ich ärgerte mich nur

über die dumm und hämisch glotzenden Möbel, die meine Demütigung

mitangesehen, und dann ging ich von der scheltenden Mutter weg und stieg

die zwei Treppen zu Tante Ursula hinauf.

Da oben wurde immer alles gut, was unten verkehrt gewesen und geschmerzt

hatte. Da oben gab es keinen Spott und keine Schläge, keine Mahnreden

und kein Schelten. Und wenn ich auch mit sehr traurigen oder sehr

rebellischen Gedanken die Treppe hinaufstieg, ich brachte sie gar nicht

mehr alle in Tante Ursulas Stube hinein. Sie fingen an von mir

abzufallen, noch ehe ich auf der obersten Treppenstufe stand und den

Apfelgeruch atmete, der den kleinen Vorplatz erfüllte. Und wenn ich

geklopft hatte und, das »Herein« erwartend, die Klinke ergriff, war mir

schon ganz froh zumute.

Freilich, es gab auch schwere Fälle. Da saß dann auf der Treppenstufe

ein kleines Mädchen, das sich sehnlichst in das Friedensreich

hineinwünschte und es doch nicht wagte weiterzugehen, weil es ganz

eingehüllt war in böse, anklagende Gedanken. Aber mit einem Male tat

sich eine Türe auf, daß der dämmerige Vorplatz voller Licht wurde, und

Tante Ursulas Stimme sagte: »Du, Vroneli, wir haben so lange nicht mehr

das rote Buch beschaut. Komm' doch herein, ich habe es schon

heruntergeholt.«

Und siehe, das Kind wanderte durch den Lichtschein in Tante Ursulas

Stube, und alles war wieder gut, was verkehrt und schlecht gewesen.

Tante Ursula verstand alles, Tante Ursula hatte immer Zeit. Und ihr

ganzes Zimmer war voller Köstlichkeiten, die ich wieder und wieder

bestaunte, und über die wir uns immer aufs neue unterhielten. Alle

Alltagsgeräte, die drunten bei uns nüchtern und seelenlos dreinsahen,

hatten hier oben ein Gesicht, erzählten eine Geschichte, und ich war

fest überzeugt, daß dies einzig und allein von Tante Ursulas Einfluß

herrühre. Der »Ofentapper« drohte als große schwarze Hand hinter dem

Ofen hervor, die Zündhölzer kamen in einem Schlitten angefahren. Auf dem

Stuhlkissen stolzierten sieben schwarze Raben, die trugen goldene Kronen

auf dem Kopf, und aus dem Fußschemel blühten Rosen und Vergißmeinnicht.

Auf dem Rouleau war ein See, drauf schwammen weiße Schwäne, deren einer

sicher das häßliche junge Entlein gewesen. Ganz herrlich aber war Tante

Ursulas Lampenschirm. Eine ganze Stadt sah man da mit hellerleuchteten

Fenstern. Einige Häuser hatten grüne oder rote, andere goldgelbe

Scheiben. Es war wunderschön, rund um den Tisch zu gehen und sich

auszumalen, wer in den Häusern wohnen und was er dort treiben könnte.

Tante Ursulas Stube war die behaglichste der Welt. Ich habe wenigstens

seither keine finden können, die ihr gleichgekommen wäre. Es lag ja

nicht an der Gruppierung der alten dunkeln Möbel, nicht an der

Übereinstimmung der Farben und Bilder, nicht an den Blumen und Büchern

-- dies alles habe ich später wiedergefunden. Aber den köstlichen

Liebeshauch, der diese ganze kleine Welt erfüllte, ihn habe ich mit

Tante Ursula verloren.

Woher das rote Buch eigentlich stammte, kann ich nicht sagen. Es wird

ja wohl einen Titel, einen Verfasser und Verleger gehabt haben -- all

dies hat mich damals nicht interessiert. Der Name »rotes Buch« rührte

von der leuchtend roten Einbanddecke her.

Und nun, was stand darin? Alles, einfach alles. Und mehr kann man

wahrlich nicht von einem Buch verlangen. Vorne drin war das Bild vom

breiten und schmalen Weg. Wir beide hätten es ein wenig anders gemalt,

denn der schmale Weg sah denn doch gar zu freudenarm und düster drein.

Und es seien doch, meinte Tante Ursula, just die schmalen, stillen Wege,

auf denen die Freude blühe.

Auch konnten wir nicht glauben, daß ihn nur so wenige Menschen gefunden,

während sie sich auf dem breiten Weg drängten. »Weißt du, Herzkind,«

sagte Tante Ursula, »man hätte überhaupt statt des einen schmalen Weges

viele schmale Weglein machen sollen, die alle zu Gottes Haus hinführen.

