Stirne; er war ein gut repräsentierender Mann.
„Die Sache ist längst erledigt, Exzellenz. Es war für mich eine
heilsame Lehre, den Bühnendichtern nicht mehr ins Handwerk zu
pfuschen.”
Exzellenz erkundigte sich, immer die Hand in huldvollem Nachdenken an
der Stirn, nach Titel und Inhalt.
„Richtig! So etwas mag mir ja wohl einmal, ich glaube sogar mit einer
Empfehlung unsres wackren Wildenbruch, durch die Hände gegangen
sein. Aber -- ja, ja -- ein sehr undankbarer Stoff! Sehr undankbar,
wirklich! Und bei der -- nicht wahr -- bei der ungeheuren Fülle von
künstlerischer Arbeit, die unsere Königlichen Bühnen zu bewältigen
haben -- --”
„Ich reiste sogar”, fuhr Ingo fort, „nach brieflicher Anmeldung selber
nach Berlin. Aber ich bin telephonisch von irgendeinem Beamten wieder
nach Hause geschickt worden, ohne zur Audienz zu gelangen.”
Stein lachte selber über diese überwundene Epoche. Der Intendant war
ein klein wenig betreten, beugte sich jedoch mit liebenswürdigstem
Lächeln zu dem Baron hinüber:
„Aber als Sturmegg, nicht als Baron Stein?”
„Nur als Sturmegg, Exzellenz!”
Stein-Sturmegg verbeugte sich. Es zuckte unverhohlenes Lachen um seine
Mundwinkel; er nahm diese Dinge nicht mehr ernst.
Der Generalintendant der Königlichen Schauspiele verbreitete sich
in fein gewählten Worten über die fabelhaften Aufgaben, die von den
Königlichen Theatern jährlich geleistet werden, um inmitten der
internationalen Zersetzung wahrhaft hohe Kunst durchzuführen und
vornehme deutsche Talente zu entdecken und hochzubringen. Dann empfahl
er dem Spielmann mit entschiedenem Wohlwollen Stoffe aus der Geschichte
der Befreiungskriege oder der Hohenzollern; und während er mit Geschick
plauderte, suchten seine Augen in der Umgebung, auf wen er die
Fortsetzung des allmählich unbequemen Gespräches abschieben könnte; er
winkte einen schriftstellernden Major a. D. heran, den er dem Spielmann
vorstellte und als Vorbild empfahl, worauf er sich selber zurückzog,
offenbar von Ingos freimütiger und ironischer Tonart nicht gar angenehm
berührt.
Am Gespräch über Literatur beteiligten sich einige Herren mit
modern gestutzten Haaren auf den Oberlippen, so daß sie in dieser
Zahnbürstchenform der Schnurrbärtchen auffallend einander glichen. Man
sprach über die beträchtlichen Kosten einer Meyerbeer-Aufführung an
der Königlichen Oper, über die nicht minder bedeutenden Kosten eines
assyrischen Ballets, über reizende Lustspiele wie „Husarenfieber” und
„Wieselchen” -- oder war es „Lieselchen”? Der beschämte Troubadour
kannte nicht einmal die Namen.
Dann ging man zu einem Gebiet über, auf dem man sich sicherer fühlte:
zu Einzelheiten der Jagd; gähnte auch verstohlen und spähte auf die
Uhr, ob denn wohl endlich das Festmahl beginnen mochte. Kurz, es war
zu irgendwelcher geistigen Vertiefung weder Ort noch Anlaß. Und der
Freiherr suchte vergeblich eine Einbruchsstelle, wo er mit Kanonen oder
Kavallerie des Geistes hätte wirken können.
Jetzt kam der Augenblick, wo der Freiherr von Stein, vom
Oberburghauptmann vorgestellt, den festen Händedruck seines Kaisers
spürte und ihm in Audienz gegenüberstand.
Trotzendorff strahlte.
* * * * *
Im Zimmer seines Gasthofes schritt Ingo wieder auf und ab, in leichter
grauer Litewka, wie er sie im Hause zu tragen pflegte.
Über Thüringen donnerte noch immer das Gewitter. In Wasserfluten schien
Deutschland zu ertrinken. Man sah die Wartburg nicht mehr. Von West und
Nord und Ost krachten die flammenden Fluten.
