hast du denn da für einen Verehrer?”
„Harmlos! Sieh selber nach!”
„Darf ich wirklich? Kein Geheimnis?”
„Vor dir hab' ich kein Geheimnis.”
„Wirklich nicht, Elisabeth?”
Er hatte das Briefchen in der Hand, das sie ihm ungeöffnet gereicht
hatte; und als sie so, den Blumenstrauß aus dem Papier wickelnd, vor
ihm stand und ihn mit ganzer Treue und Klarheit ansah, konnte er nicht
anders: er legte den Arm um ihre Schulter, und sie sahen sich ganz nahe
einige Sekunden innig in die Augen. Ein Glücksstrom überrieselte ihn
abermals: ich bin am Ziel!
Dann tat sie die Blumen ins Wasser und trug die Vase auf die Brüstung
des Balkons, wo bereits der Kaffeetisch wartete. Er aber öffnete das
Kuvert, das Lerouxs Visitenkarte enthielt -- und las folgendes:
„Ich bin rasend vor Eifersucht. Gestern im Nachen war ich zwar toll vor
Liebe, doch auch Sie waren nicht gleichgültig. Auch Sie lieben mich,
sagen Sie mir deutlich, daß Sie mich lieben! Tragen Sie eine meiner
Rosen als Antwort! Ich bete Sie an.”
Ingo stand und starrte diese leidenschaftlichen Worte an. Dann fluteten
und brausten plötzlich wieder die Angstzustände der Nacht über ihn
herein. Also doch! Seine Elisabeth -- dort im Kahn -- also doch!
Auch Leroux wähnte sich offenbar „am Ziel”! Denn sonst hätte er diese
Sprache nicht gewagt!
Er sagte keine Silbe.
Mit unnatürlicher Ruhe steckte er die Karte in das Kuvert und legte das
Briefchen auf Elisabeths Schreibmappe.
Die Mutter trat jetzt ein. Er bot ihr den Arm und führte sie an den
Kaffeetisch. Und es wurde eine unsäglich einsilbige und unsäglich
steife Kaffeestunde.
Elisabeth, in ihrem stillen, großen Glück, merkte anfangs gar nichts
von des Freundes Verstimmung; sie schob seine Schweigsamkeit denselben
Gefühlen zu, von denen sie selber durchdrungen war. Sie sprach heute
reichlicher; sie zitierte Stellen aus seinen Werken; und ihre Mutter
machte lächelnd die Bemerkung:
„Oh die, die kann deine Bücher auswendig, Ingo!”
„Wirklich, liebe Tante? Was Sie sagen!”
Er schaute in das strahlende, offene, durch kein Wölkchen getrübte
Gesicht seiner glücklichen Geliebten; und tiefes Weh wallte in ihm
empor. Der beklemmende Schmerz machte ihm fast jede Unterhaltung
unmöglich. Auch sie nicht treu! In einem Winkel ihres Wesens auch sie
kokett! Trägt jenen artigen Burschen im Herzen -- und verbindet damit
die wieder erwachten Jugendgefühle! O Weib, Weib!
Und er raffte sich auf und sprach von Trotzendorffs Brief und daß er
wahrscheinlich recht bald nach München müsse. Man hatte den Namen
Trotzendorff bisher vermieden; jetzt teilte er geflissentlich mit, daß
die kranke Frau von Trotzendorff in einem Münchener Sanatorium liege.
Elisabeth wurde schweigsam.
„Ich hatte nur das Bedürfnis,” schloß er höflich und kühl, „Ihnen,
liebe Tante, meine Aufwartung zu machen und mich nach Ihrem Befinden zu
erkundigen. Es war mir äußerst angenehm, daß ich Sie beide getroffen
habe. Weiter fesselt mich nichts mehr hier in Genf; ich kenne den See
schon; und Sie gehen ja wohl auch bald nach Montreux. Wundern Sie sich
also nicht, wenn ich plötzlich nach München und dann nach Thüringen zu
meinem Bruder verschwunden bin.”
Elisabeth blickte stumm in ihre Tasse. Ihr Herz krampfte sich zusammen.
Nach München! Also doch wieder zu jener Frau!
