„Sie hat mit Anspannung aller Kraft dieses Versöhnungswerk zustande

gebracht,” dachte er, „hat Kranke gepflegt und für die Mutter gesorgt.

Da lief ihr ein hübscher junger Mann über den Weg -- und die Natur des

Weibes brach wieder heraus.”

Er beschwor diese Bilder nicht weiter, sondern schüttelte den Kopf und

erhob sich, um Abschied zu nehmen.

„Liebe Tante,” sprach er, „Sie fragten vorhin, was ich denn eigentlich

mit Elisabeth gehabt habe. Uns hat immer nur das eine getrennt: ihre

passive Natur. Um diese Menschen hier kämpft sie und lindert Not und

Gefahr; ich habe jedoch nie bemerkt, weder früher noch jetzt, daß sie

auch nur einen Finger gerührt hätte, um für den Geliebten oder den

Freund zu kämpfen. Vielleicht ist das nicht Weibes Art, werden Sie mir

antworten? Nun, mag sein! Aber ich bin des männlichen Titanenkampfes

satt. Ihr alle fühlt nicht, wie ich gerungen habe. Meine Studien sind

mein Herzblut. Sei's denn! Mögen mich die Götter im Schlaf nach Ithaka

bringen! Ich bin am Ende meiner Glücksjagd.”

So brachen sie dieses Gespräch ab.

„Steckt vielleicht ein bißchen Egoismus in Ihrer Glücksjagd?” sprach

die Greisin beim Abschied. „Verstehen Sie mich übrigens nicht falsch,

wenn ich einer Natur wie Ihnen den Ausgleich durch die Ehe anrate.

Ich warne sonst vor diesem Institut. Ich selbst bin als Unvermählte

so glücklich gewesen, daß ich mein Leben gleich noch einmal von vorn

anfangen möchte. Geschlechtsduselei neigt ja dazu, das unvermählte

Fräulein geringer zu achten. Du lieber Himmel, wieviel versimpelte

Ehefrauen sind mir über den Weg gelaufen! Da imponiert mir denn doch

ganz anders die stolz und still durchgeführte Selbständigkeit einer

Einsamen. Anfangs ist es nicht immer leicht; lächelt man freundlich, so

vermutet Bosheit, man lächle, um zu gefallen und einen Mann zu fangen;

später, so nach und nach, glaubt man uns, daß man aus selbstloser

Herzensfreundlichkeit lächeln kann, und dann beginnt man, uns ohne alle

Nebengedanken liebzugewinnen. Aber dieser Weg ist nicht für jeden.

Einer Elisabeth möcht' ich einen Gatten -- und einem Ingo eine Gattin

wünschen. Adieu, mein Lieber!”

Ingrimmig füllte Ingo die nächsten Stunden mit Besuchemachen aus. Er

war in zorniger Stimmung und wußte gar nicht, weshalb. Schillerhaus,

Goethemuseum, Bibliothek, Theaterintendantur wurden aufgesucht. Das

blühende Städtchen übte jedoch nach und nach seinen beruhigenden Zauber

aus. Er empfand mehr und mehr das seelische und geistige Eigenwesen

der weimarischen Kultur: nach Fernfahrten eine Hochschule der

Verinnerlichung zu sein.

„Fort mit den egoistischen Sentimentalitäten!” sprach er aufmunternd

zu sich selber, als er durch den klassischen Park schritt. „Wieder an

geistige Arbeit! Keine Glücksjagd mehr! Und so bleib' ich eben allein,

verzichte auf persönliches Glück und schaffe für andre!”

Eine wonnige Erinnerung durchrieselte ihn, als er am römischen Hause

hinunterschritt und am Felsen jene Bitte an die „heilsamen Nymphen”

las: „Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück!” ... Hier

war er einmal im weißen Mondschein bis Mitternacht mit Elisabeth im

Park spazieren gegangen, in einer jener gesteigerten Lebensstimmungen,

wo wandernde Kameraden, gemeinsam Schönes genießend, in Eins

zusammenzufließen scheinen. Er spürte wieder ihren atmend lebendigen

Körper. Sie hatten Weimars Schönheit, durch ihre eigene gegenseitige

Liebe verklärt, mit allen Poren in sich eingesogen. Ach, und der

Spielmann brauchte nun einmal lebenswarme Menschen weit mehr als selbst

das gelehrteste Papier!

