Voltaires Diabolik und Rousseaus dumpf-ungestümem Freiheits- und
Liebesdrang sind an diesem Genfer See noch Strömungen in der Luft ...
Es ist Nacht: Zeit der Dämonen. Zeit der Sonnenferne, Zeit der
Mondherrschaft. Es ist Nacht: Gespenster- und Verräterstunde! In
der Nacht verriet Petrus den Herrn; als der Hahn krähte, als die
Sonne wieder alles Leben beleuchtete, erwachte sein höheres Ich zum
Bewußtsein der niedrigen, sonnenfernen, gottfernen Tat ...
Teile der Nacht sind in uns allen. Unbetretene Schluchten, luziferische
Mächte, Dämonen des Abgrundes. Und Diabolik oder Koboldwesen und
Nixentum steckt auch in jedem naturstarken Weibe ... Elisabeth ist
naturstark ... Freilich, das edle Weib beherrscht die Dämonen; sie
werden dann Freunde und dienen der stolzen Herrin. Aber das schwache
Weib? Das läßliche und passive Weib? ...
Ich bin furchtbar allein! ...
O mein Gott, wie grauenhaft bin ich allein! ...
Zum erstenmal in meinem einsamen Leben wahrhaft mutterseelenallein! ...
Klammre dich nicht an ein Weib, mein Herz! Ein Weib kann nicht
geleiten, kann nur begleiten, wenn du selber stark bist. Sie kann den
Lebenskampf erleichtern, aber nicht bedeuten, nicht dir ersparen; sie
kann Reizmittel sein, nicht Nahrung. Nahrung aber müssen Mann und Weib
aus übersinnlichen Sphären holen. Wenn dir dahin der Pfad versperrt
ist, wenn du nimmer glaubst an Sitte und Gottheit -- dann allerdings
ist Geschlechtslust dein niederträchtiger Ersatz -- und Zerrüttung das
Ende!
Das ist des Lebens Tragik: bei innigster Liebe und reinster Absicht in
entscheidenden Stunden ganz allein zu sein! Es gibt Stunden, die dir
den Atem benehmen, wo du mit niemandem sprechen kannst, auch nicht mit
dem besten Freunde. Das muß allein durchgekämpft werden. Beiß Zähne
zusammen! Kämpf' es durch! Sprenge die Rinde! Neue Kraft formt neue
Lebensrinde! Und nicht bitter werden, nicht bitter! Es ist wie ein
Sterben, denn du mußt dich von etwas Geliebtem trennen. Doch morgen
bist du hindurch -- und die Wunde wird vernarben -- und du bist stärker
als zuvor ...
Ich spüre die Geisterfreunde vom Montserrat, ich spüre die Jungfrau von
Lourdes. Habt Dank! Bald bin ich vollends in eurem unbekannten Lande,
wo es nur Liebe gibt, nur Treue ...
Als der Vollmond über den See hing,
Als die tückisch bewegliche Welle
Ruhigen Lichtes lag, nur leise blinzelnd --
Dacht' ich, wie diese falsche Woge
Tückischen Sturmes fähig sei,
Schneeweiße Fäuste ballend,
Ein zornig Weibchen -- das gestern
Zärtliche Geliebte war.
Traue der Welle nicht, Wandrer!
Trau' nicht dem Weibe!
Ach, mich quälen Wahnsinnsgedanken,
Da ich der Süßen mißtraue,
Die mir so lieb war!
Denn keine Treue wohnt in der Welle,
Ach, keine Treue im Weib! Denn im Kusse,
Insgeheim, in dunklen Tiefen,
Denkt sie des andren!
Ach, wer will eines Weibes Gedanken gebieten!
Wer den ewig beweglichen Wellen! ....
Es ist Gift in meinem Blut! Es sind Dämonen in diesem Zimmer! Dieses
Genf ist voll von Dämonismus! Ward nicht da draußen eine Kaiserin
ermordet? Ja, das ist es! Bin ich nicht vorhin über die Stelle dieser
schwarzen Tat gegangen? Sie ward mitten ins Herz getroffen von jenes
Mörders Stilett, es floß kein Tropfen Blut, sie hat immer im Leben
Reinlichkeit geliebt. Ruhelose, du bist viel gewandert: wandernd
stiegst du in Charons Nachen! Ihr Lieblingsdichter war der zerrüttete
Heine, ein Verwandter des größeren Byron, der den Gefangenen von
Chillon besungen hat -- Freiheitsucher, denen Europa und die Erde zu
eng war! Weiße Schwäne schwammen am Ufer, wo sie getötet ward; und die
weißen Berge schauten machtlos dem schwarzen Frevel zu ...
