dies tiefe, friedevolle Schweigen. In diese heilige Stille gleitet
ein lichtschimmerndes Wesen, ein Gottesgedanke, zu Seele geworden;
sein Dasein ist Andacht, Anbetung, selige Ruhe. ‚Meister,’ fragt es
leise, ‚kann es Höheres geben als diesen Frieden?’ -- ‚Es gibt ein
Höheres’, sagt die milde, gütige Stimme: ‚diesen Frieden den Friedlosen
bringen.’ -- ‚Friedlose gibt es in Gottes Reich? O Meister, warum
hast du mich ihnen nicht längst gesendet?’ -- ‚Weil deine Stunde noch
nicht gekommen war.’ -- ‚Ist sie jetzt gekommen?’ -- ‚Sie ist es.
Ich sende dich hinab, Santa, zu den Geistern der Abgeschiedenen, die
noch an die Erde gebannt und elend sind. Führe sie mir zu! Groß und
schwer ist die Aufgabe, größer die Liebe, die sie vollbringt.’ -- Der
Lichtgeist schwebt aus der Stille, aus dem Frieden hinab, schwebt
durch Sphären, schön wie Träume, und Wirklichkeit wie Gottes Liebe;
fächelnde Winde wehen ihr zarte Klänge, leuchtende Blütenkelche
hauchen ihr süßen Duft. Und Klang und Duft sind eins, entspringen
demselben Born, werden zu Worten, die von erbarmender Liebe reden
-- von der Liebe Santas, die eine heilige Mission zu den Friedlosen
führt. Der Gottgesandten naht sich flehend ein Geist: ‚Santa, mein
Bruder wurde zum Vatermörder und starb von Henkershand. Erbarme dich,
bringe ihm Licht in seine Finsternis!’ -- ‚Santa, mein Kind verdirbt,
o hilf meinem armen, mutterlosen Kinde, es kann sich nicht trennen von
Erdenlust, von lockender Sünde!’ -- ‚Weh, mein alter Vater wurde zum
Dieb und gab sich um der Schmach willen selbst den Tod! Santa, hilf!
Rette!’ -- Ein dunkler Schatten senkt sich schwer auf des lichten
Geistes unbefleckte Reinheit, ein Schatten, der nie war, der nun lange,
lange auf ihr ruhen wird. Schneller schwebt sie hinab, immer mehr
der heischenden Geister umgeben sie, lange verstummt ist des Windes
leise Musik, der Blumen süße Sprache. Sie blickt jetzt auf die Erde:
-- Menschen und Geister -- widerliche, verzerrte Gesichter -- wilde
Schreie der Getretenen -- Flüche vom Bruder gegen den Bruder -- Raub
am Heiligsten -- Elend und Jammer, wohin ihr angstvolles Auge irrt!
Der Lichtgeist verhüllt sein Antlitz und weint über die Erde. ‚Führe
sie mir zu!’ tönt es herab, die Stimme ihres Meisters. Kraft und Mut
scheint diese Stimme ihr zuzuströmen; Santa will ihr Werk der Liebe
beginnen. Und sieht ein Weib, unlängst gestorben, noch an der Erde
hangend, sieht es schmutzstarrend, mit allen Lastern behaftet, sieht
in jedem Zuge des Gesichtes Verworfenheit, sieht in jeder Bewegung des
viehischen Geschöpfes sinnlose Trunkenheit, sieht nichts mehr von einem
Ebenbild Gottes! Und Santa fühlt, wie kalt und lauernd die Reue naht
und größer werden will als die Liebe. Da hört sie aus der Verworfenen
einen Schrei, halb Jammer, halb Jubel: ‚Mein Kind, mein kleines Kind,
hab' ich dich endlich wieder!’ -- und sieht das Weib eine elende Dirne
an sich pressen mit heißer Zärtlichkeit, sieht es frei von Trunkenheit,
sieht es aufgehen in Mutterliebe, durchleuchtet von dem Gottesfunken,
der auch in diesem Weibe nicht erstarb! Da beugt der reine Geist sich
zu dem elenden Weibe nieder: ‚Meine Schwester, ich kann dich lieben.’
