Es war Barbara. -- -- --

Mein Mann schrieb ein zweites Mal und bat um weitere Nachricht über

Barbaras Zustand. Wir hatten Frau Schäufele gesagt, daß bis zum

Eintreffen einer Antwort Wochen vergehen könnten, aber sie fragte jeden

Tag an, ob keine gekommen. Ach, jetzt waren es ihre Augen, die einen

hungrig flehenden Ausdruck trugen ...

Ich nahm den Brief selbst dem Postboten ab, und als ich ihn zu meinem

Mann hinauftrug, wußte ich, daß er Unheilvolles enthalte. Hand in Hand

-- wie hätte ich es sonst wohl ertragen können! -- lasen wir das

Schreiben des Arztes. O über die Verruchten, die das junge Leben in

Schmach und Schande gezerrt! -- Barbara war krank. Unheilbar krank an

Körper und Geist. --

Ich wollte nicht, daß Frau Schäufele die Nachricht bei uns empfange.

Ich meinte, es müsse ihr Wohltat sein, die schützenden Wände ihres Heims

um sich zu fühlen. Ich dachte, sie werde sich verkriechen wie ein wundes

Tier, werde sich scheuen, ihr Gesicht auf der Straße zu zeigen.

So ging ich zu ihr hinüber und setzte mich zu ihr auf die Fensterbank.

Ich weiß nicht, wie ich es sagte, ich weiß nur, daß, nachdem ich

gesprochen, eine Stille um uns war wie des Todes Schweigen. Und ich

glaubte zu fühlen, wie in diesem eisigen Schweigen alle Liebe, die sich

in den letzten Monaten in der Mutter geregt, starb.

Ich hielt Frau Schäufeles Hand fest umschlossen und wartete, wartete. --

Warum schrie sie ihre Qual nicht heraus? Warum weinte sie nicht, wie an

jenem Abend?

Da plötzlich löste die Frau ihre Hand aus der meinen und richtete sich

auf. >Frau Pfarrer,< sagte sie und schaute mich mit einem Blick an, den

ich nie vergessen werde, >Frau Pfarrer, Sie müssen mir helfen, daß ich

hinüber komme. Ich muß die Barbara heimholen.< -- --

Was dem feinen, hellen Kinde nie gelungen, hatte jetzt das arme, sieche

erreicht: das Herz der Mutter war erwacht.

Und die Frau blieb ihrem Entschlusse treu, auch als ihr mein Mann mit

klaren Worten die Schwere ihres Unternehmens gezeigt. Sie scheute weder

die Auslagen noch die Beschwerlichkeiten der Reise. Sie schreckte auch

nicht zurück vor den Schwierigkeiten des Zusammenlebens mit ihrer

Tochter. Für mich waren diese Wochen voller Wunder. Ach, nie mehr wollte

ich über einen Menschen das Urteil fällen: so und so ist er und so und

so bleibt er. War mir diese Frau nicht all die Jahre hindurch stumpf und

gleichgültig erschienen? Hatte ich ihr nicht gezürnt, weil sie ihre

Kinder vernachlässigte und ewig in Streit lebte? Und nun brach aus

diesem Herzen eine Liebesfülle, die mich beschämte und erschütterte.

Sie hatte ihre Liebeskraft bitter nötig, denn das Zusammenleben mit

Barbara war eine Hölle. Besonders in den ersten Monaten, als das Mädchen

am liebsten im Dorf herumstrich. Die meisten wichen ihr ja aus. Die

Kinder fürchteten sich vor den irren Blicken und Reden. Aber es gab auch

lose und schlechte Menschen, die sich mit ihr einließen. Ach, und das

Entsetzlichste war, daß das vergiftete Blut in dem armen Wesen nicht zur

Ruhe kommen wollte. Dann konnte es geschehen, daß auch die Mutter ein

Grauen anwandelte. Aber immer wieder überwand ihre erbarmende Liebe

dieses Grauen. Sie wußte sich oft kaum zu helfen, aber sie hätte Barbara

trotzdem nicht fortgegeben.

Und allmählich schien ihr treues Sorgen und Pflegen doch eine kleine

Besserung im Zustand der Tochter herbeizuführen. Das wilde

Umherschweifen hörte auf. Sie fing an, ihrer Mutter bei der Arbeit an

die Hand zu gehen. Und dann begann sie eine seltsame Tätigkeit, die ich

nie ohne Herzweh beobachten konnte. Immer wieder, oft dreimal des Tages,

machte sie sich daran, den Tisch rein zu fegen. Mit angstvollem Blick

murmelte sie dabei: >Nicht sauber, wird nie mehr sauber ...<

Einmal kam Annele mit dem kleinen Ernst zu Besuch. Ich fragte, ob sie

Barbara besuchen werde, aber sie verneinte unter Tränen. Da bat ich Frau

Schäufele, lieber nichts von meinen Gästen verlauten zu lassen, denn man

war nie ganz klar über Barbaras Geisteszustand. Nach Tagen völliger

Apathie, in denen sie niemand zu kennen schien, konnte sie plötzlich

wieder vernünftig fragen und antworten.

Irgendwie muß Barbara aber doch von unsern Gästen gehört oder sie

gesehen haben. Ich hatte die beiden zur Bahn begleitet und plauderte mit

Annele durchs Fenster. Es regnete in Strömen, so daß mir beinahe ein

wenig vor dem langen Heimweg graute. Da -- eben im letzten Augenblick,

als der Schaffner die Türen zu schließen begann, kam Barbara

dahergelaufen. Die Haare hingen ihr klatschnaß ums Gesicht, sie war ohne

Schirm und Kopftuch. In der Hand hielt sie einen mächtigen buntfarbigen

Blumenstrauß, und den hob sie nun zu Annele empor mit einem flehenden

Ausdruck in dem armen Gesicht. Kaum hatte ihr Annele die Blumen

abgenommen, da floh sie wie gehetzt davon. Wir aber freuten uns unter

Tränen dieses Aufleuchtens aus einem früheren besseren Sein. -- --

Beim Kartoffelausgraben im feuchten Nebel zog sich Barbara eine

Erkältung zu. Ein paar Wochen lang lag sie zu Bett, dann schlief sie

ein, fast plötzlich, ohne Kampf.

Und seltsam! Die gütige Hand des Todes hatte nach wenigen Stunden das

Antlitz der armen Barbara also gewandelt, daß sie vor uns lag wie in den

Tagen ihrer ersten reinen Jugend. Mir schien es ein tröstlich und

verheißend Gleichnis, aber Frau Schäufele schüttelte den Kopf. Bis zu

ihrem Tod hat sich die Mutter mit der Frage gequält, ob ihr Kind wohl

von Gott angenommen worden. Als ich sie einmal um dieser Gedanken willen

bemitleidete, schaute sie mich fast streng an. >Ich hab' mir das selber

eingebrockt, Frau Pfarrer. Ich hab' der Barbara nicht die rechte Liebe

gegeben, wie sie ein Kind war. Jetzt muß ich nachzahlen. Wir müssen für

alles zahlen, Frau Pfarrer.<

>Ja,< sagte ich, >für vieles, aber manchmal wird uns auch eine Schuld

erlassen. Das wollen wir nicht vergessen, Frau Schäufele.< -- --

Sie hat die Barbara nicht lange überlebt. In ihren letzten Wochen sind

wir uns recht nahe gekommen. Damals haben wir uns oft gefreut an

Gerhardts schönem Heimwehlied: >Ich bin ein Gast auf Erden<. Aus diesem

Lied stammen auch die Worte, die ich auf ihr Grab schreiben ließ. -- --

Sieh', dort drüben an der Mauer liegt sie begraben. Es ist zwar ein

wenig dunkel geworden, aber man wird den Vers schon noch lesen können.«

Die beiden Frauen erhoben sich und gingen zu dem Grab hinüber. Mit

stillen Augen lasen sie die Worte:

Ich wandre meine Straßen,

die nach der Heimat führt,

da mich ohn' alle Maßen

mein Vater trösten wird.

Der Sohn.

Peter Niemeyer jun. lag in einem Korbwagen und sog an den Fingern. Er

hatte ein langes, runzliges Gesicht, das von der eben durchlebten

Anstrengung feuerrot gefärbt war.

Peter Niemeyer jun. war vor zwei Stunden ins Dasein getreten. Wenigstens

ins sichtbare, denn für Peter Niemeyer sen., der neben dem Korbwagen

saß, lebte er schon lange. Seit Wochen, ja seit Monaten hatte sich all

sein Denken, so weit es nicht von geschäftlichen Dingen in Anspruch

genommen war, um das vor ihm liegende Menschenkind gedreht. Er hatte

immer gewußt, daß es sich als Junge entpuppen werde. Wenn seine Frau

einen Zweifel an dieser Hoffnung oder gar den Wunsch nach einem kleinen

Mädchen ausgesprochen, war er ungeduldig geworden, und es hatte

geschehen können, daß er die kleine Frau rauh angelassen.

Das tat ihm jetzt leid, und allerlei Gelübde und Vorsätze stiegen in ihm

auf. Er strich sich mehrmals über den Kopf, der so kahl war wie der

seines Sohnes und sagte halblaut: »Du wirst sehen, Peter, ich werde

jetzt immer gut zu ihr sein.«

Peter jun. sog an den Fingern und zwinkerte mit den Augen. Er hatte

offenbar kein Verständnis für seines Vaters Worte. Dieser aber, dem es

nicht oft vorkam, daß er an einem Arbeitstag untätig auf einem Stuhle

saß, verfiel in ein tiefes Sinnen, das ihn weiter und weiter in die

Vergangenheit zurückführte.

... War er das? Ein hübscher Bursche mit welligem Haar und immer

lachenden Augen. Komm her, du junges, du strahlendes Leben! Laß dich

umarmen! Fallen einem die Sterne nicht in den Schoß -- -- hei! so holt

man sie eben herunter! -- -- Es war doch nicht so leicht gegangen ...

Man tappte in allerlei Dunkelheit und war endlich froh, als man in

bekleisterter Schürze in Buchbinder Bergers Werkstatt stand. Das ging so

ein paar Jahre. Na ja, es waren ganz gute Jahre, und dann glänzte doch

endlich ein Glücksstern auf. Die Meisterstochter ... Elisabeth. Man

nannte sie meist Betty, aber ihm gefiel der lange, klingende Name, und

er sagte ihn leise und laut. Nun, er war ja immer noch ein leidlich

hübscher Kerl, und die lachenden Augen hatte er sich nicht verkleistern

lassen. So kam es, daß die niedliche kleine Betty »Peter« sagen lernte,

und der Arbeiter ward zum jungen Meister.

Peter Niemeyer jun. bewegte sich unruhig, aber sein Vater bemerkte es

nicht. Er durchlebte wieder die ersten Jahre seiner Ehe. Süße, heimliche

Glücksbilder stiegen vor ihm auf, dann solche mit ernsterem Gesicht.

Abende, an denen er versucht hatte, seine junge Frau teilnehmen zu

lassen an dem, was er in stillen Stunden gedacht und gelesen. Er wollte

sie mit hineinziehen in die einsame Welt seiner Gedanken, aber sie ging

neben ihm mit stummen Lippen. Und es erhoben sich wie feine Schatten die

ersten Gefühle der Enttäuschung.

Elisabeth ... Elisabeth ... Er rief den klingenden Namen nicht mehr oft.

Betty ließ sich kürzer und herrischer sagen. Er erlebte Stunden, da er

sich betrogen erschien, und doch waren es die Stunden, in denen er klar

sah, daß nicht sie, sondern er sich verändert hatte. Wie süß hatte ihm

einst ihr Geplauder geklungen! Gerade das, daß sie in lebhaften Worten

über Alltägliches sprechen konnte, war ihm reizvoll erschienen. Nun

quälte ihn der nichtssagende Wortschwall. Einst hatte es ihn belustigt,

daß die kleine Frau beim geringsten Anlaß in Aufregung geriet, später

verletzte ihn dieser Mangel an Würde.

Peter jun. stieß einen quietschenden Schrei aus. Da öffnete sich eine

Türe, und die Pflegerin trat herein. »So, so, hat er dich schreien

lassen!« sagte sie mit vorwurfsvollem Blick auf den träumenden Vater.

Sie nahm das kleine Bündel aus den Kissen und brachte es in die

Schlafstube. Peter Niemeyer war damit entlassen und hätte sich wieder

nach seiner Werkstatt begeben können, aber er blieb sitzen.

Er starrte auf die Stelle, an der das Kind gelegen. Sein Kind ... ja --

und auch Elisabeths. Da war nun wirklich etwas, in das sie sich teilen

konnten, etwas, das ihnen beiden lieb und interessant war. Fünfzehn Jahre

lang hatte er auf dieses Glück gewartet. Fünfzehn Jahre ... konnte man

sich danach wieder zusammenfinden?

Peter Niemeyer seufzte schwer. Er stand auf und ging nach der Türe,

durch die die Pflegerin verschwunden. Seine Frau schlief.

Er setzte sich an ihr Bett und betrachtete ihre müden, noch immer feinen

Züge. Ein warmes Gefühl wallte in ihm auf. »Elisabeth!« sagte er leise

und innig und streichelte ihre Hand. Darüber erwachte sie und blickte

staunend in ihres Mannes bewegtes Gesicht. »Elisabeth! Nun haben wir ja

endlich das Kind.«

Es war, als überwältigte ihn noch einmal der Jammer der einsamen Jahre,

den sie nur unklar empfunden. Sie gehörte zu den Frauen, die in ihrem

stärksten Empfinden Gattin sind. Sie vergötterte ihren Mann. Beinahe

widerspruchslos stimmte sie seinem Reden und Tun bei, und nie kam ihr

der Gedanke, daß sie ihm nicht nur bewundernd, sondern auch ratend und

mahnend zur Seite stehen sollte. So hatte sie durch ihre blinde Liebe

eine Selbstherrlichkeit in ihm großgezogen, die ihn in den Augen anderer

oft lächerlich erscheinen ließ und ihr selbst manche bittere Stunde

brachte.