Leben, du bist erschütternd kurz! Elisabeth, die du jener Kaiserin
Namen trägst, wir wollen einander gut sein! Meine Elisabeth, wir wollen
uns treu sein! Vergib, Elisabeth, denn ich bin dir selber zuerst untreu
geworden! Und du hast recht, es mir zu vergelten. Vergelten?! Du -- und
vergelten?! Du bist ja frei, du bist durch nichts an mich gebunden! Es
hat mich nur einen Augenblick erschüttert, daß du nun doch einen andren
liebst. Sei glücklich -- aber sei nicht unvornehm, meine Vornehme!
Freunde sollen aufeinander stolz sein können: ich will stolz sein auf
meine vornehme, keusche, stolze Freundin Elisabeth, auch wenn sie einem
andren gehört. Wohl bin ich dem Glück nachgejagt, auch jetzt noch, aber
das Glück hat mich gefoppt auf allen Wegen ...
Euer Plan ist verloren, ihr ewigen Götter,
Wenn ihr wähntet, ich würde als Heil'ger wandlen,
Den harten Blick empor auf das Ewige richtend,
Bußpredigend wandlen durchs reinere Deutschland!
Nein! Mich überwältigt der Drang nach Liebe!
Jene, die mich in fernen Kindertagen
Aufgeweckt und mein Blut zum Singen brachte --
Wieder such' ich sie heiß und suche Liebe!
Wieder muß ich hinab, hinab zu Menschen!
Noch nicht bin ich zum Aufstieg auf den Gralsberg
Reif genug -- und werd' es im nächsten Dasein
Redlich büßen -- doch heute -- -- Liebe! Liebe! ...
Die flüchtige Auskunft eines Kellners, ein Blick auf einen Kahn, eine
dumpfe Angst und Ahnung -- es genügt, mir eine Fiebernacht zu schaffen!
Ich glaubte mich im bequemen Besitz, ich ward herausgeschreckt. Nun
kannst du spüren, mein Herz, wie zäh und fest meine Jugendfreundin
mit mir verwachsen ist! Nun, da du verlierst, nun weißt du, was du
besessen! ...
Bin gealtert, leidgeschüttelt
Und ergraut an beiden Schläfen --
Liebste, doch noch einmal möcht' ich
Daß wir uns im Walde träfen.
All die süßen Liebesworte,
Die ich dir vor sieben Jahren
In dein schweres Haar geflüstert,
Solltest du aufs neu' erfahren.
Wenn der Knabe küßt, so ist es
Wie das Schilf im weichen Winde --
Doch des Mannes Kuß vergleich' ich
Starkem Sturmgebraus der Linde.
Warst du dort die Honigblüte,
Dran ich wie ein Falter naschte,
Oder warst du mir die Waldfee,
Die ich leichten Sprungs erhaschte --
So ersehnt jetzt Mannesvollkraft
Eines starken Weibes Fülle,
Und es trennt die reifen Gatten
Weder Bänglichkeit noch Hülle ....
* * * * *
Wunderlich wechselnd ist eines phantasiereichen Menschen
Empfindungsleben.
Als Ingo von Stein nach geringem Schlafe am andren Morgen auf roten
Teppichen die Hoteltreppe hinunterstieg, war er über sich selber
erstaunt, wie spannkräftig er dennoch dem neuen Tag entgegenschritt,
als wäre der Gedankenspuk dieser eifersüchtigen Nacht gar nicht gewesen.
Es war zwischen sieben und acht Uhr, als er ins Frühstückszimmer trat.
„Noch niemand unten?”
„O nein! Erst gegen neun Uhr pflegen die Herren zu erscheinen; und die
Damen nehmen das Frühstück auf ihrem Zimmer.”