Dann wendet er sein Antlitz noch einmal dem Reich des Lichtes zu, noch
einmal grüßen seine leidverklärten Augen das Friedensland: ‚Meister,
ich danke dir, daß du mir die Liebe gabst!’ Und gleitet hinab --
erdenwärts!”
Der Konsul schloß das Buch. Stein war hingerissen und ergriffen.
„Verstehen Sie jetzt Santas Mission?” fragte Bruck.
„Das kann nicht erfunden sein!” rief der Troubadour begeistert. „Das
ist Poesie -- aber Poesie der Wahrheit! So _muß_ es sein, ich fühle
das, ich erlebe das! Diese Santa lebt! Erzählen Sie mir doch Genaueres!
Ist sie oft zu Ihnen gekommen?”
„Mehrmals, meist gegen Weihnachten; und immer mit Worten des Dankes und
der Liebe. Als einmal eine Dissonanz in uns war, anläßlich kummervoller
Erlebnisse meiner Tochter, klagte sie nachher, daß sie die Pforte
verschlossen gefunden habe. Ihr Abschied hat uns tief bewegt, denn wir
hatten sie liebgewonnen. ‚Ich komme heute zu euch,’ sprach sie, ‚um
Abschied zu nehmen; meine Mission ist beendet, ich kehre in Gottes
hellen Tag zurück. Ich werde wieder Licht und Reinheit atmen, mein Ohr
wird wieder jene wunderbare Musik vernehmen, die meine stete Sehnsucht
war in den Zeiten, da nur häßliche und rohe Töne zu mir drangen. Ich
werde wieder von Frieden umgeben sein und die abgeklärte Freude um mich
sehen, die auf Erden niemand ahnen kann. Jubelt mit mir, die ihr mich
liebt, und denen ich danke für das Heim, das ihr mir geboten. Seid mir
gegrüßt! Ich gehe in Tag und Sonne!’”
„In Tag und Sonne! Wunderbar, liebe Santa!” rief Stein, sprang auf und
schwang die Arme in einem elementaren Bedürfnis nach Entlastung. „Das
ist Wahrheit! Das ist die Welt der Seele! Ich fühle diese Santa, die
sich da um Leidende bemüht und sich nun wieder erhebt in Tag und Sonne!”
Und wieder trat ihm Elisabeths hehre und entsagungsvolle Gestalt voll
in Empfindung und Bewußtsein. War nicht auch sie eine Santa? Jahraus,
jahrein im engen Krankenzimmer, während ihr Geliebter schönheitsdurstig
durch die weite Welt flog!
„Kommen Sie!” bat Ingo, in dem allerlei Gedanken aufgewühlt waren.
„Lassen Sie uns wandernd über diese hohen Dinge sprechen! Ich bin nicht
zum Stillesitzen geschaffen. Wie machen Sie mir die Welt groß! Ich
fange an, die Enge nicht mehr zu fürchten, denn überall kann ja ein
Fenster nach der Ewigkeit offen sein. Wir wollen auf den höchsten Punkt
dieses Berges klettern, nach San Jeronimo, und von dort aus das Weltall
umarmen!”
Der Konsul lächelte über seines jungen Freundes Überschwang.
„Dazu brauchen wir nicht nach San Jeronimo”, sprach er. „Denn wir sind
überall umflutet und durchströmt von der Ewigkeit.”
Doch brachen sie auf und wanderten.
Der Nebel hatte sich in einzelne weiße Wolken verdichtet, die nun
wie Schwäne hoch oben im tiefblauen Himmel dahinzogen, während
ihre Schatten über den Berg schwebten. Stein empfand in sich ein
brustweitendes Jauchzen, kein Eremitengelüst. Er sang mit feierlich
hallendem Bariton Lohengrins Gesang:
„Im fernen Land, unnahbar euren Schritten,
Liegt eine Burg, die Montsalvat genannt;
Ein lichter Tempel stehet dort inmitten,
So kostbar, wie auf Erden nichts bekannt” ...
Ihm war zumute, als hätte er eine Einweihung durchgemacht und ein neues
Land betreten.
„Dieser Gralsberg”, sprach er, „soll das Ende meiner Ausfahrt bilden.