Schmal sind sie ja wohl und vor allem still, denn sonst können wir nicht

in uns hineinhorchen, und doch hören wir dort am deutlichsten die

Stimme, die uns den rechten Weg zeigt.« --

Von den Tieren wußte das rote Buch eine Menge zu erzählen, ja, es war

darin geradezu unerschöpflich, denn Tante Ursula entdeckte immer wieder

etwas, das sie noch nie zuvor gelesen.

So kam es, daß ich keinem Tierlein ein Leides tun konnte und wenn ich

ein totes fand, es mit Tränen in die Erde bettete. Aber näher als die

Tierwelt stand meinem Herzen die der Blumen. Ich sprach mit ihnen, in

leisestem Flüsterton, denn dies schien mir die Sprache der Blumen zu

sein.

Das rote Buch hatte mich gelehrt, auf einer jeden Geschichte zu lauschen.

Königskerzen ... die waren erstmals aus der Erde emporgestiegen und

hatten stolz und leuchtend zu beiden Seiten des Weges gestanden, als das

verratene Königskind aus der Heimat wandern mußte. Rittersporn ... der

muß die goldenen Ähren schützen und steht darum am Ackerrand. Aber die

rote Mohnblume hat sich zu ihm gesellt. Sie breitet ihr seiden Gewand in

die Sonne und freut sich, daß der liebe Gott sie also geschaffen.

Schwertlilie ... sie hat die seltsamste Geschichte von allen. Ich konnte

mich lange, lange lautlos dem geheimnisvollen Zauber hingeben, der aus

ihren wundersam gebogenen Blättern, der herrlichen Farbe, dem starken

Duft zu strömen schien. So weiß ich nicht, ob ich ihr Märchen aus ihr

selbst oder aus dem roten Buch gehört.

... Einmal stand im Wald hoch über den rauschenden Bäumen eine Burg.

Drin lebte mitten unter den rauhen Kriegsgesellen des Ritters

Töchterlein. Die war holdselig wie ein junges Bäumlein, über dem der

erste Blütenschnee liegt, und hatte warme Augen voll ruhigen Glanzes.

Doch schöner noch als die Rosen ihrer Wangen blühten die Gedanken ihres

Herzens.

Alle die Ritter und Knappen, die Dienstmannen bis hinab zum jüngsten

Knechtlein liebten sie, wie sie das Bild Unserer Lieben Frauen in der

kleinen Kapelle liebten.

Aber einmal kam ein junger Rittersmann, der bog sein Knie vor der

Holden und bat sie, ihm zu folgen nach seiner Väter Burg als sein

trautes Ehgemahl. Und sie gab ihm ihr Jawort, und die Hochzeit sollte

gefeiert werden. Aber in der Nacht vor dem Fest brach ein Feind in die

Burg ein, überwältigte die schlafenden Mannen, und bald loderte weithin

sichtbar eine steile Flamme empor. Dem jungen Ritter war es jedoch

gelungen, mit der Holden zu entfliehen. Er hoffte sie in seine eigene

schützende Burg zu bringen. Aber als der Morgen graute, sahen sich die

beiden, die, um Ausschau zu halten, auf einen kleinen Hügel gestiegen,

rings von den Feinden umzingelt. »Mein die herrliche Beute!« rief einer

der Verfolger und teilte mit starken Armen die Büsche, um rascher zur

Höhe zu gelangen. Da schrie die Holde in ihres Herzens Not zu allen

Heiligen um Beistand, während der Ritter sein breites Schwert aus der

Scheide riß, daß es weithin einen blitzenden Schein warf.

Immer näher rückten die Verfolger. Da -- mit einem Male blieben sie

stehen wie gebannt. Wo waren die Jungfrau und der Ritter? Eben noch

hatten sie da oben gestanden, sie in einem blaßfarbenen Gewand, über das

silberhelles Haar floß, er das blitzende Schwert in der Faust. Und nun,

wo waren sie hingeraten?

Die Verfolger suchten und suchten, aber sie fanden nirgends ein

Versteck, darein sich die beiden hätten bergen können. Enttäuscht und

mißmutig gingen sie endlich davon. Nur einer, dessen Augen still und

nachdenklich schauten, stieg, als sich die andern zerstreut, langsam zur

Höhe. Und da er sie erreicht, erblickte er, warm beschienen vom Licht

der Sonne, eine Blume, wie er noch keine zuvor gesehen.

Sie reckte sich hoch und schlank, in einen wundersamen Duft gehüllt. Ihr

Kelch war geschlossen, als hüte sie ein seliges Geheimnis, und war doch

geöffnet, als biete sie allen das Wunder ihrer zartgeäderten bläulichen

Blätter ...