Automobile sausten im Unwetter nach der Bahn; die Wartburg hatte sich
rasch geleert; es war eine Flucht, ein zersprengtes Heer.
Im stillen Zimmer schritt Ingo auf und ab. Er hatte sich unbeachtet
nach der Tafel zurückgezogen; ihm war leicht, frei und heiter zumute.
Die letzte Versuchung lag hinter ihm.
Da hielt ein ratterndes Auto vor dem Hotel: Major von Trotzendorff
stürmte herauf.
„Junge, wie war's? Mach' schnell, ich muß nach der Bahn! Wie war's?
Hab' dich ja gar nicht mehr erwischen können, war unausgesetzt in
Anspruch genommen!”
„Treuer, unermüdlicher Richard, vor allen Dingen Dank!”
„Unsinn! Sag', voran, wie war's da oben, alter Freund?”
„Nun, was soll denn da oben Besondres gewesen sein?”
„Was sagte der hohe Herr? Raus mit der Sprache! Ich hab' keine Zeit,
das Auto wartet mit zwei Herren vom Hofe!”
„Aber das läßt sich doch so in der Geschwindigkeit --”
„Na so mach' doch, guter Junge! Was sagte Seine Majestät zu deinem
Buch?”
„Hat ihm famos gefallen, es sei gar nicht konventionell.”
„Siehst du?! Ausgezeichnet! Was weiter?”
„Ja, was denn weiter?”
„Aber, Junge, so erzähl' doch!”
„Was denn, liebster Richard, was denn?”
„Aber, Mensch, zum Donnerwetter, euer Gespräch! Die Ideen, die du
entwickeln wolltest --”
„Welche Ideen?”
„Hast du mir nicht hundertmal auseinandergesetzt, was du tun würdest,
wenn du der Kaiser wärst oder sonstwie von Einfluß auf den Zeitgeist
--?!”
„Ja, da hast du allerdings recht! Aber --”
„Was denn aber? Du machst mich wild! Jetzt _hast_ du mit dem Kaiser
gesprochen, ich habe mit aller Mühe euch zwei zusammengebracht -- und
nun?”
„Bester Richard, erst muß mich doch wohl Seine Majestät etwas fragen,
eh' ich etwas antworten kann, nicht wahr?”
„Hat er dich denn nicht gefragt? Wie lange dauerte denn die
Unterredung?”
„Nun, mindestens zwei Minuten.”
Das Auto draußen tutete ungeduldig; der Gewitterregen rasselte an die
Fensterscheiben.
„Hol' dich der Kuckuck, Junge! Entweder hab' ich zuviel getrunken bei
Tafel -- oder du bist nicht nüchtern und willst mich frozzeln -- oder
-- Kurz, ich erwarte dich morgen in Erfurt! Oder kommst du gleich mit?”
„I, fällt mir nicht ein! Ich bleibe gemächlich hier in Eisenach.”
„Dann ade! Eines will ich dir sagen, du: ich hab' mich nun jahrelang
auf diesen großen Tag gefreut. Wenn's dir nicht gelingt, Fuß zu fassen
-- hol's der Deuwel, so reich' ich meinen Abschied ein und widme mich
dem deutschen Volke und seinen zahllosen Vereinen. Gott befohlen --
oder vielmehr: salz' dich ein, du Pechvogel!”
Ingo begleitete den ärgerlich Davonstürmenden an die Türe.
„Richard, nun hör' einmal zu, nun will ich dir ein sehr ernstes Wort
sagen! Ich habe seit geraumer Zeit mit dir und deiner Gattin, also mit
meinen nächsten Freunden, in einem Kampf gestanden: in einem Kampf um
Selbständigkeit. Verstehst du? Mit Friedel war die Auseinandersetzung
von besondrer Art; das haben wir schon in Lourdes abgetan. Nun merke
auch du dir, mein Bester: in irgendwelchen höfischen oder staatlichen
Mechanismus wirst du mich niemals einfangen! Niemals! Ich gehöre nicht
dahin. Das hab' ich heute da oben auf der Wartburg klar und deutlich
erkannt -- erkannt? Nein, erlebt!”
„Aber, Junge, hat man dich denn irgendwie unliebenswürdig behandelt?”
„Im Gegenteil! Ich werde immer mit Vergnügen an diesen Tag
zurückdenken.”