Aber sie konnte rasch vergessen. So war ihr denn in dem Augenblick, da

sie ihres Mannes streichelnde Hand verspürte, es sei alles gut geworden

und werde immer so bleiben. Es kam ihr nicht zum Bewußtsein, daß sie

ihres Mannes Seele nicht kenne, daß sie so stumm vor ihr liege wie die

ihres neugeborenen Sohnes. Es kam ihr auch nicht zum Bewußtsein, daß ihr

dieser Tag in dem hilflosen, unbefleckten Seelchen ein Geschenk gegeben,

so groß und schön, daß ein sehr starker oder sehr leichter Sinn dazu

gehört, um vor der Verantwortung nicht zu zagen.

* * * * *

Peter war in den ersten Jahren seines Lebens ein zartes Kind. Wenn Frau

Elisabeth ihn spazieren fuhr, so brach wohl die eine oder andere der

Freundinnen in die teilnehmenden Worte aus: »Der ist aber blaß! Sieh nur

die Adern an den Schläfen! Ich frage mich, ob du ihn davonbringst.« Und

dann priesen sie ihre eigenen rotbackigen Kinder.

Aber der kleine Peter gedieh, allen Prophezeiungen zum Trotz. Er

kriegte blanke Zähnchen und lernte den Gebrauch der Beine. Er fing an

Tierstimmen und Menschenworte nachzuahmen, und dann kam der Tag, der

glückselige Tag, wo er in einer kleinwinzigen Hose in seines Vaters

Werkstatt stolzierte. Von da an trieb er sich gerne unter den hohen

Tischen herum, eifrig bunte Papierabfälle sammelnd, die er mit dem

großen Pinsel zusammenkleisterte. Hände und Kleider bekamen dabei ihr

gut Teil ab zum Ärger der Mutter, die ihr Bübchen immer schmuck haben

wollte. Der Vater aber lachte. »Er hat es eben im Blut! Gelt, Peter, du

wirst einmal Vaters erster Arbeiter und kriegst den guten Platz am

Fenster?« -- »Ja, wenn ich groß bin,« sagte Peterchen, »aber --« fügte

er zögernd hinzu: »Mutter soll auch mit dabei sein.«

Er war in diesen Tagen so sehr seiner Mutter Kind, daß er es nicht

ertragen konnte, lange von ihr getrennt zu sein. Wenn sie kochte, stand

er mit einem Rührlöffel in der Hand ernsthaft neben ihr. Er begleitete

sie auf allen Gängen und schlief nur ein, wenn sie an seinem Bettchen

saß. Des Morgens aber erwachte Frau Elisabeth daran, daß vorsichtige

Fingerchen ihre Augenlider in die Höhe zogen, und sie schalt nie,

sondern hob die Decke und ließ den kleinen Ruhestörer unterschlüpfen.

Das ging so heimlich und still, und die Unterhaltung, die nun zwischen

Mutter und Kind geführt wurde, war eine so leis geflüsterte, daß der

Vater nicht daran erwachte.

Frau Elisabeth war diese Morgenstunde die süßeste am Tag. Wie weich und

warm schmiegten sich die jungen Glieder in ihren Arm. Wie klopfte das

Herzchen so rasch, so rasch ... Sie spielte mit dem dunkeln, lockigen

Haar, das der Junge von ihr geerbt. Auch die vollen, roten Lippen waren

die ihren, und der Vater hatte dazu sein energisches Kinn gegeben. Aber

sonst glich der Kleine keinem der Eltern. Vielleicht, wenn das Bild

irgend eines Vorfahren aufbewahrt worden wäre, hätte man darauf die

lange, schmale Nase und die trotzige Stirne gefunden, und auf einem

andern vielleicht die schwarzen Brauen, die über der Nase

zusammenwuchsen. Augen hatte der kleine Peter sehr seltsame. Sie waren

von dunkelm Grau, groß und sanft, und es lag wie ein feiner Schleier

darüber. Aber in der Erregung zerriß der Schleier, und die Augen glühten

und schauten nahezu schwarz.

Frau Elisabeth erschrak jedesmal darüber. Es packte sie die bange

Ahnung, daß eine Zeit kommen könnte, in der es ihr nicht mehr gelingen

würde, die wilden Augen zu beruhigen. Aber sie schob diese Gedanken von

sich. Noch war das Peterchen klein, und wenn sein Seelchen in Not kam,

schrie es nach ihr, nur nach ihr. Das tat nicht nur ihrem Herzen, nein,

auch ihrer Eitelkeit wohl. Trotz aller Demut, die sie im Verhältnis zu

ihrem Mann empfand, war sie eine Natur, die nach Lob und Bewunderung

verlangte. Noch immer schwelgte sie in der Erinnerung an die Zeit, da

sie die umworbene und gefeierte Betty Berger gewesen und führte diese

Tage in ihren kleinlichen Zänkereien wieder und wieder an. In des Kindes

Augen nun stand sie groß und unantastbar.

Das späte Mutterglück hatte übrigens ihre Liebe zum Gatten nicht

beeinträchtigt. Der kleine Sohn mußte stets hinter dem Vater

zurücktreten. Das wußten beide, der kleine und der große Peter, und sie

nahmen es zu Zeiten mit einem leisen Erstaunen wahr, in das sich beim

kleinen ein unverstandener feiner Schmerz, beim großen ein unbehagliches

Schuldgefühl mischte.

Peter Niemeyer hatte redlich versucht, sein dem kleinwinzigen Sohn

gegebenes Wort zu halten. Er wollte gut sein zur Mutter seines Kindes,

und einige Wochen gelang es ihm. Frau Elisabeth erlebte wieder wie in

den ersten Jahren ihrer Ehe eine Zeit zarter Fürsorge; aber zu einer

inneren Annäherung kam es nicht. Und Peters Stimme bekam wieder den

alten selbstherrlichen Klang, und er zeigte sich, nach Art launischer

Menschen, den einen Tag zu Scherz und Lachen aufgelegt, den andern

reizbar und wortkarg. »Die Kluft zwischen uns ist zu groß, da ist kein

Verstehen möglich,« dachte er mißmutig.

Ach, da war wohl eine Brücke, die ihn wieder und wieder zu ihr getragen

hätte ... Für Güte und Erbarmen ist keine Kluft zu groß.

* * * * *

Der kleine Peter kam zur Schule. Das war ein Ereignis für die ganze

Familie, und jedes nahm es auf und verarbeitete es seiner Art

entsprechend. Dem Vater schien es der erste Schritt zur künftigen

Kameradschaft. Nun lernte der Junge, jedes Jahr ein bißchen mehr. Zeigte

es sich, daß er einen hellen Kopf habe, so konnte man ihn aufs Gymnasium

schicken. Studieren ... nein, das sollte er nicht. Das Geschäft ging

gut, es durfte nicht in fremde Hände übergehen. Aber abends, da wollten

sie zusammensitzen und lesen und sprechen. O, der Junge mußte nicht

glauben, er, der Alte, sehe nicht über den Kleistertopf hinaus! Er war

auch in guten Schulen gewesen, und überhaupt -- früher wurde viel besser

und gründlicher unterrichtet ... Merk' er sich das, mein Herr Sohn!

Peter Niemeyer pfiff, als er bei seiner Arbeit diese und ähnliche

Gedanken bewegte, fröhlich vor sich hin. Unterdessen saß Frau Elisabeth

im Wohnzimmer und weinte. Sie wußte selbst kaum warum, aber ihr war so

traurig zumute, als sei ihr etwas Liebes gestorben. Vor einer Stunde

hatte sie das Peterlein zur Schule gebracht. Er war einer der

niedlichsten kleinen Schüler, das hatte sie mit Stolz festgestellt. Und

er hatte den Lehrer artig gegrüßt und war nicht so blöde, mit dem Finger

im Mund, dagesessen, wie Bäcker Brauns Jüngster. Aber als sich nun die

begleitenden Mütter und Väter und älteren Geschwister zum Gehen

anschickten, war das Peterchen heulend aus der Bank gesprungen und hatte

sich an ihrem Kleid gehalten und Mutter geschrien, ohne auf ihre

Trostworte zu achten. Zuletzt hatte sie ihm Dampfnudeln zum Mittagbrot

versprochen, und das hatte geholfen. Das Peterchen war in die Bank

zurückgekehrt und sie nach Hause.

Und nun saß sie da und weinte nach dem Kind, und das arme Büblein dachte

wohl im stillen auch nur an sie. Ach, es gab doch recht schwere Dinge

durchzumachen! Und so allein war man mit seinem Kummer, denn dem Mann

durfte man nicht klagen. Er wurde gar leicht ungeduldig.

Frau Elisabeth schlang die Hände ineinander und schaute durchs Fenster.

Es kam ihr plötzlich in den Sinn, daß sie an die Bereitung der

versprochenen Dampfnudeln gehen müsse, aber sie blieb ruhig sitzen. Es

war so angenehm, in diesen halb traurigen, halb süßen Gedanken zu

schwelgen. »Alle Mütter sind Märtyrerinnen,« ja, das hatte sie einmal

gelesen und sehr merkwürdig gefunden. Aber jetzt verstand sie, o, jetzt

verstand sie ...

Unten auf der Straße ging eine Nachbarsfrau vorbei. Sie nickte ein-,

zweimal und Frau Elisabeth nickte wieder und führte dabei das

Taschentuch an die Augen. Es war ihr eine Genugtuung, daß die Freundin

sie in ihrem Schmerz gesehen. Sie schaute ihr heimlich nach, und da

erlebte sie eine zweite Genugtuung. Die Freundin hatte sich wohl etwas

eilig angekleidet, denn bei jedem Schritt schob sich ein blendend roter

Rocksaum unter dem dunkeln Kleid hervor. Frau Elisabeth lächelte: »So 'ne

Schlamperei! Und diese Farbe! Ja, wenn man eben keinen Geschmack hat ...«

Sie erhob sich, und bald darauf stand sie heitern Gemüts an der

Mehlkiste.

Das Peterchen kam mit dunkelglühenden Bäckchen nach Hause. »Mutter, die

Schule ist fein!« schrie er schon von weitem.

Frau Elisabeth gab es einen Stich durchs Herz. Sie hätte ihn lieber ein

bißchen bekümmert, ein bißchen sehnsüchtig erregt gesehen.

»Hast du Heimweh nach mir gehabt, Peterchen?« fragte sie, das Kind

zärtlich umfangend.

»Nur ein bißchen. Weißt du, nachher kam das feine Bild von dem

Elefanten. Der ist mal klug, Mutter! Und stark und, und -- gerecht. Ja,

gerecht nennt man das, Mutter. Wenn man dem etwas Böses tut, straft er

einen gleich. Da war mal so ein Schneider, Mutter, -- --«

»Ja, das kannst du mir nachher erzählen, jetzt gehen wir zum Essen,«

sagte Frau Elisabeth. Sie sprach in kurzem, etwas gereiztem Ton, und die

feinen Kinderohren horchten auf. Wie seltsam ... war Mutter böse? Er war

so froh gewesen, so erfüllt von all dem Wunderbaren, Neuen. Und die

Geschichte war so lustig. Ha, ha, wie das viele Wasser in die

Schneiderstube spritzte! Der stach den Elefanten gewiß nicht zum

zweitenmal in den Rüssel! --

Das Peterlein machte einen Sprung, als müsse er sich aus des Schneiders

nasser Stube retten. Da fühlte er sich von seinem Vater ergriffen, in

die Luft gewirbelt und wieder auf die Erde gesetzt. Peterlein schaute

atemlos zu ihm auf: »O Vater, bist du stark! Fast wie ein Elefant! Und

denke dir, so klug ist der und soo -- gerecht. Ich will dir mal was von

einem Schneider erzählen. Willst du's hören?«

»Aber gewiß!« rief Vater Niemeyer. Das freute ihn, das war ja wie ein

Akkord aus der Zukunftsmusik, die er vorher gespielt.

Und das Peterlein erzählte, mit Mund und Augen und allen Gliedern. Der

Vater bedauerte und lachte, alles am rechten Ort. Die Mutter --

Peterchen schielte wieder und wieder zu ihr hinüber -- kniff die Lippen

zusammen, so eng, daß nur noch ein schmaler roter Strich zu sehen war.

Man konnte sich gar nicht vorstellen, daß sie wiederauseinandergehen und

liebe Worte sprechen könnten. Wie schade, daß Mutter die Geschichte

nicht gefiel! Vielleicht, wenn er ihr sie später noch einmal erzählte?

Abends beim Zubettgehen versuchte Peterchen seine Geschichte ein zweites

Mal anzubringen. Aber Frau Elisabeth konnte sich nicht überwinden. Mit

abweisendem Wort schloß sie die plauderfrohen Lippen. Die alte, häßliche

Schule! Was brauchte er so vergnügt von dort herzukommen, wo sie nicht

dabei gewesen. -- »Gönnst du ihm denn seine Freude nicht?« mahnte eine

Stimme ihres Innern. Ja schon, aber er soll sie bei mir suchen.

Beinahe leidenschaftlich umarmte sie das stämmige Körperchen. »Du hast

mich lieb, Peterchen? Nicht wahr, du wirst dein Mutterchen immer lieb

haben?« Der Kleine drückte das runde Gesicht gegen ihre Wange. »Immer,

immer! Aber --« fügte er zögernd hinzu, »warum darf ich dir nicht

erzählen? Darf ich dir nie, gar nie erzählen, was wir in der Schule

machen?«

Da durchzuckte Frau Elisabeth eine jähe Erkenntnis. Wie war sie so

töricht gewesen! In ihrer selbstsüchtigen Liebe hatte sie ihn ja von

sich gestoßen. Mußte sie nicht froh sein, o von Herzen froh und dankbar,

daß er alles zu ihr trug?