Er trank seinen Kaffee und trat hinaus in den köstlichen Duft eines
wolkenlosen Morgens. Nach rechts, über die Brücke, in den englischen
Garten. Auch dort irgendwo waren Boote zu vermieten; er nahm sich einen
schlanken Nachen und ruderte aus dem Hafen hinaus in den glatten See,
der flimmerte von Morgenduft und Morgenlicht.
Hatte des Nachts eine mittelalterliche Stimmung von Hexen und
Dämonen spukhaft über ihn Macht gehabt, so ward er jetzt umflutet
vom taghellen Schönheitsrausch des alten Hellas. Wie kraftvoll schön
die Welt! Wie anstrahlend Luft und See! Ein starkes Naturschauspiel
entfaltete sich unmittelbar vor seinem Nachen: ein großer Schwan,
von Maienbrunst getrieben, verfolgte stürmisch ein Weibchen; mit den
Flügeln klatschend, rauschend, flog er dahin, fiel auf offenem See
über das flüchtende Weibchen her, schlug den Schnabel in Hals und
Rücken des unter ihm schwimmenden Vogels -- und unter starkem Schreien
kämpften sie schwimmend den uralten Kampf der Geschlechter, so daß
Federn flogen und der See aufrauschte. Mehrere andre Schwäne umkreisten
mit erregt gesträubten Flügeln den immer wieder unterbrochenen und
immer wieder aufgenommenen Kampf. Leda und der Schwan! Das sinnlos
berauschte Männchen verfolgte das weibliche Tier über den halben See
hinüber; leicht schwimmende Federn bezeichneten die Fluchtlinie. Das
Bild paßte in die Kraft, den Farbenglanz und die Größe der Landschaft.
Der See schimmerte grün-bläulich, fast violett; die Häuserreihe von
Genf warf das Morgenlicht zurück; und dahinter erhob sich die ernste
Schneelandschaft der Juragipfel.
Dem Troubadour verdichtete sich der wildschöne Kampf des Schwanes um
sein Weib zum Sinnbild für ihn selber. So gedachte auch er um sein
Ideal zu kämpfen -- aus allen Irrfahrten heraus um das ganz bestimmte
einzige Weib, das ihn von Kind an geliebt hatte.
Er zog die Ruder ein, ließ sich treiben und redete mit den Nixen des
Genfer Sees.
„Nixen der Flut und der Forste, ich bitte, bleibt mir auch ferner
Freundlich gesinnt, wie so oft in der Heimat, im Thüringer Walde!
Ja, verdoppelt die Gabe! Denn zwiefach will ich nun werden,
Und es fürchtet mein Weib ein wenig die Rache der Nixen,
Die ich immer so herzlich geliebt wie die Wunder des Waldes.
Doch ich erzähle der Bangen, wie gut ihr seid und wie hilfreich,
Und bald wird sie euch lieben und wird sich freuen, zu schauen
So viel schöne Gesichtchen, so schöne Gewänder und so viel
Köstlich melodischen Lebensgesang, der nachts um das Haus weht
Und des Schläfers Gedanken und Sorgen verwandelt in Wohllaut.
Singt auch der Meinen! Singt meiner Gattin! Und was sie an Kummer
Oder an Krankheit geschaut und gepflegt -- verwandelt es, Geister,
Singend in Töne der Freude! Und habt sie lieb, wie ihr mich liebt!”
Dann ruderte er hafenwärts, erstand die schönsten Blumen und schritt in
das Hotel zurück.
Oben warf er sich in seinen dunkelgrauen Gehrock und schrieb auf seine
Visitenkarte, die er mit den Blumen hinüberschickte, er bitte um die
Ehre, den Damen von Stein seine Aufwartung zu machen. Nach Leroux und
Wallace hatte er sich vorerst gar nicht erkundigt.
Vor den Zimmern der Damen im Korridor auf und ab gehend, wartete er
pochenden Herzens auf Antwort. Es war ihm völlig ungewiß, wie man
ihn aufnehmen, ja ob man ihn überhaupt empfangen würde. Als er noch
wartend stand und sich bereits mit der Einbildung abzufinden suchte,
daß man seinen Besuch überhaupt nicht annehmen würde, kam von unten
ein Kellner und brachte ihm einen eben angekommenen Brief. Er erkannte
Trotzendorffs feste Handschrift. Doch hatte er eben nur Zeit, den Brief
einzustecken. Denn die Tür tat sich auf -- und raschen Schrittes trat
Elisabeth heraus.