Ja, nun kommt die Heimkehr und die Einkehr. Ich habe Bausteine
gesammelt zu einer Seelenburg. Kann man nicht auf engstem Raum
seelische Kraft entfalten? So will ich im Herzen Deutschlands mein
Gralsuchen endigen.”
Bruck freute sich, daß seine Mitteilungen so belebend wirkten. Sie
vertieften wandernd ihre Unterhaltung; sie blieben den ganzen Tag
im Freien, umgeben von einer mittäglich leuchtenden Ebene, an deren
östlichem Rande schmal und silbern das Mittelmeer schimmerte. Erst um
Sonnenuntergang stiegen sie wieder den Schluchtpfad hinab ins Kloster,
mit leichtem Rucksack, doch Herz und Haupt schwer von Bildern und
Gedanken.
„Es ist ein Telegramm da.”
„Für mich?” fragte Stein erschrocken.
„Für uns alle: Schaller will mit seinen Damen, jung und alt, morgen
heraufkommen, wenn das Wetter gut bleibt.”
„Ach, nur das! Wenn das Wetter gut bleibt? Das ist eine ungewisse
Sache; und ich weiß nicht, ob ich so höflich sein werde, hier im
Kloster zu warten. Mich drängt es wieder auf den Berg.”
Tatsächlich zog der Spielmann und Gralsucher am andern Morgen allein
aus und hatte keine Lust, auf die Mozart-Mädchen zu warten. Ja, mit
einem gewissen Zorn schloß er sich ab; er empfand sich von jener Welt
als verschmäht.
Das Wetter war unsicher; und so beschloß der alte Herr zurückzubleiben.
Doch Ingo versah sich mit Proviant und Mineralwasser und deutete an,
daß er am Ende gar in jener hohen Grotte übernachten werde.
Er kletterte einen andren Pfad empor zu den Trümmern der südöstlichen
Einsiedeleien San Juan, Santa Katharina und San Onofrio, die in die
Ritzen eines umfangreichen rundlichen Felskolosses eingeklebt sind.
Diese Felsen sehen aus wie Bastionen und Rundtürme ohne Fenster und
Nietungen. Es steht dort ein Kapellchen. Gitter sind an den Türen
dieser kleinen Kapellen; man pflegt kleine Münzen hindurchzuwerfen.
Und so lagen viele Kupfermünzen, aber auch etliche Peseten, drin auf
dem Steinboden zerstreut, ein kleiner Sternhimmel. Ingo warf ein
Silberstück hinein und bat den Heiligen -- war es Sankt Johannes? --,
mitzubauen an des Pilgers künftigem Seelentempel. Er hatte in der Nacht
von Elisabeth geträumt; ihr Bild war immer wieder zusammengeflossen mit
der Geistergestalt Santas; und er blieb nun dauernd unter diesem edlen
Eindruck.
Der Himmel deckte sich leise zu; es wurde geräuschlos eine Decke vor
die Sonne gezogen. Die Luft war still und selbst hier oben schwül. Auf
dem Platz der Vögel, im grünen Haingebüsch, freundete sich eine nahe
umherhüpfende Nachtigall klugen Auges mit dem Wanderer an. Doch Bruck
hatte ihm sein geheimnisreiches Buch mitgegeben -- ein Zeichen großen
Vertrauens, wie die Damen lächelnd betonten; und so lebte er heute
mehr nach innen. Am späten Nachmittag drang er über San Benito wieder
hinauf, besuchte noch San Dismas und die andren steil über dem Kloster
dem Ostwind ausgesetzten Siedeleien und suchte dann wieder die trockene
Felsengrotte von San Salvador auf.
In seinem Rucksack lag neben Taschenlaternchen und Taschenrevolver die
indische Bhagavad Gita; aber er brauchte heute keines von den dreien.
