Barbara.
Der Friedhof liegt dicht neben dem Pfarrhausgarten, so daß der mächtige
Birnbaum gleichermaßen die an der Mauer liegende Gräberreihe, wie auch
die Gemüsebeete der Frau Pfarrer beschattet. Der Fliederstrauch, dessen
Blütezeit alljährlich ein beglückendes Wunder der Schönheit ist, reckt
sich mit seinen reichsten Ästen -- ein wenig zum Kummer des Pfarrherrn
-- in den stillen Garten hinüber. Dafür klettert aber aus diesem
breitblättriges Grün in die Höhe, und plötzlich tun sich über der Mauer
die blaudunkeln Augen der Clematis auf.
Die Frau Pfarrer ist schon oft gefragt worden, ob ihr die Nachbarschaft
des Friedhofs nicht unheimlich und drückend sei. Aber sie schüttelt den
Kopf, und im Herzen denkt sie, daß es demjenigen, der so lange Jahre
hindurch dicht neben dem stillen Garten gelebt, einmal leichter falle,
sich in eines der schmalen Betten zur Ruhe zu legen. Sie geht, obwohl
sich einige ihrer Gäste erstaunt, ja beinahe mißbilligend darüber
äußern, fast allabendlich durch die kleine Pforte, die aus ihrem
eigenen, mit lachendem Leben gefüllten Garten in den stillen hinüberführt.
Wenn sie dann zurückkommt, ist ihr Antlitz vielleicht ein wenig blasser,
aber die Augen haben einen hellen und gütigen Schein, und ihre Schritte
sind ruhig und kraftvoll.
An einem Sommerabend, der ganz gesättigt war vom Glanz und Duft der
heißern Stunden, ging die Pfarrfrau wieder durch die schmalen Wege, die
zwischen den Gräbern laufen.
Sie war nicht allein. Eine jüngere Freundin, von der sie lange Jahre
getrennt gewesen, ging an ihrer Seite und schaute mit großen, ein wenig
verträumten Augen über die blumenbunten Gräber. Plötzlich blieb sie an
einem mit Immergrün bedeckten Hügel stehen und las mit halblauter Stimme
die Worte:
Hier müssen doch aufhören die Gottlosen mit Toben;
hier ruhen doch, die viel Mühe gehabt haben.
»Was ist das für ein Grab? Steht der Spruch wirklich in der Bibel,
Anne?«
»Ja. Im Buch Hiob. Nur heißt es dort statt >hier< daselbst, und das ist
auch der Grund, weshalb mein Mann keine Stellenangabe wünschte. Aber das
war der alten Schäufele gleichgültig. Sie war schon zufrieden, daß der
Spruch überhaupt bestehen durfte, und daß sie keinen Namen anzugeben
brauchte. Sie erzählte mir, sie habe mit dem Maler einen schweren Stand
gehabt, denn er wollte ihr durchaus den absonderlichen Spruch ausreden
und zum wenigsten am Fuß des Kreuzes >Auf Wiedersehen< anbringen. Aber
gerade dies Wort konnte ja die arme Mutter gar nicht aufrichtig denken.«
»Warum nicht, Anne? Wie ernst du dreinsiehst! Wer liegt hier begraben?
Ich bin sicher, dies Grab hat eine Geschichte.«
»Ja ... Eine schwere Geschichte. Wenn du sie hören willst, so komm'
hinüber zu dem kleinen Bänkchen. Man sieht von dort gerade auf das Haus,
wo meine Geschichte den Anfang nimmt.«
Die Freundin schob ihren Arm in den der Pfarrfrau. Sie schritten zu der
kleinen Bank hinüber, die unter den Zweigen einer Trauerweide steht, und
setzten sich. Aber Frau Anne begann nicht zu erzählen. Sie hatte die
Hände ineinander gelegt und starrte mit leidvollen Augen zu dem Haus
hinüber, das sie der Freundin bezeichnet. Diese aber, da sie den
Ausdruck in der Pfarrfrau Gesicht gewahrte, wagte keine drängende Frage
mehr. Ihr war, ein dunkler Schatten lege sich über die sonnenwarme
Herrlichkeit des Abends. Stieg er wie ein arger Zauber aus jenem Grab
empor, oder woben ihn Frau Annes dunkle Gedanken?