„Also --?! Du bist selber strammer Soldat gewesen: willst du es etwa
dem hohen Herrn verargen, daß er ganz besonders auf Jagd, Armee, Marine
eingestellt ist?”
„Wie sollt' ich denn! Es wird in Deutschland genug gekrittelt -- sollt'
ich mich auch noch zu den Nörglern und Hetzern gesellen?! Ich liebe und
achte meinen Kaiser. Aber” --
„Aber --?”
„Aber die Stimmung, die jetzt für ein seelisches Deutschland
herausgearbeitet werden muß, läßt sich nur in der Stille gestalten.
Wir müssen uns auf Arbeitsteilung einigen. Von innen heraus, Richard,
von innen heraus muß die Erneuerung des Zeitgeistes versucht werden!
Weder von oben noch von unten! Weder Cäsaren noch Demokraten können das
Reich Gottes bauen. Denn sie haben es mit den Massen zu tun, nicht mit
der Seele. Erneuerung von innen heraus!”
Er sprach mit eindringlichem Ernst.
Aber Trotzendorff lief zornig davon.
„Noch eins, Richard!” rief ihm Ingo übers Treppengeländer nach. „Weißt
du, daß der kleine Marx oben war -- Kommerzienrat Marx?”
„Bitte: Geheimrat Marx! Sehr beliebt! Gibt unmenschlich Geld für große
Zwecke! Der fliegt rascher die Leiter hinauf als du deutscher Michel!
Ade!”
Und mit dröhnenden Stiefeln war er fort.
Und das Auto raste -- und das Gewitter raste -- und Ingo lag auf dem
Diwan, hatte die Hände hinter dem Kopf und starrte zur Decke empor.
Er war ernst.
Ja, er war ernst bis zur Schwermut.
Diese Automobile waren davongefaucht und hatten den Spielmann Ingo von
Stein als unverwendbar und überflüssig irgendwo am Wege liegen lassen.
Was hatte er denn eigentlich erwartet? Nichts. Doch hatte ihn
Trotzendorff und dessen brave, aber unklare patriotische Romantik,
Trotzendorff, der angebliche Tatsachenmensch, immerhin mit einer
gewissen Erwartung angesteckt. Diese Erwartung hatte sich freilich
rasch verflüchtigt, sobald er einige Minuten die Hofluft selber, den
Geist, den Duft, die Essenz dieser höfischen Welt auf sich hatte wirken
lassen. Es war von dort zu seiner eigenen Welt der heiligen Stille
keine Brücke zu finden.
Man hatte in diesem übervollen Deutschland Leute genug, übergenug;
man hatte Kenntnis und Kunst übergenug. Was wollte sich da noch ein
einzelner Sonderling und Fremdling hinzudrängen?
„Ich bin durch Nordland und Riviera, durch Lourdes und
Montserrat-Stimmung dankbar hindurchgegangen und nicht darin stecken
geblieben”, sprach er zu sich selber. „Ich habe Friedel viel zu
danken, bin Richard von Herzen gut und dem Sonderling Bruck zugetan.
Warum find' ich denn nur nicht den Zugang zum Herzen dieser deutschen
Gegenwart? Warum vergißt das moderne Deutschland seine besondre
europäische Sendung? Warum geht es nicht mehr führend voran in jener
durchgeistigten Gemütskraft, die man ehedem deutschen Idealismus
genannt hat?”
Aufspringend schaute Ingo durch nasse Fenster nach den verdüsterten
Umrissen der Wartburg empor. Wie lieb war ihm diese Geistesburg!
Das Herz schwoll ihm vor Sehnsucht nach warmblütig mitpulsierendem
Menschentum, nach Liebe all dieser Zeitgenossen, die heute schattenhaft
und gleichgültig an ihm vorbeigewogt waren. So waren sie auch an seinen
Büchern vorübergegangen; so gingen sie an seiner Person vorüber; er war
überflüssig.
Er sah im Geiste die ausgetretenen Steinfliesen der Vorderburg. Dort
hatten sie in einer Mainacht Luther hereingeführt und untergebracht.
