Nicht Zerknirschung in Sack und Asche lag seiner männlich-elastischen

Erscheinung, der ein Mozartzopf nebst Galanteriedegen recht artig

gestanden hätte, wohl aber schlichte Erkenntnis und reines Empfinden

dessen, was bisher versäumt und was künftig aufzubauen war. Das Rätsel

der Sphinx scheint ja so schwer und furchtbar und ist doch nichts

weiter als die klare, nahe, mutige Einsicht in Wesen und Würde unsrer

unsterblichen Menschenseele.

Ein tief empfundener Brief ging an Frau Friedel hinaus; ein herzlicher

Gruß an Elisabeth; warme, gute Worte an Bruder und Vater. Und als ihm

sein Freund, der Schriftsteller, aus nordischen Studien heraus eine

Ansichtskarte sandte, ein Waldbild von Birken und Tannen, ergriff den

Pilger das Heimweh nach Orgelton und Tempelstille des innig geliebten

deutschen Waldes. Stand noch die Tanne vor dem alten Thüringer

Herrenhause?

Die vorletzte Nacht auf dem Montserrat war wieder voll Schwermut. Wie

viel gute Arbeit hatte der Wanderer auf all der Irrfahrt versäumt!

Als er sich nach seiner Gewohnheit mit raschem Schwung zu Bett warf

und in die Wolldecke hüllte, streifte er die halbvergessene Laute.

Es klang ein Ton in die schmucklose Zelle. Da empfand er sein Leben

wie ein wehmütig Märchen, dessen irrender Held immer im Zauberkreise

umherwandert.

„Es war einmal ein Dümmling, der lief von Heimat und Jugendfreundin

fort und rannte in wunderlichen Windungen hartnäckig einem

verschleierten Frauenbild nach. Und als er endlich die ersehnte Gestalt

erreicht hatte und ihr den Schleier vom Angesicht riß -- wen sah er?

Seine Jugendfreundin!” ...

In unerwarteter Wendung wies ihm das Schicksal den Heimweg.

Denn am neunten Tag kam eine Karte aus Genf.

Dieser Kartengruß erregte des Spielmanns Phantasie bedeutend.

Wallace und Leroux, seine Bekannten von der Riviera, schickten diese

unvermutete und aufstörende Botschaft. Sie hatten sich in Genf mit

Freiin Elisabeth von Stein-Birkheim bekannt gemacht und sandten nun

gemeinsamen Gruß.

Jetzt war es mit Ingos Sammlung zu Ende. Mit einem Schlage sah er

seinen Pfad erhellt. Elisabeth in Genf?! Und bei Wallace und diesem

koketten Leroux?! Er wurde unruhig. Lebenshunger durchglühte wieder den

gesunden und kräftigen jungen Mann.

Schon am nächsten Nachmittag, immer rasch in seinen Entschlüssen, saß

er auf der Bahn, nach einem herzlichen, ja innigen Abschied von den

Freunden, und fuhr über Barcelona wieder nach Norden.

[Illustration]

[Illustration]

Achtes Kapitel

Am Genfer See

O ihr seid stark und wißt es nicht,

Denn stark ist nur der Liebe Band.

_Droste-Hülshoff_

Elisabeth von Stein-Birkheim saß mit ihrer Mutter am Fenster eines

Genfer Hotels.

Die edlen Profile der aristokratischen Damen hoben sich in der

Beleuchtung des späten Nachmittags deutlich hervor. Beide Langköpfe

glichen einander in der graden Stirn und Nase und ebenso in der Knotung

der schweren Haare. Nur war die alte Dame silberhaarig, die junge

dagegen von einem matten Rotblond; und dem bleichen, etwas gelblichen

Antlitz der zurückgelehnten Kranken entsprach auf der andren Seite die

zartrosige Gesichtsfarbe der immer grade sitzenden Elisabeth.

Sie hatte aus einem Roman des Franzosen Romain Rolland vorgelesen, der

sich durch sonnige Stimmung abhebt von den üblichen Erzeugnissen dieser

Art. Aber die Damen hatten dabei festgestellt, daß ihr Französisch

ziemlich verblaßt war; Elisabeths lange und feine Hand hatte mit

störender Häufigkeit das Taschenlexikon befragen müssen. Nun griff sie

wieder zu ihrer Stickerei und gestand ihrer Mutter, daß sie sich jetzt

erst wieder auf vertrautem Boden fühle.