Der Park war erfüllt von einem undeutlichen sommerlichen Wipfelsausen,

das groß und geheimnisvoll den schreitenden Gralsucher umgab. Das

Goethehäuschen enthüllte sich weiß aus dem dichten Grün. Wolkenschatten

flogen über Wiesen und Ilm. Anschwellend, ihn überbrausend und wieder

verwehend kamen Geisterstimmen, bis sich endlich eine ruhig tiefe

Stimme vom Geräusch der andren löste und vernehmbar an sein Ohr klang:

„Was zu wünschen ist, ihr unten fühlt es;

Was zu geben sei, die wissen's droben.

Groß beginnet ihr, Titanen! Aber leiten

Zu dem ewig Guten, ewig Schönen,

Ist der Götter Werk: die laßt gewähren!”

* * * * *

In denselben Tagen erlebte Frau von Trotzendorff in München eine Stunde

der reinsten Glückseligkeit.

Die Leidende hatte sich anfangs dem Tode nahe gefühlt. Da ihr Seelenbau

wesentlich aus Phantasie und Gefühl zusammengewoben war, so empfand sie

Glück und Schmerz eindringlicher als andre Sterbliche. Jetzt ging ihre

Lebenskurve wieder aufwärts.

Die Stimmung eines genesenden Menschen, besonders nach schmerzlichen

Fiebernächten, ist von angenehmer Mattigkeit und Milde. In dieser

weichen Ruhe ist er für Güte zwiefach empfänglich. Er will nicht mehr

titanisch erzwingen; er läßt sich lächelnd von Gesunden beschenken und

hat als ganze Gegengabe nur Blick und Händedruck des Dankes. Der Wille

hat seine Grenzen erkannt gegenüber der Übermacht des Schicksals.

Als Schiffbrüchiger treibt er aus den Strudeln der Krankheit zu

Lande, seines nackten Lebens froh und gewaltsam befreit von vielem

Lebensballast. Denn die Götter sind mächtiger als die Titanen.

Die genesende Mutter hatte auf ihrem Leidenslager die Freude erlebt,

nach langen Schmerzenswochen zum ersten Male wieder ihre beiden Kinder

sehen zu dürfen. Sie saß in den hochgebauten Kissen des Bettes und

hatte rechts und links je einen der Knaben im Arm, herzige Flachsköpfe

von sieben und neun Jahren, die in ihren neuen Jäckchen und verklärt

vom Jubel entzückend aussahen und die geliebte Mutter fast erdrückten

vor Zärtlichkeit. Der Arzt mit seiner zierlichen Frau und Trotzendorff

waren selber bewegt und hatten alle Mühe, Kurt und Helmut zur

Besonnenheit anzuhalten. Der Jüngste hatte die Knie ins Federbett

gestemmt und wischte der Mutter mit seinem kleinen Taschentuch die

Freudentränen ab; der andere zeigte ihr Hefte und selbstgefertigte

Zeichnungen; und sie selber riß immer wieder beide an sich: „Hab'

ich euch denn noch? Darf ich denn noch bei euch bleiben, meine süßen

Jungen? Habt ihr denn eure Mutter noch lieb?!”

Man mußte die Erschöpfte nachher allein lassen. Das Wiedersehen hatte

sie angegriffen.

Sie lag wohl eine Stunde lang mit geschlossenen Augen und gefalteten

Händen in der feinen, gedämpften Beleuchtung des reinlich weißen

Krankenzimmers.

Noch war ein Nachleuchten dieses langentbehrten Glückes in den

abgezehrten Zügen, als ein Besuch gemeldet wurde.

„Ein Fräulein von Stein läßt fragen, ob die gnädige Frau zu sprechen

sei”, meldete die Schwester.

„Fräulein von Stein? Am Ende gar -- Elisabeth von Stein?!”

Frau Friederike fuhr hastig empor. Sie bat die Pflegerin, nachzusehen,

ob an ihr und um sie her alles in Ordnung sei, ließ das Tageslicht noch

mehr dämpfen und schaute mit Herzpochen nach der Türe.

Gleich darauf stand Elisabeth im Zimmer. Nach kurzem Zaudern schlug

sie den hellen Schleier zurück und trat mit raschen Schritten und

ausgestreckter Hand an das Bett heran.

