Sie erzählte, daß sie keiner Menschenseele von dieser Fahrt nach

Eisenach gesagt habe, sondern nach Weimar gefahren sei, um Tante

Adelheid zu besuchen. Von dort kam sie her. Sie sprach von allem,

was bisher die Liebenden getrennt, sie sprach abgerissen, in Worte

zusammendrängend, ohne Satzbildung. Aber sie verstanden sich doch. Es

durchflutete die beiden Menschen, die sich so lange gesucht hatten, ein

Empfinden, das ihnen bisher unbekannt war: der Jubel der Erfüllung.

Und er gedachte jenes Ringes, den er in Genf gekauft. Er tastete

danach, immer noch in ihre herrliche Haarflut gehüllt, und steckte

ihn an ihren Finger und zog ihren Schmuckring ab und steckte ihn sich

selber an.

„Meine Braut! Mein Weib!”

„Bin ich das? Bin ich dein Weib?”

„Meine Frau halt' ich im Arm! Und was bin ich?”

„Mein süßer Liebster, mein Bräutigam, mein lieber, lieber Mann!”

Ihre Stimme war Herz und Seele; wie ein Kind lag sie an seinem Halse.

Die Qual und Spannung von Jahren löste sich in diesen heilig-seligen

Augenblicken mit erschütternder Gewalt.

Draußen, weit wo im Westen, flammte ein spätes Abendrot: unter

schwarzen Wolkenmassen ein roter Feuerstreifen, als winkte dort,

jenseits der Wasser, ein leuchtendes Land.

Zwei Menschen trieben auf einer Planke dem Lande der Liebe zu.

* * * * *

Meine gute Friedel!

Ich habe mich soeben hier in Eisenach mit Elisabeth verlobt. Du

sollst die erste sein, die es erfährt, Du, der ich so Unvergängliches

verdanke. Ich bin glücklich, Friedel. Mein Herz ist bis obenan voll

Dank. Nebenbei war ich gestern auf der Wartburg und hatte die Ehre,

Seiner Majestät vorgestellt zu werden. Aber nicht dahin geht mein Weg,

sondern in die arbeitsame Stille -- mit Elisabeth. Bleibt gut, Du und

Richard,

Eurem alten Ingo.

_Nachschrift._ Liebe gnädige Frau! Ingo bittet mich, einen Gruß

darunter zu schreiben. Gern tue ich das. Ich bin Ihnen von Herzen gut

und bitte auch Sie um Ihre Freundschaft. Wie glückselig ich bin, das

vermag kein Mund auszusprechen.

Ihre Elisabeth.

[Illustration]

[Illustration]

Zwölftes Kapitel

Der Gutsherr

Sehnsucht ins Ferne, Künft'ge zu beschwichtigen,

Beschäftige dich heut' und hier im Tüchtigen!

_Goethe_

Zeitenwende bereitet sich vor.

Einzelne Wandrer haben sich abgesondert vom Zeitgeist. Sie suchen

untereinander Fühlung. Sie bilden eine heimliche Gemeinde der Ernsten

und Stillen. Ihr heiliger Hain ist umschirmt von schwarzen Zypressen.

Im Innern aber tragen Fruchtbäume rote und goldne Gaben.

Diese Abgesonderten formen langsam das neue Lebens- und Bildungsideal.

Der Spielmann und Gralsucher Ingo von Stein hatte sich nach jenem

Wartburgtage dieser unsichtbaren Gemeinde angeschlossen. Sie ist nicht

geformt, diese Gemeinde; sie hat weder Satzung noch Rang und Titel.

Doch erkennen sich die Begegnenden daran, daß sie, ohne Hast und

Unrast, mit einem stillen und starken Herzen Welt und Ewigkeit erleben

und verarbeiten. Das kostbare Gut der Ruhe ist ihnen eigen: die Ruhe

der gesammelten Kraft. Und ihre Lebensformen sind edel und einfach.

In ihren Tiefen ist Gebet. Sie glauben nicht mehr an den Verstand,

sondern an etwas Umfassenderes: an die Gottheit. Nicht sind sie

beherrscht vom Willen zur Macht, sondern von einer größeren Kraft:

vom Willen zur Liebe. Mit schöpferischer Liebeswärme erobern sie von

innen her. Und ihre Gangart ist still und stetig. Denn sie wissen, was

sie wollen: Selbstbesinnung. Aus der Selbstbesinnung aber auf edelste

Kräfte erwächst die neugestaltende Tat. Auch fehlt ihnen nicht das

Arbeitsfeld: denn sie fangen ihr Gestaltungswerk mit sich selber an.