In läßlichem Geplauder gingen einige Minuten vorüber. Dann schlug Frau

von Stein plötzlich ein Gespräch an, das scheinbar ohne Zusammenhang

mit dem Vorausgehenden in der Luft hing.

„Ich muß mich immer wieder verwundern,” sprach sie in ihrer vornehm

gedämpften und ziemlich kühlen Art, „wie es dieser Phantast Ingo so

lang im Ausland, in Frankreich oder wo er sich sonst herumtreibt,

aushalten mag. Er scheint doch von der hübschen Trotzendorff mehr als

schicklich engagiert zu sein.”

Die betagte Dame sprach mit einer etwas dünnen, spröden, vor Alter und

Gebrechlichkeit leicht zitternden Stimme; und sie sprach sehr langsam

und bedächtig, fast ein wenig geziert.

Elisabeth gab zunächst keine Antwort; denn da war eine wehe Stelle, die

bei der leisesten Berührung empfindlich schmerzte.

Dann aber äußerte sie leichthin:

„Laß du ihn nur ganz ruhig auf seinen Meeren fahren, Muttchen! Er wird

sich schon einmal wieder an Land finden.”

Ihre Stimme war um manche Grade voller und herzlicher als die ihrer

eingefallenen, vertrockneten Mutter, obwohl sich im zurückhaltenden Ton

beide Damen glichen.

Dann schwiegen sie wieder. Frau von Stein zog die Decke fester um

die Knie, faltete die Hände und schloß ein wenig die Augen. Auf der

Straße fuhren die Wagen; jenseits des Hafens schimmerten bläulich die

beglänzten Alpen. Doch der breite, weiße Montblanc, der sonst wie ein

Weihnachtsland zwischen den Gipfeln des Môle und des Petit-Salêve

herüberschimmert, blieb heut' im Duft verborgen.

„Ich verstehe nicht,” spann die Mutter nach einem Weilchen hartnäckig

den Faden weiter, „wie er sich so auffallend an die Trotzendorffs

anschließen konnte. Ihnen zuliebe hat er sich in Weimar die Wohnung

eingerichtet und ist auf dem Gute überhaupt nicht mehr zu sehen. Alle

Welt spricht davon, und dieses Verhältnis ist auch ganz und gar nicht

zu billigen, das wirst du mir nicht bestreiten, Elisabeth.”

Elisabeth bestritt es nicht. Sie nahm sich zur Antwort Zeit und sagte

nach einer besinnlichen Pause:

„Nun, Mama, es ist aber schließlich doch wohl zu begreifen. Unter

seinen Verwandten und früheren Freunden ist er mit seinen poetischen

und musikalischen Interessen so gut wie gar nicht verstanden worden,

das wirst du doch zugeben. Und dann -- Frau von Trotzendorff ist eben

eine Künstlernatur, die ihn versteht. Auch die beiden Knaben hängen

sehr an ihm, und Richard ist von Kopf zu Fuß ein Edelmann.”

„Das ist ja wohl wahr”, nickte die Freifrau. „Dieser Major von

Trotzendorff ist ein Gentleman, ein nobler Charakter, das muß man

gelten lassen. Aber es ist doch nicht schicklich, dieses ganze

Verhältnis; der Gatte sollte minder tolerant sein. Nein, nein, du

redest mir das nun einmal nicht aus! Dieser Ingo ist überhaupt

sonderbar; ich habe ihm nicht vergessen, wie er einmal über den

preußischen und pommerschen Adel demokratisch abgeurteilt hat. Das

sind Anwandlungen, die in seine Familie ganz und gar nicht passen. Ich

bitte dich, am offenen Tisch zu behaupten, einem richtigen ostelbischen

Junker sei ein Kalb wichtiger als ein Dichter! Wie kann ein Sohn aus

altem Hause so unfair über Standesgenossen urteilen! Aber so ist er!”

„Wenn er aber nun recht hätte, Mama?”

„Elisabeth!”