„Ich hörte von Ihrer Erkrankung,” sprach sie rasch herunter, denn sie

hatte diese Einführungsworte gradezu auswendig gelernt, „und da ich mit

meiner Mutter durch München zurückfahre, wollte ich mir die Freiheit

nehmen, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen.”

Da stand nun also das Edelfräulein, im silbergrauen Kleid mit weißen

Handschuhen, die stattliche Haarkrone samt Hut vom Schleier umwunden,

Aug' in Auge mit ihrer Feindin -- mit der Frau, die ihr einst den

Geliebten genommen hatte. Ihre Hand, die sie nur zu leichtem Druck

gereicht hatte, zitterte; das Herz des spröden und herben Mädchens

pochte heftig. Die beiden Frauen sahen sich einige Augenblicke an; doch

keine las zunächst, was im Herzen der anderen vorging.

„Das ist lieb von Ihnen, daß Sie mich besuchen”, erwiderte die Kranke

mit Fassung. „Nehmen Sie Platz, liebes Fräulein von Stein. Wir haben

uns seit Jahren nicht gesehen. Sie finden mich heute in einer ziemlich

matten Stimmung -- nein, bleiben Sie nur sitzen, Ihr Besuch ist mir

sehr willkommen! -- aber ich bin trotz aller Mattigkeit glücklich,

sehr, sehr glücklich. Ich habe soeben Besuch gehabt. Raten Sie, von

wem!”

Ihre Augen leuchteten. Sie war so voll von ihren Kindern; und Elisabeth

war so voll von Ingo. So senkte Letztere unwillkürlich die Blicke und

wandte den Kopf zur Seite, als sollte ein Schlag gegen sie geführt

werden. Es waren nur wenige Sekunden; aber diese Gebärde nervöser

Angst war so ausdrucksvoll, so sprechend, daß die Leidende sofort das

Mißverständnis erriet. Und ein jähes Mitleid zuckte in der seelenvollen

Frau empor.

Statt zu sagen, wer hier gewesen, streckte Frau von Trotzendorff in

plötzlicher Herzlichkeit die Hand aus, ergriff Elisabeths Rechte,

nahm sie in beide Hände und sagte innig, mit dem so gern bei ihr

überwallenden Gefühl: „Mein liebes, liebes Fräulein Elisabeth!”

Dann beeilte sie sich, von ihrem Besuch zu sprechen:

„Meine Kinder sind hier gewesen! Meine süßen Jungens sind hier auf

diesem Bett herumgekrabbelt! Denken Sie doch nur! Zum ersten Male seit

langen, langen Leidenswochen hab' ich Kurt und Helmut wieder gesehen!

Ach, ich bin fast gestorben vor Glück. Bei mir -- ich bin ja nun mal so

ein weichselig Geschöpf! -- sitzen ja die Tränen so locker, im Glück

und im Schmerz.”

Und sie tastete nach dem Taschentuch und betupfte sich die wieder

feuchten Augen.

Elisabeth sagte aufatmend einige Worte, daß sie das nachfühlen könne.

„Nicht wahr,” fuhr die Kranke fort, „Sie haben ja auch so viel Freude

an Kindern, obwohl nur eine Mutter ganz ermessen kann, was es heißt,

auf Tod und Leben zu liegen und wochenlang seine Kinder nicht sehen

zu dürfen -- mit dem Gefühl, daß man vielleicht sterben muß, ohne

dieses anvertraute Gut zum Edlen erziehen zu dürfen! Ach, meine

liebe Elisabeth, das goldige Lachen der Kleinen und ihre rührenden

Zärtlichkeiten! Spüren Sie nicht, wie noch überall hier in der Luft ein

Lachen nachklingt? Sehen Sie, da hat nun Helmutchen richtig sein ganz

zerknülltes kleines Taschentuch liegen lassen, womit er mir die Augen

getrocknet hat, der kleine Knirps. Ich habe nachher hier eine Stunde

lang still gelegen und gebetet -- ich darf Ihnen das wohl sagen --, so

innig zu Gott gebetet, er möge meine Kinder zu braven Männern erwachsen

lassen und nicht an ihnen heimsuchen, was etwa -- was etwa die Mutter

verfehlt hat.”