Da tat diese einen tiefen Atemzug und hob an:
»Ich kann mir noch so gut denken, wie ich Barbara zum erstenmal gesehen.
Sie war damals acht Jahre alt, ein feines, schlankes Dinglein. Unser
Annele brachte sie mir, etwa eine Woche nachdem wir hier aufgezogen
waren, in den Garten und schrie schon von weitem mit triumphierender
Stimme: >Mutter, da hab' ich eine Freundin!< Ich schaute ihnen mit
einiger Spannung entgegen, denn das Freundschaftsbedürfnis meiner
Tochter hatte mich schon etliche Male mit etwas überraschenden Gästen
bekannt gemacht. Aber diesmal konnte ich die Freude, die aus Anneles
schwarzen Augen funkelte, wirklich verstehen und teilen. Man mußte das
Kind auf den ersten Blick liebgewinnen. Kennst du das Bild von Uhde:
Lasset die Kindlein zu mir kommen?... Inmitten einer Bauernstube, nein,
eigentlich sieht es mehr wie eine Küche aus, sitzt der Herr Jesus,
umgeben von einer Schar größerer und kleinerer Kinder. Es sind auch
Erwachsene dabei. Dicht vor Jesus steht ein kleines Mädchen, ein
blondes, herzerquickendes Kind, das sein ausgestrecktes Händchen in Jesu
Hand legt und mit ernsten Augen zu ihm aufschaut. Dies kleine Mädchen
habe ich in Gedanken immer >das Kind< genannt. Ich meine so: es ist für
mich die Verkörperung alles dessen, was mich am Kinde wie ein
holdseliges, ehrfurchtgebietendes Geheimnis berührt. Und an dieses Kind
gemahnte mich die kleine Barbara.
Sie kam auf mich zu mit einem zaghaften Lächeln in den blauen Augen. Im
Nacken baumelte ein krummes weißblondes Zöpfchen, über der Stirne
ringelten sich krause, schimmernde Härchen. Ich konnte nicht anders, ich
mußte das Kind in meine Arme ziehen. Mein Annele mit ihrem scharfen
Blick hat mir wohl angesehen, daß ich das Kind nicht nur in die Arme,
sondern ins Herz schloß. Sie drängte sich plötzlich an mich, gab mir
einen schallenden Kuß und erklärte in sehr bestimmtem Ton: >Du, Barbara,
das ist aber _meine_ Mutter! Du mußt Frau Pfarrer sagen.< Die kleine
Barbara lachte, und nun sah sie womöglich noch liebreizender drein, denn
zwischen den tiefroten Lippen blitzten gesunde Zähne, und in den runden
Backen kamen Grübchen zum Vorschein.
Ich ging mit den Kindern ins Haus und war beinahe so eifrig wie mein
Annele im Vorführen der Puppen und andern Herrlichkeiten. Und ich gewann
das Kind mit jeder Minute lieber. Es tat so feine, nachdenkliche Fragen,
es hatte so sorglich zugreifende Händchen, und -- es konnte ein
Bilderbuch beschauen. So, jetzt lachst du und denkst wohl, das könne ein
jedes Kind. Keine Rede davon! Wenn ich an Annele oder an ihre Kinder
denke! Darin gleichen sie alle der Mutter: gibt man ihnen ein Bilderbuch,
so schlagen sie Seite um Seite so rasch um, daß man meinen könnte,
darin bestehe das Vergnügen eines Bilderbuchs. Aber die kleine Barbara
sah sich jedes Bildchen mit andächtigen Augen an. Nichts, nichts
entging ihr. Und über alles machte sie ihre eigenartigen kleinen
Bemerkungen.
Einmal schenkte ich ihr ein Bildchen, drauf Schneeglöckchen gemalt
waren, und sagte dazu: >Um dies Glöcklein zu hören, muß man gar feine
Ohren haben.< Da nickte die kleine Barbara und sagte: >Ja, ich hab' es
einmal gehört. Und der liebe Gott hat's auch gehört und der Herr Jesus
und die Sonne und der Wind und die Blumen.<
Ganz leise und langsam kamen die Worte heraus. Und dazu diese Märchenaugen
-- ich muß gestehen, es kam etwas wie Neid über mich, wenn ich an Barbaras
Mutter dachte. Mein Annele war solch praktisches Diesseitsmenschlein.