Aus diesen Saatschulen werden die Führer der Zukunft genommen.

Draußen aber vollziehen sich unterdessen die harten Ereignisse, die dem

bisherigen Lebenston ein Ende bereiten.

„So stand einst Oberlin als Zeder mitten in der Revolution”, sagte

sich Ingo von Stein, als er sich zu jenem Anschluß an die Gemeinde der

Stillen entschloß. „So will auch ich auf meinem Felsen stehen.”

* * * * *

Jäh war das Glück der Erfüllung über Ingo gekommen. Aus der verhaltenen

Kraft seiner Elisabeth war eine Liebe aufgeblüht, wie er sie nie für

möglich gehalten hätte.

Fast unmittelbar hinter jenem Tag von Eisenach starb sein Bruder, der

Jäger und Sportsmann, als hätte das Schicksal nur auf diesen Augenblick

gewartet.

Ingo war nun Herr über ausgedehnten Landbesitz und umfangreiche

Forste. Aber sein Herz hatte nie an äußeren Gütern gehangen; seelische

Erfüllung war ihm von Kind an als das Wesentliche erschienen, schon

als der Knabe Lieblingsgegenstände hergab, nur um dafür Freundschaft

einzutauschen und Freude zu machen. Doch war es ihm ein sinnreiches

Symbol, daß er nun auch äußerlich den Lehr- und Wanderjahren entnommen

und auf den festen Boden der jetzt anhebenden Mannes- und Meisterjahre

gesetzt war. Noch blieb seine eigentliche Kraft und Lebensbestimmung

verdeckt und wartend; seine Stunde war noch nicht gekommen; er fühlte

sich als Vorbereiter einer neuen Lebensstimmung für ein neues und

wieder mehr innerliches Geschlecht.

Und in diesem wichtigen Punkte verstand er sich ausgezeichnet mit dem

Vertreter der älteren Generation, der bei Ingo im Hause lebte: mit

seinem alten Vater. Dieser Edelmann war von wunderbarer Geistesfrische,

wenn er auch durch seine Gicht an den Stock und durch leidige

Gewohnheit an die lange Pfeife gekettet war und in seinem Lederstuhl,

von den beiden Doggen umlagert, einem Invaliden ähnlich sah. Er

trug die Bartform des alten Kaisers, unter dem er die siebziger

Schlachten mitgefochten hatte und mit dessen vornehm zurückhaltender

edelmännischer Art er auch innerlich verwandt war. Unter Ingos

anregendem Geisteshauch lebte der Alte wieder auf; denn er hatte

immer eine stille Vorliebe für diesen jüngeren Sohn gehegt, dessen

unzeitgemäße Sehnsucht er recht wohl nachfühlen konnte.

Elisabeth, in dem schwarzen Kleid der Trauer noch anziehender, hatte

ihre Mutter verloren und war in aller Stille Ingos Gattin geworden.

Über ihrem Wesen lag jener Schimmer von Wärme, den man mit dem Worte

Innigkeit bezeichnen könnte, einem Worte, das mit Innerlichkeit

verwandt ist. Kind, Jungfrau und reifes Weib schienen alle drei

in dieser stillen und feinen Gestalt erhalten zu sein, einander

ergänzend, nicht störend. Ihre stattliche äußere Erscheinung war von

gebietender Hoheit, die aber von der etwas gedämpften und guten Stimme

und von einem einfachen, kindlichen, ja fast schüchternen Lächeln

des Wohlwollens wieder ausgeglichen wurde. Es war in ihr etwas wie

seelische Leuchtkraft. Es gibt Menschen der Erfüllung, wie es Menschen

der unruhigen Sehnsucht gibt; Elisabeth war ein Mensch der Erfüllung.