»Freilich darfst du mir erzählen, Peterchen. Jeden Tag, soviel du

willst! Aber für heute ist's genug, sonst bist du morgen müde in der

Schule.«

Das half. Der dunkle Kopf sank auf das Kissen, und noch während Frau

Elisabeth ordnend im Zimmer hin und her ging, fiel das Peterlein in

Schlummer.

* * * * *

In den folgenden Monaten geschah es oft, daß der kleine Peter etwas zu

erzählen wußte. Aber nicht immer fand er die Mutter willig, seinen

sprudelnden Berichten zu lauschen.

Arme Frau Elisabeth! Ihren Gedanken, die nie nach den Schätzen der Tiefe

geforscht, nie in Qual und Sehnsucht zur Höhe gedrängt hatten, genügte

die kleine Welt, in der sie sich bewegte, vollkommen. Sie war nicht

unglücklich gewesen, wenn sie auch zuweilen unter den Launen ihres

Mannes gelitten hatte. Er gab ihr ja auch wieder gute Worte, und sie

hatte ein behagliches Heim und konnte hübsche Kleider tragen und

brauchte keine grobe Arbeit zu tun. Aber nun war so vieles anders

geworden.

Unter Peterleins dunkelm Lockenbusch fingen allerlei Gedanken zu

arbeiten an. Nicht nur was er in der Schule sah und hörte, nein, auch

alles was ihm sonst entgegentrat im Leben, wurde mit gierigen Augen und

Händen entgegengenommen und betastet und befragt.

So mag es einem kleinen Pflanzensetzling zumute sein, den man von der

Mutterpflanze gelöst hat. Er trinkt die Nahrung nicht mehr aus dem

mütterlichen Stamm, nein, direkt aus der feuchten, kühlen Erde, und der

Sonnenschein umfließt ihn inniger und wärmer, da er nun so rank und fein

und klein für sich steht. Er fängt behutsam an, Würzelchen auszustrecken,

und er wagt es und entrollt ein verschämtes, zitterndes Blatt.

Frau Elisabeth aber begriff das neue Leben, das sich, losgelöst von dem

ihren, entwickelte, nicht und betrachtete es mit feindseligen und

argwöhnischen Augen. Hin und wieder zwar rang sich ihr die Erkenntnis

durch, die sie am ersten Schultage durchzuckt hatte. Nein, er durfte ihr

nicht verloren gehen. Sie wollte teilhaben an seinen innersten Gedanken,

wie damals, als er zu früher Morgenstunde in ihr Bett gekrochen.

Aber wenn sie, nachdem sie dem Kind tage- und wochenlang gleichgültig

und verständnislos zur Seite gestanden, eine plötzliche Annäherung

suchte, konnte es geschehen, daß Peterlein die Lippen zusammenkniff. Das

feine Seelchen flüchtete sich vor den täppischen Angriffen und schaute

nur scheu und verängstet aus den großen verschleierten Augen.

Dann schwieg auch Frau Elisabeth; aber es war nicht ein aus Zartgefühl

geborenes Schweigen. Das hätte dem Peterlein wohl getan und ihm

vielleicht die herben Lippen geöffnet. Er beobachtete die Mutter, wie

sie sich an den Nähtisch setzte, zu Nadel und Faden griff und zu nähen

begann. Und jede Bewegung brachte ihr Gekränktsein zum Ausdruck, laut

und hart. Das Kind aber wand sich in unverstandener Qual.

Es ging dann wohl, um sich zu zerstreuen, in die Werkstatt hinunter,

denn der Vater nickte ihm meist freundlich zu und schenkte ihm auch hin

und wieder einen Streifen bunten Papiers.

Peterlein liebte es, auf einem hohen Drehstuhl zu sitzen, der dicht am

Fenster stand. Draußen war nicht viel zu sehen, wenigstens nichts, was

die Aufmerksamkeit der Arbeiter erregt hätte. Aber Peterlein bewunderte

das steil abfallende braunrote Ziegeldach. Es wuchs so viel feines,

samtenes Moos darauf, und er liebte alles Weiche. Die Mutter hatte ein

Samtkleid, das drückte er oft verstohlen an die Wange.

Über das Dach ragte ein alter, klotziger Turm empor. Wie ein rundes,

gutmütiges Gesicht schob sich die Hälfte seines Zifferblattes über den

First empor. Und Peterlein nickte ihm zu. Er mochte ihn gerne leiden,

den alten Turm mit dem breiten Gesicht, und er liebte auch die Zeiger,

die so lustig Verstecken spielen konnten. Der eine, kleinere, glitzerte

stundenlang oben in der Sonne, dann versank er, und Peterlein sah ihn

des Abends nie. Der große lief viel schneller. Jetzt war er

verschwunden, aber nachdem man ein Weilchen mit den Beinen geschaukelt,

das Moos auf dem Dach in Gedanken gestreichelt, sich über die vielen,

vielen Bücher gewundert und von der Möglichkeit, sie zu lesen, geträumt

hatte, tauchte er auf der andern Seite auf und war so golden und

blitzend wie zuvor.

»Was er nur denken mag, wenn er so zum Fenster hinausstarrt,« dachte

Peter Niemeyer sen. Er versuchte, in die eigene Kindheit hinabzusteigen.

Aber merkwürdig! es kam ihm keine Erinnerung, die ihm das Bild eines

versonnenen kleinen Buben entgegengehalten hätte. Er sah sich immer in

Bewegung, im Schulhof, auf der Straße, im elterlichen Hause ... turnend,

schreiend, raufend. War sein Junge am Ende kein echter Junge? -- -- An

Kraft fehlte es ihm gewiß nicht. Er hatte breite Schultern, die den

dunkeln Kopf stolz und aufrecht trugen, und daß er Beine hatte, die

ihresgleichen suchten im Marschieren und Laufen, konnte Vater Niemeyer

wieder und wieder beobachten.

Er nahm sich vor, den Jungen an den Sonntagen mehr mit sich ins Freie zu

nehmen, womöglich mit andern Kindern zusammen.

Das Stillesitzen und Träumen verdroß ihn ... aus dem einfachen Grund,

weil es seiner Natur fremd und unverständlich war. Und er wollte den

Jungen für _sich_ heranwachsen sehen. _Sein_ Kamerad, _seine_ Stütze und

Hilfe sollte er werden. Aber hatte er selbst nicht auch geträumt in

jungen Tagen und sich eine heimliche Welt erbaut? O gewiß, aber es waren

lauter klare Dinge gewesen, lebensfähige, starke Gedanken. Sein Junge

aber war versunken in den Anblick eines alten Daches und beobachtete das

Auf und Ab eines Zeigers. Dem mußte beizeiten ein Riegel vorgeschoben

werden.

So kam es, daß am folgenden Sonntag die drei Niemeyer mit einer

befreundeten, sehr kinderreichen Familie zusammen einen Ausflug machten.

Der nasenähnliche Vorsprung des nächstgelegenen Berges war zum Ziel

ersehen worden. Die Gesellschaft setzte sich in fröhlicher Laune in

Bewegung. Die Luft war klar, der Sonnenschein wärmend, ohne stechend zu

sein. Peterlein sprang mit den andern Kindern um die Wette. Er schlug

Purzelbäume wie ein gedienter Zirkusclown und ging aus einem Ringkampf,

der mit viel Lachen und Gekreisch in Szene gesetzt wurde, als Sieger

hervor. War das derselbe Junge, der verträumt in einem Winkel zu sitzen

pflegte? Nein, das war ein echter, lebendiger Junge, wie er sein soll.

Vater Niemeyer strahlte.

Dann fiel er mit einem Mal aus allen Himmeln. Der besiegte Nachbarjunge,

der seinen Groll nicht verwinden konnte, drang plötzlich von hinten auf

Peterlein ein und schlug ihn über den Kopf.

»Na, hoffentlich haut er ihm eine Tüchtige runter!« dachte Vater

Niemeyer ergrimmt. Aber Peterlein blieb stehen und schaute seinen

Widersacher an. Grenzenloses Erstaunen malte sich in seinen Augen. »Du

bist ja ein Feigling!« sagte er mit seiner hellen Knabenstimme.

»Was bin ich!« schrie der andere. Er versetzte Peter einen Stoß, der ihn

zu Boden schleuderte; dann hielt er es für geraten, sich hinter seinen

Vater zurückzuziehen.

Es wäre nicht nötig gewesen. Als Peterlein wieder aufrecht stand, ging

er seines Wegs, ohne sich nur umzublicken.

Peter Niemeyer ärgerte sich. Hatte der Junge kein Ehrgefühl im Leib? Mit

ein paar raschen Schritten war er an seiner Seite. »Läßt du dir so etwas

gefallen, Peter? Vorher hast du ihn ja auch untergekriegt. Warum hast du

nicht mit ihm gerungen?«

»Weil er feig ist,« sagte das Kind und hob seinen stolzen, freien Blick.

Die Augen waren unverschleiert und glühend, und Vater Niemeyer wußte

keine Entgegnung.

Oben auf dem Berggipfel lagerte man sich, und nachdem die Aussicht

bewundert und die Namen der zerstreut liegenden Dörfer richtiggestellt

waren, überließen sich die Erwachsenen der Ruhe.

Die Kinder drangen tiefer in den Wald hinein. Es ward still, nur hin und

wieder klang ein vereinzelter heller Schrei, ein seliges Lachen herüber.

Peter Niemeyer lag, die Beine weit ausgestreckt, und fühlte und trank

den Zauber des Frühlingstages in tiefen Atemzügen.

Da schrak er jäh empor. Das Weinen eines Kindes, untermischt mit

vielstimmigem Gelächter, war an sein Ohr gedrungen. Er richtete sich

auf. Die Töne kamen näher und näher, und Frau Elisabeth horchte

ängstlich auf. »Es ist unser Peterchen, der weint,« flüsterte sie.

Da stürzte er auch schon auf sie zu, mitten in ihre ausgestreckten

Arme. »Was hast du denn? Wer hat dir etwas zuleid getan?« fragte sie

wieder und wieder. Aber Peterlein konnte vor Schluchzen nicht sprechen,

und die andern Kinder mußten berichten. Das Peterlein sei ganz für sich

gegangen, sie hätten ihn lange gesucht und endlich vor einem großen

Stein gefunden. Den habe er immerzu betrachtet. Da sei eines von ihnen

zum Spaß daraufgestanden, und nun habe das Peterlein angefangen zu

weinen und sei davongelaufen und sie alle hinterdrein.

Vater Niemeyer war ernstlich böse. »Deswegen weint man doch nicht.

Schäme dich, Peter!«

Frau Elisabeth fühlte Mitleid mit dem zuckenden Körperchen, das in ihrem

Schoß lag. Er hatte sich zu ihr geflüchtet. Das tat wohl. Sie beugte

sich ein wenig herab und flüsterte: »Sei nun wieder still, Peterlein!

Sieh, die andern sind so vergnügt. Warum hat dich denn der dumme Stein

so betrübt?«

Peterchen hob sein verweintes Gesicht. »Ach Mutter, es war ein kleiner

Wald, eine wunderschöne kleine Welt darauf!«

»Wirklich!« sagte Frau Elisabeth und vertilgte mit dem Taschentuch die

Tränenspuren in ihres Sohnes Gesicht. Sie dachte dabei, was für ein

absonderliches Kind sie doch habe, und es ward ihr unbehaglich bei dem

Gedanken. Wie mochte das später werden? Nun zählte er erst acht Jahre

und war ihr schon halb entglitten.

Ihr Blick ging unsicher und fragend zu ihrem Mann hinüber; aber Peter

Niemeyer, der die Klage seines Jungen um die zertretene kleine Welt

gehört, lag still mit geschlossenen Augen und gerunzelter Stirne.

* * * * *

Der Sommer brachte für Peterlein etwas Wunderbares. Er durfte mit der

Mutter in die Berge. Der Vater konnte nicht abkommen. Er brachte Frau

und Kind zur Bahn und plauderte bis zuletzt lebhaft und fröhlich mit

ihnen. Er hielt die Hand seiner Frau lange in der seinen und tätschelte

seines Buben blasse Wangen.

»Nun geht nur tüchtig spazieren da oben und holt euch rote Backen! Und,

Peterlein -- -- -- fall' mir nur ja nicht in eine Gletscherspalte!«

»Wie ist es da?«

»O, schön! Aber wenn man hinunterpurzelt, merkt man davon nichts.«

»Bist du schon mal hinuntergepurzelt, Vater?«

»Bewahr' mich der Himmel! Junge, was denkst du nur! Aber an einer

gestanden bin ich mehr als einmal!«

»Wie sieht das aus, Vater?« drängte das Kind. »Ist es ein tiefes,

schwarzes Loch?«

»Tief ist es, unendlich tief, aber nicht schwarz ... Es glänzt so

schönes Eis herauf. Ganz blankes, grünes Eis, Peterchen. Und unten

rieselt und gluckst etwas -- -- ein Gletscherbächlein ... aber es klingt

oft eigentümlich -- -- wie -- wie --«

»... wie wenn etwas weint,« vollendete ein leises Stimmlein.

»Warum meinst du das?« fragte der große Peter lächelnd.

»Weil ich es einmal gehört habe, im Wald, weißt du, bei dem kleinen

schwarzen See. Da muß das Bächlein hinein und deshalb weint es.«

»Na, hör' mal, Peterchen!« begann Frau Elisabeth, aber ihr Mann legte

eine beschwichtigende Hand auf ihren Arm.