Sie hatte nie verträumte Augen, und tat nie eine Äußerung, die mir gezeigt
hätte, daß ihr Seelchen sich ein eigen klein Wunderreich gebaut. Ich
fürchtete mich manchmal beinahe, ihr eine Geschichte zu erzählen,
denn beim geringsten Wunderbaren kam das bezweifelnde oder entrüstete
Wort: >Aber Mutter, ist das wahr?<
Die kleine Barbara unterbrach mich nie, wenn ich erzählte. Sie konnte
auch nicht, wie Annele tat, nebenher zeichnen oder sticheln. Sie saß und
schaute mich unverwandt an, und meine Geschichten wurden mir erst jetzt
im Spiegel dieser Augen so recht lebendig.
Später habe ich manchmal gedacht, daß es besser gewesen wäre, ich hätte
die Freude des Kindes am Wunderbaren und Geheimnisvollen nicht so sehr
genährt. Ich glaubte, sie habe das kleine Freudenlicht in ihrem Alltag
nötig, und ahnte nicht, daß es zur verzehrenden Flamme werden würde.
Eines Nachmittags hatte ich Annele erlaubt, in Barbaras Elternhaus
hinüberzugehen. Ich kannte die Leute zwar noch nicht näher, aber ich
hatte um des Kindes willen eine gute Meinung von ihnen und glaubte
damals, daß ein derartiges Blümlein Wunderhold nur einem gehegten
Gärtlein entsprießen könne.
Am Abend, als ich Annele zu Bett brachte, war sie merkwürdig still. Ich
achtete erst nicht darauf, da ich innerlich stark mit einer Sache
beschäftigt war. Aber als das Kind auch während ich das Zimmer in
Ordnung brachte, wortlos in seinem Bette saß, fiel es mir auf, und
zugleich kam es mir zum Bewußtsein, daß sie noch kein Wort von ihrem
Besuch bei Schäufeles berichtet hatte. Aber ich fragte nicht. Ich wußte,
über kurz oder lang würde das Redebächlein schon wieder plätschern. Das
Annele saß ganz steif da und verfolgte jede meiner Bewegungen. Zuletzt
setzte ich mich wie gewohnt an ihr Bettlein und fragte: >Wollen wir
jetzt beten?<
Da tat das Kind einen tiefen Seufzer und sagte: >Ja ... Und weißt du
auch, für was ich jetzt dem lieben Gott danken will? Gar nicht für den
schönen Tag, denn es war kein schöner. Aber weil du so eine nette Mutter
bist, will ich ihm danken. Du hast mich so schön gewaschen und gekämmt
und hast den Waschtisch so hübsch aufgeräumt, und deine Schürze ist
sauber, und deine Hände sind weich, und -- und --<
Wieder ein tiefer Seufzer, dann, da ihr offenbar nichts Lobenswertes
mehr einfallen wollte, wiederholte sie die Worte: >Ich will ihm jetzt
danken, weil du so eine nette Mutter bist.<
Am nächsten Tag führte ich meinen längst geplanten Besuch beim Nachbar
Schäufele aus, und nun wurde es mir klar, warum Annele in einen Lobpreis
meiner Tugenden ausgebrochen war. Das ganze Anwesen bot einen wenig
einladenden Anblick. Frau Schäufele entschuldigte sich zwar wortreich
über die augenblickliche Unordnung, aber ich habe, so oft ich auch
später wiedergekommen bin, nie etwas anderes vorgefunden.
Ein paar größere Kinder machten sich bei meinem Erscheinen eiligst davon,
nur die kleine Barbara kam auf mich zu und bot mir ein klebriges Händchen.
Sie sah gar nicht ordentlich drein, wie sonst, wenn sie zu uns ins
Pfarrhaus kam, und mein Annele tat dies denn auch Frau Schäufele gleich
mit klaren Worten kund. Da lachte die Frau und meinte: >Ach, man kann
nicht immer putzen und waschen und aufräumen, das ist nichts für
unsereins.< Ich nahm mir vor, wenigstens die kleine Barbara in dieser
Richtung zu beeinflussen, und es ist mir dies auch gelungen. Man mochte
ihr begegnen, wo man wollte, immer fiel sie auf durch ihr reinliches,
ich möchte fast sagen, vornehmes Aussehen.
