Ingo fort. „Wir sprachen vom Untergang der Titanic. Man mag heute das
grauenhafteste Unglück in der Zeitung lesen -- und schon nach wenigen
Tagen ist der Eindruck wieder verwischt. Neue Nachrichten rasseln
täglich über unser Gehirn und die feineren Organe hinweg. Wir haben
weder Kraft noch Zeit, diesen Massenandrang zu verarbeiten. Es bleibt
ein Nervenreiz, es bleibt Papier, wir lesen es nur, wir erleben es
nicht. Seelenlos rollt der Apparat des modernen gesellschaftlichen
Mechanismus über die einzelne Seele hinweg. Ob Tausende irgendwo
verunglücken oder Zehntausende, es ist ebenso belanglos; der Apparat
läuft weiter. Das ist es, Richard, wogegen ich als Ausreißer und
Flüchtling ankämpfe; ich will meine Seele nicht zermalmen lassen. Ich
muß oft an Schaller und Marx denken; sie sind wie jener Schatzgräber:
er gibt dem Teufel die Seele und erhält dafür Sachen. So hat unser
moderner Mechanismus eine Überfülle von gewiß schätzbaren Sachen
eingeheimst, auch Kunstsachen und Literaturwerke, aber die Seele
verloren.”
Der Major schüttelte zu dieser Philosophie schweigend und mißbilligend
den Kopf.
Bruck aber lenkte die Unterhaltung ab:
„Da Sie von Marx sprechen: ich traf in München, in jener Gesellschaft
für Geistesforschung, die sich ja grade um das innere Wesen des
Menschen bemüht, Ihren englischen Freund Wallace. Sie entsinnen sich,
daß wir auf dem Montserrat von solchen großen Fragen gesprochen haben?”
Der Montserrat! Wie sonor klang dieser Name des spanischen Felsenberges
in das idyllische Weimar! Der Montsalvat! Der heilige Gral, das
Rosenkreuz, der Ausblick in Kosmos und Erdendasein -- -- es war ihm,
dem dankbaren Schüler weimarischer Kultur, als wäre etwas in ihm dort
auf dem Montserrat über Weimar und Wartburg hinausgewachsen.
„Ah, Wallace! Ein ruhiger und besonnener Mensch! Wir könnten von den
Engländern lernen.”
„Und sie von uns”, brummte Trotzendorff.
„Wir waren”, setzte der Konsul hinzu, „dort in München viel mit Doktor
Marx zusammen --”
„Marx?!”
Ingos Fuchs wurde unruhig und begann zu tänzeln.
„Ebenfalls Mitglied”, bemerkte Bruck.
„Der kleine Kommerzienrat?! Schallers Freund?”
„O nein, der nicht!” lachte der alte Herr. „Sein Bruder, ein stiller
und sympathischer Gelehrter. Sie wissen ja, daß ich die modernen
Israeliten nach zwei Gesichtspunkten einteile: Spinozisten und
Mammonisten. Dieser jüngere Marx ist ungefähr das Gegenteil von jenem
Mammonisten.”
„Na, auch über diese Rasse dürften unsre Ansichten auseinandergehen”,
warf der Major herüber.
„Läßt sich wohl denken”, versetzte Bruck. „Aber mit preußischem
Kommando wird auch hier nichts entknotet werden.”
Ingo suchte zu vermitteln.
„Ich fürchte manchmal, daß unser allzu laut gewordenes Deutschland
durch Demütigungen hindurch muß, um sich wieder auf seine stille
europäische Aufgabe zu besinnen. Es ist etwas Nervöses und Überreiztes
in dieser ganzen Zivilisation. Und nun willst du mich auf die Wartburg
schleppen, Richard, willst mich dem höchsten Repräsentanten dieser
modern-deutschen Entwicklung vorstellen und in dieses jetzige Getriebe
einfangen --”
„Ich zähle sogar bestimmt darauf, lieber Ingo! ‚Der Mann muß hinaus ins
feindliche Leben’ -- sagt Schiller.”
„Er sagt aber auch, lieber Richard: ‚In des Herzens heilig stille Räume
mußt du fliehen aus des Lebens Drang’!”