Der fremde Ritter neigte sich tiefer und tiefer. Glich diese wundersame

Blume nicht dem Frauenbild, das er vor kurzem hier oben geschaut? Glich

sie nicht dem Frauenbild, das er ersehnend im Herzen trug?

Da gewahrte er plötzlich rings um die Blume hohe grüne Blätter. Die

sahen drein wie spitze, drohend gezückte Schwerter. Der Ritter trat

zurück.

»Nimmer wird meine Hand dich berühren, Schwert -- Lilie du! Hat nicht

ein Wunder dich geboren und in unsre rauhe Welt gestellt?« --

Es waren in dem Buche auch drei in den feinsten Farben gemalte Bilder,

von einem Kranz tanzender Buchstaben umrahmt, die die Worte ergaben: die

grüne, die silberne und die goldene Hochzeit.

Das erste Bild zeigte ein jugendliches Paar, das über eine

Frühlingswiese schritt, gefolgt von einem fröhlich durcheinanderwogenden

Zug festlicher Menschen.

Auf dem zweiten Bild lachte eine schön geschmückte und reich besetzte

Tafel. Die Gäste hatten sich eben erhoben und scharten sich, jeder ein

hohes, blitzendes Glas in der Hand, um ein älteres, zufrieden lächelndes

Paar.

Auf dem dritten Bild saß ein altes Paar, auf einem niedern Kanapee

aneinandergelehnt, und schlief. Durch das freundlich umrankte Fenster

glitt ein Sonnenstrahl just über die weißen Häupter hin und ließ sie

silbern aufleuchten.

Deshalb fand ich die Unterschriften der Bilder falsch. Dies Bild sollte

silberne Hochzeit heißen. Das andere Bild, wo der Wein wie Gold in den

Gläsern glänzte, wo die Frauen goldene Ketten trugen und die Braut gar

ein goldenschimmerndes Kleid -- das mochte den Namen goldene Hochzeit

tragen.

Einmal, als Tante Ursula das Buch mit mir beschaute, trug ich ihr meine

Ansicht vor. Sie lächelte, strich mir die Haare aus der Stirn und sagte:

»Manchmal hat ja mein Kind ganz gute Einfälle. Aber diesmal, nein

diesmal hast du doch nicht recht. Erst silbern, dann golden.«

Ich stützte meine Hände auf ihr Knie. »Tante Ursula, warum sagt man grün

und silbern und golden?«

»Warum? Man könnte es sich vielleicht so denken ... Am ersten

Hochzeitstag, wenn die Welt wie lauter Frühling dreinsieht, da schenkt

der liebe Gott dem jungen Paar ein wunderschönes zartes, frischgrünes

Zweiglein. Habt wohl acht dazu, sagt er, daß es nicht verdorrt und kein

Blättlein verloren geht.«

»Ja, Tante Ursula, kann denn ein Zweiglein immer grün bleiben? Weißt

du, im Winter --«

»Nein, grün bleibt das Zweiglein nicht, das ist nicht möglich. Aber höre

nur weiter. Wenn das junge Paar das Zweiglein sorglich hütet, dann

geschieht etwas Wunderbares damit: es wird immer glänzender, und am

silbernen Hochzeitstag -- ja, da ist's ein silbernes Zweiglein, das das

Paar in den Händen hält.«

»Aber Tante Ursula, wie ist es denn ein silbernes Zweiglein geworden?«

»Von den Sonnenstrahlen, die es berührten, Herzkind, und von den lieben

Blicken, die drüber gingen und -- ja, auch von den Tränen, die drauf

fielen. Das verstehst du noch nicht, aber glaub' mir's nur, es ist so.«

»Und dann, Tante Ursula, wie geht's weiter mit dem Zweiglein?«

»Du willst wissen, wie aus dem silbernen ein goldenes wird? Ja, das ist

viel schwerer, denn, weißt du, wenn die Menschen älter werden, werden

sie oft auch müder und kälter und härter. Das Zweiglein kann aber nur

unter ganz guten und ganz warmen Augen zu einem goldenen werden ... Ach,

eigentlich kriegen wir Menschen alle, nicht erst und nicht nur am

Hochzeitstag, ein solches Zweiglein in die Hand.«

»Ich auch, Tante Ursula, ich auch?«

»Du auch, Herzkind, ganz gewiß. Wenn du ein wenig älter bist, wirst du

es sehen, und dann sieh zu, daß du es sorglich hütest.« --

Eine Geschichte handelte von dem Manne, der zur Himmelspforte wanderte.