Die zwei kleinen Mädchen saßen in der Schule nebeneinander, und sie
verbrachten auch den größten Teil ihrer Freizeit zusammen. Mein Annele,
das sich früher so oft ein Brüderlein oder Schwesterlein gewünscht, war
jetzt ganz befriedigt. Alle ihre Schätze wurden mit Barbara geteilt. Als
ihr mein Bruder ein Album schenkte, ließ sie mir keine Ruhe, bis ich ein
gleiches für Barbara kaufte. Am nächsten Tag holten sich die beiden bei
der alten Maier ein paar rührende Bildchen: Engelsköpfchen,
Vergißmeinnichtkränze und dergleichen. Die wurden in die Album geklebt,
und jede schrieb der Freundin einen sinnigen Vers dazu. Was Annele
geleistet, weiß ich nicht mehr. Barbaras Vers aber lautete:
Diesen Album hat man dir gekauft,
Anna hat man dich getauft,
Dietrich hat man dich genannt,
Der Himmel ist dein Vaterland.
Ach, wie viele heitere und ernste Erinnerungen drängen sich mir auf,
wenn ich an die Kinderzeit der beiden denke. Aber ich muß mich eilen,
sonst bringe ich meine Geschichte nicht zu Ende.
Du kannst dir ja wohl denken, daß sich Barbara zu Hause nicht besonders
wohl fühlte. Ich meine nicht nur der Unordnung und Unsauberkeit wegen.
So zuwider mir beides ist, so muß ich doch zugeben, daß man auch in
einem schmutzigen Heim strahlend glücklich sein kann. Wir haben eine
Familie im Dorf, da laufen einem aus der Stube die Kinder und Ferkelchen
und Hühner zusammen entgegen, und die Fenster brauchen keine Vorhänge,
denn kein Mensch kann hineinsehen. Aber die Leute sind seelenvergnügt,
du darfst mir's glauben. Aus keinem Haus tönt so viel Lachen und Singen.
Nur Samstag abend gibt es ein großes Geschrei, weil da die Kinder
gewaschen werden, und das sind sie halt nicht gewöhnt.
Aus Schäufeles Haus tönte fast alle Tage Geschrei. Die zwei Alten
lebten in stetem Streit und verführten auch die Kinder dazu. Barbara war
die Jüngste von Sechsen. Sie stand ihren Geschwistern ziemlich fremd
gegenüber, auch den Vater schien sie eher zu fürchten. Aber die Mutter
ward von ihr geliebt mit einer scheuen, sehnsüchtigen Liebe, die mich
immer wieder erschütterte. Ich erinnere mich noch so gut an den Ausdruck
in Barbaras Gesicht, als Annele und ich am Konfirmationssonntag der
beiden zu Schäufeles hinübergingen. Barbara sah in ihrem feierlichen
schwarzen Kleid, über das die langen blonden Zöpfe fielen, schon ganz
jungfräulich drein, viel reifer als mein kindliches Annele, das noch
immer seine Puppen betreute und Tränen vergossen hatte über ihr langes
Kleid.
Frau Schäufeles Stube war dem Festtag zu Ehren gefegt und so dicht mit
Sand bestreut, daß jeder Schritt knirschte. Die Frau kam uns wohlgelaunt
entgegen, und ich mußte mich wundern, wie schmuck sie dreinsah in ihrem
saubern schwarzen Kleid und der seidenen Schürze.