„Unsinn! Er sagt aber auch: ‚Rastlos vorwärts mußt du streben, nie
ermüdet stille stehen’ -- das hat mir mein alter Oberst unter sein Bild
geschrieben.”
„Schon recht! Er sagt aber auch: ‚In die Tiefe mußt du steigen, soll
sich dir das Wesen zeigen’.”
Die drei Reiter lachten über dieses schlagfertige Tennisspiel mit
Schillerworten.
Der Soldat Trotzendorff war noch nicht geneigt, Frieden zu schließen,
obwohl das Schiller-Gelände seiner Generalstabskarte ziemlich dürftig
skizziert war.
„Außerdem hat Schiller gesagt”, rief er schneidig: „‚Wer immer strebend
sich bemüht’ --”
„Halt, Bataillon! Das sagt nun allerdings Goethe!”
„Und fügt hinzu”, half Bruck: „‚den können wir erlösen’ -- _wir_!
Nämlich die ewigen Schicksalsmächte, Herr Major!”
„Mystik, meine Herren! Sie wissen, da pfeif' ich nicht mit! Ich sage
nur so viel: Der Deuwel hole die Nation, die nur noch Halleluja singt
und nicht mehr die Wacht am Rhein!”
Sie brachen lachend ab. Bruck war taktvoller Weltmann genug, von
seinen Geheimkammern nur dann eine Tür aufzuschließen, wenn er einen
Gralsucher in der Nähe witterte.
„Herzensjunge,” schloß Trotzendorff in seiner frischen und freimütigen
Art, „dein Philosophieren nützt nun alles nichts. Auf die Wartburg
sollst du mir doch -- und wenn ich dich auf einem Wartburg-Esel
eigenhändig ans Burgtor führen muß!”
„Nun, ich hoffe wieder heil herunterzukommen.”
„Jawohl, einen Orden im Knopfloch und einen Hoftitel in der Tasche! Ein
gemachter Mann, auf den ganz Deutschland schaut!”
Der Konsul hielt sein Pferd an. Er hatte, bei aller großartigen
Seelenruhe, ein natürliches Gesprächstalent: ging mit Aufmerksamkeit
auf einen Gegenstand ein, ließ höflich, aber schlagfertig eines Gegners
Einwand an sich herankommen und trachtete zuletzt nach Abrundung. Um
diese war es ihm auch jetzt zu tun. Er reichte dem Major mit einem
reizenden Muskelspiel seines verwetterten Gesichtes die Hand.
„Lieber Herr Major, ich bekenne mich hiermit als geschlagen. Sie sind
doch von uns dreien der größte Idealist!”
* * * * *
... In Ingo spannen die Gedanken weiter. Er liebte beide brave Deutsche
rechts und links; und doch spürte er, daß er mit einem wesentlichen
Teil seines Herzens zur stilleren Partei gehöre: zu dem Gefährten vom
Gralsberg.
Und er sah in plötzlicher Fernschau seinen eigenen Park der Zukunft,
belebt von Steinbildern großer Männer, verschönt durch goldene
Sprüche der Poesie und Weisheit. Die Möglichkeit, als Gutsbesitzer
an der Scholle haften zu müssen, erschien dem Weltwanderer nicht
mehr schreckhaft, vielmehr in neuem und schönem Lichte. Die weiße
Tempelsäule auf dem Sonnenhügel, wo er am Rande Europas bei unreifen
Mädchen Schönheit gesucht hatte, sah er aufgerichtet mitten in einem
deutschen Park. „Auch die Scholle läßt sich weihen, auch die Enge zur
Welt erweitern. Wenn nur -- wenn nur lebendige Liebe erwärmend und
verschönend mithilft -- lebendige Liebe!” Jetzt trat seine künftige
Freifrau aus dem Herrenhause, von der Dogge begleitet, schritt durch
den anmutvoll belebten Park und trug etwas von dem Reichtum ihrer Welt
hinab zu Kranken des Dorfes ...
„Was träumst du, Ingo?” fragte Richard.
„Was ich träume?”
Ingo sah sich erwachend um. Die Parklandschaft von Tiefurt lag vor
ihnen ausgebreitet. Der Spieltrieb schöpferischer Geister hatte einst
diesem ganzen weimarischen Gebiet Frohsinn aufgeprägt.