Alles Unstete wird in solchen Naturen selige Gegenwart. Sie sind nicht

mehr Hitze, sondern Wärme, nicht mehr Kometen, sondern Planeten oder

gar Sonne. Dem Unerfüllten ist die Welt romantisch: aber die Erfüller

machen die Welt traulich und heilig. In ihnen ist etwas, was der

Romantiker leicht unterschätzt: die große Geduld. Sie haben es nicht

mehr nötig, Tempelsucher zu sein: sie sind bereits Tempelbauer und

Tempelhüter.

Diese drei, mehr oder minder auf Innerlichkeit und Gehaltenheit

abgestimmten Menschen bildeten nun im Thüringer Herrenhause, im Herzen

Deutschlands, den Grundstock der neuen Familie. Und es war eigenartig,

daß gerade die einfachsten Menschen des Gutes, von der Waschfrau bis

zum Feldarbeiter und Waldgänger, dem anscheinend durch Klüfte hoher

Bildung von ihnen getrennten neuen Gutsherrn und seiner wahrhaft

herzensadligen Gattin Zutrauen entgegenbrachten. Denn sie spürten in

diesem jungen Ehepaar reines Menschentum. Auf den Höhen wahrer Bildung

wird der Mensch wieder einfach.

Dabei legte Ingo großen Wert auf eine auserwählte und geschmackvolle

Bibliothek. Mit ebensolcher Sorgfalt wählte er seinen Wandschmuck,

wobei besonders sein Liebling Feuerbach neben alten Meistern in

guten Kopien vertreten war. Flügel und Meisterharmonium zierten den

großen Saal, der noch mit Jagdtrophäen und Waffen gefüllt war von der

andren, der sportsmäßig unruhigen Generation, für die das Tuten eines

Automobils wohllautender war als eine Sonate von Beethoven.

In diesem Saale war an einem Winterabend, der etwas Neuschnee über die

Fichten gestreut hatte, das Ehepaar Trotzendorff zum ersten Male bei

den Jungvermählten zu Gast. Und seltsamerweise hatte sich noch ein

Bekannter eingefunden, den einst Ingo in Cette und Lourdes so gut wie

gar nicht beachtet hatte: der ernste, etwas trockene Fabrikant Muthner.

Der Diener reichte Tee herum; der Vater hielt sich rauchend im

Hintergrunde. Auch Muthner, der ohne seine ägyptischen Zigaretten

unglücklich war, bat um die Erlaubnis, rauchen zu dürfen, was die Damen

gern gewährten. Und dennoch blieb, bei aller äußeren Gemütlichkeit und

bei aller Gedämpftheit auf diesen vielen Fellen und bequemen Polstern

des Salons, eine feine Trauer die eigentliche Stimmung.

„Es ist noch kein ganzes Jahr verflossen seit der Riviera”, stellte der

Gutsherr fest. „Und was hat uns dieses eine Jahr gebracht! Als hätten

sich zehn Jahre in diese kurze Zeitspanne eingepreßt! Erinnert ihr euch

jenes Gespräches über die Titanic, Friedel und Richard? Und wer spricht

heut' noch von der Titanic! Alle Welt ist voll vom Balkankrieg.”

„Die Geschäftslage ist drückend ernst”, warf der Fabrikant ein.

„Auch in die Feier der Befreiungskriege will kein rechter Schwung

kommen”, bedauerte Trotzendorff.

Der Major z. D. hatte sich den nach seiner Meinung schmachvoll

mißglückten Wartburgtag so zu Herzen genommen, daß ein Unmut in ihm

zurückgeblieben war. Und bei nächster Gelegenheit hatte er sich aus dem

Hofdienst zurückgezogen und sich als Offizier zur Disposition stellen

lassen. Vereinstätigkeit und statistische Arbeiten machten ihm nun

Freude. „Innere Arbeit am deutschen Volke” nannte er das mit seinem

etwas doktrinär betonten vaterländischen Bewußtsein. Friedel saß wieder

mit ihrem ganzen blühenden Künstler-Naturell neben dem anders gearteten

Gatten, so prächtig erholt, daß sie sogar ein wenig zur Fülle neigte,

was ihr keinen geringen Kummer verursachte.

„Es geht mir mit diesen Feiern sonderbar”, bemerkte Ingo. „Ich bin doch

sonst ziemlich leicht in der Handhabung von Feder und Laute. Aber wenn

ich mit meinem Verwalter fertig bin und mich dann wieder zu diesem Stoß

von illustrierten Büchern über 1813 wende -- ich weiß nicht, wie es

kommt: ich vermag nicht recht mitzujubeln.”