>Wie rasch die Jahre gehen, Frau Schäufele,< sagte ich. >Nun sind unsere
kleinen Mädchen demnächst erwachsen.<
Während ich redete, fiel mein Blick auf Barbaras Gesicht. Sie schaute
die Mutter an mit großen, bittenden Augen. Da ging es mir durch den
Sinn, daß dies Kind, trotz aller Liebe, die ich ihm geschenkt, immer
gehungert hatte. Und ich mußte wieder nachsinnen über eines der größten
Rätsel unserer rätselvollen Welt: Warum ist es, daß Frauen Kinder zur
Welt bringen und ihnen doch nicht Mutter sind, während andere, in deren
Herz das Licht wahrer Mütterlichkeit brennt, nie ein Kind ihr eigen
nennen dürfen? -- --
Mit dem Austritt aus der Schule trennten sich die Wege der beiden, die
bisher so einträchtiglich nebeneinander gelaufen. Ich brachte Annele,
wie du weißt, ins Haus deiner Eltern, und da das Kind sich gut in die
neuen Verhältnisse schickte, kehrte ich nach einigen Wochen beruhigt in
unser Dörflein zurück. Gleich am nächsten Tag kam Barbara zu mir herüber
und wollte haarkleinen Bericht von allem Erleben in der Stadt. Ich
erzählte ihr von Anneles Schule, von ihrer originellen Klavierlehrerin,
von den Mädchen, mit denen sie sich angefreundet. Ich saß über meine
Näharbeit gebeugt und plauderte des langen und breiten, denn mein Kind
fehlte mir, und das Sprechen von ihm gab mir ein wenig das Gefühl seiner
Nähe. Da drang plötzlich ein schluchzender Ton an mein Ohr, und als ich
erschreckt aufschaute, sah ich in Barbaras tränenüberströmtes Gesicht.
Wir haben dann lange zusammen gesprochen, aber ich konnte das Mädchen
nicht wirklich trösten. Zwar meiner Versicherung, Annele werde ihr trotz
all des Neuen treu bleiben, schenkte sie allmählich Glauben. Aber die
Angst, Anneles Liebe zu verlieren, war nicht die einzige Not, die sie
drückte. Ach, in den Wochen des Einsamseins hatte sich ein ganzer Berg
unruhiger, unzufriedener Gedanken in dem Kinde angesammelt. Warum durfte
sie nicht so viel Schönes und Neues erleben? Warum mußte sie immer mit
den zänkischen Eltern zusammen sein? Warum war ein Tag wie der andere
mit Kochen und Aufwaschen, mit Feld- und Gartenarbeit angefüllt? Nie
würde in ihr Leben etwas Schönes und Wunderbares treten. Auf ewig war
sie verdammt in diesem abgelegenen Dorf zu sitzen.
Du mußt nicht lächeln über diesen törichten Kinderkummer. Wir Alten, die
durch schwere Erfahrungen gegangen, meinen oft, der Jungen Leiden wögen
leicht und trösten sie mit dem weisen Zuspruch, ihre Tränen zu sparen.
Aber wer kann sagen: diese Sache ist der Tränen und des Kummers wert,
jene nicht? Barbara litt mit der ganzen starken Leidensfähigkeit ihrer
jungen Seele. Sie hungerte und sah nirgends Sättigung. Sie breitete ihre
Flügel der Sehnsucht aus, aber sie sah nirgends eine Zuflucht, dahin sie
hätte fliehen mögen. Und sie sah eine andere, deren Leben sie bisher
geteilt, all das mühelos ergreifen, wonach ihr Herz schrie.
Ich habe versucht, Barbara zurechtzuhelfen. Nicht, indem ich ihren
Kummer für nichtig erklärte; aber ich bat sie, zu bedenken, daß
tränenvolle Augen nicht klar sehen. Ich wies sie hin auf die Schönheit,
die Gott auch in ihr Leben gelegt. Ich schilderte ihr die gleichförmige,
seelentötende Arbeit so vieler in den Städten und verglich damit die
ihre in ihrer herrlichen, gesunden Vielseitigkeit. Ich sprach ihr von
meiner eigenen starken Liebe zu unserem Tal, seinen Wäldern, Wiesen und
Feldern. Aber gerade in diesem Punkt erreichte ich so viel wie nichts.
Das Kind liebte seine Heimat nicht. Vielleicht, weil ihm das Elternhaus
keine Heimat bot. Aber ich habe andere gesehen, denen es ähnlich
ergangen, und die eben aus dieser Not heraus mit um so größerer Liebe
die Berge und Bäume der Heimat umfaßten.