„Du bist und bleibst ein rechter Zugvogel, lieber Ingo”, sagte die
Tante und war offenbar nicht wenig verlegen, wie sie das Gespräch
fortführen sollte. Denn die beiden schweigsamen Menschen unterstützten
sie darin ganz und gar nicht.
So hob sie denn dieses trübselige Kaffeestündchen auf, und Ingo
verabschiedete sich. Elisabeth suchte ratlos, ängstlich, bittend seine
Augen; sie suchte ihn mit der ganzen Innigkeit ihrer Blicke noch einmal
festzuhalten; er spürte, wie ihre Hand zitterte, als sie die seine
krampfhaft festhielt -- aber er wich ihren Blicken aus. Es war in ihm
eine tiefe Trauer und ein schmerzlicher, fast bissiger Entschluß. In
der Form der größten Höflichkeit nahm er Abschied; und die große,
weiße, goldverzierte Salontüre fiel hinter ihm zu.
„Diese Waldecksche Linie der Familie Stein hat entschieden einen Stich
ins Verrückte”, grollte die sonst so gehaltene Edelfrau, als sie mit
ihrer todbleichen Tochter wieder allein war. „Wirst du nun aus diesem
Menschen klug? Da überfällt er uns, scheint die alten Beziehungen
wieder anknüpfen zu wollen -- und läuft sofort wieder davon! Ich muß
doch einmal gleich an Tante Adelheid nach Weimar schreiben, daß sie ihm
den Kopf waschen soll! Auf sie gibt er wenigstens noch etwas, auf uns
gar nichts. Auch der französische Herr wird mir unangenehm; und der
Engländer nimmt überhaupt keine Rücksicht. Ich will dir etwas sagen,
mein liebes Kind: wir zwei bleiben wieder allein! Hörst du, Elisabeth?
Das alles regt mich auf.”
„Ja, Mutter, wir zwei bleiben wieder allein ...”
Der Duft und Dunst, am Morgen noch von der Sonne durchglüht, hatte
sich jetzt immer mehr zu Gewitterwolken verdichtet. Die Sonne war
verschleiert. Es war eine fahle, schwüle Stille. In der Ferne, nach
Lausanne zu, bildete sich ein schwarzes Gewitter und schüttete am Abend
Regenmassen über Berge, See und Stadt.
Ingo, rasch und lebhaft in seinen Entschlüssen, packte augenblicklich
seine Sachen. Während dieser Arbeit beruhigte er seine leicht erregbare
Phantasie. Und seine natürliche Herzenswärme trat wieder hervor.
Er setzte sich hin und schrieb der Geliebten einen kurzen
Abschiedsbrief:
„Meine gute, liebe Elisabeth! Wenn auch unser Bund zerbrochen ist, so
wollen wir doch versuchen, als Kameraden dankbar aneinander zu denken.
Ich will Dir also sagen, daß ich Dir nicht grolle. Denke auch Du gut
von mir! Offen will ich Dir mitteilen, daß ich euch zufällig im Kahn
beobachtet habe und auch während des Mittagessens nicht blind war;
das Briefchen gab dann den Ausschlag. Elisabeth, werde glücklich!
Doch bleibe unsre vornehme, gütige, edle Elisabeth, die wir um dieser
Eigenschaften willen alle so sehr achten und lieben -- und die ich, das
darf ich wohl sagen, auch in allem Wechsel immer geliebt habe. Leb'
wohl, liebes Mädchen! Ingo.”
In der Nacht, während Elisabeth in ihre Kissen weinte und vergeblich
das Taschentuch zerbiß, um ihre nahe schlafende Mutter das Schluchzen
nicht merken zu lassen, saß der ruhelose Ingo im Schnellzug, um über
Zürich nach München zu fahren.
* * * * *
Am andren Morgen troff ein mächtiger Maienregen über das Genfer Gebiet.
Elisabeth schritt im Regenmantel unter dem Schirm durch die Stadt, um
einige Besorgungen zu machen.
Die Gewitternacht hatte in ihr einen Plan gereift. Nachdem sie ihrer
Mutter verhärmtes Gesicht gesehen, die ihres Kindes Weinen recht wohl
gehört hatte; nachdem sie noch gestern Lerouxs unseliges Briefchen
gelesen und Ingos traurig-lieben Abschiedsgruß empfangen hatte; nachdem
sie in der Nacht noch einmal alles durchgelitten, was in ihren langen
Herzensbund mit Ingo immer wieder störend eingegriffen hatte: gab es
für ihre sonst so spröde Natur kein Wanken mehr. Sie beschloß, um den
Geliebten zu kämpfen.