„Ingo!”
Sie ließ die Visitenkarte fallen und stürzte mit ausgestreckten Händen
auf ihn zu, über und über erglühend und in diesem Augenblick wahrhaft
schön. Er ergriff ihre beiden Hände mit den seinen, und so standen sie
sich einen Augenblick gegenüber und schauten sich mit bebenden Herzen
an. Es war einer der schönsten Augenblicke seines ganzen Lebens. Alles,
was ihn gequält hatte, fiel von ihm ab, als sie sich hier Auge in Auge
gegenüberstanden. Der Gralsucher hatte die überwältigend beseligende
Empfindung: Ich bin am Ziel!
Aber sie befanden sich auf offenem Korridor, fremden Blicken
ausgesetzt, und so beherrschten sie sich rasch.
„Aber wie kommst du denn hierher?” rief Elisabeth.
„Dich und deine Mutter zu begrüßen; das ist doch ganz einfach!”
„Mama ist sprachlos vor Staunen, sie macht sich eben im Schlafzimmer
fertig. Komm nur herein in unsren Salon!”
Und sie traten ein.
Das Stubenmädchen, ein niedlicher Racker, der den Vorgang neugierig
beobachtet hatte, hob Steins zu Boden gefallene Visitenkarte auf und
ging damit trällernd und schnalzend an das andre Ende des Stockwerks.
Dort lag Leroux noch immer in den Federn, obwohl es über zehn Uhr war;
seine Schuhe standen vor der Türe. Der Pariser pflegte das Mädchen gern
zu necken, sie gab ihm die Neckerei zurück: sie legte die Visitenkarte
quer über seine Schuhe und erzählte dann kichernd den Kolleginnen, wie
zärtlich der neue Herr von den Damen auf Nr. 10 empfangen worden sei.
„Der sticht den Pariser aus -- wetten wir?”
Frau Baronin Mathilde von Stein-Birkheim war mit der ganzen Vornehmheit
ihres Wesens, das Spitzentuch über Kopf und Schultern, die große
Brosche mit dem Bild der Großherzogin am Halse, in den Salon getreten
und hatte, auf ihren Krückstock gestützt, stehend den offiziellen
Besuch ihres überaus höflichen Neffen entgegengenommen. Dann nahm
sie Platz und lud zum Sitzen ein. Sie war sonst wenig entzückt von
Ingo; es war für sie schwer, zu dem unberechenbaren Menschen ein
Verhältnis zu finden. Noch im Herausgehen wußte sie nicht recht, ob
sie den vermutlich ganz verwilderten Troubadour nicht gleich wieder
kühl entlassen solle. Jedoch die bejahrte Dame hatte eine Eigenschaft,
die in diesem Falle überwog: sie war ein wenig neugierig. Und da
Ingo mit wahrhaft ehrfurchtsvoller Höflichkeit ihre Hand küßte und
in unverwilderten Formen eine ritterliche Begrüßungsrede hielt, war
sie zunächst beruhigt und begann ihm umständlich ihre Krankheit zu
erzählen. Dann sprach man vom Leidenslager seines Bruders. Und dann
geriet das Gespräch ins Stocken; denn alle drei dachten an eine dritte
Kranke, deren Namen aber niemand nennen mochte.
Während bei dieser gemessenen Unterredung Baronin und Ingo einander
gegenüber saßen, stand Elisabeths hohe Palmengestalt am Lehnstuhl ihrer
Mutter. Sie hatte den Arm um die Lehne gelegt, leicht geneigt, und
schaute, sofern sie sich nicht zur Mutter herabbeugte, um eine Angabe
zu bestätigen, fast unverwandt den Geliebten an, so strahlend von
einem stummen Glück, daß dem Wandrer einmal über das andre ein warmer
Schauer über das Herz rann. Himmel, wie edel und reif dieses Gesicht,
wie ebenmäßig diese Gestalt! Wie gütig, warm und wonnig diese Augen!
Und wie hilflos-kindlich dieses Lächeln des Glückes, das sie offenbar
gar nicht zurückdrängen konnte! Nicht mit einem Wort beteiligte
sie sich unmittelbar an der Unterhaltung; darin war sie sich treu
geblieben. Und als sich Ingo erhob, um sich nach diesem ersten Besuch
wieder zu verabschieden, hatte sie buchstäblich außer den jubelnden
Eingangsworten keinen einzigen Satz an ihn gerichtet.