„Im Ernst, Mutti: wofür hat zum Beispiel Ingos Bruder Interesse? Für

Hunde, Jagd, Pferde, landwirtschaftliche Ausstellungen -- und was noch?”

„Ja gewiß -- aber -- er ist doch nun einmal Landwirt! Gewiß, ich gebe

ja zu, Ingo ist ein intelligenter Mensch. Aber wie weit hat er es denn

gebracht mit all seiner Intelligenz? Und weil er es zu nichts gebracht

hat, droht er nun zu verbittern und zieht sich von den natürlichen

Lebensgewohnheiten seines Standes ins Ausland zurück. ~Voilà, ma

chère!~ Das bestreite du mir einmal, wenn du's vermagst! Er hätte

Offizier werden oder sich dem Staatsdienst widmen sollen. Solche

Talente gehören in die Nähe Seiner Majestät, er wäre da sicherlich ein

großer Mann geworden.”

„Hast du in der Nähe Seiner Majestät schon einmal große Männer gesehen?”

Es zuckte ironisch um Elisabeths Mundwinkel; sie war sonst sehr

gehalten, sehr höflich und herzlich, sehr konservativ. Aber mitunter

brach eine sinnlich-wohlige Laune aus diesem gesunden Mädchen heraus,

dessen Lebensgeister einst in verliebten Stunden wachgeküßt worden und

nun seit langem nur der Krankenpflege zugekehrt waren. Und in solchen

Stimmungen kamen, immer noch fein und dezent, aber recht merklich,

Kobolde und Neckgeister über die ehemalige Schwester vom Roten Kreuz.

Es gelüstete sie dann, gerade ihre allzusehr auf das Schickliche

bedachte Mutter in die Enge zu treiben.

„Elisabeth, ich weiß wirklich nicht, wie du mir heute vorkommst”,

wehrte sich Frau Mathilde von Stein. „Du weißt doch ganz gut, was ich

mit dieser Bemerkung sagen will. Ich habe ja absichtlich dem Gespräch

eine Wendung gegeben, die dir angenehm sein muß. Stein ist begabt, er

könnte ebensogut wie ein anderer etwa Generalintendant der Königlichen

Schauspiele sein, das will ich damit nur sagen.”

„Hältst du die Generalintendanten der Königlichen Schauspiele für große

Männer?”

„Aber es sind doch Leute von Titel und Rang! Stein hat doch gewiß

ebensoviel Verstand!”

„Glaubst du, daß zum Generalintendanten Verstand gehört?”

„Ja aber -- hör' mal, Kind, du willst mich heute ärgern!”

Elisabeth sprang lachend auf, legte den Arm um ihre Mutter und küßte

sie in einem närrischen Anfall ordentlich ab.

„Muttichen, kleines, du hast ja keine Ahnung, wie es draußen in der

Welt zugeht! Aber auch gar keine Ahnung hat unser kleines, dummes

Muttichen!”

Die Baronin ärgerte sich, zupfte sich wieder zurecht, und die Baroneß

nahm ihre Stickerei wieder auf.

„Über diesen Ingo von Stein werd' ich mich mit dir schwerlich jemals

verständigen, Elisabeth”, schloß die alte Dame etwas verdrießlich die

Unterhaltung über diesen Gegenstand. „Du hast ja schon als Kind immer

zu ihm gehalten. Und heute noch stellst du dich wie ein Engel mit dem

Schwert neben ihn, sobald man diesen absonderlichen Herrn ein wenig zu

kritisieren wagt. Und dabei hat er doch wahrlich nicht schön an dir

gehandelt.”

„Laß das, Muttchen!”

Eine stärkere Röte stieg in Elisabeths Schläfen empor. Sie preßte

die Lippen aufeinander, entschlossen, auf das Gespräch nun nicht

mehr einzugehen. Die Mutter kannte diesen Zug und schwieg. Und so

hatte sie Zeit, an den Geliebten zu denken, den diese Unterhaltung

wieder heraufbeschworen hatte. Sie ertappte sich plötzlich auf der

sinnlich-süßen Vorstellung, wie innig und närrisch er doch zu küssen

und zu kosen verstand, nicht nur ihren Mund, auch ihre Ohrläppchen

und andre Lieblingsstellen, wenn er einmal so recht in der Narrheit

drin war. Ihr selbst war eine passive, aber zähe Sinnlichkeit eigen;

sie preßte ihn in ihre starken Arme, als wollte sie ihn nie mehr

fortlassen, und ließ mit Wonne seine phantasiereichen Koseworte über

sich herabrieseln, als hätte sich der Himmel geöffnet und Jupiter

besuchte seine Geliebte in Form eines Goldregens. Der Geliebte war oft

stürmisch, doch niemals roh; aber oft auch zornig, weil „der Stein nur

Stein umarme”!