Wie kommt es, daß mit den thüringischen Fürsten oder den Staufen große
Sänger und der Name des deutschen Reformators untrennbar verbunden
sind? Wie kommt es, daß sich um die Hohenzollern keine geistesgroßen
Dichter gesammelt haben? Ist es ein Gesetz deutscher Arbeitsteilung,
daß Potsdam militärische Aufgaben zu lösen hat? Daß sich aber das
deutsche Weimar immer wieder abseits in der Stille als ein heiliger
Hain erbauen muß?
Diese Gedanken wurden in ihm angeregt durch eine harmlose Audienz, die
tausend anderen Audienzen glich.
[Illustration]
[Illustration]
Elftes Kapitel
Elisabeth
Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen rein und rund,
Zerfließen in eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.
_Hebbel_
_Eisenach_, den .......
Liebe Elisabeth!
Dein Brief hat mich hier in Eisenach gefunden, am Fuße der Wartburg,
wo sich gestern Wichtiges entschieden hat. Ich habe dem Drängen
Trotzendorffs nachgegeben und mich zu einer kurzen und konventionellen
Audienz gestellt. Die Sache ist abgetan. Nun weiß und fühl' ich in
scharfer Klarheit, wo ich fortan zu stehen habe: nicht im politischen,
sondern im seelischen Deutschland.
Dein Brief klingt in Es-Dur, meine Elisabeth: feierlich und tief. Es
ist darin Böcklins Grundfarbe: ein heiliges Dunkelblau. Ich danke
Dir innig dafür, Du Gute! Zum erstenmal etwas wie ein Klang des
Verständnisses, etwas wie ein Widerhall. Und das beseligt mich tief,
denn ich bin unheimlich allein. Grade an Dir halte ich trotz alledem
mit zäher Beharrung fest, Du meine erste und hoffentlich letzte Liebe!
Du bist ein Glockenton meiner Jugend, Du bist meine Jugend selber, Du
süße Gespielin von einst! Dich aus dem Herzen reißen, heißt ein Stück
meines Herzens ausreißen. Dich umarmend hab' ich dort Wald und Seele
unsrer Heimat umarmt; in Deinen Küssen war Tannenduft; wenn ich den
Namen Elisabeth ausspreche, so sehe ich blühende wilde Rosen und mitten
darin ein ernstes Kreuz.
Liebes Mädchen, ihr habt mich oft Spielmann genannt und mir sogar
vorgeworfen, daß ich mit dem Leben spiele. Ach, laßt mir doch ein
wenig Leicht-Sinn -- nicht Leichtsinn --, laßt mich doch das Leben als
ein sinnvoll Reigenspiel anschauen, wunderlich verschlungen und doch
im ganzen voller Harmonie und starkem, heitrem Rhythmus! Laßt mich
Spielmann bleiben im Unterschied von phantasielosem Philistertum! Nur
der Freie kann und darf spielen; der Knecht front. Der Hasenfuß wagt
nicht das schöne und kühne Spiel mit dem Abenteuer des Lebens.
Kind, das ist es ja, was ich Dir so oft verweisen mußte: Du bist immer
viel zu sehr Fronerin gewesen, Du Gehorsame, und viel zu wenig frei
Schenkende. Du hast Deinen engen und ängstlichen Moralismus nicht
durch den Rhythmus mutiger Selbstbestimmung zu überwinden gewußt. Und
so hab' ich mich zuletzt auch von Dir leidvoll zurückgezogen und mich
abseits im heiligen Hain der großen Toten zu größerer Lebenserfassung
herangebildet. Denn wahrlich waren und sind mir Offenbarungen der
Weisheit und Schönheit unter allen Umständen wichtiger als das
kleinmenschliche Verweilen bei jedwedem körperlichen Mißbehagen dumpfer
unbedeutender Nebenmenschen, deren Sorglichkeiten Du so wichtig
nimmst. Darum bin ich auch für all die modernen Denkmalsfeiern oder
ähnliche Äußerlichkeiten des öffentlichen Lebens ebenso verloren wie
für die Spezial-Zerpflückungen unserer wissenschaftlichen Kleinkrämer.
Und solange dieser unmelodische Alexandrinismus meiner Zeitgenossen
andauert, solange sie nicht mit mir das Große suchen, das Eine, was
not ist, die Ideen und Urbilder -- so lange gehe ich eben allein. Und
solange Elisabeth in Ängstlichkeiten und Schicklichkeiten stecken
bleibt, statt zu dem Manne ihres Herzens zu fliegen und sich mit ihm
in große Geistes- und Herzenswelt emporzuheben -- so lange gehe ich
eben allein. Mein Fall ist kein Einzelfall: meine Not ist die Not der
deutschen Seele.