Ihn fesselte des Konsuls Geisterbuch: dieses Fremdenbuch, worin sich
seine Gäste aus Geisterland eingezeichnet hatten. Er ließ Namen wie
Simonides oder Zoroaster, Mahatma Kut Humi oder Mahatma Morya auf
sich beruhen und vertiefte sich in Ton und Inhalt der Mitteilungen
selber. Eine ganze Welt jenseits der körperlichen Sinne und des
wissenschaftlichen Verstandes tat sich ihm auf. Und plötzlich entdeckte
er lose Einzelblätter, bedeckt mit uralter Schrift, die nach Art
asiatischer Schriften in krausen Strichen untereinander geschrieben
war: eine Geisterschrift. Daneben die Übersetzung:
„Hammar der Herrscher bin ich genannt. Gewaltig war das Reich, das
meine Hand regierte, fruchtbar und von wunderbarer Schönheit; mächtig
das Volk, das meinem Willen untertan. Dennoch stürzten wir in den
Abgrund, der Herrscher, das Volk, das Land, ja der Weltteil, der uns
trug. Die Schuld war mein, die Gier, die in meinem Herzen fraß; nicht
die Sucht nach rotem Gold: meine Schatzkammern konnten den Reichtum
nicht bergen; nicht der Wunsch nach wonnigem Weibe: keine Frau meines
weiten Reiches wagte je mir nein zu sagen; nicht Rachegedanken der
Vernichtung meiner Feinde: ich hatte nur einen, dessen Macht mir
unbekannt war -- brennenden Ehrgeiz nach einem Wissen, das kein Mensch
zu erlangen fähig wäre außer mir, nach einem Wissen, das mich in
Menschenherzen lesen ließe, das mir ermöglichte zu strafen, wie nie
ein Kaiser gestraft, nicht Taten, nicht Worte, nein: Gedanken! Das Volk
war seines Herrschers wert: knechtisch sein Sinn, müßig seine Hände,
lüstern nach allem Erdengenuß seine Wünsche. Da kam, was unausbleiblich
war: die Rache eines, der größer war als ich, durch sein Werkzeug,
das ewige Meer. Wir stürzten hinab. Dir aber, niedrig geborenes
Menschenkind, bekennt dies heute, den stolzen Nacken beugend, Hammar
der Herrscher.”
Und daneben ein zweites Blatt in demselben granitenen Stil:
„Auch ich bin aus fürstlichem Geschlecht und habe in versunkenem
Glanz mein Menschenlos erduldet. Jetzt, nach Jahrtausenden, klingt
wohl nicht Überhebung aus meinen Worten, wenn ich euch sage: Ich
war nicht schlecht, nicht müßig, nicht lüstern nach Erdengenüssen.
Dennoch ereilte auch mich die Strafe, weil ich die irdische Liebe der
himmlischen voranstellte. Mit Leidenschaft liebte ich Hammar, meinen
Herrscher. Der Herr meines Herrn wollte mich nicht verderben und
sandte mir einen Lichtgeist, der berufen war, mich zu retten vor dem
Zusammensturz. Ich jedoch sagte ihm jauchzend: Mit Hammar unterzugehen
gilt mir mehr als eure Himmelsseligkeit! Da brachen Nacht und Verderben
über mich herein. Gebüßt ist nun die Schuld, und mit Hammar auf ewig
vereint ist Falosa, die nie die Treue brach.”
Klang diese lapidare Kunde nicht wie ein Ton aus der versunkenen
Atlantis? Oder aus dem untergegangenen Lemurien? Was für Lebensbeichten
in wenigen großzügigen Worten! Wie verschieden von der weichen Santa
und den zaghaften Blumengeistern diese heroische Falosa, die nie
die Treue brach! Steins Verstand lehnte diese Botschaften ab, seine
Phantasie stimmte zu.
„Wenn die unsterbliche Menschenseele”, sprach er, „mehr als einmal auf
Erden verkörpert wird: haben wir vielleicht einst auf jener Atlantis
gelebt, Friedel und Elisabeth und ich? Haben wir damals vielleicht
_nicht_ gesiegt -- und sollen diesmal siegen?”
Die Dämmerung begann. Er schnitt mit seinem Messer Gras und Buschwerk
zu einem Lager zurecht, hielt plötzlich inne und lachte hallend hinaus,
als ihm der Gedanke in den Sinn schoß: Jetzt warten da unten die
Mägdlein aus Barcelona! Laß sie warten! Überwunden! Er rollte sich
in seinen langen Lodenmantel und schlief in milder Nacht fest und
unbehelligt.