„Ich träume davon, wie dieses weltberühmte Weimar äußerlich so klein
ist und hat doch im kleinsten Punkte die höchste Kraft gesammelt. Ich
träume davon, daß auch das Herz nur ein kleiner Punkt ist: aber der
Mittelpunkt des Menschen.”
[Illustration]
[Illustration]
Zehntes Kapitel
Kaisergespräch auf der Wartburg
Eins nach außen, schwertgewaltig
Um ein hoch Panier geschart,
Innen reich und vielgestaltig,
Jeder Stamm nach seiner Art!
_Geibel_
Die Fahnen der festlichen Stadt Eisenach und der Wartburg hingen ohne
die mindeste Bewegung schlaff an den Stangen herab.
Die Luft war schwül und schwer. In abenteuerlicher Färbung stand
der dunstig heiße, einem Gewitter entgegenbangende Sommertag. Die
westlichen und nördlichen Horizonte drohten blauschwarz herüber. Von
der Rhön her funkelte Wetterleuchten; ein zweites Wetter ballte sich
über der goldenen Aue.
Waren rings auf phantastischen Wolkenbergen Batterien aufgefahren?
Bedrohten sie die Wartburg, den Herzpunkt deutschen Geistes?
Malte sich in den Lüften ein Zukunftskrieg um die besten Güter der
Nation?
Major von Trotzendorff sah schwarz genug in die Zukunft. Aber der
heutige Tag war für ihn ein Festtag. Denn er hatte es durchgesetzt:
sein Freund, der unseßhafte Weltfahrer, stellte sich zu einer höfischen
Audienz!
„Was schwebt dir denn eigentlich dabei vor, mein alter Freund und
Gönner?” hatte der Spielmann gutmütig gefragt.
Und den kräftigen Schnurrbart mit zwei Bürstchen bearbeitend, hatte der
Major vielsagend geantwortet:
„Na, mein Junge, das wird sich schon alles finden. Ich denke, gewissen
Hoftheatern wird eine geistige Auffrischung nicht schaden. Was?”
Ingo stand am Fenster des Hotels in Eisenach, wo er abzusteigen
pflegte. Hier, in diesem nämlichen Zimmer, hatte er vor fünf Jahren
gewohnt, als er mit Elisabeth und ihrer Mutter einige Tage in der
Wartburgstadt weilte. Es waren noch Tage der Liebe gewesen, einer
vornehm verschwiegenen Liebe. Inzwischen hatte ihn unklare Sehnsucht
durch die Lande gerissen; inzwischen hatte er in rascher Folge England
und Italien, dann Riviera, Lourdes, Montserrat, Genfer See erlebt und
war nun auf dem Wege zur Selbstbesinnung.
Er hatte drei Briefe in der Tasche: von Elisabeth, von Frau Friederike,
von Schaller, der ihn kurz und launig zur Hochzeit einlud.
Am leidenschaftlichsten und tiefsten empfunden war der Brief seiner
Elisabeth. Sie ging mit kurzer und stolzer Wendung über Leroux hinweg;
sie erzählte ihren Besuch bei der Kranken in München, die jetzt wieder
am Fenster saß; sie bat ihn, nie an ihrer einzigen, ersten und letzten
Liebe zu zweifeln. Und sie, die spröde, bat um seine genaue Adresse;
sie werde sofort zu ihm reisen und Auge in Auge Schmerz und Mißtrauen
zerstreuen, denen er ohne ihre Schuld zum Opfer gefallen.
In ungewohnter ernster Kürze schrieb Frau Friederike:
„Es ist Zeit, lieber Ingo, daß wir alle unsren festen Platz wählen.
Ich habe ein Vorgefühl, wenn ich Richards Briefe richtig deute, als
ob unsrem ganzen Europa eine Titanic-Katastrophe bevorstehe. Da
fällt alles Schwärmerische und Unechte ab, und es bleibt bestehen
Wahrhaftigkeit und Liebe, jene Liebe, die zugleich Güte und Treue ist.
Laß uns zusammenhalten wie bisher, lieber Freund, aber Elisabeth soll
mit in unsrem Bunde sein. Messe Dir Dein Land ab, richte Dein Haus
ein, Deine Lehr- und Wanderjahre sind vorüber. Und bleib gut Deinem
Kameraden Friedel!”