Und da wurden ihre Gedanken düster und wurden sehr beschattet. Denn

hier fing das Leid ihrer Trennung an. Sie war gegenüber seinen

sturmhaft-närrischen Einfällen und Zärtlichkeiten zu schwerfällig, zu

unerfinderisch, während ihm Genialität aus allen Poren sprühte und dann

unbefriedigt und verdrossen wieder erlosch.

Dies alles, oft schon durchdacht, zog wieder einmal durch Elisabeths

reifes und tiefes Gemüt.

In einem der letzten Briefe hatte er ihr damals geschrieben, er sei in

der umgekehrten Lage als jener griechische Bildhauer: „während jener

Glückliche die schöne Statue lebendig geküßt hat, wirst Du unter meinen

Küssen immer mehr zur schönen Statue”. Oh, sie wußte diese Briefstellen

auswendig! „Hast Du je um Deinen Geliebten gekämpft? Hast Du nicht

immer bequem gewartet, bis er zu Dir kam? Hast Du je eine kühne,

meinetwegen unschickliche Fahrt gewagt, wenn Du ihn in seelischer Not

wußtest?” So stand in jenen letzten Briefen. „Du bist reinlich und

ruhig, höflich und herzlich; aber Dir fehlt Phantasie und Philosophie,

Du bist schwer, statt schwungvoll.”

„Ja, das ist alles wahr”, dachte Elisabeth in immer erneuter

Beschämung. „Und was ich ihm nicht geben konnte, das hat ihm dann jene

Frau gegeben.”

Es stieg ihr siedend heiß das herbste und letzte seiner Zornworte in

der Erinnerung empor; auf sein letztes Buch, das er ihr mit langem

Brief gesandt, hatte sie nur in der ihr eigenen konventionellen Kürze

geantwortet: das Buch wäre recht „nett”, und sie danke schön dafür.

Da brauste er aber heftig auf. „Ich sende Dir mein Herzblut -- und Du

findest es nur nett?! Abscheulich Wort! Pfui, schäm' Dich!”

Ja, sie schämte sich. Elisabeth schämte sich bitterlich. Das war sein

letzter Brief gewesen. So hatten sie sich verloren. Weil sie zum

Mitfliegen zu lässig und oberflächlich war. Aber inzwischen hatte

Elisabeth in Pommern drei aufrüttelnde Lehrjahre durchgemacht. Jetzt

glaubte sie Ingos Bücher und Briefe zu verstehen; und sie gab ihm recht

in allem, sich selber die Schuld aufbürdend und für ihn betend jede

Nacht ...

Es pochte.

Der Oberkellner trat ein, überreichte einen Blumenstrauß nebst

Briefchen und entfernte sich wieder.

„Gewiß wieder von dem reizenden jungen Franzosen”, meinte die Mutter.

„Das ist ein wirklich charmanter Mensch.”

„Ja, von Leroux. Er sendet dir die Blumen, Mama, und mich lädt er zu

einer Kahnfahrt ein.”

„Tu das, Kind, geh ein wenig an die Luft! Du tust mir sogar damit einen

Gefallen, denn ich möchte recht gern ein klein wenig ruhen, es war

heute reichlich viel Lektüre.”

So machte sich denn Elisabeth zurecht und war Weib genug, in ihrem

Zimmer verhältnismäßig lang vor ihrem Spiegel zu stehen. Sie war nach

der Grübelei wieder in jene lebensheitre Stimmung zurückgeschnellt und

in ihrem kribbelnden Blut beinahe zu Streichen aufgelegt.