Ingo zog sich zurück und lief ein wenig durch die Stadt, nach der
Rousseau-Insel und hinauf nach dem inneren Genf. Und es muß gesagt
werden, daß er vor jedem Schmuckladen stehen blieb und die aufgereihten
Trauringe liebäugelnd betrachtete. Es gibt in Genf viele Schmuckläden.
Er wählte lang, trat endlich ein und erstand sich zwei Ringe. Er
kannte den Umfang ihres Ringfingers: er entsprach genau seinem eigenen
kleinen Finger. Mit den gediegenen Goldreifen in der Tasche setzte er
beflügelt und entschieden seine Wanderung fort, kreuz und quer durch
die ehrwürdige Stadt, doch blind für die Außenwelt.
Die Damen pflegten, wenn die Baronin sich besonders wohl fühlte,
unten zu essen, und zwar zusammen mit Ingos Freunden Wallace und
Leroux. Ersterer war wieder abwesend; Leroux begrüßte den Baron mit
auserlesenen Liebenswürdigkeiten; alle vier setzten sich an einen
besondren, blumengeschmückten Tisch. Elisabeth war in weißem Kleide,
trug am Gürtel einige von Ingos Maiglöckchen und war in ihrer süßen
Verzauberung einer Braut nicht unähnlich. Am Halse des, wie immer,
hochgeschlossenen Kleides hing ein Goldkreuz mit rubinrotem Herzen: ein
Schmuck, den Ingo immer geliebt hatte.
René Leroux war aufgeregt; Ingo mit seinen gesunden Nerven benahm sich
gefällig, heiter und glücklich. Doch allmählich fielen ihm, während
er von seinen Reisen erzählte, die Blicke auf, womit der Franzose,
sobald er sich unbemerkt glaubte, beinahe bang und flehend Elisabeths
Augen suchte. Es lag etwas wie ein Werben, ja wie eine geheime
Verständigung in diesem Augenspiel. Elisabeth freilich, züchtig und
bräutlich und mit leuchtenden Glücksfarben vor ihrem Teller sitzend
oder am Weine nippend, schien gar kein Auge für ihn zu haben. Immerhin
bemerkte Ingo, wie sie einmal, Lerouxs zudringlichem Blick begegnend,
unwillkürlich errötete. Auch suchte der Pariser mehrmals eine gedämpfte
Privatunterhaltung mit Elisabeth anzuknüpfen. Die alte Dame in ihrer
freundlichen und etwas steifen Würde spürte nicht, was für Fäden
zwischen den drei übrigen Tischgenossen hin und her spielten.
„Ingo hat nach meinem Dafürhalten recht sehr gewonnen”, bemerkte sie
oben leutselig. „Er scheint mir rücksichtsvoller zu sein als früher,
wo er manchmal doch recht vorschnell war im Aburteilen. Und klug! Ich
muß schon sagen: wirklich klug! Aber der andre, der unruhige junge Mann
aus Frankreich, fängt an, mir nachgerade auf die Nerven zu fallen. Es
ist zwar ein wohlerzogener Mensch von guter Kinderstube, aber es wäre
passender gewesen, daß er mir oder dem Baron zugehört hätte, statt
immer dich in eine Unterhaltung verflechten zu wollen. Es war korrekt,
daß du ihm abgewinkt hast. Eine so zersplitterte Tischunterhaltung
macht mich nervös ... Wir werden um vier Uhr auf unsrem Balkon Kaffee
trinken, nicht wahr, Kind? Wenn ich noch schlafen sollte, kannst du ja
den Baron empfangen und so lange unterhalten.”
Ingo hatte mit Leroux noch einige Zigaretten geraucht und sich dann auf
sein Zimmer zurückgezogen. Hier durchdachte er, ziemlich gedämpft nach
dem Freudenausbruch des Vormittags, seine unangenehmen Beobachtungen.
Dann las er Trotzendorffs männlichen Brief.
„Mein alter Ingo!