Weib, wenn Du doch etwas von der verhaltenen, hochgestauten Kraft
spürtest, die sich in mir gesammelt hat, die oft über die Ränder sprüht
und Freunde sucht, Spielkameraden, Wandergenossen nach der Gralsburg!
Weib, sei kühn! Weib, sei doch genial! Fühle doch, daß die Liebe zu
dem Einen, der Dich wiederliebt, wertvoller und wichtiger ist als
alle Krankenschwesterlichkeit der Welt! Wie oft hab' ich Dich gerufen,
Elisabeth, meine deutsche Seele, und Du bist nicht gekommen! Sondern
Du bist stecken geblieben in den Kleinsorgen der Alltagsmenschen, in
der schicklichen Ordnung, in der biedern Mittelmäßigkeit, Du Brave, Du
Allzubrave!
Siehst Du, Kind, und so vermag ich Deinem liebevollen und
ungewöhnlichen Briefe leider, leider, leider nicht mehr recht zu
vertrauen. Zürne mir nicht, daß ich Dir das ausspreche! Du hast mich zu
oft allein gelassen.
Wenn ich aber ungerecht bin, wenn ich vergesse, wie oft auch ich Dir
wehgetan und Deine heilige Ruhe gestört habe, Du frommes Wesen, sobald
meine Ungeduld mit Deiner stillen und tiefen Geduld zusammengestoßen:
so vergib mir! Der tiefste Grund meines Wesens ist dennoch Liebe --
Liebe zu allen guten Menschen und ganz besonders Liebe zu Dir, Du Beste
der Guten. Und so nimm das Ungeduldige in diesen raschen Worten nicht
übel: sie sind nur wie Wolken vor dem Mondlicht meiner Liebe.
Gott behüte Dich, gute Elisabeth!
Dein Ingo.
* * * * *
Am Tage nach dem Wartburggespräch schrieb Ingo diesen Brief in seinem
Hotelzimmer.
Die Stille des warmen und wolkigen Tages tat ihm wundersam wohl.
Als er nun aber das Schreiben noch einmal durchlas, schüttelte er den
Kopf und legte den Brief in seine Schreibmappe.
„Nein, das kann ich nicht absenden”, sprach er zu sich selber. „Das
ist ja nur wieder der alte Ruf der Sehnsucht: Elisabeth, komm zu
mir! Ich fahre ja genau da fort, wo ich vor drei bis vier Jahren
abgebrochen habe. Ich wiederhole mich ja, das ist ja geschmacklos.
Sind wir wirklich in diesem blutarmen, kränkelnden, unheroischen
Liebesverhältnis nicht weitergekommen? Dann tut's mir leid. Ich werde
Elisabeths Brief überhaupt nicht beantworten. Hier fruchten keine
Briefe mehr.”
Der Brief wurde nicht abgesandt.
Er nahm seine Arbeit wieder auf.
Seine Studien über den Gral hatten ihn zu Goethes Gedicht „Die
Geheimnisse” geführt. Hierbei, Goethes Dichtungen durchblätternd,
war ihm zum Bewußtsein gekommen, wie häufig der große Dichter das
Wander-Motiv behandelt und vergeistigt: von dem jugendlichen „Wandrers
Sturmlied” bis zu den reifen „Wanderjahren”. Er beschloß, diese Linie
zu verfolgen und mit dem Gralsuchen in Beziehung zu setzen. Eben las
er das edelschöne Gedicht vom Wanderer, der in Tempelruinen eine junge
Frau findet, mit den weich hingleitenden Schlußworten:
„O leite meinen Gang, Natur
Den Fremdlings-Reisetritt,
Den über Gräber
Heil'ger Vergangenheit
Ich wandle.
Leit' ihn zum Schutzort
Vorm Nord gedeckt,
Und wo dem Mittagsstrahle
Ein Pappelwäldchen wehrt.
Und kehr' ich dann
Am Abend heim
Zur Hütte,
Vergoldet vom letzten Sonnenstrahl,
Laß mich empfangen solch ein Weib,
Den Knaben auf dem Arm!”