Der alte Vater nickte.

„Wir von 1870 wußten noch, um was wir kämpften. Wir hatten ein Ideal.

Heute hat alle Welt Kriegsfurcht.”

„Vielmehr Furcht vor wirtschaftlichen Schädigungen”, verbesserte der

Fabrikant. „Damals hatte man etwas zu gewinnen, heute fürchtet man nur

zu verlieren.”

„Nämlich Geld und Gut!” rief der alte Baron aus seinem Sessel zurück.

„Und das ist ja wohl schließlich des modernen Menschen höchstes Ideal.

Ach, meine Herren, was weiß man heute noch von unsrer Stimmung von

1870? Ich hab' es oft erzählt, wie am Abend einer jener mörderischen

Schlachten vor Metz unser alter Kaiser an unser zusammengeschossenes

Regiment herangeritten kam. Wahrhaftig, es sah bei uns allerdings

kläglich aus, wir waren kaum noch ein Trüppchen. ‚Kinder, ihr habt ja

wohl heute schwer gelitten’, sagte der Kaiser mit seiner etwas hohen

Stimme, ich hör' ihn heute noch. ‚Ist das alles, was von euch geblieben

ist?’ Ich stand vor ihm -- was sollte ich melden? ‚Es werden sich ja

wohl noch etliche zusammenfinden, Majestät.’ Da warf er einen Blick

über uns hin -- den vergess' ich nie -- und die hellen Tränen liefen

ihm über die Wangen. Er sagte dann gar nichts weiter, winkte nur mit

der Hand -- so -- zu uns herüber -- Unaussprechliches lag in dieser

Handbewegung, etwa als wollt' er gute Kameraden grüßen: Haltet aus,

liebe Kameraden, seid bedankt, treue Kameraden, es gilt eine hohe

Sache! Oh, da war keiner von uns, der nicht gern sein Leben gelassen

hätte.”

Der Alte schwieg bewegt.

„Ja, Sie hatten noch Ideale, Herr Baron!” rief Trotzendorff. „Das

Deutsche Reich! Und so war's vor hundert Jahren, als sich Deutschland

vom Druck befreite. Aber heute?”

„Ein Krieg von heute würde die europäische Luft reinigen”, führte

Ingo die angeschlagenen Gedanken fort. „Und dann wäre Raum und

Empfänglichkeit für eine neue Lebensstimmung.”

„Was verstehen Sie eigentlich unter neuer Lebensstimmung?” fragte der

Fabrikant.

„Nun, was hab' ich Ihnen neulich geraten, als ich Ihre Fabrik

besichtigte, Herr Nachbar? Erfinden Sie ein Entgiftungsmittel und

lassen Sie sich ein Patent darauf geben. Ein chemisches Mittel, das

unsrer gespannten und mißtrauischen sozialen, politischen und geistigen

Luft reinen Sauerstoff zuführt. In Oberitalien traf ich einmal

eine feine kleine Dame, ebenso praktisch wie anmutig, die mir die

Einrichtungen ihres Arbeiterdorfes zeigte: Milchanstalt, alkoholfreie

Wirtschaft, Bade- und Krankenhaus -- unpoetische Dinge, die ich aber

seither achten gelernt habe. Was ist die Triebfeder bei dieser guten

und klugen Witwe? Menschenliebe. Sie ist selber durch Leid gegangen.

Und nur so erobert man Herzen, nicht mit Polizei, Paragraphen und

Kanonen.”

Dieser Grundanschauung versagten selbst die härteren Elemente der

Gesellschaft, Major und Fabrikant, nicht ihren Beifall, wollten aber

für Rekruten, Spitzbuben und Feinde unbedingt Polizei und Kanonen

geachtet wissen.

„Nicht alles kann mit Menschenliebe erreicht werden”, sagte der

Fabrikant. „Das erfahren wir Arbeitgeber bitter genug. Schlagen wir

Arbeitsteilung vor! Mag Liebe und Strenge nebeneinandergehen!”

„Der Troubadour hat sich also der sozialen Frage verschrieben?” neckte

Friedel. „Und auch die Gedenkfeiern locken dir kein Lied ab? Der

unheimliche Rückzug aus Rußland? Die Freiheitsschlachten?”