Ingo schaute in die fahlen Horizonte, in die Heerscharen, die dort um
Deutschland gelagert schienen.
Dann wandte sich sein Blick zu dem üppig-starken Baum- und Graswuchs,
der von allen Seiten Hainstein und Wartburg in schimmernder Schönheit
umgrünt. Wie weich und voll die Wipfel, wie anschmiegsam die Wiesen,
und schlank darüber der Bergfried mit dem Kreuz!
Die Fenster des Pallas mit den edelgeschwungenen romanischen Bogen
standen offen. Die Burg war jetzt gefüllt mit Uniformen und hohen
Zivilisten. In jenem Mittelbau dort, vor dem Sängersaal, waren die
schön getäfelten, behaglich-vornehmen Gemächer des Kaisers und des
Großherzogs belebt. Unter den geladenen Gästen wandelte mit dem
weimarischen Burgherrn Seine Majestät der deutsche Kaiser.
Major von Trotzendorff, ganz Uniform und geschwellte Mannesbrust, holte
den Freund ab.
Eine halbe Stunde später bewegten sie sich selber im Farbenspiel des
festlichen Gewimmels.
* * * * *
Im zweiten Burghof, wo Waldgrün die Farbe der Landschaft bestimmt,
stand alles im Zeichen der Jagd. Fast jedermann trug Weidmannsuniform.
Der Verkehrston war bei aller Gehaltenheit ungezwungen, wenn auch
gedämpft durch die lästige Gewitterschwüle.
Baron von Stein-Waldeck kannte einige von diesen Hofleuten. Als
erster schüttelte ihm sein alter Freund, der schlanke und hagere
Oberburghauptmann mit dem meist etwas ironischen Weltmannsgesicht, die
Hand. Eine weimarische Exzellenz stand in der Nähe, an Gestalt und
Schnurrbärtchen dem verstorbenen Karl Alexander nicht unähnlich. Dann
sah man den deutschen Kaiser neben des Großherzogs gedrungener Gestalt
zwanglos im inneren Hofe plaudernd wandeln, auch sie beide in der
prächtig sitzenden Gewandung der Jagd.
Was mögen die beiden hohen Herren plaudern?
Ingo wurde aufmerksam.
Er schenkte den übrigen Gruppen nur wenig Beachtung, sondern
beobachtete unauffällig die beiden Fürsten, in deren Nähe sich der
schlanke Coburger mit einigen Jägern scherzend unterhielt.
Ingo hatte Freude an dem malerischen Bilde. Er war keine unsoldatische
Natur; ein Kaisermanöver, das er seinerzeit mitgemacht, hatte er mit
der leidenschaftlichen Teilnahme eines Strategen verfolgt, zäh und
stramm auf seinem Artillerie-Pferd allen Strapazen gewachsen. Der
Verfasser des „Heroismus” hatte Instinkt für Männlichkeit.
Die Fürsten schauten nach den nahenden Gewittern; sie mochten über
Jagd und Wetter gleichgültige Worte wechseln. Vielleicht aber quollen
auch tiefere Gedanken aus des Kaisers Seelengründen empor und
verlangten Aussprache und durch Aussprache Klärung und nach der Klärung
tatkräftige Überwindung? ...
Des Spielmanns Phantasie begann zu arbeiten. Er sah vor sich Pallas,
Dirnitz und Bergfried aufragen; er empfand heimatlich nahe die
Hügelungen der thüringischen Tannenberge. Landgraf Hermann der
Freigebige war wiedergeboren: er lustwandelte dort im Hof als deutscher
Kaiser. Ingo selber fühlte sich als Walther von der Vogelweide;
vaterländische Treue und dichterisches Empfinden klangen in ihm
zusammen; wie jener Walther zog auch er ohne Lehen durch die offene
Welt. Und seine Phantasie hörte den Kaiser sprechen ...