Er ließ das Buch sinken.
„Solch ein Weib ... den Knaben auf dem Arm!”
Sieh an, auch hier ein Wanderer, ein Hügel, ein Weib -- und in der Nähe
ein Säulenpaar! Natur und Religion und Poesie in eins zusammengeblüht!
Tod und Leben in eins verschlungen: zerfallener Tempel und nährende
Frau, die selber ein Tempel ist, ein Meistergebilde der Natur und
der Gottheit! Sind nicht wir Deutschen geboren über Resten heiliger
Vergangenheit? Daß ihr Geist auf uns ruhe und uns befruchte, Altes
zu ehren und Neues zu schaffen und Gegenwart zu genießen wie dieses
glückselig-gesunde Weib -- eine Madonna mit dem Knaben auf dem Arm!
„Das ist meine Hütte,” sagt sie, „eines Tempels Trümmer!” Ja, ein
Tempel, verwandelt in eine Hütte der Liebe und des heiligen Lebens --
eine Hütte, entsprossen aus den heiligen Stimmungen eines Tempels!
Welche sinnige Verschlingung! Hier ist immer wieder das Ziel!
Ingo lief in seiner jugendstarken Gesundheit im Zimmer auf und ab.
Er erlebte diese Zwiesprache mit dem Weib an der Tempelsäule; er war
selber dieser Wanderer. Seine Betrachtungsweise war niemals bläßlich,
immer warmblütig; denn er durchglühte auch geistige Stoffe mit der
Kraft persönlichen Erlebens, so daß der Spielmann oft unseßhaft vom
Buch aufsprang und laut mit sich selber sprach.
Wieder zum Buch zurückkehrend, schlug er aufs Geratewohl auf. Und --
leiteten Geister vom Montserrat seine sinnvoll zugreifenden Finger?
Er stieß auf die Randnoten, die Goethe selber zu seinem bedeutsamen
Gedicht „Die Geheimnisse” niedergeschrieben hat. „Durch eine Art von
ideellem Montserrat” sollte dort der Leser geführt werden -- das
waren die Worte, die ihn wie ein elektrischer Schlag berührten. Ihm,
dem Goethekenner, waren diese Bemerkungen ganz aus dem Gedächtnis
geschwunden. Nun sah er sein eigenes Suchen durch den Meister
bestätigt. Denn hier stand es ja, hier klang es ja in die Worte aus:
„ ... sich in den Gesinnungen befestigen, in welchen ganz allein der
Mensch, auf seinem eigenen Montserrat, Glück und Ruhe finden kann.”
Auf seinem eigenen Montserrat!
Nicht im fernen Land, unnahbar euren Schritten -- vielmehr hier und
heute und überall, wo der Mensch seines göttlichen Mittelpunktes inne
wird!
Welch ein Kraftgefühl, dieser Besitz!
Und doch -- einer allein wird nie zulänglich sein, das Leben bedeutend
und nutzwirkend zu einer Tempelburg zu gestalten, wenn er sich nicht
bei aller eigenen Selbständigkeit verflechten kann mit anderen. Zur
Monade trat schon bei Pythagoras, der selber seine Schülerin Theano
zur Gattin erhob, die Dyade, die Triade, die heilige Tetraktis, die
Vierzahl; und eins, zwei, drei und vier geben als Summe die Zehn,
die heilige Dekade. Saßen nicht auf dem Montserrat zwölf Eremiten um
den dreizehnten? Sind nicht zwölf Meister in diesem seltsamen Tempel
der „Geheimnisse” mit einem dreizehnten als Oberhaupt? Immer strebt
das Leben in eine Runde, eine Tafelrunde, eine kristallinische oder
organische Bildung hinaus, in harmonische Vielheit -- und wieder zurück
zur umfassenden Einheit. Sind nicht alle Sonnen und Planeten, alle
Lebewesen und alle Teile des Körpers aufeinander angewiesen und bilden
miteinander das rhythmische Ganze?
So wogten seine Gedanken.
Der Einsame war in seinem unbefriedigten Schaffensdrang nahe daran,
wehmütig zu werden. Aber in seinem gesunden Blutumlauf hatten weder
Zweifel noch Grübelei Raum. Eine halbe Stunde später lag der Goetheband
auf dem Teppich, und der glückliche Besitzer und Verehrer des Buches
lag auf dem Diwan und schlief mit gekreuzten Armen.