Jetzt begann sie in ihrer großen Schwäche wirklich zu weinen und suchte

sich mit Helmuts winzigem Taschentuch vergeblich die rinnenden Tränen

zu stillen.

Elisabeth streichelte ihr die Hand und sprach einige beruhigende Worte.

„Ich war nämlich viel schwerer krank, als mein Mann und Ingo ahnten --

--”

Da war der Name heraus. Sie hatte sich die Wortverbindung „mein Mann

und Ingo” derart angewöhnt, daß auch jetzt die Namen gemeinsam von

der Zunge glitten. Sogleich aber ward es ihr bewußt, wer an ihrem

Bette saß. Sie zögerte einen Augenblick und setzte dann hinzu: „Es

hat nämlich niemand gewußt außer dem Doktor und seiner Frau Hermine,

die eine Jugendfreundin von mir ist, wie schwer krank ich war. Ich

darf wohl sagen, ich habe dem Tod ganz nahe ins Auge geschaut. Und

das ist heilsam. Ich ließ mein ganzes Leben an mir vorüberwandern und

gelobte Gott, fortan meiner Pflicht zu leben -- und -- und wenn möglich

niemandem mehr weh zu tun.”

Sie brach ab und drückte Elisabeths Hand. Dann sprach sie gefaßter

weiter:

„Sie waren in Genf? Und haben dort Ingo gesehen?”

„Nur ganz kurz.”

„Geht's ihm gut? Ist er heiter?”

„Ich wollte Sie dasselbe fragen. Ist er nicht hierhergekommen?”

„Nein.”

„Nicht hierhergekommen? Er wollte von Genf hierher zu Ihnen fahren.”

„Nein, er ist in Thüringen. Und es ist gut so. Ich wollte ihn auch gar

nicht hier haben. Selbst nicht Richard, niemanden, denn -- wissen Sie,

manche Dinge muß man eben allein durchkämpfen. Aber Sie -- ja, grade

Sie habe ich mir oft herbeigewünscht.”

„Mich?”

„Ja, Sie, liebe Elisabeth. Sehen Sie, wenn man so wie ich dem Tode

nahe war, da wird man einfach und wahrhaftig. Wieviel Phantasterei hat

mein Leben unstet gemacht! Und wie fest und gütig sind Sie Ihren Weg

gegangen, Sie Gute!”

Elisabeth war verlegen. Sie kannte den Gefühlsüberschwang dieser

künstlerischen Frau; sie wagte daher nicht zu entscheiden, wie weit

diese Gefühle echt und von Dauer waren. Diese Salondame hatte so viel

Talent, ihre Gefühle in Worte zu fassen; und sie selbst, Elisabeth, war

so wortarm. Sie war hierhergekommen in dem dumpfen Drang, mit dieser

Frau um Ingo zu ringen; es war das erstemal in ihrem Leben, daß sie

einen Schritt für sich selber tat. Freilich war in ihr das Mitleid

mit der Kranken gleich nach den ersten Sekunden hochgestiegen, und sie

wußte nun gar nicht, wie das Gespräch weiterführen.

„Es ist sehr gütig von Ihnen,” sagte sie, „in dieser Weise zu mir zu

sprechen. Ich muß allerdings gestehen -- ich habe -- früher -- --”

Sie stockte.

„Sie haben früher andere Urteile über Sie aus meinem Munde zugetragen

bekommen, nicht wahr!” half ihr Frau von Trotzendorff nach. „Ja, da

haben Sie leider recht. Leider! Ich habe oft vorschnell geurteilt und

oft sehr rasch nach meinen Neigungen gelebt; und Sie sammelten derweil

Ihre Kraft in der Stille. Doch inzwischen, hier auf dem Krankenlager,

habe ich grade über Sie viel nachgedacht. Ach, was ist unser ganzes

Salon- und Konzert- und Gesellschaftswesen doch für ein eitles

Blendwerk ohne Wärme! Aber Naturen wie Sie haben auch Musik -- doch in

den Tiefen der Seele, liebes Kind. Und so bleibt etwas Behütetes, etwas

Keusches, eine jungfräuliche Kraft in Ihnen. Und darum sind -- trotz

alledem -- grade Sie die einzige, die er jemals geliebt hat!”

Da war es heraus. Elisabeth senkte den Kopf. Diese Frau berührte

ohne weiteres das Geheimnis von Elisabeths Liebe. Noch kämpfte die

Schüchterne ein Weilchen, dann schlug sie die Augen auf und schaute der

Kranken voll ins Gesicht.