Sie ließ unter diesem trostlosen Regen, der auf ihren Schirm klopfte,
durch nasse, öde Straßen wandernd, im Geiste vorbeiziehen, was ihren
Bund mit Ingo hemmen könnte. Ihre eigene passive Natur? Die war doch
wohl ein wenig besser geworden. Leroux? Ach, den hatte sie heute
morgen kurz und kühl abgewiesen. Jene ferne Frau? Ja, da war es! Immer
wieder jene Frau, die ihr so überlegen war, so schön, so geistvoll, so
musikalisch -- -- -- jene Frau Friederike -- -- --
„Wenn sie ein Herz hat,” sagte sich Elisabeth und gab sich alle Mühe,
die Tränen zurückzupressen, „darf sie sich nicht mehr zwischen uns
beide stellen. Ich will zu ihr fahren und ihr alles sagen.”
[Illustration]
[Illustration]
Neuntes Kapitel
Weimar
Wer etwas Treffliches leisten will,
Hätt' gern was Großes geboren,
Der sammle still und unerschlafft
Im kleinsten Punkte die höchste Kraft.
_Schiller_
Fräulein Adelheid von Stein-Birkheim stand mitten in ihrer häuslichen
Welt voll künstlerischer Schönheit, die sie sich in ihren siebzig
Lebensjahren aufzubauen verstanden hatte. Sie stellte eben das grüne
Kännchen beiseite, aus dem sie ihre vielen Blumen zu begießen pflegte.
Die Wände ihrer Wohnung waren bis oben hin mit schönen Gemälden,
Familienporträts und Bildnissen befreundeter und wertvoller Menschen,
deren Dasein sich irgendwie mit dem ihrigen versponnen hatte,
ausgeziert. Und selbst auf den kleinen Tischen standen Photographien
zwischen den auserwählten Büchern, die sie immer im Handbereich hielt.
Draußen leuchtete der jungkräftige Sommer bis in alle Winkel und
Höfe des geweihten Städtchens. Rings um Weimar flossen sanfte Höhen
und mildes Himmelsblau reizvoll ineinander; es war ein duftiger, die
Konturen verwischender, traumhafter Tag. Hinter Belvedere blühte
der wilde Rosenstrauch, an dem einmal, abseits von einer steifen
Gesellschaft, Ingo seine geliebte Elisabeth überströmend geküßt hatte.
Und im Park von Tiefurt stand noch immer auf einem weißen Sockel das
neckische Wort: „Mozart und den Musen.”
Die greise Dame pflegte auf ihrem Balkon Meisen, Finken und andere
Singvögel zu füttern. Sie schaute hinaus und dachte lächelnd: „Ich bin
auf den Singvogel neugierig, der mich heute besuchen wird.” Dann ging
sie ihren Hantierungen nach, in gewohnter klassischer Ruhe, nichts
überhastend und doch frei von Kleinlichkeit.
Nicht lange darauf tönte die Klingel. Das Mädchen kam herein und
brachte eine Besuchskarte: Ingo Freiherr von Stein-Waldeck. Der
Spielmann hatte, die Treppe zu Tante Adelheid heraufsteigend, seinen
Zustand mit lächelnder Wehmut empfunden: wie leicht bepackt, wie
geläutert, wie gesäubert von allen Beschwerungen stieg er doch jetzt
diese wohlbekannte Treppe wieder empor zu der Greisin, die ihm in ganz
Weimar am nächsten stand! Und drinnen ereignete sich ein drolliger
Zufall. Fräulein Adelheid suchte gerade ein Buch, als ihr die Karte
überreicht wurde. Da fiel mit Geräusch ein Goethe-Band herunter und
blieb aufgeschlagen liegen. Sie warf einen Blick auf die Seite und las
die Worte aus der „Pandora”:
„Dort! er taucht in Flutenmitte
Schon hervor, der starke Schwimmer;
Denn ihn läßt die Lust zu leben
Nicht, den Jüngling, untergehn.”