* * * * *
Es klopfte leise an Ingos Tür.
Ingo schlief.
Es klopfte abermals.
Ingo schlief.
Die Tür tat sich auf, und eine Dame stand im Zimmer, ohne Hut und
Handschuhe.
Jetzt fuhr der Schlafende empor und sprang sofort auf die Füße,
verworren die Augen reibend.
Das Glück stand an der Tür.
Erst war er der Meinung, es hätte sich jemand in der Zimmernummer
geirrt. Dann aber, obschon bereits Dämmerung war, erkannte er jählings,
wer vor ihm stand.
„Elisabeth!”
Sie lehnte wortlos an der Wand. Sie konnte keine Silbe hervorbringen.
„Aber, Kind, meine gute Elisabeth, wie kommst denn du hierher?! Bist du
hier abgestiegen? Hast du ein Zimmer hier im Hotel?”
Sie nickte. Ihre Brust arbeitete mächtig.
„Wohnst am Ende gar im Zimmer gegenüber, das Trotzendorff gestern
verlassen hat? Das ist ja ein entzückender Streich! Und ganz aus
eigenem Entschluß?”
Sie nickte wieder, kurz und heftig. Aber dann hielt sie's nicht länger
aus -- mit einem jähen Laut „Ingo!” flog sie ihm um den Hals -- und
ihre Arme umschlangen ihn -- und Mund lag auf Mund. Aus ihrer Brust
kam ein Ton wie Jauchzen und Angst. Sie ließ ihn nicht los, sie trank
seine Küsse, sie suchte immer wieder seinen Mund und preßte ihn mit der
ganzen Stärke ihrer starken Arme an ihre wogende Brust.
Und alle Gedanken, Programme, Ideen, die soeben diesen Raum erfüllt
hatten -- versunken! Nein, verwandelt! In Leben verwandelt! Verwandelt
in den einen großen Ton elementarer Liebe, in diese Flut ungestüm
andrängender Liebe, in diesen überwältigenden Duft blühenden Lebens --
ganz verwandelt in dieses atmende, glühende, sinnenstarke und doch so
stolze und herbe Mädchen, das sich nur dem einen Manne auftat!
Umwogt und umwunden von diesem langen Haar mit dem natürlichen Duft,
saßen sie wie einst im Wald und wurden nicht satt, sich Kosenamen zu
stammeln. Ihr Mund, ihre Augen, Ohren, Hals und immer wieder ihr Mund
wurden von Ingos Küssen überdeckt; und wenn er den Kopf an ihrem Halse
barg, war sie es, die seine Lippen wie in Angst aufsuchte und unzählige
Male immer nur das eine Wort wiederholte: „Mein, mein, mein!”
Ingo hatte nie gewußt, wie ein Weib lieben kann, hatte nie gewußt,
wie dieses Weib lieben konnte. Mit dem ganzen, zarten, weichen,
vibrierenden Organismus liebt das Weib, ihr Körper ist Liebe, ihr
Körper ist Sprache ohne Worte. Mächtiger als der Mund allein spricht
und jauchzt das ganze Wunderwerk Weib dem Geliebten entgegen. Die Zeit
blieb stehen; sie achteten nicht, ob Sonne oder Mond am Himmel stand;
sie hatten ja ewig zusammengehört, von Anfang der Welt an, als noch
keine Zeit war. Sie hatten sich gesucht durch Jahrtausende seit der
alten Atlantis und jetzt gefunden, hier am Fuße der Wartburg, hier im
Herzen Europas.
Allmählich stellten sich dann doch Worte ein, süßes Raunen, töricht
holde Melodie, innige Koseworte und Wort-Erfindungen, immer wiederholte
Fragen, die keine Fragen waren.
„Du bist mein, nicht wahr, ganz allein mein? Ich hab's ja nicht mehr
aushalten können! Ach Ingo, sag's, nicht wahr, ich verliere dich nie
mehr, nie mehr, nie mehr?”
„Bis in den Tod, Elisabeth!”
„Bis in die Ewigkeit, Ingo! In alle, alle Ewigkeit! Ewig, ewig, ewig
dein!”