„Da Sie so offen sprechen, Frau von Trotzendorff, will auch ich

Ihnen mit gleichem Vertrauen begegnen. Ich habe nie jemanden gehaßt,

das kann ich wohl sagen, denn solche Gefühle liegen nicht in meiner

Natur. Auch nicht Bitterkeit. Und doch -- ich hab' in den letzten

Jahren -- ich muß es Ihnen gestehen -- die Empfindung nicht loswerden

können, daß ich eine Feindin habe, die mir unsäglich weh tat. Nicht

eigentlich Sie selbst, denn Sie konnten das ja nicht so wissen -- aber

die Verhältnisse -- es ist nun einmal so gekommen. Und ich selber war

schuld daran, ich habe nicht das Talent besessen, ihn in würdiger Weise

festzuhalten. Aber wenn mich jemand unterstützt hätte -- jemand, der

so viel mehr Geist und Gewandtheit besitzt als ich -- jemand wie Sie,

statt sich zwischen ihn und mich zu stellen -- -- ich sagte mir oft,

Gott hätte an solchem guten Werk mehr Freude gehabt. Als ich dann

später in eine ähnliche Lage geriet, wo eine Ehe bedroht war, da habe

ich mit ganzer Kraft an der Aussöhnung gearbeitet. Und es war Segen auf

meinen Bemühungen. Wenn wir alle einander helfen würden, es wäre so

schön zu leben! Statt dessen bereiten wir einander Schmerzen.”

Elisabeth senkte das Haupt, so daß man ihre zusammengepreßten Lippen

nicht sah. Sie hatte dieses Bekenntnis, das ihr schwer fiel, mit

ergreifender Schlichtheit gesagt. Und die Kranke nickte und tastete

dann wieder nach Elisabeths Hand, mit der Linken die feuchten Augen

trocknend.

„Sie haben in allem recht, Kind. Ich gebe Ihnen Wort für Wort recht.

Nur das _eine_ kann ich vielleicht zur Entschuldigung anführen: auch

ich habe viel gelitten.”

„Aber Sie hatten Mann und Kinder -- ich hatte nur ihn!”

Hart und trotzig flog das heraus. Es war das erstemal im Leben, daß

Elisabeths scheuer Mund derart um ihr Recht auf Ingo kämpfte. Es ließ

sich an, als sollte nun erst der eigentliche Kampf beginnen. Doch wie

es kam, wußten sie hernach selber nicht: plötzlich hielten sich die

beiden Frauen in den Armen, küßten sich und weinten beide.

Und sagten dann kein Wort mehr von diesem Mann und dieser Sache.

Vielmehr erwachte jetzt in Elisabeth die zugreifende Krankenschwester;

sie machte ein Trinkwasser zurecht, reichte es der Ermatteten liebevoll

und ordnete ihre Kissen; streichelte ihr dann zart über die Wangen, als

sie mit geschlossenen Augen lag, und küßte sie abermals.

„Denken Sie gut von mir, liebe Frau von Trotzendorff!” sagte sie innig.

„Und sagen Sie Ingo, daß er mir nicht grollen soll!”

Elisabeth wollte sich entfernen, aber ihre Hand ward festgehalten.

„Und mir verzeihen Sie, Elisabeth! Und Ingo -- Sie _müssen_ ihn

festhalten, recht innig fest! Denn Ihnen gehört er, Ihnen hat er immer

gehört, Ihnen ganz allein!”

Elisabeth ging.

Die Frau, die hinter ihr zurückblieb und sofort in wohltätigen

Schlummer sank, war sehr müde, aber auch sehr glücklich.

* * * * *

Trotzendorff, Bruck und Ingo, drei stattliche Männer, ritten von Weimar

nach Tiefurt.

Der Konsul war auf dem Heimweg in Weimar abgestiegen, um seinen Freund

und Genossen vom Montserrat zu besuchen.

Der Sommermorgen umgab die drei Reiter mit lebendigen Tönen und Farben.

Der Äther war klar. Durch die alten Bäume des Webicht funkelte die

Sonne; aus den Gräsern antwortete funkelnder Tau. Ein Wandrer sang ein

Schubertsches Müllerlied; die Vögel in Gärten und Waldung lärmten nach

Herzenslust; und fern zur Linken, am Ettersberg entlang, sauste die

Eisenbahn.