Der Kaiser -- so sann er -- knüpft in seiner Unterhaltung vielleicht
an sein bevorstehendes Regierungsjubiläum an. Er sieht sich
rückschauend auf den Bänken des Casseler Gymnasiums, wo er durch
gewissenhaften Fleiß Achtung und Liebe seiner Lehrer erringt; er
verlebt zwei unvergeßliche Jahre als Borusse; er empfängt als Soldat
in jeder Waffe eine gründliche Ausbildung; er tritt als Oberster des
Leibhusaren-Regiments der Üppigkeit im Offizierskorps entgegen; er
gibt als Familienvater an der Seite einer edelgestimmten Hausherrin
das beste Beispiel strenger Pflichterfüllung und harter, einfacher
Lebensweise; er sucht als Kaiser durch warmherzige soziale Fürsorge und
durch Betonung der sittlichen und religiösen Fundamente des Volkstums
gesunde Verhältnisse zu schaffen; die Marine empfängt durch ihn einen
ungemeinen Ansporn, denn er hat von der Mutter her „Seeblut” in den
Adern; ein spannkräftiges, schlagfertiges Heer soll seinem Volke vor
allem den Frieden erhalten, den Platz an der Sonne -- -- so schaute
Ingo, der Sohn aus königstreuem, altem Adelshause, auf das Leben des
Monarchen, der hier in seiner unmittelbaren Nähe stand.
Und sprach der Kaiser in seiner raschen, elastischen Weise vielleicht
Folgendes?
„Wir sind in besondrer Zeit. Die Völker sind durch die Schwingungen
eines ungeahnten Weltverkehrs wie nie zuvor miteinander in Fühlung und
Reibung gekommen. Da ist Gefahr für das Ererbte. Das Alte scheint in
diesem Andrang von heftigen Gegenwartseindrücken minderwertig -- die
Seele überhaupt. Nicht wahr: was ist denn etwa einem amerikanischen
Geldfürsten die ruhmreiche Geschichte dieser Wartburg? Sie ist Duft
und Höhendunst im Vergleich zu den soliden Massen und Maßstäben
seines lauten Neu-Amerika. In welchem Größenverhältnis mag ihm ein
Thüringer Landgraf erscheinen im Vergleich zu den Millionären des
Pelzhandels oder der Goldminen, der Kartelle, Reedereien, Lloyds? Ich
habe meine Vorliebe für Amerikas energischen Pulsschlag bekundet.
Ganz gewiß! ich liebe Tatkraft, aber ich bin bedenklich wider die
selbstbewußte Diesseitigkeit jener Zivilisation. Uns Deutschen fehlt
es wahrlich ebensowenig wie jenen an zugreifender Kraft; das hat
schon unsre Hansa samt Reichsstädten und das haben die Staufen- und
Sachsenkaiser glänzend bewiesen, und das beweisen wir heute abermals
auf allen Gebieten, vom Lloyd bis zum Zeppelin, Gott sei Dank! Aber
wir haben noch eine andere, eine feinere, eine tiefere Mission; wir
haben den bedeutenden Errungenschaften der Gegenwart die bedeutendste
hinzuzufügen: wir haben die neugestaltete Gegenwart zu _beseelen_. Das
ist es, was ich auf häufigen Reisen suche und noch nicht finde. Wir
müssen, wie wir unsre eisernen Kriegsschiffe mit gepanzerter Faust
hinaussenden, auch die weißen Tauben des Glaubens an das Göttliche im
Menschen über die verarmte Erde ausfliegen lassen. Manchem tüchtigen
Manne zu Weimar und auf der Wartburg hat Gott die Fahnenstange des
Idealismus in die Hand gedrückt. So soll's bleiben. Das Schwert werden
wir geschliffen behalten; die irdischen Verhältnisse zwingen uns dazu.
Beides miteinander zu verschwistern: weltweite Horizonte und Kraft
der inneren Beseelung, modernes Bewußtsein und historische Ehrfurcht,
Tatkraft und Gemüt, wissenschaftliche Unbefangenheit und religiöse
Tiefe -- sieh, darin erkenn' ich meine kaiserliche Aufgabe. Das scheint
mir die Aufgabe der Zeit.”
Der Großherzog fühlte vielleicht -- so phantasierte Ingo weiter
-- daß der Kaiser nur zu einem ungewöhnlichen Monolog, zu einer
Herzenserleichterung großen Stils diese Stunde gewünscht hatte.
Der junge Fürst beschränkte sich daher wohl auf leise und leichte
Bemerkungen über Dinge der nahen Außenwelt. Der Monarch ging darauf
ein, wie um auszuruhen und seine fernschweifenden Gedanken in die
Nähe zurückzurufen. Bald aber versandete dieses Zwischengespräch.