Gnomen saßen drollig und treuherzig am Eingang der Höhle und wunderten
sich über den Sonderling; es huschten Blumengeister vorüber,
Luftgeister machten sich bemerkbar, wisperten, spähten, lachten,
tanzten. Dann kamen stärker leuchtende Geistgestalten ehemaliger
Einsiedler, verscheuchten die Elementarwesen und wandelten in
bedächtigen Gesprächen vor der Grotte hin und her. Die Luft erhellte
sich in immer weiterer Strahlung; es sammelten sich in lichten
Gestalten Äbte, Fürsten und Könige. Und über dem ganzen Berg begann
es zu flimmern. In immer schärferen Umrissen gestaltete sich dort ein
kosmischer Kuppelbau aus Gold und Edelstein und durchsichtigem Marmor,
von Türmchen und Kapellen umgeben, maurisch im Stil und zugleich
romanisch und gotisch, Licht auswerfend in einem ungeheuren Halbkreis;
und auf seiner Spitze funkelte rubinrot das Kreuz. Diese Tempelburg
ragte durch das Weltall hinauf, strahlend in den Farben aller edlen
Gesteine. Sonnen hingen darin wie Ampeln; durch die Kristallwände
hindurch glühten viele flammende Pünktchen aus dem unermeßlichen, bis
in alle Einzelheiten planvoll genauen Wunderbau. Und alle Geister der
Natur staunten hinauf; und erlesene Geister der Menschen machten sich
auf und wanderten in unabsehbaren, lichtausstrahlenden Zügen durch die
Luft himmelan, zu des Tempels mächtigen Bogentoren, wo weiße Gestalten
der Verklärten unter Orgelklang und Chorgesang wartend standen. Je mehr
Leuchtgestalten einströmten, um so heller strahlte die Tempelburg, um
so voller tönten daraus die kosmischen Harmonien.
Dem noch ungereiften Träumer auf dem Gipfel des Montserrat wurde das
Bild zu gewaltig. Er stürzte, er tastete nach irgendeiner nahen, warmen
Menschenhand. Da umfloß ihn wohlig weißes Gewölk. Aus dem weißen und
weichen Gewölk löste sich eine Gestalt: und lächelnd stand an seinem
Lager seine Jugendfreundin Elisabeth.
* * * * *
Neben diesem Phantasieleben vernachlässigte der Gralsucher nicht seine
wissenschaftlichen Studien.
Er hatte sich die neuesten Schriften über die Gralsage beschafft,
kannte die Forschungen des Indologen Schröder und seines Schülers Junk
und deutete mit den Sprachforschern den Namen Perceval als Becherfinder
-- sich selber und sein Suchen mit diesem Parzival verbindend. Denn
ihn fesselten auch wissenschaftliche Spürungen nur so weit, als er sie
in seelisches Erlebnis umwandeln konnte. Diese Gralsmythe, wobei die
Zahl zwölf von Bedeutung scheint, führte den Spielmann zum Durchdenken
des Zahlenspiels, das sich in Mythus, Märchen und Symbolik so gern und
mit einer gewissen Gesetzmäßigkeit wiederholt: die zwölf Jahresmonate,
die zwölf Tierkreiszeichen, die zwölf Apostel, die zwölf Stämme der
Israeliten; die sieben Rosen am Rosenkreuz, die sieben Wochentage, die
sieben Brüder im Märchen, die Siebenzahl im Rhythmus des menschlichen
Lebens, von der Pubertät mit zweimal sieben Jahren bis zum biblischen
Normalalter mit der zehnfachen Sieben. Hier ahnte der Musiker Harmonien
und geheime Gesetze. Der ganze Kosmos mit seinen Sonnen, Planeten
und Kometen schien ihm ein gewaltiger Körper mit genau geordnetem
Blutumlauf. Und er landete schließlich, sonderbar genug, bei einer
Betrachtung der alten Cheopspyramide, über die er sich einen Aufsatz
in seine Gralsschriften gelegt hatte, und ihrer unlösbaren großzügigen
Zahlenrätsel.