„Willkommen in Deutschland, lieber Ingo! Willkommen in Weimar!” rief
sie, als sich der Neffe über ihre Hand beugte. Sie zeigte ihm die
Stelle, und beide deuteten des Altmeisters Wort in guter Stimmung als
ein freundlich Vorzeichen.
„Sie waren ja immer der Meinung, Ingo, daß Weimar und Wartburg
Deutschlands Herz bilden, geographisch und geistig. Also willkommen im
Herzen Deutschlands!”
Tante Adelheid war eine hochgewachsene Frau von aufrechter Gangart
und pflegte weite, läßliche Kleidung zu tragen. Ein längliches
Gesicht, eine mehr hohe als breite Stirn und nach den Schläfen etwas
herabgezogene, oft prüfend halbgeschlossene Augen nebst schmalem Mund
gaben ihr ein Gepräge sachlicher Klarheit. Es fehlte diesen Zügen nicht
an Güte, doch auch nicht an deutlichem Freimut.
„Und jetzt sagen Sie mir einmal vor allem: wo stecken Sie denn so lange
Zeit, Sie Ausreißer? Fast zwei Jahre waren Sie nun nicht in Ihrer
Weimarer Wohnung! Und Ihr gemütliches Heim da oben am Horn geht in
Spinnweben unter, wenn ich nicht Frau Tellbach von Zeit zu Zeit Feuer
unter die Sohlen mache.”
„Nun, die gute Frau hat ja alles ganz ordentlich instand gehalten”,
erwiderte Ingo lächelnd. „Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.”
„Das wollt' ich ihr auch geraten haben”, versetzte Tante Adelheid. „Und
wo kommen Sie denn jetzt her? Aus dem Ausland natürlich!”
„Sie schwärmen ja wohl immer noch für alte deutsche Nester wie
Rothenburg und Hildesheim, nicht wahr, Tante Adelheid?” scherzte Ingo.
„Und ich habe beide Städte noch immer nicht gesehen, entschuldigen Sie
tausendmal!”
„Natürlich! Echt deutsch! Läuft in der Welt herum und kennt sein eigen
Vaterland nicht!”
„Zunächst komm' ich übrigens von einem Krankenlager”, erwiderte er
ernst.
„Ihr Bruder, nicht wahr?” nickte sie bedenklich. „Ja, da steht es
allerdings nicht grade gut. Sie sind ja kein Kind mehr, Ingo, und ich
kann Ihnen also ruhig sagen, daß ich einen der Ärzte gesprochen habe,
die Ihr Bruder konsultiert hat. Die Sache ist aussichtslos.”
„Das hab' ich auf den ersten Blick gesehen”, seufzte Ingo. „Er hat
sich zum Erschrecken verändert. Dieser wilde, kühne, rauhe Bursche von
ehedem -- und jetzt ein Gerippe!”
„Ihr alter Vater tut mir noch besonders leid. Er hat nur die zwei
Söhne; und der eine läuft in der Ferne herum, der andere -- er ist ja
wohl nur ein Jahr älter als Sie? -- stirbt als Junggeselle hinweg. Wie
soll das mit dem schönen Gut werden!”
„Das muß natürlich ich übernehmen.”
„Muß, sagt er! Und seufzt dazu, der Gutsbesitzer! Ja freilich wär's
notwendig, obschon Sie's ja schließlich verpachten und als Sommersitz
einrichten können. Aber das ist ja das Unglück, daß Sie vor praktischer
Arbeit zurückscheuen. Für Sie selber, Ingo, wird es heilsam sein, wenn
Sie seßhaft werden. Nur sollte man Ihnen keine Wirtschaft anvertrauen,
ohne links einen guten Verwalter und rechts eine gute Frau neben Sie zu
setzen.”
„Na, na, na, auch Sie unterschätzen also meine Energie, Tante Adelheid!”
„Wenigstens in wirtschaftlichen Dingen.”
Ingo sprang auf.