Der mattleuchtende Vollmond stand schon über dem Gipfel des Môle und

wetteiferte vorerst machtlos gegen die stark hereinschimmernde, das

ganze Land beherrschende Abendröte. Der junge Pariser war entzückt, daß

die Baroneß auf seinen Vorschlag einging. Sie wanderten miteinander den

Quai du Montblanc entlang, nahmen am Hafendamm ein Boot und fuhren

hinaus.

Veilchenfarben glänzten Luft und See. Die ölige Fläche war von

zauberhafter Glätte; lange Furchen blieben hinter Schwänen und Nachen

weithin eingegraben in die schweren, stillen Wasser. In diesen

bezaubernden Farben ruderten die beiden jungen Menschen durch die

unbewegte Flut und spürten auch in sich den alles belebenden Mai.

René Leroux war eine eigenartige Mischung von Kindskopf und

kultiviertem Pariser. Er entbehrte bei aller muntren Treuherzigkeit

nicht ganz des koketten Raffinements. Da sich die beiden sympathischen

Herren als Freunde Ingos eingeführt hatten, so war rasch ein

vertraut-höfliches Verhältnis zu den deutschen Damen hergestellt, die

ziemlich neugierig waren, Näheres über den abenteuernden Verwandten zu

hören. Die kränkelnde Freifrau brauchte viel Ruhe; Elisabeth war also

dankbar für diesen willkommenen Anschluß, der sich in den besten Formen

der Gesellschaft vollzog.

Das große deutsche Mädchen hatte auf den etwas jüngeren Franzosen

sofort einen unwiderstehlichen Eindruck gemacht. Er war elektrisiert.

Wie reif! wie ruhig! wie edel in der Bewegung! wie hübsch die Büste,

das Haar, der ganze schlanke Bau, der an jene herrlichen Statuen am

Südportal des Straßburger Münsters erinnerte: Kirche und Synagoge!

Er konnte seine schwarzen Augen kaum von ihr abwenden. Es ist sogar

zu vermuten, daß er mit dem Namen Stein erst dann auf Fischfang

ausging, als ihm diese Trägerin des Namens auch als Weib angenehm

aufgefallen war; an sich hätte ihn eine Verwandte Ingos vermutlich kaum

interessiert. Doch blieb er bei aller Verliebtheit doppelt ehrerbietig;

und besondere Höflichkeiten verschwendete er klugerweise an die Mutter.

Er lauschte sich in die Interessen der Damen hinein; er war es, der

ihnen die Romanreihe „Jean Christophe” empfohlen hatte; er fühlte sich

belebter und vornehmer im Bannkreise Elisabeths. Und es war bei ihm ein

ehrliches Empfinden, kein Täuschungsversuch; er war von der eher herben

als eigentlich schönen, doch äußerst anziehenden und eindrucksvollen

Erscheinung des thüringischen Edelfräuleins hingerissen.

Das Weib Elisabeth merkte dies. Und das Weib blieb nicht gleichgültig,

nicht unberührt. Wieviel Lebenshunger war in ihr angestaut! Und so

antwortete irgend etwas in ihrem Organismus den sinnlichen Strahlungen

des heißverliebten Franzosen ganz von selber. Denn die Sehnsucht nach

Ingo brach immer wieder aus geheimen Quellen empor, überflutete Adern

und Nerven und ließ die volle Brust zu eng werden. Dann kam sie sich

wie eine unbenutzte Kraftfülle, wie verschmähte Gesundheit vor; und

der Verdruß des Wartens und Alleinseins bäumte sich auf Augenblicke in

ihrer edlen Natur hochauf, ohne daß sie sich dagegen wehren konnte. Es

waren Wallungen, die nicht dem Willen zugänglich waren, Wallungen der

rätselhaften weiblichen Natur.

So war es auch heute.

Leroux hatte das Herz voll von sinnlicher Schwärmerei für das vor

ihm sitzende, mit Kraft geladene junge Weib, das er hier über den

leuchtenden Genfer See ruderte; und es schien nur einer Berührung

zu bedürfen, so sprühten elektromagnetische Funken aus diesem

Kraftbehälter weiblichen Reizes. Er schaute sie flammend an, sie

senkte den Blick; dann lachte er wieder unbefangen und radebrechte

das drolligste Deutsch, und sie lachte mit. Unauffällig veranlaßte

sie ihn, von seinem Zusammensein mit Ingo zu erzählen. Der helle

Pariser wußte darüber wenig zu sagen, aber er erfand nach Kräften

hinzu, um ihr Freude zu machen. Dann kam er auf sich selber zu reden;

und im Handumdrehen war er mitten in der flüssigsten französischen

Liebeserklärung, die sich zu heißen Worten steigerte. Er trug ihr

schlankweg seine Hand an. Er sei ein Sohn aus reichem und gutem Hause,

er würde Deutsch lernen, auswandern, nach Kanada, nach dem Monde, sogar

nach Thüringen, wenn sie ihn wolle, denn er liebe sie leidenschaftlich.