Das ließ in ihm die Vermutung aufsteigen, daß eine geheime
Überlieferung großer Grundgesetze des Lebens durch die Menschheit
gehe, bald hier und bald dort in wechselnden Symbolen und Denkformen
auftauchend. Kaum war ihm dieser Gedanke wahrscheinlich geworden, so
blitzte in seinem rastlos schaffenden Geiste ein Gefühl der Möglichkeit
auf, in welcher Weise die vorchristliche und die außerkirchliche
Denkrichtung durch diesen Strom der Geheimlehre mit dem Wesentlichen
des Christentums versöhnt werden könnte. Ihn hatte das kirchliche
Dogma von Sünde, Buße und dem leidigen Marterholz nie im Tiefsten
zu erschüttern vermocht; ein Bußetun in Sack und Asche und die
breite Ausmalung der Marterungen Christi schien ihm eine Verzerrung
der Menschenwürde und des Seelenadels. Nicht zwar die Tatsache der
Reuestimmung selber focht er an und noch weniger die Größe der Opfertat
auf Golgatha, jener geheimnisvollen Vermischung göttlichen Blutes mit
den Lebensfluten der Erde, wohl aber ihre plastische Herausstellung
auf allen Wegen und Stegen. Es gab vielleicht eine derbsinnliche
Zeit der Unreife, die das brauchte, wie das Mittelalter seine derben
Folterinstrumente; aber ihm schien, als ob hier ein Schematismus die
Herrschaft gewonnen habe, ihm schien, als ob die ersten Christen viel
mehr den auferstandenen, segnenden, emporziehenden Christus liebeswarm
und lebensvoll empfunden hätten. Hier nun, im leuchtenden Symbol des
Grals und im anmutig-tiefen Sinnbild des Rosenkreuzes, stellte sich ihm
herzliche Ergriffenheit her; sein Schönheitssinn wurde zugleich mit dem
ernsten Grundton seiner Seele in Schwingung versetzt. Und so war er
verstehend auch mit jenen Mystikern gegangen, die einst gleichzeitig am
Rhein entlang religiöse Grundgefühle neu belebt hatten: Seuse, Tauler,
Eckehart und Ruysbroeck. Es war poesievolle Frommheit, die bereits in
Franz von Assisi unmittelbar die Malerei anregte und Religion mit Kunst
versöhnte.
So füllte sich auf dem Gipfel des Montserrat sein Herz mit großen
Empfindungen und sein Notizbuch mit Gedanken und Gedichten. So
versöhnten sich Spielmann und Gralsucher. Und der Plan eines Buches
zeichnete sich in Umrissen an den Horizont: die Versöhnung zwischen
Kunst und Religion. Es war kein Aberglauben, dem er anheimfiel, es war
Märchenglauben, dessen Bildersprache Wahrheiten einhüllte. Im übrigen
blieb der hochgebildete Idealist seinen Meistern treu: Goethe und dem
Johannes-Evangelium ...
„Sie glauben nicht, wie es mir eine Wohltat ist, mich mit Ihnen
aussprechen zu dürfen, Herr Baron”, sagte der Konsul, als Ingo am
folgenden Abend unter strömendem Regen und triefendem Lodenmantel
wieder in die Korridore des Fremdenhauses eintrat. „Ich habe mich
ordentlich nach Ihnen gesehnt. Schaller ist glücklicherweise nicht
aufgetaucht; der verschnörkelte Park Güell in Barcelona gefalle ihm
besser als der ganze Montserrat, schreibt er; und ich kann auf das
Geplauder jener unbedeutenden Frauen und Mädchen, offen gestanden, hier
oben gern verzichten. Aber mit Ihnen kann ich mich aussprechen. Und das
tut mir wohl, denn ich bin ein einsamer Mann.”
„Dieses Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit, lieber Herr Konsul”,
erwiderte Ingo mit Wärme. „Und wenn's auf mich ankommt, so bleiben wir
hier oben nicht drei, sondern dreimal drei Tage.”
Und so kam es auch. Die vier Menschen freundeten sich in diesen
stillen, großen und einfachen Verhältnissen herzlich untereinander an.