„Doch, Friedel”, erwiderte Ingo. „Ich habe in der Tat einige Blätter

geschrieben. Habt ihr Geduld? So les' ich sie euch vor. Sie sind

zugleich Lebensprogramm für mich und mein Weib. Nicht wahr, Elisabeth?”

Er lief in sein Schreibzimmer, kam mit drei Blättern zurück und las ...

~I.~

„Rückzug aus dem eisigen Rußland! ... Eines Titanen hochgespannte

Willensleistung ist von den Göttern zerbrochen worden! ... Durch die

weiße Wüste, deren Horizonte sich im Schneelicht verlieren, schlürfen

die zerlumpten Reihen der Franzosen, umstäubt von Schneewind und

Kosaken -- aufgelöste, dumpf marschierende, stumm dahinknirschende

Grenadiere ... Welch ein Geräusch! Das Zornweinen einer Armee!

Und zwischen den vereisten Bärenmützen, zu Fuß, um sich wieder zu

erwärmen, der Kaiser selber. An toten Soldaten und an Pferdeleichen

vorüber. Hinter ihm, gleichfalls abgesessen, der Schwarm der

Generalität. Und stumpf über den Schnee schlürfend, schlürfend,

schlürfend die Reste der Regimenter ...

~II.~

Wo sind sie heute, die Enkel jener Massen von Hunderttausenden, die der

geniale Korse über die Schlachtfelder Europas gejagt hat?

Wiederum bilden sie Massen: sie fronen in den Fabriken.

Wieder um sie her Glut und Rauch, wie einst in den Schlachten um die

Großväter. Gespenstische Gestalten stehen mit langen Stangen, wie

Kanoniere, und stoßen in rotfließende Glutmasse.

Aus den Schloten züngelt die Überkraft des Hochofenfeuers. Es

überflammt an diesem grauen Winterabend selbst die elektrischen

Lichtkugeln.

Und aus diesen steilen schwarzen Kaminen wälzt und rollt und ringelt

sich, schwer und dick, ankämpfend gegen pressenden Winternebel, der

schwarze Rauch und dunkelt dämonisch den Himmel ein.

Sind es die Geschütze von ehedem? Sind sie steil emporgerichtet und

beschießen den alten Himmel? Sind die Titanen wieder im Kampf gegen die

Götter?

Ein unsichtbarer Herr lenkt den Willen dieser Hunderttausende, benützt

ihre Muskeln, zwingt ihre Kraft nach einem bestimmten Ziel. Denn sie

sind Elementarkraft, nicht Geist.

Doch sie dienen. Sie dienen, wie sie einst dem Willen und dem Genie

Napoleons gedient haben. Und das Feuer, das in Hallen und Höfen

blendend flammt, legt einen verklärenden Goldrand um diese rußigen

Männer der Arbeit.

~III.~

Jedem aber ist ein Feierabend beschieden.

Dann ist ein Tor offen, um sich zurückzuziehen aus der Fron und aus

der Gattung, seinen Geist wieder heimzurufen aus dem Dienst an der

irdischen Lebenspflicht -- und dann allein zu sein, sich wieder als

einen selbständigen Geist zu wissen, sich wieder als eine einzelne

persönliche Seele zu empfinden.

Nun treten in die Gesellschaft dieses aufatmenden Feierabend-Menschen

die großen, guten und schönen Gedanken und Gebilde aus dem Reiche des

Geistes.

Hier sind keine rauchenden Schlote; hier wirkt keine Erdenschwere.

Dahinten sind Spannung, Kampf, Haß und Verdruß; sie sind abgelegt wie

ein Panzer. Der Befreite geht im Festgewand seiner Phantasien und

Gedanken.

Hier ist die Liebe Königin; ihre Prinzessinnen heißen Schönheit und

Weisheit. Die Edlen, die sich im Seelenland begegnen, sind freie

Freunde.

Jetzt beginnt das Amt des Spielmanns und des Gralsuchers.

Er spricht zu Menschen, die wieder ihre unsterbliche Würde empfinden.