Und er warf die Ruder in den Kahn und ergriff ihre Hände, die in der

lauen Flut gespielt hatten.

Jetzt erschrak Elisabeth denn doch über diese andringende Glut;

aber sie entzog ihm die Hände nicht. Sie verglich nur blitzhaft die

stürmische Werbung dieses Ausländers mit der Teilnahmlosigkeit ihres

ehemaligen deutschen Geliebten. Solche Gefühle kannst du erregen,

dachte stolz das Weib in ihr, und Ingo hat dich verschmäht! Ach, das

kurze Leben! Mißachtet und verlassen am Wege liegen zu bleiben, -- o

wie bitter! Und hier lockt berauschende Leidenschaft! Hier lockt das

Feuer eines hübschen jungen Mannes und will deine Kühle hinwegschmelzen

und bietet dir seine Küsse und sein ganzes Sein und Haben an! ...

So saß Elisabeth mehrere Minuten in der beginnenden Maienmondnacht,

äußerlich mit abweisendem Gesicht ins Wasser schauend, aber die Hände

in ihres Bewerbers heißen Händen und überschüttet von den Liebesworten

des lebhaften Kelten.

In solchen Sekunden hängt eines Weibes Schicksal an einer geringsten

Bewegung, an einem Nichts. Aber Elisabeth strömte auch in dieser

bedenklichen Stunde, wo ihr Blut für männliche Werbung empfänglich war,

eine natürliche Reinheit aus. Es war in ihrem Antlitz so gar kein Zug

schwächlichen Entgegenkommens, daß der Bedrängende nicht wagte, über

das Schickliche hinauszugehen. Sie entzog ihm endlich die Hände, strich

über die Stirne und schaute ihn mit fernen Blicken an. Die Bezauberung

wich.

„Es ist eigentlich nicht liebenswürdig von Ihnen, Herr Leroux,” sprach

sie, und es war wieder der ruhige Ton ihrer Mutter, „daß Sie mich da

ganz unvermutet auf einer Kahnfahrt mit so ernsten Dingen überfallen.

Das müssen Sie über Nacht einmal ruhig überlegen. Ich nehme an, daß

Ihr Wunsch, mir Angenehmes zu sagen, Sie fortgerissen habe. Wir wollen

nicht mehr hierüber sprechen. Es wäre ja schade, wenn wir uns diesen

schönen Abend stören würden. Nicht wahr?”

Und sie hielt ihm lächelnd und nun wieder ganz überlegen die Hand hin,

die er sofort nervös und lachend schüttelte; worauf er elastisch zu den

Rudern griff und ausrief: „Verzeihen Sie mir, aber der Abend und Ihre

Nähe berauschen mich!”

„Der Abend? Es ist ja Nacht! Nun schnell zurück! Wir sind ja da fast zu

dem Park Monrepos hinübergetrieben und sicherlich wohl schon halbwegs

nach Coppet geraten! Flink! Oh, sehen Sie nur, die Lichterreihe von

Genf! Und sehen Sie dort: der Vollmond. Und hier der feurige Drache,

der Dampfer! Nur flink weiter, sonst ängstigt sich meine Mutter!”

So fuhren sie in die Lichter zurück, die in großem Halbkreis um den

Genfer Hafen stehen. Und der gewandte Franzose suchte unter doppelt

lauten und heitren Gesprächen seine Niederlage zu verbergen ...

* * * * *

Ingo von Stein war von Barcelona, nach flüchtigem Besuch bei Schaller,

direkt nach Avignon durchgefahren.