Er zog die Glocke, und der heilige Petrus fragte durchs Schiebefensterchen

nach seinem Begehr. Da bat der Mann um ein Schloß, um Dienerschaft und

um ein weiches Bett, um gut Essen und Trinken -- genau um das, was er

all die Jahre auf Erden gerne gehabt hätte, und um das er die Reichen

immer beneidet hatte. Und er kriegte das Schloß und kriegte alle Tage

Bratwurst und Kartoffelsalat und hintennach kandierte Früchte und

Backwerk. Aber nach einigen Wochen war ihm alles entleidet.

Da schickte er seinen Diener zum heiligen Petrus und ließ ihn zu sich

bitten. Und als der heilige Petrus kam, tat der Mann sehr unwirsch und

höhnte: »Das ist mir ein schöner Himmel, wo man's vor Langeweile kaum

aushält!«

»Wer redet denn vom Himmel?« sagte der heilige Petrus. »Guter Freund, du

bist nicht im Himmel, du bist in der Hölle. Schau' nur durchs Fenster.«

Der heilige Petrus ging weg. Der Mann aber schlich mit schlotternden

Knien ans Fenster und schaute hinaus. Aber er sah nichts, rein nichts.

Er probierte ein Fenster nach dem andern, hinten und vorn, oben und

unten -- überall war dieselbe dicke Finsternis. Da zog der Mann die

Vorhänge zu, aber das Furchtbare war: die Finsternis hatte Augen,

tausend tote, schwarze Augen, die glotzten auch durch die Vorhänge.

Da fing der Mann an, sich nach dem Licht zu sehnen. Nicht nach dem

künstlichen, das in seinen Zimmern brannte, nein, dieses haßte er, wie

er die Finsternis vor seinen Fenstern haßte. Er wanderte ruhelos in

seinem Schloß umher und suchte, suchte nach einem Lichtfunken. Da geriet

er einmal in ein Dachkämmerchen, das hatte hoch oben ein kleines

Fenster.

»Ach, dies Guckloch wird mir so wenig nützen wie alle die andern,«

seufzte der Mann. Aber er reckte sich doch auf die Zehen, um durch die

kleine Scheibe zu spähen, und da stieß er einen Schrei aus, denn er sah

Licht, Licht! Zwar war es nur ein schmaler Streifen, der durch eine

Türritze quoll. Aber der Mann glaubte nie etwas Schöneres gesehen zu

haben. Er starrte wie gebannt auf den Lichtstreifen und vergaß darüber

sein Schloß und sein weiches Bett, vergaß seine Dienerschaft und Essen

und Trinken. Nur wenn ihn sein mühsam gereckter Körper gar zu sehr

schmerzte, setzte er sich auf eine Kiste, die im Dachkämmerchen stand.

Aber er hielt es nie lange aus, seine Sehnsucht nach dem Lichtstreifen

war zu groß.

Einmal, nach langer Zeit, sah der Mann, wie sich die Ritze ein wenig

vergrößerte ... der Lichterstrahl wurde breiter und goldener und warf

einen blassen Widerschein in das Kämmerchen. In dem Glanze aber sah der

Mann selige Gestalten wandeln. Er hörte Klänge, die waren von so

leuchtender Schöne, daß sich seine Augen mit Tränen füllten. Und wie das

Licht immer breiter und goldener quoll, erkannte der Mann, daß er in den

Himmel blicke. --

Hier schloß die Geschichte in dem roten Buch, und ich war das erste Mal,

als sie mir Tante Ursula vorgelesen, ganz verzweifelt. Aber Tante Ursula

lächelte nur und sagte: »Die Geschichte geht nur hier im Buch zu Ende,

Vroneli. Du mußt gar nicht traurig sein, denn nun erzählen wir sie uns

weiter, du und ich. Und du wirst schon sehen, es kommt zu einem guten

Ende. Denn das kannst du dir doch denken: wer so sehnsüchtig nach dem

Lichte schaut, der hat auch einmal hineinwandeln dürfen. Das weiß ich

ganz gewiß. Und heute nacht will ich ein wenig drüber nachdenken und es

dir morgen sagen.«

Ich wischte mir die letzten Tränen von den Backen und sagte: »Ja ...

vielleicht ist das Licht auf einmal eine Brücke geworden, und dann hat

er darauf hinübergehen können. Aber das kleine Fenster -- da war er wohl

zu dick. Wie ist er nur durchs Fenster gekommen, Tante Ursula?«

»Ich sage dir's morgen,« tröstete Tante Ursula. »Es kommt alles zu einem

guten Ende, ganz gewiß.«

So habe ich auch dieses aus dem roten Buch gelernt, daß man nicht ob des

sichtbaren Endes, das eine Geschichte hat, verzweifeln muß, sondern sich

des verborgenen guten Endes getrösten darf, das von einem »morgen«

enthüllt werden wird.

Und die ihr alle meine Brüder seid · 第 8 / 8 题