„Himmel noch einmal, wie falsch ihr mich alle beurteilt! An einem
einzigen Tage bin ich in diese Werktäglichkeiten eingelebt -- jawohl
-- und am zweiten Tag läuft der Apparat von selber -- und am dritten
Tage lass' ich den Mechanismus laufen und widme mich den wertvollen
Gütern des Daseins: der Ideenwelt. Der Unterschied zwischen meinem
angeblich realistischen Bruder und mir, dem angeblichen Romantiker
und Sausewind, besteht nicht darin, daß ich diese äußerlichen Dinge
nicht beherrschen könnte -- spielend beherrsch' ich diese Banalitäten,
spielend, sobald ich nur will! Unterschätzt doch nicht einen geistig
raschen Menschen! Sondern der Unterschied besteht darin, daß er
und seinesgleichen in diesen wirtschaftlichen und sportlichen
Durchschnittsfragen steckenbleiben, ja daß sie dies für das Leben
selber halten! Und so füllen sie ihr Dasein mit nichtigem Geschwätz
über Düngersorten, über Züchtung von Pferden, Hunden und Kälbern, über
Prämien bei Geweihausstellungen und Preise bei Wettrennen -- Dinge, die
mich mordsmäßig langweilen. Nein, Tante Adelheid, in diese Mauern der
Standesinteressen sperrt ihr mich nicht mehr ein! Aus dieser Welt bin
ich ausgerissen. Und Sie geben mir einen Ehrentitel, wenn Sie mich als
Ausreißer begrüßen.”
„Potztausend!” lachte Tante Adelheid. „Da hab' ich ihn einmal in eine
allerliebste Ansprache hineingeärgert! Setzen Sie sich ruhig wieder
her, Ingo. Sie wissen, daß ich ein offenes Wort ganz gut vertrage, aber
Aufregung und Überspanntheit nicht liebe.”
Ingo setzte sich wieder und bat um Verzeihung; er habe, fuhr er fort,
auf dem Gut während der wenigen Tage so viel versteckte Vorwürfe von
Basen und Gevattern ausstehen müssen, daß nun sein angesammelter Unmut
wider seinen Willen ausgebrochen sei.
„Am verständigsten war mein Vater”, schloß er. „Der klopfte mir auf die
Schulter und meinte nur kurz: ‚Laß sie reden, Junge, ich glaube dich
besser zu kennen!’ Während der ganzen Fahrt von Waldeck nach Weimar
sah ich diesen braven alten Herrn vor mir in seinem weißen Bart und
seinem leider unentbehrlichen Stock, wie er mich hinkend an den Wagen
begleitete und mit seinem schlichten ‚Mit Gott!’ entließ, aufrecht, ein
alter Soldat und doch von weichem Gemüt, die beiden Doggen neben ihm --
ein Edelmann von altem Schrot und Korn!”
„Bravo, Ingo! Geben Sie mir mal die Hand, lieber Junge! Und nun sagen
Sie mir: wie geht's Frau von Trotzendorff in München?”
„Ich muß Ihnen gestehen, Tante Adelheid, ich habe sie seit einer Reihe
von Wochen nicht mehr gesehen. Von Genf wollt' ich nach München fahren,
blieb aber in Zürich bei einem befreundeten Schriftsteller und fuhr
dann über Heidelberg nach Thüringen.”
„Und das halten Sie aus?”
„Warum nicht?” versetzte er und legte ziemliche Kühle in seinen Ton.
„Ich erhalte ja durch Trotzendorff regelmäßige Nachricht.”
„Durch Trotzendorff? Nicht durch sie?”
„Sie liegt zu Bett. Es ist keine gefährliche, aber langwierige Sache.”
„Na, man kann doch aber schließlich auch im Liegen Bleistiftbriefe und
Füllfedergrüße senden, das weiß ich am besten, wenn mich Herzschwäche
an den Diwan fesselt. Es fällt mir auf, daß Sie so die Fühlung mit
Ihrer intimsten Freundin verloren haben.”
Tante Adelheid schaute mit forschenden Augen in Ingos gleichmütig
ernstes Gesicht.
„Freundschaft und Freiheit gehören zusammen”, bemerkte er allgemein
und schaute durchs Fenster. „Nur in Freiheit ist Freundschaft möglich.
Wenn der eine Teil den andren mit List oder Gewalt festzuhalten oder
abzusperren sucht, so ist das bereits eine verlorene Sache. Man kann
weder Glück noch Freundschaft erobern oder erzwingen: derlei hohe Dinge
sind Göttergeschenke.”