Das konnte er verstehen. Das hatte der Junge von ihm. Es war ihm, als

höre er wieder ein paar Takte aus seiner Zukunftsmusik ... War er nicht

auch als junger Bursche, wenn er durch Wald und Wiesen strich, stehen

geblieben, um etwas von den Tönen zu erlauschen, die Wind und Bach und

Tanne sangen? Ein Lied, ein funkelndes Lied der Freude, hatte ihm daraus

geklungen. Und das Peterchen hörte ein Weinen ... Also doch nicht ganz

dasselbe, nein, nicht ganz.

Eine leise Unzufriedenheit wollte in Peter Niemeyer aufsteigen, aber er

zwang sie nieder.

»Ich hörte kein Weinen, Peterchen. Ich wollte sagen, das

Gletscherbächlein mache Musik. Ganz feine, silberne Töne hört man.«

»Ja ... da singt jemand,« nickte das Kind. Es saß und schlenkerte mit

den Beinen und schaute aus weichen, verträumten Augen.

Peter Niemeyer stand auf und lachte. Die Zeit drängte. Er mußte eiligen

Abschied nehmen. Dann setzten sich die Räder in Bewegung, und das

Peterlein rollte davon, weit weg, dorthin, wo das Bächlein unter

schimmerndem Eis kleine Lieder singt.

Es gab auf der Reise sehr viel Erstaunliches zu sehen. Da waren die

Telegraphendrähte. Lange Strecken liefen sie neben dem Zug her, oft nur

in der Höhe des Fensters, aber das genügte ihnen nicht. Hinauf, hinauf!

schienen sie zu schwirren. Und sie fingen an zu steigen -- -- rascher --

rascher! Wohin! wohin? Da -- -- eine böse lange Stange stand in ihrem

Weg und riß sie alle herunter -- o so tief! Konnten sie nun nicht mehr

fliegen? Nein, manchmal war es ganz aus damit. Sie sanken, sanken, und

jede böse Stange machte sie tiefer sinken. Aber streckenweise ging es an

tapfern Drähten vorbei. Die flogen jedesmal, wenn der dunkle Schatten

sie heruntergezerrt hatte, aufs neue in die Höhe, immer wieder, immer

wieder -- -- bis -- -- Ja, mit einem Mal waren sie ganz weg, und die

Eisenbahn fuhr dicht an einem See vorbei, so dicht, daß man glauben

konnte, die Räder liefen im Wasser. Es schimmerten blanke Steine und

weiches, bewegliches Gras, und da -- ja, da war ein Fisch, ein

wirklicher, lebendiger Fisch, der blitzschnell zwischen den Steinen

durchfuhr.

Dann mußte man durch einen dunkeln Tunnel fahren. Das war nicht hübsch.

Aber nachher ...

Das Peterlein saß ganz still, aber es öffnete die Augen weit und trank

die Schönheit, die sich vor ihm aufgetan.

Und der Glanz der sonnbeschienenen weißen Berge, die geheimnisdunkle

Pracht der Wälder, der Duft und die Freude, die von den blumigen Matten

aufstiegen, sanken durch die dürstenden Augen tief auf den Grund seiner

stillen, wartenden Seele.

* * * * *

Peterlein fühlte sich schon nach wenigen Tagen in dem kleinen Bergnest

so heimisch, als habe er immer in dem braunen Häuschen gewohnt. Wie war

es so klein, so klein! Wenn sich Peter auf einen Stuhl stellte, so

konnte er mit der Hand die Decke berühren, und wenn er Eile hatte, ins

Freie zu kommen, sprang er durchs Fenster. Es war alles neu und

furchtbar interessant, z. B. die vielen Menschen, die mit ihm und Mutter

zusammen an einem Tisch aßen. Er kannte die wenigsten, denn gleich nach

Tisch zerstreuten sie sich wieder in ihre Behausungen. Da der Gasthof

selbst nur wenige Gäste beherbergen konnte, waren die meisten in den

nächstgelegenen Häuschen untergebracht.

Peterlein war immer unter den ersten, die dem Ruf der Tischglocke Folge

leisteten. Dann stand er am Fenster und beobachtete die Gäste, die sich

von allen Seiten paar- und gruppenweise dem Gasthof näherten. Bei

Regenwetter war es besonders hübsch. Da konnte man glauben, eine Schar

Pilze wandere langsam und bedächtig auf den schmalen Weglein.

Frau Elisabeth fühlte sich fremd und eingeschüchtert. Daran war in erster

Linie ihr Tischnachbar schuld. Es war ein alter Sanskritgelehrter, der

erst vor kurzem aus Indien zurückgekehrt war und noch immer in seligen

Erinnerungen schwelgte. Beinahe täglich unterhielt er Frau Elisabeth mit

Schilderungen alter Tempel, deren Existenz er als bekannt voraussetzte.

Völlig zur Verzweiflung aber brachte er sie, als er ihr eines Mittags

mit feurigen Worten die vom Mondlicht übergossene Tadsch Mahal

schilderte. Frau Elisabeth lauschte mit krampfhaft festgehaltenem

liebenswürdigem Lächeln, während sie innerlich stöhnte: »Mein Gott, wenn

ich nur wüßte, von was er spricht.«

Sie ließ die Worte halb betäubt über sich ergehen und empfahl sich so

schnell es irgend anging. Ach, warum hatte sie nicht darauf gehört, wenn

ihr Mann ihr dies und jenes vorlesen wollte oder zum Selbstlesen anpries!

Zwar, von Indien hatte er ihr nie gesprochen, daran glaubte sie sich mit

Bestimmtheit zu erinnern. Aber -- eine andere Sache hatte ihm immer so

am Herzen gelegen. Beinahe jeden Regensonntag hatte er sie aufgefordert,

die Gemälde im Museum anzusehen. »Denn, wirklich, Betty, es ist eine

Schande, wenn ein Kind unserer Stadt nicht die Bilder ihrer zwei

weltberühmten Maler kennt. Andere beneiden uns um den Besitz und kommen

weit her, ihn zu sehen. Du kannst dich nicht einmal zu den paar

Schritten entschließen. Warst du überhaupt schon dort?«

Wie gut erinnerte sie sich ihrer Antwort! »Na ja, als junges Mädchen

war ich mal dort. Es hat mir aber gar nicht so besonders gefallen. Da

waren so merkwürdige Wesen ... Frauen mit Fischschwänzen und Männer,

halb Mensch, halb Pferd. -- -- Ach, und so ein schreckliches Bild war

da. Es soll Christus vorstellen. Davon hat es mir nachts geträumt. -- --

Und die Frau mit den Kindern -- das soll doch so ein schönes Bild sein

-- gefiel mir auch nicht. Der Junge ist wohl ganz nett, aber die Frau

hat trübe Augen, und das Kleine sieht drein, als ob es Schnupfen hätte.«

Ja, das hatte sie geantwortet, und darauf waren Peter sen. und jun.

allein ins Museum gegangen. Sie hatte nachher das Kind über die Bilder

befragt, aber es hatte nicht viel zu antworten gewußt. Ein Kindchen habe

er gesehen, so eines, wie sie im Wasser wohnen. Das habe ein Fischlein

fangen wollen, da sei es ausgerutscht, und »nun macht es so, sieh,

Mutter, so!«

Peterlein hatte ein weinerliches Gesicht geschnitten, dann hatte er

plötzlich ein Tuch ergriffen, es eng um die Schultern gezogen und mit

abgewandtem Gesicht gesagt: »Sieh, Mutter, so steht der Mann und wartet

und wartet. Warum wartet er, Mutter? Da ist ein großes Wasser und vorne

ist eine Frau, eine ganz arme, Mutter. Sie hat keine Kleider, nur ein

ganz dünnes Tuch. Das glitzert sehr schön. Und sie wartet auch. Warum,

Mutter? Vielleicht, daß sich der Mann mal umwenden soll? Ich glaube, sie

will ihm etwas vorspielen. Aber warum wartet der Mann und schaut immer

auf das Wasser?«

»Vielleicht auf ein Schiff, um nach Hause zu fahren.«

»Ist er da nicht zu Hause? O, du weißt's nicht gewiß, Mutter?... Ich

glaube doch, aber er möchte mal weg, um zu sehen, was über dem großen

Wasser ist. Ja, deshalb wartet er auf das Schiff.«

Hatte der Professor nicht zum Schluß von diesem Bild gesprochen? Gewiß!

Wenn sie nicht aufgestanden wäre, hätte er sie darüber ausgefragt.

»... denn gnädige Frau müssen es natürlich aufs genaueste kennen.« Ach,

wie konnte sie nur diesem schrecklichen alten Herrn entrinnen!

Frau Elisabeth war während dieser Gedanken einen Waldweg gegangen, der

zu einer einsamen kleinen Höhe führte. Peterlein lief singend

hintendrein. Er erreichte die Mutter erst, als sie sich auf eine der

leerstehenden Ruhebänke niedergelassen hatte. Er lehnte sich an sie, und

sie schlang den Arm um ihn und fühlte unter ihrer Hand das vom Springen

erregte Herzchen pochen.

»Mein Peterchen,« flüsterte sie, und drückte die Lippen in sein Haar.

Er schob sich enger an sie heran. Da ließ eine Elster in der Nähe ihr

häßliches Krächzen hören, und Peterlein riß sich los.

»Sieh, Mutter, dort sitzt er! O, wie schön schwarz und weiß ... Mutter,

wie heißt der Vogel?«

»Na, wie heißt er denn!« Frau Elisabeth sagte es ein wenig ungeduldig.

Was brauchte Peter so laut zu schreien! Nun hatte die Frau auf der

andern Bank gewiß die Frage gehört und wartete mit dem Jungen zusammen

auf eine Antwort ... Und sie wußte ja den Namen des dummen Vogels nicht!

Was sollte sie nur machen?

Ihr war, über das Gesicht der fremden Dame gleite ein feines Lächeln.

»Peterchen!« rief Frau Elisabeth, »komm mal flink her!«

Als das Kind näher trat, flüsterte sie hastig: »Es fällt mir jetzt

gerade nicht ein. Wahrscheinlich ist's so etwas wie ein Rabe.«

»Aber Raben sind doch ganz schwarz, Mutter!«

Peterchen stand vor ihr, die Hände auf dem Rücken, und betrachtete sie

vorwurfsvoll. Plötzlich sagte er: »Hast du den Namen wirklich mal

gewußt? Oder, oder ... weißt du, Mutter, heute -- -- am Essen -- -- das

hast du auch nicht gewußt ... weißt du, das weiße Haus, von dem der alte

Mann erzählte. Da hast du bloß so getan -- --«

Frau Elisabeth saß da, über und über errötend. Einen Augenblick war

ihr, die ganze Bergkette senke sich, als wolle sie ihr eine spöttische

Verbeugung machen. Die Fremde mußte jedes Wort gehört haben. Peterleins

Stimme war so durchdringend hell, und die halb vorwurfsvoll, halb

trotzig gesprochenen Worte hatten sehr deutlich geklungen.

Frau Elisabeth neigte sich ein wenig vor und sagte ärgerlich: »Du bist

ein ungezogenes Kind, Peter! So spricht man nicht zu seiner Mutter. Ich

habe nie zu meinen Eltern gesagt, sie machen dies oder jenes nicht

recht.«

»Ja -- aber ... Eltern sind doch auch manchmal unartig, Mutter. Nicht?«

Frau Elisabeth starrte ihren kleinen Sohn an. Er erwiderte ihren Blick,

nicht trotzig, nur harmlos erstaunt.

Was sollte sie nur antworten?

Da -- mitten in das Schweigen hinein -- klang ein Lachen, ein herzliches,

befreiendes Lachen. Die fremde Dame war aufgestanden und näherte sich

den beiden.

»Du hast ganz recht, mein Junge! Wir Großen alle sind auch manchmal

unartig. Aber -- -- das kannst du mir glauben -- wir strengen uns

tüchtig an, es nicht zu sein ... Darf ich?«

Die letzten Worte galten Frau Elisabeth, die bereitwillig zur Seite

rückte. Die Fremde setzte sich.

»Wie heißt du denn, kleiner Mann?« wandte sie sich an Peter, und dann

begann sie mit ihm zu plaudern.

»Weißt du, Mutter,« meinte Peter später, »sie fragte so hübsche Sachen.

Nicht: wie alt bist du, und in welche Klasse gehst du, und hast du schon

viele Tatzen gekriegt.«

»Ja, was fragte sie denn?«

»O, Mutter, hast du es nicht gehört? Du saßest doch dabei. Sie fragte,

ob ich die kleine Eidechse mal gesehen, die unten am Mäuerchen wohnt.

Und -- Mutter, wir sprachen von den Wolken, und sie findet sie gar nicht

langweilig wie du. Sie hat gestern abend den großen Bären auch gesehen.

Hast du denn gar nicht zugehört?«

Nein, das hatte Frau Elisabeth nicht getan. Sie hatte eigentlich nur die

Fremde beobachtet, das ruhige Gesicht, dessen nahezu grobe Züge durch

einen unendlich gütigen, innerlich frohen Ausdruck verschönt wurden.

Ein Gesicht, das keine Maske trug.

Ein Gesicht, das jeden zu grüßen schien.

Wenn man dies Gesicht ansah, wußte man, diese Frau denkt immer in erster

Linie: wie kann ich dir helfen?... wie kann ich dir wohl tun?

Und deshalb war sie auch herübergekommen und hatte Peters Frage

beantwortet, die ihr so ungeheuerlich erschienen.

Warum hatte sie nicht diese einfachen Worte gefunden? Warum?