Ich mußte mich oft besinnen, woher das Kind seinen seltsamen Durst nach
der Ferne hatte. Die Eltern und Voreltern hatten immer in diesem Tal
gelebt und schlecht und recht ihre Arbeit getan. Nur einer aus der
Familie, ein Großonkel Barbaras, war, vom Goldfieber gepackt, nach
Amerika ausgewandert und dort verschollen. Ach, er war vielleicht doch
nicht der einzige gewesen, den eine innere Unruhe umgetrieben. Die
Kirchenbücher sagen nichts. Sie halten nur die Namen fest, aber vom
Wesen, von den Gedanken ihrer Träger berichten sie nichts.
Barbara schien ihren Kummer allmählich zu verwinden; aber so oft Annele
in die Ferien kam, lebte er wieder neu auf. Es konnte dann geschehen,
daß sie sich in der trotzigen Annahme, sie passe nicht mehr zu Annele,
ferne hielt. Nur hin und wieder, wenn ich die beiden etwa an einem
Sonntagnachmittag bei mir hatte, fiel es von Barbara wie ein Bann, und
aus den blauen Augen schaute mich wieder das alte Vertrauen an.
Als die beiden im zwanzigsten Jahr standen -- ein Jahr zuvor hatte
Barbara ihren Vater verloren -- brach die Zeit an, die für viele unseres
Landes so verhängnisvoll geworden. Ich rede von dem Auswanderungsfieber,
das auch in unserm Dorfe einen um den andern ergriff. Du kannst dir
nicht vorstellen, wie erregt die Leute waren. Nicht etwa nur die
Leichtfertigen und die Habenichtse, die eben nichts zu verlieren hatten,
ließen sich verleiten, nein, auch besonnene Leute, die über eigenen
Besitz verfügten, meinten es mit der Fremde, die so unendlich lockend
und mühelosen Reichtum verheißend vor ihnen lag, versuchen zu müssen.
Mein Mann war oft ganz verzweifelt, wenn all sein Bitten und Warnen
erfolglos blieb.
Eine der ersten, die Feuer fing, war natürlich Barbara. Ein eleganter
junger Mann, mit kecken Augen, die mir gar nicht gefallen wollten, war
eines Tages erschienen und hatte unseren Mädchen dermaßen vorgeflunkert,
daß ihrer gleich acht entschlossen waren, sich seiner Leitung
anzuvertrauen und ihr Glück in Neuyork zu versuchen. In ein paar Monaten
würden sie dort mehr verdienen als in der Heimat in Jahren, und wer weiß
-- in dem Lande, wo keine Standesunterschiede herrschten, konnte es
ihnen auch glücken, eine Heirat zu machen, die sie plötzlich in die
Reihe derer stellen würde, die in Seide gehen und in eigener Kutsche
fahren und haben können, was ihr Herz begehrt. Nicht nur die Mädchen,
auch die meisten der Mütter ließen sich durch diese Gedanken betören.
Barbaras Mutter redete ihrer Tochter nicht zu und nicht ab; sie ließ sie
einfach gewähren.
Als mir Barbara ihren Entschluß mitteilte, erschrak ich bis ins Herz
hinein. Nicht das Gefühl der Sorge um ihr Fortkommen, ein Gefühl, mit
dem ich jedes auswandernde Gemeindeglied begleitete, beherrschte mich.
Nein, eine heiße Angst, ein graues Entsetzen überkam mich bei Barbaras
Worten. Wie habe ich das Mädchen angefleht, von ihrem Vorhaben
abzustehen! Aber alle meine Vorstellungen glitten ab an ihrer
siegessicheren Zuversicht, an ihrer strahlenden Freude, endlich in die
Weite, in die Freiheit zu kommen.
O über das verblendete Kind!... Nicht in die Freiheit, in die
allerelendeste Knechtschaft ist sie hineingelaufen. Jener Bursche mit
den unlautern Augen war ein Mädchenhändler. Die andern, die mit Barbara
zusammen auswanderten, scheinen schon auf dem Schiff Verdacht geschöpft
zu haben. Aber Barbara wollte nicht daran glauben, und so ist sie dem
Menschen zum Opfer gefallen. Es ist nie vollständige Klarheit in diese
jammervolle Geschichte zu bringen gewesen. Offenbar war Barbara zuerst
in einem anständigen Haus, denn wir erhielten guten Bericht, und ich
fing an aufzuatmen und ließ mich nur zu gern Schwarzseherin nennen.