„Da haben Sie recht, Ingo”, erwiderte Tante Adelheid, und ein weicherer
Ton glitt in ihre Stimme. „Das kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung
bestätigen.”
„Wie geht's denn unsrer Exzellenz?” fragte Ingo sofort. Die Frage
schloß sich leicht an das Vorausgegangene an. Denn auf der andren
Seite des Stockwerks wohnte der teuerste Freund dieser durch viele
hohe Freundschaften ausgezeichneten Greisin. Und sie erzählte von
der Tätigkeit und Geistesfrische dieses harmonischen Edelmannes, der
gleichfalls schon dem siebzigsten Lebensjahre zusteuerte, aber doch
noch fleißig in seiner Kunst der Malerei und Architektur tätig war,
dankbar für ein reiches Leben, den Tod nicht fürchtend, Schönheit in
seinen Zimmern um sich ausbreitend und durch stille Wohltaten manchen
Mitmenschen fördernd. Es war für Ingo jedesmal eine Erhebung, wenn er
bei diesen abgeklärten Alten zu Gast war, die er scherzend Philemon und
Baucis zu nennen pflegte.
„Lieber Ingo,” sagte Fräulein Adelheid und nahm seine Hand, „nun lassen
Sie mich alte Frau einmal ein paar offene Worte sagen. Ich habe da
einen Brief bekommen von Mathilde aus Genf. Nun sagen Sie mir: was
haben Sie denn eigentlich in der kurzen Zeit Ihres Aufenthaltes in Genf
schon wieder mit Elisabeth gehabt, daß dieses durch und durch brave
Mädchen aus heimlichen Tränen nicht mehr herauskommt?”
Ingo erbleichte.
Dann schoß eine jähe Blutwelle in sein Gesicht zurück, als er nun so
vor Tante Adelheids prüfend ruhigen Blicken gefesselt auf seinem Stuhle
saß.
„Wieso denn?” fragte er tonlos.
„Sie haben in Ihrem Verhältnis zu Elisabeth immer vor uns andren
Versteck gespielt; und auch sie selber hat in ihrer verschwiegenen Art
nie ein Wort darüber geäußert. Es ist ein merkwürdiges und im Grunde
seelisch einsames Mädchen; sie hat in tieferen Dingen keine einzige
Vertraute -- nicht einmal mich,” setzte sie lächelnd hinzu, „die ich
doch so gern Beichtmutter bin. Uns schien damals zwischen Ihnen beiden
ein heimliches Verlöbnis zu bestehen -- nun, man hat so dies und jenes
beobachtet. Aber dann entferntet ihr euch wieder voneinander. Das
mag ja nun sein, wie es will, aber man kann doch in Güte aneinander
denken und auch nach aufgehobener Verlobtheit oder Verliebtheit
einander Freundlichkeiten erweisen, besonders einem so vortrefflichen
Menschenkinde wie dieser selbstlosen, viel zu viel nur für andre
lebenden Elisabeth. Einem solchen Kindergemüt Tränen auszupressen --
Ingo, darauf kann kein Segen ruhen!”
Ingo war bestürzt.
„Tante Adelheid,” sprach er endlich, „Sie sprechen nur von Elisabeth
und was ich ihr etwa angetan haben könnte. Für mich als Mann schickt es
sich wohl nicht, von etwaigen eigenen Leiden zu sprechen und von dem,
was ich selber gelitten habe durch Elisabeths sprödes, unergiebiges
Naturell. Das ist eben Schicksal. Da kann ein Dritter schwerlich
hineinschauen.”
„Danke!” erwiderte Fräulein von Stein kaltblütig. „Sie setzen mir also
den Stuhl vor die Türe. Nun, immerhin habe ich in den letzten Jahren
tiefer in das Wesen dieser edlen Mädchenseele hineingeschaut als
wahrscheinlich ein gewisser anderer, der im Ausland Studien machte.