Ach, sie war so bestürzt gewesen, so bestürzt. Sie hatte geglaubt, in

Peterleins Augen stehe sie fleckenlos da, und sie hatte auch geglaubt,

das müsse so sein. Wenn die Kinder an den Eltern Fehler entdeckten --

mußte da nicht jeder Respekt verschwinden? -- -- Freilich, die Fehler

waren da. Die ließen sich nicht wegleugnen, nicht wegbefehlen. War es da

nicht klüger, die Worte der fremden Frau nachzusprechen?... »Nicht nur

klüger, auch tapferer und ehrlicher,« flüsterte eine heimliche Stimme in

Frau Elisabeths Herzen. Sie mußte plötzlich an ihren Vater denken. Der

war ein aufrechter Mann gewesen. Hart und streng manchmal, aber doch in

erster Linie gegen sich selbst. Da gab es kein Bemänteln einer Schuld.

Er war ein hitziger Mann gewesen und konnte in der Aufregung manches

Wort sagen, das ihn nachher in der Seele brannte. Dann leistete er

Abbitte, auch wenn es sich nur um ein Kind oder den jüngsten Lehrbuben

handelte. Und hatte er dadurch an Achtung verloren? Nein, nein ... Frau

Elisabeth wußte plötzlich, daß ihr der Vater nie größer erschienen war,

als in einem solchen Augenblick.

Sie wußte noch etwas. Sie wußte, daß er, heute bei Tisch, nicht mit ihr

zufrieden gewesen wäre. Warum hatte sie dem Professor nicht einfach

gesagt, sie wisse nichts von diesem -- diesem Ding?

Es fiel ihr ein Wort ihres Vaters ein, das ihr das Blut in die Wangen

trieb. »Kinder, gesteht doch ruhig ein, daß ihr etwas nicht wißt! Das

ist keine Schande. Und wenn's auch eine wäre, denn es kommt ja vor, daß

man etwas wissen sollte -- na, da muß man eben die kleine Beschämung

tragen. Nur kein feiges Sichverstellen!«

Die einsame Höhe war ein zauberkräftiger Fleck Erde. Noch nie hatte

Frau Elisabeth so tief Einkehr bei sich gehalten wie an diesem

Nachmittag. Das bekam auch Peter zu spüren. Er ging auf dem Nachhauseweg

zwischen den beiden Frauen und merkte auf ihr Reden, und seine feinen

Ohren hörten mehr als Frau Elisabeth ahnte.

Am Abend, als er in dem großen Bett lag, setzte sich die Mutter neben

ihn und schaute schweigend durchs Fenster. Der Junge betrachtete sie mit

erwartungsvollen Augen. Was war mit Mutter?

»Peterchen,« sagte sie leise und ein wenig stockend, »es ist wahr, ich

habe den Herrn Professor heute nicht verstanden. Es war dumm, daß ich

das nicht sagte. Und den Vogelnamen weiß ich schon lange nicht mehr.

Vielleicht habe ich ihn einmal in der Schule gelernt ... Und es ist auch

wahr, was die freundliche Dame heute sagte, daß -- daß wir Großen auch

unsre Fehler haben. Aber sieh, Peterchen, bei manchen merkt man doch

kaum etwas davon. Denk an Vater, Peter! Der ist doch immer so gut und

lieb zu dir, und nun hat er uns hier heraufgeschickt, wo wir's so schön

haben, während er immer arbeiten muß ... Und Vater weiß so viel, alle

sagen, wie klug er sei --«

Weiter konnte Frau Elisabeth nicht sprechen. Das Kind hing plötzlich an

ihrem Hals und küßte sie, küßte sie ... o, diese durstigen Lippen! --

Und dann brach es in ein so leidenschaftliches Schluchzen aus, daß die

Mutter sich keinen Rat wußte.

»Kind, Kind, was ist dir nur!« flüsterte sie halb erschrocken, halb

beseligt.

Noch nie hatten sie seine Arme so fest umklammert, noch nie die heißen

kleinen Hände nach ihr gegriffen, als griffen sie tief, tief in ihr

Herz.

»Ich hab' dich lieb, Mutter! Ich hab' dich lieb!« schluchzte das

Peterlein. »Du gehörst mir, Mutter, sag, daß du mir gehörst!«

»Aber gewiß, Kind, gewiß! So -- so ... Nun will ich dir ein bißchen

singen, und dann schläft mein Peterchen schön ein.«

Sie legte ihn zurecht und trocknete sein Gesicht. Dann hielt sie seine

Hand und sang und sah, wie die wilden Augen sanft und ruhig wurden und

sich müde schlossen.

* * * * *

Von diesem Tage an fühlte sich Frau Elisabeth weniger unbehaglich.

Irgend etwas sagte ihr, daß diese Fremde ein innerlich reicher Mensch

sei, und daß sie es verstehe, ihren Reichtum weiterzugeben.

Und sie, die Fremde, hatte feine Ohren. Sie hörte aus all dem oft so

nichtigen und eitlen Wortschwall etwas heraus, das ihr des Hörens und

Antwortens wert schien. So ging sie manche Stunde, die sie lieber in der

Stille verlebt hätte, mit Frau Elisabeth und dem kleinen Jungen

spazieren. Daß das Kind dabei war, erleichterte ihr das Opfer.

Sie hatte, ehe sie in das einsame Bergdorf gekommen, in einem großen

Wirkungskreis gestanden. Tagtäglich waren Bilder des Elends, der Sünde

vor ihr Auge getreten; flehende und drohende, verzweifelte und fordernde

Hände hatten nach ihr gegriffen. Und ihr großes, reiches Herz hatte all

das Elend mit inbrünstigem Erbarmen umschlossen. Dann plötzlich war sie

zusammengebrochen. Es war kaum zu glauben gewesen. Jedermann in ihrer

Umgebung hatte sich gegen die Erkenntnis gesträubt, und sie selbst hatte

hart mit dem müden Herzen gekämpft. Bis sie wußte: ich muß fliehen, aus

allem heraus, sonst kann ich das Leben nicht mehr ertragen. Sie war in

die Berge gereist mit dem festen Vorsatz, in ein Mausloch zu kriechen

und sich daraus durch niemand und nichts vertreiben zu lassen. Aber an

jenem Nachmittag, als Peters helle Stimme zu ihr gedrungen, hatte sie

antworten müssen. Es war nicht anders gegangen.

Das Kind erschloß sich ihr täglich mehr, und sie empfand seine

stürmische Liebe als köstliches Geschenk. Die ihre äußerte sich selten

in Worten oder Gebärden. Ihr war, Frau Elisabeth könnte dies nicht wohl

ertragen.

Aber sie liebte den Jungen, mit fast schmerzlicher Innigkeit ... so, wie

man etwas Feines und Holdseliges liebt, das man in täppischen Händen

weiß. Sie schaute in des Kindes Seelengarten und sah, wie es drin üppig

blühte und wucherte, und sie wußte, daß hier eines verständigen Gärtners

Hand walten sollte ... »Armer, kleiner Peter!« dachte sie, wenn in diese

Gedanken hinein Frau Elisabeths Worte drangen.

* * * * *

Frau Elisabeth und die Fremde reisten an demselben Tage ab. Beide waren

froh, in den alten Wirkungs- und Pflichtenkreis zu kommen. Auch Peter

freute sich nach Kinderart der Veränderung. Er freute sich besonders

darauf, dem Vater die schönen Steine zu zeigen, die er auf allen Wegen

gesammelt. Aber als er von der »Tante« Abschied nehmen sollte, riß er

die Augen weit auf und starrte der Davongehenden nach.

Sie wandte sich nach einigen Schritten, ein letztes fröhliches Wort auf

den Lippen ... Und konnte es nicht aussprechen. Sie wußte, nie würde sie

diese entsetzten Augen vergessen können.

Das aber ahnte sie nicht, daß ihr Bild durch lange Monate hindurch wie

ein köstlicher Schatz in Peterleins Herzen gehütet wurde. -- --

Der Vater freute sich an den mitgebrachten Steinen, bis er eines Tages

entdeckte, daß Peterlein wieder seine »sonderbaren Sachen« damit treibe.

An einem Fleck im Garten hatte er sie alle zusammengetragen. Fein

säuberlich eingewickelt war jeder, in buntes Papier oder in Stoff-Fetzen,

und nun wurden sie auf Moos gebettet oder in kleine Gruben gesteckt.

Peterlein war so versunken in sein Spiel, das er mit einem glückseligen,

zärtlichen Gemurmel begleitete, daß er des Vaters Schritte nicht hörte.

Erst als die barsche Frage: »Was treibst du da?« an sein Ohr drang,

fuhr er empor. Er verstand nicht, warum der Vater so streng aussah,

aber es schüchterte ihn ein, und er sagte ängstlich: »Es sind so liebe

Steine ... ich mache ihnen allen Bettchen.«

»Ach, dummes Zeug! Das tut man doch nicht mit Steinen. Jetzt wirfst du

auf der Stelle den ganzen Plunder weg. Dort -- -- auf den Kehrichthaufen

hinunter.«

All die lieben Steine wegwerfen?... Der kleine Peter betrachtete den

großen fragend, immer noch halb verträumt. Dann kam der Befehl zum

zweitenmal, und er begriff.

Dunkelrot färbte sich sein Gesicht, schwarz und drohend blitzten die

Augen, aber er bückte sich und sammelte die Steine in seine Schürze.

Dann ging er zum Zaun hinüber und warf die Steine auf den

Kehrichthaufen, einzeln, langsam, als wolle er die Qual möglichst lange

auskosten. Einmal hielt er inne. Einer der Steine war auf ein Stück

Eisen gefallen und zerbrochen. Da hatten Peterleins scharfe Augen an der

glatten Bruchfläche etwas zu entdecken geglaubt. Aber er machte keine

Bemerkung darüber. Er warf die Steine hinunter, einen nach dem andern,

und schielte zu Zeiten nach dem Vater hinüber, der ihm ruhig zusah.

»So ... nun kannst du mit mir in die Werkstatt kommen. Du darfst

zusehen, und vielleicht darfst du auch etwas helfen.«

Peter Niemeyers Stimme klang jetzt freundlich. Du lieber Himmel! Er war

ja kein Wüterich, kein Spielverderber. Er wollte den Jungen gern froh

wissen, aber auf eine vernünftige Weise. Für derartige Dinge war er nun

einfach zu groß.

Peterlein machte auch zu den freundlichen Worten keine Bemerkung. Er

hielt die Augen eigensinnig gesenkt und benützte die erste Gelegenheit,

aus der Werkstatt zu entschwinden. Eilig lief er in den Garten zurück,

kletterte über den Zaun und war mit einem Satz auf dem Kehrichthaufen.

Wo war nur der zersprungene Stein? Da -- Peterlein bückte sich und

unterdrückte einen Jubelruf. »Ein Schmetterling! Ein ganz schöner

Schmetterling!« murmelte er staunend und fuhr mit dem Finger den feinen

Linien der Versteinerung nach. »O, das soll er nicht sehen, der Böse!«

Er kletterte mit seinem Schatz vorsichtig wieder hinauf, lief durch den

Garten und ins Haus. Dort ging er lange Zeit ruhelos umher. Kein

Versteck wollte ihm gut genug erscheinen für seinen herrlichen Stein.

Endlich geriet er auf den Einfall, ihn in sein Kopfkissen zu schieben.

Frau Elisabeth entdeckte natürlich den verborgenen Schatz, als sie

Peterleins Kissen zurechtschüttelte. Da lernte sie denn die ganze

Geschichte kennen, und Peterlein verfiel in trotzige Anklagen gegen den

»bösen« Vater, der ihm seine Steine genommen.

Die Mutter schalt. »Was fällt dir ein, so von deinem Vater zu sprechen,

du unartiger Bub! Die großen Leute wissen viel besser, was für die

kleinen paßt, als diese selbst. Weißt du noch, gestern? Da hat Vater dir

verboten, mit dem Messer zu spielen, und wie du's doch getan, hast du

dich geschnitten. Na, nun siehst du's.«

Peterlein saß aufrecht im Bett und dachte nach. Dann meinte er langsam:

»Aber, Mutter, das ist doch nicht dasselbe. Mit dem Messer -- -- ja, da

hat der Vater gewußt, daß es nicht paßt ... und -- und ich bin unartig

gewesen ... Aber warum passen die Steine nicht, Mutter? Da kann man sich

doch nicht schneiden ... Es waren so liebe Steinchen, Mutter, und ich

hatte ihnen so schöne Bettchen gemacht.«

»Nun höre mal auf mit den dummen Steinen und geh' schlafen!«

Frau Elisabeth war gereizt. Im Grund war ihr ja die Handlungsweise ihres

Mannes auch unverständlich. Warum ließ er denn dem Kind die Freude

nicht? Aber ihn darüber befragen -- -- nein, das wagte sie nicht. Und

der Junge sollte nur auch beizeiten lernen, das Fragen zu unterdrücken

und sich seinem Vater anzupassen.

Sie ging ohne Gutenachtkuß, und Peterlein rief sie nicht zurück. Er saß

noch immer in seinem Bettchen und rang mit seltsamen Gedanken. War das

nicht alles schon oft so geschehen?... Was denn?... Das mit den Steinen?

-- -- Das war ja unmöglich. Nein, aber das, das so weh tat, so furchtbar

weh ... das -- -- ja, nun wußte er's ... Die Mutter liebte ihren kleinen

Peter lange nicht so, lange nicht so -- wie sie den Vater liebte.

Peterlein ließ den Kopf schwer ins Kissen fallen. Den Stein gegen die

Wange gedrückt, starrte er in das dämmrige Zimmer. Er hätte gerne

geweint, um den Druck im Hals los zu werden. Aber wenn man ihn gehört

hätte?

Seine Gedanken gingen auf die Suche nach etwas Tröstlichem, und da

fanden sie den Stein. Der wunderschöne Schmetterling ... Wer hatte ihn

da hineingezeichnet?... Natürlich der liebe Gott. Der hatte ja alles

gemacht, die Berge und das Moos und die Bäume und die Steine. Aber daß

er so geschickt wäre und auch noch innen in die Steine etwas zeichnen

könnte -- nein, das hätte Peterlein nie gedacht. Aber nun wußte er auch,

was er werden wollte. Wenn er groß war, wollte er weit fort wandern,

immer weiter, und schöne Steine finden und schöne Vögel und schöne

Blumen ...