Das Gespräch war beseelt. Manchmal saßen sie bis weit in die Nacht
hinein ohne Licht, in Unterhaltung über hohe oder einfache, aber vom
Hohen aus verklärte Dinge, während schwere Wolken über die schweren
Felsen zogen und die Gebirgspfade in Gießbäche verwandelten.
Auch jetzt noch fühlten sich die beiden wetterfesten Männer zu
einfachen Spaziergängen angetrieben, wobei des Berges nasse Öde groß um
sie aufgetürmt lag. So wanderten sie zuletzt nach Santa Cecilia, an der
unheimlichen Nordwand des Berges entlang.
Der Konsul erzählte von seinen Fahrten.
„Ich habe auf einem Dreimaster vom Schiffsjungen bis zum Steuermann
gedient. Sie machen sich keinen Begriff, wie großartig für mich das
Gefühl war, als wir in einer Wolke von Segeln über die südlichen Meere
flogen, zumal nach einem Sturm, wenn noch tagelang bei bedecktem Himmel
schwere Wogen rollen, überflogen vom Sturmvogel Albatroß. Man lernt da
gleichsam teleskopisch die Welt betrachten.”
„Hat sich Ihnen, Herr Konsul, vielleicht in den Einsamkeiten des Ozeans
Ihre Gabe des Geisterschauens ausgebildet?”
„Das liegt mir doch wohl von meinem westfälischen Vater und meiner
schottischen Mutter her im Blute. Ich spreche, wie Sie sich denken
können, nicht viel und nicht zu jedermann von dieser Besonderheit.
Sehen Sie, es ist ja oft so schmerzlich, wenn mit dem Tode eines
lieben Angehörigen die gemeinsame Sprache aufhört. Aber die Menschen,
so gern sie vom Reich der Gestorbenen hören möchten, fürchten sich
und empfinden es als ein Gespensterland. Oder sie helfen sich mit der
bekannten platten Wendung: mit dem Tode sei alles aus. Und doch gibt es
auch für den nicht hellschauenden überlebenden Menschen eine Sprache,
die drüben verstanden wird: wenn er nämlich Gedanken edler Liebe dem
Verstorbenen zusendet. Das wirkt auf den Hinübergegangenen wie eine
wohltuende Kraft. Und sehen Sie, mein lieber Herr Baron, hier öffnet
sich nun eine Brücke, die jeder Mensch betreten kann, sobald er einmal
das Wesen wahrer Liebe erfaßt hat. Zwar der fassungslos tobende Schmerz
etwa einer Mutter um ihr Kind fördert nicht, sondern beschwert eher
den kleinen Geist. Und manche Abgeschiedene sind drüben anfangs ebenso
verstört und unglücklich wie die Zurückgebliebenen, wenn sie unreif
und unvorbereitet hinüberkommen. Aber die Wissenden und selbstlos
Liebenden, die schon im Erdendasein auf das Übersinnliche eingestellt
waren: wie ruhig und einfach fahren sie an das andere Ufer! Sie winken
sich zu und sagen: Auf Wiedersehen! Der Tod ist ja nur ein Wechsel der
Daseinsform und der Wirkungsweise. Und wenn der überlebende Freund
hinüberkommt, wird er empfangen von allen, mit denen er hier schon
durch Bande unvergänglicher Liebe magnetisch verbunden war.”
„Ist das also wirklich Tatsache? Kein von Menschen erfundener Trost?”
„Das ist Tatsache. Wer ins Geisterland schauen kann, der weiß das.
Haben Sie mir nicht von jenem Oberlin erzählt, der sich mit seiner
gestorbenen Gattin unterhielt? Zwiesprache solcher Art kann ich aus
Erfahrung bestätigen. Im übrigen ist die Kluft zwischen Diesseits und
Jenseits nicht zwecklos. Wir haben hier unsre Aufgabe zu erfüllen, und
jene drüben die ihrige. Es geschieht dies alles nach großen Gesetzen.
Aber in allem waltet als oberstes Gesetz die göttliche Liebe und
Weisheit. Das hat der Sendbote von Golgatha verkündet, der von drüben
kam und es wußte. Und von der Wahrheit dieser Botschaft bin ich bis in
das Tiefste durchdrungen.”