Sie haben zu viel an der Peripherie gelebt, Ingo. Aber leidende und
liebende Menschenherzen gibt es auch in der Heimat; Heroismus und Größe
gibt es auch im Inland. Man braucht kein Spießbürger zu werden und kann
doch mit seinen Mitbürgern in Herzensfühlung bleiben -- nämlich als ein
Schenkender, lieber Ingo. Ich appelliere also an Ihre Großmut, wenn
sonst andres Sie nicht bei uns festhalten kann, bei uns hier in Ihrem
deutschen Vaterland. Hier ist der Punkt, mein Herr Neffe, auf den ich
hinauswill. Reisen Sie, heimsen Sie Garben in Ihre Scheunen -- dann
aber muß der Zeitpunkt kommen, wo Sie Ihre Frucht dreschen und in die
Mühle bringen. Eine Menge Freunde haben Sie sich draußen erworben --
aber Sie sind im Begriff, alte Freunde zu verlieren, und darunter die
wertvollste von allen, diese innerliche Elisabeth!”
Ingo sprang abermals auf. Wie immer, wenn ihn etwas stark bewegte,
schritt er im Zimmer auf und ab, die Hände auf dem Rücken, den Kopf
gesenkt.
„Sie haben recht! Tante Adelheid, Sie haben tausendmal recht! Und doch
-- und doch -- --”
Tante Adelheid nahm inzwischen, mit der ihr eigenen Bedächtigkeit, die
Brille aus dem Futteral, setzte sie auf und suchte unter einem Stoß von
Papieren einige zusammengebundene Briefe hervor.
„Während Sie im Ausland Forschungsreisen machten, haben wir im Inland
beinahe eine schwere Tragödie erlebt. Hier habe ich neulich die Briefe
geordnet, die mir Elisabeth vom pommerschen Gut geschrieben hat, wo
ihre Schwester Mela verheiratet ist. Sie kennen diese Mela: genial und
unberuhigt, das hitzige Gegenteil der sanften und etwas apathischen
Elisabeth. Nun, ich will keine Einzelheiten ausplaudern. Nehmen
Sie einmal an, eine solche heißherzige Frauennatur -- und Mela hat
entschieden einen Zug ins Große, das müssen Sie zugeben -- eine solche
leidenschaftliche Natur wird von ihrem Mann, der nur Jäger, Landwirt
und Politiker ist, wenig verstanden, erhält aber einen umwälzenden
Eindruck von einem andren, einem romantischen Nachbarn. Eine nervöse,
reizbare Schwiegermutter macht die Situation noch schwieriger; drei
allerliebste Mädchen vermögen die schwüle Lage nicht viel zu bessern.
Die Sache droht zur Katastrophe zu kommen, mit Duell, Ehrengericht
und Skandal -- und da steht nun Elisabeth mitten drin! Das Mädchen
hat die Hölle durchgemacht. Aber, ich hätt' es ihr nicht zugetraut,
sie hat es fertiggebracht! Sie hat wieder Harmonie geschaffen. Der
andre ist zur See gegangen -- und der Gatte wurde durch schwere
Erkrankung seiner Frau, wo es auf Tod und Leben ging, mit der Nase
auf seine Pflicht gestoßen, sich mehr um Weib und Kinder zu kümmern.
Das Beste hat Elisabeth getan, diese nicht blendende, aber so
willensstarke und taktvolle Elisabeth. Sie war die Vertraute von allen
zugleich; sie hat oft auf der Schwelle ihrer Schwester gewacht, als
das extravagante Frauenzimmer drauf und dran war, Mann und Kinder zu
verlassen. Bis dann die Klärung kam und die Krankheit für Mela eine
Krisis zur Selbstbesinnung wurde. Sehen Sie, Ingo, so wird zu Hause in
aller Stille gekämpft -- und ich bitte auch Sie, dies alles diskret
zu behandeln -- in aller Stille, Ingo. Und Sie sitzen inzwischen in
England oder Italien und schreiben ein Buch über Heroismus.”
So sprach Tante Adelheid und las dann in ihrem besinnlichen und etwas
trockenen Ton einige Stellen aus Elisabeths Briefen vor. Ingo zog
erstaunt und bewundernd die Brauen hoch und hörte mit Ehrfurcht zu.
Dann aber stützte er das Kinn in die Hände, versank ins Brüten und
verweigerte weitere Gefolgschaft. Denn er sah plötzlich die flimmernde
Fläche des Genfer Sees, einen Nachen darin und zwei Menschen Hand in
Hand.