Wie sie auf ruhigen Pferden meist gemächlichen Schrittes, manchmal in

gelindem Trab dahinritten, boten die drei Männer ein kräftiges Bild:

rechts und links die breitgebauten älteren Herren auf braunen Tieren

mit weißen Fesseln, in der Mitte der schlanke Ingo auf schlankem Fuchs.

Konsul Bruck, den Arm in die Seite gestemmt, war nicht unähnlich einem

Farmer, der mit Würde und Behagen durch seine Pflanzung ritt; der

Major, mit vorschriftsmäßig eingezogenen Ellenbogen und in straffer

Haltung, war auch zu Pferd und in Zivil vor allen Dingen Soldat.

Zunächst hatte man von äußeren Dingen gesprochen, von deutscher Luft

und Landschaft.

„In Heidelberg ist mein Herz wieder warm und hell geworden”, erzählte

der heimgekehrte Spielmann. „Ich kam in gedrückter Stimmung an. Aber da

oben auf dem Heidelberger Schloß, um mich her den jungen Sommertag --

unvergleichlich schön!”

„Nicht wahr?!” frohlockte der kerndeutsche Trotzendorff. „Scheltet auf

Scheffel, soviel ihr wollt, ihr Modernen, und verdammt den Tonsetzer

des ‚Trompeter von Säckingen’ in Grund und Boden! Schon recht! Aber

singt einmal, singt sein Alt-Heidelberg -- und er behält recht! Hol's

der Deuwel, da werde sogar ich ein Dichtersmann!”

Und sofort klang es in Ingo, und er sang in den Morgen:

„Alt-Heidelberg, du feine,

Du Stadt an Ehren reich!

Am Neckar und am Rheine

Kein' andre kommt dir gleich!”

„Das kann man nämlich nicht zitieren, meine Herren, das muß man singen!”

Man war wieder in Deutschland.

Und nach und nach lenkte sich durch Trotzendorff das Gespräch vom

lyrischen Deutschland zum politischen hinüber.

„Verfluchte Sackgasse, unsre Politik! Die sich in das Wort

zusammenfaßt: Feinde ringsum! Käm's doch endlich zum Krachen! Ich

fürchte, daß wir mit diesen diplomatischen Hinauszögerungen die rechte

Stunde des Losschlagens verpassen. Denn um den europäischen Krieg

kommen wir doch nicht herum. Und dabei fehlt in unsren deutschen

Rüstungen die Straffheit. Allgemeine Wehrpflicht? Auf dem Papier! Aus

siebzig Millionen ließe sich mehr herauspressen! Sehen Sie doch nach

Frankreich hinüber, wie das den letzten Mann heranholt und sogar die

farbige Armee aus Afrika! Auch Maschinengewehr-Kompagnien fehlen uns

noch; der Artillerie fehlt ein Einheitsgeschoß; zu wenig Einzelflieger

-- und so wäre manches auszusetzen. Ich fürchte, der deutsche Michel

muß im nächsten Krieg erst nach Jena, ehe er nach Leipzig marschiert!”

„Und im Innern?” warf Bruck herüber.

„Die Sozialdemokratie? Je rascher und gründlicher die

Auseinandersetzung, um so besser!” klang es vom Major zurück, in

seinem etwas nasalen, doch festen Ton, den er sich auf dem Kasernenhof

angewöhnt hatte.

„Vielleicht besinnt sich dann nach solchen Erschütterungen Deutschland

auf seine wahre Aufgabe”, meinte der Konsul.

„Worin bestände diese Aufgabe? Doch wohl in der Heranzüchtung einer

strammen Menschenrasse?! Ich habe neulich wieder einmal eine größere

Parade mitgemacht -- Donnerwetter, es ist doch ein großartiges

Schauspiel! In Tausende von Menschen gesetzmäßige Bewegung zu bringen,

daß alles klappt wie ein Uhrwerk -- was für Arbeit! Und Drill! Und

Zucht! Großartig!”

„Schon die alten Römer leisteten hierin Großartiges”, bemerkte der

Konsul bedenklich. „Ich meine aber mehr Deutschlands seelische Aufgaben

unter den Völkern Europas. Darin sind wir verarmt und bedeuten kein

führend Volk mehr.”