Und der Großherzog schaute stumm, die Hände auf dem Rücken,
über den wildreichen Wald hin, in welchem er so gern seiner
Lieblingsbeschäftigung oblag.
Der Kaiser mochte, kraft jenes Fluidums, das sich zwischen zwei
Sprechenden nach und nach auszubilden pflegt, den stillen Wunsch des
fürstlichen Weidmannes erraten.
Und in Ingos Phantasie fuhr er fort:
„Auch ich kenne kein frischeres Vergnügen, abgesehen von einer
Segelregatta, als in der Rominter Heide vom Jagdwagen ins taunasse
Heidekraut zu springen oder im ‚Hiligen Forst’ der Westmark einem
balzenden Auerhahn sprungweis auf den Leib zu rücken. Herzhafter Kampf!
Ich hab' in meinem Jägerdasein mehr als siebzigtausend Stück aller
Arten von Wild geschossen; und es mag manchem vorkommen, als wäre
das der Weidmannslust fast zu viel. Aber ich arbeite rasch und stark
und brauche rasche, starke Entspannung. Man müßte freilich ein Genie
sein, um alles vom Kern aus zu überschauen: ein Genie der Sammlung
... Da steckt vielleicht das Geheimnis dessen, was wir brauchen ...
Sammlung, Verinnerlichung ... Wir verlieren uns zu sehr ins Detail;
wir müssen in der auflösenden Zweifelsucht der Gegenwart erst wieder
den Zentralpunkt finden und von dort aus neue Ideale schaffen, ohne
Untreue gegen die alten. Schweres Werk! Und von uns Zeitgenossen
ungelöst. Wahrlich, eine Massenattacke mit Kavallerie zu reiten, ist
leichter. Und wie macht man mir mein Amt schwer! Wie untergräbt man
Ehrfurcht und Autorität! Wie nörgelt man an meinen gradaus und ehrlich
gegebenen Anregungen herum! ... Hier ist meine tiefste Sorge: nicht nur
Meine Autorität, nein, Autorität überhaupt gilt diesem aufgeregten,
unstet-nervösen Geschlecht als ein unmodernes Gefühl. Adel jeder Art
ist hart in Bedrängnis.”
Der Kaiser schritt lebhaft ein paar Schritte hin und her. Das ungeheure
Gewölk verdichtete sich in blauschwarze Ballen. Ein ferner Donner
rollte; ein Wind lief ihm voraus.
„Manchen treuen Willen erkenn' ich. Aber auch mein Bürgertum ist zu
wenig großzügig. Sie sperren sich in zopfige Parteiworte ein. Macht
weit und unbefangen eure Herzen und Köpfe! Einigt euch zu großem
Kulturbegriff, positiv gestimmte Männer und Frauen jeder Konfession und
Partei! Es gilt einen Kampf um Deutschlands innerstes, heiligstes Gemüt
... Ich bin mit Bewußtsein evangelischer Kaiser; aber ich habe für
warmherzig religiöse und gut deutsche Katholiken denselben Handschlag
bereit. Es muß in die dumpfe, zaghafte Religiosität überhaupt mehr
durchwärmender Lebensodem kommen.”
In voller Gemütsbewegung schritt der Kaiser auf den hallenden Steinen
hin und her und brach dann plötzlich ab. Er nahm des Großherzogs Hand.
„Du weißt, ich stehe gern auf unsren schwimmenden Burgen, den
Kriegsschiffen, und halte Schiffsgottesdienst. Nun wohl, betrachte
diese programmatische Aussprache als einen Gottesdienst auf deiner
Landburg, deren Kapitän und Kommandant du bist. Nimm meine Worte als
den Grundriß eines Regierungsprogramms. Gott helfe uns! Deutschland hat
Feinde innen und außen.” ...
So malte sich Ingo des Kaisers Unterhaltung aus. Er empfand Zuneigung
zu diesem Herrscher, dem das parlamentarische Gezänk entschieden
Unrecht tat, den es nicht schlichtmenschlich genug beurteilte, dessen
Übereilungsfehler eng verwachsen waren mit seinem hilfsbereiten
Naturell, mit seinen lebendigen Tugenden und Kräften ...