Nach einem langen ersten Empfang (Audienz) bei unsrer Hoheit bin
ich soeben nach München zurückgekommen, wo es meiner lieben Frau
nach schmerzlichen Tagen zum Glück besser geht, und setze mich
sofort hin, um dir zu schreiben. Deine häufigen treuen Kartengrüße
sind eingetroffen, ebenso zu unsrem Erstaunen Deine Draht-Nachricht
von Deiner Reise nach Genf. Du bist doch immer der alte Sausewind,
liebster Junge! Was Teufels treibst Du denn nun plötzlich in Genf? Was
überhaupt so lange in romanischen Ländern? Mir ist das Herz wieder
aufgegangen, als ich deutsche Sprache um mich her vernahm. Na also,
nun zur Sache! Wir haben in jener fürstlichen Unterredung auch über
Dich gesprochen, Alter. Ich bin ins Zeug gegangen, daß die Schwarten
krachten. Dein Buch Heroismus (Du hättest es schlicht und deutsch
Heldentum nennen sollen) ist unter hoher Befürwortung (Protektion) nach
Berlin gegangen und soll an höchster Stelle gewürdigt werden, besonders
der Abschnitt über Friedrich den Großen. Und dann: in den nächsten
Monaten kommt Seine Majestät nach der Wartburg. Dort, an geschichtlich
bedeutsamer Stätte, wirst Du dem hohen Herrn vorgestellt. Ein Mann wie
Du darf nicht ziellos in der Welt herumlaufen, Du hast vaterländische
Pflichten, Freiherr von Stein! Verstanden? Wir werden bis dahin
überlegen, wo wir Dich an den rechten Platz stellen: Kunstakademie,
Hoftheater, Staatsdienst, Gesandtschaftsposten -- irgendwo müssen
wir Deine geistige Kraft verwerten. Du hast mich zwar oft gehänselt
wegen meiner angeblichen Vereinsmeierei: Sprachverein, Flottenverein,
Pfadfinder, Jugendwehr und so weiter -- laß gut sein, Junge! Das sind
rüstige Dinge und eines rechten Mannes würdig. Und ich fühle mich nun
einmal bis ins Mark als Mitglied der vaterländischen Gemeinschaft und
unsres deutsch-völkischen Arbeitsgebietes. Also, lieber Freund, kurz
und gut: im Herzen Deutschlands ist Dein Platz! Und drum verdirb mir
meine Bemühungen nicht und stell' Dich zur Verfügung, wenn von höchster
Stelle ein Ruf an Dich ergeht. Deutschlands Weltlage im Herzen Europas
ist ernst. Wer weiß, wie bald Angelsachsentum, Slawentum und Romanentum
sich über uns herstürzen werden! Oder wer weiß, was von innen her
gebraut wird! Da wird dann auch viel Faules hinweggefegt werden, was
dem Ernst und der Größe der Zeit nicht mehr gewachsen sein kann. Du
hast, wie der alte Joseph in Ägypten, in aller Stille Vorratshäuser
gebaut; dann, wenn die Nöte kommen, sollst Du Deine Kornkammern auftun.
Drum halte Dich bereit!
Deutschen Gruß, lieber Freund!
Dein Richard.”
Ingo gedachte dieses treuen und tapferen Mannes mit warmer
Herzensbewegung. Er sah im Geist den breitschultrigen Verfasser dieses
Briefes am Schreibtisch sitzen, den angegrauten Schnurrbart und das
militärisch kurze Haupthaar über das Papier gebeugt; er sah ihn, wie
er dann zufrieden ans Bett seiner Gattin trat und mit markiger Stimme
den Brief vorlas, denn zu all solchen Erzeugnissen holte er ihren Segen
ein; und er sah, wie sie lächelnd und lobend beistimmte.
„Er ist ein prächtiger Vertreter eines tatkräftigen Bismarckschen
Deutschtums”, dachte Ingo. „Aber ohne Romantik. Eine Gralsburg zu bauen
ohne Hilfe eines Vereins, wäre für Trotzendorff ein Wahn (in Klammern:
Chimäre) oder eine Einbildung (in Klammern: Ideologie oder Illusion).