Als Frau Elisabeth nach Peterlein sah, schlief er. Sie versuchte, den

Stein aus seiner Hand zu lösen. Aber es gelang nicht. Die kleinen Finger

hielten ihn krampfhaft umschlossen.

* * * * *

Es kam in den nächsten Jahren wieder und wieder vor, daß Peter des

Älteren und Peter des Jüngeren Anschauungen im Widerspruch standen. Der

Junge kramte zu Hause allerlei Schulweisheit aus, über die sich der

Vater lustig machte. Er tat es besonders dann, wenn ihm schien, sein

Sohn stürze sich wieder in der alten ungesunden Weise auf eine Sache,

auf die er selbst nicht viel hielt. Es reizte ihn, daß der Junge

hartnäckig an seinen Gedanken festhielt, und so kam es zu häßlichen

Auftritten, die meist damit endeten, daß der Ältere dem Jüngeren ein

paar sausende Hiebe versetzte.

Diese Auftritte drückten auf das feine Gemüt des Knaben. Nicht allein

der Schläge wegen, obwohl er sie als Erniedrigung empfand, nein,

schwerer war ihm, das wutentbrannte Gesicht seines Vaters sehen, die

ungerechten, oft grausamen Worte hören zu müssen.

Die Mutter griff in diese Kämpfe meist nur mit einem beschwörenden

»Peter, sei doch still!« ein, das dem Jüngeren galt. Nachher pflegte sie

ihn mit Vorwürfen zu überschütten und verteidigte des Vaters Auftreten

mit Worten, deren Unlogik Peter reizte und zu spöttischen Antworten

trieb. Er wußte, daß eine maßlose Heftigkeit, durch gekränkte Eitelkeit

hervorgerufen, nun und nimmer »heiliger Vaterzorn« genannt werden kann.

Daß die Mutter es dennoch tat und oft, wie der Junge fühlte, gegen ihr

besseres Wissen, erfüllte ihn mit Trotz und machte ihn blind gegen das

eigene Unrecht, das ihm nur als erlaubte und gerechtfertigte Notwehr

erschien.

Es war seltsam, so sehr Frau Elisabeth unter diesen Verhältnissen litt,

sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie sie ihrem Mann näher gebracht

hatten. Als er merkte, daß sein Sohn ihm mit den Jahren fremder ward und

es ihm nicht gelingen wollte, ihn gleichsam an seine Seite zu befehlen,

wandte er sich in seiner Enttäuschung ihr zu, bei der er stets

Zustimmung und Bewunderung gefunden und die ihn jetzt aus einem

verstehenden Mitleid heraus doppelt warm umfing.

Der junge Peter sah es mit Staunen, und er war geneigt, in seinen

Gedanken von dieser Liebe verächtlich zu denken.

Nach einem Auftritt gingen sich Vater und Sohn tagelang aus dem Weg,

kaum, daß bei den Mahlzeiten einige knappe Worte gewechselt wurden, bis

sich die Bitterkeit allmählich verlor und man zur Tagesordnung überging.

Nie kam es zu einer herzlichen Aussprache, denn jeder hielt zäh an

seinen Rechtsvorstellungen fest und erwartete vom andern den ersten

Schritt.

Und bei all dem lebte in Peter eine starke Sehnsucht nach einer

friedevollen, stillen Umgebung, nach Menschen, die seine Sprache redeten

und verstünden. Er wußte, daß er anders war als Vater und Mutter, aber

er sah darin nicht das Trennende. Warum sollen sich die Menschen nicht

mit hellen Stimmen rufen, mit frohen Blicken grüßen können, auch wenn

sie auf getrennten Wegen wandern?... Es muß sie nur ein jeder mit warmen

Gedanken an den Nachbar gehen.

In der Schule war Peter ein Durchschnittsschüler. Nur im Aufsatz

zeichnete er sich aus, d. h. wenn das Thema ihn fesselte. Der Lehrer

hatte die Gewohnheit, die Besprechung mit ein paar kurzen Sätzen

abzutun, um der Phantasie der Kinder möglichst weiten Spielraum zu

lassen. Auf diese Weise heimste er manche dürftige Leistung, aber auch

manches warm und lebensvoll Geschaute ein. Er behandelte mit Vorliebe

Zeiten und Menschen vergangener Jahrhunderte, und auf diesen Wegen

folgte ihm Peter gerne. Zerfallene Burgen, zerstörte Klöster, Städte,

deren einst stolze Namen verklungen sind ... in Peters Gedanken

erstanden sie im alten Glanz. Scharfäugig trotzen die Burgen auf

verwegener Höhe, üppig und ehrfurchtgebietend liegen die Klöster in

waldigen Tälern, und in den alten Städten flutet Leben. Da sind Häuser,

die mit schön gemeißelten Erkern und kunstvoll gearbeiteten Türen

prunken. Wer ging da hinein und trug Lachen und Sonne in die dämmerigen

Stuben?... Und wer saß am Brunnenrand, während das Mondlicht in

silbernen Tropfen über die Dächer rieselte, und hatte eine Laute im Arm

und sang, so schön, so schön ... Überall öffneten sich die Fenster, und

da und dort gab eine Türe eine lauschende Gestalt frei ... Und wer fuhr

in einem Nachen den Strom hinab, in einem Nachen, der ganz mit Rosen

bekränzt war?... Immer neue Gesichter drängen heran, edle und

abstoßende, geistvolle und leere, angstvolle und harte ... Was wollen

sie von dem kleinen Peter? Er kann sich der Schatten kaum erwehren. Ihm

ist, ein jeder bitte ihn: gib mir Leben, gib mir warmes, rotes Blut! Laß

mich noch einmal schluchzen und lachen, noch einmal Qual und Freude

trinken ...

»Niemeyer, Sie haben ja über das alte St. Gallen die reinste Novelle

geschrieben,« sagte Lehrer Röder, als er Peter sein Heft zurückgab. »Ist

das wirklich alles in Ihrem Kopf gewachsen?«

»Ja!« antwortete Peter und machte ein schuldbewußtes Gesicht.

Es war ihm seltsam ergangen, als er sich an das Schreiben des Aufsatzes

gemacht. Die Tage, die er vor kurzer Zeit in St. Gallen verlebt, waren

in ihm aufgestanden, mit zwingenden und drängenden Bildern. Er schritt

wieder durch die Bibliothek und neigte sich über die Kästen, die die

alten Evangelienbücher bergen. Wunderbar zarte, haarscharfe Schriftzüge,

Blätter und Blumengewinde, die die heiligen Worte umrahmen, dazwischen

Maria mit dem Kind ... Wessen Hände haben dies alles erschaffen in

langen, einsamen Stunden?... Und wer hat das dorngekrönte Haupt

gezeichnet, das in einen schlichten Rahmen gefaßt in einer Ecke hängt?

Auf den ersten Blick scheint es eine einfache Federzeichnung zu sein,

aber dann entdeckt man, daß die Dornenkrone, daß Haupt- und Barthaar aus

winzig kleinen Buchstaben bestehen, die sich für scharfe Augen zu

einzelnen Worten formen, und man findet die kleine Schrift, die besagt,

daß »in diesen figurs haaren ist die gantze Passion Vnsers Herrn Jesu

Christi geschrieben«.

Draußen sinkt der Abend, und die Dämmerung füllt die alte Bibliothek.

Das ist die Stunde der Schatten. Sie kriechen aus den Ecken und nehmen

langsam Gestalt an. Sie gehen wieder mit lautlosen Schritten durch den

hohen Raum. Sie neigen sich über Tische und sind mit Federkiel und

Pinsel beschäftigt. Und da ist einer, unter dessen Kutte ein heißes Herz

schlägt, ein Herz, das zu Gottes und der Heiligen Ehre ein Werk ersinnen

möchte, drin er all seine Liebe und Inbrunst bergen könnte. Er kann ihr

nicht Gestalt geben, wie der und jener Bruder, in glühenden Farben oder

in jubelnden Tönen ... Da nimmt er ein Blatt Papier und zeichnet in

zarten Linien das heilige Haupt, und danach schreibt er die ganze

leidvolle Geschichte des Menschensohns in die Dornenkrone, in Haupt- und

Barthaar des Antlitzes. Es geschieht »von freyer hand mit bloser feder

und dinten«, und die Augen werden müde und brennend dabei ... Ach, was

bedeutet der Schmerz gegenüber der brennenden Sehnsucht seines Herzens!

Die Schatten umringen Peter. Aber er muß sich aus ihrer Mitte lösen,

wenn er nicht mit ihnen eingeschlossen sein will, und dann steht er

verstört und fremd im Straßengewühl und starrt in modern erleuchtete

Fensterläden. --

Alle diese Bilder waren beim Schreiben des Aufsatzes in Peter

aufgestiegen und hatten die gewünschte Beschreibung der ersten Jahre des

Klosters verdrängt. Mit beklommenem Gewissen hatte er sein Heft

abgegeben. War er diesmal nicht zu sehr abgewichen vom vorgeschriebenen

Pfad?

Aber als der Lehrer die Bemerkung über die Novelle machte, ruhte sein

Blick nicht ungütig auf Peter. Er winkte ihn am Schluß der Stunde zu

sich her und sagte: »Das Thema haben Sie ja gänzlich außer acht

gelassen, Niemeyer. Aber -- im übrigen gefällt mir die Sache ... Lesen

Sie viel?«

Peter bejahte und sah wieder schuldbewußt drein. Er mußte daran denken,

wie oft die Schulaufgaben einer spannenden Geschichte wegen zu kurz

gekommen waren.

»Na, was lesen Sie denn? Haben Sie einen Lieblingsschriftsteller?«

»Ja, zwei. Conrad Ferdinand Meyer und Karl May.«

Herr Röder sah einen Augenblick verdutzt drein, dann brach er in ein

frohes Lachen aus.

»Niemeyer, das haben Sie gut gemacht. Den Conrad Ferdinand und Karl May!

Aber nun sagen Sie einmal ehrlich: Was fesselt Sie an diesen verlogenen

Indianergeschichten?«

Peter dachte nach und erwiderte zögernd: »Ich glaube das, daß die Kerle

so tapfer sind, und daß sie so viel Neues entdecken ... Das möchte ich

auch einmal -- -- reisen -- weit weg, in Länder, in denen noch nie

jemand gewesen ist ...«

»Da müssen Sie sich aber sputen, Niemeyer, die Erde ist nahezu entdeckt!

Übrigens, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Kommen Sie bei mir vorbei

und sehen Sie sich einmal Sven Hedins Bücher an. Da finden Sie Tapferkeit

und finden Neuland, und ich denke, darüber wird Ihnen der Geschmack an

Karl May vergehen. Die Liebe zum Conrad Ferdinand dürfen Sie behalten.«

Als Peter den ersten Band von »Transhimalaya« nach Hause trug, begegnete

ihm sein Vater im Hausflur. Es war eine wohlige Unruhe in dem Jungen. Er

ahnte, daß er etwas Köstliches in Händen halte, und, wie immer, wenn ihn

etwas Frohes bewegte, drängte es ihn zur Aussprache.

»Vater, ich habe ein feines Buch! Herr Röder hat es mir geliehen ...

Kennst du es? >Transhimalaya< von Sven Hedin.«

»Den Titel kenne ich.«

»Willst du es auch lesen, Vater? Es muß sehr fein sein. Herr Röder ist

ganz begeistert. Ich kann es ja vielleicht am Abend vorlesen?«

»Ach, laß nur! Das wird für Mutter nicht sehr unterhaltend sein, und ich

weiß auch nicht, ob es mich sehr interessieren würde. Freue dich nur

allein daran -- das verstehst du ja ausgezeichnet.«

Der junge Peter kniff die Lippen zusammen und ging nach seinem Zimmer.

Der alte Peter aber blieb stehen und hatte plötzlich eine Vision des

kleinen Peterleins, wie es ihm am ersten Schultag eine Geschichte

erzählte. Hatte er ihn damals abgewiesen? Hatte er sich nicht gefreut an

des Kindes Freude? Warum heute nicht? War ihm denn sein Kind, sein eigen

Kind, nicht mehr lieb? Was bedeutete dieser feindselige Geist, der ihn

zu zwingen schien, des Jungen Freude auszulöschen?

Die Fragen und Beschuldigungen jagten sich in Peter Niemeyers Hirn. Es

geschah nicht oft, daß er ihnen Gehör gab. In diesem Augenblick aber war

ihm, eine harte Stimme rede auf ihn ein ... Für dich haben wolltest du

ihn, für dich allein. Und zwar ohne Anstrengung, ohne Opfer und Hingabe

deinerseits. Dem kleinen Peter, ja, dem schenktest du Gehör. Das war

keine große Anstrengung. Aber später, als der Bub anders ward, als du es

wünschtest, gingst du zu Werk wie ein Tölpel. Knicken wolltest du, was

sich da in fremder junger Kraft regte, weil es dir nicht paßte. ... Dein

Kind -- -- jawohl. Aber zugleich ein Menschenkind für sich, dessen

Eigenart du hättest feinfühlig erkunden und pflegen sollen ... Aber du

warst zu bequem, zu eigensinnig, zu -- arm dazu ...

Wollte die Stimme denn nicht schweigen? Das war ja nicht zum Aushalten.

Man meinte es ja gar nicht so schlimm. Man wollte dem Jungen gewiß nicht

die Freude rauben. Nein, -- -- meinetwegen konnte man sich ja für das

Buch interessieren.