„Sie meinen die Zersetzung der Religion?”

„So ungefähr. Hier hat der nervöse moderne Intellekt unser Gemütsleben

tief geschädigt. Wenn man dieses Weimar so betrachtet -- sollte man

für wahr halten, daß es erst hundert Jahre her sind, seit sich hier so

schöne und große Wahrheiten dichterisch offenbart haben?”

„Na, mein wertester Herr Konsul, in Deutschland haben wir unsren

Schiller und Goethe noch immer im Bücherschrank. Im übrigen sind wir

jetzt im Zeitalter Bismarcks und haben eiserne Aufgaben zu lösen.”

„Auf Kosten der Seele?”

„Was heißt Seele!”

„Was Seele heißt?”

„Die Seele braucht doch vor allen Dingen einen gesunden Körper, Zucht,

Strammheit.”

„Nach meiner Ansicht ist die Nahrung der Seele vor allem andren die

Liebe”, erwiderte der Konsul. „Liebe und Weisheit und Schönheit. Bei

dem ungeheuren Wettrüsten zwischen Ständen und Nationen züchtet man

aber nicht die Liebe, sondern das Mißtrauen.”

„Den Willen!” rief Trotzendorff. „In jeder Armee und in jedem

Staatswesen ist Willensschulung das oberste.”

„Es kommt aber doch wohl darauf an, _was_ man will, nicht wahr? Der

Wille muß doch wohl ein Ziel haben? Und im Willen der modernen Völker

sehe ich das Ziel, den Nachbarn möglichst zu übervorteilen. Die

Nationen sind Konkurrenten; aber sie sollten Brüder sein.”

„Nimmt sich auf dem Papier vortrefflich aus!”

„Bitte, ist Hauptforderung der christlichen Religion. Und meines

Wissens wird diese Religion in Europa amtsmäßig gelehrt.”

„Mein lieber Herr Konsul, alle Achtung vor Ihren persönlichen

Erfahrungen im Ausland! Aber aus Ihren Reden hör' ich die Schalmei der

Friedensfreunde. Und da pfeif' ich nicht mit. Sobald wir Deutschen

abrüsten, sind wir morgen zerdrückt. Feinde ringsum!”

„Ja, so sagt jeder! Und so zwingt jeder den andren zum ewigen

Wettrüsten, statt daß man sich zum europäischen Staatenbund verbrüdert.”

„Zukunftstraum!”

„Mag sein! Doch wirft man Preußen vor, daß es nicht das Talent habe,

moralische Eroberungen zu machen. Wie wär's, wenn nun Reichsdeutschland

diese feine Kunst ausbilden würde? Sobald man aus dem Ausland gern in

unsren heiligen Hain kommen würde, um von uns Göttliches zu lernen,

würde sich jenes Wort, das Sie vorhin riefen, verwandeln in ein

‚Freunde ringsum!’”

„Seien Sie froh, daß Preußen nicht weichlich ist! In die schlappe

deutsche Wirtschaft hat Preußen Zug gebracht. -- Na, schweigsamer Ingo,

und was sagst denn du dazu?”

Ingo glaubte beide Freunde zu verstehen. Er hatte parteilos zugehört.

Aber dann war er ins Träumen geraten über seine persönliche ungelöste

Angelegenheit. Er hatte zum erstenmal wieder seit Wochen einen Brief

von Frau von Trotzendorff erhalten; und in diesem Schreiben war, zu

seiner freudigen Verwunderung, Elisabeths Besuch ausführlich und

liebevoll erzählt.

„Prophete rechts, Prophete links!” antwortete er lächelnd. „Ich bin

noch nicht reif genug, um mitzureden. Wenn ich mich aber richtig

einschätze, so wird mein unermeßlich Reich der stille Gedanke werden,

nicht deine laute Politik, Richard. Mit andren Worten: die Reichsseele,

nicht der Reichskörper!”

„Recht so!” bekräftigte Brucks Baß. „Grade darin sollten jetzt die

besten deutschen Geister ihre Hauptaufgabe erblicken.” Er strich den

breiten Graubart und fügte die rätselhaften Worte hinzu: „Ich habe

gehört, daß einige berufen sind, einen reineren Lebensbegriff zu

offenbaren.”

Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart · 第 13 / 17 段