Und nun fühlst du plötzlich, daß auch Gedankensenden eine Tat ist. In

deinem Zimmer wandelnd, an deinem Ofen träumend, bist du mit Geist und

Herz nicht an die Enge gebunden. Dein Drang, Schönheit und Güte zu

suchen oder zu entzünden, läuft wie ein Strahlenwerk hinaus durch die

sternklare Nacht.

Und wenn alsdann an dein eigenes Herz Gutes pocht, du bedrückter Mann

der Arbeit; wenn ein Harfenton der Liebe deine eigene Seele berührt, du

müde Freundin -- so wisse, daß auch andre Herzen liebevolle Gedanken

aussenden an alle sorgende, kämpfende, leidende Menschheit.

Und du bist nie allein! ...”

* * * * *

So las Ingo.

Die Gesellschaft gab einen behaglichen Beifall zu erkennen. Aber die

unruhig mit den Fingern trommelnde Friedel hatte einen Einwand bereit:

„Lieber Spielmann, jetzt noch ein Schrittchen weiter -- und du steckst

mit beiden Füßen im sozialen Moralpredigen!”

Man lachte.

„Jawohl!” beharrte sie. „Und das ist heute die größte Gefahr des

Künstlers -- und alle tappen hinein, alle!”

„Das will ich nicht hoffen, Friedel!” rief Ingo. „Ich hab' auch noch

ein paar andre Stimmungen und Geheimkammern. Und überhaupt: das müßte

denn doch ein geistverlassener Tropf sein, der das reizvoll-bunte

Lebensspiel bloß moralisch deuten wollte. Moralisch kann auch der

Philister sein. Die Türpfosten zu meinem Studierzimmer heißen Phantasie

und Güte. Und auf dem Querbalken steht der Spruch: Leben entzündet sich

nur am Lebendigen!”

Es hatte dies einen leichten Beigeschmack von Zurechtweisung. Elisabeth

empfand es, beugte sich zu Frau Friederike hinüber und sagte: „Liebe

Friedel, es sind rings um Schloß Waldeck viele Singvögel: da wird er

gewiß das Singen nicht verlernen.”

Elisabeth pflegte mit solchem Eingreifen in das Gespräch so sparsam

zu sein, daß diese ausgleichende Bemerkung in ihrer freundlichen

Sicherheit um so wirksamer war. Es wurde gelacht. Aber man hatte dabei

die eigenartige Empfindung: diese Beiden da wissen, was sie wollen!

Als sich der Fabrikant verabschiedet hatte, blätterte die Sängerin

anspielenderweise im Klindworthschen Klavierauszug der „Meistersinger”

und lobte den prachtvollen roten Ledereinband, den Elisabeth um einige

Lieblingswerke ihres Gatten zum Geburtstag hatte besorgen lassen. Sie

schlug auf und stieß auf den Namen Hans Sachs.

„Wie duftet doch der Flieder

So mild, so stark und voll!”

Laut las sie die Worte, drehte den Kopf nach Ingo und schaute ihn

fragend an, indem sie den Flügel öffnete und die Partitur aufstellte.

Es war seit vielen Wochen in dem Trauerhause fast gar nicht gespielt

worden. Jetzt setzte sich Ingo vor die Tasten und sang gedämpft, zum

Inhalt und der Stimmung des Hauses passend, jenen Monolog des Meisters

Sachs. Und bald stand die genesene Freundin hinter ihm und sang die

Rolle der Eva. Ein Zwiegesang entfaltete sich; sie hatten seit Lourdes

nicht mehr miteinander musiziert. Jetzt aber hatte Ingo die Führung,

wandte sich dazwischen um und rief mit Feuer:

„Was für ein reifer Mann und Poet, nicht wahr, dieser Sachs! Dieses

innige Motiv, der Nachhall aus Stolzings Lenzlied, so biegsam, daß es

von Verträumtheit in Jubel übergehen kann: Lenzes Gebot, die süße Not,

die legt' es ihm in die Brust! Das ist wie ein Bach unter Winterschnee:

verhaltene, gesammelte Kraft, die noch in sich hat die Melodien vom

verflossenen Sommer und schon in sich die künftigen Frühlingslieder.

Gesammelte Kraft! Ja, so ist das Gemüt der besten Deutschen! Hans Sachs

in dieser Geklärtheit und männlichen Güte, ein Greis und doch jung und

mit Jungen fühlend -- das ist ein Spielmann! Das ist ein Edelmann!”