Er tat es wenige Tage später bei Tisch, als ihm auffiel, wie wortkarg

Peter dasaß. »Na, wie ist's mit dem Buch? Gefällt es dir?«

Peter nickte, aber er erzählte nichts. Wie konnte er seinem Vater davon

sprechen, was dies Buch für ihn bedeute. Neuland ... Neuland ... Herr

Röder hatte recht gehabt. Und nun wußte er, was seines Lebens Inhalt

werden sollte. In fremden Landen den Geheimnissen nachspüren, die in

Felsen und Wäldern, auf dem Grund einsamer Seen schlummern. Wenn er auch

nicht mehr der erste sein würde, der ein unbekanntes Zauberland betritt,

in den Fußstapfen eines Tapfern wandeln ist auch etwas Großes, und

Entdeckerfreude, das merkte Peter, blieb auch so noch übergenug.

Eine große Sehnsucht füllte und weitete sein ganzes Denken. Die Bilder

der Zukunft, die er sich bis in alle Einzelheiten ausmalte, standen oft

so greifbar vor ihm, daß es ihn mit hilflosem Erstaunen erfüllte, wenn

er sich, durch irgend ein Geräusch erwachend, im Straßengewühl fand,

nachdem er eben noch über einsame Höhen geritten, einen langen Zug

fremdländischer Menschen und Tiere hinter sich.

In der Schule warf er sich mit fröhlichem Eifer auf seine Studien. Denn

auch was an praktischen Fähigkeiten in Peter geschlummert, war

aufgewacht, und er sagte sich mit großer Nüchternheit, daß er zur

Erfüllung seiner stolzen Pläne vor allem Geld brauche. Das mußte er sich

verschaffen, er selbst, denn auf die Unterstützung seines Vaters konnte

er kaum rechnen. Überhaupt der Vater ... Würde er zugeben, daß sein Sohn

studiere, noch dazu Naturwissenschaften? Vielleicht, wenn er ihm

auseinandersetzte, daß es für junge Stein- und Pflanzenkundige in

überseeischen Ländern glänzende Stellungen gebe. Riesensummen wurden

genannt, und Peters Augen funkelten, wenn er daran dachte. O, er wollte

sparen, keinen Rappen unnötig ausgeben! Dann mußte es doch möglich sein,

nach Verlauf einiger Jahre eine Reise unternehmen zu können.

Hie und da gefiel sich Peter in dunkeln Äußerungen seiner Mutter

gegenüber. Er erkundigte sich auch, wie das Geschäft gehe und ob es etwa

leicht einen Käufer fände. Frau Elisabeth fühlte sich durch solche

Fragen, die ihr Vorboten neuer Kämpfe schienen, verwirrt und verletzt.

Daß auch Peter gar keine Liebe fühlte für die Arbeit, die schon sein

Urgroßvater in Händen gehabt. Ach, wie war dieses Kind aus der Art

geschlagen, innerlich und äußerlich.

Sie ging an einem Abend, als sie Peter schlafend wußte, auf sein Zimmer

und betrachtete lange das herbe, stolze Gesicht. Sechzehn Jahre alt war

Peter, und in wenigen Wochen sollte er eingesegnet werden. Er war doch

eigentlich noch ein halbes Kind, aber im Schein der Kerze erschien sein

Gesicht merkwürdig alt und beinahe streng. Daran mochten die finstern

Augenbrauen, die über der Nase zusammenliefen, Schuld tragen. Frau

Elisabeth beugte sich tiefer. Zu beiden Seiten des Mundes die feinen

Linien ... Das sollte doch nicht sein in einem so jungen Gesicht ... Und

sie rühren nicht her vom vielen Lachen. Peter lacht selten ...

Peterlein, Peterlein -- -- wo ist all das Glück geblieben, das mir

deine ersten Jahre geschenkt?

Ein schluchzender Ton drang aus Frau Elisabeths Mund. Peter bewegte sich,

richtete weitaufgerissene Augen, die nichts erkannten, auf die Mutter,

drehte sich zur Seite und murmelte: »Durch, durch! Man muß -- --«

Frau Elisabeth seufzte. Mit schweren Schritten ging sie nach der Türe.

* * * * *

»Peter! Peter! So warte doch! Ich soll dir einen Gruß sagen.«

Peter blieb am Fuß des langen Treppengäßchens, das zur elterlichen

Wohnung hinaufführte, stehen und schaute der Rufenden entgegen. Sie war

ein feingliedriges Mädchen mit langen lichten Zöpfen, die beim Springen

lustig tanzten. Bei Peter angelangt, sprudelte sie rasch hervor: »Das

kannst du nicht erraten, von wem ich dich grüßen soll! Oder doch --

probier's einmal!«

Während die beiden langsam die Stufen erstiegen, begann ein lustiges

Raten und Verneinen. Alle gegenseitigen Bekannten der Nachbarskinder,

Lehrer und Mitschüler, zuletzt in einer launigen Anwandlung Namen

hochgestellter Personen, wurden von Peter vorgebracht. Alles ohne

Erfolg. Das Mädchen lachte in einem hellen, jubelnden Ton, der

unwillkürlich zur Freude mitriß. Sie sprach sehr lebhaft und mit

blitzenden Augen. Nie hatte Peter frohere Augen gesehen und überhaupt

wollte ihm mit einem Male dünken, noch nie so schöne, tiefblaue. Sie

standen in einem Gesicht, das zu schmal und unentwickelt war, um hübsch

zu wirken. Aber die Haut war weiß und rosig und so durchsichtig zart,

daß man sah, wie das Blut kam und ging ... bei einer schnellen Erregung

dunkelrote Wangen ... bei plötzlichem Erschrecken ein schneeblasses

Antlitz. Peter, der vor noch nicht allzu langer Zeit beinahe täglich mit

dem Nachbarskind verkehrt hatte, betrachtete sie nun mit einem Gefühl,

als sähe er sie zum erstenmal.

Wie war das so fein und schmal, das da auf leichten Füßen neben ihm

schritt und mit seinem glitzernden Lachen die Welt in einen Sonnentag zu

verwandeln schien ... in einen Sonnentag, in dessen Bläue selige Lerchen

steigen.

Sie trennten sich am Niemeyerschen Hause, ohne daß es Peter gelungen

wäre, den Namen zu erfahren. »Wir können ja morgen wieder zusammen heim;

vielleicht bist du da gescheiter,« sagte Ruth mit einer hoheitsvollen

Miene, die in merkwürdigem Gegensatz zu ihrem Kindergesicht stand, Peter

aber sehr reizvoll erschien. Er betrachtete sie, bis sich die Hoheit in

lauter Ungeduld verwandelt hatte, dann aber schüttelte er sehr energisch

den Kopf. Er kannte die Lästermäuler der männlichen und der weiblichen

Schuljugend. Er brauchte nur ein paarmal mit Ruth auf dem Schulweg

gesehen zu werden, dann hatte die Geschichte ihren Namen weg.

»Ich komme lieber heute abend einmal zu euch, da können wir weiter

raten,« schlug Peter vor.

»Ja, aber erst um sieben. Vorher muß ich üben.«

»Erst um sieben! Um halb acht Uhr muß ich zu Hause sein. Kannst du das

Üben nicht abkürzen?«

»Ich kann schon, aber -- -- ich mag nicht,« kam es etwas zögernd von

Ruths Lippen.

»Spielst du so gerne? Was spielst du denn?«

»Geige. Und furchtbar gern tu ich's. Peter, ich will dir ein Geheimnis

sagen, aber du mußt mir versprechen, daß du es keinem Menschen auf der

ganzen, ganzen Welt wiedersagen wirst. Ja?... Also ... ich will eine

Künstlerin werden. Ich will immer, immer Musik um mich haben. Aber sie

wissen's zu Hause noch nicht, nur Mutter natürlich. Vielleicht darf ich

auch nicht. Dann muß ich es eben bleiben lassen ... Mutter sagt, es kann

auch _so_ noch schön werden, und das glaube ich auch.«

»Unsinn, Ruth! Man läßt doch etwas nicht bleiben, von dem man weiß: ich

muß es haben. Durchsetzen soll sich der Mensch, merk' dir das.«

Ruth sah einen Augenblick kläglich drein, und Peter mußte, in das

schmale Kindergesicht blickend, selbst über seine Worte lächeln. Es war,

als hätte er einer kleinen Schwalbe den Rat gegeben, gegen eine Mauer zu

stürmen. Nur gut, daß _er_ breite, starke Schultern hatte.

»Wie alt bist du eigentlich, Ruth?« fragte er, in die Türe tretend.

»Vierzehn. Weißt du, an Silvester wurde ich vierzehn. Und du?«

»Ich bin eben sechzehn geworden.« --

Kurz vor sieben Uhr trat Peter in das Nachbarhaus. Ruths Mutter begrüßte

ihn. »Nett, daß du wieder einmal kommst, Peter. Ich dachte schon, du

wolltest jetzt nichts mehr von Ruth wissen, seit du so ein großer Bub

geworden. Und ich fand es eigentlich schade. Ihr seid doch all die Jahre

so gute Kameraden gewesen. Aber freilich -- jetzt hast du eben genug an

deinen Freunden.«

»Ich habe keinen Freund,« sagte Peter nachdenklich, »und ich weiß

eigentlich nicht, warum ich nicht mehr mit Ruth gespielt habe ... Wir

hatten so viele Aufgaben, und -- -- ich lese viel.«

Ruths Mutter lachte. »Na, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Jetzt

geh nur zu Ruth hinauf. Sie übt in ihrem Zimmer.«

Peter ging durch den langen, immer dämmrigen Flur eine mächtig gebaute

Treppe hinauf, auf deren breitem Geländer er hundertmal abgerutscht war.

Er trat sehr leise auf und, auf der obersten Stufe angelangt, setzte er

sich, wenige Schritte von Ruths Zimmertüre entfernt.

Ruth spielte in raschem Tempo eine ziemlich monotone Übung. Ein-,

zweimal griff sie daneben, und Peter hörte ein ungeduldiges »So paß'

doch mal auf!«

»Nun hat sie gewiß ganz rote Backen, wenn sie sich ärgert,« dachte Peter

und lächelte.

Dann, als die Sache ein paarmal glatt durchgegangen, hörte er ein

befriedigtes »So«. Und nun begann ein anderes Spiel.

Eine feine, sehnsüchtige Melodie kam dahergeglitten, warb und flehte ...

und brach ab in einem jammervollen Schluchzen.

Peter lauschte atemlos. _So_ also konnte Ruth spielen. Ach, dann würde

wohl auch ihr Traum vom Künstlertum in Erfüllung gehen ... Warum nur

stimmte ihn das so traurig?

Horch, nun begann wieder das Spiel.

Da war etwas Dunkles, Leidvolles, Zagendes, und dazwischen klang ein

seliges Lachen. Aber es wurde immer wieder erstickt von dem Schweren ...

Bis es mit einem Male siegreich emporjubelte, all das Leidvolle,

Beengende zurückdrängend. Wie es sich wiegte in der Luft, im

Sonnenschein! Wie es stieg -- -- höher und höher und endlich verklang in

einem letzten, unendlich zarten Triller.

Es folgte eine kleine Stille, dann kamen ein paar energische Doppelgriffe,

und nun spielte Ruth eine Choralmelodie. Breite, ruhevolle Wogen

strömten daher ... Peter kannte die Worte, die er vor kurzem im

Konfirmandenunterricht gelernt hatte. Einige der Verse hatten ihn tief

ergriffen, und auch jetzt wieder füllte ihn eine geheimnisvoll-ehrfürchtige

Stimmung. Gott ist gegenwärtig, dem die Cherubinen Tag und Nacht

gebücket dienen ... Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben,

aller Dinge Grund und Leben, Meer ohn' Grund und Ende, Wunder aller

Wunder, ich senk' mich in dich hinunter.

Ruths Zimmertüre ward plötzlich geöffnet. Helles Licht ergoß sich auf

die dunkle Treppe, so daß Peter einen Augenblick die Hände vors Gesicht

legte.

»Hast du schon lange hier gesessen?« fragte Ruth. Nun mußte Peter sie

ansehen. Sie lehnte am Türpfosten, die Geige im Arm, und hatte ein

blasses, ganz ernsthaftes Gesicht.

»Es war so schön, Ruth! Komm, setze dich hierher zu mir. Bist du mir

böse, weil ich zugehört habe? Ich habe Musik auch gern.«

»Dann tut es nichts. Und ich hab' dich auch gern. Deshalb darfst du

zuhören. Leuten, die Musik nicht lieb haben und die ich nicht mag,

spiel' ich nichts vor.«

»O Ruth! Wie wird es dir ergehen!« lachte Peter. »Eine Künstlerin muß

allen vorspielen, ob sie sie leiden mag oder nicht.«

»Ach, weißt du, dann denke ich eben an einen Menschen, den ich lieb

habe, und spiele dem alles vor. Aber nun sollst du raten.«

Peter war so erstaunt über diese plötzliche Aufforderung, daß er das

Mädchen ein paar Augenblicke wortlos betrachtete. Sie saß jetzt auch auf

der Treppe, die Hände um die Knie geschlungen, und sie sah nun wieder

aus wie am Morgen, ein unbekümmertes kleines Schulmädel, dem die

Necklust aus den Augen sprühte.

Sie mochte sein Schweigen für Ratlosigkeit halten, denn sie fuhr fort,

ihn mit aufmunternden Worten auf die rechte Spur zu leiten.