So sprach der ungewöhnliche Mann.
Und hier stellte nun Ingo eine bedeutsame Frage, die so einfach klang
und so oft schon die Menschheit aufgewühlt hat:
„Was halten Sie von Christus?”
Des Spielmanns Begleiter schaute, mit einem eigenen, tief ernsten
Blick, ins Weite. Der Ausdruck dieses wetterbraunen Gesichtes
wechselte. Offenbar wog er nun sorgsam ab, was er sagen wollte.
„Es ist das tiefste Lebens- und Liebesgeheimnis des Sonnensystems. Wie
die Sonne zu den Planeten, so verhält sich dieses hohe Lichtwesen zu
den Seelen der Erschaffenen. Das Kreuz hat die Gestalt eines Menschen
mit ausgestreckten Armen; es ist das Symbol jenes Lebens, das sich
liebend opfert. Das Kreuz ragt durch den Kosmos: es ist die Weltesche
Yggdrasil. Und vor dem Glanze des Herzens, das im Mittelpunkte dieses
Kreuzes glüht, erbleichen die Gestirne.”
Der Konsul hatte leise und mit Ergriffenheit gesprochen.
„Verzeihen Sie,” fügte er wie entschuldigend hinzu, „man darf von
diesen Dingen nur in Andacht sprechen. Meine Mitteilungen von Gnomen
und andren Geistern sind Spielerei neben der Gewalt und Größe des
Kreuzes oder des Rosenkreuzes.”
Der sonderbare Mann wuchs vor Ingos Augen und schien ein andrer zu sein
als zuvor.
„Das Rosenkreuz?” fragte der Landsmann der heiligen Elisabeth. „Können
Sie mir Näheres darüber sagen?”
„Es ist ein Kreuz von dunklem Holz, aus dem im Kranze sieben rote
Rosen blühen. Sind Sie niemals Menschen begegnet, aus deren reifem
und gütigem Wesen Leuchtkraft ausging? In diesen Menschen glüht das
Rosenkreuz. Denn die niedren Kräfte ihrer Natur haben sich verwandelt
in die Rosen der Liebe. Die glühenden Wunden sind blühende Blumen
geworden.”
„Das ist herrlich!” rief Ingo. „Demnach ist das Kreuz die Materie oder
die Natur -- und die Rosen sind das Geistige oder Ewige, was daraus
erblüht?”
Nun blieb der Konsul stehen. Er war unbedeckten Hauptes, da er fast
immer ohne Hut ausging, auch bei kühlem Wetter.
„Und sehen Sie,” sprach er mit Kraft und Feuer, „das eben ist der
andre Weg zum Erfahren der Unsterblichkeit. Sie brauchen nichts von
meinen Geistern zu wissen, Sie brauchen nicht an sie zu glauben. Aber
wer einmal das Wesen wahrer _Liebe_ erlebt hat, der spürt und weiß,
daß diese Seelenkraft unvergänglich ist. Ihm braucht die Ewigkeit der
Menschenseele nicht bewiesen zu werden, denn er _erlebt_ sie. Wir
Seher bestätigen ja nur, was schon als Ahnung und Gefühl in jeder
erwachten Menschenseele sicher verankert ist. Oder glauben Sie, daß
durchleuchtete und liebende Menschen noch nach Beweisen für die
Unsterblichkeit umhertasten?”
„O nein!” erwiderte Ingo mit vollem Verständnis. „Denn das Unsterbliche
ist ja in ihnen aufgeblüht.”
„Aufgeblüht!” rief der Seher. „Das ist das Wort! Aufgeblüht! Und nun
setzen Sie statt der leuchtenden Rosen den leuchtenden _Gral_ -- und
Sie _haben_ das Geheimnis!”
So war Ingo auf eine neue Höhe geführt worden.
So verstanden sich Jungmann und Meister ...
* * * * *
Der Einsiedlerberg Montserrat bedeutete für den Wanderer Läuterung
und Einkehr. Ingo räumte in seinem Herzen den Platz frei für einen
Tempelbau.