„Wenn ich selber mit ihm spreche” -- -- --
* * * * *
Jetzt wurde der phantasierende Spielmann, der zwischen belanglosem
Geplauder gestanden hatte, unterbrochen. Mächtige Stöße des
Gewitterwindes scheuchten die gesamten Gruppen der Hofgesellschaft in
das Innere des Gebäudes ...
Sie schritten jene Steintreppe hinan, über die einst der Sänger
Heinrich von Ofterdingen, unterlegen im Sängerkrieg, knirschend
davongegangen war ... Dampfte nicht noch der Hof von der derben
Zecherlust des niedren Volkes, während drin im Wortekampf adlige Harfe
wider Harfe klang, ein Turnier des Geistes? Ja, damals Spielmann zu
sein! Da war alles Worteprägen noch von urwüchsiger, gebräunter Kraft,
denn die Sänger waren Freiluftmenschen, Höhenwanderer von Burg zu Burg,
umpfiffen vom Waldwind! ... Wie hatte sich Ingo, der thüringische
Freiherr, in jenes Staufenzeitalter eingelebt, in den Minnesang,
in die Gralsage, in die Geschichte der Troubadours! Er selber war
einst auf dem Rennstieg mit seinem Knecht geritten, hatte gestern
vor schönen Frauen auf der Burg gesungen, ehegestern unter einer
Dorflinde bei dörperlichem Tanz zur Laute gespielt, hingerissen vom
wilden Hoppaldei und Troialdei -- und war dann wieder im einsamen Wald
unter Tannenzapfen und Eichhörnchen weitergezogen, um in irgendeiner
rauchigen Gebirgsschenke zu übernachten ...
Das ging dem Spielmann großzügig durch Herz und Kopf. Und jetzt trat
der Generalintendant der Königlichen Schauspiele heran. Trotzendorffs
große Stunde war gekommen: noch nicht der Monarch selber, aber dieser
hohe Beamte und Hofmann wünschte durch den Major nunmehr den Baron und
Schriftsteller Ingo von Stein-Waldeck kennen zu lernen.
Auch diese Vorstellung vollzog sich in bequemen und unbefangenen
Gesellschaftsformen, gleichsam nebenbei und zufällig. Doch hatte Ingo
die fatale Empfindung, daß er auf seine etwaige Verwendbarkeit hin
ausgehorcht werden sollte; und das goß dem freien Wandersmann ein paar
Tropfen Ironie in seine Antworten.
„Sie haben ja wohl einmal ein Drama geschrieben, mein lieber Herr
Baron? Nun, das ist ja in jungen Jahren eine -- wie soll man sich da
ausdrücken -- nicht ganz ungewöhnliche geistige Übung des gebildeten
Deutschen. Nicht wahr? Übrigens, man sprach bei Hofe von Ihrem Buch
über Friedrich den Großen. Sagen Sie mir einmal, wie ist denn das nun
eigentlich? Über Ihre dramatische Tätigkeit müßte mir doch seinerzeit
berichtet worden sein, wenn Sie das Stück bei uns eingereicht haben?”
Der Generalintendant war eine stattliche und angenehme Erscheinung von
liebenswürdigen Umgangsformen. Er war den Hofton gewöhnt und zugleich
die Gebärde des Theaters; aus seiner Stimme klang edle Leutseligkeit;
was er anfaßte, wurde in seinen Händen wichtig und würdig, auch wenn es
für die deutsche oder europäische Kunst von keinerlei Bedeutung war,
sondern nur den Wert einer höfischen Unterhaltung hatte.
„Jawohl, Exzellenz, ich hatte einmal die Schwäche, ein Drama
einzureichen, aber nicht unter meinem Namen.”
„Nicht unter Ihrem Namen? Aber ich bitte Sie, mein lieber Baron, wozu
denn dieses gänzlich überflüssige Versteckspiel?”
„Ich wollte mein Werk durch sich selber wirken lassen.”
„Und Sie haben es uns vorgelegt? Aber ich entsinne mich doch nicht, daß
Ihr Name -- --”
„Der Deckname war Franz Sturmegg.”
„Ja so, richtig! Also Sturmegg! Hm! Sturmegg?”