Aber dann folgten lange Monate des Schweigens. Unsere Briefe kamen
zurück. Alle Nachforschungen, die mein Mann anstellen ließ, blieben
erfolglos. O die verzehrende Angst jener Tage! Nie zuvor hatte ich so
stark empfunden, wie Barbaras Leben mit tausend feinen Fäden an das
meine gebunden war. Ich kam mir damals vor wie ein Mensch mit zwei
Seelen. Die eine ging das verlorene Kind suchen, schaudernd vor den
Dunkelheiten, die sich ihr ahnend auftaten. Die andere mußte bei dem
eigenen Kinde sein, in dessen Leben die Liebe getreten, und das nun
seiner Mutter bedurfte wie nie zuvor.
Ach, selbst über Anneles Hochzeitstag warf Barbaras Geschick seinen
dunkeln Schatten. Als ich mein Kind in die Arme schloß, mein reines,
bräutliches Kind, da sah ich plötzlich neben ihrem Gesicht ein anderes,
vor dem ich entsetzt die Augen schloß. Und dann in der Kirche, die
gedrängt voll Menschen war, schaute mich aus der hintersten Frauenbank
Barbaras Mutter an ... Wie mußte ich mich da schämen! >Die gibt ihr Kind
schwer her, es drückt ihr schier 's Herz ab!< hörte ich eine Frau hinter
mir flüstern. Aber ich weinte nicht um mein Kind. Von ihm wußte ich, daß
es in eine goldene Helle hineinging. Wo aber war Barbara?
Am andern Tag, als das junge Paar weggefahren, ging ich hierher in
meinen stillen Garten. Ich mußte allein sein.
Auf diesem Bänkchen bin ich gesessen. Vom Pfarrhaus herüber drangen
frohe, helle Stimmen, die paßten so gar nicht zu den Stimmen meines
Herzens.
Da sah ich eine schwarze Frauengestalt langsam auf mich zukommen, und
nun wußte ich mit einem Male, warum ich hierher hatte kommen müssen ...
Um von Barbaras Mutter ein Entsetzliches, ein Unfaßliches zu hören.
Ich wollte aufstehen und ihr entgegengehen, aber ich konnte mich nicht
rühren. Ich konnte nicht einmal den Kopf heben, denn ich wußte, im
nächsten Augenblick trifft dich ein Beilschlag ins Genick.
Dann saß Frau Schäufele plötzlich neben mir und glättete auf ihren Knien
einen Zeitungsausschnitt und einen Brief. Ich hörte sie keuchend atmen,
und nun sprach sie.
>Frau Pfarrer, der Brief ist heute früh gekommen, vom Bäcker Schmid,
wissen Sie, von dem, der vor einem halben Jahr hinüber ist. Im Brief hat
er übersetzt, was da in der Zeitung steht. Und er meint -- und er meint,
es sei --<
Nie, nie in meinem Leben zuvor oder nachher habe ich ein solches Weinen
gehört. Was ich selbst an Schmerz erlitten, war nichts, war ausgelöscht
vor diesem Herzeleid. Ach, daß dies Weinen von jenen vernommen worden
wäre, die an dem Kinde gefrevelt!
Dann drängte die Mutter mich plötzlich: >Lesen Sie, lesen Sie, Frau
Pfarrer!<
Und ich las. Las die Geschichte, die damals durch alle amerikanischen
Blätter ging, daß ein deutsches Mädchen einem gewissen Haus im Innern
Neuyorks entflohen, indem es am Blitzableiter heruntergeglitten war, daß
es halbtot gefunden und ins deutsche Hospital verbracht worden sei.
Ich weiß nicht mehr, wie lange wir damals beisammen gesessen sind, Frau
Schäufele und ich. Ich weiß nur, daß es mir, als ich in mein hell
erleuchtetes Haus eintrat, war, ich käme aus dem Land des Grauens und
der Verzweiflung geschritten. Ich bat meinen Mann, der mich ahnungslos
scherzend als >Ausreißerin< empfing, ins Studierzimmer zu kommen und gab
ihm den an Frau Schäufele gerichteten Brief. Noch in derselben Nacht
ging ein Schreiben ab an den leitenden Arzt des deutschen Hospitals mit
der Bitte um telegraphische Antwort auf die Frage, die unser Herz und
Hirn marterte: ist es Barbara?