In der wohlbekannten Papststadt wurde Rast gemacht; die spanischen

Eindrücke verlangten hier noch einmal Verarbeitung. Jetzt stand er

einsam auf dem ~Rocher des Doms~ oberhalb der Rhone, wo er einst mit

Friedel von jenem Mädchenphantom geplaudert. Und ihm war, als wären

Jahre, nicht Wochen, seit seinem letzten Aufenthalt in Avignon an

ihm vorübergerauscht und hätten ihre Spuren hinterlassen. Baumwipfel

schienen vor der Aussicht hinweggeräumt, der Blick wurde frei,

Jugendland tat sich abermals auf; Cousine Elisabeth stand am Parktor

und winkte dem gereiften Pilger; und sie traten ein in das Freiland

maßvoll beruhigter Schönheit und Weisheit und Liebe.

Wunderlich war es, wie er sich nun nach Elisabeth sehnte! Diesem Drange

frischweg folgend, fuhr er vom reizvoll ummauerten kleinen Avignon über

die offene große Handelsstadt Lyon immerzu das Rhonetal hinauf nach der

ernsten Calvinistenstadt Genf und stieg dort in demselben Gasthof ab,

in dem die Damen und ihre beiden jungen Begleiter wohnten.

Gerade als Leroux und Elisabeth das Boot betraten, zog Ingo im Hotel

seine erste Erkundigung ein. Ja, diese Gäste wären hier, gab man ihm

Bescheid, aber außer der leidenden alten Dame alle ausgegangen. Wohlan,

so wusch er sich denn auf seinem Zimmer und trat dann gleichfalls

hinaus in die Zauberfarben dieses unvergleichlichen Maienabends. Allen

Damen am rosig hellen Ufer spähte er unter den Hut: ist sie dies? oder

jene dort? Nach den seltsamen Fahrten dieses Frühlings überwältigte

ihn das Verlangen nach deutschen Lauten, nach thüringischen Gesichtern,

nach fester Erdenwirklichkeit. Und hier also, unter diesen Menschen,

die sich in verklärender Beleuchtung am Strand ergingen, irgendwo

unter diesen Menschen mußte auch Elisabeth sein. Es gab also hier eine

lebendige Seele aus Fleisch und Blut, die er _sein_ nennen durfte!

_Seine_ Elisabeth! Die ihn heute noch liebte wie vor fünfzehn Jahren,

als sie ihm unter dem Herbstgold thüringischer Buchen den ersten Kuß

der Liebe gab!

Er ging aufmerksam spähend am Strand entlang bis zum Park Monrepos.

Auch auf die Boote, die reinlich abgezeichnet auf silberner Flut

schwammen, richtete er sein scharfes Auge. Es bemächtigte sich seiner

ein feines Fieber besorgter Unruhe. Wo ist sie? Ausgegangen mit Wallace

und Leroux? Oder nur mit einem der Herren -- und mit wem?

Die Boote beobachtend, blieb er mit plötzlichem Erschrecken stehen:

die hohe Dame dort im Nachen mit dem starken Haar und dem graden Wuchs

-- war sie das nicht? Er spähte lang in die sinkende Nacht hinein; sie

hatten die Ruder eingezogen, sie hielten sich an Händen. Allein das

war wohl schon die dritte oder vierte Dame, die er heute abend für

Elisabeth gehalten hatte. Er lachte sich selber aus und kehrte ins

Hotel zurück.

„Noch nicht zurückgekommen?”

„Bedaure, nein.”

„Aber es ist ja Nacht.”

„Herr Wallace kommt immer spät zurück, denn er malt im Gebirge.

Herr Leroux und Fräulein von Stein haben wahrscheinlich wieder eine

Kahnpartie gemacht.”

„So, so!”

Er schwieg einen Augenblick, biß sich auf die Lippen und warf dann die

Worte hin:

„Sagen Sie weiter nichts, daß sich jemand nach den Herrschaften

erkundigt hat. Es wird sich ja morgen alles finden. Schicken Sie mir

den Kellner auf mein Zimmer, ich werde oben eine Kleinigkeit essen.”

Der umhergetriebene Troubadour schlief in dieser Nacht keine Stunde.

Doch sein Tagebuch füllte sich mit peinvollen Gedanken.

* * * * *

_Aus Steins Tagebuch_:

Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart · 第 10 / 17 段