Und als Eva bekannt hatte, daß sie nur ihn zum Gemahl genommen hätte,

wär' nicht der andre gekommen, nach jenem ganzen Dank der Eva -- „O

Sachs, mein Freund, du teurer Mann, wie ich dir Edlem lohnen kann?” --

sang Elisabeths Gatte bedeutsam weiter:

„Von Tristan und Isolde

Kenn' ich ein traurig Stück,

Hans Sachs war klug und wollte

Nichts von Herrn Markes Glück” ...

Hier brach der Sänger ab und ging in ernstes Phantasieren über,

beginnend mit den Anfangsakkorden von Tristan und Isolde, die

ja hier im Orchester der Meistersinger ertönen, überleitend zum

Karfreitagszauber, dann Erinnerungen von Lourdes und vom Gralsberg

verwebend mit eigenen fremdartigen Phantasien, die zu einem

Lieblingswerk von Elisabeth hinüberführten, der Nänie von Brahms: „Auch

das Schöne muß sterben, das Menschen und Götter bezwinget.”

Hier sprang er auf.

„Doch nicht diese wehmutvollen Chöre sind der rechte Abschluß! Jetzt

setzt meine Orgel ein.”

Und mit feierlichen und großen Choralphantasien am Meisterharmonium

machte er den Beschluß.

Trotzendorff lag im Polsterstuhl, nickte behaglich und war einem

gemächlichen Halbschlummer nahe. Der Abend mit seinem milden

Schneelicht fing sachte an, in lange Dämmerung überzugehen. Frau

Elisabeth saß in ihrer üblichen graden Haltung und verwandte kein Auge

von den Künstlern am Klavier, besonders von Frau Friedel. Und als

nun Ingo aufstand, erhob sich rasch auch seine Gattin, deren Geist

insgeheim gearbeitet hatte; sie kam heran, legte einen Arm um die

Freundin und den andren um Ingo und küßte beide mit einer wortlosen

Zartheit, denn sie hatte die Sprache der Musik verstanden.

„Wenn ich doch nur die Hälfte deines Talentes hätte!” seufzte sie dann,

den Kopf an Frau Friederikens Wange legend.

„Gutes Kind, wieviel hast du im Herzen!” erwiderte die Künstlerin.

„Darf ich manchmal zu dir kommen und Wärme holen, Elisabeth? Es gibt

Menschen, nach denen man Heimweh bekommt, wenn man mit ihnen zusammen

war -- du gehörst zu diesen seltenen Menschen.”

Ingo brachte das Ehepaar persönlich im Wagen an den kleinen Bahnhof.

„Ernste Zeiten, Ingo! Wartezeit! Aber ich denke, wir stehen unsren

Mann!” war Richards letztes Wort.

„Auf Wiedersehen, Friedel!”

„Ingo, ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich für dich bin! Was ist

das für ein begnadetes Menschenkind! Sie wirkt durch ihr bloßes Dasein.

Wir andern -- müssen reden und singen, um uns wichtig und beliebt zu

machen.”

„Nicht wahr?!”

Sie sagten nicht einmal, wen sie meinten, denn das war ja

selbstverständlich.

Als aber Ingo wieder sein Haus betrat, in dem Gefühl, daß doch nun erst

seine eigentliche Welt beginne, die heilige Stille, hatte er einen

rührenden Anblick. Er hörte Klavier spielen und vernahm dazu Elisabeths

feine und gute, doch keineswegs tonstarke Stimme. Leise trat er ein.

Die schlanke dunkle Gestalt mit der schweren Haarkrone saß und bemühte

sich, Evas Partie zu lernen, indem sie die Singstimme zunächst mit

den Fingern nachtupfte und mitsang. Aber sie war, obwohl sie leichte

Sonaten einwandfrei spielte, größeren Schwierigkeiten doch nicht

gewachsen.

„Elisabeth!” rief Ingo erstaunt, die Türklinke in der Hand.

Sie erschrak und flog empor.

„Meine gute Elisabeth, komm einmal her zu deinem Mann! Sag' einmal,

meine süße Santa, was sind denn das für neue Bestrebungen?”

Sie fiel ihm halb lachend, halb verschämt um den Hals.

Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart · 第 16 / 17 段