»Du mußt viel weiter zurückdenken, Peter. Wie du noch klein warst, hast

du sie gesehen ... Wie du einmal in den Bergen warst ... So -- jetzt

ist's aber leicht.«

Nun war Peter völlig bei der Sache. Er war schon ein paarmal in den

Bergen gewesen, aber als kleiner Bub nur einmal. Wie lag das alles so

weit zurück -- -- und wie lag es so schön und grüßte herüber ... »Die

Tante! Ist es die fremde Tante?«

»Ja, die ist's!« jubelte Ruth. »Tante Trude! Du weißt doch, daß sie eine

Norddeutsche ist? Na, Mutter und sie waren zusammen in Pension in der

französischen Schweiz, und da waren sie Freundinnen, und nachher, wie

Mutter heiratete, ist sie Rudolfs Patin geworden. Und nun hat ihr Mutter

geschrieben, sie möge doch einmal kommen, weil Rudolf konfirmiert wird.

Ich glaube, sie hatten sich schon lange nicht mehr geschrieben. Die

Tante hat so viel Arbeit und kennt so viele Menschen, sagt Mutter. Ja,

und nun hat sie geantwortet und hat gefragt, ob wir nicht einen Peter

Niemeyer kennen, der werde jetzt wohl auch konfirmiert, und wenn wir nun

doch schon ein paar Jahre in der Nähe vom Totengäßchen wohnten, müßten

wir dich sicher kennen. Und dann schreibt sie, ihr hättet euch so lieb

gehabt, wie du ein kleiner Junge gewesen, und sie lasse dich grüßen.

Kannst du dich noch an sie erinnern?«

»Ja, schon ein wenig. Ich glaube, sie war sehr freundlich zu mir und

hat mir manchmal geholfen. Aber ihr Gesicht -- -- nein, daran kann ich

mich nicht mehr erinnern.«

»Mutter sagt, sie sei der beste Mensch auf der Welt, und das stehe auch

in ihrem Gesicht. Weißt du, sie arbeitet den ganzen Tag für andere,

immer nur für andere, und denkt an sich nur so im letzten Augenblickchen.

Mutter sagt, die kriegt mal einen guten Platz im Himmel ... Peter!«

»Ruth?« Peter ist wirklich gespannt, was nun kommen wird. Das

Gesichtchen, das aus dem Dämmerschein zu ihm aufblickt, ist eines, das

er noch nicht kennt. Warm und froh und ein bißchen sehnsüchtig schauen

die großen Augen, die ein so treuer Spiegel des beweglichen Geistchens

sind.

»Peter, ich habe schon zweimal vom Himmel geträumt, d. h. nur einmal war

es der Himmel selbst. Das andere Mal war ich auf dem Weg dahin. Es war

ein sehr schlimmer Weg, Peter. Weißt du, mit schrecklich viel Steinen

und so großen Löchern, daß ich manchmal nicht wußte, wie hinüberkommen.

Es waren viele, viele Kinder bei mir, und ich glaube, auch ein paar

große Leute. Das weiß ich nicht mehr so recht ... Ja, und wie wir so

gingen, sahen wir ein großes, langes Haus. Darin mußten tausend Lichter

brennen, denn aus allen Fenstern gingen Strahlen. Aber denke dir, Peter,

gerade kurz vor dem Haus war ein so breiter Graben -- -- ich konnte

einfach nicht hinüber, ich fürchtete mich. Und ich war so traurig, denn

eine Menge Kinder gingen hinüber und gingen in das Haus hinein. Und da

kam auf einmal ein Mann und nahm meine Hand ... Ach, und da war ich so

froh! Ich konnte nun gut weitergehen, und der Mann sprach zu mir. Ich

weiß nicht mehr, was er sagte. Ich wußte es schon nicht mehr, wie ich

aufwachte. Ich glaube, ich habe nicht gut aufgepaßt. Ich dachte immer:

nie hast du eine so freundliche Stimme gehört, nie hat dich jemand so

geführt ... Ich war damals noch ein bißchen klein, Peter, es sind schon

ein paar Jahre her. Ja, und nun gingen wir nach dem Haus, und es ging

die Türe auf, und da war ein so großes Licht, daß ich es nicht ertragen

konnte -- -- und ich wachte auf, und da war mein ganzes Zimmer voll

Sonntagssonne und die Glocken läuteten ... War das nicht ein schöner

Traum, Peter?«

»Ja,« sagte Peter und tat einen tiefen Atemzug, »das war ein schöner

Traum. Und wer, glaubst du, ist der Mann gewesen, Ruth?«

»O, Peter! Hast du es nicht gespürt? Das war doch der Herr Jesus. Ich

habe es gleich gewußt. Weißt du, nachher, wie ich ganz traurig war, daß

ich mich nicht mehr an seine Worte erinnern konnte, habe ich gedacht,

vielleicht hat er gesagt: Lasset die Kindlein zu mir kommen. Das hätte

er doch gut sagen können, nicht, Peter?«

»Freilich, ja. Und was hast du sonst noch geträumt?«

»O, der andere Traum war vom Himmel selbst. Aber da war er kein Haus.

Nein, eine große Wiese in den Alpen. Und gleich hinter der Wiese standen

die weißen Berge, und davor war ein großer Stuhl, und da saß der liebe

Gott. Er hatte einen mächtig langen Mantel an, der lag ganz breit auf

der Wiese. Und eine Menge Menschen waren da. Ein paar standen ganz nahe

bei ihm. Aber ich hatte auch ein feines Plätzchen, Peter! Und das Feine

war, daß mich niemand sehen konnte! Denk' dir, ich saß in einem Zipfel

von Gottes Mantel. Ich war ganz versteckt, und ich war so vergnügt. Aber

nun solltest du gewiß gehen, Peter.«

»Ja, es ist Zeit. Aber ich darf doch wiederkommen?«

»O, Peter, nun sprichst du wie ein Herr. Wir sind doch keine großen

Leute. Die fragen sich solche Sachen.«

»Na, also. Leb' wohl, Ruth. Vielleicht komme ich morgen wieder. Übrigens

-- kommt die Tante Trude eigentlich?«

»Nein. Sie kann nicht kommen. Es tut uns allen so schrecklich leid. Und

sie hat geschrieben, sie hätte uns alle so gern kennen gelernt, und wir

sollten ihr doch schreiben, dann kenne sie uns ein bißchen. Aber die

andern wollen nicht. Nur Rudolf natürlich. Der muß sich doch auch

bedanken. Aber Willy sagt, Briefe seien etwas Gräßliches, und Hans sagt,

da habe er Gescheiteres zu tun. Und wie ich sagte, ich wolle schreiben,

da sagten sie: Ja tu's nur, für ein Mädchen paßt das viel besser. Aber

nun genier' ich mich doch ein bißchen, so allein. Oder -- -- Peter,

könntest du nicht schreiben? Sie kennt dich ja sogar besser als uns.

Willst du nicht?«

»Vielleicht. Ich sag's dir dann morgen. Gute Nacht, Ruth.«

»Gute Nacht, Peter.«

* * * * *

»... Als einen im Grund unerfreulichen Burschen meinst du dich

vorstellen zu müssen. Da muß ich dir denn doch verraten, daß der Peter,

der zu mir gekommen in jenem kurzen Brief, durchaus keinen

unerfreulichen Eindruck hinterlassen hat. Er und das Sonnenkind Ruth

zusammen haben mir einen sehr schönen Abend geschenkt, und ich hoffe

ernstlich, es bleibe nicht bei diesem ersten Besuch.«

Peter las diese Stelle in Tante Trudes Brief wieder und wieder. Es war,

als strecke sich ihm eine warme Hand entgegen: Sieh, da bin ich, komm'

zu mir, ich verstehe dich. Und er freute sich, daß er Ruths Drängen

nachgegeben und geschrieben hatte.

Frau Elisabeth war weniger erfreut. Schon die häufigen Besuche im

Nachbarhaus hatten Anlaß zu allerlei spitzen Bemerkungen gegeben, und

sie hatte ihrem Mann mehrfach die Frage vorgelegt, was nur Peter an dem

magern kleinen Ding Schönes finden könne. Peter, der Ältere, hatte

gelacht und gemeint: »Na, Betty, das ist nun ein Punkt, über den sich

ewig streiten läßt. Dem einen gefallen dralle Backen, und dem andern

gefällt so ein schmales Gesichtchen. Übrigens finde ich sie ein ganz

nettes Ding, und ein wohlerzogenes. Sei nur froh, daß Peter nicht auf

irgend ein albernes, kokettes Mädchen verfallen ist.«

Frau Elisabeth merkte, daß sie in dieser Angelegenheit bei ihrem Mann

keine Unterstützung finden werde. »Er wird eben auch so gewesen sein,«

dachte sie ärgerlich, aber allmählich gewöhnte sie sich an Peters

Freundschaft, und wenn sie auch kein gutes, verständnisvolles Wort dafür

fand, so unterdrückte sie wenigstens die schlimmen.

Da kam die Sache mit dem Brief, und hier nun fand ihre Entrüstung ein

Echo. Peter Niemeyer tadelte die Schreiberei als überspannt und

lächerlich; Frau Elisabeth fühlte sich in ihren mütterlichen Rechten

angegriffen. Eifersüchtige und aufreizende Bemerkungen flogen hinüber

und wurden mit trotzigen und höhnischen beantwortet.

Eines Abends, als Peter mit weichen, versonnenen Augen am Fenster

lehnte, trat Frau Elisabeth zu ihm.

»Mein lieber Bub,« sagte sie und legte den Arm um ihn, »nun laß dir noch

einmal in aller Liebe etwas sagen.«

Peter entzog sich jäh ihrer Umarmung. Er haßte diese Art von

Liebesbezeugung, die immer die Einleitung zu Vorwürfen bildete und ihn

von vornherein in eine rebellische Stimmung versetzte. Er hatte dies

schon mit dürren Worten ausgesprochen, ohne eine Änderung

herbeizuführen. Denn Frau Elisabeth gefiel sich in dieser mütterlichen

Rolle, und sie konnte nachher um so schmerzlicher bei ihrem Gatten

klagen: »Ich habe so freundlich angefangen, aber er läßt sich ja gar

nichts sagen ...«

Frau Elisabeth zog sich seufzend von Peter zurück. Sie setzte sich an

ihren Nähtisch, brach in ein scheltendes Klagen aus über Peters

Undankbarkeit, allgemeine Bosheit, Verschlossenheit und

Absonderlichkeit. »Wozu willst du denn nach Halle schreiben? Die Person

geht dich doch gar nichts an. Was soll denn die ganze Geschichte

bedeuten?«

Peter, der mit gekünstelter Gleichmütigkeit zugehört und nur bei dem

Wort »Person« einen bösen Blick auf die Mutter geworfen, trat plötzlich

dicht an sie heran. Langsam und schwer atmend stieß er hervor: »Warum

ich schreibe? Vielleicht könnte es sein, weil ich auch einmal jemand

brauche, der mich versteht, und zwar jemand, der nicht nur immer als

Mutter geehrt sein will und immer von Mutterrechten spricht, sondern

wirklich eine Mutter ist.«

Das waren harte Worte. Frau Elisabeth brach in Tränen aus und

schluchzte, Peter werde einmal an ihrem Grab Buße tun, und ob er denn

gar nicht an seine Konfirmation denke. Statt aller Antwort ging Peter

pfeifend aus dem Zimmer; aber in seiner Stube pfiff er nicht mehr. Er

saß und brütete vor sich hin in unseligen Gedanken, die sein feines

Gesicht häßlich verzerrten.

Dann, als habe ihn ein lichter Geist berührt, glätteten sich seine

Züge. Ganz plötzlich, in wirrer Ideenverbindung war ihm eine Erinnerung

an die letzte Unterweisungsstunde aufgetaucht.

Der Pfarrer hatte die Szene gezeichnet, wie die Jünger, als sie mit Jesu

gingen, zurückblieben und ins Streiten gerieten.

Und wieder erlebt Peter das Seltsame, Atemraubende, daß es ihm ist, als

rollten die Jahrhunderte zurück in einer einzigen großen Bewegung -- --

und er ist mitten unter ihnen, ist einer von denen, die hinter Jesu

gehen. Ein schmaler Weg durch hohes Korn ... eine Gestalt ... sie wendet

sich, und aus ruhevollem Antlitz fragen ihn zwei tiefe Augen ... Vorbei.

Peter sitzt wieder in seiner Stube und fühlt sich erbärmlich und klein.

* * * * *

Ruth kann auch singen. Sie begleitet sich dazu auf der Gitarre, und

Peter weiß eigentlich nicht, was er mehr liebt, die Geige oder Ruths

Stimme. Das Geigenspiel ist vielleicht schöner, ja unbedingt schöner,

aber Ruths Stimme ist, wie sie selbst, leicht und innig, glücklich und

lachend. Nur wenn sie ernste Lieder singt, erlischt das Lachen, und dann

kann Peter das traurige Stimmchen kaum ertragen.

»Heute weiß ich ein neues Lied, Peter. Ein wunderschönes. Paß' einmal

auf. Ich habe es unter Mutters Noten gefunden. Aber es sind so viele

Verse -- ich habe mir nur die zwei ersten und den letzten gemerkt:

Jungfräulein, soll ich mit euch geh'n

in euren Rosengarten?

Da, wo die roten Röslein steh'n,

die feinen und die zarten,

und auch ein Baum, der blühet

und seine Läublein wiegt,

und auch ein kühler Brunnen,

der grad darunter liegt.

In meinen Garten kannst du nicht

an diesem Morgen früh;

den Gartenschlüssel find'st du nicht,

er ist verborgen hie.

Er liegt so wohl verschlossen,

er liegt in guter Hut --

Der Knab' 'darf feiner Lehre,

der mir den Gart'n auftut.

Dort hoch auf jenem Berge,

da steht ein Mühlenrad.

Das mahlet nichts als Liebe,

die Nacht bis an den Tag.

Die Mühle ist zerbrochen,

die Liebe hat ein End' --

So segn' dich Gott, mein feines Lieb,

jetzt fahr' ich ins Elend.

Und die ihr alle meine Brüder seid · 第 6 / 8 题