Und ein Mann von geistiger Bedeutung hat nach Richards staatstreuem
Empfinden das Höchste erreicht, sobald er in amtlicher Stellung steht
mit Titel und Orden. Ihm ist der römische Staatsbegriff in Fleisch und
Blut übergegangen; aber die freie Genialität der Griechen, der Sinn für
Schönheit, Anmut, Geschmack? Mystik ist ihm ebenfalls verdächtig, Musik
ein allerdings sehr angenehmes Geräusch, ohne daß er in ihre seelische
Tiefe dringt. Kurz, Trotzendorff hat Stiefel, aber keine Flügel.”
Das ungefähr waren Ingos Gedanken über diesen in seiner Einseitigkeit
tapfren und treuen Charakter, der aus altpreußischer Zucht
hervorgegangen war.
Und doch mußte er sich sagen, daß dieser Soldat eine richtige
Empfindung gegenüber Ingos Schwärmerei ehrlich aussprach.
„Ich drohe mich in der Tat zu verflüchtigen, ich gehöre nach
Deutschland, in festes Wirken, wenn auch nicht in staatlich
abgestempelten Formen. Da hat er recht. Doch ob der realistische
Deutsche dem Idealisten Führer sein kann? Schwerlich! So wenig wie
der Körper dem Geist. Nur ein Mahner. Kein Kaiser darf Dichter
kommandieren. Sie sind beide gleichwertige Fürsten. Ich achte den
Reichskörper: aber mein Gebiet ist die Reichsseele.”
So wappnete sich hier, in aller Freundschaft, ein Deutscher gegen den
andren -- echt und selbständig beide, und doch erst in Gemeinschaft und
Ergänzung ein harmonisches Ganzes.
Dann ging er hinauf zu den Damen.
Er traf Elisabeth allein. Sie strahlte von innen einen eigenartigen
Zauber aus, sie war liebreizend und glückselig. Als er eintrat, legte
sie den Finger auf den Mund und deutete nach der Nebentüre.
„Mutter schläft noch”, sagte sie leise.
Er war beglückt, sie allein zu sprechen, behielt ihre Hand in der
seinen und setzte das Gespräch mit gedämpfter Stimme fort:
„Sind wir wirklich wieder einmal allein nach so langen Jahren? Es kommt
mir noch immer wie ein Traum vor, daß wir uns gegenüberstehen.”
„Mir auch, Ingo.”
„Und sag' mir, Elisabeth, denkst du noch genau so wie in der Kindheit?”
Sie wandte den Kopf, schaute befangen nach der Nebentüre und sah dann
wieder ihn an, innig und seelenvoll, aber stumm, als wollte sie sagen:
Sprich hier nicht darüber, aber lies in meinen Augen, du lieber Mann!
Sie setzten sich in die offene Balkontüre und unterhielten sich mit
gedämpfter Stimme. Ingo erzählte vom Montserrat und konnte sich nicht
enthalten, auch des Konsuls zu gedenken und von des ungewöhnlichen
Mannes wunderbaren Enthüllungen Andeutungen zu geben.
Doch hier spürte er bald ein feines Widerstreben.
„Man hört jetzt viel von solchen Ideen”, sagte sie. „Kommt diese
Bewegung nicht aus Amerika und England oder gar aus Indien?”
„Gewiß, ja, aber Bruck ist ein unabhängiger Mann.”
„Oh, es ist gewiß sehr interessant. Aber genügt schließlich nicht das
Bibelwort: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört, das hat der Herr
bereitet denen, die ihn lieben?”
Ingo mußte unwillkürlich lächeln. Das war sie noch immer, seine gute
Elisabeth!
„Gewiß genügt es! Es genügt ja auch, in Deutschland den Acker zu
bauen”, sprach er. „Wozu also Amerika entdecken? Wozu den Nordpol
suchen? Wozu gar mit Luftschiffen das höchst unsichere Element der Luft
befahren wollen? Man könnte ja am Ende einmal herabfallen! Nicht wahr,
Spießbürgerchen?”
Sie lachten beide.
„Da hast du recht, Ingo! Baue du nur Luftschiffe, aber flieg uns nicht
wieder fort! Übrigens auch ich interessiere mich lebhaft für Geister,”
fügte sie schalkhaft hinzu, „aber für verkörperte!”
Hier wurde angeklopft, und das niedliche Stubenmädchen brachte einen
Blumenstrauß mit einem Briefchen in geschlossenem Kuvert, gab die
Sachen an Fräulein von Stein und verschwand.